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Full text of "Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. Illustrierte Zeitschrift für die Völkerkunde Ungarns und der damit in ethnographischen Beziehungen stehenden Länder"

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Ethnologische 
Mitteilungen 
aus  Ungarn 


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II.  Jahrgang. 


1891. 


I— V.  Heft. 


ZUGLEICH 


ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  .FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 


BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON 

Prof.  JJr.  Atilon  Ilermxaixn 


REDIGIERT  VON 


ANTON  HERRMANN  und  LUDWIG  KATONA. 


Jährlich  W  Hefte  —  20  Hogcn.  Preis  .v  ß.  Für  Mitglieder  eines  Vereins  für  Volks- 
kunde 2  fl.  . 


Rcdnction  und  Administration 
Budapest,  I.  Attila-utcza  47. 


KOLOZSVÄB. 

ACTIENDRUCKEKEI  l>KE  GESELLSCHAFT  „K< »ZMÜVELÖDES.* 

1  8  9  1. 


•  1 


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Mitteilung  des  Herausgebers. 

Nach  verschiedenen  PJiinen  und  Vorsuchen,  deren  Gelingen  unsicher  erschien, 
finde  ich  mich  bewogen,  auf  den  ersten,  vor  vier  Jahren  schüchtern  betretenen  Pfad 
zurückzukehren,  und  die  „Ethnologischen  Mitteilungen  aus  Ungarn4  in  neuer  Folge 
und  veränderter,  handlicherer  Form,  aber  wesentlich  irn  Sinne  des  ersten,  von  Be- 
rufenen gutgeheissenen  Programme«  weiter  zu  fahren.  Hand  in  Haud  mit  meinem 
alten  Mitstreber  Ludwig  Katona,  unterstützt  von  der  Bereitwill!gkeit  der  Kolozs- 
-varer  Actiendruckerei  „Közmüvelodes".  hoffe  ich  dies  Unternehmen  endlich  in  ein 
sicheres  und  regelmässiges  Geleise  zu  bringen.  Was  im  III.  Hefte  der  Ethnologi- 
schen Mitteilungen,  (*p.  413—416.)  über  die  geplante  Zeitschrift  „Folklore",  und 
im  I.  Hefte  des  hier  eingebetteten  Anzeigers  (Seite  1.)  Uber  diesen  gesagt  wor- 
den, ist  als  gegenstandslos  zu  betrachten.  Der  Anzeiger  ist  von  Heft  II.  an  den 
„Mitteilungen"  gänzlich  einverleibt. 

Die  „Ethnologischen  Mitteilungen"  erscheinen  jährlich  in  10  Heften,  etwa  20 
Bogen.  Preis  3  tl.,  für  Mitglieder  irgend  eines  Vereins  für  Volkskunde  2  H.  Das  IV.  Heft 
des  I.  Jahrganges,  im  Format  der  ersten  drei  Hefte,  den  Schluss  der  dort  begonnenen 
Aufsätze  enthaltend,  wird  in  kurzem  erscheinen,  und  an  diejenigen  Besitzer  der 
übrigen  drei  Hefte  gratis  abgegeben,  die  auf  den  II.  Jahrgang  praenumeriert  haben. 

Heft  VI— VIII.  des  Jahrganges  wird  anfangs  Oktober  zur  Ausgabe  gelangen. 

Curort  Jegcnye  bei  Kolozsvär,  August  1891.  ^  aerrtna„„ 

Publicationen  zur  Volkskunde. 

Herausgegeben  von  Anton  Hert  mann. 

'„ ..  I.  Südost.  Bibliothek  zur  Völkerkunde  Ungarns  und  der  Nachbarländer.  Für  die 
ersten  8erien  sind  in  Vorbereitung:  1.  2.  Bd.  Comee  Gtza  Kuun:  Relationes  Hun- 
garorum  cum  Oriente  gentibusque  orieutalis  orginis  Historia  antiquissima.  (Unter  der 
Presse.)  8  —  6.  Bd  Ludwig  Katona  u.  Anton  Herrntann:  Die  magyarischen  Volks- 
märchen. Mit  vergleichendem  Apparat.  —  7.  Bd.  Adolf  St rauas  u.  Anton  Herr man  : 
Bulgarische  Volkpoesie.  —  8.  Bd.  Dr.  Athana*.  Marienescu  u.  A.  Herrmann:  Novak. 
Ein  rumänisches  Volksepos.  Rumänisch  u.  deutsch,  mit  Abhandlungen.  -  9.  10.  Bd. 
Fr.  S.  Kuchai:  Eigentümlichkeiten  der  magyarischen  Volksmusik.  —  11.  12.  Bd. 
Dr.  Fr.  S.  Kraus«:  Auf  Ungarn  bezügliche  epiBche  Gesänge  der  Südslaven. 

II.  Ural-Altai.  Bibliothek  zur  Kunde  der  ural-altaiechen  Völker.  In  Vorberei- 
tung: 1.  Bd.  Dr.  Bernhard  Munhicsi:  Die  Volkspoesie  der  Wotjaken.  Deutsch  von 
A.  Herrmann  u.  H.  v.  Wlislocki.  (Unter  der  Presse.)  —  2.  Bd.  Dr.  B.  Munkdcxi:  Die 
Volkspoesie  der  "Wogulen.  Deutsch  von  A.  Herrmann,  (Unter  der  Presse)  —  3.  Bd. 
Dr.  Ignaz  Kunos:  Osmanisch-türkische  Volkspoesie.  (Unter  der  Presse.;  —  4.  Bd. 
J)r.  Karl  Pdpai:  Ostjakisch-£amojediscbc9.  —  5.  Bd.  Beta  Vikdr:  Finnischo  Stu- 
dien. -  6  Bd.  Gabriel  Bdlint:  Mongolische  Volkspoesie. 

Je  eine  Serie  „Südost"  u.  „Ural-Altai",  zusammen  8  Bde,  80—100  Bogen, 
vom  Herausgeber  (Budapest,  I.  Attilautcza,  47.)  oder  von  der  litterarischen  Anstalt 
„Kozmüvelödes"  in  Kolozsvär  bezogen,  kostet  10  H.  Einzelne  Bände  2-50. 

III.  Publicationen  der  „Ethnologischen  .11  itteilungen  ans  Ungarn  "  1.  Heft. 
A.  Herrmann  Beiträgo  zur  Vcrgleichung  der  Volkspoesie.  Mit  Musiknoten.  150  kr. 
—  2.  Dr.  H.  v.  Wlislocki:  Zauber  u.  Besprechungsformeln  der  Zigeuner.  60  kr  — 
3.  Kranss,  Asboth,  Thallöczy:  Südslavisches.  30  kr.  -  4.  A.  Hertmann:  Heimische 
Völkerstimmen.  60  kr.  —  5.  Dr.  Fr.  S.  Krauts:  Das  Burgfräulein  von  Pressburg; 
W.  v.  Schulenburg:  Die  Frau  bei  den  Südslaven;  J.  v.  Asboth:  Das  Lied  von  Gu- 
sinje.  90  kr.  —  6.  Dr.  II.  v.  Wlislocki:  Uber  den  Zauber  mit  menschlichen  Kör- 
perteilen bei  den  transilvaniseben  Zigeunern.  60  kr. 

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Ethnologische  Mitteilungen 

aus  Ungarn. 
Zugleich  Anzeiger  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns. 


Begründet  und  herausgegeben  von 

Prof.  Dr.  Anton  Herrmann. 

Redigiert  von 

Anton   Herrmann   and  Ludwig  Eaton: 


II.  Baud. 


Budapest,  1892 

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in  München 


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Inhaltsverzeichnis. 


Seit* 


Barvti  L.,  Deutsche  Volksballaden  aus  Südungarn   198 

Czdmbel  S.,  Zur  Kritik  der  Editionen  slovakischer  Volksdichtungen     .  18 

Czink  L.,  Italienische  Sprüche  und  Lieder  aus  Fiume   226 

H.  A.,  Paul  Hunfalvy   176 

—  —    Sprachmonopol   184 

Hoff  mann- Wigand  Maja,  Deutsche  Volkspoesie  in  Ungarn  (Pancsova,    .  207 

Kaindl  R.  F.,  Baba-Jaudocha-Dokia   222 

Kdlmdny  L.,  Kosmogonische  Spuren  in  der  magyarischen  Volks»  ber- 

Ueterung.  I.  Die  Schöpfung.  II.  Der  Sündenfall  3,  139 

Katonn  L.,  Recht  und  Unrecht.  Ein  magyarisches  Märchen  mit  seinen 

Varianten  und  Parallelen  38,  159 

—  —    Ethnographie,  Ethnologie.  Folklore  13,  244 

Kits«  Ar.,  Siebenbürgische  Kinderspiele  (deutsche)   216 

Klein  &,  Deutsche  Wiegenlieder  aus  Dobsina   262 

KBrösi  Alex.,  Italienische  Sprüche  und  Lieder  aus  Fiume   226 

Krams  F.  8.,  Mensch  und  Bär.  Eine  bosnische  Tiersage   101 

—  —    Sveta  Nedeljica   242 

Kuhdc  Fr.  S.,  Albanesen  in  Slavonien  25,  169 

Kuun  Giza  Graf,  Schatzgräber  und  Bergleute   60 

—  —    Ueber  uneigentliche  Ausdrücke  verschiedener  Sprachen  aus  Khr- 

lnrcht  vor  der  Gottheit  und  vor  den  Machthabern   80 

Kdnon  Ig.,  Türkische  Gedankenlieder  aus  Ada-Kaieh   51 

—  —    Türkisches  Puppentheater  (Karagöz-Spiel)   148 

Kurz  S.t  Hochzeitssprüche  der  Uienzen   211 

Ldzdr  B.,  Ueber  den  „Garabonczias  diäk"   166 

Uhoczky  S.,  Deutsche  Volkspoesie  in  Ungarn  (Bereger  Comitat) .  .  .  193 
Island  Ch.  G.,  Begrüssungsschreiben  an  die  ethnographische  Gesellschaft 

in  Ungarn   2 

—  —    Die  alten  Folkloristen   253 


Marienescu  A.,  Baba  Dokia,  eine  volksmythologische  Gestalt  der  Rumänen  12 

Matirko  B.,  Die  Zipser  Volkssage  von  Kasnarek   162 

Menesviachean  G.,  Ein  chinesischer  Brauch  bei  den  Armeniern  ...  56 
Munkdcxi  B.,  Kosmogonische  Sagen  der  Wogulen  (deutsch  v.  A,  Ii.) 

I.  Die  Sage  von  der  Entstehung  der  Krde  63,  105 

II.  Die  Sage  von  der  Umgürtung  der  Krdo                               .  78 

ITI.  Das  Lied  von  der  Ueberschwemmung  des  Himmels  und  der  Krde  109 

IV.  Die  Sage  von  der  heiligen  Feuerflut.  A.  B.  C   121 

V.  Heiliges  Lied  von  der  Herablassung  der  Erde  aus  dem  Himmel  125 

VI.  Das  Lied  von  der  Erschaftung  der  Erde  und  des  Himmels  .  255 


Pdpai  K.,  Unter  Wogulen  und  Ostjaken   65 

ProluUzka  Fr.,  Historische  Sagen  aus  dem  Barscher  Comitat. 

I.  Die  Kirche  von  St.  Benedek.  II.  Die  Katzenfähre    ....  103 

Ktthy  Lad.,  Die  Armenier  in  Ungarn   11 

—  —    Trajan-Decebal-Sagen  bei  den  Rumänen   58 

—  Colonien  der  Spanier  in  Ungarn   168 


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Srhicanfeldtr  A..  Deutsche  Be.-piechungsformeln  aus  Südungarn  .     .     .  97 

—  —    Deutsche  Volkspoesie  in  Ungarn  (Bresztovacz)   204 

StratiHz  Ad.,  Fremd  zu  Hause  (aus  Ungarn  ausgewanderte  Bulgaren)  .  21 
Szonyotl  Kr.,  Armenische  Volksmärchen  aus  Siebenbürgen. 

Mutter.  Sohn  und  Drache   21S 

Veivss  Audi:,  Die  Baba-DokiaSage  und  die  mit  ihr  zusammenhangenden 

Volksgebräuche  in  Rumänien   ">6 

Vikar  B.,  Ueber  meine  Studienreise  in  Finnland   Hl 

Weber  S.,  Die  Kleidung  der  Zipser  Sachsen   105 

Wlislocki  H..  Wesen  und  Wirkungskreis  der  Zauberfrauen  l»t:i  den 

siebenbürgischen  Zigeunei'n   33 

—  —    Wanderzeichen  der  Zigeuner   133 

—  —    Siebenbürgische  Kinderspiele  (sächsische)   213 

Magyarische  Volkspoesien  (übersetzt  von  Handmann,  Herrmann,  Katona. 

Weiss-Schrattenthal,  Wlislocki)  88,  !>8,  185,  263 

Volkslied,  bulgarisches  (übersetzt  von  A.  H.)   PK) 

—  —    italienisches,  fiumaner  (übersetzt  von  A.  H.)   191 

—  —    deutsches,  aus  Siebenbürgen   18!» 

—  —    ruthenisches  (übersetzt  von  A.  H.)   191 

Volkslieder  der  Spaniolen  von  Reich-Neuhaus  (übersetzt  von  A.  H.)   .  192 

Aus  dem  Munde  der  Ofner  Schwaben  von  Josefine  Weisz-Fin&czy  1S-» 
Volksballaden,  deutsche  aus  Ungarn  (M.  Wigand,  E.  Pratscher) ...  1*4 

*  * 

BQchrrhe&prechunyrn. 

Paul  Sebillot,  Dovinettes  de  la  Häute-Bretagne  (Krau**)  17<» 

M. '  Haberlandt,  Der  altindische  Geist  (Krams)   177 

Ethnologische  Litteratur  Ungarns  (Wlislocki)   17"» 

Fr.  v.  Hellwald,  Ethnogr.  Rösselsprünge  (Wlislocki,   18t» 

Frd.  v.  Andrian,  Der  Höhenkultus  (  Wlislocki)   ISO 

Wlislocki,  Märchen  und  Sagen  der  Bukowinaer  und  Siebenbürger 

Armenier  (A.  H.)     181 

Wlislocki,  Volksglaube  und  rel.  Brauch  der  Zigeuner  (A.  H.)     .  181 

Wlislocki.  Die  Ungarn  und  Szekler  in  Siebenbürgen  (A.  Ii.)  .  I8i 

Hunfalvy-Album  (A.  II.)   181 

Strausz  Ad.,  Bolgar  uepköltesi  gyüjtemeny  (A.  H.)   182 

*  > 

Splitter  und  .>>'///.  104.  2»i4 


Zu  hemo  km:  Das  1.  Heft  dieses  Bandes  rührt  den  besondern  Titel  :  Anzeiger 
der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns. 


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I.  Jahrgang.         Budapest,  Januar  1891.  I.  Heft. 


ANZEIGER 

DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 

REDIEGIERT  VON 
ANTON  HERRMANN  LUDWIG  KATONA 

SecreUr  d.  Gesellschaft  f.  d.  Völkerkunde  Schriftführer  d.  Oeselisch,  f.  d.  Völkerkunde 

Ungarns.  Ungarns. 


Mitteilung  der  Redaction. 

Die  „Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns"  ist  aus  den  Be- 
wegungen hervorgegangen,  zu  denen  die  unmittelbare  Anregung  die 
im  Jahre  1887  gegründete  Zeitschrift  „Ethnologische  Mitteilungen  aus 
Ungarn"  gegeben  hat.  Die  statutenmiissige  Aufgabe  der  Gesellschatt  ist : 
das  Erforschen  der  jetzigen  und  einstigen  Völker  des  ungarischen  Staates 
und  des  historischen  Ungarns,  ferner  auf  Grund  gegenseitigen  Kennen- 
lernens die  Pflege  der  geschwisterlichen  Eintracht  und  des  Gefühles 
der  Zusammengehörigkeit  unter  den  im  Vaterlande  lebenden  Völkern. 

Die  Gesellschaft,  die  ihre  Tätigkeit  im  Herbst  1889  mit  etwa  oÖÖ 
Mitgliedern  begonnen,  hält  monatliche  Vortragssitzungen  und  gibt  als 
Amtsorgan  (gegen  den  Jahresbeitrag  von  3  fl.)  die  Monatschrift  „Eth~ 
nographia"  heraus.  (I.  Jahrg.  1890.  31  Bogen,  redigiert  von  Dr.  La- 
dislaus Rethy;  von  1891.  an  unter  der  Redaction  der  Gefertigten). 

Um  den  Inhalt  des  Amtsorgans  sowie  diejenigen  Verhandlungen 
der  Gesellschaft,  die  ein  allgemeineres  Interesse  beanspruchen  dürfen, 
den  Volks  forschem  auch  weiterer  Kreise  zugänglich  zu  machen,  haben 
wir  die  Herausgabe  dieses  Anzeigers  beschlossen.  Er  erscheint  mo- 
natlich (August  u.  September  ausgenommen)  wenigstens  einen  Bogen 
stark  und  wird  an  die  auswärtigen  Mitglieder  der  Gesellschaft  für  die 
Völkerkunde  Ungarns  gratis  abgegeben.  Son3t  kann  der  Anzeiger  nur 
als  regelmässiges  Beiblatt  der  gleichfalls  von  den  Gefertigten  redigierten 
Monatschrift  „Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn"  bezogen  werden. 

Die  beiden  Zeitschriften  (jährlich  wenigstens  30  Bogen)  kosten 
zusammen  4  fl ;  für  die  Mitglieder  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde 
Ungarns  2  fl;  für  die  Mitglieder  jedes  andern  Vereines  für  Völker- 
kunde 3  fl. 

Alle  Sendungen  sind  an  Anton  Herrmann,  Budapest,  I.  Attilla- 
utcza  47  zu  richten. 

Budapest,  am  20.  Dezember  1890. 

Prof.  Dr.  Anton  Herrmann        Prof.  Dr.  Ludwig  Katona 

SecreUr  der  Gm.  f.  d.  Völkerkunde  Ungarns.       Schriftfahrer  d.  Ges.  f,  d.  Volkerkunde  Ungarns. 


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 BEGRÜSSUNQSSCHREIBEN  VON  CHARLES  O.  LEL AND. 

Aus  dem  Begrüssungsschreiben  an  die  Gesellschaft. 

Von  Charles  G.  Leland. 

i 

(Vorgelesen  in  der  Vortragssitzung  am  7.  Dezember  18  8'J.) 

Es  macht  mir  ein  ausserordentliches  Vergnügen,  dass  ich  —  wenn 
auch  nicht  persönlich,  so  doch  wenigstens  brieflich  —  die  Gründung 
der  Ungarischen  Folk-Lore-Gesellschaft  begrüssen  kann.  Dass  es  nötig, 
ja  sogar  eine  Pflicht  ist,  eine  solche  Gesellschaft  zu  gründen,  davon 
war  ich  schon  längst  aus  zwei  Ursachen  überzeugt.  Erstens  aus  dem 
Grunde,  weil  kein  Land  in  der  ganzen  Welt  so  reichen,  verschiedenen 
und  so  interessanten  StolF  für  den  Forscher  bietet,  als  eben  Ungarn. 
Im  westlichen  Europa  existiert  dieser  Stoff  meistens  nur  als  ein  trockener 
und  todter  Ueberrest  vergangener  Zeiten,  —  hier  in  Ungarn  aber  Übt 
er,  und  kann  vom  Forscher  frisch  und  lebendig  studiert  werden.  Dass 
Ungarn  sich  rühmen  kann  einen  der  besten  Roman-  und  Novellendichter 
der  Welt  —  nämlich  Jökai  —  zu  besitzen,  findet  seine  Begründung  schon 
darin,  dass  der  ethnologische  und  ethnographische  StofT  in  der  Ver- 
schiedenheit der  Racen,  in  seinen  wundervollsten  Nuancen  dem  Dich- 
ter hier  von  allen  Seiten  in  unzählbarer  Abwechselung  engegentritt. 
Wenn  dies  eben  nicht  der  Fall  wäre,  so  hätten  Sie.  meine  Herren, 
wohl  auf  anderen  Gebieten  grosse  Männer  aufzuweisen,  aber  grosse 
Dichter  vom  Range  eines  Petöfi,  Eötvös,  Arany  und  Jökai  wohl  schwerlich. 

Ein  zweiter  Grund  für  die  Gründung  dieser  Gesellschaft  ist  der, 
dass  Sie,  Meine  Herren,  in  den  von  Prof.  Dr.  Anton  Herrmann  redi- 
gierten „Ethnologischen  Mitteilungen11  ein  bahnbrechendes  Folk- Lore- 
Journal  besitzen,  das  —  wie  ich  dies  in  Englands  erstem  Journal  be- 
tont habe  —  das  beste  in  Europa  ist.  Obgleich  das  Unternehmen_noch 
jung  ist.  so  ist  sein  Wert  im  Ausland  doch  schon  anerkannt.  Auf  dem 
Gebiete  der  Archaeologie  und  Ethnologie  steht  Ungarn  keinem  Lande 
nach,  indem  es  Männer  wie  Pulszky.  Hunfalvy,  Vämb6ry,  Török 
und  manche  andere  aufweisen  kann  die  auch  in  dieser  Richtung  ih- 
rem Volke  zur  Ehre  gereichen.  Und  sehr  charakteristisch  und  eh- 
rend für  dies  Land  ist  auch  der  Umstand,  dass  es  in  der  Person  Sr. 
k.  u.  k.  Hoheit  des  Erzherzogs  Josef  nicht  nur  auf  socialem  und  politi- 
schem, sondern  auch  auf  strengwissenschaftlichem  Gebiete  einen  berühm- 
ten Vertreter  besitzt,  der  als  erster  Kenner  der  Zigeunersprache,  zu 
den  Forschern  ersten  Ranges  gehört.  Und  diesen  Titel  hat  er  nicht 
geerbt,  sondern  durch  Eigenfleiss  erworben. 

♦)  Etbnographia,  L,  I.  Heft.  S.  38—41. 

2 


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BEQBÜSSUNGSSCHREIBEN  VON  CHARLES  G.  LELAND. 


Mögen  Sie,  meine  Herren,  ja  nicht  denken,  dass  ich  etwa  als 
Praeses  der  englischen  Zigeuner-Gesellschaft,  der  Gypsy-Lore-Society, 
ein  solches  Studium  zu  hoch  anschlage.  Vergessen  Sie  ja  nicht,  dass 
wir  in  erster  Reihe  Folkloristen  sind  und  dass  für  uns  die  Entdeckung 
des  Zigeunertums  und  dessen  Erforschung  eine  wichtige  und  unerschöpf- 
liche Quelle  bildet.  Es  gibt  freilich  gelehrte  Philister,  die  uns  nur  mitlei- 
dig belächeln  und  die  Rohemiens  der  Wissenschaft,  eine  colluvies  gen- 
tium nennen;  aber  wir  müssen  bedenken,  dass  Folk-Lore  als  Wissen- 
schalt noch  eine  gar  junge  Erscheinung  ist,  und  dass  es  noch  genug 
Krämer  auf  dem  Markte  der  Wissenschaft  gibt,  die  noch  nicht  wissen, 
was  für  ein  Artikel  Folk-Lore  ist.  Die  Folkloristik  ist  die  allerletzte,  aller- 
tiefste  und  schönste  Entwicklung  der  Geschichte.  In  meiner  Jugend  lernte 
man.  die  Geschichte  nur  in  monochromischen  Skizzen,  aber  heute  ist  man 
schon  bestrebt,  nicht  nur  grosse  Männer,  sondern  Ideen  und  bewegende 
Factoren  in  den  Vordergrund  der  Geschichte  zu  rücken.  Und  hiebei  ist 
eben  der  Folk-Lore  berufen  mitzuhelfen. 

Jacta  est  alea.  Wir  haben  den  Anfang  gemacht;  jetzt  heisst  es 
nur  vorwärts  zu  streben.  Sie  können,  meine  Herren,  die  schönsten 
Hoffnungen  aus  den  vielen,  sich  Ihnen  darbietenden  Vorteilen  schöpfen. 
Sie  haben  einen  reichen  Vorrat  an  Stoffen,  ein  vortreffliches  Journal, 
viele  grosse  und  strebsame  Gelehrte,  während  Ihre  Völkerschaften 
berufen  sind,  das  schönste  ethnologische  Museum  der  Welt  zu  bilden, 
wobei  Sie  Alle  vom  edelsten  Nationalgefühl  begeistert  sind,  dem  grosse 
Erfolge  nie  abgehen  können.  Und  wenn  die  Gesellschaft  ihre  Pflicht 
erfüllt,  so  hat  sie  in  grossem  Masse  Ungarns  Cultur  und  die  Kräfti- 
gung seines  Staatslebens  gefördert. 


Kosmogonische  Spuren  in  der  magyarischen  Volksüberlie- 
ferung. 

Von  Ludwig  Kdlmdny. 
I.  Die  Schöpfung. 
(Vorgelesen  in  der  Vortrags-Sitzung  am  11.  Januar  1890.) 

Zweifelsohne  spielte  der  Teufel  (magyarisch :  ördög)  auch  in  den 
magyarischen  Sagen  ursprünglich  eine  demiurgische  Rolle,  die  erst  un- 
ter dem  Einflüsse  des  Christentums  in  eine  diabolische  übergieng.  Schon 

3  r 


LUDWIG  KALMANY. 


Erman  und  Reguly  ')  wiesen  auf  den  Örtik  der  sprach  verwandten 
Ostjaken  hin,  der  als  ein  dem  Hauplgotte  befreundetes,  helfendes  Wesen, 
als  Demiurg  also,  dargestellt  wird.  Wir  können  uns  im  Folgenden  gar 
leicht  davon  überzeugen,  dass  der  örtik  der  Ostjaken  nicht  nur  dem 
Laute  nach,  sondern  auch  betreu"  seiner  demiurgischen  Rolle  dem  ma- 
gyarischen Ordög,  dem  türkisch-tatarischen  Ärtik  oder  Ärlik  und  dem 
mongolischen  Erlüng,  Erlik-Kahn  entspricht. 

Als  der  wogulische  Demiurg  Elm-pi  die  Welt  aus  dem  Wasser 
emporsteigen  Hess,  begann  dieselbe  sich  auf  demselben  rasch  im  Kreise 
herumzudrehen.  Damit  nun  die  Erde  für  die  Menschen  bewohnbar 
werde,  so  wurde  sie  von  Elm-pi  mit  einem  Gebirge,  dem  Ural  befe- 
stigt. So  erzählt  die  wogulische  Sage,  der  wir  die  folgende  magyarische 
(aus  Sägüjfalu)  entgegenhalten :  „Wo  sich  die  Schleuse  von  Endrefalva 
befindet,  dort  wollte  der  Teufel  die  Welt  absperren.  Es  gelang  ihm  auch 
zum  guten  Teile,  aber  den  Knauf  anzubringen,  hatte  er  keine  Zeit 
mehr,  denn  es  erscholl  der  Hahnenruf  und  die  Schleuse  versank. 
Zur  Ergänzung  erzählte  der  Palovze  von  Sägüjfalu,  dass  die  Schleuse 
von  Endrefalva  quer  durch  die  ganze  Welt  gezogen  ist,  das  kam  aber 
so:  Gott  sprach  einmal  zum  Teufel:  Er  soll  auch  sein  Reich  haben, 
wenn  er's  von  Morgen  bis  Abend  abzusperren  im  Stande  ist,  dahin 
wird  die  Sonne  nicht  scheinen.  Der  Teufel  aber  konnte  den  fabschlies- 
senden)  Knauf  nicht  aufsetzen,  der  Hahn  krähte,  die  Schleuse  versank, 
der  ganzen  Länge  nach  ist  noch  ihre  Spur  sichtbar." 

In  dieser  magyarischen  Sage  ist  der  Ausdruck  tögdt  (Schleuse, 
Schliesse,  Verschluss)  von  besonderer  Bedeutung,  nachdem  dies  Wort 
in  den  magyarischen  Chroniken  in  der  Form  Togata  vorkommt  und 
der  Name  eines  Flusses  ist,  an  dessen  Ufern  —  den  Chroniken  ge- 
mäss —  sich  die  Urheimat  der  Magyaren  befunden  haben  soll.  Nicht 
nur  dem  Laute  nach,  sondern  auch  seiner  Bedeutung  nach  entspricht 
es  dem  vogulischen  tagat,  taget  und  dem  ostjakischen  tangat  (stecken, 
stecken  bleiben  a).  Mit  diesem  Ausdrucke  der  Palovzen,  nicht  weniger 
mit  der  vogulisch-ostjakischen  verwandten  Bedeutung  desselben,  stimmt 
überein  die  Erklärung  Simon  Kizaih  (circa  1 282)  und  die  der  Wiener 
Chronik,  des  sogenannten  „Codex  pictus"  (circa  1 358),  der  gemäss  die 
Togota  oder  Togata  „in  unbewohnten  morastigen  Gegenden  und  zwi- 

»)  8.  Castrin%  Vorlesungen  über  die  finnische  Mythologie  S.  216  und  Ipolyir 
Magyar  Mythologia  (magyar.  Mythologie)  S.  40. 

»)  Hunfalvy,  Magyarorszag  ethnographiaja  (Ethnographie  Ungarns)  S.  2B5 

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KOSMOGONISCHBN  SPÜREN  IN  DER  MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERLIEKERUNG. 


sehen  schneebedeckten  Bergen  fliesst" ;  *)  ein  Fluss,  der  durch  solche 
tiegenden  fliesst,  verdient  in  der  Tat  den  Namen  eines  abschliessenden, 
stecken  bleibenden  oder  eines  tögata.  Um  diese  magyarische  Sage  in 
ihrer  ursprünglichen  Gestalt  kennen  zu  lernen,  müssen  wir  all  das 
von  ihr  abschälen,  womit  sie  fremde  Religion  bekleidet  hat.  Die  ge- 
meinschaftliche Grundlage  der  wogulischen  und  auch  der  magyarischen 
Sage  ist  die  Welterschaffung.  Elm-pi  erreicht  sein  Ziel,  der  Teufel  nicht. 
Dass  der  Teufel  grade  dann  fallen  musste,  als  er  das  Ziel  beinahe 
schon  erreicht  hatte,  dass  er  sein  Reich  desshalb  mit  Bergen  umgab, 
damit  die  Sonne  nicht  hineinscheine,  dass  er  heute  als  ein  Feind  Got- 
tes erscheint,  das  sind  alles  Züge,  die  im  christlichen  Diabolus  sich 
vorfinden;  aber  das,  dass  sich  der  Teufel  eine  Welt  erschafft,  und  zwar 
nicht  in  der  Unterwelt,  sondern  hier  auf  der  Erde,  dass  er  gleich 
Elm-pi  eine  Gebirgsspitze  besitzt,  dass  endlich  die  Schleuse  (tögdt) 
versinkt,  gleich  dem  Berge  Elm-pi's,  das  sind  Züge,  die  wir  im  Chris- 
tentum nicht,  wohl  aber  in  der  wogulischen  Sage  autreden. 

Nach  der  Erschaffung  der  Erde  verfertigt  Elm-pi  auf  Numi 
Tarom's  Rat  aus  Schnee  einen  Menschen,  der  jedoch  in  Stücke  lällt.  a) 
Ebenso  erfolglos  ist  dies  Beginnen  für  den  magyarischen  Demiurgen, 
den  Örd$g.  Die  Sage  erzählt:  „Als  Gott  den  Menschen  erschaffen 
halte,  sagte  der  Teufel,  dass  er  sich  auch  einen  erschaffen  wolle. 
Gott  sprach:  ,Also  erschaffe  ihn!'  Der  Teufel  formte  auch  einen  Men- 
schen, und  Gott  sagte:  .Mach1  ihn  also  gehen!'  —  ,Das  kann  ich  nicht', 
versetzte  der  Teufel.  Da  sprach  Gott:  ,Verleihe  ihm  eine  Seele.'  —  ,Das 
kann  ich  nicht  ohne  deine  Hilfe,4  versetzte  der  Teufel ;  Gott  aber 
meinte :  ,Das  thue  ich  nicht ;  dem  Teufel  gebe  ich  keine  Seele  /'  Und 
daher  kann  der  Teufel  nicht  mit  der  Seele  schalten."  (Majdän.)  Der 
Einfluss  des  Christentums  ist  gleich  am  Anfang  dieser  Sage  bemerk- 
bar, wo  Gott  den  Menschen  erschaffen,  während  nach  der  Sage  ver- 
wandter Völker  der  Demiurg  sich  damit  abplagt.  Dass  der  Teufel  keine 
Seele  habe,  drücken  die  magyarischen  Redensarten  aus:  „Szöghiy  az 
ördög,  mert  nincs  neki  lelke.u  (Arm  ist  der  Teufel,  denn  er  hat  keine 
Seele.  [Szeged.]  Wenn  er  also  keine  Seele  hat,  so  ist  er  Demiurg, 
denn  der  christliche  Diabolus  ist  ja  selbst  eine  „böse  Seele"  (rossz 
Ulek),  dem  die  Bösen  angehören,  daher  die  Redensart:  „Az  ördögnek 
adta  a  lelkdt*  (Er  gab  dem  Teufel  seine  Seele),  oder  „Annak  mär 

>>  Derselbe,  Ugor  vagy  török-tatar  eredetü-c  a  magyar  nemzet?  (Ist  das  ma- 
gyarische Volk  ugrischen  oder  ttlrkisch-tartariscben  Ursprungs).  S.  22. 
»)  Derselbe,  Reguly  hagyomänyai  (Rcguly's  Nachlass)  I.  126. 


LUDWIG  KALMANY 


az  ördögi  a  Ulke"  (Dessen  Seele  gehört  schon  dem  Teufel)  [Szegedj. 
Der  wogulische  Elm-pi  verzweifelt  nicht  über  die  Erlolglosigkeit  seiner 
Unternehmens,  sondern  bittet  Numi  Tarom  um  Hilfe,  der  ihm  rät,  er 
möge  Erde  mit  Schnee  mischen  und  daraus  einen  Menschen  formen. 
Hiezu  haben  wir  auch  ein  magyarisches  Bruchstück:  „Als  der  Teufel 
den  Menschen  geformt  hatte,  konnte  er  ihn  nicht  aufrichten ;  nachdem 
Gott  ihn  angehaucht  hatte,  sprach  er:  .Steh' auf,  Elias!*  Und  er  stand 
auf.*  (Täp6).  Eine,  wenn  auch  nicht  auf  die  Erschaffung,  so  doch  auf 
die  Vermehrung  der  Menschen  bezügliche  magyarische  Sage  erzählt: 
,Gott  segnete  das  erste  Menschenpaar,  damit  es  sich  vermehrte,  und 
Hess  dieserwegen  auf  das  Gesäss  des  impotenten  Adam  vom  Him- 
mel glühende  Kohlen  herabfallen.'  (Török-Kanissa).  Das  Feuer  ent- 
spricht hier  der  Seele.  (In  Magyur-Kanizsa  legt  der  Teufel  die  Koh- 
len auf.) 

Gehen  vir  weiter.  Der  wogulische  Elm-pi  formt  den  Menschen  und 
macht  ihn  auch  gehen,  in  der  magyarischen  Sage  stösst  Gott  dreimal 
an  die  Sohlen  Adams,  worauf  er  sich  rührte,  dann  aufrichtete  und  endlich 
gehen  konnte.  (Egyhazasker.)  Auf  gleiche  Weise  wird  der  vom  Teu- 
fel erschaffene  Elias  durch  Jesus  erweckt.  (Teraesköz-Lörinczfalva.) 
Auch  die  sibirisch-türkische  Sage  von  der  Teilnahme  des  Hundes  an 
der  Erschaffung  des  Menschen  finden  wir  im  Magyarischen  wieder. 
„Als  Gott  den  Adam  erschaffen  hatte,  nahm  er  ihm  ans  der  linken 
Seite  eine  Rippe  heraus,  und  legte  sie  auf  die  Erde.  Hierauf  entfernte 
sich  Gott,  um  Kot  zu  holen,  womit  er  das  Loch  in  Adams  Seite  zu- 
stopfen wollte.  Inzwischen  raubte  die  Hippe  der  Hund,  und  wollte  da- 
von laufen,  aber  (iott  schnitt  ihm  den  Schwanz  ab  und  formte  daraus 
die  Eva !  Und  so  ist  es  denn  auch :  Ob  du  ein  Geheimnis  an  die 
Zunge  der  Weiber  bindest,  oder  an  den  Schwanz  des  Hundes  —  es 
bleibt  sich  gleich!"  (Majdän.)  Hiebei  wird  freilich  weniger  auf  die  Er- 
schaffung, als  eben  auf  die  specielle  Erschaffung  des  Weibes  aus  einem 
Hundeschwanz  Bezug  genommen,  um  dadurch  die  Frauen  liicherlich 
zu  machen.  Es  wird  auch  erzählt,  dass  die  Frauen  desshalb  so  llöhig 
sind,  weil  sie  aus  einem  Hundeschwanz  erschaffen  worden  sind.  l) 
Auch  sagt  das  Sprichwort:  „Das  Weib  ist  unbeständig  wie  der  Hunde- 
schwanz. u  (Sägüjfalu.) 

In  einer  anderen  Variante  wird  erzählt,  Gott  habe  den  Hund 
beim  leblosen  Körper  als  Wächter  zurückgelassen,  während  er  selbst 

')  Ikirna  Fnl.  A  votjäkok  pogany  Tallaaaröl  (Ueber  die  heidnische  Religion 
der  Wotjaken)  S.  27. 

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K0SMOG0NI8CHE  SPÜREN  IN   DER   MAGYARISCHEN   VOLKSÜBERLIEFERUNO . 

um  Kot  gieng;  da  habe  der  Teufel  (hier  also  Diabolus)  eine  solche 
Külte  entstehen  lassen,  die  der  Hund  nicht  im  Stande  war,  zu  ertra- 
gen. Der  Teufel  habe  nun  dem  Hunde  einen  Pelz  angeboten,  wenn  er 
ihm  den  Körper  auf  einen  Augenblick  überlasse.  Der  Hund  nahm  den 
Pelz,  der  Teufel  aber  spie  den  Körper  an,  und  legte  dadurch  den  Grund 
zu  allen  menschlichen  Krankheiten. 

Auch  bei  der  Erschaffung  der  Tiere  spielt  der  Teufel  in  den 
magyarischen  Sagen  eine  Rolle.  In  zahlreichen  Varianten  wird  erzählt: 
„Als  Gott  die  Biene  erschaffen  hatte,  sprach  der  Teufel :  ,Auch  ich 
will  mir  ein  solches  Tierchen  erschaffen!'  —  ,Also  erschaffe  dir!4  ver- 
setzte Gott.  Der  Teufel  gieng  von  dannen  und  formte  sich  Bienen.  Als 
er  nun  Gott  rufen  wollte,  damit  er  sein  Werk  ansehe,  sprach  er  zu 
den  Bienen:  ,Hier  bleib' !'  iungar.  üt  Ugy),  Da  verwandelten  sich  alle 
von  ihm  erschaffenen  Bienen  in  Fliegen  (ungarisch  Ugy  —  die  Fliege) 
und  flogen  von  dannen."  (Csanäd-Apacza).  Als  ErschalTer  der  Fliege 
wird  auch  unter  gleichen  Umstünden  Set.  Petrus  erwähnt.  Nach  einer 
anderen  Sage  soll  Lucifer  statt  Bienen  blutsaugende  Bremsen  erschaf- 
fen haben.  (Egyhäzas-Ker.)  Nach  christlicher  Autfassung  zerstört  Gott 
die  Werke  des  Diabolus  und  lässt  ihn  nicht  zum  Ziel  gelangen.  Eine 
Sage  erzählt:  „Als  Gott  die  Welt  erschaffen  hatte,  kam  der  Teufel  zu 
ihm  und  sprach :  er  würde  auch  eine  erschaffen.  Fragte  ihn  der  Herr  : 
„Was  schaffst  du  Teufel?"  Sprach  dieser :  „Fliegen,  so  gross,  wie  ein 
Pferd;  wen  sie  stechen,  der  wird  sterben!"  —  „Nicht  also,"  versetzte 
Gott,  „ich  selbst  werde  auch  Fliegen  erschaffen,  aber  nur  so  gross, 
dass  sie  die  Schnitter  nicht  schlafen  lassen. "  (Szeged-Gajgonya).  Die 
Benennung  der  einzelnen  Tiere  soll  von  Adam,  oder  wie  andere  Sa- 
gen erzählen,  von  Noe  herrühren.  Als  Verbreiterin  der  Fliegen,  gilt 
Margaretha ;  daher  heisst  es  im  magyarischen  Volksglauben :  „  Vor  dem 
Margarethentage  ist  keine  Fliege  im  Hause  zu  finden ;  an  diesem  Tage 
aber  geht  Margaretha  herum  und  lässt  aus  ihrer  Schürze  in  jede  Küche 
eine  Schaar  Fliegen  hienein  schwärmen.  Deshalb  soll  man  an  diesem 
Tage  die  Türen  nicht  offen  halten.-  (Torontäl-Monostor.)  Eine  andere 
Sage  erzählt,  dass  eine  alte  Jungfrau  stets  über  Langweile  geklagt  habe; 
da  erschuf  Gott  ihr  zuliebe  die  Fliegen  und  Flöhe,  damit  sie  nun 
etwas  zu  tun  habe.  (Szeged-Madaräsztö).  Auch  die  Laus  soll  der  Teu- 
fel erschaffen  haben :  Gott  hatte  den  Floh  erschaffen,  der  Teufel  bat, 
auch  so  etwas  schaffen  zu  dürfen.  rNun  schaff,  wenn  du  kannst  !* 
sprach  Gott.  Der  Teufel  machte  sich  daran,  konnte  aber  nur  eine  Laus 
zustande  bringen.  Und  so  ist  es  auch  besser,  denn  wenn  die  Laus 

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LUDWIG  KALMAKY. 


auch  so  springen  könnte,  wie  der  Floh,  wärs  arg  gefehlt.  (Szeged- 
Kirälyhalom). 

Auch  als  Lehrer  der  Menschen  spielt  der  Teufel  eine  Rolle  in 
der  magyarischen  Volksüberlieferung.  Er  soll  die  Menschen  das  Rau- 
chen, Kartenspiel,  Saufen  gelehrt  haben.  Hier  also  tritt  er  wieder  als 
Diabolus  auf.  In  einer  Sage  aus  Majdän  lehrt  er  den  Gebrauch  der 
Schusswaffe  und  erscheint  als  Demiurg.  Auch  wird  erzählt,  der  Teufel 
habe  die  Menschen  das  Mahlen  gelehrt;  er  habe  die  erste  Mühle  ge- 
baut, doch  konnte  er  keinen  Beutler  verfertigen ;  diesen  habe  der  Zi- 
geuner gemacht.  (Majdan).  —  An  Stelle  des  Teufels  in  demiurgischer 
Rolle  hat  das  Christentum  in  einigen  magyarischen  Sagen  den  heil. 
Petrus  gesetzt,  der,  wie  wir  gesehen,  auch  die  Fliege  erschaffen  hat.  Kr 
soll  auch  die  Raizen  (ung.  rdcz)  erschaffen  haben.  Als  nämlich  Hott 
—  so  erzählt  die  Sage  —  mit  der  Zeit  alle  Völker  erschaffen  hatte  blieb 
noch  ein  ungeformter  Lehmhaufen  zurück,  aus  dem  ein  Slovak  hiilte 
geformt  werden  sollen.  I)a  bat  der  heilige  Petrus.  Gott  möge  ihm  er- 
lauben, dass  er  auch  ein  Volk  erschaffe.  Die  Bitte  wurde  ihm  gewährt 
und  er  begann  nun  den  Lehm  zu  formen  und  anzubohren,  wobei  der 
Bohrer  im  Lehm  den  Ton:  Rar.  Raf,  Rae!  hören  Hess.  „Also  soll  dies 
Volk  Raizen  heissen!"  rief  geärgert  der  heil.  Petrus,  und  seil  dieser 
Zeit  gibt  es  auch  Raizen  auf  der  Welt.  (Egyh&zas-Ker.)  —  Nach  ei- 
ner Variante  aus  Szöreg  geschah  dies  später.  Als  nämlich  Petrus  mit 
Christus  bei  Pressburg  an  der  Donau  wandelte,  fiel  ihm  auf.  dass  Gott 
allerlei  Völker  habe  auf  Erden,  nur  keine  Raizen.  Christus  erlaubte 
ihm  welche  zu  schaffen.  Er  bohrte  sich  einen  aus  einem  Deutschen, 
der  am  Donauufer  grade  seine  Notdurft  verrichtete.  Auch  die  zahlrei- 
chen Windungen  der  Theiss  werden  im  Volksglauben  dem  heil.  Petrus 
zugeschrieben.  Er  soll  nämlich  mit  einem  blinden  Pferd  die  Furche  für  das 
Theissbelt  gezogen  haben.  (Algyö)  Nach  einer  Variante  aus  Magyar- 
Kanizsa  soll  es  ein  Esel  gewesen  sein,  der  nach  Disteln  suchend,  den 
Pflug  hin  und  her  zerrte.  Die  Wirbel  in  der  Theiss  werden  Christus 
zugeschrieben.  Als  er  nämlich  mit  Petrus  die  Theiss  aufwärts  fuhr, 
hörte  dieser  die  Schiffer  wegen  der  Schwierigkeit  der  Fahrt  gar  oft 
fluchen.  Da  bat  er  Jesus,  er  möge  bewirken,  dass  der  Strom  auf  der 
einen  Seite  aufwärts,  auf  der  anderen  abwärts  fliesse,  damit  dadurch 
die  Fahrt  erleichtert  werde  und  die  Schiffer  nicht  so  viel  fluchen  soll- 
ten. Jesus  gewährte  seine  Bitte,  und  die  Folge  davon  war.  dass  nun 
die  Schiffer  bei  erleichterter  Fahrt  erst  recht  Zeit  hatten  zum  Flu- 
chen Da  bat  der  heil.  Petrus  abermals  Jesus,  er  möge  den  Strom 


KOSMOOONISCHE  SPUREN  IN    DEB   MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERLIEFERUNO. 

wieder  so  fliessen  lassen,  wie  früher.  Auch  dieser  Bitte  willfahrte  Je- 
sus, doch  liess  er  im  Strome  Wirbel  zurück,  die  auch  heutigen  Tages 
„das  Wasser  des  heilig,  Petrus"  {Stent  Piter  vize)  heissen.  (Szeged). 
Nach  einer  Variante  aus  Magyar-Kanizsa  erscheint  Petrus  als  Fischer 
und  Fischer  treten  an  Stelle  der  Schiffer.  —  Aehnlich  erzählt  man 
sich  die  Erschaffung  der  Knoten  im  Holze.  l)  Der  heil.  Petrus,  mit 
Jesus  auf  Erden  wandelnd,  hörte  die  Zimmerleute  fluchen.  Da  sprach 
er :  „Siehe  da,  Herr,  diese  Leute  haben  eine  gar  leichte  Arbeit  und 
daher  auch  Zeit  zum  Fluchen!  Wie  könnte  man  dem  abhelfen,  damit 
sie  mehr  zu  tun  und  weniger  Zeit  zum  Fluchen  haben?"  Der  heil. 
Petrus  hatte  den  Mund  grade  voll  -Kautabak  und  Jesus  sprach  zu 
ihm:  „Speie  auf  diesen  Balken!  Gleich  werden  die  Zimmerleute  zu 
tun  haben!"  Petrus  spie  auf  das  Holz  und  aus  seinem  Speichel  sind 
die  Knoten  entstanden  Seither  fluchen  die  Zimmerleute  dem  heiligen 
Petrus. 

Es  gibt  magyarische  Volksüberlieferungen,  in  denen  Set.  Peter 
bei  der  Schöpfung  nur  gegenwärtig  ist,  ohne  daran  Teil  zu  nehmen; 
höchstens  fragt  er  nach  dem  Namen  des  Erschaffenen,  wie  z.  B.  in 
der  Sage  von  der  Erschaffung  des  Weizens: 

„Als  Ciott  die  Welt,  die  Pflanzen  und  auch  den  Weizen  erschaf- 
fen hatte,  kam  Set.  Petrus  heran  und  fragte:  „Was  ist  das  für  ein 
Gras,  das  den  andern  Gräsern  gleicht?"  Gott  antwortete:  „Es  soll 
Weizen  heissen."  Hiebei  segnete  er  den  Weizen;  dieser  abar  sprach: 
„Man  wird  mich  aber  aussäen."  —  „Vermehre  dich!"  erwiderte  Gott.  — 
„Ich  werde  Kälte  und  Hitze  ertragen  müssen!"  —  „Vermehre  dich!" 

—  „Ich  werde  in  die  Höhe  schiessen!"  —  „Vermehre  dich!"  —  „Die 
Sonne  wird  mich  versengen!"  —  „Vermehre  dich!"  —  „Meine  Körner 
werden  verdorren'"  —  „Vermehre  dich!"  —  „Man  wird  meine  Füsse 
abschneiden!"  —  „Vermehre  dich!"  —  „Man  wird  mich  binden  und 
auf  den  Wagen  werfen!"  —  „Vermehre  dich!4  —  „Man  wird  mich 
durch  Pferde  zertreten  lassen  und  in  Säcke  füllen!"  —  „Vermehre 
dich!"  —  „Man  wird  mich  in  der  Mühle  mahlen ! -  —  „Vermehre  dich!" 

—  „Man  wird  mich  sieben!"  —  „Vermehre  dich!*  —  „Man  wird 
mich  kneten!"  —  „Vermehre  dich!"  —  „Man  wird  mich  backen!"  — 
„Vermehre  dich!"  —  „Man  wird  mich  zweimal  backen!"  —  „Nimm 
ab!"  (Szöreg).  —  Zuweilen  will  Petrus,  der  Demiurgrolle  entkleidet 
nicht  erschaffen,  sondern  zerstören,  wie  in  der  folgende  Sage  vom 

')  S.  mein  Werk:  Szeyed  ntt*  (Szegedin's  Volk)  II.  141. 

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LUDWIG  KÄLMANY. 


Tabak:  Als  Petrus  mit  dem  lieben  Gott  auf  Erden  wandelte,  da  gab 
es  untern  den  andern  Kräutern  auch  schon  Tabak.  Als  sie  unter  Ta- 
bakpflanzen umhergiengen,  ward  der  Mantel  Petrus'  mit  dem  Samen 
ganz  belegt;  da  sprach  er  zu  Gott:  „Mein  Herr  und  Schöpfer!  Ver- 
tilge doch  den  Samen  dieses  Krautes!  mein  Gewand  ist  ganz  damit 
belegt!"  Gott  aber  versetzte:  „Lassen  wir  es  nur,  Petrus!  das  ixt  ein 
kostbares  Kraut,  davon  wird  ein  grosser  Teil  der  Welt  leben!14  So  ist 
dann  der  Tabak  geblieben.  (Temesköz-Lörinczfalva). 

Den  heiligen  Petrus  als  Demiurgen  stellt  uns  auch  die  magyari- 
sche Redensart  dar,  die  bei  grosser  Hitze  angewendet  wird:  „Nicht 
vergeblich  war  ein  strenger  Winte»;  der  heil.  Petrus  hat  viel  Holz 
fallen  lassen,  nun  kann  er  auch  tüchtig  einheizen.  (Torontäl-Csoka).  ') 
(Netn  hidba  volt  nagy  tü;  Szent  PÜer  sok  fdt  vdgatott,  ugyancsak  ra- 
katott  it  a  tüzre).  Hieraus  ist  ersichtlich,  dass  er  dem  Volksglauben 
gemäss  Sorge  für  die  Welt  trägt,  dieselbe  regiert  und  dass  die  Wit- 
terung von  ihm  abhängt.  Als  Demiurg  spielt  dieser  Heilige  auch  bei 
der  Erschaffung  der  Plejaden  (des  Sternbildes :  Gluckhenne)  in  der  ma- 
gyarischen Sage  eine  Rolle.  Es  heisst  nämlich :  Als  Christus  und  Set. 
Petrus  auf  Erden  wandelten,  erblickte  der  Heilige  eine  Henne  und 
fragte  Jesus:  „Was  ist  das?tt  —  „Eine  Henne,"  antwortete  der  Herr. 
„Sollen  wir  sie  nicht  mit  in  den  Himmel  nehmen?"  —  „Nimm  sie!u 
versetzte  Jesus.  Und  Petrus  nahm  die  Henne  mit  sich  in  den  Him- 
mel und  lieRs  sie  brüten.  Nun  sieht  man  sie  oft  am  Himmel  mit  ihren 
Küchlein  scharren  (Szöreg). 

Mit  der  Himmelfahrt  Christi  ist  in  einer  magyarischen  (palöcz) 
Sage  die  Entstehung  der  Berge  verbunden.  Es  wird  nämlich  erzählt: 
Als  Christus  sich  in  den  Himmel  erhob,  folgte  ihm  die  Erde  nach; 
als  er  aber  „Amen!"  sprach,  blieb  sie  zurück  und  so  entstanden  die 
Berge,  so  entstand  auch  der  Karancs-Gipfel,  auf  dem  die  Engel  dann 
eine  Kirche  erbauten.  (Sägüjfalu)  Kosmogonische  Spuren  und  zwar 
mohamedanische,  finden  wir  auch  im  magyarischen  Rätsel.  Als  Gott 
den  Adam  aus  Lehm  geformt  hatte,  lehnte  er  ihn  an  einen  Zaun, 
damit  er  an  der  Sonne  trockne;  wer  hat  aber  den  Zaun  gemacht? 
-  Der  Islam  lehrt,  dass  Gott  den  Menschen  aus  schwarzer  Erde  ge- 
formt und  diese  Form  vierzig  Jahre  lang  an  der  Sonne  habe  trock- 
nen lassen. 


')  Vgl.  hiezu  das  siebenbürgisch-säcusische  Kinderlieb,  das  die   Kinder,  den 
Schneemann  umtanzend,  zu  singen  pflegen. 

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K08MOO0NISCHE  SPUREN  IN  DER   MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERLIEFERUNO. 


Es  scheint,  als  ob  durch  das  zweimalige  Formen  des  ersten  Men- 
schen der  Demiurg  im  Volksglauben  unsere  Zukunft  gleichsam  voraus- 
bestimmt habe,  und  uns  schon  damals  an  das  Leid,  an  den  Kampf  ums 
Dasein  habe  gewöhnen  wollen. 


Die  Armenier  in  Ungarn.  ') 

Von  Dr.  Ladislaus  Bithj. 

Unter  denjenigen  fremden  Volkerschaften,  die  in  Ungarn  eine 
neue  Heimat  fanden,  sind  in  erster  Reihe  die  Armenier  zu  erwähnen, 
die  —  obwohl  sie  die  alte  Benennung  ihres  Volkes  beibehalten  haben  — 
mit  der  magyarischen  Nation  so  sehr  verschmolzen  sind,  dass  sie  de- 
ren integrierenden  Teil  bilden,  und  von  jeher  an  Freud  und  Leid  der- 
selben Teil  nahmen.  Die  Armenier  sind  den  Magyaren  schon  in  ihrer 
an  der  Wolga  gelegenen  Urheimat  bekannt  gewesen,  da  man  in  den 
erwähnten  (legenden  armenische  Denkmäler  «onstatiert  hat,  und  es 
ist  höchst  wahrscheinlich,  dass  sie  die  Magyaren  auf  ihrem  Zuge  nach 
Mitteleuropa  als  Handwerker  und  Händler  begleitet  haben  mögen.  K6zai 
erwähnt  in  seiner  Chronik,  dass  unter  den  fremden  Familien  auch  ar- 
menische zu  finden  sind  und  in  der  Arpaden-Zeit  soll  ein  Teil  der 
Bevölkerung  von  Gran  armenisch  gewesen  sein  (Armenii  Strigonii.  Czi- 
nar  20).  In  späterer  Zeit  kommt  in  den  Chroniken  der  Name  „Arme- 
nier" (ungarisch:  Örm6ny)  auch  als  Familienname  häufig  vor.  So  hat 
z.  B.  im  Jahre  1415  zu  Ofen  ein  Bürger,  namens  Jakob  sein  Haus 
einem  gewissen  Martin,  einem  „Armenier"  (Armenus)  für  600  fl 
(nach  heutigen  Uelde  circa  10,800  fl.)  verkauft.  Im  Jahre  1432  finden 
wir  unter  den  Vorstehern  der  Stadt  Pest  einen  gewissen  Aegidius  Ör- 
meny  als  Geschworenen,  und  am  Hof  Mathias  Hunyady's  diente  ein 
Stefan  Ermeny  als  Burgkapitän.  l)  Armenier  als  Adelige  werden  in 
den  Listen  der  Adeligen  gar  oft  angeführt,  so  in  den  Archiven  des 
Karlsburger  Domkapitels  und  des  Kolosmonostorer  Convent's;  und 
auch  heutzutage  gibt  es  ungarische  Magnaten  armenischer  Abstam- 
mung, z.  B  die  Grafen  Kardesony i  de  Beodra. 

»)  Ethnogmphia  I.  4.  Ha.  S  197—202.  Ein  Kapitel  ans  des  Verfassers  dem- 
nächst zu  erscheinendem,  grösseren  Werke:  Mayijar  Tdrmdnlom  (die  ungarische 
Gesellschaft). 

J)  F.  Solomon,  Budapest  törtenete  (^--  Geschichte  der  Stadt  Budapest). 

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DK.  LADISLAUS  KETHY 


Was  die  spätere  armenische  Einwanderung  im  Mittelalter  anbe- 
langt, so  lässt  sich  dieselbe  nur  annähernd  datieren.  Einem  aus  dem  Jahre 
1453  stammenden  Briefe  des  (iraner  Erzbischofs  Nicolaus  zufolge  be- 
stand zu  Talmescb,  in  der  Nähe  des  Rotenturm-Passes  (Siebenbürgen) 
ein  armenisches  Bistum,  als  dessen  Bischof  ein  gewisser  Martin  erwähnt 
wird :  Venerabiiis  in  Christo  Pater  frater  Martinus  praedicta  gratia 
Kpiscopus  Armenorum  de  Tulmachy  noster  sufTraganeus.  ')  Die  Tal- 
mescher  Armenier  wanderten  aus  der  Walachei  in  Siebenbürgen  ein 
und  zwar  aus  Arges,  wo  —  nach  dem  Berichte  des  rumänischen  Ge- 
schichtsforschers  Hasdeu  sich  eine  armenische  Niederlassung  belunden 
haben  soll.  Die  Armenier  in  den  siebenbürgischen  Städten:  Szamosuj- 
var,  Elisabethstadt  u.  s.  w.  sind  zur  Zeit  des  siebenbürgischen  Fürsten 
Michael  Apaffy  im  Jahre  1684  eingewandert. 

Auf  dem  Gebiete  des  Handels  sowohl,  als  auch  der  Politik,  Lit- 
teratur  und  Wissenschaft  haben  einzelne  ungarischen  Armenier  von 
jeher  eine  hervorragende  Stelle  eingenommen.  *)  Die  armenische  Spra- 
che wird  nur  von  der  älteren  Generation  als  Conversationssprache  ge- 
hraucht, in  den  Schulen  aber  nur  beim  Religionsunterricht. 


Baba  Dokia.  ') 

(Eine  volksmythologiscbe  Gestalt  der  Rumänen.) 
Von  Dr.  Athanasius  E.  Marienescu. 
—  Vorgelesen  in  der  Vortrags-Sitzung  am  15  Februar  18i»t>.  — 

I. 

Festtage. 

Der  1.  März  gr.  K.  ist  Tür  die  Frauen  der  rumänischen  Land- 
leute ein  Festtag,  den  sie  zu  Ehren  der  Baba  Dokia  einhalten.  An 

»)  Jos.  Cur.  Kdtr,  Exercitationes  Diplomaticae.  Fol.  Lat.  2242  im  Archiv  dos 
ungarischen  National -Museums. 

»)  Die  hervorragendsten  Vertreter  sind  namentlich  angeführt :  ,.  Ethnograph ia- 
I.  Hft.  4.  S.  199  ff.  Im  Anhang  zu  Dr.  Ladislaus  Rethy's  obigem  Aufsatz  teilt  Chri- 
stoph Szongott  ein  Ncujahrslied  der  siebenbürgischen  Armenier  im  Originaltext  und  in 
ungarischer  Uebersetzung  nebst  Melodie  mit  Dies  Lied  verfasste  1836  der  Szamos- 
ujTarer  Professor  Zacharias  Gäbrus,  der  unter  dem  Titel.-  „Zänazän  adanavor  kirkh" 
seine  gesammelten  Gedichte  im  Manuscript  bintcrliess. 

»)  Ethnographia,  I.  3.  Hft.  S  137—144. 


12 


BABA  DOKIA. 


diesem  Tage  wird  keine  Arbeit  vorgenommen,  damit  Baha  Dokia  die 
Saaten  nicht  abfrieren  mache.  Die  12  folgenden  Tage  sind  aucli  der 
Baba  Ookia  geweiht  und  werden  „Babele*  oder  „Zilele  babelor*  d.  h. 
„Alte  Frauen"  oder  „Tage  der  alten  Frauen*  genannt.  Die  Witterung 
dieser  Tage  ist  sehr  wechselvoll ;  bald  schneit  es,  bald  regnet  es,  bald 
scheint  die  Sonne;  und  manchmal  zieht  sich  dies  wechselvolle  Wetter 
bis  in  den  April  hinein,  und  diese  auf  die  12  ersten  Märztage  folgende 
Zeit  heisst:  „imprumutnri"  oder  „zilele  imprumutate11  d.  h.  „das  Aus- 
leihen" oder  „die  ausgeliehenen  Tage." 


Der  Kaba  VoMa-Mytko». 

Baba  Dokia  hatte  einen  Sohn,  namens  Nikodim,  der  sich  ver- 
ehelichte :  aber  Baba  Dokia  lebte  mit  ihrer  Schwiegertochter  auf  so 
schlechtem  Fusse,  dass  ihr  Sohn  seine  Frau  vor  seiner  Mutter  kaum 
genug  schützen  konnte.  Einmal  gab  Baba  Dokia  ihrer  Schwiegertoch- 
ter schwarze  Wolle  und  schickte  sie  an  den  Bach,  damit  sie  dort  die- 
selbe so  lange  wasche,  bis  sie  weiss  werde.  Die  Schwiegertochter  gieng 
an  den  Bach  und  wusch  die  schwarze  Wolle  so  lange,  bis  die  Haut 
sich  von  ihren  Fingern  ablöste  und  ihr  Blut  das  Wasser  des  Baches 
ganz  rot  färbte ;  aber  die  Wolle  blieb  noch  immer  schwarz,  und  da 
begann  die  Schwigertochter  bitterlich  zu  weinen.  Christus  sah  dies, 
verwandelte  sich  in  einen  Menschen  und  kam  mit  Set.  Peter  an  den 
Bach  und  fragte  die  Schwiegertochter:  „Warum  weinst  du?"  Hierauf 
erzählte  ihm  die  Schwiegertochter  die  Umtriebe  ihrer  Schwiegermutter. 
Christus  tröstete  sie  und  eiferte  sie  an,  die  schwarze  Wolle  zu  wa- 
schen; hierauf  band  er  aus  Schneelilien  einen  Strauss,  den  er  ihr 
gab,  indem  er  sie  aufforderte,  bei  ihrer  Heimkehr  von  diesen  Blumen 
auch  ihrer  Schwiegermutter  zu  geben,  —  und  hierauf  entfernte  sich 
Christus  mit  St.  Feter 

Die  Schwiegertochter  steckte  die  Blumen  in  ihr  Haar  und  wusch 
die  schwarze  Wolle  bis  Sonnenuntergang ;  dann  gieng  sie  nach  Hause, 
wo  sie  zu  ihrer  grössten  Freude  bemerkte,  dass  die  Wolle  ganz  weiss 
geworden  sei.  Als  aber  Baba  Dokia  die  weisse  Wolle  sah,  zürnte  sie 
gar  sehr,  weil  sie  nun  ihre  Schwiegertochter  nicht  sekieren  konnte ; 
—  als  sie  nun  gar  die  Blumen  im  Haare  ihrer  Schwiegertochter  er- 
blickte, da  verdächtigte  sie  dieselbe,  indem  sie  ihr  vorwarf,  dass  sie 
die  Blumen  von  ihrem  Buhlen  erhalten  habe.  Die  Schwiegertochter 

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DR.  ATHANASIUS  E.  MAR1ENESCU. 


erklärte  ihr  nun,  dass  ihr  die  Blumen  „Martzisoy  gegeben  habe  und 
überreichte  auch  einige  derselben,  worauf  diese  den  Martzitor  zu  höh- 
nen begann. 

Baba  Dokia  glaubte,  als  sie  die  Blumen  sah,  dass  es  schon  Früh- 
ling sei  und  dachte  daran,  mit  ihren  Schafen  und  Ziegen  hinauf  ins 
Gebirge  auf  die  Weide  zu  ziehen,  wesshalb  sie  ihrem  Sohne  aultrug, 
die  Tonnen  und  Milchgefusse  herzustellen.  Sie  sprach  :  „Gehen  wir 
auf  den  Berg,  denn  die  Weide  grünt  schon.  —  nimm  deine  Flöte  mit ; 
du  wirst  auf  der  Flöte  spielen,  ich  aber  werde  tanzen."  Der  Sohn  er- 
.  klärte  ihr  vergeblich,  dass  ja  der  Februar  kaum  vergangen,  dass  noch 
der  „Martzisor"  zurück  sei  und  sie  solle  sich  nicht  so  beeilen;  aber 
Baba  Dokia  höhnte  abermals  den  „Martzisor4  und  zog  12  Ledermän- 
tel an,  und  machte  sich  mit  ihrem  Sohne  und  ihrer  Herde  aut  den 
Weg.  Bei  ibrem  Aufbruch  strahlte  die  Sonne,  als  sie  aber  oben  auf 
dem  Berge  waren,  regnete  und  schneite  es  und  kalt  blies  der  Wind. 
Baba  Dokia's  oberster  Ledermantel  wurde  nass  und  überzog  sich  mit 
Eis,  und  da  er  ihr  nun  lästig  war,  so  warf  sie  ihn  weg  und  schritt 
weiter  den  Berg  hinan,  um  für  ihre  Schafe  und  Ziegen  einen  Weide- 
platz zu  suchen ;  —  aber  das  Wetter  blieb  veränderlich,  so  dass  Baba 
Dokia  jeden  Tag  einen  Ledermantel  wegwarf,  und  nach  12  Tagen 
keinen  mehr  hatte.  Die  Kälte  Hess  indessen  nicht  nach  und  dauerte 
auch  in  den  „geliehenen14  Tagen  fort.  Baba  Dokia's  Sohn  erstarrte  auf 
dem  Berge  und  von  seinem  Munde  und  Barte  hieng  ein  Eiszapfen  he- 
rab, den  seine  Mutter  für  die  Flöte  hielt  und  also  zu  ihm  sprach: 
„Ich  kann  die  Kälte  kaum  ertragen  und  du  bläsest  noch  immer  die 
Flöte!"  Der  Sohn  schwieg,  —  es  blies  nur  der  Wind.  Da  erschien 
Martzi.sor  und  fragte  höhnisch  die  alte  Frau:  .Nun,  wie  gefällt  dir 
der  Frühling,  und  warum  tanzest  du  denn  nicht  beim  Flötenspiel  deines 
Sohnes?  Nichtwahr,  deine  Schwiegertochter  fror  nicht,  als  du  sie  den 
ganzen  Tag  über  die  schwarze  Wolle  weiss  waschen  liesest?"  Hierauf 
verschwand  Martzi.sor.  Baba  Dokia  und  ihr  Sohn,  so  wie  auch  ihre 
ganze  Herde  erfroren  und  wurden  dann  zu  Stein.  In  Steine  verwan- 
delt kann  man  sie  auch  noch  heute  auf  dem  Semenik-Berge  sehen. 
Den  Füssen  Baba  Dokia's  entsprang  eine  Quelle,  die  auch  heute  noch 
fliesst.  Martzi.sor  brachte  die  Baba  Dokia  um,  weil  sie  ihn  gehöhnt 
hatte,  doch  dies  hätte  sie  nicht  getan,  wenn  die  „geliehenen  Tage" 
nicht  gewesen  wären  *) 

*)  Varianten  dieses  Mythos  erhielt  ich  von  den  Lehrern:  E1U  Jana  in  Ka- 
kasdia,  Costa  Ungurian  in  Szaszkabanya.  Joh.  Orza  in  Uoman  Ciklova,  Jak.  Ocean 

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HAHA  D0K1A. 


III. 

Erläuterungen  und  Vergleiche  mit  der  romischen  Mythologie. 

Den  Namen  Dokia  brachte  man  mit  dem  Namen  Daria  in  Ver- 
bindung, aber  unrichtig;  denn  Dokia  ist  die  verkürzte  Form  des  Na- 
mens Eudokia,  die  als  Heilige  in  der  gr.  or.  Kirche  am  1.  März  ge- 
feiert wird.  Die  Frauen  der  rumänischen  Landleute  feiern  die  Baba 
Dokia  auch  am  1.  März,  damit  sie  den  Saaten  nicht  schade.  Also 
repräsentiert  Baba  Dokia  die  Kälte  und  hat  Einfluss  auf  das  Frühlings- 
wetter, wesshalb  sie  in  die  Reihe  der  Dämonen  oder  Göttinnen  der 
Kälte  und  des  Ackerbaues  zu  reihen  ist.  Ihr  alter  mythologischer  Name 
ist  durch  einen  christlichen  Namen  einer  Heiligen  ersetzt  worden.  Die 
auf  alte  heidnische  Götter  bezüglichen  Mythen  und  heidnische  Festge- 
bräuche werden  auch  heute  gewöhnlich  zu  der  Zeit  begangen,  in  wel- 
cher sie  auch  im  heidnischen  Altertum  gefeiert  werden;  aber  durch 
den  Einfluss  der  christlichen  Religion  wird  die  dem  alten  Feiertage 
entsprechende  Zeit  gar  oft  mit  dem  in  dieselbe  Zeit  fallenden  Tage 
und  Namen  eines  christlichen  Heiligen  in  Verbindung  gebracht;  res- 
pective  wird  der  christliche  Heilige  zu  einer  heidnischen,  mythologi- 
schen Gestalt,  wie  in  gegenwärtigem  Falle,  wo  aus  der  heil  Eudokia 
die  Göttin  Dokia  entstanden  ist.  Beim  rumänischen  Volke  ist  dies  kein 
einzeln  dastehender  Fall. 

Untersuchen  wir  nun  die  heidnischen  Elemente  im  Dokia-Mythus 
und  vergleichen  wir  dieselben  mit  der  römischen  Mythologie:  vor  al- 
lem betrachten  wir  den  Martziior.  Baba  Dokias  Schwiegertochter  sagte, 
dass  sie  die  Blumen  vom  Martsisor  erhalten  habe,  worauf  Dokia  ihn 
verhönt;  Martzisor  erscheint  der  Baba  Dokia  und  verhöhnt  sie  auch. 
Hieraus  ergibt  sich,  dass  beide  Wesen  einander  feindlich  gesinnt  sind. 
Den  Monat  März  nennt  das  rumänische  Volk  Marth,  oder  auch  Uar- 
tetsor,  in  welch  letzterem  Worte  Joru  eine  Deminutiv-Endung  ist ;  da- 
her Martzisor  „ kleinen  März,"  „ Märzchen"  bedeutet.  Demzufolge  reprä- 
sentiert MartziSor  den  jungen  März,  den  Gott  Mars  und  den  Monat  März. 

Mars  war  der  älteste  italische  und  römische  Nationalgott,  der 
Gott  des  Frühlings  und  der  schaffenden  Kraft  der  Natur,  weshalb  auch 
sein  Fest  am  1.  März  gefeiert  wurde.  Wen  aber  repräsentiert  Baba 
Dokia's  Schwiegertochter.  Der  Mythos  kennt  ihren  Namen  zwar  nicht, 

in  Petrilora,  ferner  vom  Pfarrer  Georg  Pokrean  in  Resicza,  dem  Gefangenhausauf- 
geher G.  Prugac  in  Oraviczabanya  und  dem  Theologen  N.  Apostolescu.  Vgl.  Schott, 
Walachische  Märchen  S.  113. 

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DR.  ATHANASIUS  E.  MARIEXESCU. 


aber  die  Blumen  von  Christus  erhält  und  von  ihrer  Schwiegermutter 
eines  Liebesverhältnisses  verdächtigt  wird,  steht  nicht  mit  Christus, 
sondern  mit  Martzisor  in  einem  Verhältnis.  Die  römischen  Mamuralien- 
Feste  werden  im  Monate  März  begangen,  wobei  von  den  Jungfrauen 
eben  auch  Anna  Perenna,  die  mit  dem  jungen  Mars  ein  Liebesver- 
hältnis hatte,  gefeiert  wurde  (S.  Preller,  Köm.  Mythologie  S.  316). 
Ovid  (Fast.  Lib.  III.  523)  erzählt  nun,  dass  das  Fest  der  Anna  Pe- 
renna an  den  Iden  des  Märzes  in  dem  an  der  Tiber  gelegenen  Haine 
der  Göttin  begangen  wurde;  in  Lavini  um  wurde  dies  Fest  am  Xumi- 
cius-Flusse  abgehalten  und  auch  im  Monat  März,  wenn  eben  die  Quel- 
len zu  fliessen  beginnen.  *)  Preller  (S.  306)  leitet  den  Namen  Anna 
aus  dem  griechischen  ene  (alt)  und  nea  (neu)  ab,  was  den  neuen  und 
alten  Mond  bedeuten  soll,  gibt  aber  zu,  dass  er  auch  von  Anna^am- 
nis  perennis  d.  i.  „ewig  fliessend"  herrühren  könne.  Ich  schliesse 
mich  letzterer  Erklärung  an,  doch  leite  ich  den  Namen  Anna  vom 
keltischen  an  oder  ean  =  Wasser,  Fluss  ab.  Anio  und  Anien  (en  ist 
die  keltische  Deminutiv-Endung)  war  der  Name  eines  Baches,  der  in 
die  Tiber  mündete.  Also  bedeutet  Anna  Wasser,  Fluss;  in  Perenna 
ist  enna  ebenfalls  Anna,  das  per  entstammt  dem  bar,  was  „Bergtf 
bedeutet,  demgemäss  der  Name  vordoppelt  worden  ist.  **)  Anna  Per- 
enna ist  also  die  Repräsentantin  des  Wassers,  der  Quelle  und  als 
solche  die  Geliebte  des  die  schaffende  Kraft  der  Natur  darstellenden 
,Mars.'  Im  Baba  Dokia-Mythus  gibt  Christus  die  Blumen  der  Schwie- 
gertochter, die  aber  Baba  Dokia  erzählt,  dass  sie  dieselben  vom  Mar- 
tzisor erhalten  habe;  somit  vertritt  hier  Christus  den  Martzisor.  Bei 
Schott  (Walachische  Märchen  S.  117)  erscheint  vor  der  Baba  Dokia 
statt  dem  Martzisor  der  „Frühling"  (Prima  vara);  woraus  eben  er- 
sichtlich ist,  dass  Martzisor,  Christus  und  der  Frühling  ein  und  die- 
selbe Rolle  spielen. 

In  diesem  Mythos  spielt  Baba  Dokia  die  Hauptrolle.  Als  sie  die 
Blumen  erblickte,  dachte  sie,  es  sei  schon  Lenz  und  rüstet  sich  zur 
Abfahrt,  weshalb  sie  12  Ledermäntel  sich  umhängt.  Sie  musste  von 
dannen,  denn  sie  repräsentierte  das  alte  Jahr  und  den  Winter.  In  der 

*j  Ein  ähnliches  Fest  wurde  auch  in  Athen  abgehalten  (S.  PrelUr,  griech. 
Myth.  I.  S.  616). 

**>  Aus  dem  keltischen  an,  ean  leite  ich  auch  noch  die  folgenden  Flussna- 
men  ab:  Aenus  oder  Oenus  (heute;  Inn);  Anisus  (heute:  Ens).  Von  den  heute  ge- 
bräuchlichen Flussnamen  gehören  hieher:  Ain,  ein  Bach,  der  in  die  Rhone  mündet ; 
Abna  oder  Ane,  der  sich  in  die  Fulda  ergiesst. 

16 


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BABA  DOKIA. 


römischen  Mythologie  finden  wir  auch  eine  der  Baba  Dokia  ähnliche 
Gestalt.  Am  Tage  vor  dem  15.  März  wurden  in  Horn  die  Mamuralien, 
oder  das  Fest  des  Mamurius  Veturius  begangen.  An  diesem  Tage  wurde 
ein  in  Felle  gehüllter  Mann,  der  den  Mamurius  Veturius  darstellte, 
mit  weissen  Stöcken  aus  der  Stadt  hinaus  getrieben.  Dieser  Mamurius 
Veturius  ist  eben  der  „alle  Mars,*  das  alte  Jahr.  In  wie  viel  Felle 
diese  Gestalt  gehüllt  war,  erwähnen  die  lateinischen  Schriftsteller  nicht. 
Den  Mamurius  Veturius  hielt  man  aber  für  den  Schmied,  der  zu  dem 
vom  Himmel  gefallenen  Schild  (ancüia)  noch  11  gleiche  verfertigt  ha- 
ben soll;  also  für  denjenigen,  den  die  12  Salier,  die  bei  der  im  März 
abgehaltenen  Feierlichkeit  mit  12  ancilia  herumtanzenden  Marsprister 
in  ihren  Gesängen  erwähnten;  dass  aber  die  12  Salier  und  12  ancilia 
sich  auf  die  vom  König  Numa  eingesetzt en  12  Monate  des  Jahres  be- 
zogen, ist  bewiesen.  Hieraus  können  wir  folgern ;  dass  die  in  12  Le- 
dermäntel gehüllte,  alte  Dokia  dem  alten  Mamurius  entspricht;  dass  die 
12  Ledermäntel  den  12  ancilia  und  den  12  Monaten  des  alten  Jahres 
entsprechen. 

Der  Schauplatz  des  Mythos  ist  der  Berg  Senicnik,  im  Krassö- 
SzÖrenyer  Comitat;  nach  Schott  aber  ein  gegen  Almas  sich  hin- 
ziehender Berg,  während  die  Lehrer  Orza  und  Ocean  ihn  als  in 
der  Gegend  von  Karänsebes  befindlich  sagen.  Nach  der  Mitteilung  Ge- 
org Asaki's  (Culegeri  de  poesii,  Jäsi  1854  S.  212)  knüpft  sich  der 
Mythos  auch  an  den  Berg  Pion  in  der  Moldau ;  Dionisius  Miron  (Co- 
lumna  lui  Trajan  1880.  Nr.  4)  erwähnt,  dass  das  Steinbild  der  Dokia 
sich  auf  dem  Öehlen,  einem  dem  Pion  benachbarten  Berge  befinde. 
Baba  Dokia's  Sohn  repräsentiert  ungefähr  den  Wind,  was  sich  aus  Do- 
kia's Worten  ergibt:  „Ich  kann  die  Kälte  kaum  ertragen  und  du  bläsest 
noch  immer  die  Flöte!"  Sie  hielt  das  Sausen  des  Windes  für  Flöten- 
töne. Der  Sohn  gieng  mit  der  Mutter  auf  den  Berg;  der  Winter  nahm 
also  seinen  Sohn,  den  Wind  mit  sich.  Durch  das  viele  Waschen  schält 
sich  die  Haut  von  den  Händen  der  Schwiegertochter,  und  das  Blut 
färbt  das  Wasser;  das  Eis,  die  Haut  des  Baches  löst  sieh,  Anna  Pe- 
renna's  Blut,  d.  i.  das  Wasser  des  Baches  fliesst.  Die  schwarze  Wolle 
ist  das  Sinnbild  des  Winters,  der  Dunkelheit;  durchs  Waschen  wird 
sie  weiss,  sie  wird  zum  Sinnbild  des  Lichtes. 


DR.  SAMUEL  CZAMHEL. 


Zur  Kritik  der  Editionen  slovakisoher  Volksdichtungen. ») 

Von  Dr.  Samuel  Czambel. 
(Vorgelesen  in  der  Vortrags-Sitzung  11.  am  Januar  1890.) 
Es  ist  eine  bekannte  Sache,  dass  die  Stovaken  einen  grossen 
Reichium  an  Liedern,  Märchen  und  volkstümlichen  Erzählungen  besit- 
zen, die  für  den  Folkloristen  um  so  interessanter  sind,  weil  sie  sowol 
der  Form,  als  auch  dem  Inhalte  nach  wesentlich  von  der  Volksdich- 
tung der  übrigen  Slaven  abweichen.  Wol  dem  Einflüsse  ungarischer 
Volksdichtung  ist  es  zuzuschreiben,  dass  die  slovakische  Volkspoesie 
den  anderen  slavischen  gegenüber  eine  Sonderstellung  einnimmt,  wo- 
von man  sich  selbst  bei  flüchtiger  Vergleichung  gar  leicht  überzeugen 
kann.  Johann  Kolldr,  slovakischer  Pfarrer  zu  Budapest,  später  Pro- 
fessor an  der  Universität  zu  Wien,  war  der  erste,  der  aut  den  grossen 
Schatz  slovakischer  Volksdichtung  hinwies,  indem  er  in  zwei  dicken 
Bünden  unter  dem  Titel  „Ndrodnie  Zpieicanky*  (Ofen,  1835)  die  erste 
slovakische  Volksliedersammlung  herausgab,  die  allgemeine  Verwunde- 
rung in  den  gelehrten  Kreisen  hervorrief.  1866  gab  die  BKisfaludy- 
Gesellschaft"  eine  Auswal  aus  dieser  Sammlung  heraus,  die  das  beste 
und  nur  echt  volkstümliche  enthält;  denn  Kolldr  nahm  in  diese  seine 
„Sammlung"  auch  solche  Sachen  auf,  die  mit  der  slovakichen  Volks- 
dichtung gar  nichts  zu  schaffen  haben,  sondern  eigene  oder  fremde,  auf- 
fällig tendentiös  gehaltene  Verseleien  sind.  Vom  ethnographischen,  so- 
wol, als  auch  vom  philologischen  Standpunkt  sind  h'ollär'a  Sammlun- 
gen höchst  unzuverlässig.  Sein  ganzes  Leben  hindurch  schwärmte  er 
von  der  cecho-slovakischen  Spracheinheit  und  um  auch  durch  diese 
seine  „Sammlung"  die  durch  ihn  vertretene  Ansicht :  dass  nämlich  das 
Slovakische  nur  ein  Dialekt  der  böhmischen  Sprache  sei,  zu  erhärten, 
nvercechisierte"er  Sprache  und  Geist  der  von  ihm  mitgeteilten  Lieder. 
Er  erreichte  auch  sein  Ziel,  denn  auf  Grund  seiner  vielfach  angestaun- 
ten Sammlung  erklärten  die  namhaftesten  Slavislen  die  slovakische 
Sprache  für  einen  blossen  Dialekt  der  böhmischen,  welche  Ansicht  bis 
auf  den  heutigen  Tag  ihre  Vertreter  in  Fachkreisen  findet.  Viele  der 
von  Kollär  mitgeteilten  Lieder  sind  bloss  schwache  üebersetzungen 
magyarischer  Volkspoesien,  so  z.  B.  ist  auch  das  historische  Lied  der 
Magyaren:  ^Szildgyi  und  Hajtndsi*  in  einein  schwachen  Abklatsch 
unter  dem  Titel  „Mkhal  Siladi  a  Wtklaw  Jfaäma»i*  x)  (I  45— 52)  in 

')  Ethwyraphia  I.  3.  Hft.  8.  131-137. 

»)  N.  Herrmann'a  Beitrüge  zur  Vergleichung  der  Volkspoeaic  (im  I.  M.  der 
„Ethnol.  Mitteilungen  aus  Ungarn-  S.  04.) 

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ZUK  KRITIK  DEK  EDITIONEN  SLOVAKISCHEU  VOLKSDICHTUNGEN. 


Koll&r's  Sammlung  aufgenommen.  Interessant  ist  das:  „Die  Verherrli- 
chung der  Slovaken14  (Chwäla  Slowdku)  betitelte  Lied,  das  auch  als 
Volkslied  gelten  soll.  Ich  will  hier  nur  einen  Teil  desselben  in  genauer 
Uebersetzung  mitteilen : 

n  Unsere  slovakische  Nation  ist  uralt. 
Denn  schon  zu  Homer* 8  Zeiten  lebten  Slovaken. 
Homer  aber  lebte  zu  Moses*  Zeit, 
Also  viele  hundert  Jahre  vor  Jesu  Ankunft. 

An  Alter  übertrifft  also  das  slovakische  Volk 
Alle  lebenden  Nationen; 
Vor  den  Slovaken  blühten  wol  viele  Nationen, 
Aber  keine  hielt  sich  so  lange  aufrecht. 

Die  Slovaken  leben  in  Europa  in  grossen  Massen, 
Dreiviertel  davon  nehmen  sie  ein; 
Nur  im  vierten  Viertel  wohnen  andere, 
Zum  Beispiel:  Deutsche,  Franzosen,  Italiener! 

Was  sind  die  Mähren,  Cechen,  Ruthenen, 
Polen,  Kroaten?  Sie  sind  alle  Slovaken. 
(Wtecko  jsou  jsou  Slovdct!)a  usw. 

Wer  das  slovakische  Volk  kennt,  der  wird  jeden  bedauern,  der 
Kolldr's  Sammlung  als  Quelle  benützt.  Ein  Licht  auf  Kollär's  Denk- 
weise wirft  übrigens  auch  einer  seiner  Briefe  an  ^aj/'arik,  der  neulich 
in  der  böhmischen  Zeitschrift  „Maticza"  abgedruckt  worden  ist  und  in 
welchem  es  unter  anderm  heisst:  „Mein  Buch  ist  kein  Evangelium, 
und  das  will  ich  auch  nicht,  dass  alles  wahr  sei,  was  es  enthält." 

Die  in  neuerer  Zeit  herausgegebenen  slovakischen  Volkslieder- 
sammlungen sind  vom  ethnographischen  Standpunkt  schon  brauchbar, 
aber  der  Philologe  kann  auch  von  diesen  nur  mit  der  grössten  Vor- 
sicht nutzbringend  Gebrauch  machen.  Die  vom  Verein  „Slavia*  187!» 
in  Prag  herausgegebene  Sammlung  „Pisnt  slovenski*  leidet  auch  an 
dem  Fehler,  dass  sie  die  Aussprache  des  Volkes  mangelhaft  wieder- 
gibt. Es  wäre  sehr  zu  bedauern,  wenn  jemand  der  diesbezüglichen 
Erklärung  der  Herausgeber  Glauben  schenken  würde ,  dass  alle 
in  dieser  Sammlung  edierten  Lieder  der  Aussprache  nach  aufgezeichnet 
worden  sind,  so  wie  dieselben  in  dieser  oder  jener  Gegend  gesprochen 


19 


2* 


DK.  SAMUEL  CZAMItEL. 


werden;  und  dieserwegen  wurden  überall  die  Eigentümlichkeiten  der 
Dialekte  genau  hervorgehoben.  „(VSechny  pisnl  ve  sbirce  podani  psäny 
jsou  foneticky,  tak  jako  vijslovujl  se  v  iom  neb  onom  kraß ;  proto  pi  tsnh 
setieno  vsude  zvldstnosti  dialektick)ch.") 

Sehen  wir  einige  Beispiele.  In  den  Volksliedern  aus  dem  Zölyomer 
Comitat  kommen  daselbst  nie  gebrauchte  Worte  vor,  wie  svdzani,  do- 
vim  (im  81.  Lied)  statt:  zviazanie,  dovietn.  In  einem  Liede  (Nr.  271.) 
aus  derselben  Gegend  lesen  wir  die  daselbst  ungebräuchlichen  Wörter: 
milehOf  iniho  statt:  miUho,  iniho  (=  druh'ho!),  oder:  susedov,  z  voh- 
ladov,  po  polnoci,  hlavka  statt :  susedou,  z  vohladou,  po  pounoci,  hlduka 
usw. 

Ich  gehe  nun  auf  die  Sammlungen  slovakischer  Volksmärchen 
über.  Die  erste  derartige  Sammlung  erschien  im  Jahre  1845  zu  Leut- 
schau  unter  dem  Titel  „Slovenskje  Pove&ti,  usporjadau  a  vidau  Janko 
Ramavski.*  Der  Herausgeber  sieht  in  ihnen  „die  sonderbare  Erschei- 
nung des  ureigentümlichen  slavischen  Geistes"  und  nennt  sie  »die 
Vorboten  der  Zukunft  der  Slovaken." 

1858-1861  veröffentlichten  in  Schemnitz  A  H.  Skulttty  und 
P.  Dobsinsky  in  6  Bünden  eine  Sammlung  slovakischer  Volksmärchen. 
Beide  Sammlungen  sind  wertvoll,  indem  sich  die  Herausgeber  eben 
bemüht  haben,  alles  so  wiederzugeben,  wie  es  im  Munde  des  Volkes 
lebt.  Das  Gegenteil  davon  gilt  von  der  neuesten  Sammlung  slovakischer 
Volksmärchen,  die  DoHinsky  1880 — 1883  in  Turöcz-Szent-Märton  ver- 
ölTenl licht  hat.  Der  Herausgeber  hat  seine  Autgabe  ganz  und  gar  ver- 
kannt. Er  hat  nicht  nur  den  Inhalt  der  Märchen  „verschönert,"  son- 
dern auch  die  Sprache  derselben  „verfeinert",  ihr  eine  „originellere," 
slavische  Nuance  verliehen.  So  setzt  er  z.  B.  das  reflexive  Wörtchen 
„sau  nach  russischem  (nicht  aber  slovakischem)  Gebrauch  neben  das 
Verbum.  Eine  Phrase  wie:  „Boli  raz  traja  Synovia  u  jednoho  otcau 
klingt  ganz  russisch ;  der  Slovake  sagt :  „mal  razjcdon  otec  troch  synovu ; 
und  slavische  Wörter  wie:  ostrostrelei,  m'vy,  znam«,  kabonüa  (celo), 
rüno  (=vlna),  okriat,  hrud  (=prsrf),  krdVoviv,  krdlic,  küiabovic,  fcnaiiö, 
zdhybeV,  dvoränin  usw.  sind  dem  slovakischen  Volke  unbekannt, 
ebenso  die  Monat-Namen:  Sebeb,  Brezet\  usw.  (II.  40—49). 

Was  nun  den  Inhalt  dieser  Märchensammlung  anbelangt,  so  hat 
der  Herausgeber  z.  B  beim  Märchen  „Uubka  a  Kovavldd*  (II.  sosit), 
die  Myslification  bis  zum  Aeussersten  getrieben,  indem  er  eine  ganze 
slovakische  Mythologie  geschaffen.  Ein  deutsches  Märchen  erzählt  er 
slovakisch,  aber  so,  dass  er  die  im  Volke  lebenden,  aus  dem  Deut- 

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FREMD  ZI  HAUSE. 


sehen  herübergenommenen  Wörter,  wie:  permonik  =  Bergmann  durcli : 
L'udifc,  hastnnan  =  Wassermann  durch  :  Vodnik  usw.  ersetz».  Auch 
eine  ausführliche  Studie  über  die  slovakische  Märchendichtung  hat 
Paul  Dobsimk)-  unter  dem  Titel:  „Üvahy  o  slorenskych  pooest'ach* 
(Tur.  Sv.  Martin  1871)  verbrochen;  auch  hier  gönnt  er  seiner 
Phantasie  einen  weiten  Spielraum.  —  Nach  dem  Vorhergehenden  ist 
es  einleuchtend,  dass  von  den  Editionen  slovakischer  Volksdichtungen 
sowol  der  Ethnograph,  als  auch  der  Philologe  leider  nur  mit  der 
grössten  Vorsicht  nutzbringend  Gebrauch  machen  kann.  ') 


Fremd  zu  Hause. 2) 

—  Leber  die  aus  Ungarn  ausgewanderten  Bulgaren.  — 

(Vorgelesen  in  der  Vortrag-Sitzung  am  22.  Milrz  1890.) 

Von  Adolf  Strausz. 

Verhältnismässig  kennen  nur  wenige  die  ungarischen  Bulgaren, 
die  ein  ethnographisch  wichtiges  Inselchen  in  der  Umgebung  von  Te- 
mesvär  bilden.  Noch  wenigem  sind  die  bulgarischen  Ungarn  bekannt, 
die  man  in  der  Gegend  von  Sistova  antreffen  kann.  Nicht  in  grossen 
Massen,  wie  z.  B.  die  Serben,  sondern  nur  in  kleinen  Truppen  oder 
gar  nur  einzeln  wanderten  die  Bulgaren  bei  uns  ein.  So  ist  ihr  Haupt- 
sitz —  Vinga  —  1722,  1723  und  1724  bevölkert  worden.  Zwar  wan- 
derten um  diese  Zeit  gar  viele  Bulgaren  aus  dem  Tuna-Vilajet,  dem 
nördlichen  und  westlichen  Teile  des  heutigen  Bulgariens,  aus,  aber  die 
Hauptmasse  derselben  zog  in  die  Walachei.  Ich  habe  nicht  die  Ab- 
sicht, hier  eine  Geschichte  der  bulgarischen  Einwanderung  nach  Un- 
garn zu  geben  und  will  nur  die  Hauptorte  anführen,  wo  Bulgaren 
wohnen:  Vinga,  Bessenyö,  Lukacsfalva,  Mödos,  Lovin,  Bodrog,  Dvo- 
rin,  Ittvarnok,  Zmrzsova,  Teregova,  Baraczhaza,  Ivanova,  Rsdna  und 
in  den  sieben  kraäovaner  Dörfern.  Ihre  Gesammtzahl  beträgt  ungefähr 
20—25  Tausend.  Die  sieben  krasovaner  Dörfer  habe  ich  desshalb  be- 
sonders erwähn»,  weil  ihre  Bewohner  sich  von  ethnologischem  Stand- 
punkt betrachtet,  wesentlich  von  den  übrigen  Bulgaren  unterscheiden 

')  Vgl.  Ladisfuus  C.sojtet/s  Aufsatz:  „Sammlung  ruthenischer  Volkslieder'  (im 
I.  Bd.  der  „Ethnol.  Mitteilungen  aus  Ungarn"  S.  49),  wo  derselben  Klage  Ausdruck 
verliehen  wird. 

»)  tohnoprajthi«,  1   4.  Heft.  8.  187—193. 

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ADOLF  STKAUSZ. 


Während  jene  ihre  Nationalität  mehr  oder  weniger  rein  bewahrt  ha- 
ben, konnten  diese  dem  Einflüsse  der  benachbarten  fremden  Völker- 
schaften nicht  widerstehen.  Sie  wurden  zwar  nicht,  gleich  ihren  in 
Siebenbürgen  in  Alvincz  und  Deva  wohnenden  Landsleuten  zum  gröss- 
ten  Teil  rumänisiert,  aber  man  kann  sie  keinesfalls  mehr  für  rechte 
Bulgaren  halten.  Ich  will  an  dieser  Stelle  vielmehr  der  bulgarischen 
Ungarn,  d.  i.  der  aus  Ungarn  in  das  befreite  Fürstentum  zurückge- 
wanderten Bulgaren  gedenken,  die  also  heimkehrten,  um  in  der  Hei- 
mat —  fremd  zu  sein. 

Als  Alexander  von  Battenberg  auf  Grund  des  Berliner  Vertrages 
den  bulgarischen  Fürstenthron  bestieg,  überschätzte  das  bulgarische 
Volk  im  ersten  Freiheitsrausche  seine  Kraft  viel  zu  sehr  und  wollte 
sich  mit  einem  Schlage  auf  das  Niveau  westeuropäischer  Cultur 
erheben.  Gar  bald  aber  sahen  sie  ein,  dass  sie  in  ihrem  eigenen 
Kreise  keine  „Fachleute"  besässen  und  wandten  sich  daher  um  solche 
an  ausländische  Regierungen.  Im  Handumdrehen  war  das  kleine  Land 
mint  „Fachmännern"  jeder  Art  und  Sorte  überschwemmt,  von  denen 
jeder  irgend  einen  himmelanstrebenden,  betäubenden  Plan  und  sinn- 
verrückende Memoranden  mit  sich  brachte.  Wie  der  Sturmwind,  der 
den  Mist  vor  sich  herlreibt,  stoben  aus  aller  Herren  Ländern  die 
Schwindler,  Vagabunden  und  Abenteuerer  in  das  befreite  Bulgarien. 
Gar  bald  sahen  nun  die  Bulgaren  ein,  dass  sie  wahrlich  aus  dem 
Hegen  in  die  Traufe  geraten  seien.  Da  erscholl  auf  einmal  die  Parole : 
„Die  ungarischen  Bulgaren!"  Diese  sind  reicher  und  gebildeter  als 
wir;  wozu  brauchen  wir  die  Fremden. 

Ein  gewisser  DecofT,  der  aus  Ungarn  gebürtig  ist,  überreichte  der 
Regierung  in  dieser  Angelegenheit  ein  sinnbestrickendes  Memorandum, 
auf  Grund  dessen  die  Zurückwanderung  der  ungarischen  Bulgaren 
in  Scene  gesetzt  wurde.  DeSofT  wurde  mit  Orden,  Aemtern  und  Wür- 
den überhäuft,  aber  Bulgaren  kamen  nur  in  spärlicher  Anzahl,  obwol 
die  Regierung  auf  Grund  des  von  DecofT  überreichten  Memorandums 
der  irrigen  Meinung  war,  dass  in  Ungarn  wenigstens  100,000  Bulga- 
ren wohnen.  Infolge  der  spärlichen  Zurückwanderung  sank  auch  gar 
bald  DecofTs  Stern.  Als  ich  bei  Gelegenheit  der  Vorarbeiten  zur  Bu 
dapester  Landesausstellung  nach  Bulgarien  entsendet  wurde,  um  die 
dortige  Regierung  für  die  Errichtung  eines  bulgarischen  Pavillons  zu 
gewinnen,  und  auch  DecofT  besuchte,  war  er  schon  ein  „abgemachter" 
Mann.  —  Doch  sehen  wir  das  Loos  der  aus  Ungarn  zurückgewander- 
ten Bulgaren  an.  Das,  was  ihnen  DecofT  und  seine  Agenten  verspro- 

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FREMD  ZU  HAUSE. 


chen  hatten,  fanden  sie  nicht  im  geringsten  vor.  Obwol  die  Regie- 
rung ihr  gegebenes  Versprechen  in  jeder  Beziehung  einlöste,  so  fühl- 
ten sie  sich  in  ihrer  Heimat  fremd  und  verlassen.  Denn  das  bulgari- 
sche Volk,  dessen  Sprache  von  türkischen  und  russischen  Elementen 
zersetzt  ist,  verstand  nur  mit  schwerer  Mühe  die  Sprache  seiner  zurück- 
gewanderten Brüder,  die  sich  obendrein  noch  zur  römisch-katholischen 
Religion  bekannten.  Zänkereien,  Schlägereien  und  Gehässigkeiten  aller 
Art  waren  an  der  Tagesordnung,  so  dass  die  zurückgewanderten  Bul- 
garen beim  österreichisch-ungarischen  Consul,  Kvialkovsky  Beschwerde 
führten,  der  selbst  ein  sehr  bigotter  Katholik,  sich  ihrer  Sache  annahm 
und  bei  Sr.  Majestät  eine  Unterstützung  von  2000  fl.  erwirkte.  Für 
dieses  Hilfsgeld  kaufte  der  Consul  eine  Unmasse  von  Bibeln  und  Ge- 
betbüchern ein,  die  er  unter  die  zurückgewanderten  Bulgaren  verteilte. 
So  dachte  er  in  seinem  Religionseifer  dem  Uebelstande  abgeholfen  zu 
haben.  — 

Ich  hatte  selbst  Gelegenheit  den  grossen  Unterschied  wahrzuneh- 
men, der  zwischen  der  Sprache  der  ungarischen  und  der  Süd -Bulga- 
ren herrscht.  Als  ich  nämlich  bei  der  Regierung  in  Sofia  wegen  der 
Budapester  Ausstellung  Verhandlungen  pflog,  übernahm  der  mir  von 
der  ungarischen  Regierung  zugeteilte  Dolmetsch  Michael  Karagyena 
das  Amt,  den  bulgarischen  Minister  des  Aeussern  in  feierlicher  Rede 
zu  begrüssen  und  unser  Ansuchen  ihm  vorzulegen.  Karagyena  hielt 
nun  die  Rede,  von  der  —  wie  uns  später  der  Minister  in  französischer 
Sprache  gestand,  er  sozusagen  kein  Wort  verstanden  hatte.  Die  Sprache 
nämlich,  in  der  Karagyena  seine  Rede  gehalten  hatte,  war  die  reine 
bulgarische,  die  alte  Volkssprache,  die  die  Bulgaren  vor  160  Jahren 
gebrauchten.  Seither  ist  die  Sprache  der  Südbulgaren  -  wie  schon 
bemerkt  —  von  türkischen  und  russischen  Elementen  ganz  zersetzt. 
Auch  der  schriftliche  Verkehr  ist  sehr  erschwert,  weil  die  ungarischen 
Bulgaren  die  cyriftlischen  Buchslaben  nicht  kennen  und  nur  die  latei- 
nischen gebrauchen.  Unter  solchen  Umständen  ist  es  also  kein  Wun- 
der, dass  mir  die  aus  Ungarn  zurückgewanderten  Bulgaren  klag- 
ten :  Wir  sind  im  Glauben  an  unsere  bulgarische  Abkunft  nach  Bul- 
garien heimgekehrt,  und  sind  nun  Fremde  —  in  der  Heimat ! 


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NOTIZEN. 


Notizen. 

In  diesem  ersten  Hefte  des  Anzeigers  geben  wir  auf  l'/s  Bogen  die  Aus- 
züge einiger  Aufsätze  aus  den  ersten  Heften  des  I.  Jahrganges  der  „Etbnographia" 
und  auderer  Verhandlungen  der  Gesellschaft  fOr  die  Völkerkunde  Ungarns.  Wir 
werden  uns  bestreben,  die  Mitteilungen  Uber  die  wichtigsten  bisherigen  Verhandlan- 
gen der  Gesellschaft  in  den  nächsten  Heften  dos  Anzeigers  zum  Abschluss  zu  brin- 
gen, um  dann  Uber  die  currenten  Angelegenheiten  eingehend  und  unverzögert  be- 
richten zu  können  Über  wichtige  Vorträge  des  1  Vereinsjahres  die  sich  auf  Ent- 
stehung und  Geschichte  der  Gesellschaft  bezlihen,  werden  wir  im  2.  u.  3.  Hefte 
referieren.  Herrn  Dr.  Heinrich  v.  Wüslocki,  derzeit  Professor  in  Zombor,  sagen  wir  . 
hiemit  Dank  für  seine  Mitwirkung  bei  der  Herstellung  des  Anzeigers.  —  Die  Red. 

Die  auswärtigen  Mitglieder  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns 
werden  ersucht,  ihre  Jahresbeitiäge  an  den  Cassier  der  Gesellschaft,  Dr.  S.  Bo- 
rovszky,  (Budapest,  Palast  der  Ung.  Akademie  der  Wissenschaften )  gelangen  zu 
lassen.  Für  die  Mitgliedstaxe  von  3  tl.  erhalten  sie  das  Amtsorgau  der  Gesellschaft 
(„Ethnographia,"  10  Hefte  a  3  Bogen)  und  als  Gratis  Beigabe  diesen  Anzeiger.  Der 
Anzeiger  wird  auch  der  Monatsschrift  „Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn* 
beigegeben,  welche  au  die  Mitglieder  d.  Gcsellsch.  f.  d.  Völkerk.  Ungarns  um  den 
halben  Preis,  jährlich  2  11.  abgegeben  wird.  (Andere  Zeitschriften  für  Volkskunde 
von  gleichen  Umfange  kosten  das  fünffache).  Für  jährlich  5  fl.  werden  also  alle  drei 
Zeitschriften,  wenigstens  60  Bogen,  geliefert.  An  Porto  ins  Ausland  ist  ein  Auf- 
schlag von  Mark  1  zu  berechnen. 

Beiträge  für  das  Amteorgan  der  Ges.  f.  d.  Völk  U ,  welche  auf  -  Ungarn 
Bezügliches  enthalten,  werden  ergebenst  erbeten  und  können  in  welcher  Sprache  im- 
mer an  die  Redaction  (Budapest,  I.  Attila-utcza  47.)  geschickt  werden. 

Der  Inhalt  des  Anzeigers  dar!  bei  genauer  Angabc  der  Quelle  beliebig 

reproduciert  werden.  —  Dio  Red. 

Inhalt  der  „Ethnographia."  II.  Jahrgang.  1.  Heft.  Januar  1891.  (3>/t  Bo- 
gen). Mitteilung  der  Redaction.  —  Dr.  At.  Maricnescu,  Die  Opfer  in  der  rumäni- 
schen Volksmythologie.  —  Dr.  L.  Katona,  Parallelen  zu  magyarischen  Märchen,  I. 

—  Anton  Herrmann,  Turistik  u.  Ethnographie.  —  A.  Kovics,  Alte  Bieneoregeln. 

—  A  Herrmann,  Uber  die  Dislocation  des  ethnographischen  Museums.  —  Die  Frage 
der  Gesellschaft  f.  d.  Völkerk.  Ungarns  und  des  ethnogr.  Museums  im  ung.  Reichs- 
tage (Otto  lierman's  Rede).  —  Amtliches:  Telegramm  des  Erzherzogs  Josef.  Verfü- 
gungen des  Ministeriums  lür  Kultus  u.  Unterricht.  Schreiben  des  serbischen  Metro 
politen  G.  Brankovics.  Sitzungsprotokoll  —  Volkspoetische  Überlieferungen :  Dr.  B. 
Munkacsi  (B.  Vikar)  Gebet  der  Wogulen.  Karl  Papai,  Abschied  vom  Jungfernkranz. 
Adolf  Strauss,  Bulgarisches  Volkslied.  —  L.  Kälmäny,  Magyar.  Besprechungsformeln. 

—  Litteratur:  Jones  Kropf,  The  folk  talcs  ot  the  Magyars,  bespr.  von  L.  Katona. 
G  Istvänffy,  Märchen  der  Palovcen,  bespr.  v.  L.  K.  Sbornik,  bulgarisches  Sammel- 
werk, bespr.  v.  A  Strauss  Kirchhoff.  —  Leutetnann,  Bilder  aus  dem  Leben  der 
Menschenrassen.  —  Inländische  Zeitschriften  -  Ausländische  Zeitschritten.  —  Ver- 
schiedene Mitteilungen.  —  Auf  dem  Umschlag:  Vercinsnachrichten. 

Inhalt  des  Anzeigers  I.  Jahrgang  1.  Heft. 

Mitteilung  der  Redaction   1 

Charles  G.  Leland,  Begrüßungsschreiben  an  die  Gesellschaft  2. 

Ludwig  Kalniany,  Kosmogonische  Spuren  in  der  magyarischen  Volksüberlieferung  3. 

Dr.  Lad.  Relhy,  Die  Armenier  in  Ungarn   11. 

Dr.  A.  Marienescn,  Baba  Dokia,  eine  volksmythologische  Gestalt  der  Rumänen.  12 

Dr.  S.  Czambel,  Zur  Kritik  der  Editionen  slovakischer  Volksdichtungen.    .    .  IS. 

Adolf  Strangs,  Fremd  zu  Hause.  (Aus  Ungarn  ausgewanderte  Bulgaren    .    .  21. 

Notizen   24. 

Aus  der  Aetieiibuchdru.kcrei  »Köim(iYe1«><J«i>"  in  Koloitvitr 


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II.  Jahrgang.  Budapest,  1891.  II.-V.  Heft. 


ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 

■ 

BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON  PROF-  DR.  ANTON  HERRMANN. 

REDIGIERT  VON 
ANTON  HERRMANN  LUDWIG  KATONA 


SecreUr  d   Geaellechaft  f.  d.  Volkerkunde 
Ungarne. 


Schriftführer  d.  OeeelUck.  f.  d.  Völkerkunde 
Ungarns. 


Albanesen  in  Slavonien.  l) 
Von  Pro/.  Fr.  §.  Kuhaa. 

usser  Serben  und  Kroaten  finden  wir  in  Slavo- 
nien auch  deutsche  und  magyarische  Ansied- 
lungen,  und  auch  eine  albanische  Colonie.  Die 
Mitglieder  der  letzteren  nennen  sich  Kiemen- 
tiner,  sind  seit  1737 — 38  in  Slavonien  und 
wohnen  in  den  Ortschaften  Hrtkovci  und  Ni- 
ki nee  unweit  der  Stadt  Mitrovica  in  Syrmien. 

Diese  Klementiner  erhielten  ihren  Stamm 
bis  etwa  zum  Jahre  1848  rein  und  unver- 
mischt ;  sie  heirateten  nur  unter  einander,  und 
ein  klementinisches  Mädchen,  das  die  Hand  ei- 
nem Fremden  gereicht  hätte,  würde  die  eigene 
Familie  aufs  ärgste  beleidigt  haben.  Heutzutage 
krfind  die  Klementiner  nicht  mehr  so  skrupu- 
lös und  machen  keine  Einwendung,  weno  ein 
klementinischer  Jüngling  ein  kroatisches  oder 
magyarisches  Mädchen  heiratet,  weil  sie  wissen,  dass  sich  diese  recht 
bald  albanisieren.  Gegen  die  Wahl  eines  deutschen  oder  serbischen 
Mädchens  lehnt  sich  jedoch  die  Familie  auf,  weil  sie  aus  Erfahrung 
wissen,  dass  bei  einer  solchen  Verbindung  der  Klementiner  bald  ver- 
loren geht  So  haben  sich  z.  B.  jene  Klementiner,  die  nach  Pantova 
übersiedelten  und  dort  Serbinnen  heirateten,  in  kurzer  Zeit  serbisiert. 
Ein  klementinisches  Mädchen  jedoch  darf  auch  heule  noch  keinen  Frem- 
den heiraten.  Die  Mädchen  heiraten  gewöhnlich  mit  14  —  15  Jahren, 
die  Jünglinge  mit  17—18  Jahren,  so  lange  dies  nämlich  noch  er- 
laubt war. 


»)  Wir  beginnen  die  Veröffentlichung  dieses  Aufsatzes   mit  der  zweiten, 
mehr  folkloristischen  Hälfte  und  lassen  darauf  den  ersten,  mehr  historischen  Tei 
folgen. 


Herrinann,  Kthiologmche  Mitteilungen. 


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FR.  8.  KÜHAC 


Die  alle  Nationaltracht  der  syrmischen  Kiemen! iner  glich  jener 
der  heutigen  Albanesen,  Neugriechen,  Bergsehotten,  oder  der  alten 
Römer.  Die  Männer  haben  die  alte  Tracht  schon  langst  aufgegeben, 
selbst  bei  festlichen  Gelegenheiten  kleiden  sie  sich  nicht  anders  als  das 
kroatische  Volk,  aber  vor  etwa  fünfzig  Jahren  trugen  sie  bei  Festlich- 
keiten noch  ihre  alte  Nationaltracht.  Das  weibliche  Geschlecht  behielt 
indess  von  der  alten  Tracbt  noch  einiges  bei. 

Der  Oberrock  (dolama)  des  klementinischen  Kriegers  war  aus 
rotem  Tuche  gemacht  und  sehr  eng,  die  Weste  weiss  mit  blauem  Un- 
terfutter. Rock  und  Weste  wurden  offen  getragen,  und  waren  mit 
glänzenden  Metallknöpfen  völlig  besäet.  Der  Kragen  und  die  Aufschläge 
der  Dolama  waren  vielfach  und  künstlich  ausgenäht.  Das  Hemd  (che- 
misa),  das  mehr  einem  Weiber-Unterrocke  als  einem  Manneshemde 
ähnlich  sah,  war  in  Falten  gebügelt,  und  reichte  bis  an  die  Kniee. 
Um  die  Lenden  hatte  er  zwei  Gürtel:  einen  breiten  Untergürtel  (pus- 
tat)  aus  roter  Wolle  und  einen  schmalen  Obergürtel  (bre*)  aus  Leder. 

Die  Strümpfe  waren  aüs  Wolle  und  gestreift.  Als  Kopibedeckung 
hatte  er  eine  rote  Kappe,  wie  solche  die  Likaner  tragen.  Seine  Be- 
waffnung bestand  aus  einer  Handkeule  (buzdovan),  die  er  in  der  rech- 
ten Hand  trug,  und  mit  der  er  fürchterliche  Hiebe  austeilte,  einem 
langen  reich  verziertem  Gewehre  (Sarkija),  das  auf  der  Schulter  hieng, 
einem  Säbel  an  der  Seile  und  einem  Handschar  (hand/ar)  und  meh- 
rere Pistolen  im  Gürtel.  —  Die  einstige  Kleidung  der  Weiber  war  färbi- 
ger und  bunter  als  die  Federn  des  Pfaues  oder  des  Spechtes,  wie 
Stjepan  Marjanoviö  sagt,  der  die  Tracht  der  Klementiner  in  No.  9. 
der  Zeitschrift  PDanica  Ilirska"  vom  Jahre  1839  ausführlich  beschrieb. 
Das  Oberkleid  (lij  me-tuff)  war  aus  schönem  roten  Tuche  mit  Fran- 
sen, Pelzwerk  und  Stickereien  geziert.  Die  Aermel  reichten  nur  bis 
zu  den  Ellbogen,  hatten  einen  dreifachen  puffartigen  Aufputz  und  kleine 
Schellen  oder  grosse  Glasperlen.  Das  Hemd  mit  langen  Aermeln  reichte 
bis  zu  den  Fussknöcheln,  war  aber  so  enge,  dass  die  Klementinerin 
nur  ganz  kleine  Schritte  machen  konnte,  weshalb  die  Kroaten  den 
Klementiner  Mädchen  den  Schmeichelnamen  „prepelice"  (Wachteln) 
beilegten.  Beim  Absteigen  von  einem  Wagen  musste  die  Klementine- 
rin des  engen  Hemdes  wegen  mit  geschlossenen  Füssen  herabspringen. 

Wie  unser  Initiale  zeigt,  *)  tragen  die  Klementinerinnen  jetzt  kein 
langes  Hemd  mehr,  sondern  einen  Rock  (fut-gunj),  der  von  ausneh- 
mend schöner  weisser  Leinwand  gemacht,  künstlich  ausgenäht  und 
mit  Schlingereien  versehen  ist.  Dass  die  Schlingereiem  mehr  zur  Gel- 
tung kommen,  wird  unter  dieselben  ein  rotseidenes  Band  gegeben. 


»)  Vrgl.  das  Werk  Bretons  «Illyrique  et  Dalmatie>  auf  Befehl  Napoleons  I., 
als  er  Dalmatien  und  einen  Theil  Kroatiens  occupierte,  vcrfasste,  im  Jahre  1816  in 
deutscher  Uebersetznng  in  Pesth  erschienen. 

*)  Das  Portrait  der  Klementinerin  Dolja  (Dominika)  Nikic,  eines  hübschen 
Mädchens  aus  Hrtkovci,  gezeichnet  von  V.  Bello^ica,  nach  einer  Photographie,  wel- 
che der  Schreiber  dieses  durch  die  Vermittlung  des  GeraeiodeTorstaudea  Herrn  An- 
ton Kolic  erhielt. 

26 


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ALBANESEM  IN  SLAVONIEN. 


Das  Leibchen  ist  mit  Perlen,  Münzen  und  sonstigem  Klirrwerk  derart 
geschmückt,  dass  sich  das  Herannahen  mehrerer  Klementinerinnen  so 
anhört,  als  käme  ein  Schlitten  mit  Schabracken-Böllern  angefahren. 
Statt  der  Schürze  tragen  die  Klementinerinnen  zwei  kleine,  meist  schwarze 
Seidentücher,  das  vordere  nennen  sie  „ pokci na a,  das  rückwärtige  „ker- 
kadena".  Um  die  Taille  haben  sie  einen  zwei-  oder  anch  dreifachen 
Gürtel,  der  mit  goldenen,  silbernen  oder  gläsernen  Füttern  geziert  ist. 
Die  Mädchen  tragen  am  obersten  (ledernen)  Gürtel  einen  an  einem 
Metlalkettchen  hängenden  Schlüssel,  die  Frauen  ein  Klappmesserchen. 
Die  wollenen  Strümpfe  (carab  gjatana)  sind  bei  Mädchen  bunt  gefleckt, 
bei  Frauen  gestreift,  die  ausgeschnittenen  Schuhe  entweder  aus  Wolle 
gestrickt  (skurtana)  oder  aus  Leder  (kpuc).  Als  Kopfbedeckung  tragen 
sie  ein  kleines  rotes  Käppchen  (kunora'n  kapic),  von  dem  ein  weisser 
Schleier  auf  den  Bücken  fällt.  Die  Kopfbedeckung  der  Bräute  ist  eine 
hohe  Haube,  geschmückt  mit  künstlichen  Blumen,  Bändchen,  Fransen, 
Quastchen  u.  d  gl.,  unter  der  die  in  zwei  Zöpfe  geflochtenen  Haare 
berabwallen.  Diese  Brauthaube,  oder  richtiger  gesagt  Braut hut  (chessule) 
wird  nicht  albanischen  sondern  kroatischen  Ursprungs  sein,  da  solche 
Kopfbedeckungen  auch  die  Kroatinnen  um  Agram,  Oedenburg  und  auch 
die  Lausitzer  Serbinnen  tragen. 

Die  Hochzeitsgebräuche  der  syrmischen  Klementiner  sind  fol- 
gende. Sobald  das  Mädchen  das  dreizehnte  Jahr  zurückgelegt  hat,  wird 
um  dessen  Hand  geworben.  Sagt  es  zu,  so  wird  bald  darauf  die  Ver- 
lobung, nach  einem  Jahr  aber  die  Hochzeit  (dasmor)  gefeiert.  Während 
des  Brautjahres  wird  die  Ausstattung  des  Mädchens  besorgt,  und  das- 
selbe in  der  Hauswirtschaft  unterwiesen.  Beim  Trauungszug  zur  Kirche 
wird  grosser  Pomp  entwickelt,  die  Hochzeit  selbst  aber  zwei  Tage 
hindurch  gefeiert.  Nach  der  Trauung  wird  im  Elternhause  der  Braut 
gespeist  und  gezecht.  Abends  wird  die  Braut  in  das  Haus  des  Bräuti- 
gams gebracht.  Sobald  sie  den  Wagen  des  Beistandes  (kuparem,  kumtr) 
bestiegen  hat,  darf  sie  sich  zum  Zeichen  der  Treue  nicht  mehr  umse- 
hen, und  würde  man  ihr  was  immer  zurufen.  Um  zu  erproben,  wie 
fest  die  Braut  in  Erfüllung  dieses  Gebrauches  ist,  wird  hinter  ihr  ge- 
schossen, um  Hilfe  gerufen,  oder  es  reitet  ein  junger  Bursche  in  grösster 
Eile  dem  Wagen  zu  mit  der  Kunde,  in  dem  rlause  ihrer  Eltern  sei 
Feuer  ausgebrochen  oder  sonst  ein  Unglück  geschehen.  Wenn  die 
Braut,  die  stehend  im  Wagen  fahren  muss,  im  Hause  des  Bräutigams 
angelangt  ist,  wird  ihr  ein  männliches  Kind  in  die  Arme  geworfen, 
das  sie  einigemale  herzlich  küsst,  und  dann  zurückgibt.  Hierauf  tritt 
ein  Mann  des  Hauses  zu  und  bittet  den  Beistand,  die  Braut  vom  Wa- 
gen herabheben  zu  dürfen.  Der  kumtr  antwortet,  dass  er  dies  sehr 
gerne  gestatten  wolle,  allein  da  nichts  auf  dieser  Welt  umsonst  ist, 
insbesondere  aber  jede  Ehre  teuer  bezahlt  werden  müsse,  so  verlange 
auch  er  für  die  Gewährung  dieser  Ehre  einen  Dukaten.  Nun  wird 
dem  Beistand  begreiflich  gemacht,  dass  sein  Preis  viel  zu  hoch  sei, 
bekommt  ja  doch  ein  Klementiner  Soldat  für  die  Ehre  den  Heldentod 
sterben  zu  können  vom  Kaiser  täglich  nur  fünf  Kreuzer.  Nach  vielem 

27  3* 


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FB.  8.  KUHAÖ 


Handeln  und  Hin-  und  Herreden  stellt  sich  der  Beistand  beleidig!, 
befiehlt  dem  Kutscher  im  barschen  Tone  umzukehren  und  aus  dem 
Hause  zu  fahren,  die  Umgebenden  versichernd,  dass  er  für  solch  einen 
herzlichen  Schatz,  wie  es  die  Braut  ist,  anderwärts  sogar  mehr  als  ei- 
nen Dukaten  bekommen  werde.  Der  Kutscher  schickt  sich  nun  an,  den 
Befehl  auszuführen,  aber  in  dem  Momente  stürzt  ein  Manu  aus  der 
Küche  hervor  und  droht,  mit  einem  brennenden  Stück  Holze,  das 
er  in  der  Hand  hält,  den  Wagen  anzuzünden,  wenn  sich  dieser  vom 
Fleck  rühren  würde.  Ueberrascht  erhebt  sich  der  kumtr  und  spricht 
zur  Menge:  „Nicht  deshalb,  weil  ich  mich  vor  dem  Feuer  fürchte, 
denn  ein  Klementiner  kennt  keine  Furcht,  begnüge  ich  mich  mit  dem 
mir  zuletzt  angebotenem  Lösegelde,  nämlich  mit  einem  Kronenthaler 
von  der  grossen  Kaiserin  Maria  Theresia,  die  unserem  Stamme  grosse 
Wohlthaten  erwies  und  deren  Name  unter  uns  stets  gefeiert  sei : 
sondern  weil  ich  ein  guter  Mann  bin,  wie  es  unser  Held  und  Altva- 
ter Klement  war,  dessen  Andenken  geheiliget  sei.u  Nachdem  auf  diese 
Weise  der  Handel  geschlossen  und  der  Kronthaler  überreicht  wurde, 
springt  die  Braut  vom  Wagen.  Einer  der  Hochzeitsgäste  fangt  sie  im 
Fluge  auf,  und  geleitet  sie  zum  Eingange  des  Wuhnhauses.  Dort  er- 
wartet die  Braut  eine  ältere  Frau,  die  ihr  eine  Flasche  Wein,  einen 
Laib  Brot  und  eine  Düte  Salz  überreicht.  Die  Braut  nimmt  die  Gaben 
in  Empfang,  trägt  sie  mit  feierlicher  Miene  in  das  Wohnzimmer  und 
legt  sie  auf  den  Tisch.  Gleich  darauf  wird  die  Braut  von  derselben 
alten  Frau  in  die  Küche  geführt,  wo  sie  ihr  die  Feuerschaufel  dar- 
reicht. Die  Braut  ergreift  dieselbe,  stiert  damit  im  Herdfeuer  und  spricht : 
„So  viel  Funken  sprühen,  so  viel  Glück  und  Segen  sei  dem  Hause 
beschieden." 

Nach  dieser  Cereraonie  setzt  man  sich  zu  dem  bereits  aufgetra- 
genen Nachtmahle  und  thut  demselben  „die  gebührende  Ehre"  an. 
Am  Schlüsse  wird  der  kroatische  Reigen  „Kolo*  getanzt,  der  gewöhn- 
lich bis  nach  Mitternacht  dauert.  Bei  dieser  Gelegenheit  muss  sich  der 
Brautführer  bemühen,  die  Braut  dem  Beistande  zu  stehlen  und  sie 
ins  Brautgemach  zu  bringen.  Da  der  kumtr  mit  Falkenaugen  auf  die 
Braut  Acht  gibt  und  jeden  Versuch,  sie  zu  entführen,  nach  Möglich- 
keit vereitelt,  sucht  einer  der  Hochzeitsgäste  die  Aufmerksamkeit  des 
Beistandes  von  der  Braut  dadurch  abzulenken,  dass  er  etwas  Wichti- 
ges erzählt,  auf  den  kumtr  eine  Lobrede  hält  oder  irgend  ein  Kunst- 
stück produciert.  Gelingt  ihm  seine  Aufgabe  nicht,  so  werden  auf  ei- 
nen Wink  sämmtliche  Lichter  im  Zimmer  ausgeblasen  oder  sonst  ein 
Schabernak  ausgeführt. 

Am  folgenden  Morgen  wird  die  Braut  durch  einen  Gewehrschuss, 
der  vor  ihrer  Kammer  abgefeuert  wird,  aus  dem  Schlafe  geweckt. 
Erschrocken  öffnet  dieselbe  die  Türe  und  fragt,  was  geschehen  sei, 
ob  Türken  herannahen,  oder  ob  Diebe  oder  Wölfe  verfolgt  werden. 
„ Nichts  von  dem,  liebes  Bräutchen,"  antworten  die  vor  der  Türe 
versammelten  Weiber,  sondern  die  Gäste  (welche  natürlicherweise  die 
ganze  Nacht  hindurch  zechten)  wünschen  dich  zu  sehen,  und  da  sind 

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ALHANESEN  IN  SLAVONiEN. 


wir  gekommen  dir  beim  Ankleiden  behilflich  zu  sein.  „Das  ist  schön 
und  lieb  von  Euch,  meine  Gefährtinnen"  —  erwidert  die  Braut  und 
heisst  die  Weiber  eintreten.  Bald  darauf  steht  die  Braut  wieder 
im  festlichen  Anzüge  da,  begibt  sich  zu  den  Gästen,  küsst  dieselben  der 
Reihe  nach,  und  fordert  sie  zum  Waschen  des  Gesichtes  auf. 

liegen  Mittag  bewegt  sich  der  ganze  Zug,  begleitet  von  einem 
DudeLsackbläser  in  das  Haus  des  Oberswat  (Hochzeit svater,  Bräutigams- 
Begleiter),  woselbst  die  Braut  Schmucksachen  und  Kuchen  erwarten 
und  wo  auch  zu  Mittag  gespeist  wird.  Nach  dem  Mahle  beschenkt  die 
Braut  sämmt liehe  Gäste  mit  feingearbeiteten  Hand-  oder  Taschentü- 
chern, Bändern,  künstlichen  Blumen  u.  d  gl.,  wofür  sie  von  jedem 
Anwesenden  einiges  Geld  bekömmt.  Gegen  Abend  wird  Kolo  getanzt, 
der  abermals  bis  Mitternacht  dauert.  Derjenige,  der  den  Reigen  mit 
der  Braut  eröffnen  will,  muss  für  diese  Ehre  beim  kumtr  einen  Du- 
katen erlegen.  Auch  die  späteren  Tänzer,  welche  mit  der  Braut  tan- 
zen, müssen  etwas  bezahlen. 

Nachdem  man  sich  voll  getrunken  und  todmüde  getanzt  hat, 
wird  die  Braut  nach  Hause  begleitet  und  hiemit  die  Hochzeits^eier  ge- 
schlossen. 

Am  dritten  Tage  wird  die  Braut  von  dem  Weibe  des  Hausober- 
hauptes in  die  Wirtschaft  eingeführt  und  mit  ihrem  Wirkungskreise  be- 
kannt gemacht  In  den  klemenlinischen  so  wie  in  vielen  kroatischen 
Bauernhäusern  leben  nämlich  mehrere  Familien  in  Gemeinschaft,  wo- 
bei jedes  Mitglied  eine  bestimmte  Aufgabe  hat.  So  hat  sich  einer  blos 
um  die  Pferde  zu  kümmern,  der  andere  blos  um  das  Hornvieh,  Schafe 
oder  Schweine,  der  eine  hat  die  Aufsicht  über  den  Getreideboden,  der 
andere  über  den  Weinkeller  u.  s.  w.  Und  so  ist  die  Arbeit  auch  unter 
die  weiblichen  Mitglieder  der  Hauscommune  verteilt. 

Von  sonstigen  Gebräuchun  oder  abergläubischen  Vorschriften, 
welche  bei  den  Klementinern  strenge  befolgt  werden,  seien  folgende 
erwähnt:  1)  Am  Freitag  darf  nicht  gesponnen  wenden.  2)  Xach  Son- 
nenuntergang darf  keine  Milch  aus  dem  Hause  gegeben,  kein  Essig  aus 
dem  Fasse  gehoben  werden.  3)  Am  Tage,  an  welcliem  Getreide  ge- 
säet wird,  trage  man  kein  Brot  aus  dem  Hause.  4)  Nur  am  Dienstag 
und  Freitag  angesetzter  Essig  wird  sauer.  5)  Die  am  Freitag  angebau- 
ten Gurken  werden  bitter.  6)  In  der  Palmwoche  und  an  jenen  Tagen, 
welche  im  Kalender  das  Zeichen  der  Jungfrau  haben,  darf  gar  nichts 
gesäet  oder  angebaut  werden,  weil  die  betreffenden  Pflanzen  blos  Blü- 
ten, aber  keine  Früchte  bringen.  7)  In  der  Oster woche  angebaute  Erd- 
äplel  werden  wässerig.  8)  An  jenem  Tage  der  Woche,  auf  welchen 
das  Fest  Johannes  Enthauptung  fällt,  darf  nicht  geackert  werden. 
Fällt  also  das  Johannesfest  z.  B.  auf  einen  Mittwoch,  so  ist  jeder 
Mittwoch  des  ganzen  Jahres  Ackerfeiertag.  Desgleichen  darf  auch  an 
den  ersten  sieben  Donnerstagen  nach  dem  Gründonnerstage  nicht  ge- 
ackert werden,  u.  s.  w 

Dichterisch  und  musikalisch  sind  die  Klementiner  bei  weitem 
nicht  so  begabt  wie  die  Kroaten  oder  Ma-yaren.  Die  Klementiner  hal- 


29 


FR.  S.  KUBA  (' 


ten  gleich  den  Spaniern  mehr  auf  Tanz  als  auf  Gesang.  Es  wird  zwar 
behauptet,  dass  die  Kiemen  tiner  in  ihren  Liedern  den  Held  Skender- 
beg  feiern,  allein  ich  konnte  keinen  einzigen  Klementiner  finden,  der 
ein  solches  Lied  gekannt  hätte.  Die  nachstehenden  fünf  Lieder  hatte 
ich  nur  mit  schwerer  Mühe  aus  ihnen  herausgebracht:  die  Melodien 
mögen  albanischen  Ursprunges  sein,  die  Texte  jedoch  sind  einfache 
Uebersetzungen  oder  Nachahmungen  kroatischer  Volkslieder.  Dieselben 
sangen  mir  Martin  und  Marko  Jvanic*;  die  Texte  verdolmetschten  mir 
kroatisch  die  Herrn  Anton  Kolic"  und  Marko  Pepcic\  Den  kroatischen 
Text  hinweglassend,  gebe  ich  hier  eine  deutsche  Uebersetzung  der- 
selben. 


t 


15  i  lus  gjon  e  ßjat, 
No  te  fuso  gjon  e  gjat 
Is  i  pemo  kubilite, 
Nar  at  pem  kubilit 
H  i  strat  struamit, 
Nat  strat  struamit 
Derdjej  joj  varuamit, 
Bedeo  e  ki  bergjat, 
Bedroj  i  za  zot  vet : 
Cou  ti,  o  zot,  zoti  era! 
Veno  komen  en  skajj, 
PSeti  vart  pr  salj, 
Anit  skojim  en  zezifit  ton. 
Dno  ljgosim  na  fos  kojim, 
En  deksim  na  vajlojin: 
Ornat  tona  per  gji$  mon, 
Motrat  tona  per  djast  vjet, 
VaSat  tona  per  djast  dit: 
Tri  dit  per  mal  stim, 
E  kiuren  diten  mu  martua. 

Jekt  kontk  po  va  faljim, 
Ksaj  sorfs  6po  digojin. 


War  ein  Feld  lang  und  breit. 
Auf  dem  Felde  lang  und  breit 
War  ein  Zwetschken-Obstbaum; 
Unter  diesem  Zwetschkenbaum 
War  ein  Bett  gebettet, 
Auf  dem  Bett  gebettet 
Lag  ein  Verwundeter; 
Ein  Pferd  hatte  er  neben  sich, 
Das  Pferd  sprach  zu  seinem  Herrn: 
Steh'  auf,  o  Herr,  mein  Herr! 
Gib  den  Fuss  in  den  Steigbügel, 
Lehne  die  Wunde  an  den  Sattel, 
Und  gehen  wir  in  unser  Land. 
Wenn  wir  erkranken,  wird  man  uns  heilen, 
Wenn  wir  sterben,  wird  man  uns  ] 
Unsere  Mutter  für  immer, 
Unsere  Schwester  sechs  Jahre  lang, 
Unsere  Weiber  durch  sechs  Tage : 
Drei  Tage  für  die  Trauer, 
Drei  Tage  vor  der  Heirat. 

Dieses  Lied  widme  ich 
Der  Gesellschaft,  die  da  zuhört. 


Auf  dieselbe  Melodie  wird  gesungen: 


Dijeli  e  saroj  malj, 

Kopilji  öeti  fjalen, 

Se  ton  Bosna  jo  robit; 


Die  Sonne  beschien  den  F3erg, 
Ein  Held  brachte  die  Kunde, 
Ganz  Bosnien  sei  geplündert: 


30 


ALBAN E8EN  IN  SLAVONIEN. 


Kur  kn§  nuk  na  pet, 
Por  dfi  vaSa  cit  ne  bar. 
Jora  e  Ijejü  djal  o  zohn, 
Tjetra  e  Ijejü  vaiz  ne  zohn. 
Djaljit  ja  citne  Radic, 
Vaiz  ja  t-itne  Janozensen. 
Kur  erz  redi  mu  martua, 
Citi  Galjen  Radiei, 
Me  mar  Janozensen, 
Byot  dasmor  e  kuparen. 
Kur  jon  nis  Sali  pruv, 
Gjit  bedevat  jo  Ijodruan, 
E  i  Janozenses  moji  forti. 
E  irah  ke£  Radicit, 
E  dzuar  djiden, 
Ma  djuajt  bedev, 
Bedevi  i  perciti, 
E  e  gjoji  Janozensen. 
Jana  kje  vasa  e  Ivet, 
Kur  kuj  nuk  i  ftoji, 
Dzuar  pamuk  e  zuh  gjakun 
Dzuar  mtas  e  Ijivi  varen. 

Dualj  nona  para  dasmorme, 
E  vo  nona  Janozenses: 
More,  Jano,  vajza  eme, 
Pocem  je  vojt  ke6? 
A  tka  ora  uva  e  ljark? 
A  tka  ora  Sujta  e  pak? 
Kur  jon  skua  gjiv  dasmort, 
Janozenseja  o  dek. 
E  nebi  oma  djalje  vet : 
nOj  ti  Radic  djalji  em, 
Po  ti  pse  e  vrave  Janozensen? 
Bedevit  pljast  Salj  pruv, 
E  tu  tpljast  gjarpni." 


Niemand  blieb  daselbst, 
Nur  zwei  schwang' re  Weiber 
Eines  gebar  einen  ruhmreichen  Sohn, 
Das  andere  ein  ruhmvolles  Mädchen. 
Der  Knabe  erhielt  den  Namen  Hilarius, 
Das  Mädchen  den  Namen  Agnes. 
Als  die  Zeit  der  Verheiratung  kam, 
Gab  Hilarius  das  Wort, 
Die  Agnes  zu  nehmen, 
Lud  Hochzeitsgäste  und  den  Beistand. 
Als  sie  auf  der  Reise  waren, 
Tanzten  alle  Pferde, 
Das  der  Agnes  aber  am  meisten. 
Da  kam  Neid  über  Hilarius, 
Er  schwang  die  Lanze, 
Um  zu  schlagen  die  Stute, 
Aber  die  Stute  wich  aus. 
Und  er  traf  die  Agnes. 
Agnes  ein  rechtschaffenes  Mädchen 
Sagte  niemandem  etwas, 
Nahm  Baumwolle  und  stillte  das  Blut, 
Nahm  ein  Seidentuch  und  verband  die 

Wunde. 

Da  kam  die  Mutter  vor  den  Hochzeitszug, 

Und  die  Mutter  sprach  zu  Agnes : 

Weh  mir,  Agnes,  mein  Kind, 

Warum  bist  du  so  gebrochen? 

Hat  dicb  der  lange  Weg  ermüdet? 

Oder  die  kleine  Wunde  dich  ermattet  ? 

Als  die  Hochzeitsgäste  fort  waren, 

War  Agnes  eine  Leiche. 

Die  Mutter  fluchte  ihrem  Sohn: 

„0  Hilarius,  mein  Sohn, 

Warum  erschlugst  du  Agnes? 

Es  berste  dir  auf  der  Reise  das  Pferd, 

Und  dich  zerreisse  die  Schlange!" 


1  r  r  r  I  f  ut  r  ir  u  f  rir  r  Jm 


Ej,  Bukara,  ßis  kje  prome, 
Cimo  Skelje  prom  en  kom, 
E  mi  dzuar  a  to  gjom, 
Nar  at  hijet  ta  saj  son, 
Nar  at  revet  a  saj  hon, 
Tu  e  puv,  tu  e  gron! 


0,  du  Schöne,  von  gestern  abends, 
Die  mir  den  Fuss  hat  eingeklemmt, 
Und  mich  hat  gebracht  zum  seufzen, 
In  der  Kühle  jenes  Schattens, 
In  dem  Schatten  jenes  Mondes, 
Die  mich  küsste  und  mich  bissl 


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FR    S.  KüilAC. 


Inr/arU,  1*69 


J  ^  — — "     —  ~ ~ ^  * 

i  u  1 

Ej!  rakije,  rozolije! 
„   ljumi  usö  ci  to  pije; 
„   ut  mar  cesno  barko 
,   tim  mer  citne  boljt. 

.  LenU  i  :S6 


0!  du  Branntwein,  du  Hosoli, 
Wohl  mir,  der  ich  dich  trinke; 
Dich  giess  ich  in  den  Schlund, 
Du  wirfst  mich  in  den  Kot. 


3 


Hej !  dimo  zoto  per  sum  moh  te,  0 !  Gott  hilf  uns  viele  Jahre. 
„     medjiz  ioko  me  vlaznije,   Der  Genossenschaft  und  den  Brüdern, 
B    hejo  medjiz  miöe  kumtri !  Den  Freunden  und  Gevattern! 

Auf  meine  Frage,  ob  die  syrmischen  Klementiner  die  schonen 
albanesischen  WafTent  änze  tanzen  können,  erhielt  ich  die  Antwort,  dass 
ihnen  ihre  AJten  von  diesen  Nationaltänzen  wol  erzält  hatten,  aber 
dass  kein  einziger  Klementiner  dieselben  tanzen  könne.  „Wozu  auch*, 
fiel  Marko  Ivanic"  ins  Wort,  „da  es  unmöglich  einen  schöneren  Tanz 
geben  könne,  als  der  kroatische  Kolo!K  —  Bei  diesem  von  Ivanic"  und 
seinen  Landsleuten  so  sehr  geschätzten  Kolo  singen  jedoch  die  Kle- 
mentiner nicht,  wie  die  Kroaten  und  Serben,  sondern  der  Dudelsack- 
bläser  schreitet  den  inneren  Raum  des  Kreises  ab,  bleibt  bald  bei 
diesem,  bald  bei  jenem  Tänzer  oder  Tänzerin  stehen,  und  bläst  ihm 
oder  ihr  ein  Stückchen  Melodie  ins  Ohr.  Mir  fiel  dieser  gesangslose 
Tanz  auf,  und  ich  erkundigte  mich  deshalb  um  den  Grund  dieses 
Schweigens.  Da  sagte  man  mir,  dass  dies  der  gemischten  Bevölkerung 
wegen  geschehe.  So  lange  nämlich  in  Hrlkovci  und  Nikince  blos  Kle- 
mentiner und  Kroaten  wohnten,  wurde  beim  Kolo.  den  man  im  Ge- 
meindewirtshause gemeinschaftlich  tanzte,  jederzeit  gesungen,  u.  z. 
entweder  in  klementinischer  oder  in  kroatischer  Sprache;  als  jedoch 
Schwaben  und  Magyaren  einwanderten,  welche  keine  der  beiden  Spra- 
chen verstanden,  gab  es  beim  Kolo  last  jedesmal  Schlägereien  und 
blutige  Köpfe,  weil  diese  dachten  (wahrscheinlich  nicht  ohne  Grund), 
man  mache  sich  über  sie  lustig.  Um  derartigen  Zwistigkeiten  auszu- 
weichen, wurde  beschlossen  beim  gemeinschaftlichen  Sonntagstanze 
nicht  mehr  zu  singen.  Und  so  tanzen  nun  Klementiner,  Kroaten,  Schwa- 
ben, Magyaran  und  Zigeuner  in  stummer  Eintracht  mit  einander,  und 
freuen  sich  des  Lebens 

Agram,  am  10.  Juni  1890. 

(Schluss  folgt.) 


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WESEN  UND  WIRK.  DER   ZAUBERFRAUEN  BEI  DEN  8IEBENB.  ZIGEUNERN. 


Wesen  und  Wirkungskreis  der  Zauberfrauen  bei  den  sieben- 

bürgisehen  Zigeunern. 

Von  Dr.  Heinrich  v.  Wlislocki. 

Man  hat  bisher  die  Zigeuner  und  unter  diesen  besonders  die 
Wanderzigeuner  zumeist  als  jedes  religiösen  Gefühles  bare  Horden  dar- 
gestellt, indem  man  dabei  nur  die  auf  das  Christentum  bezüglichen, 
verschwommenen  Begriffe  derselben  in  Betracht  zog,  ohne  dabei  die 
in  den  verschiedensten  Richtungen  hinwuchernden  heidnischen  Schöss- 
linge  des  uralten  indischen  Religionsstammes  zu  beobachten.  Als  sol- 
ches uraltes  Überlebsei  sind  auch  die  sogenannten  ,Zauberfrauenu 
(Covölji)  oder  „guten  Frauen"  (lät  e  romhi,  gute  romhi)  anzusehen,  die 
gleichsam  der  letzte  Nachhall  altindischen  Prieslertums  sind. 

Meistens  aufs  Geratewol  hin  wird  von  den  Beobachtern  der  Zi- 
geuner nur  erwähnt,  dass  „die  alten  Weiber  bei  dem  Zigeunervolke 
Gegenstand  besonderer  Ehrfurcht  sind,"  ohne  dabei  den  Kern  dieser, 
selbst  Culturvölkern  sozusagen  ganz  und  gar  abgehenden,  in  ihrer  Art 
höchst  eigentümlichen  Sitte  zu  erforschen.  Die  Stellung  des  Weibes 
überhaupt  ist  bei  den  Zigeunern  dem  Manne  gegenüber  eine  unabhän- 
gige. Als  Besitzerin  zigeunerischen  Heirawesens,  in  das  eben  der  Mann 
hineinheiratet,  wobei  er  sogar  seinen  Beinamen,  nämlich  den  Namen 
seiner  Genossenschaft  (gakkija)  aufgeben  und  den  Namen  der  Ge- 
nossenschaft seiner  Frau  annehmen  muss,  kurz,  mehr  oder  weniger 
die  Geburtsbande  löst,  steht  das  Zigeunerweib  dem  Gatten  gegenüber 
ganz  unabhängig  da,  der  in  den  meisten  Fällen  die  Ehe  als  eine  Art 
Sinecure  zu  betrachten  gewohnt  ist.  Diese  Stellung  der  Zigeunerfrau 
erweist  sich  lür  die  ethnologische  Forschung  durchgängig  als  die  ergeb- 
nissreichste, für  ethnische  Lehren  sowol,  als  auch  für  mystische  Ver- 
wirrung. Die  Einzelstellung  der  „Zauberfrauen "  hat  sich  in  mancher 
Beziehung  mehr  oder  weniger  als  eine  Sonderstellung  auf  das  gesamte 
weibliche  Geschlecht  dem  männlichen  gegenüber  übertragen. 

Ich  habe  schon  an  einem  anderen  Orte  erwähnt,  ')  dass  dem 
Glauben  der  Zigeuner  gemäss  es  Frauen  gibt,  die  im  Besitze  überna- 
türlicher Kräfle  und  Eigenschaften  sind,  welche  sie  teils  auf  überna- 
türlichem Wege  erworben,  teils  aber  ererbt  haben.  So  bringt  das  sie- 
bente Mädchen  einer  durch  keine  Knaben  unterbrochenen  Kinderreihe 
Eigenschaften  mit  sich  auf  die  Welt,  die  anderen  Sterblichen  abgehen, 
so  z.  B.  sieht  es  Dinge  (vergrabene  Schätze,  die  Seelen  Verstorbener 
u.  dgl ),  die  andern  unsichtbar  sind.  Die  meisten  Zauberfrauen  wurden 
noch  in  ihrer  zartesten  Jugend  von  ihren  Müttern  in  der  Heil-  und 
Zauberkunst  unterrichtet  und  erben  von  ihnen  zugleich  den  Ruf  und 
das  Ansehen.  Nur  ihre  eigenen  Töchter  können  die  Zauberfrauen  in 


')  Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn  I.  Bd.  S.  51:  „Zauber-  und  Bespre- 
chungsformeln der  transsilvanischen  und  südungarischen  Zigeuner"  (auch  als  Son- 
derabdnick  erschienen  in  Herrmann's  „Publicationen  d.  ethn.  Mitteilungen  aus  Un- 
garn" Hft  II. 


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DR.  HEINRICH  V.  WLISLOCKI 


ihrer  Kunst  unterrichten,  nachdem  dieselben  die  Anlagen  dazu  durch 
Blutvererbung  mit  sich  auf  die  Welt  bringen,  also  eine  praedestinierte 
Zauberkraft  schon  a  priori  besitzen,  die  aber  nur  dann  zum  vollen 
Ausbruch  kommt,  sich  zur  Tätigkeit  entfaltet,  wenn  das  betreffende 
Weib  selbst  wenigstens  schon  drei  Töchter  zur  Welt  gebracht  hat. 
Stirbt  die  Mutter,  eine  Schwester  oder  eine  Tochter  der  „Zauberfrau", 
so  muss  sie  das  Wasser  aus  dem  Napfe  trinken,  den  man  nach  ein- 
getretenem Tode  zu  den  Füssen  der  Leiche  aufzustellen  pflegt,  damit 
rsich  die  Seele  des  Verblichenen  darin  bade."  Trinkt  sie  es  nicht,  so 
nimmt  die  Todle  ihre  Weisheit  mit  und  sie  hat  aufgehört  zur  Gilde 
der  Zauberlrauen  zu  gehören;  daher  die  Redensart:  pijel  sdr  vovdlji 
(er  trinkt  wie  eine  Zauberfrau,  d.  h.  er  muss  trinken,  ob  er  will  oder 
nicht).  Um  ihre  „Weisheit".  „Zauberkraft*1  (toodljiben)  zu  bewahren, 
steckt  sie  auch  ein  angebranntes  Stückchen  von  den  Kleidern  der  Ver- 
blichenen zu  sich,  die  eben  —  nach,  allem  Gebrauche  —  gleich  nach  der 
Leichenbesiatlung  verbrannt  werden.  Mit  diesem  Fetzen  räuchert  sie 
sich  dann  in  der  nächstfolgenden  Johannisnacht  oder  Neujahrsnacht 
auf  irgend  einem  Kreuzwege,  um  die  noch  immer  herumflatternde  Seele 
der  Verblichenen  zu  bannen.  Aus  eben  diesem  Grunde  muss  sie  neun 
Tage  hindurch  jedesmal  zu  Mittag  das  Grab  der  Verblichenen  besu- 
chen und  Mohnkörner  auf  den  Weg  bis  zum  Grabe  fallen  lassen,  da- 
mit die  ihr  nachfolgende  Seele  dieselben  auflese  und  keine  Zeit  habe, 
sie  in  ihrer  Zauberkraft  zu  schwächen.  Während  dieser  Zeit  muss  sie 
sich  auch  des  Beischlafs  enthalten,  damit  sie  nicht  etwa  geschwängert, 
ein  todtes  Kind  zur  Welt  bringe,  aus  dem  ein  Locholit&o  (dämonisches 
Wesen)  werden  würde,  das  seine  Eltein  zu  Tode  quälen  könnte.  Gut 
ist  es  auch  das  Brustbein  (aU  Silz  des  Lebens)  der  Verblichenen  mit 
einem  Tuchlappen  zu  reiben  und  denselben  die  neun  folgenden  Tage 
am  blossen  Leibe  zu  tragen,  dann  ihn  aber  auf  dem  Grabe  zu  ver- 
brennen. Die  dadurch  entstandene  Asche  gilt  für  ein  wichtiges  Mittel 
bei  Liebesangelegenheiten.  Wer  davon  genossen,  kann  von  der  Person, 
die  es  ihm  eingegeben,  nimmer  lassen.  Häufige  Schluckungen  nach 
Verlauf  der  erwähnten  neun  Tage  deuten  an,  dass  die  Zauberkraft 
der  betreffenden  Frau  ungeschwächt,  ja  im  Gegenteil  gestärkt  und  ver- 
mehrt sich  in  ihr  befinde.  Um  die  Slammgenossen  zu  dieser  Meinung 
zu  bewegen,  greifen  die  Zauberfrauen  bei  solchen  Gelegenheiten  frei- 
lich zu  mancherlei  künstlichen  Mitteln,  um  recht  arge  und  häufige 
Schluckungen  hervorzubringen. 

Ausser  diesen  „erbgesessenen *  Zauberfrauen  gibt  es  auch  solche, 
die  ihre  Kunst  nicht  durch  Blutvererbung  erlangt,  sondern  von  den 
Niva$i-( Wassergeistern)  oder  /'c^upus-Leuten  (unterirdische  Wesen)  er- 
lernt haben,  indem  sie  mit  denselben  geschlechtlichen  Umgang  pflogen. 
Der  Act  selbst  geschieht  ohne  W  ssen  des  Weibes,  das  erwachend  erst 
die  mit  ihr  vorgenommene  Veränderung  wahrnimmt  und  nur  dadurch 
zum  Schweigen  gebracht  wird,  dass  sie  eben  der  Nica&i  oder  f'guvuS 
in  den  geheimen  Künsten  unierrichtet.  Tut  er  es  nicht  oder  schreit 
das  Weib  um  Hilfe,  so  ist  er  verloren,  denn  er  verliert  auf  einige 


34 


WESEN  UND  WIRK.   DER  ZAUBERFRAUEN  BEI   DEN   8IEBENB.  ZIGEUNERN. 


Stunden  seine  Kraft  —  post  coitum  triste  omne  animal  —  und  ist  nicht 
im  Stande  sich  von  der  Stelle  zu  rühren,  so  dass  er  leicht  erschlagen 
■werden  kann.  Ein  weiter  Spielraum  für  Betrug  und  Schwindel  ist  hie- 
bei  selbstverständlich  geöffnet.  Ich  kannte  z.  B.  eine  wunderschöne 
siebzehnjährige  Zigeunermaid,  die  bereits  drei  uneheliche  Kinder  hatte, 
deren  Väter  jedem  anderen,  aber  nur  nicht  dem  Zigeunervolke  ange- 
.  hörten.  Sie  war  desshalb  die  Zielscheibe  des  Spottes,  ja  selbst  der  Ver- 
achtung ausgesetzt  und  mit  dem  Schimpfworte  parne  lubHi  < weisse 
Metze)  benannt.  Ich  sagte  ihr  oft  und  oft :  sie  möge  der  Truppe  den 
Rücken  kehren  und  sich  irgendwo  niederlassen,  um  so  diesen  fortwäh- 
renden Gehässigkeiten  zu  entgehen.  Bei  einer  solchen  Gelegenheit  ant- 
wortete sie  mir:  nMe  nd  dza,  avava  jeka  iovdlji.  Dikh  tu  akor  mdn 
pirdnen  romau  (Ich  gebe  nicht,  ich  werde  eine  Zauberfrau.  Sieh  dann, 
(wie)  mich  die  Leute  lieben).  Sie  bat  mich  nun,  der  Truppe  mit- 
zuteilen, dass  ich  die  nächste  Nacht  im  Dorfe  zubringen  wolle.  Ich 
tat  es,  worauf  sie  mich  ersuchte,  die  Nacht  über  midi  in  der  Nähe 
der  Zelte  versteckt  zu  halten  und  von  Ferne  und  unbemerkt  den  kom- 
menden Skandal  anzusehen.  In  der  Nacht  nun  erwachte  die  Horde  auf 
ein  ohrzerreissendes  Geschrei.  Alle  rannten  zum  Zelte  der  parne 
lubHi,  die  am  ganzen  Leibe  zitternd  den  Staramgenossen  erklärte,  ein 
Niva&i  habe  sie  besucht,  und  dabei  auf  die  am  Boden  sichtbaren  zahl' 
reichen  Hufspuren  hinwies.  Hierauf  wari  sie  sich  auf  den  Boden,  mur- 
melte Zaubersprüche  und  verfiel  scheinbar  in  Verzückungen.  Am  näca- 
sten  Morgen  wurde  mir  der  nächtliche  Vorfall  mitgeteilt.  Als  ich  die 
Leute  frug:  woher  sie  es  wissen,  dass  auch  in  der  Tat  ein  Niva&i 
die  parne  lubHi  besucht  habe,  meinten  sie:  sie  hätte  es  i  nen  bewie- 
sen und  ich  dürfe  sie  nicht  mehr  parne  lubHi  nennen,  sonst  könnte 
es  mir  schlecht  ergehen.  Wie  sie  den  näheren  Beweis  für  die  Rich- 
tigkeit ihrer  Angabe  tührte,  unterlasse  ich  hier  zu  erwähnen;  kurz 
und  gut,  von  dieser  Zeit  an  geniesst  sie  ein  grosses  Ansehen  unter 
ihren  Stammgenossen  und  ist  als  Zauberfrau  auch  bei  der  siebenbür- 
gischen  Landbevölkerung  berühmt.  Sie  heist  Ileana  Darej. 

Solche  Zauberfrauen,  die  ihre  Kunst  von  einem  PchuvuS  oder  gar 
von  einem  Niva&i  erhalten  laben,  werden  von  den  Stamragenossen 
besonders  gefürchtet,  denn  man  glaub\  dass  sie  infolge  ihres  Umgangs 
mit  dem  PchnvuS  oder  NivaU  eine  Schlange  im  Leibe  hätten,  die  den, 
der  eine  solche  Zauberlrau  beleidigt,  zu  Grunde  richten  kann.  Um  den 
Sei« windel  zu  vervollständigen,  trinken  auf  solc  ^e  Weise  zu  Zauberfrauen 
gewordene  Weiber  die  nächstfolgenden  neun  Tage  bindurci  Pferde- 
milch, um  sich  —  wie  es  heisst  —  dadurch  vor  einer  Wiederholung 
des  Besuc5  es  seitens  des  Niva&i  oder  Pchuvuk  zu  sc  ȟtzen,  ihn  also 
von  sie  i  abzuwehren.  Wird  nun  eine  Zauberfrau  alt  und  gebrechlicD, 
so  bereitet  sie  sich  zur  Fahrt  ins  „Todtenreich"  vor,  indem  sie  sich 
die  Nägel  wachsen  lässt.  Ks  beisst  nämlich  im  Volksglauben,  dass  eine 
Zaubertrau  gar  schwer  ins  „Todtenreich"  gelangen,  und  sich  nur  mit 
ihren  langen  Nägeln  an  den  Felsenwänden  festhalten  kann,  die  sie  eben 
erklimmen  muss,  um  ins  Jenseits  zu  gelangen.  Stirbt  ein   Weib,  das 

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DR.  HEINRICH  V.  WUSLOCKI 


I 

durch  Umgang  mit  einem  NivaU  oder  PchuvuS  Zauberfrau  geworden 
ist,  so  fährt  ein  Blitz  ins  Wasser,  der  von  den  Nivasi- Leuten  aufge- 
fangen wird. 

Bei  der  Betrachtung  der  Zaubertrauen  letzterwähnter  Art  müs- 
sen wir  —  um  zum  mythologischen  Kern  dringen  zu  können  —  die 
Schlange,  deo  Blitz  und  die  Pferd'tnilch  besonders  hervorheben. 

Wie  erwähnt,  sollen  Zauberfrauen  nach  gepflogenem  Umgange 
mit  NivaSi  Leuten  eine  Schlange  im  Leibe  haben;  lerner  heiast  es, 
dass  beim  Tode  einer  solchen  Zauberfrau  ein  Blitz  ins  Wasser  ("also 
in  die  Wohnung  der  Wassergeister)  fährt  der  vom  „Allsamenbaum"  *), 
der  am  Himmel  „blüht*  und  alle  Kräuter  der  Welt  trägt,  kommend 
den  A7iVas/-Leuten  Heilkräuter  mitbringt,  auf  deren  Gebrauch  sie  dann 
die  Weiber,  mit  denen  sie  Umgang  geflogen,  lehren  und  dieselben  da- 
durch zu  Zauberfraucn  machen.  Der  die  Heilkräuter  enthaltende  und 
von  dem  Niva&i  aufgefangene  Blitz  wird  also  infolge  geschlechtlichen 
Umgangs  als  Schlange  in  den  Leib  der  Zaubertrau  überfragen,  ihr 
gleichsam  die  Zauberkunst  eingeimpff.  l)ass  sich  dieser,  gegenwärtig  zu 
reinem  Schwindel  herabgesunkene  Glauben  aus  den  sogenannten  Na- 
turmythen entwickelt  hat,  unterliegt  kaum  einem  Zweifel.  **)  Geben  wir 
weiter.  Uta  na  Varej  zeigte  ihren  Stammgenossen  die  Hufspuren  in  ih- 
rem Zelte,  als  Reweis  dafür,  dass  sie  in  der  Tat  ein  AVpasi  besucht 
habe.  Dem  Volksglauben  der  Zigeuner  gemä**  haben  die  Wassergei- 
ster, die  Niva&i,  Pferdefüsse  und  um  diese  Wesen  von  sich  ferne  zu 
halfen,  trinkt  die  Zauberfrau  neun  Tage  lang  Pferdemilch.  Hier  finden 
wir  also  einen  Nachhall  der  indogermanischen  Naturmytbe  vom  Don- 
nerross,  den  rossgestalligen  Kentauren  (den  Chiron  an  der  Spitze), 
und  von  den  indischen  Acvinen.  Hiebei  müssen  wir  besonders  zwei 
Mythen  in  Bcf rächt  ziehen:  die  eine,  nach  der  Poseidon  und  Demeter- 
Erinnys  mit  einander  als  Rosse  buhlen  und  die  Despoina  und  den 
Arion  erzeugen;  die  andere,  nach  der  Kronos  mit  der  Philyra  so  den 
Cheiron  zeugt ;  —  diesen  beiden  entspricht  der  indische  Mythos  von 
der  Vermählung  des  Vivasvat  und  der  Saranyu  in  Pferdegestalt.  Aus 
letzterer  Verbindung  entstammen  „die  himmlischen  Heilärzte",  das 
Zwillingspaar  der  Acvinen,  welche  davon  „die  Stutensöhne*  heissen ; 
nach  dem  greichischen  Mythos  enstammt  der  Buhlschaft  des  Kro- 
nos mit  der  Philyra  der  „rossgestaltige"  Kentaur  Cheiron.  der  hilf- 
reiche .mythische  Arzl"  der  Griechen,  bei  dem  auch  der  Name  des 
Tausendgüldenkrautes  „  Kentaurion u  noch  speciell  auf  die  ursprüngli- 
che Art  seiner  angeblichen  ärztlichen  Tätigkeit  in  ihrer  Beziehung  zu 
„heilbringenden  Kräutern"  hinweist.  ***) 

*)  Ygl.  meine  Sammlung:  „Märchen  und  Sagen  der  transsilvanischen  Zigeu- 
ner" (Berlin.  Nicolai'sche  Verlagsbuchhandlung). 

**)  Vgl.  W.  Schwartz  Die  rossgestaltigen  Himmeisärzte  bei  Indern  und  Grie- 
chen (in  der  Zeitschrift  für  Ethnologie,  Berlin  1888,  V  Hft.  S.  222.)  Vgl.  auch 
sein  grundlegendes  Werk:  -Ursprung  der  Mythologie*  S.  43.  und  Schrotder,  Indi- 
ens Literatur  und  Cultur  Leipzig  1887  S.  377. 

***)  Vgl.  W.  Schwärt«  a.  a.  0.  S.  228. 

86 


WESEN  UND  WIRK.  DER   ZAUBERFRAUEN   BEI  DEN  SIEBENB.  ZIGEUNERN. 


Zu  berücksichtigen  sind  noch  die  zigeunerischen  Redensarten, 
die  bei  einem  Gewitier  angewendet  werden:  Romfn  hl  Nivaüi  (Der 
Nivaäi  heiratet)  oder:  Pujen  Niva&ä  (Die  Niva&i  begatten  sich,  vgl. 
die  feurige  Geburt  des  Asklepios.)  Wie  die  phantasievolle  Vorstellung 
der  indogermanischen  Urzeit  den  himmlischen  Helfern  eine  rossartige 
Gestalt  verleiht,  um  dann  mit  dem  Fortschritt  der  Cultur,  in  mehr 
historisch  werdender  Zeit  aus  ihnen  den  indischen,  menschlich  göttli- 
chen Dhanvanlari  oder  den  griechischen  Asklepios  zu  schaffen,  so 
spielt  sich  diese  Wandlung  im  zigeunerischen  Volksglauben  gleichsam 
vor  unseren  Augen  ab,  indem  der  Blitz  vom  Allsamenbaum  dem  ross- 
füssigen  Nivasi  die  Heilkräuter  (Heilkraft)  bringt,  dieser  durch  geschlecht- 
lichen Umgang  diese  Eigenschaft  zu  heilen  in  Gestali  einer  Schlange 
(als  Sinnbild  des  Blitzes)  auf  eine  irdische  Frau  überträgt,  somit  gleich- 
sam einen  Kreis  schliesst,  der  mit  dem  Blitz  beginnt  und  mit  dem 
Blitz  abschliesst.  Wenn  also  im  indogermanischen  Mythos  aus  schöp- 
ferischem Reiz  eine  Anregung  zur  Umgestaltung  jener  himmlischen 
Helfer  in  mehr  menschliche  Wesen  beginnt  und  zwar  einem  Notwen- 
digkeitedrange  zur  Befriedigung  eines  bei  der  Gebrechlichkeit  der  Men- 
schen gefühlten  Bedürfnisses  nach  Heilkünstlern  folgend,  —  so  sehen 
wir  auch  im  zigeunerischen  Volksglauben  diese  dem  Himmel  (dem  AU- 
saraenbaum)  entstammende  Heilkraft  notwendigerweise  auf  irdische, 
für  den  primitiven  Menschen  handgreifliche  Wesen  übertragen.  Und  dies 
sind  für  die  Zigeuner  eben  die  Zauberfrauen,  und  den  Glauben  an  sie 
und  ihre  Heilkraft  beseelt  auch  nur  der  Wunsch  nach  Heilung,  das 
sehnende  Hoffen  auf  ein  übelbefreiendes  Erlösungswort,  das  bei  jedem 
Volke,  sowol  bei  Naturstämmen,  als  auch  bei  Culturträgern,  zu  jeder 
Zeit  die  religiösen  Ideale  mehr  oder  weniger  deutlich  durchklingt.  Wie 
der  ganze  mythische  Bau  dieses  Glaubens  bei  den  Zigeunern  ursprüng- 
lich geformt  war,  können  wir  aus  den  jetzigen  Trümmern  nicht  er- 
schliessen;  so  viel  aber  ist  gewiss,  dass  es  zunächst  der  körperliche 
Schmerz  war,  der  seine  Helfer  verlangte  und  den  Grund  zu  den  phan- 
tasievollen Gebilden  dieses  Mythos  legte. 

So  treten  denn  auch  die  Zauberfrauen  der  Zigeuner  in  erster 
Reihe  als  Helfer  und  zwar  als  Heilkünstler  auf,  sowohl  für  Mensch,  als 
auch  für  Tiere.  Sie  können  die  Zauberformeln,  durch  welche  der  Misech 
(das  Schlechte,  der  Krankheitsdämon)  aus  dem  Körper  des  Siechenden 
vertrieben  werden  kann;  sie  haben  die  Macht  und  Kraft  die  Seele 
der  Menschen  zu  .binden  und  zu  lösen",  Liebe  und  Hass  zu  entfa- 
chen und  zu  vernichten:  und  wie  die  physichen  Angriffe,  wissen  also 
die  Zauberfrauen  auch  psychische  Störungen  zu  bekämpfen.  Sie  haben 
also  noch  immer  dieselbe  Rolle,  die  bei  Naturvölkern  die  Priester  hat- 
ten vor  der  Trennung  der  Seelsorge  von  der  leiblichen.  Im  Bewusst- 
sein  überirdischer  Begabung  oder  im  zuversichtlichen  Vertrauen  auf 
die  helfende  Kraft  überirdischer  Wesen  wird  durch  Kenntnis  zauber- 
kräftiger Formeln  und  Kräuter  geheilt. 

Wie  bei  der  Heilung  von  Krankheiten,  seien  dieselben  nun  phy- 
sische oder  psychische  Angriffe,  —  muss  die  Zauberfrau  auch  in  an- 

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DB.  L.  KATONA 


deren  Kenntnissen  ihr  Können  beweisen,  um  wirksame  Talismane  und 
Fetische  dem  Volke  verteilen  zu  können.  Selbst  für  die  täglichen  Le- 
beosbedürfnisse muss  sie  ihre  Macht  bekunden,  indem  sie  die  Zukunft 
voraussagt,  das  Unglück  abweist,  überhaupt  durch  zauberkräflige  Mit- 
tel das  (ielingen  eines  Unternehmens  befördert.  Nicht  nur  die  Todten 
zu  bannen,  sondern  auch  die  Weiterung  zu  regeln,  muss  die  Zauber- 
frau verstehen,  um  ihre  Verbindung  mit  überirdisc  en  Wesen  darzule- 
gen. Ihre  Holle  entspricht  im  Grossen  und  Ganzen  der  der  Priester  pri- 
mitiver Völker. 


Recht  und  Unrecht. 

Ein  magyarisches  Märchen  mit  seinen  Varianten  und  Parallelen. 
Übersetzt  und  verglichen  von  Dr.  L.  Katona. 

Ks  gieng  einmal  ein  Mann  seines  Weges.  Am  Kreuzwege  traf  er 
einen  zweiten  Mann;  sie  sagen  sich  gegenseitig  guten  lag,  dann  fragt  der 
eine  den  andern:  Wer  bist  du,  Kamerad?  —  Sagt  darauf  der  andere: 
Ich  bin  der  Träger  der  Wahrheit.  Und  wer  bist  denn  du,  Freund?  — 
Ich  bin  die  Falschheit  und  der  Träger  der  Falschheit.  —  Nun.  ent- 
gegnet darauf  die  Wahrheit,  dann  passen  wir  schlecht  zusammen.  — 
Warum  sollten  wir  nicht  passen?  versetzt  die  Falschheit.  Kann  man 
doch  mit  der  Falschheit  besser  auskommen  als  mit  der  Wahrheit.  — 
Das  will  ich  nicht  glauben,  meint  die  Wahrheit.  Ist  doch  der  fal- 
sche Mensch  und  eine  falsche  Seele  stets  in  Ängsten.  —  Das  sollst  du 
nicht  glauben,  entgegnet  der  Falsche,  denn  der  Unlautere  hat  weniger 
zu  türchten  als  der  Redliche.  —  Da  streiten  nun  die  beiden  über  diese 
Frage  solange  herum,  bis  sie  recht  hart  an  einander  gerieten.  Doch 
meinte  endlich  der  Falsche,  es  wäre  des  unnützen  Streites  genug  und 
weit  besser,  wenn  sie  sich  nach  einem  Nachtlager  umsehn  würden, 
ehe  es  noch  ganz  finster  geworden.  Damit  giengen  sie  auch  weiter, 
beide  in  derselben  Richtung,  wo  sie  eine  Stadt  in  der  Nähe  wahrnah- 
men. Ehe  sie  aber  noch  die  Stadt  erreichen  konnten,  wurde  es  späte 
Nacht,  so  dass  der  Träger  der  Wahrheit  zum  Falschen  gewendet 
meinte,  das  beste,  was  sie  nunmehr  tun  könnten,  wäre  hier  auf  dem 
Wege,  unterm  Kreuze  zu  übernachten,  da  sie  zu  so  später  Nachtzeit 
in  der  Stadt  kein  Obdach  finden  dürften.  Dem  Falschen  war  auch 
dies  recht.  Meinetwegen,  so  sprach  er.  können  wir  wo  immer  über- 
nachten und  sei  es  in  der  tiefsten  Hölle,  denn  ich  fürchte  mich  vor 
gar  nichts  auf  dieser  Welt!  Nun  giengen  sie  richtig  unter  das  Kreuz 
am  Wegesrande  und  legten  sich  zum  Schlafen.  —  Warte  nur,  dachte 
der  Falsche  bei  sich,  du  wirst  es  bald  zu  wissen  bekommen,  wer  von 
uns  beiden  recht  gehabt?  Schlafe  nur  schön  ruhig,  ich  werde  dich 
schon  Ichren.  dass  dir  die  Lust  vom  Wahrheittragen  vergeht!  Nach- 
dem sie  noch  eine  Weile  geplaudert,  fiel  der  (iereehte  bald  in  einen 

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I 


RECHT  UND  UNRECHT 


tiefen  Schlaf.  Nun  denkt  der  Falsche,  die  Zeit  seiner  Rache  sei  gekommen. 
Er  nimmt  sein  Taschenmesser  hervor  und  sticht  damit  dem  Schlafen- 
den beide  Augen  aus.  Nun  kjnnst  du  gehn  und  mit  deiner  Wahrheit 
den  Weg  suchen,  solange  du  willst  —  spottete  seines  Opfers  der  Fal- 
sche. I)er  Wahrhaftige  aber  entgegnete  ruhig,  dass  er  auch  geblendet 
nur  der  Wahrheit  nachhängen  und  sie  nimmer  aufgeben  werde.  Hie- 
rauf wurde  er  vom  Träger  der  Falschheit  verlassen.  Wahrheit  lag  nun 
mit  ausgeronnenen  Augen  unterm  Kreuze  und  dachte  darüber  nach, 
was  er  fortan  beginnen  solle?  Er  gienge  von  dannen,  doch  wie  soll  er 
sich  ohne  Führer  von  der  Stelle  rühren?  Ich  bleibe  noch  eine  Weile 
hier  sitzen,  so  meinte  er  schliesslich,  —  und  warte  getrost,  da  ich 
weiss,  dass  Gott  den  gerechten  Menschen  nicht  verlässt  —  Da  sassen 
zur  selben  Stunde  drei  Raben  auf  dem  Kreuze,  die  gerade  aus  ihrem 
Schlafe  erwachten.  Schläfst  du  noch,  Kamerad?  fragt  der  erste  Rabe 
den  anderen.  Ich  habe  schon  längst  ausgeschlafen,  entgegnet  der  an- 
dere. Nun  denn,  so  spricht  der  erste,  wenn  du  nicht  mehr  schlafen 
kannst,  so  könnten  wir  uns  die  Langweile  der  Nacht  mit  Gesprächen 
über  den  Weltlauf  verkürzen.  Was  sollen  wir  aber  besprechen?  fragt 
der  andere.  Die  nächste  Stadt  hier  vor  uns,  meint  der  erste.  Du  weisst 
doch  von  der  tiefen  Trauer,  die  dort  herrscht,  und  von  der  grossen 
Wassernot,  der  Ursache  dieser  Trauer?  —  Und  wie  leicht  wäre  es  ihnen 
dorf  in  der  Stadt,  der  Not  ein  Ende  zu  machen,  —  versetzt  der  zweite 
Rabe  Wenn  sie  nur  wüssten,  wie  es  auzufangen!  Vielleicht  dass  du 
darum  weisst?  —  fragt  weiter  der  erste.  Wie  sollt'  ich  es  nicht  wis- 
sen, entgegnet  der  zweite.  In  der  Mitte  jener  Stadt,  auf  dem  mit  Stei- 
nen gepflasterten  Hauptplatze  ist  ein  grosser  viereckiger  Stein.  Nur 
diesen  brauchten  sie  zu  heben  und  darunter  ein  wenig  zu  graben,  so 
hätten  sie  eine  Quelle,  die  ihnen  Wasser  im  Überflusse  spenden  könnte. 
—  Das  hört  der  arme  Blinde  unterm  Kreuze  mit  an,  —  doch  spricht 
darauf  der  andere  Rabe :  Nun  will  auch  ich  ein  Märlein  sagen.  Zehn 
Schritte  von  diesem  Kreuze  befindet  sich  ein  Brunnen,  von  dem  nie- 
mand was  weiss ;  und  doch  ist  sein  Wasser  so  heilkräftig,  dass  der 
Blinde  sich  damit  nur  ein  einzigesmal  die  Augen  zu  waschen  hat, 
wenn  er  sein  gesundes  Gesicht  znrückerhalten  will.  Da  will  zum  Schlüsse 
auch  der  dritte  Rabe  was  Neues  erzählen.  Des  Königs  Tochter,  so 
spricht  er,  ist  bereits  seit  drei  Jahren  todeskrank.  Kein  Arzt  der  Welt 
kann  ihr  helfen.  Und  doch  ist  nichts  leichter  als  ihr  Übel  zu  heilen, 
wenn  man  nur  um  das  Mittel  wüsste!  Vor  drei  Jahren  war  nämlich 
das  Mädchen  bei  der  Communion.  Nachhause  gekehrt,  war  es  ihr 
übel  und  sie  musste  sich  übergeben.  Die  heil.  Hostie  kam  dabei  auf 
die  Erde  zu  fallen,  und  eine  Kröte,  die  unterm  Bette  verkrochen  war, 
schnappte  dieselbe  auf  und  hält  sie  noch  heute  im  Munde  verborgen. 
Wenn  man  nun  diese  Hostie   dem  Tiere  entreissen  und  sie  der  Kö- 
nigstochter eingeben  würde,  so  wäre  diese  im  selben  Augenblicke  ge- 
nesen. —  Das  Gespräch  der  Raben  wurde  aber,  wie  gesagt,  vom  Blin- 
den mitangehört. 

Bei  Tagesanbruch  flogen  die  Raben  davon.  Der  arme  Blinde  aber 

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DR.  L.  KATONA 


zerbrach  sich  den  Kopf  darüber,  wie  er  den  Brunnen  finden  könnte, 
von  dem  der  zweite  Vogel  gesprochen  hatte  und  der  ihm  nach  seiner 
Überzeugung  das  Gesicht  wiedergeben  könnte.  Das  Kreuz  will  er  auch 
nicht  verlassen,  in  der  Furcht,  es  nicht  mehr  finden  zu  können. 
Da  fallt  ihm  auf  einmal  ein,  dass  er  sich  auszieh  n,  seine  Kleidungs- 
stücke zu  einem  zehn  Schritt  langen  Leitseil  zusammenbinden  und  das 
eine  Ende  desselben  ans  Kreuz  geknüpft,  am  andern  sich  festhaltend, 
den  Brunnen  aufsuchen  wird.  Gedacht,  getan!  Nachdem  er  den  Brun- 
nen in  der  besagten  Entfernung  richtig  angetroffen,  wusch  er  sich  in 
demselben  und  —  sieh  da!  er  sah  wieder  eben  so  put  wie  vor  seiner 
Blendung.  Man  kann  sich  seine  Freude  denken.  Nun  weiss  ich.  so 
sprach  er  bei  sich,  dass  die  Raben  die  Wahrheit  geredet.  Damit  klei- 
dete er  sich  an,  und  gieng  in  die  Stadt.  Da  sieht  er  die  Einwohner  in 
der  grössten  Bestürzung ;  der  eine  passt  nach  dieser,  der  andere  nach 
jener  Seile  auf.  Was  lauert  ihr  so  ungeduldig,  und  worauf  wartet  ihr 
denn  mit  solcher  Sehnsucht?  so  fragt  er  die  Bürger,  die  er  in  den 
Gassen  antrifft  —  Wir  warten  auf  ein  Wasserfass,  —  wird  ihm  zur 
Antwort,  —  denn  nicht  einmal  zum  Waschen  haben  wir  das  nötige 
Wasser.  —  Und  könnt  ihr  denn  keinen  Brunnen  graben  ?  so  fragt  wei- 
ter der  Fremde.  —  Der  könnte  sieb  bei  uns  ein  schweres  Geld  ver- 
dienen, entgegnen  die  Städter,  der  uns  einen  Brunnen  graben  könnte. 
Doch  haben  sich  schon  manche  bei  uns  damit  versucht,  ohne  auch 
nur  auf  einen  Tropfen  Wasser  zu  stossen.  —  Was  würdet  ihr  guten 
Leute  mir  wol  geben,  wenn  ich  euch  einen  Brunnen  graben  würde? 
fragt  der  Wahrhaftige.  —  0,  Freund!  Du  könnlest  kaum  so  viel  for- 
dern, dass  wir  es  dir  nicht  gerne  gäben,  wenn  du  wirklich  einen  zu 
graben  vermöchtest !  —  Ihr  sollt  keine  weitere  Sorge  haben,  meint  der 
Fremdling,  und  damit  lässt  er  sich  nach  dem  Stadl  hause  bringen,  wo 
der  Stadthauptmann  ihn  sofort  ins  Verhör  nimmt.  Wer  bist  du?  so 
fragt  ihn  der  gestrenge  Herr.  —  Ich  bin  nur  ein  armer  Wanderer, 
doch  rechtschaffenen  und  milden  Herzens,  erwidert  ihm  der  Träger 
der  Wahrheit.  —  Und  was  ist  hier  dein  Begehren?  —  Ich  will  euch 
einen  Brunnen  graben,  denn  ich  sehe,  dass  ihr  kein  Wasser  habet, 
und  infolge  dessen  die  grösste  Not  leidet.  —  Freund,  sagt  hierauf  der 
Hauptmann,  wenn  du  die  Wahrheit  sprichst  und  uns  wirklich  Wasser 
verschaffen  kannst,  so  warst  du  die  längste  Zeit  ein  armer  Teufel.  — 
Seid  getrost,  wenn  ich  einmal  sage,  dass  euerer  Not  abgeholfen  wer- 
den soll;  gebet  mir  nur  einige  Männer  zur  Aushilfe,  die  mir  beim 
Graben  beistehn  sollen.  —  Du  sollst  so  viele  haben  als  du  nur  benö- 
tigst, versetzt  der  Hauptmann.  —  Zehn  Männer  dürft'  ich  wohl  brau- 
chen, sagt  der  Wahrhaftige,  um  mit  der  Arbeit  rascher  fertig  zu  wer- 
den. —  Und  wenn  du  deren  hundert  fordern  würdest,  so  wären  sie 
dir  sofort  zur  Hand,  wenn  du  nur  einmal  begonnen.  Wo  willst  du  aber 
den  Brunnen  graben?  —  In  der  Mitte  eures  Hauptplatzes  sollt  ihr  ihn 
haben,  meint  der  gute  Mann,  damit  ihn  ein  jeder  gleich  weit  und  gleich 
nahe  habe.  -  Das  wäre  gerade  das  Hechte,  wenn  du  ihn  auf  besagter 
Stelle  graben  könntest!  —  Wenn  ich  euch  einmal  mein  Wort  gege- 


40 


ÄfcCHT  UND  UNRECHT. 


ben,  meint  der  arme  Fremdling,  so  könnt  ihr  euch  darauf  verlassen. 
Damit  geht  er  auf  den  Platz  und  sucht  die  Stelle  mit  dem  viereckigen 
Steine  auf.  Kaum  war  dieser  emporgehoben,  als  bereits  nach  einigen 
Spatenhieben  d*is  Wasser  in  einem  starken  Stral  hervorquoll  und  in 
alle  Riehl  ungen  zu  rinnen  begann  Nun  könnt  ihr  —  so  spricht  der 
Wahrhaftige  zu  den  Bürgern  —  Kanüle  für  eine  jede  Gasse  graben 
und  ihr  werdet  fortan  das  Wasser  nicht  mehr  für  teures  Geld  kaufen 
müssen.  Sein  Hat  wurde  auch  sofort  befolgt,  und  das  Wasser  rann 
ganz  lustig  in  allen  Gassen  der  Stadt,  wo  eitel  Freude  über  den  rei- 
chen Segen  herrschte.  Der  Hauptmann  Hess  nun  den  armen  Mann 
zu  sich  bestellen,  und  fragte  ibn,  was  er  lür  seinen  guten  Dienst  for- 
dere? Ihr  möget  nur  geben,  was  euch  beliebt,  —  war  die  Antwort 
des  Wahrhaftigen.  Nun,  da  hast  du  diesen  Strumpf  voll  Geldes;  dies 
sei  dein  Lohn ;  und  mit  der  Bedingung,  dass  du  das  Geld  nur  auf 
rechtem  WTege  verausgabest,  sollst  du  von  mir  immer  einen  neuen 
bekommen,  so  oft  er  leer  geworden.  Der  arme  Mann  steckt  den  Strumpf 
zu  sich,  und  nachdem  er  sich  beim  Hauptmann  schön  bedankt,  zieht 
er  seines  Weges.  Nun,  so  denkt  der  Wahrhaftige  bei  sich,  jetzt 
werd'  ich  noch  die  Königstochter  auffinden,  von  der  mein  dritter  Habe 
gesprochen.  Vielleicht  wird  auch  dieser  Spruch  sich  bewähren. 

Am  Königshofe  angekommen,  spricht  er  beim  Hofmeister  vor, 
der  ihn  nach  seinem  Begehren  fragt.  Ich  möchte  die  Tochter  des  Kö- 
nigs besuchen,  antwortet  der  Fremde.  Und  wozu  das?  fragt  ihn  der 
Hofmeister  weiter.  —  Ich  habe  gehört,  dass  sie  krank  sein  soll,  und 
ich  möchte  sie  heilen.  Sagt  darauf  der  Hrn.:  Ja  Freund,  das  meinst 
du,  giengeso  leicht!  Waren  doch  andere  und  berühmtere  Leute,  die 
ersten  Ärzte  der  Wrelt  vor  dir  mit  demselben  Vorhaben  da,  und  konn- 
ten alle  miteinander  nichts  ausrichten.  —  Doch  hat  man  sie  darum 
nicht  gehenkt,  wenn  ich  fragen  darf?  —  Da  kannst  du  ohne  Sorge 
sein,  entgegnet  der  Hofmeister,  kein  Haar  wurde  ihnen  gekrümmt, 
und  man  hat  ihnen  noch  den  doppelten  Lohn  ihrer  Mühe  ausbezalt. 
—  Nun,  dann  werden  sie  wol  auch  mich  nicht  henken,  zumal  ich 
gar  keine  Belohnung  heische  sondern,  recht  gern  mit  dem  zufrieden 
bin,  was  man  mir  nach  Belieben  der  königlichen  Eltern  zu  spenden  für 
gut  finden  wird.  —  Wolan  denn,  so  spricht  der  Hofmeister,  —  hab' 
ich  doch  mehr  als  einmal  gehört,  dass  mancher  Bauer  mehr  weiss, 
als  viele  von  den  studierten  Herrn  Damit  giengen  sie  zum  König  hin- 
ein. Der  Hofmeister  meldet  der  Majestät,  es  wäre  ein  Mann  vor  der 
Türe,  der  sich  anheischig  macht,  die  Königstochter  zu  kurieren  Dem 
König  wäre  keine  Nachricht  willkommener  gewesen,  auch  wurde  der 
Fremde  sofort  hereinbestellt.  —  Was  bist  du  denn?  guter  Mann,  so 
fragt  ihn  der  König.  —  Ich  bin  nur  ein  armer  W'anderer,  Herr,  doch 
ohne  Falschheit  und  guten  Herzens.  —  Was  ist  deines  Kommens 
Zweck?  -  Ich  möchte  mit  Ew.  Majestät  gnädiger  Erlaubnis  Ihre 
Tochter  heilen.  —  Wie  sollte  ich  dies  nicht  erlauben?  entgegnet  der 
König,  —  wenn  du  es  nur  fertig  bringen  könntest !  Kostet  mich  doch 
diese  Krankheil  meiner  Tochter  mehr  als  eine  Million!  —  Nun  dann, 


HerTmmn,  Kihnologi.che  Mittelungen.  41 


4 


DR.  L.  KATOKA 


Majestät  und  gnädiger  Vater,  -  sagt  der  arme  Mann,  —  dann  möge 
man  mich  zur  Prinzessin  hinein  führen ;  mit  (ioltes  Hilfe  hoffe  ich 
sie  zu  heilen.  —  Man  führt  den  armen  Mann  sofort  zur  Königstoch- 
ter. Er  sieht  die  Kranke  an,  die  schon  so  trocken  und  ausgezehrt  im 
Bette  aussah,  wie  das  Bild  des  heil.  Johannes  in  Suczawa.  Der  Fremd- 
ling schickt  nun  die  HofTräulein  aus  dem  Zimmer,  und  als  sie  fort 
waren,  hob  er  unter  dem  Bette  eine  Diele  auf,  fand  unter  derselben 
die  von  den  Raben  besagte  Kröte,  und  in  deren  Maule  die  Hostie. 
Kaum  hatte  die  Königstochter  die  Hostie  verschluckt,  so  reckte  und 
streckte  sie  sich  im  Bette,  dass  ihr  alle  Glieder  krachten,  und  wollte 
gleich  aufstehn.  Dies  musste  sie  aber  für  eine  Weile  noch  bleiben  las- 
sen, da  sie  von  der  Krankheit  sehr  entkräftet  war.  Dann  verlangte  sie 
aber  sofort  etwas  zu  essen,  was  ihr  auch  ohne  Aufschub  gewährt  wurde; 
und  sie  ass  mit  einem  Appetit,  der  den  König  in  gross tes  Staunen 
versetzte.  Nachdem  sie  etwas  zu  sich  genommen,  war  sie  schon  soweit 
gestärkt,  dass  sie  im  Bette  sitzen  konnte.  Auch  sagte  sie,  dass  ihr 
eigentlich  gar  nichts  mehr  fehle,  nur  dass  sie  noch  zu  schwach  sei, 
um  gehn  zu  können.  Der  König  meinte,  dies  wäre  kein  so  grosses 
Übel  mehr,  dass  sich  durch  kräftige  Nahrung  nicht  bald  beseitigen 
Hesse.  Darauf  führte  er  den  armen  Mann  mit  sich,  und  fragte  ihn, 
was  er  wol  für  seinen  Dienst  fordere?  Dieser  gab  zur  Anlwort,  man 
möge  ihm  geben,  was  man  eben  will,  ihm  sei  alles  recht.  Da  gab  ihm 
der  König  einen  Strumpf  voll  Geldes,  und  sagte:  er  möge  nur  das 
(ield  ruhig  und  unbekümmert  ausgeben,  und  wenn  es  alle  wäre,  so 
kann  er  wann  immer  bei  ihm  vorsprechen ;  für  den  Fall,  dass  seine 
Tochter  ihre  Gesundheit  wirklich  wiedererlangt,  soll  er  für  seine  Le- 
benszeit reichlich  versorgt  sein.  —  Der  Fremde  gieng  mit  bestem  Danke 
aus  dem  Hause  des  Königs  und  zog  weiter. 

Draussen  vor  dem  Staditore  trifft  er  mit  dem  Falschen  zu- 
sammen, der  ihn  seines  Augenlichtes  beraubt  hatte.  Sie  erkannten  ein- 
ander sofort,  und  nach  gegenseitiger  Begrüssung  hub  der  Wahrhaf- 
tige zum  Falschen  gewendet  an:  Nun,  siehst  du,   dass  ich  dennoch 
recht  gehabt,  und  dass  du  falsche  Seele  mir  umsonst  die  Augen  aus- 
gestochen, da  ich  heute  eben  so  gut  sehe  wie  ehedem.  Was  hast  du 
aber  unterdessen  mit  deiner  Falschheit  gewonnen?  Ich  habe  mir  un- 
terdessen diese    zwei  Strümpfe  voll  Geldes   verdient.  —  Und  wie 
denn?  fragte  ihn  der  Falsche.  Da  berichtet  nun  der  Wahrhafiigc  den 
ganzen  Hergang  von  dem  Gespräche  der  Haben  und  das  Weilen».  — 
Warle  nur,  denkt  sich  der  Falsche,  wenn  ich  zum  K reize  gehe  und 
den  Haben  erzähle,  wie  du  ihrem  Gespräche  gelauscht,  werden  sie  es 
dir  schon  heimzahlen.  So  tat  er  auch,  und  traf   die  drei   Vögel  ge- 
rade zur  Zeit,  wo  sie  aus  ihrem  Schlafe  erwachend,  ein  Gespräch  an- 
knüpfen wollten.  Sagt  der  eine  zum  andern:   Höre,  mein  Kamerad, 
neulich  sprachen  wir  da  über  so  manches,  und  wurden  dabei  belauscht, 
wie  ich  daraus  entnehme  dass  man  in  der  nahen  Siadt  bereits  keine 
Not  mehr  am  Wasser  leidet.  Jetzt  wollen   wir  vorsichtig  sein  und 
schweigen,  denn  es  könnte  uns  wieder  ein  unwillkommener  Horcher 


42 


RECIIT  UND  UNRECHT. 


aufpassen.  Daraufhin  fliegt  einer  von  den  Raben  vom  Kreuze  herab, 
und  bemerkt  unter  demselben  einen  Menschen.  Holla!  Kameraden,  so 
ruft  er,  da  ist  der  Schuft,  der  uns  neulich  belauscht  hat  und  jetzt 
wieder  aushorchen  möchte!  Damit  werfen  sich  die  drei  Raben  wütend 
auf  den  Falschen,  zersausen  und  zerfetzen  ihn  in  so  viele  tausend 
kleine  Stücke,  dass  man  heute  überall,  wo  man  nur  hinblickt,  nichts 
als  Falsches  und  Falschheit  sieht.  Wer  es  nicht  glauben  will,  der  kann 
sich  davon  überzeugen,  wenn  er  nur  die  Augen  aufmacht;  überall  wird 
ihm  die  Falschheit  in  der  Welt  entgegentreten. 

(Aufgezeichnet  von  Dominik  Zsid6  in  Hertelendyfalva  aus  dem 
Munde  von  Csangö-Magyaren  die  aus  der  Bukowina  in  den  80-er 
Jahren  nach  Südungarn  repatriiert  worden  sind.  Herr  Zsidö,  königl. 
Zollamtscontrollor  in  Pancsova,  hat  sich  als  Betrauter  der  Regierungs- 
commission erhebliche  Verdienste  um  die  südungarischen  Csängö-An- 
siedlungen  erworben,  und  auf  Anregung  des  Herausgebers  dieser  Zeit- 
schrift die  günstige  Gelegenheit  zur  Aufzeichnung  wertvollen  folkloris- 
tischen Materials  fleissig  benutzt,  das  er  den  Ethnol.  Mitt  zur  Verfü- 
gung zu  stellen  die  Güte  hatte.) 

(Schhws  folgt.) 


Ethnographie.  Ethnologie.  Folklore.  *) 

Von  L.  Katona. 

(Auszug  aus  einem  Vortrage,  gehalten  in  der  Sitzung  der  Gesellschaft  für  die  Völ- 
kerkunde Ungarns  am  11.  Janaar  1890.) 

Es  ist  eine  in  der  Geschichte  der  Wissenschaften  sich  oftmals 
wiederholende,  sozusagen  reguläre  Erscheinung,  —  weil  sie  zugleich  eine 
Folge  das  natürlichen  Ganges  der  Entwickelung  des  menschlichen  Gei- 
stes ist,  —  dass  neue  Wissenschaftszweige  gezwungen  sind  eine  Zeit  lang 
um  ihre  Existenz  zu  kämpfen.  Oder,  da  es  —  nach  der  sehr  richtigen 
Bemerkung  von  Wundt,  —  neue  Wissenschaftsfächer  im  strengsten 
Sinne  des  Wortes  nicht  gibt,  so  können  wir  berechtigterweise  nur 
sagen,  dass  die  neuen  Richtungen  der  wissenschaftlichen  Untersuchung 
so  lange  als  Schosslinge  eines  altern  Stammes  treiben  und  wachsen, 
bis  sie  genügende  Kraft,  und  Lebensfähigkeit  erlangt  haben,  um  sich, 
von  ihrem  Stamme  getrennt,  selbständig  fortzuentwickeln,  und  dann 
oft.  wieder  Stämme  für  neue  Schosslinge  abzugeben. 

So  sehen  wir,  dass  —  teils  schon  im  vorigen  Jahrhunderte,  teils 
erst  in  diesem  —  die  verschiedenen  Philologien  sich  eine  selbständige 
Existenz  erobert  haben.  Und  ehe  diese  Lehrsysteme  auch  nur  halbwegs 
dazu  gekommen  sind,  das  auszubauen,  wozu  ihre  in  mancher  Hin- 
sicht verfehlten,  weil  auf  einer  incohaerenten  Grundlage  aufgeführten 
Baugerüste  dienen  sollten,  —  geraten  sie  bereits  auf  zwei  verschiede- 
nen Seilen  in  Grenzstreitigkeiten:  auf  der  einen  Seite  mit  der  von 

*)  S.  Ethnograpbia,  I.  8.  69.  ff. 

43  4* 


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DR  L.  KATONA 


ihnen  sich  mehr  und  mehr  loslösenden  und  immer  selbstständiger  wer- 
denden Sprachwissenschaft,  auf  der  anderen  Seite  mit  der  Ethnologie. 
Die  letztere  entwickelte  sich  anfangs  in  einem  engeren  wechselseitigen 
Verhaltnisse  mit  der  Geographie  und  Geschichtskunde,  und  trat  dann  auf 
halbem  Wege  zu  der  aus  der  Anatomie  und  Biologie  erwachsenen 
Anthropologie  in  nähere  Beziehung.  So  schwankte  sie  an  der  Grenze 
der  Naturwissenschaften  im  engeren  Sinne,  und  der  sogenannten  Gei 
steswissenschaften,  und  neigte  sich  bald  der  einen,  bald  der  andern 
Seite  zu,  je  nachdem  ihre  jeweiligen  Pfleger  der  einen  oder  der  ande- 
ren Schule  angehörten. 

Die  Frage  über  die  Zugehörigkeit  der  Ethnologie,  über  ihren 
eigentlichen  Gegenstand  und  damit  im  Zusammenhange  die  Frage  über 
die  von  ihr  zu  befolgende  Methode  ist  umso  verwickelter,  je  grösser 
die  Meinungsverschiedenheiten  sind  über  die  Aufgabe  und  das  Gebiet 
jener  ßisciplinen,  welche  mit  der  selbst  noch  fraglichen  Ethnologie 
teils  eng  benachbart  sind,  teils  sogar  den  gleichen  Gegenstand  behan 
dein.  Über  Begriff  und  Zweck  der  Philologie  hat  von  WolfT  angefan- 
gen bis  Gröber  jeder  wirklich  beachtenswerte  Philologe,  den  wir  da- 
rüber befragen,  seine  eigene  Meinung  Es  ist  wieder  eine  Bemerkung 
Wundts,  dass  die  Sprachforscher  über  das  Verhältnis  ihres  Gegen- 
standes zu  den  übrigen  Gegenständen  der  historischen  Forschung  durch- 
aus nicht  im  Klaren  seien,  so  unzweifelhaft  bestimmt  auch  der  Gegen- 
stand ihrer  Untersuchungen  erscheinen  möge  Schuchardt  *)  glaubt, 
dass  die  Sprachwissenschaft  überhaupt  zu  keinem  scharf  umrissenen 
und  unzweideutigen  Begriffe  von  ihrer  Stellung  im  Kreise  der  übrigen 
Wissenschaften  gelangen  könne,  ehe  sie  sich  von  den  Namen  der  „Phi- 
lologie" befreit,  der  seiner  Meinung  nach  die  Verwirrung  nur  ver- 
grössert. 

Wenngleich  nun  bezüglich  ihres  Gegenstandes  die  Anthropologie 
wenigstens  in  derselben  glücklichen  Lage  ist,  wie  die  Sprachwissen- 
schaft, insoweit  an  dieselbe  keine  Zweifel  hinanreichen  können.  — 
so  sind  schon  darüber,  ob  die  Gesammtheit  der  an  diesem  Geg  'nslandc 
beobachtbaren  Ercheinungen,  oder  nur  ein  Teil  derselben  in  ihr  For- 
schungsgebiet gehöre,  Meinungsverschiedenheiten  möglich,  und  in 
Wirklichkeit  auch  vorhanden;  sowie  auch  darüber,  wie  weit  diese 
Wissenschaft  den  Mensehen  auf  dem  Wege  seiner  historischen  Ent- 
wicklung zu  verfolgen  habe.  Hier  stossen  wir  al^o  schon  wieder  auf 
Controversen,  welche  jene  bezüglich  der  Ethnologie  von  uns  aufge- 
worfenen Fragen  immer  mehr  verwickeln. 

Unseren,  auf  eine  Lösung  dieser  Fragen  abzielenden  Bestre- 
bungen verspricht  nur  ein  Versach  Erfolg.  Er  besteht  darin,  dass 
wir  einerseits  von  dem  gegenseitigen  Verhältnisse  ausgehen,  welches 
zwischen  den  Gegenständen  der  hiseiplin  und  den  Arten  der  Bei  räch - 
hing  derselben  besteht,  andererseits  von  den  Merkmalen  des  allgemei- 
nen Begriffes  der  Wissenschaft,  und  so  die  Stelle  der  Ethnologie  in 

•)  II.  Schuchardt,  Ühor  dio  LnutßCSftz-.  Berlin  1885.  S.  37. 

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ETHNOGRAPHIE,  ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


dem  Systeme  der  Wissenschaften  zu  bezeichnen  trachten,  wenn  aus 
den  eben  angeführten  Gesichtspunkten  ihr  Recht,  als  eine  selbstständige 
Wissenschaft  zu  gelten,  überhaupt  erweislich  ist. 

Wir  wollen  aber  keineswegs  in  den  bei  der  Definition  von  Wis- 
senschaftszweigen oft  begangenen  Fehler  verfallen,  und  werden  uns  des- 
halb wol  hüten,  den  Begriff  der  Ethnologie  einfach  aus  dem  Namen 
derselben  abzuleiten,  so  wie  das  ja  mit  der  Philologie  schon  zu  öfte- 
ren Malen  geschehen  ist.  *)  Wir  werden  das  aber  im  gegenwärtigen 
Falle  auch  schon  deshalb  nicht  tun,  weil  das  den  Gegenstand  unserer 
Disciplin  bezeichnende  Wort.,  nämlich  ethnos,  selbst  zu  jenen  Worten 
von  Zeit  zu  Zeit  und  beinahe  von  Volk  zu  Volk  wechselnden  Sinnes 
und  daher  fortwährend  schwankender  Deutung  gehört,  und  unsere  De- 
finition somit  auf  sehr  schlüpfrigem  Boden  sich  befände,  wenn  wir  die- 
selbe auf  dieser  Basis  aufbauen  würden.  Nichtsdestoweniger  dürfen  wir 
bei  der  Feststellung  dieses  Begriffes  den  historischen  Standpunkt  neben 
dem  rein  logischen  nicht  vollständig  ausser  Acht  lassen  Und  zwar  des- 
halb nicht,  weil,  so  wechselnd  wir  auch  den  Begriff  dieses  Wortes  im 
Lpufe  der  Zeiten  finden,  wir  dennoch  sicherlich  auf  die  Spur  eines 
gemeinsamen  Merkmales  slossen  werden,  das  sich  gleichsam  wie 
ein  roter  Faden  durch  all  die  wechselnden  Bedeutungen  hindurch- 
zieht, und  das  uns  ein  wertvoller  Führer  auf  unserem  weiteren  Wrege 
sein  kann.  Das  griechische  Wort  i  &vn$  führt  -  nach  der  annehmbar- 
sten Etymologie  desselben  —  nach  Wegnahme  des  darin  klar  erkenn- 
baren Suffixes  vog  zu  der  Wurzel  i&  (das  ältere  aFe£,  die  wir  auch 
in  den  Worten  os,  ij&-og  (Sitte,  Gewohnheit),  iH9eto-$  (traut),  et-iod-a 
(bin  gewohnt),  f£-i£-w  (gewöhne)  leicht  wiedererkennen.  Diese  Wurzel 
gehört  gemäss  den  Zusammenstellungen  von  Curtius  (Grundzüge  der 
griech.  Etymologie  251,  4.  Auflage)  in  dieselbe  Familie  mit  den  fol- 
genden Worten :  sanskrit  svadhd  (Wille,  Kraft,  anu  svadhä-m  nach 
Gewohnheit)  gotisch  sid-us,  althochdeutsch  sit-u  (Sitte),  gotisch  sidön 
(üben),  ferner  lateinisch  sue-sc-o,  sue-tu-s,  consuc-tu-do;  das  Sanskrit- 
wort sva-dhä  weist  aber  nach  der  Annahme  von  Kuhn  (Zeitschr.  II, 
134  u.  ff.)  auf  die  Grundbedeutung  „eigenes  Tun,"  durch  eine  Zerle- 
gung in  seine  Elemente  sva  {=  griech.  f ,  lat.  se)  dha  (=  griech. 
te,  deutsch  tu-n.).  Curtius,  der  diese  Hypothese  Kuhn's  aeeeptiert, 
und  deren  beste  Bekräftigung  in  jenen  lateinischen  Worten  findet.,  die 
hieher  gehören  und  ohne  Zuhilfenahme  einer  anderen  Wurzel,  direct 
von  dem  Pronomen  suu-s  abgeleitet  werden  können,  -  sagt  im  Zu- 
sammenhange mit  der  obigen  etymologischen  Zusammenstellung  :  „  Wie 
könnte  die  Sitte  treffender  bezeichnet  werden,  denn  als  eigenes  Tun, 
eigenes  Halten  eines  Volkes  ?u  Das  griechische  t-Sog  entspricht  demge- 
mäss  dem  Worte  Sitte  nicht  nur  der  Bedeutung  nach,  sondern  stammt 
auch  von  derselben  Wurzel,  oder  —  um  genauer  zu  sprechen  —  von 
denselben  zwei  Wurzeln,  wie  das  deutsche  Wort,  und  auf  dieser  Ba- 


•)  Vgl.  z.  B.  die  Bestimmung  des  Begriffes  der  Philologie  als  „die  Wissen- 
schaft  vom  iöyo?"  bei  Gröber.  (Grundr.  d.  roman.  Philol.  I,  146.  8.) 

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DR.  L.  RATÜNA 


sis  können  wir  auch  als  ursprüngliche  Bedeutung  des  Wortes  t&vog: 
„eine  Anzahl  von  Menschen  mit  denselben  Lebensgewohnheiten  und 
einer  Sitte14  annehmen.  Jedenfalls  ergibt  sich  aus  diesem  Worte  ein 
tieferer  und  in  unserer  weiteren  Betrachtung  noch  in  Rechnung  zu 
ziehender  Begriff,  der  den  wesentlichen  Merkmalen  des  Begriffes  Volk 
viel  näher  kömmt,  als  das  lateinische  populus  und  plebs  und  das  alt- 
slavische  pluku  (turba,  populus).  und  pleme  (tribus).  zu  welcher  Fa- 
milie auch  das  deutsche  Wort  Volk,  (althochdeutsch  fol,  folo)  gehört, 
und  als  deren  Basis  blos  die  Vorstellung  „Menge,  Viele"  dient.  (S. 
Curtius  1.  c  277.).  Die  griechischen  Worte  laog.  dt;u(K  bedeuten  eben- 
talls  „FoffcV  und  ist  die  Verwandtschaft  des  ersteren  mit  dem  Worte 
„Leute"  (ahd.  Hut,  populus,  pl. .  liuti,  Leute)  und  dem  altslavischen 
ljudn  in  die  Augen  fallend,  über  die  Grundbedeutung  der  Wurzel  herrscht 
jedoch  bisher  Dunkel.  (S.  Curtius  I.  r.  H64.)  Bezüglich  des  Wortes 
d-üjuoc  dürften  die  beiden,  sich  nahe  berührenden  Meinungen  von  Hugo 
Weber  (Etymologische  Untersuchungen,  Halle  1861.  I.  8.)  und  Fielet 
(Les  Origines  Indoeuropöennes  ou  los  Aryas  primitifs.  Paris  1859, 
1863;  II.  390.)  dennoch  nicht  ganz  zu  verwerfen  sein,  wenn  auch 
Curtius  (1.  c  231.)  sie  für  falsch  hält,  hauptsächlich  wegen  des  häu- 
figen Gebrauches  dieses  Wortes  bei  Homer  mit  der  Bedeutung  „Land," 
„Continent"  (also  „das  Zusammenhängende1');  denn  mit  dieser  Bedeu- 
tung steht  die  auf  die  ursprüngliche  Vorstellung  „der  enger  Zusam- 
mengehörenden* zurückführende  Etymologie  des  Wortes  d?jiog  durch- 
aus in  keinem  unversöhnlichem  Widerspruche.  Wenn  das  griechische 
Wort  l\%'0(;  auf  eine  der  bedeutsamsten  Folgen  des  Zusammenlebens 
hinweist,  so  weist  auch  das  in  seiner  Herleitung  ganz  klare  lat. 
gens  und  natio,  auf  den  allerursprünglichsten  Grund  des  Zusammen- 
haltens eines  Volkes,  nämlich  auf  die  gemeinsame  Abstammung.  (Ebenso 
das  gleichbedeutende  magyarische  Wort  nemzet,  welches  offenbar  nach 
dem  Muster  eines  dieser  beiden  Worte,  wahrscheinlicher  nach  dem  des 
ersteren  gebildet  ist.)  Wenn  wir  schliesslich  an  das  ungarische  Wort 
hSp  erinnern,  und  uns  einstweilen,  in  Ermangelung  einer  plausibleren, 
der  Etymologie  von  Budenz  anschliessen  (Magyar-ugor  összehasonlitö 
szötär  402.),  so  sehen  wir  in  der  Bedeutung  desselben:  „homines  ut- 
riusque  sexus"  —  Menschen  beiderlei  Geschlechtes,  -  durchaus  keinen 
characteristischeren  Zug,  als  in  den  lat.  Worten  plebs  und  populus. 

Aus  unserer  bisherigen  Untersuchung  können  wir  soviel  ersehen, 
dass  in  den  einzelnen,  characteristischere  Züge  zeigenden  Fällen  zu- 
meist die  Vorstellungen  des  „ Zusammengehörens, v  der  „gemeinsamen 
Abstammung",  der  „gemeinsamen  Lebensgewohnheiten",  der  „gleichen 
Sitten"  jene  sind,  welche  auf  einer  gewissermassen  schon  entwickel- 
teren Kulturstufe  als  die  bezeichnenden  Merkmale  des  Begriffes  „Volk", 
oder  besser  gesagt  der  „Zugehörigkeit  zum  Verbände  eines  Volkes" 
betrachtet  werden;  während  die  für  eine  niederere  Stufe  zeugenden 
Benennungen  noch  keine  Spur  einer  eingehenderen  Analyse  zeigen,  son- 
dern nur  auf  die  Vorstellung  der  „Menge,"  „Masse,"  hinweisen,  in- 
dem hier  diese,  eines  jeden  präciseren  Merkmales  entbehrende  Vorstel- 


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ETHNOGRAPHIE.   KTHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


lung  noch  genügend  erscheint  zur  Bezeichnung  desselben  Begriffes, 
oder  gar  eines  noch  weiteren  Begriffes,  entsprechend  der  unbestimmte- 
ren Begrenzung  des  Ausdruckes. 

Bevor  wir  an  die  genauere  Feststellung  des  Begrifles  .Volk", 
und  aul  Basis  desselben  an  eine  regelrechte  Definition  der  Aufgabe 
und  des  Forschungsgebietes  der  Ethnologie  herangehen,  wollen  wir  we- 
nigstens in  Kürze  jene  vereinzelten  Versuche  betrachten,  die  bis  in  die 
neueste  Zeit  getan  wurden,  um  den  noch  dämmerigen  Begriff  des  Volks- 
tums zum  Gegenstande  wissenschaftlicher  Untersuchung  zu  machen,  und 
im  Anschluss  an  diesen  Bückblick  wollen  wir  des  Weiteren  auf  jene 
bereits  zielbewusslere  und  systematischere  Bewegung  in  den  letzten 
Üecennien  unseres  Jahrhunderies  hinweisen,  die  sich  zur  Bezeichnung 
ihres  Untersuchungsobjectes  und  zugleich  mit  Betonung  ihrer,  von 
mancher  Seite  noch  immer  bestrittenen  Berechtigung  zu  selbständiger 
Existenz,  bald  des  Namens  der  Ethnographie,  oder  der  Ethnologie,  bald 
auch  des  englischen,  in  jüngster  Zeit  gemeingiltig  gewordenen  Wortes 
folklore  bedient. 

Die  beiden  kultiviertesten  Volker  des  Altertumes,  die  Griechen  und 
die  Kömer,  denen  doch  hinreichende  Gelegenheit  geboten  war,  solche 
Völker  beobachten  zu  können,  die  von  ihnen  an  Stammescharacter, 
Sprache,  Lebensgewohnheiten  und  Sitten  verschieden  waren,  haben  auf 
diesem  Gebiete  eine  merkwürdige  und  höchst  bedauernswerte  Gleich- 
giltigkeit  gezeigt.  Als  lobenswerte  Ausnahme  kann  allenfalls  nur  Hero- 
dol  erwähnt  werden,  dessen  IV.  Buch  —  neben  der  im  10-ten  Ab- 
schnitte der  Genesis  enthaltenen  semitischen  (?)  Tradiiion,  und  den 
hierher  gehörigen  einzelnen  Daten  der  aegyptischen  und  assyrisch- 
babylonischen Denkmäler,  ferner  neben  den  wenigen  zerstreuten  Be- 
merkungen des  Ktesias,  Hippokrates,  Aristoteles,  und  aus  späterer  Zeit 
des  Vilruv,  Strabo,  Julius  Caesar  und  Tacitus,  —  das  Wertvollste  ist, 
was  das  Altertum  uns  an  ethnographischen  Daten  aulbewahrt  hat.  Bis 
zu  den  letzten  zwei  Jahrhunderten  des  Mittelalters  kam  man  trotz 
der  Kreuzzüge  diesbezüglich  nicht  viel  weiter  über  das  hinaus,  was 
man  aus  den  zumeist  missverstandenen,  oder  überhaupt  unverstande- 
nen Angaben  des  biblischen  Völkerstammbaumes  herausbuchstabieren 
konnte.  Plan  Carpin  (um  die  Mitte  des  XUI-ten  Jahrhunderts)  und 
ein  wenig  später  Marco  Polo  brachten  überraschende  Nachrichten  von 
dem  mongolischen  Stamme  und  dessen  eigentümlicher  Civilisation  nach 
Westeuropa.  Doch  machte  erst  die  grosse  Bewegung  der  Kirchenreforma- 
lion,  Hand  in  Hand  mit  der  Wiedererweckung  der  Wissenschaften  und 
Künste  und  in  ihrem  Gefolge  die  gesellschaftliche  und  ökonomische 
Umwälzung,  welche  die  Entdeckungen  und  Erfindungen  hervorriefen,  — 
in  dem  so  plötzlich  erweiterten  Gesichtskreise  unter  anderem  auch  eine 
von  neuen  Gesichtspunkten  ausgehende  Untersuchung  des  Menschen 
und  Menschlichen  möglich. 

Beim  Wühlen  nach  alten  Münzen  und  Meilensteinen  stösst  der 
Spaten  hie  und  da  aul  riesige  Knochen  und  Petrefacte;  anfangs  hält 
man  die  seltsamen  Funde  natürlich  für   Reliquien  der  biblischen  Rie- 


DR.  L.  KATONA 


senvölker  Gog  und  Magog.  oder  gar  für  launenhafte  Naturspiele:  aber 
was  verschlägt  es?...  dem  kindlichen  Irrtume  folgt  die  allmälig  auf- 
dämmernde Ahnung  des  Richtigeren,  und  hierauf  die  Erkenntnis  der 
Wahrheit.  Aus  der  freiwilligen  Berührung  der  Archaeologie  mit  den 
Naturwissenschaften  entwickelt  sich  die  Palaeontologie,  die  dem  For- 
scher auch  in  das  Dunkel  der  vorgeschichtlichen  Zeiten  hinein  einen  Leit- 
faden bietet,  und  die  Vergangenheit  der  Menschheit  weit  zurück,  bis 
in  Zeiten,  in  welche  die  Gedenkbücher  und  Traditionen  unseres  Ge- 
schlechtes nicht  mehr  reichen,  aus  der  Rinde  der  Erde  herausbuch- 
stabiert. Die  im  Dienste  der  Medizin  erst  nur  verborgen,  dann  aber 
immer  freier  sich  entwickelnde  Anatomie  enthüllt  den  wunderbaren 
Organismus  des  menschlichen  Leibes  und  findet  auch  die  Fäden,  ver- 
mittelst welcher  der  Mensch  mit  den  Wesen  niederer  Gattung  in  ein 
verwandtschaftliches  Verhältnis  zu  bringen  ist.  Die  Anthropologie  im  Verei- 
ne mit  der  innerhalb  der  Geographie  sich  heranbildenden  Ethnographie 
gelangte  endlich  zu  den  ersten  Versuchen  einer  Einteilung  unserer  Art 
in  Rassen.  (Blumenbach:  De  generis  humani  varietate  nativa.  Göttin- 
gen 1776.).  Auch  die  Sprachwissenschaft,  die  es  in  der  Zwischenzeil 
in  dem  Lehrsysteme  der  Philologie  zu  einer  gewissen  Selbständigkeit 
gebracht  hatte,  trägt  dazu  bei,  jenes  Gewölke  zu  verteilen,  welches 
die  Urzeit  des  Geisteslebens  der  Menschheit  bedeckt.  Der  sich  immer 
mehr  vertiefenden  geschichtsphilosophischen  Auflassung  kömmt  auch  die 
der  französischen  Revolution  folgende  Rcaction  zu  Gute:  den  auf  den, 
als  Übergangsstufe  wol  notwendigen,  aber  seichten  und  sterilen  Ratio- 
nalismus folgt  als  ebenso  notwendiger  Rückschlag  der  Romanticismus, 
der  bei  den  aul  ihre  nationale  Selbstständigkeit  eifersüchtig  gewordenen 
Völkern  ein  wärmeres  Interesse  für  ihre  eigene  Vergangenheit  erweckt, 
dem  die  Wertschätzung  ihres  ursprünglichen  Charakters  und  das  Be- 
streben folgt,  die  Entwicklung  dieses  Charakters  aufzuklären  und  zu 
verstehen. 

In  der  Romantik  wurzelt  auch  jenes  allgemeinere  Interesse  für  die 
älteren  und  neueren  Äusserungen  des  Volksgeistes,  welches  in  Deutsch- 
land hauptsächlich  mit  den  Namen  der  Brüder  Grimm,  („Kinder  und 
Hausmärchen1*  I.  1812,  II.  1815,  III  1822.  „Deutsche  Sagen"  1816  — 
1818.  .Deutsche  Rechtsalt crlümer'  1828., Deutsche  Mythologie"  1835  ), 
—  in  England  aber  mit  dem  mächtigen  Einfluss  Walter  Scotts  auf 
den  Zeitgeist  eng  verllochlen  ist.  („Minstrelsy  ol  the  Scoltish  Border" 
1802 — 3.).  Den  Brüdern  Grimm  gieng  Herder  voran  („Stimmen  der 
Völker  in  Liedern"  mit  dem  ursprünglichen  Titel  „Volkslieder"  1778 
—79  ),  während  Scott  in  Percy  einen  Vorgänger  hatte,  der  in  sei- 
nen rReliques  of  Ancient  English  Poctry"  (1765.)  zum  eigentlichen 
Führer  und  Wegweiser  für  alle  bald  nachfolgenden  Sammler  und 
Ordner  der  „ populär  antiquities"  wurde.  Es  ist  wol  wahr,  dass  die- 
ses Interesse  anfangs  und  auch  später  noch  ziemlich  lange  grösstenteils 
ein  rein  belletristisches  war,  und  sich  besten  Falles  in  philologischem 
Geiste  äusserte.  Deshalb  zeigte  sich  anfangs  zumeist  nur  in  dem  Sam- 
meln der  mündlichen  Volkstradition  eine  erfreuliche  Geschäftigkeit,  doch 

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ETHNOGRAPHIE.  ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


war  man  vorläufig  noch  weit  davon  entfernt,  die  eigentlichen  Quellen 
des  Volksglaubens  an  richtiger  Stelle  zu  suchen  und  die  Bedeutung 
seiner  Überreste  nach  Gebühr  zu  würdigen.  Kein  Wunder,  wenn  der 
litterarische  und  der  romantisch  angehauchte  philologische  Dilletanlis 
mus  sich  eine  erstaunliche  Menge  von  Fehlschlüssen  zu  Schulden  kom- 
men lässt,  und  besonders  in  der  Verwertung  der  Märchen  und  Sagen 
für  die  Reconstruclion  der  verwitterten  Mythensysleme  sowol  der  al- 
ten wie  der  neueren  Völker  einen  beinahe  noch  grösseren  Aulwand 
dichterischer  Phantasie,  als  gediegener  und  von  keiner  Voreingenom- 
menheit bestochener  Gelehrsamkeit  geleistet  hat.   Hiezu  kömmt  noch 
die  auf  etymologische  Kunstgriffe  gestützte  mythologische  Theorie  der 
Romantiker  in  der  Sprachwissenschaft,  wie  ich  sie  alle  nennen  möchte, 
die  bei  der  grossen  Gefälligkeit  und  allgemeinen  Beliebtheit  ihrer  My- 
thendeutungen nur  zu  oft  den  augenfälligen  Fehler  begehn,  dass  sie  in 
ihren  geistreichen  Erklärungen  mit  ihrer  eigenen  dichterischen  Divi- 
nation  und  manchmal  sogar  mit  den  unbewussten  Folgerungsdisposi- 
tionen ihrer  wissenschaftlichen  Bildung  den  mythenbildenden  Urmen- 
schen aufs  verschwenderischeste  bedenken.  (Adalbert  Kuhn,   F.  L. 
W.  Schwartz,  Max  Müller,  Georg  Cox,   A.  Gubernatis  u.    s.  w.) 
Die  Richtigstellung  dieses  Irrtumes  verdanken  wir  zum  Teile  Ben- 
fey  und  den  mit  wahrem  Ameisenfleisse  arbeitenden  Forschern,  die 
seiner  Initiative  gefolgt  sind    (Felix  Liebrecht,  Reinhold  Köhler,  H. 
Oesterley,  D.  Comparetti,  A.  Wesselofsky,  E.  Cosquin,  u.  s.  w)  Diese 
haben  die  Wanderung  und  den  gegenseitigen   Austausch  der  münd- 
lichen Volksüberlieferung  von  Schritt  zu  Schritt  verfolgt,  und  ha- 
ben  in   ihren  mühseligen  und  eine  ausserordentliche  Sachkenntnis 
erlordernden  Werken  nachgewiesen,  dass  die  meisten  als  mythologische 
Quellen  ausgebeuteten  Märchen,  ja  selbst  ein  gut  Teil  der  localisierten 
Sagen  aus  der  Litteratur  solcher  Völker  übernommen  sind,  die  eine 
vollständig  andere  Weltanschauung  haben  oder  hatten,  —  und  oft  nicht 
einmal  aus  der  volkstümlichen,  sondern  geradezu   aus  der  KunstWi- 
teratur  dieser  Völker.  Diese  Sagen  sind  also  in  der  Überlieferung  des 
Volkes,  das  sie  aufgenommen  hat,  ein  Material  ohne  jeden  organischen 
Zusammenhang,  und  können  solchermassen  kaum  zur  Aufklärung  der 
Vorstellungen  des  Volksglaubens  beitragen.  Andererseits  brachte  das,  aus 
den  sich  immer  mehrenden  Tatsachen  der  Anthropologie  und  Ethno- 
logie geschöpfte  Räsonnement,  bezüglich  der  Erforschung  der  volks- 
tümlichen Überlieferungen  jene  bessere  Einsicht,  die  —  nicht  eben  ganz 
zufällig  —  ebendort  die  Wendung  zum  Besseren  inauguriert,  wo  die  schon 
erwähnte  einseitige  Mythenerklärung  ihre  grössten  Triumphe  gefeiert 
hatte.  In  England  bildete  sich  die  sogenannte  anthropologische  Schule, 
(E.  B.  Taylor,  A.  Lang.  u.  s.  w.),  welche  hauptsächlich  durch  die  Pro- 
paganda der  mit  ihr  auf  gleicher  Basis  stehenden  Londoner  Folk-Lore 
Society  den  Stab  ihrer  Getreuen  angeworben  hat.  Von  dieser  Gesell- 
schaft gieng  auch  der  erste  Versuch  aus,  die  gesammten  traditio- 
nistischen  Forschungen  in  ein  übersichtliches  und  möglichst  einheitliches 
System  zusammenzufassen.  Diesem  Versuche  leistete  auch  das  schon 

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DR.  L.  KATONA 


erwähnte  Wort  folklore  gute  Dienste,  indem  es  ermöglichte,  unter  ei- 
nem bequemeren  Terminus  all  das  zu  gruppieren,  was  bisher  unter 
dem  lange  schwankenden  Begriffe  und  dem  nach  Belieben  dehnbaren 
Namen  der  „volkstümlichen  Altertümer"  gesammelt  wurde.  Dieser 
Terminus  verdient,  wegen  der  wichtigen  Rolle,  die  er  in  der  Geschichte 
der  Ethnologie  spielt,  ein  w*»nig  eingehender  besprochen  zu  werden. 

Sein  Schöpfer  ist  W.  J.  Thoms,  der  in  einem  am  22-len  Au- 
gust 1846  im  Londoner  „Athenaeum"  abgedruckten,  mit  dem  Pseudonym 
Ambrose  Merton  gezeichneten  Artikel  die  .Sammlung  der  volkstüm- 
lichen Überlieferungen  („Populär  Antiquities.  Populär  Literature")  ur- 
giert.  Dort  empfiehlt  er  das  Wort  Folklore  (oder  Folk-Lore,  wie  es  ihm 
folgend  die  meisten  Engländer  auch  heute  noch  schreiben)  als  zusam- 
menfassenden Namen  für  alle  jene  Gegenstände,  welche  —  als  wie  im- 
mer geartete  Aeusserungen  des  Volksgeistes,  und  als  in  welcher  Bezieh- 
ung immer  charakteristische  Erscheinungen  des  Volkslebens  —  zu  dem 
Materiale  der  Ethnologie  gehören,  ohne  dass  in  ihnen  das  ungemein 
weile  Forschungsgebiet  derselben  vollständig  abgegrenzt  wäre.  Dem 
genannten  (.'.orrespondenten  des  englischen  Wochenblattes  sind  die  bei- 
den oben  erwähnten,  einander  ergänzenden  Ausdrücke  ungefähr  gleich- 
wertig mit  der  neuen  Benennung:  um  aber  den  Begrillskreis  des  em- 
pfohlenen neuen  Wortes  genauer  zu  präcisieren,  züli  er  die  zum  In- 
ventar des  Kolklore  gehörigen  Gegenstände  nach  folgenden  Kategorien 
auf:  Gewohnheiten,  Überlieferungen,  Sitten,  Aberglauben.  Volkslieder, 
Sprichwörter  (manners,  customs,  observances  stiperstitions,  ballads, 
proverbs).  Er  berührt  also  nur  einen  Teil  jener  Gegenstände,  die  wir 
nach  dem  in  der  wissenschaftlichen  Welt  allgemein  aeeeplierten  und 
sozusagen  internationalen  übereinkommen  unter  diesem  Ausdrucke 
zusammenlassen,  ich  sage  „international",  weil  das  vor  ungefähr  einem 
halben  Jahrhunderte  in  den  Spalten  des  „Athenaeum*  aufgetauchte 
Wort  bald  darauf  gemeingiltig  und  auch  beinahe  überall  heimisch 
wurde,  wo  man  dem  Studium  des  Volkslebens  Wichtigkeit  beilegte, 
und  dessen  unaufschiebbare  Dringlichkeit  und  Notwendigkeit  einsah. 

Das  Wort  Folklore  ist  eine  regelrichtig  gebildete  Zusammensetzung 
aus  den  angelsächsischen  Worten  folk  (gens,  Leute)  und  lore  (science, 
savoir,  doclrine;  Lehre,  Kunde,  Kenntnis.)  Nebst  seiner  Kürze  und 
Weiterbildungsfähigkeit  haben  dem  Worte  besonders  die  folgenden 
Hauptvorzüge  zur  weilen  Verbreitung  verhüllen.  Einerseits  lässt  sich 
dieser  Terminus  anderen  Sprachen  sehr  leicht  anpassen,  andererseits 
weicht  das  Wort  lore  in  einer  charakteristischen  Bedeutungsnuance  ab 
von  den  Worten  science  und  Uterature,  welche  verwandle  Bezeichnun- 
gen sind.  Das  Wort  lore  hebt  eben  mit  präciser  Kürze  jenen  Unter- 
schied hervor,  welcher  die  Kenntnis  und  die  Wellansicht  eines  Volkes 
gegenüber  der  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  genommenen  Wissen- 
schalt, in  einer  eigentümlichen  und  auf  den  ersten  Blick  aullallenden 
Weise  qualifiziert,  so  wie  es  auf  anderer  Seite  die  vorwiegend  in  der 
mündlichen  Überlieferung  lebende  Volksdichtung,  die  nur  mit  Vorbe- 
halt Litteratur  genannt  werden  kann,  der  Kunstlitteratur  gegenüberstellt. 

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ETHNOGRAPHIE    ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


Wenn  wir  die  Unterscheidung  auf  dieser  Basis  weiter  führen,  so  können 
wir  in  dem  Worte  lore  des  weiteren  noch  eine  sehr  geeignete  Bezeich- 
nung sehen  für  alle  jene  Äusserungen  des  Volksgeisles,  welche  in 
Folge  der  Vererbung  gleichsam  instinctmässig  geworden  sind,  und  eben 
deshalb  in  dem  Entwicklungsgange  des  Seelenlebens  unseres  Geschlech- 
tes einstmals  einen  allgemeinen,  heute  aber  nur  mehr  einen  teils  schon 
überwundenen  Zustand  und  eine  überschrittene  Daseinsstufe  darstel- 
len, gegenüber  jener  Denk-,  Fühl-  und  Handlungsweise,  welche  auch 
heute  nur  Eigentum  einer  sich  geistig  stark  hervorhebenden  und  sehr 
weit  vorgeschrittenen  Minorität  ist,  und  selbst  bei  dieser  Minorität 
noch  fortwährend  mit  Gedanken,  Gefühlen  und  Neigungen  einer  älte- 
ren Entwicklungsstufe  durchsetzt  erscheint. 

Der  Folklore  muss  also,  wie  wir  dieses  schon  gesagt  haben,  mit 
der,  weiter  unten  detaillierten  Gesammtheit  seiner  Gegenstände  in  die 
Ethnologie  eingefügt  werden.  Diese  beiden  Begriffe  sind  also  durchaus 
nicht  gleichwertig,  wie  man  etwa  —  durch  das  Zusammentreffen  des 
Wortes  folk  (und  noch  mehr  des  formell  vollkommen  entsprechen- 
den, aber  begrifflich  ein  wenig  abweichendem  deutschen  Volk)  mit  dem 
griechischen  ethnos  und  des  Wortes  lore  (Lehre)  mit  dem  griechischen 
logia  verleitet  —  glauben  könnte.  Das  deutsche  Wort  Volkskunde,  mit 
welchem  bald  das  eine  bald  das  andere  bezeichnet  wird,  bezeichnet 
richtigerweise  nur  das  Erstere,  das  Zweite  können  wir  nur  mit  den 
Worten :  Kunde  vom  Volke  (und  nicht  Kunde  des  Volkes)  übersetzen,  wel- 
ches nach  der  Analogie  solcher  Zusammensetzungen  wie :  Erdkunde,  Pflan- 
zenkunde u.  s.  w.,  gebildet  ist.  Am  zweckmässigsten  erscheint  es,  wenn 
wir  die  ausserordentliche  Malerialmenge,  welche  zum  Ganzen  der  Kunde 
vom  Volke  gehört,  und  die  körperlichen  so  wie  die  seelischen  Eigen- 
tümlichkeiten des  Volkes,  alle  Äusserungen  des  Volksgeistes  und  sämmt- 
liche  formelle  und  materielle  Erscheinungen  des  Volkslebens  umfasst, 
unter  den  hiemit  schon  umschriebenen  Begritt  der  Ethnologie  verweisen, 
und  aus  dieser  Materialmenge  in  den  engeren  Kreis  des  Folklore  (Volks- 
kunde im  engere  Sinne)  nur  jene  Gestaltungen  und  Emanationen  der 
Volksseele  aufnehmen,  die  an  die  Überlieferung  als  an  ihre  Lebensvo- 
rausselzung  geknüpft  sind,  und  zwar  wesentlich  und  in  erster  Linie 
nur  an  die  mündliche  Überlieferung. 

(Schluss  folgt.) 


Türkisehe  „Gedankenlieder*  aus  Ada-Kaie. 

Von  Dr.  Ignaz  Kunos. 

Eine  der  reichsten  Abteilungen  der  türkischen  Volkspoesie  ist 
die  der  Gedanken-  oder  M&ni-Lieder.  Diese  Lieder  bestehen  aus  vier 
Zeilen  und  geben  zumeist  einen  auf  die  Liebe  Bezug  habenden  Ge- 
danken wieder.  Mdni  heisst  „Bedeutung"   und  mdtti  atmak  „mäni 

il 


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DIU  IONAZ  KÜMOS 


werfen"  heisst  ungefähr  soviel,  wie  seiner  Angebeteten  ein  bedeutungs- 
volles Wort  zuwerfen;  es  geschieht  dies  selten  direot,  sondern  fast 
Stets  im  Vorbeigehen  oder  Vorüberfahren.  Jedes  Mdni  enthält  auch  ein 
nijet,  eine  Prophezeiung,  und  ernstlich  Verlieble  glauben  an  das  ihnen 
zugeworfene  nijet  als    n  ein  kräftiges  Amulet. 

Der  Tag,  an  dem  die  meisten  Mdni  geworfen  werden/  ist  der 
erste  Frühlingstag,  Hidrellez,  der  ja  auch  bei  den  orientalischen  Christen 
als  heiliger  Georgstag  in  grossen  Ehren  steht.  Obwol  diese  Sitie  von 
den  Türken  verspottet  Und  missbilligt  wird,  verfehlen  trotzdem  die 
türkischen  Frauen  nicht,  sich  am  Vorabende  des  Hidrellez  in  dem 
geräumigen  Hofe  eines  Hauses  in  einem  der  Siadivierlel  zusammenzu- 
finden, um  hier,  vor  männlichen  Augen  geschützt,  aus  Afdut-Liedern 
ihre  Zukunft  zu  erforschen.  Zu  diesem  Behufe  wirft  jede  anwesende 
Frau  irgend  ein  Pfand,  einen  Ring,  einen  Handschmuck  oder  derglei- 
chen in  einen  grossen  Topf,  der  dann  fest  verbunden  und  unter  ei- 
nem Rosenstrauch  vergraben  wird,  nicht  ohne  vorher  mit  roten  Tü- 
chern oder  Bändern  umwunden  zu  werden,  da  die  rote  Farbe  bei 
Heiratsangelegenheiten  glückverheissend  ist.  In  Anatolien  werden  die 
Liebespfänder  anstatt  in  einem  Topf  auch  in  einem  Backofen  versteckt. 

Alles  dies  geschieht  am  Vorabende.  Am  Morgen  des  ersten  Früh- 
lingstages versammeln  sich  die  Frauen  zum  zweüenmale.  Der  Topf 
wird  ausgegraben  und  von  einem  weissgekleideien,  unschuldigen  Mäd- 
chen geöffnet.  Nach  einem  jedesmaligen  Bismillah  (Im  Namen  Goltes) 
greift  die  Jungfrau  in  den  Topf  und  nimmt  einen  der  darin  geborge- 
nen Gegenstände  in  die  Hand,  jedoch  so,  dass  ihn  keine  der  anderen 
Frauen  sehen  kann,  und  nun  singt  der  Reihe  nach  eine  jede  der  Frauen 
ein  bedeutungsvolles  Mdni-Ued.  Dann  öffnet  die  Jungfrau  ihre  Hand, 
zeigt  den  darin  verborgenen  Gegenstand  und  gibt  denselben  ihrer  Ei- 
gentümerin zurück,  die  natürlich  sehr  erfreut  ist,  wenn  ihr  Mdni  eine 
günstige  Zukunft  prophezeit  hat  und  tief  belrübt  ist,  wenn  ihr  Böses 
bevorsteht.  Junge  Mädchen,  welche  trotz  mehrmaliger  Mitfeier  des 
Hidrellez  ihren  Kismet  noch  nicht  gefunden  haben,  binden  sich  am 
Vorabend  auch  ein  grosses  Vorhängeschloss  in  die  Haare,  welches  sie 
dann  am  anderen  Morgen  vor  Beginn  der  Feierlichkeit  aufschliessen. 

Eine  andere  Gelegenheit  zum  Singen  der  Jf/m'-Lieder  bieten  die 
langen  Winterabende.  Am  LoJbna-Abend  (lokma  ist  eine  süsse,  runde 
Mehlspeise)  versammeln  sich  die  Frauen  mit  ihren  Mdni-torbasy,  klei- 
nen Siickchen,  angefüllt  mit  Papierstreifen,  auf  denen  Üfdni-Lieder  auf- 
geschrieben stehen.  Dann  wird  je  eines  der  Afdni-Lieder  gezogon  und 
derjenigen  vorgesungen,  welche  einen  Blick  in  ihre  Zukunft  machen 
will.  Nicht  selten  erfolgt  von  Seite  dieser  letzteren  eine  gesungene 
Antwort,  da  viele  der  AMni-Lieder  aus  einem  Paar,  aus  Apostrophe 
und  Antwort,  bestehen 

Wie  schon  erwähnt,  beschäftigt  sich  der  Inhalt  dieser  Lieder  am 
häufigsten  mit  Liebesangelegenheiten,  doch  enthalten  sie  auch  manch- 
mal rätselhafte  Fragen,  auf  welche  dann  mit  Improvisationen  geantwortet 
wird.  So  zum  Beispiel  wird  von  einem  Burschen,  um  ihn  zu  probieren, 


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TÜRKISCHE  OEDANKENMEDER. 


ob  er  wirklich  ein  guter  3/(in» -Sänger  ist,  verlangt,  dass  er  sieben 
Früchte  besinge,  und  als  Antwort  darauf  erfolgt  dann  die  (llorification 
dieser  sieben  Fruchte  als  Liebessymbole,  der  Aprikose  als  Kuss,  der 
Orange  als  Brust  u.  s.  w. 

Was  ihre  Classifioalion  anbelangt,  bilden  die  Mdnf*  mit  den 
Türk&s  zusammen  die  eigentlichen  Volkslieder  und  sind  nicht  met 
risch,  sondern  rhylhmisch  gebildet.  Sie  haben  sieben  oder  acht  Sil- 
ben (4  4  oder  4  -+-  3),  welche  durch  eine  Ciisur  in  vier  und  vier 
oder  vier  und  drei  Silben  geordnet  werden.  Der  Reim  befindet  sich 
am  Schlüsse  der  ersten,  zweiten  und  vierten  Zeile  und  ist  zumeist  ein 
weiblicher  Reim.  Auch  kommt  es  vor,  dass  Türkffa  aus  zusamraenge- 
reihten  JASnt-Liedern.  denen  dann  ein  gemeinsamer  Refrain  beigege- 
ben wird,  zusammengesetzt  werden. 

Folgende  Mani-Lieder  aus  meiner  reichen  Sammlung,  die  ich  auf 
Anregung  des  Herausgebers  dieser  Zeitschrill  in  Ada-Kaie,  dieser  Nie- 
mandsinsel  der  untern  Donau  angelegt  habe,  und  die  ich  in  einer  grös- 
seren Monographie  über  Ada-Kaie  veröfTeni liehen  werde,  sind  auch 
aus  einem  der  oben  erwähnten  Mani-Säckchen.  Als  Probe,  wie  ein  Mani 
dein  andern  anworlel,  diene  das  folgende: 


Jaz  gününde  buz-me-sen. 
kare  me-sen,  kez-me-sen  ? 
den  j:edse  geledsejim, 
hanende  jalnez-me-sen? 

Die  Antwort  lautet: 

Jaz  gününde  buz-um  ben, 
kare  dejl-im  kez-em  ben; 
eger  gelcdsek  isen, 
erken  gel  jalnez-em  ben. 

Als  Probe  einer  Rätselfrage 

Manidsi  mani  gelir, 
manima  mani  gelir; 
pek  ustad  manidsi-sin. 
jedi  türlü  mejve  gelir. 

Die  Antwort  lautet: 

Elma,  armud,  zordali, 
dalda  biter  äefluli , 
narle  lurunc  pek  güzel, 
ejva  dalen  ejmeli. 


Willst  du  Eis  im  Sommer  sein?  *) 
Bist  du  Frau,  bist  Mägdelein? 
Heute  Nacht  will  ich  zu  dir: 
Bist  du  wol  im  Haus  allein  ? 


Eis  will  ich  im  Sommer  sein; 
Bin  nicht  Frau,  bin  Mägdelein! 
Wenn  zu  mir  du  kommeti  willst, 
Zeitig  komm,  ich  bin  allein! 

diene : 

Mani-Sänger  Mani  sing"! 
Auf  mein  Lied  ein  Lied  erkling' ! 
Bist  ein  Mani-Meister  du, 
Früchte  siebnerlei  mir  bring  ! 

Apfel,  Birne,  kleine  Pflaum', 
An  dem  Ast  der  Pfirsich  Flaum; 
Schön  Granate,  Goldorange, 
Bieg'  den  Zweig  vom  Quiltenbaum. 


•)  Die  Übersetc angen  sind  von  A.  H.  improvisiert. 


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DR.  IGNAZ  KÜNOS 


Nun  eine  längere  Reihe 

Keten  gömlek  ela  du*, 
gelin  sevmek  bela  dir; 
severseniz  kez  sevin, 
alenmadek  kala  dir. 

Keten  gömlek  dizde  dir, 
jar  bu  gedse  bizde  dir; 
jedi  je!  gelin  sevdim, 
Simdi  gönlüm  kezda  dir. 

Keien  gömlek  iki  kat. 
gel  birini  bana  sat; 
anan  baban  dujmadan, 
gel  bu  gedäe  bizde  jal. 

Mani  kitabcn  aftem 
mani  bilmedim  saStem; 
bir  ajagen  üstüne 
binbir  mani  söjleölim. 

Dere  boju  keslane, 
gülge  vurmu§  üstüne; 
varen  dejin  dosluma, 
evlenraesin  üstüme. 

Ilana  bak  elana, 
indse  bele  dolana; 
bej  jareme  kajb  eltim. 
jüz  bin  alten  bulana. 

Askerlikte  talim  var, 
bir  gemidsi  jarem  var; 
§11  dsihanda  gülmedim, 
ne  talisiz  basem  var. 

Kara  kara  kazannar, 
kara  jazö  jazannar; 
ejlik  jüzü  görmesin, 
arameze  bozanlar. 

GüverdSini  ucurdum, 
konde  dseviz  dalena; 
bu  dsanem  kurban  olsun, 
jaren  selvi  bojuna. 


gewöhnlichen  Mani-Vierzeilen : 

Leinenhemd  ist  buntgefärbt, 
Frauenlieb  macht  Herzen  krank ; 
Lieb'  nur  eine  Maid,  sie  ist 
Eine  Burg,  die  niemand  zwang. 
Leinenhemd  blinkt  auf  dem  Knie. 
Bei  uns  schläft  das  Mädchen  heut ; 
Sieben  Jahr'  liebt'  ich  'ne  Frau, 
Jetzt  gehört  mein  Herz  der  Maid. 

Leinenhemd  zweifaltig  ist: 
Komm,  verkauf1  das  eine  mir; 
Vater,  Mutter  wissen's  nicht, 
Nimm  die  Nacht  bei  uns  Quartier. 

Konnte  keinen  Mani-Spruch, 
Las  umsonst  im  Mani-Buch, 
Sing'  nun  steh'nd  auf  einem  Fuss 
Tausendeinen  Mani-Spruch. 

Die  Kastanie  steht  im  Tal, 
Dorfen  ist  es  schattenvoll; 
Geht  und  saget  meinem  Schatz, 
Dass  er  nicht  heiraten  soll! 

Sieh  die  Schlang',  die  Schlange  an, 
Wie  sie  schlank  sich  windend  schlingt ; 
Hunderttausend  Goldstück'  dem, 
Der'  s  verlorne  Lieb  mir  bringt. 

Habe  Glück  beim  Militär, 
Mein  Geliebter  ist  Matros; 
Nie  lacht  ich  mein  Leben  lang, 
War  stets  glück-  und  freudenlos. 

Kessel,  Kessel,  schwarzberusst; 
Schreiber  schreiben  schwarze  Schrill; 
Der  mich  vom  Geliebten  schied, 
Den  gewiss  kein  Glück  mehr  trifft! 

Meine  Taube  Hess  ich  frei, 

Flog  in  Nussbaums  Zweige  weit; 

Meine  Seel'  ein  Opfer  sei 

Dem  Cypressonwuchs  der  Maid! 


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TÜKKI8CHK  OKDANKENUEDKR. 


Bugün  günlerde  pazar. 
kjatibler  okur  jazar; 
senin  gibi  güzeli, 
evlija  görse  jazar. 

Geminin  basenda-jem. 
oniki  jasenda-jcm; 
onikisinden  berü 
jar  senin  pesinde-jim. 

Kar  jagar  dolcib  dolab, 
«•evrilir  siSle  kebab; 
baklern  jaren  jüzüne, 
sandcm  dogmus  mahilab. 

Malimur  mahinur  bakarsen, 
jüregimi  jakarscn ; 
ne  kücük-sün  ne  büjük, 
tamam  bana  karar-sen. 

Baklern  jaren  jüzüne. 
ujku  gelmez  gü/.üme; 
jar  pesinde  gezmekten, 
seze  indi  dizimc. 

Hu  baga  bir  gül  gerek, 
gül  üslüne  bülbül  gerek; 
sendsilejin  sultima, 
bendsilejin  kul  gerek. 


Dieser  Tag  ein  Sonntag  ist, 
Jeder  Schreiber  schreibt  und  liest ; 
Auch  ein  HeiTger  schrieb1  dich  aul, 
Sah'  er  dich,  wie  schön  du  bist. 

Bin  am  Schiffe  vorne  ganz; 
Alt  bin  ich  zwölf  Jahre  nur, 
Und  seit  meinem  zwölften  Jahr' 
Folge  ich  des  Madchens  Spur. 

Sieh,  der  Schnee  fällt  dicht  u.  dicht; 
An  dem  Spiess  der  Braten  brät; 
Sah  dem  Mädchen  ins  Gesicht, 
Glaubte,  dass  der  Mond  aufgeht. 

Schläfrig  schauest  du  auf  mich, 
Und  im  Herzen  brenne  ich; 
Nicht  zu  klein  und  nicht  zu  gross, 
Passest  du  gerad  für  mich. 

Sah  dem  Madchen  ins  Gesicht, 
Schlafen  kann  ich  deshalb  nicht; 
Lief  so  lang  dem  Mädchen  nach, 
Dass  es  mich  im  Knie  nun  sticht. 

Garten  eine  Bose  braucht, 
Rose  eine  Nachtigall ; 
Einer  Sultansmaid,  wie  du, 
Ziemt,  wie  ich  bin,  ein  Vasall. 


Ein  chinesischer  Gebrauch  bei  den  Armeniern 

Sehr  viele  Gebräuche  haben  die  heuligen  Armenier  in  ihrem 
Hauplsiize,  in  Ilocharmenien  bewahrt,  welche  für  den  Forscher  höchst 
interessant  sind  um  so  mehr,  weil  sie  auf  ein  graues  Altertum  hin- 
weisen, dos  in  der  Lebens-  und  Anschaungsweise  der  Bewohner  Hoch- 
armeniens bis  auf  den  heutigen  Tag  sich  wenigstens  teilweise  erhalten 
hat.  Im  folgenden  will  ich  eines  sonderbaren  Gebrauches  der  Armenier 
gedenken,  der  seinem  Ursprünge  nach  sehr  alt  und  von  China  aus 
nach  Armenien  eingewandert  ist,  wie  ich  dies  durch  altclassisehe  ar- 
menische Schriftsteller  bestätigt  finde. 

Heutzutage  ist  es  an  vielen  Orlen,  besonders  aber  in  Khotord- 
j  ur  (Hoch- Armenien)  gebräuchlich,  kleinen  Kindern  das  Haupthaar 

$6 


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PATER  O.   MENE VISCH EAN 


über  der  Stirne  und  am  Hinterhaupte  gänzlich  abzuscheren,  so 
dass  mit  der  Zeit  es  bei  vielen  eine  unbedingte  Notwendigkeit  ist,  um 
die  Stirne  vom  Haarwuchs  frei  zu  halten,  immer  das  Schermesser 
bei  sich  zu  tragen.  Eine  sehr  alte  historische  Erwähnung  wird  hiemit 
bestätigt.  In  der  Geschichte  Fausti  von  Byzas  (V.  Jahrh.  n.  Chr.) 
wird  nämlich  erzählt,  dass  der  Stifter  eines  mächtigen  Generalats 
(zorav  arutheann  sparapetuthiün)  aus  Lhina  wegen  des 
viel  vergossenen  Blutes  (zi  ariun  metz  ankeal  c  i  vera) 
nach  Armenien  geflüchtet  und  wegen  seiner  Tapferkeit  von  den  ar- 
schakänischen  Königen  freundlich  aufgenommen  sei ;  von  einem  Nachkom- 
men desselben  wird  dabei  erzählt,  dass  er  gegen  die  Erlaubnis  seines 
Generals  und  Hausherrn  geheim  in  den  Krieg  mitziehen  wollte;  als 
dies  der  General  erfuhr,  nahm  er  eine  Peitsche  zur  Hand,  und  fieng  an 
auf  den  geschorenen  Kopf  des  Ungehorsamen  ordentlich  loszuhauen; 
und  „nach  der  Religions-Sitte  der  Armenier,  wie  es  ge- 
bräuchlich war  die  Köpfe  der  Kinder  (zu  scheren),  so  war 
in  jener  Zeit  auch  der  Kopf  des  Kindleins  Artavasd  gescho- 
ren, (und  in  der  Mille)  ein  Haar zopf  gelassen"  est  kronits  ffawts' 
Orpis  ortn  fr'  ezglüch  manktvöjn  söjnpes  i  iatnanakin  gertzeal  er  üzgluch 
mankdnn  Artavazdd  jev  tsetsuns  *'r  thöghedl  ev  gts  ardzakeal.  (Byz. 
IV.  Buch,  Cap  43.  S.  253.)  Der  Gebrauch  dieser  eigentümlichen  Haar- 
tracht der  heuligen  Armenier  bestätigt  die  Erwähnung  des  Historikers, 
dass  nämlich  ein  Chinese  nach  Armenien  eingewandert  sei,  dessen 
Name  Mamikonean  (aus  Mam-Kun)  wol  auf  einen  chinesischen  Ur- 
sprung deutet.  Von  diesem  mögen  also  die  Armenier  diese  eigentüm- 
liche Sitte  geerbt  haben. 

Wim. 

Pater  G.  Menevischean. 


Die  Baba  Dokia-Sage  und  die  mit  ihr  zusammenhängenden 

Volksgebräuche  in  Rumänien. x) 

Von  Andreas  Veress. 

Mit  Bezug  auf  Dr.  Athanasius  Marienescu's  Aufsatz:  „Baba  Do- 
li;»u  a)  teile  ich  hier  alles  das  mit,  was  ich  hier  in  Rumänien  drauf  be- 
züglich vernommen  habe.  Der  Mythos  selbst  ist  in  Rumänien  sozusa- 
gen ganz  unbekannt.  Es  ist  zwar  richtig,  dass  der  Volksglaube  die 
versteinerten  Gestalten  dieser  Sage  in  die  Moldau  auf  den  Pion  und 
Calo-Berg  versetzt,  ja  in  der  Moldau,  gibt  es  sogar  ein  Dorf  Lunca 
Dochiei,  aber  dies  alles  ist  so  lokal  begrenzt,  dass  diese  Sage  kaum 

«)  Ethnotjrajihia  I.  4.  IM.  S.  11)4—197.  »)  Vgl.  Anzeiger  der  Gesellschaft  für 
di*  Völkerkunde  Ungarns,  I  1.  Heft  S.  12-17. 

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DIE  BABA  DOKIA-  SAGE. 


über  die  Grenzen  der  nächsten  Umgebung  geschritten  ist.  Ich  habe 
mehrere  interessante  Sammlungen  rumänischer  Volksdichtungen  durch- 
gelesen, ohne  dabei  auch  nur  eine  Spur  von  dieser  mythischen  Sage 
zu  finden.  Wenn  auch  dieser  Mythos  in  Rumänien  und  selbst  in  Un- 
garn gar  wenig  und  nur  an  einzelne.i  Orten  bekannt  ist,  so  ist  desto 
verbreiteter  der  mit  ihm  zusammenhangende  Gebrauch.  Am  ersten 
März  nämlich  behängt  sich  die  walachische  Bevölkerung  Rumäniens 
mit  einem  Talisman.  Dieser  heist  martzisor,  so  genannt  dem  Monat 
März  zuliebe,  in  dem  er  eben  eine  Rolle  spielt,  oder  vielleicht  nach 
dem  Martzisor  der  Baba  Dokia-Sage  so  benannt,  in  welch  letzterem 
Falle  dann  das  Volk  doch  noch  eine  Reminiscenz  an  den  ihm  nun 
unbekannten  Mythos  aulbewahrt  hätte.  In  Rumänien  besteht  dieser 
„martzisor«  genannte  Talisman  aus  einer  kleinen  herz-  oder  kreisför- 
migen Medaille,  auf  deren  einer  Seite  „erster  März"  geschrieben  steht, 
während  auf  der  andern  Seite  des  Frühlings  Ankunft  bedeutende 
Schwalben  und  Rosen  geprägt  sind.  Solche  Medaillen  werden  jedes 
Jahr  mit  der  betreffenden  Jahreszahl  aus  Messing  und  auch  aus  Sil- 
ber und  Gold  gepresst.  Ein  Bukaresler  Schmuckhiindler  verkaufte  heuer 
auch  aus  Glas  geformte  „martzisor",  in  deren  convexer  Mitte  zu 
meiner  Ueberraschung  die  Baba  Dokia  auf  einem  Berge  neben  einer 
Kapelle  zu  sehen  war,  angetan  mit  einem  roten  Ledermantel  (kosok)  und 
neben  ihr  9  (im  Banal  und  nach  Marienescu's  Mitteilung  12)  erfrorene 
Schafe:  alle  mit  greller  Farbe  gemalt.  —  Schon  Mitte  Februar  be- 
ginnen die  Kinder  in  den  Gassen  die  billigen  Martzisore  zu  ver- 
kaufen, die  sie  an  einen  Stab  zu  20—30  Stück  gereiht  mit  den  Wor- 
ten feilbieten : 

„ Nationale  Martzisore. 

Schön  von  Herrn  und  Fraun  getragen". 
Am  ersten  März  hängen  die  Frauen  aller  Stände  solche  Martzi- 
sore an  ihren  Hals,  während  dieselben  von  den  Männern  an  das  Hand- 
gelenk gebunden  werden.  Der  sie  den  ganzen  Monat  hindurch  trägt,  soll 
von  der  Sonne  nicht  gebräunt  werden.  Die  auf  den  Martzisoren  sicht- 
baren Schwalben  erinnern  uns  an  den  Frühlingspruch  der  magyari- 
schen Maide.  die  sie  beim  Sehen  der  ersten  Schwalbe  herzusagen  pfle- 
gen: „Schwalbe  seh'  ich,  Sommersprossen  !)  wasch'  ich"  (Feeskit  Id- 
tok.  szeplöt  mosok).  Mit  Ende  März  wird  der  Martzisor  an  einen  Ro- 

«)  Dem  siebenbürgisch-säcbsischcn  Volksglauben  gemäss  ist  das  Scbneewasser 
im  März  gesammelt,  ein  «bewährtes«  Schönheitsmittel  und  dient  besonders  zur  Ver- 
treibung der  Sommersprossen. 

Herrmann,  Ethnologische  Mitteilungen.  57  Ö 


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DR.  L.  KäTHY 


senstrauch  gebunden,  damit  der  oder  die  betreffende  Person  schön  wie 
eine  Rose  werde.  Also  auch  hier  ist  Martzisor  das  Sinnbild  de»  Früh- 
lings, der  erwachenden  Natur  and  der  Reinheit. 

Die  von  Dr.  Ath.  Marienescu  erwähnten  „nabele "-Tage  begin- 
nen in  Rumänien  am  1.  März  und  dauern  9  volle  Tage  hindurch,  die 
der  hiesigen  auf  Baba  Dokia  bezüglichen  Reminiscenz  gemäss  wohl 
ihren  9  Schafen  entsprechen.  Die  Frauen  bestimmen  unter  sich  für 
jeden  dieser  Tage  eine  baba  (alte  Frau)  und  wie  an  diesem  Tage  das 
Wetter  eben  ist  (trüb,  klar,  wolkig  u.  s.  w.),  so  wird  auch  die  Seele 
der  betreffenden  Person  das  ganze  Jahr  hindurch  sein.  Den  neunten 
Tag  nennt  man  mutenit  (nach  der  Benennung  der  40  Märtyrer,  und 
stampft  an  diesem  Tage  die  Erde  mit  Holzpflöcken,  damit  die  Wärme 
herauskomme  und  die  Kälte  hineingetrieben  werde.  —  Was  nun  die  Anna 
Perenna  anbelangt,  so  schmückten  die  Römer  an  ihrem  Feste,  am  1. 
März  oder  eben  an  ihrem  Neujahrstage,  den  Altar  der  Göttin  und  ihre 
eigenen  Häuser  mit  Lorberzweigen.  Diesem  römischen  Gebrauch  soll 
—  nach  Obodescu  und  Teodorescu's  l)  Bericht  —  die  rumänisehe  Sitte 
entstammen,  die  Häuser  am  Palmsonntag  und  besonders  am  Georgitage 
mit  Weidenzweigen  zu  schmücken.  Ein  Nachhall  dieses  römischen  Festes 
und  ein  Ueberbleibsel  des  der  Anna  Perenna  geweihten  Lorbers  soll  auch 
die  rumänische  sorkova  sein,  eine  mit  Papierblumen  und  Silberfaden  ge- 
schmückte Rute,  mit  welcher  am  Neujahrstage  die  Dortkinder  der  Ru- 
mänen von  Haus  zu  Haus  gehen  und  jedes  Familienglied  mit  dersel- 
ben gelinde  berührend,  demselben  Glück  und  Wohlergehen  wünschen.  *) 


Trajan-Decebal-Traditionen  bei  den  Rumänen.  ') 
Von  Dr.  Ladislaus  Rithy. 

Dass  zwischen  der  einstigen  römischen  Bevölkerung  Daciens  und 
den  heutigen  Rumänen  diesseits  der  Donau  weder  ein  geschichtlicher, 
noch  ein  sprachlicher  Zusammenhang  besteht,  hat  die  Sprachwissen- 
schaft entgiltig  bewiesen.  Trotzdem  hält  die  Sprach-  und  Geschichtsfor- 
schung der  Rumänen  zäh  an  dieser  Lehre.  Wie  naiv  bei  der  Erhär- 
tung derselben  auch  von  Leuten  wissenschaftlicher  Kreise  vorgegangen 
wird,  dazu  diene  als  kleiner  Beitrag  ein  Aufsatz  der  von  Hr.  Corwc- 


l)  S.  G.  Dem.  Teodorescn,  Incercäri  critice  asupra  unora  crediote,  duine  si 
moravuri  (Bucuresci  1874.)  S.  64  mit  einem  Vorwort  von  Obodescu 

*<  Ein  auch  unter  den  siebenbflrgiscben  Szeklern  weitverbreiteter  Gebrauch ; 
am  8  Christtag  (Tiengen  die  Kinder  mit  der  sogenannten  «Davidsrute»  (Aprd-Sxentek) 
von  Haus  zu  Haus. 

»)  Ethnograph  in,  I.  3.  Hft.  S.  144—150. 


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TRA  J  AN-  DEC'EHAL-TRADITIONEN  BEI  DEN  RUMÄNEN. 


Uus  Diaconovich  herausgegebenen  „Romanischen  Revue"  (7.  Heft,  Jahrg. 
1887),  *o  bei  Gelegenheit  einer  Besprechung  der  unter  dem  Titel  „Durch 
die  Jahrhunderle"  erschienenen  Erzählungen  von  Carmen  Sylva,  der 
rumänischen  Königin,  erwähnt  wird,  dass  neben  vielen  andern  histori- 
schen Volksliedern,  die  Dichterin  auch  eine  Volksballade:  „Decebal's 
Tochter*  in  Prosa  bearbeitet  habe.  Da  heisst  es  denn  nun  in  der 
r Romanischen  Revue"  (1887.  VII.  S.  344):  „Diese  im  Volksmunde, 
im  verstecktesten  Dorfe  lebende  kleine  Geschichte  von  Decebal's  Tod 
und  dem  Falle  Sarmizegetusa's  hat  heute  nebst  ihrer  Schönheit  auch 
noch  einen  besonderen  historischen  Wert,  da  sie  allein  schon  hinreicht, 
die  Errungenschaften  der  magyarischen  Geschichtsforschung,  welche 
auch  jüngst  wieder  zwischen  den  Romänen  und  dem  ehemaligen  Da- 
cien  jeden  Zusammenhang  leugnet,  ins  gehörige  Licht  zu  stellen." 
Dies  klingt  nun  gar  hübsch,  aber  wie  heisst  denn  dieses  „versteckte0 
Dorf?  und  wie  lautet  der  Originaltext  dieser  Ballade?  Wir  glauben, 
dass  die  rumänische  Akademie,  wenn  diese  Ballade  überhaupt  existiert, 
dieselbe  schon  längst  mit  eingehendem  Apparat  publiciert  hätte. 

Wie  nun  solche  „  Volksballaden 4  entstehen  und  » gesammelt"  wer- 
den, darüber  gibt  Carmen  Sylva  selbst  Auskunft,  indem  sie  uns  ein 
mit  dem  rumänischen  „ Dichterkönig -,  Alessand ri,  dem  vielbewunder- 
ten Sammler  rumänischer  Volksdichtungen,  geführtes  Gespräch  mitteilt. 
Im  Laufe  dieses  Gesprächs  nun  gibt  Alessandri  der  Königin  Auskunft 
über  sein  Verfahren  beim  Sammeln  von  Volksdichtungen,  und  erklärt 
rund  heraus,  dass  er,  wenn  er  nur  ein  Bruchstück  vorfinde,  dasselbe 
selbst  ergänze,  d.  h.  den  fehlenden  Teil  hinzudichte.  So  habe  er  auch 
z.  B.  zur  Ballade  „Stefanicza  Vodau  die  fehlenden  zwölf  Verse  hinzu- 
gedichtet.  Nun  aber  welch'  Wunder  geschah !  erzählt  Alessandri  weiter : 
Bei  einer  Gelegenheit  habe  er  in  der  Ferne  Soldaten  singen  gehört. 
Als  er  zu  ihnen  kam  und  sie  nach  dem  Liede  fragte,  djs  sie  so- 
eben gesungen,  haben  sie  auf  sein  Ansuchen  eben  die  Ballade  „Ste- 
fanicza Vodatf  hergesagt  und  zwar  mit  den  von  ihm  (Alessandri)  hin- 
zugedichteten zwölf  Versen.  Der  Dichter  fragte  sie  nun,  von  wem  sie 
dies  Lied  gelernt  haben.  „Von  meinem  Vater !•  lautete  die  Antwort. 
„Kannst  du  lesen!"  fragte  der  Dichter.  „Nein",  war  die  Antwort.  „Und 
von  wem  hat  dein  Vater  es  gelernt!"  forschte  der  Dichter  weiter.  „Von 
seinem  Vater!"  antwortete  man  ihm  

Ich  meinerseits  werde  nicht  im  Geringsten  staunen,  wenn  es  nun 
heute  oder  morgen  heissen  wird,  dass  die  langgesuchte  Ballade  «Trajan 
und  Decebal"  im  Volksmunde  irgendwo  in  Rumänien  lebt.  Der  glück- 
liche Entdecker  kann  dann  den  betreffenden  Sänger  ebenfalls  fragen: 
.Von  wem  hast  du  dies  Lied  gelernt?"  —  .Von  meinem  Vater!"  wird 
auch  er  zur  Antwort  erhalten.  Fragt  er  dann  weiter:  „Und  von  wem 
hat  dein  Vater  es  gelernt?"  —  „Von  seinem  Vater!"  wird  er  dann 
ebenfalls  zur  Antwort  bekommen.  Und  dann  wird  freilich  ein  Nach- 
komme der  „Romänischen  Revue  *  der  erstaunten  Welt  mitteilen,  dass 
die  berühmte  Ballade  ..Trajan  und  Decebal"  entdeckt  worden  sei.  die 
nun  die  ungarische  Geschichtsforschung  in  „gehöriges  Licht"  stelle. 


59 


GRAF  GEZA  KLTN 


Schatzgräber  und  Bergleute.  l) 

Von  Graf  Giza  Kuttn 
(Vergelegt  der  Vortrags-Sitiung  am  22.  März  1890.) 

Aus  der  Astrologie  ist  die  Astronomie,  aus  der  Alchimie  ist  die 
Chemie  entstanden,  das  Suchen  nach  edlen  Metallen  und  Schätzen  aber 
hat  schon  im  Altertum  die  mineralogischen  und  geologischen  Kennt- 
nisse vermehrt  und  auch  auf  die  Geschichte  der  Archaeologie  einen  be- 
deutenden Einfluss  ausgeübt,  was  sich  seit  dem  Mittelaller  bis  auf 
unsere  Tage  herab  durch  unerwartete  Resultate  zahlreicher  Forschun- 
gen beweisen  lässt.  Wahr  ist  es.  dass  die  Archaeologie  durch  den  Zu- 
fall mit  neuen  und  immer  neueren  Funden  bereichert  wird ;  aber  auch 
die  Schatzgräberei  selbst  ist  mit  Rücksicht  auf  ihren  unerwarteten 
Erfolg,  ein  Zufall  zu  nennen.  Die  Geschichte  des  Forschens  nach  edlem 
Metall  und  nach  Schätzen  ist  ebenso  alt,  wie  die  der  Cullur  unseres 
Geschlechtes,  und  ist  auch  in  die  Mythologie  der  meisten  Völker  einge- 
drungen. In  der  Heroenzeit  des  hellenischen  Altertums  spielen  das  gol- 
dene Vliess  und  die  goldenen  Aeplel  der  Hesperiden  eine  grosse  Rolle; 
und  nicht  nur  die  Gothen  und  Römer  vergruben  ihre  Schätze,  wenn 
der  Feind  sich  näherte,  sondern  dies  geschah  bei  solcher  Gelegenheit 
zu  allen  Zeiten.  Diese  Schätze  brachte  dann  nur  der  Zufall  oder  die 
Forschungen  der  Schatzgiäber  ans  Tageslicht.  Dass  die  Schatzgräber 
bei  ihrem  Geschäft  gewisse  abergläubische  Formalitäten  beobachten,  ist 
selbstverständlich.  In  Steiermark  und  auch  an  anderen  Orten  nehmen 
sie  eine  Haselrute,  die  sie  mit  den  beiden  Enden  an  dem  Orte,  wo 
sie  einen  Schatz  vermuten,  halbkreisförmig  in  die  Erde  stecken ;  schnellt 
nun  die  Rute  mit  beiden  Enden  empor,  so  ist  an  dem  betreffenden 
Orte  ein  Schatz  vergraben.  In  Ungarn  sind  die  diesbezüglichen  aber- 
gläubischen Gebräuche  noch  nicht  gesammelt  *)  und  Zweck  dieser  meiner 
Zeilen  ist  es,  hierauf  aufmerksam  zu  machen,  obwol  wir  nur  eine 
spärliche  Lese  haben  werden. 

Das  magyarische  Volk  selbst  hat  sich  zu  keiner  Zeit  mit  Vor- 
liebe mit  dem  Bergbau  beschäftigt,  und  schon  die  Könige  aus  Arpäd's 
Hause  verpachteten  die  Bergwerke  an  Fremde,  die  Deutsche  beim  Berg- 
bau verwendeten.  Trotzdem  standen  die  Magyaren  nicht  nur  in  den 
Karpaten  und  in  Siebenbürgen,  sondern  schon  in  ihrer  Urheimat  am 
Altai-Gebirge  und  im  Ural  in  fortwährender  Berührung  mit  Bergleuten, 
und  es  ist  denn  kein  Wunder,  wenn  Perceptionen  der  subterraneen 
Mythologie  sich  auch  auf  sie  vererbten.  Die  magyarischen  „bergdrehen- 
den", „bergrollenden"  Riesen  erinnern  lebhaft  an  die  Erzählung  der 
Novgoroder  Gjurgata  Rogovir.  welche  uns  Nestor  aufbewahrt  hat.  Uebe- 
rau, wo  Schütze  verborgen  sind,  da  denkt  sich  die  Volksphantasie 
Wächter  dazu,  Greife,  Schlangen,  Chimaeren,  Kentauren  udgl.  Völker, 


')  EthHoyraphin,  I.  4.  Heft.  S.  179—183. 

*)  Ein  Aufsatz  Wieder«  in  „Kthnoeraphia"  I.  247.  ff.  „Schatzgräber- Aber- 
glauben und  BeschwuruDiren." 

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SCHATZGRÄBER  UND  BERGLEUTE. 


die  solche  Untiere  erdacht  haben,  folgten  hierin  der  Richtung  des 
Samanismus,  der  die  sich  in  irdischen  Erscheinungen  offenbarenden 
Kräfte  mit  göttlichen  Attributen  bekleidet.  *) 

Schatzgräber  und  Bergmann  müssen  Glück  haben,  wenn  ihr  Werk 
Erlolg  haben  soll,  daher  der  Gruss:  „Glück  auf!"  im  Bergwerk  ganz 
an  seinem  Platze  ist.  Im  Hunyader  Comitat  forscht  das  Volk  nicht 
nur  nach  Decebals  Schätzen,  sondern  auch  nach  denen  eines  gewissen 
Franz  Geszti,  der  kurz  von  seinem  Tode  seine  Schätze  irgendwo  ver- 
graben haben  soll,  damit  sie  nicht  in  die  Hände  seiner  von  ihm  unge- 
liebten Frau  geraten.  Und  mancher  dort  aufgegrabene  praehistorische, 
romische  udgl.  Fund  wurde  vom  Volke  dadurch  ans  Tageslicht  geför- 
dert. Auf  der  Insel  Lussin  sollen  der  Sage  nach  die  aus  Bysanz  flie- 
henden Griechen  ihre  Schätze  in  die  Felsen  des  Monte  Asina  ver- 
borgen haben.  Als  nun  im  Jahre  1787  ein  Lussin- Piccoloer  Einwoh- 
ner nach  diesen  Schätzen  grub,  brachte  er  mehrere  wichtige  praehis- 
torische Funde  ans  Tageslicht. 


Ueber  meine  Studienreise  in  Finnland.  ') 

Von  Bela  Vikar. 
(AttMOg  aus  einem  Vortrage,  gehalten  jn  der  Sitzung  vom  i5.  März  1  S9< ».) 

Als  ich  mich  enlschloss  unsere  finnischen  Sprachverwandten  zu 
besuchen,  schwebte  mir  einerseits  das  Ziel  vor :  mich  mit  der  Sprache 
der  Kalevala  an  Ort  und  Stelle  eingehend  bekannt  zu  machen,  ander- 
seits aber:  einen  liefern  Einblick  in  die  finnische  Ethnographie  zu  tun. 
Aus  diesem  Grunde  schien  es  mir  zweckmässig,  vor  allem  diejenigen 
Punkte  der  von  Finnen  bewohnten  Gebiete  aufzusuchen,  wo  ich  noch 
Aussicht  haben  konnte,  Ueberreste  oder  Nachklänge  der  epischen  Dich- 
tung und  somit  noch  einen  gewissen  Teil  vom  Sprachmaterial  der 
Kalevala  aufzufinden,  —  und  dann  erst  wollte  ich  in  die  Hauptstadt 
Finnlands  reisen,  um  dort  die  vorzügliche  ethnographische  Sammlung 
der  Universität  zu  der  Kalevala  und  die  finnische  Volksmusik  über- 
haupt und  vom  Standpunkt  der  Vergleichung  mit  der  magyarischen  Musik 
und  der  vergleichenden  Metrik  zu  studieren. 

Zu  erstem  Aufenthaltsort  auf  finnischem  Gebiet  erkor  ich  mir 
das  am  nördlichen  Ufer  des  Ladoga  liegende  Städtchen  Sortavala,  des- 
sen Umgebung  J.  Krohn  in  seinem  über  die  Kalevala  geschriebe- 
nen Werke  als  besten  Fundort  erwähnt,  und  wo  man  auch  eine  an- 
nehmbare Existenz  hat. 

Ende  Juli  1889.  machte  ich  mich  auf  die  Reise  mit  meiner  Frau, 
die  bei  meinen  Studienreisen  stets  mein  bester  Gehilfe  war. 


*)  S.  meine  Abh;mdl«ng:  „Adalekok  az  imädsag  törteneltnehez"  (Beiträge  zur 
Gescl  ichte  des  Gein  tes)  S.  7. 

»)  Kthnographia,  I.  251.  ff. 


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B£LA  VIKAR 


In  St.  Petersburg  hielten  wir  uns  einige  Tage  auf,  und  von  dort 
die  augenehmsten  Erinnerungen  mit  uns  nehmend,  setzten  wir  unsere 
Reise  über  den  Ladoga  fort,  und  am  31.  Juli  brachte  uns  das  finni- 
sche Dampfschiff  nach  Sortavala 

Die  ersten  Wochen  benützle  ich  dazu,  um  mich  in  der  Iii l era- 
rischen Sprache  so  gut  als  möglich  einzuüben.  Die  Intelligenz  da-*  Städt- 
chens, besonders  Oskar  Forsströtn,  Seminarlector,  einer  der  eifrigsten 
und  tüchtigsten  finnischen  Ethnographen,  der  in  Sortavala  auch  ein 
schönes  kleines  Museum  gegründet  hat  und  aufrechthält,  war  mir  mit 
der  grössten  Bereitwilligkeit  in  allem  behilflich.  Nach  Verlauf  einiger 
Wochen,  nachdem  ich  es  so  weit  gebracht  hatte,  um  nicht  nur  mich 
verständlich  zu  machen  (was  gleich  im  Anfang  leicht  war),  sondern 
auch  dass  ich  andere  verstand  (was  anfangs  sehr  schwierig  war),  wandte 
ich  meine  Studien  der  Umgegend  zu. 

leb  machte  einen  Ausflug  nach  der  Stadt  Pitkänta  zum  Volks- 
fest, das  am  4.  August  abgehalten  wird.  Hier  halte  ich  Gelegenheit 
Offenbarungen  der  Volksseele  während  der  Lust  barkeilen  zu  beobach- 
ten. Die  Sprache  der  Umgegend  ist  grosser  ßeachtungs  wert.  Mit  der 
Sprache  von  Sortavala  verglichen,  spricht  man  hier  eine  der  Kale- 
vala  viel  näher  stehende  Sprache ;  hier  herrseht  schon  sehr  abweichen- 
der Dialekt,  der  einigermassen  den  Cebergang  bildet  in  den  ostfinni- 
schen  Dialekt. 

Ueber  die  Volkstracht  dieser  Gegend  lässt  sich  nichts  sagen.  Sie 
bat  gänzlich  den  nationalen  Charakter  verloren.  Und  dies  ist  der  Fall 
im  grössten  Teile  Finnlands.  Die  alten  finnnischen  Volkstrachten  wer- 
den grösstenteils  nur  noch  in  finnischen  Museen  bewahrt. 

Dann  besuchte  ich  im  Dorfe  Rautlahii  in  ■  Begleitung  des  Magis- 
ters Oskar  Relander  den  86-jährigen  Ontrei  Vanninen  (mit  seinem  rus- 
sischen Namen  Borissa).  der  dieses  in  alter  Zeit  berühmten  Gesangs- 
gebietes  letzter  Sänger  ist.  Seine  Zauber-  und  Gesangskunst  erbte  ßo- 
rissa  von  einem  seiner  Ahnen,  der  vor  ungefähr  sieben  Menschenaltern 
als  erster  sich  hier  in  Rautlab ti  niedergelassen  hatte.  Nach  ihm  gab 
es  in  der  Familie  stets  ein-zwei  berühmte  Sänger,  auf  die  das  Lie- 
dererbe der  Ahnen  fiel.  Borissa  ist  der  letzte  Epigone;  er  hat  in  die- 
ser Beziehung  keinen  Nachkommen  mehr.  Auch  sein  Erinnerungs- 
vermögen -  wol  in  Folge  seines  Alters  —  ist  lückenhaft  und  ver- 
wirrt. Gar  oft  wiederholt  er  einen  epischen  Teil,  stets  nehmen  die 
Bruchstücke  seiner  Erinnerung  andere  Formen  an.  Am  besten  erinnert 
er  sich  noch  der  Zaubersprüche  und  Hochzeits-Runen,  nachdem 
er  einst  weit  und  breit  ein  berühmter  „tietäjätt  (Kenner)  gewesen  ist 
und  diese  Gattungen  besonders  cultivierte ;  nirgends  kam  eine  Erkran- 
kung, Hochzeit  udgl.  vor.  ohne  dass  er,  selbstverständlich  bei  guter 
Belohnung,  nicht  zugegen  gewesen  wäre.  Die  Zaubersprüche  trägt  er  stets 
recitierend,  die  Hocbzeilsrunen  aber  singend  in  einer  einfachen,  schlep- 
penden Tonart  vor,  die  sich  nur  auf  zwei  Zeilen  erstreckt.  Solcher 
epischer  Tonweisen  gibt  es  gar  viele  und  auch  der  grösste  Teil  der  fin- 
nischen  Volkslieder  ist  in  solcher  Form  wie  die  Kalevala  verfasst,  und 


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UEBEK  MEINE  STUDIENREISE  IN  FINNLAND 


wird  auf  die  Weise  gesungen.  Beim  Hersagen  der  nach  dem  Gesang 
niedergeschriebenen  Texte  bemerken  wir  sogleich  den  Unterschied,  der 
zwischen  den  gesungenen  und  hergesagten  Texten  vorherrscht.  Bei 
jenen  bleibt  die  alte  Sprache  und  das  genaue  Metrum  der  Runen  un- 
verändert; bei  diesen  biingt  der  Milteiler  die  Regeln  seiner  heutigen 
Sprache  zur  Geltung,  wodurch  die  Versform  gar  oft  verdorben  wird. 
Also  im  Gesangsvortrag : 

„Paasia  pakotiamahon, 

Kiviä  kivistämähänu  —  t4— 4  Trochaeen)  — 

hergesagt  aber: 

„Poasii  pakollama!', 
Kivü  kivistämä  i  — 

wo  also  die  Versform  verdorben  ist. 

Mit  Borissa  konnte  ich  nicht  so  kurz,  im  Handumdrehen  fertig 
werden;  icli  bestellte  ihn  daher  mehrmals  zu  mir  in  die  Stadt  und 
schrieb  das  Wenige,  was  er  noch  wusste,  auf. 

Hiernach  verlegte  ich  meine  Excursionen  in  das  (Jebiet  von  Su- 
istorae.  Im  Dorfe  Latvasyrjä  schrieb  ich  von  einer  alten  Frau  ein  Hir- 
tenlied und  einen  Hochzeilsruno  auf,  im  Dorfe  Laitioiset  von  einem  jungen 
Weibe  Klageverse  und  Liebeslieder.  Das  Niederschreiben  der  Klagerverse 
(Todtenklagen)  ist  gar  schwer,  denn  der  Mitteiler  stellt  aus  gewissen 
und  bestimmten  Phrasengebild^n  improvisierend  stets  ein  anderes  Gan- 
ze  her.  das  zu  wiederholen  er  dann  nicht  mehr  im  Stande  ist ; 
und  weil  er  in  der  Tat  weinend,  oder  im  bestem  Falle  in  weinerli- 
chem Tone  diese  Lieder  vorträgt,  bleiben  bei  einmaligem  Hören  gar 
viele  Lücken  zurück.  Hier  war  ich  also  jedesmal*  auf  Hilfe  angewie- 
sen, indem  wir  zwei-drei  Personen  zugleich  schrieben  und  dann  un- 
sere Aufzeichnungen  verglichen. 

Von  bestem  Erfolg  war  mein  Aufenthalt  zu  Jalovaara.  Varianten 
zur  Kalevala.  zahlreiche  Volkslieder  und  Besprechungsformeln  berei- 
cherten hier  meine  Sammlung.  Besonders  die  Vollkommenheit  der  Be- 
sprechungsformeln,  ihre  künstlerische  Form  (die  ganz  der  der  Kalevala 
entspricht)  und  ihr  reicher,  mythischer  Gehalt  überraschten  mich  Mit 
Freuden  überzeugte  ich  mich  auch  davon,  dass  die  Erzeugnisse  der 
finnischen  Volkspoesie  inhaltlich  und  formell  in  der  Tat  so  klassisch 
sind,  als  wir  sie  aus  den  erschienenen  Sammlungen  kennen. 

Von  Jalovaara  aus  sandte  ich  Boten  in  das  Dorf  Kokkari,  das 
einen  ganzen  Tag  weit  von  hier  liegt,  nach  den  berühmtesten  Sängern 
der  Umgegend,  nach  den  beiden  Brüdern  Schemejka;  aber  nur  der 
jüngere,  der  75-jährige  Peter  Schemejka  konnte  zu  mir  kommen.  Sehr 
schöne  Kalevala-Varianten,  zahlreiche  Zauberformeln  und  Jagdlieder 
citierte  er  mir,  und  fast  jedes  Stück  in  zwei  Varianten :  damit  der 
zwischen  dem  gesungenen  und  hergesagten  Text  vorherrschende  Unter- 
schied constatiert  werden  könne. 

Eine  höchst  interessante  Episode  meines  Aufenthaltes  in  Jalovaara 


63 


B£LA  V1KÄH 


bildet  mein  Ausflug  mit  dem  Wirte  Kerksonen  in  das  Dorf  Uuksu.  Dies 
Dorf  ist  der  einzige  Ort  in  dieser  Gegend,  wo  man  noch  befestigte 
„savutupa"  (Rauchhäuser)  sehen  kann;  solcher  Häuser  gibt  jetzt  es 
in  Finnland  nur  noch  weiter  in  den  nördlicheren  Gebieten  und  in  der 
russischen  Karjala  inmitten  endloser  Wälder.  Auf  diese  Gebiete,  die 
sowol  ethnographisch,  als  auch  wa-*  ihren  Reichtum  an  Runos  betrifft, 
in  erster  Reihe  dastehen  konnte  ich  infolge  meiner  materiellen  Be- 
schränktheit meine  Studien  nicht  ausdehnen.  Ich  kehrte  daher  nach 
Sortavala  zurück. 

Gelegenheit  zur  Vermehrung  meiner  Sammlungen  von  volkstüm- 
lichem Sprachmaterial  hatte  ich  auch  hier,  teils  bei  meinen  aus  der 
Umgebung  hereinbeschiedenen  Gewährsmännern,  teils  bei  denen,  die 
hier  die  Kirche  besuchen.  Einige  Märchen  bekam  ich  von  den  Zöglin- 
gen des  Seminars.  Ausserdem  wurde  ich  mit  dem  grössten  Teil  der  fin- 
nischen Volkslieder  bekannt,  die  uns  durch  i'ire  Ähnlichkeit  in  Be- 
zug auf  Versform  und  Musik  mit  unsern  magyarischen  Liedern  be- 
sonders interessieren.  *) 

Von  Sortavala  aus  wandte  ich  mich  in  Sachen  einer  ethnogra- 
phischen Sammlung  brieflich  an  den  Secretär  der  ungarischen  ethno- 
graphischen Gesellschaft,  an  Dr.  Anton  Herrmann;  mit  gewohntem  Ei- 
fer u  Fleiss  betrieb  er  die  Sache.  Demzufolge  machte  ich  Ausflüge  im 
Sortavalaer  Gebiet  und  sammelte  in  2  Wochen  so  viel,  als  es  meine 
geringen  Mittel  mir  erlaubten.  Später  hat  diese  Sammlung  das  hohe 
königl.  ungar.  Cultus-  und  Unterrichtsministerium  im  Ankaufspreis  von 
mir  übernommen 

Im  Oktober  zogen  wir  nach  Helsingfors  Hier  verbrachte  ich  mit 
finnischen  Sprachstudien  und  dem  sehr  eingehenden  Studium  des  er- 
wähnten Universitätsmuseums  geraume  Zeit.  Beim  Director  bewirkte 
ich  es,  dass  sie  uns  die  Dupla  der  ethnographischen  Gegenstände  im 
Ankaufspreis  überliessen  Auf  diese  Weise  —  und  mit  Hinzufügung  mei- 
ner eigenen  Sammlungen  —  gelangte  ich  in  den  Besitz  einer  recht  rei- 
chen und  für  uns  wichtigen  schönen  Collection  zur  finnischen  Eth- 
nographie Zu  besonderem  Danke  sind  wir  Herrn  Cultusminister  Grafen 
Albini  Csäky  verpflichtet,  der  durch  Ankauf  dieser  Sammlung  neuer- 
dings ein  Zeichen  seines  warmen  Interesses  Tür  die  Ethnographie  ge- 
geben hat.  Unsere  dankbare  Anerkennung  verdient  ferner  Mag.  Theo- 
dor Swindt,  der  Intendant  der  oben  erwähnten  Sammlungen,  dem  in 
Rücksicht  auf  die  Bewirkung  der  Ueberlassung  der  Dupla  und  auf  seine 
mit  der  Auswahl  und  1  ebergabe  verbundene  Mühewaltung  —  das  Haupl- 
verdienst  zukommt.  Dem  ausgezeichneten  Manne  gegenüber  spreche 
ich  hiemit  öffentlich  unsern  innigen  Dank  aus. 

Als  einen  Erfolg  muss  ich  auch  noch  das  Versprechen  genannter 
Direction  erwähnen,  demgemäss  sie  sich  bereit  erklärt  hat,  die  Aus- 
füllung der  Lücken  unserer  finnischen  ethnographischen  Sammlungen 


*)  Wir  werden  Gelegenheit  haben,  ans  Vikars  Sammlungen  manches  wert 
volle  mitzuteilen  Red. 

6t 


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UEUER  MEINE  STUDIENREISE  IN  FINNLAND- 


durch  ihre  eigenen  Sachverständigen  besorgen  zu  lassen.  Es  wäre  an- 
gezeigt, wenn  unsere  tonangebenden  Männer  sobald  als  möglich  dies 
Versprechen  in  Anspruch  nennen,  denn  wenn  irgendwo  —  so  mahnt  auf 
diesem  Gebiete  die  Zeit  zur  Eile  an.  Die  Civilisation  schreitet  in  Finn- 
land im  Sturmschritt  vorwärts,  und  mit  ihr  nimmt  das  Gebiet  und  das 
Material  ethnographischen  Sammeins  immer  mehr  ab.  Gar  bald  kommt 
die  Zeit,  wo  wir  die  Fundorte  finnischer  Ethnographie  nur  noch  in 
den  Wüsteneien  der  russischen  Karjala  antreffen.  Aber  der  grösste 
Grund  zur  Eile  liegt  bei  den  Finnen  selbst  im  Eifer  für  ihre  eigene 
Ethnographie.  Das  Museum  zu  Helsingsfors  und  die  in  der  Provinz 
von  Jahr  zu  .lahr  sich  mehrenden  kleineren  Museen  breiten  ihre  Samm- 
lungen auf  das  ganze  Gebiet  finnischer  Ethnographie  aus.  und  im  kur- 
zen haben  sie  alles  zusammengetragen,  was  man  auf  diesem  Gebiete 
heute  noch  Bedeutendes  und  Wichtiges  finden  kann.  Das  Beispiel  un- 
serer finnischen  Verwandten  möge  uns  zu  ähnlichem  Bestreben  an- 
eifern. 


Unter  Wogulen  und  Ostjaken.  ') 

Von  Karl  Pdpai. 
(Vorgelegen  in  der  Vortrags  Sitzung  am  7.  Dezember  1869.) 

Ich  will  von  den  Erfolgen  meiner  Studienreise  Rechenschaft  able- 
gen, die  ich  im  vergangenen  und  laufenden  Jahr  mit  meinem  Freunde, 
dem  Philologen  Dr  Bernhard  Munkdcsi  ins  Land  unserer  Sprachver- 
wandten, der  Wogulen  und  Ostjaken  unternommen  habe.  Anthropolo- 
gische und  ethnologische  Forschungen  unter  diesen  Völkern  zu  ma- 
chen, war  das  Hauptziel  meines  Unternehmens,  während  mein  Freund 
sich  linguistische  und  folkl  ristische  Studien  zur  Aufgabe  gestellt  hatte. 
Den  Verlauf  unserer  Reise  habe  ich  schon  an  anderer  Stelle  eingehend 
beschrieben  a),  und  »v»ll  daher  hier  nur  von  den  Ergebnissen  meiner 
Studien  sprechen. 

Nachdem  wir  von  der  Ungarischen  Geographischen  Gesellschaft, 
der  Ungarischen  Akademie  der  Wissenschaften,  dem  hohen  k.  ung.  Mi- 
nisterium für  Cultus  und  Unterricht  eine  materielle  Unterstützung  er- 
langt hatten,  machten  wir  uns  am  13.  März  1888  mit  einem  Begleit- 
schreiben von  Seiten  der  Akademie  der  Wissenschaften  versehen, 
auf  den  Weg.  Ich  halte  es  für  meine  Pflicht  der  hohen  russischen 
Regierung  und  allen  ihren  Beamten,  besonders  Herrn  Troiucki,  Gouver- 
neur von  Tobolsk,  meinen  Dank  auch  an  dieser  Stelle  auszusprechen, 

«i  Ethnttgraphia,  I.  3  Hft.  S.  117—130. 

•)  8.  FöUlrajzi  kSzhminyek  (Geographische  Mitteilungen  1838  IX.  u  X. 
1889  VIII.  ff.  Ausführlich  beschrieben  hat  unsere  Reise  auch  mein  Geno-se  Mun- 
kdcsi  in  der  Zeitschrift  Bwiapt»ti  Szemh '188';»,  dessen  Aufsatz  auch  deutsch  in  der  Un- 
garischen Herrn-  erschienen  ist 

65 


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KARL  PÄPA1 


Tür  die  Zuvorkommenheit  und  tatkräftige  ünterslützung,  die  s*ie  unse- 
rem Unternehmen  angedeihen  Messen,  und  womit  sie  den  Erfolg  un- 
serer Studien  sicherten.  Zu  besonderem  Dank  haben  uns  auch  die 
Gelehrten  verpflichtet,  in  Petersburg:  die  Herren  Akademiker  Radio ff 
und  fchrenk,  Prof.  Petri  und  Pattcanow,  in  Moskau :  Gondatti,  in  Ka- 
san :  Smirnow  und  Weske,  in  Jekaterinenburg :  Clerc,  in  Tobolsk :  Ma- 
mew,  Lytkin  und  Lugovski,  in  Tomsk :  Florinski,  Kusnecow  und  Adri- 
janows  die  uns  alle  wichtige  Anleitungen  zu  unseren  bevorstehenden 
Reisen  und  Studien  gaben. 

Am  6.  Mai  1888  gelangten  wir  in  die  erste  wogulische  Ansiede- 
lung, in  das  Dorf  Pelina,  das  am  Sosva-Fluss  gelegen  ist.  Beinahe 
einen  ganzen  Monat  hindurch  beschäftigte  ich  mich  hier  mit  anthropolo- 
gischen Messungen,  dem  Sammeln  von  ethnographischen  Gegenstän- 
den, Modellieren  und  photographischen  Aufnahmen.  Da  bot  sich  mir 
unerwartet  Gelegenheit  zu  einer  Reise  nach  dem  nördlichen  Ural,  wo 
noch  nicht  entnationalisierte,  auf  primitiver  Culturstufe  stehende  Wogu- 
len wohnen.  Diese  Gegenden  bereist  nämlich  seit  einigen  Jahren  eine 
russische  Commission,  um  den  Reichtum  des  Ural  an  Erzen  usw.  zu 
durchforschen  und  topographische  und  geographische  Aufnahmen  zu 
machen.  Der  Zuvorkommenheit  des  Leiters  der  Expedition,  des  Berg- 
werkingenieur's  Lebedsinsky  kann  ich  es  verdanken,  dass  ich  mit  die- 
ser Expedition  das  Stromgebiet  der  Sosva  durchsch weifen  konnte.  Nach 
Verlauf  eines  Monates  kehrte  ich  nach  Peräina  zurück,  wo  mein  Freund 
noch  seinen  linguistischen  Studien  oblag,  von  dem  ich  am  20.  Juli 
schied,  um  die  südlosvaer,  pelymer  uud  kondaer  Wogulen  aufzusuchen, 
nach  deren  Untersuchung  ich  mich  in  das  Stromgebiet  des  Ob  begab, 
wo  ich  in  übdorsk  bei  na1  e  einen  ganzen  Monat  mit  der  Erforschung 
der  Lebensweise  und  der  Verhältnisse  der  Wogulen  zubrachte.  Ver- 
schiedene Umstände  beschleunigten  unsere  Heimfahrt,  die  wir  am  17. 
März  antraten,  indem  wir  Obdorsk  verliessen  und  über  Tobolsk,  Je- 
katerinenburg, Kasan,  Moskau,  Petersburg,  Helsingfors,  Stockholm,  Ko- 
penhagen und  Berlin  am  15.  Juli  in  Budapest  anlangten. 

Dies  wäre  unsere  Reisetour  in  flüchtigen  Strichen  dargestellt; 
ich  will  nun  auf  die  Resultate  dieser  Reise  übergehen. 

Das  Harptziel  meiner  Forschungen  war  der  Mensch,  das  Volk. 
Die  Untersuchung  natürlicher  Verhältnisse  der  bereisten  Gegenden  konnte 
ich  aus  Mangel  an  Instrumenten  nicht  vornehmen.  Nur  eine  kleine 
botanische  Sammlung  (ungefähr  70  Exemplare)  ist  das  Ergebnis  in 
dieser  Richtung.  In  den  Kreis  meiner  Untersuchung  gehörte  vor  allem 
die  Anzahl  der  Bevölkerung,  deren  Verbreitung,  der  physische  Typus, 
und  die  Lebensweise.  Die  statistischen  Daten  habe  ich  teils  auf  Grund 
von  mir  vorgenommener  Zälung,  teils  auf  Grund  der  weniger  verläss- 
lichen Matrikeln  und  Steuerbücher  gesammelt.  Sorgfältig  sammelte  ich 
auch  die  auf  die  Verbreitung  des  Volkes  bezüglichen  Daten,  die  in 
einer  ethnographischen  Karte  des  durchforschten  Gebietes  zusammenge- 
stellt sein  werden.  Neben  diesen  demographischen  Studien  nahm  ich 
in  erster  Reihe  anthropologische  Untersuchungen  vor.  In  dieser  Rich- 


66 


UNTER  WOGULEN  UND  OSTJAKKN 


tung  war  die  Bestimmung  des  physischen  Typus  der  Wogulen  und  Ost- 
jaken  meine  Hauptaufgabe,  wobei  ich  Hautfarbe,  Augen,  Haare.  Ge- 
sicht, Schädelbildung  usw.  genau  untersuchte  Schädel  konnte  ich  nur 
zwei  mitbringen.  Bei  den  Messungen  gebrauchte  ich  den  französischen 
Anthropomeier  und  folgte  dabei  dem  kleineren  Schema  TopinorcTs, 
auf  welche  Weise  ich  an  40  Wogulen  (darunter  nur  an  einem  Weibe) 
Messungen  vornahmt  Körper-  und  Schädelmessungen  unterzog  ich  100 
Wogulen,  145  Ostjaken,  50  Syrjänen  und  32  Samojeden.  Meine  an- 
thropologischen Beobachtungen  werden,  was  besonders  den  Typus  an- 
belangt, von  meinen  photographischen  Autnahmen  ergänzt.  Dem  Gesamrat- 
eindruck  nach  ist  der  Typus  der  Wogulen  dem  der  Ostjaken  gleich.  Der 
Typus  hat  einen  mongolischen  Charakter,  wenn  auch  in  gering-  rem  Maasse 
wie  bei  den  Somojeden.  Der  Schädel  ist  brachykefal ;  Hautfarbe  bräun- 
lio;  Backenknochen  breit,  weniger  hervorstehend  und  schmale  Au- 
genschlitze,  was  besonders  bei  den  Weibern  und  Kindern  auffällt.  Das 
Haar  ist  dicht  und  gleich  der  Hornhaut  der  Farbe  nadi  dunkel.  Kör- 
per- und  Gesicbtsbebaarung  sehr  schütter.  Besonders  charakteristisch 
ist  die  Form  der  Nase:  an  der  Wurzel  tiefeingedrückt,  schmal  und 
abwärts  se'ir  flach. 

Meine  ethnographischen  Untersuchungen  erstreckten  sich  auf 
alle  Gebiete  und  nach  allen  Richtungen  des  Volkslebens  Deshalb 
musste  ich  mich  an  mehreren  Orten  längere  Zeit  aufhalten,  um  das 
Volksleben  in  allen  seinen  Aeusserungen  beobachten  zu  können.  Diese 
Studien  nahm  ich  stets  in  Begleitung  eines  Eingeborenen  vor,  der  mir 
die  auf  Nahrung,  Kleidung,  Wohnung,  Beschäftigung,  Familie,  Ver- 
wandtschaft udgl.  bezüglichen  Aufklärungen  geben  konnte,  die  ich  mir 
dann  genau  aufzeichnete.  Selbstverständlich  bildete  auch  das  geistige 
Leben  einen  Gegenstand  meines  Studiums,  und  wo  ich  nur  konnte, 
sammelte  ich  Märchen  und  Heldenlieder,  nebenbei  auch  lexikalisches 
Material.  So  habe  ich  von  den  vasjuganer  Wotjaken,  einem  bislang 
unbekannten  Dialekt,  ein  kleines  Wörterverzeichnis  angelegt. 

Das  Volksleben  charakterisierende  Gegenstände  zu  sammeln,  war 
für  mich  ebenfalls  eine  der  Hauptaufgaben.  In  dieser  Richtung  erstreckte 
sich  mein  Sammeln  auf  Kleider,  Wirtschaftsgeräte,  die  beim  Fischfang 
und  der  Jagd  gebräuchlichen  Geräte,  ebenso  auf  die  auf  den  Cultus 
bezüglichen  Gegenstände,  wobei  ich  die  Fetische  mit  besonderer  Vor- 
liebe sammelte.  Auf  diese  Weise  gelang  es  mir  eine  Sammlung  von 
ungefähr  500  Gegenständen  nach  Hause  zu  bringen,  die  sich  gegen- 
wärtig im  ungarischen  Nationalmuseum  befinden,  ebenso  die  photo- 
graphischen Aufnahmen  von  verschiedenen  Gegenständen,  deren  Zahl 
ungefähr  200  Stück  beträgt.  —  Wenn  nun  einmal  diese  Sammlungen 
und  Aufzeichnungen  —  wie  es  meine  Absicht  ist  —  in  grösseren  und 
kleineren  Abhandlungen  von  verschiedenen  Gesichtspunkten  aus  auf- 
gearbeitet sind  so  werden  sie  nicht  nur  auf  die  nahe  Verwandtschaft 
des  wogulischen  und  ostjakischen  Volkes  mit  dem  magyarischen  ein 
neues  Licht  werfen,  sondern  auch  vom  allgemeinen  anthropologischen 
und  ethnologischen  Standpunkte  von  einiger  Bedeutung  sein. 


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DR.   BKRNHARD  MUNKÄCSI 


Kosmogonische  Sagen  der  Wogulen. 

Aus  dem  Volksmunde  aufgezeichnet  von  Dr.  Bernhard  Munkäcsi.  *) 

I. 

Die  heilige  Sage  von  der  Entstehung  der  Erde. 
(Mi.  tülem  jelpin  mojt.) 

1.  Tundrahügels  Frau  und  alter  Mann  leben.  Sie  haben  einen 
schneeweissen  Raben.  Beiderseits  des  Hauses  ist  überall  Wasser;  Erde 
ist  keine.  Der  Alte  geht  nicht  aus  dem  Hause,  die  Aussenwelt  wie  sie 
gestaltet  sei,  er  weiss  es  nicht.  Wie  sie  so  leben,  einmal  nur  erschallt 
aus  dem  obern  Himmel  irgend  ein  Geräusch.  Der  Alte  schaut  zum 
Fenster  hinaus,  also  von  oben  her,  aus  dem  Himmel  kommt  ein  ei- 
serner Tauchervogel,  Erde  zu  suchen  taucht  er  ins  Wasser.  Er  gieng 
und  gieng  umher:  er  tauchte  auf,  er  hatte  keine  Erde  gefunden.  Er 
schöpfte  Atem  und  tauchte  wieder  ins  Wasser.  Er  gieng  und  gieng  um- 
her, er  tauchte  auf:  wieder  vergebens,  Erde  gibt's  keine.  Ein  wenig 
atmete  er  und  tauchte  zum  drittenmal  unter.  Als  er  auftauchte,  holte 
er  so  stark  Atem,  dass  ihm  unten  die  Kehle  barst;  an  der  Schnabel- 
wurzel hat  er  ein  Bröcklein  Erde.  Er  schwang  sich  aul  und  stieg  da- 
mit gen  Himmel. 

2.  Die  Frau  und  ihr  Alter  legten  sich  nieder.  Morgens  als  sie 
aufstehen,  erschallt  wieder  ein  Geräusch  aus  dem  Himmel.  Als  der 
Alte  hinaus  schaut,  steigt  ein  eisernes  Seehuhn  vom  Himmel,  taucht 
ins  Wasser.  Es  gieng  und  gieng  herum,  als  es  auftauchte,  halte  es 
nichts,  ganz  und  gar  nichts.  Ein  wenig  holte  es  Atem  und  tauchte 
wieder  ins  Wasser.  Wieder  gieng  und  gieng  es.  als  es  auftauchte,  hatte 
es  wieder  nichts.  Ein  wenig  holte  es  Atem,  und  noch  einmal,  zum 
drittenmal  tauchte  es  nieder.  Als  es  auftauchte,  holte  es  so  stark  Atem, 
dass  ihm  der  Seheitel  barst;  an  der  Schnabelwurzel  steht  ein  ziemli- 
ches Slückchen  Erde.  An  die  Ecke  jenes  Tundrahügel- Hauses  rieb  es 
den  Schnabel,  dann  flog  es  gen  Himmel. 

3.  Die  Frau  und  ihr  Alter  legten  sich  nieder.  Morgens,  als  sie 
aufstanden,  war  die  Erde  tussohlenbreit  geworden.  Andern  Tages  als 
sie  aufstanden,  reichte  die  Erde  schon  bis  zum  Gesichtskreis,  so  sehr 
hat  sie  sich  vergrössert;  am  dritten  Tage  als  die  Frau  und  ihr  Alter 
zum  Fenster  hinaus  sehen,  gibt's  kein  Wasser,  überall  hatte  es  sich 
in  Erde  verwandelt.  Zu  seinem  schneeweissen  Raben  sprach  der  Alte : 
„Geh  nur,  sieh,  wie  gross  die  Erde  geworden!"  Der  Rabe  entfernte 
sich,  blieb  eine  kleine  Stunde  weg,  so  gross  war  die  Erde  schon  ge- 
worden. Die  Frau  und  ihr  Mann  legten  sich  nieder,  sie  standen  wie- 
der aul,  sie  schicken  den  schneeweisen  Raben  wieder  aus,  die  Grösse 
der  Erde  anzusehen.  Der  schneeweise  Rabe  kam  von  seinem  Fluge 
nur  um  Mittag  heim;  so  gross  war  die  Erde  schon   geworden.  Am 

•)  Aus  Munkäcsi's  unedierten  Sammlungen  übersetzt  von  A.  11  -  Noten  und 
Erklärungen  im  nächsten  Heft.  Red. 


6S 


KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


dritten  Tage  standen  sie  auf.  sprachen  wieder  zum  Raben :  „Geh  nur, 
sieh  wie  gross  die  Erde  geworden  ist!"  Von  seinem  Fluge  kehrte  er 
gar  nicht  zurück,  so  wurde  es  Abend.  Zur  Zeit  des  Niederlegens  kam 
auf  einmal  der  schneeweisse  Rabe  nachhause,  in  schwarz  verwan- 
delt. Der  Alte  spricht  zu  seinem  Raben:  .Du  hast  auf  deinem  Fluge 
was  angestellt!"  —  Der  Rabe  spricht:  „Was  hab'  ich  angestellt?!  Ein 
Mensch  ist  gestorben,  von  dem  habe  ich  gegessen,  darum  bin  ich 
schwarz  geworden."  — „Hast  du  Menschen  gegessen,  so  fort  mit  dir  von 
hinnen !  Beim  Eintritt  der  Welt  des  Menschenzeitalters,  beim  Eintritt  der 
Welt  der  Menschenepoche  (d.  h  wenn  Menschen  leben  werden)  sollst  du 
allein  nicht  vermögen,  Tiere  des  Waldes  zu  lödten,  sollst  du  nicht 
vermögen,  Fische  des  Wassers  zu  tödlen;  wo  der  Mensch  irgend  ein 
Waldtier  getödtet,  dort  am  blutigen  Orte  sollst  du  dein  Herz  (deinen 
Hunger)  stillen ;  an  manchem  Tage  sollst  du  dich  hungrig  niederle- 
gen." Der  Rabe  gieng  hierauf  in  den  Wald,  und  lebt  dort  bis  auf  den 
heutigen  Tag. 

4.  Jelzt  tritt  die  Frau  aus  ihrem  Hause  auf  dem  Tundrahügel. 
Als  sie  hinein  geht,  spricht  sie  zu  ihrem  Alten:  .Alter,  hinterm  Hause 
ist  irgend  eine  Staude  gewachsen."  Der  Alle  spricht:  „Die  Wurzel, 
wie  sie  war,  der  Zweig,  wie  er  war,  bring's  herein!-  Seine  Frau 
grub  den  Baum  aus,  brachte  ihn  herein,  der  Alte  erkennt  ihn:  es 
ist  halt  ein  Zirbelbaum.  Er  spricht  zu  seiner  Frau :  „Trag  ihn  hinaus, 
stelle  ihn  daselbst  hin!«  Der  Alte  selbst  geht  nie  aus.  Er  legte  sich 
mit  seiner  Frau  nieder;  als  er  aufsteht,  ist  seine  Frau  nirgends.  Sie 
ist  irgendwohin  gegangen,  oder  was;  —  der  Alte  geht  nicht  hinaus, 
er  lebt  auch  weiter  nur  so.  So  lebend  vergiengen  ungefähr  vier, 
fünf  Wochen,  da  langweilte  er  sich.  Obwol  er  nicht  hinausgehen 
darf,  geht  er  diesen  Tag  doch  hinaus  seine  Frau  zu  suchen.  Er 
gieni,'  zur  Türöffnung,  seine  Frau  draussen  redet  ihn  an  und  spricht: 
„Komm  nicht  heraus  I  ich  habe  ein  Söhnchen,  mein  Söhnchen  ist  schon 
so  gross  geworden,  dass  es  Eichhörnchen  tödten  kann;  ich  werde 
nach  einer  Woche  nachhause  kommen,  du  komm  nicht  heraus!"  Eine 
Woche  war  sie  noch  drau?sen,  dann  gieng  seine  Frau  mit  ihrem  Söhn- 
chen ins  Haus.  Ihr  Söhnchen  war  so  gross  geworden,  dase  es  schon 
zu  laufen  begann. 

5.  Der  Mensch  des  Sanges,  der  Mensch  der  Sage,  wächst  er 
wol  lange?!  Die  Frau  und  ihr  Mann  sind  weiter  glücklich,  leben  wei- 
ter. Ihr  Söhnchen  wird  so  gross,  dass  es  Waldtiere  tödten  kann.  Aus 
dem  vom  Holze  der  zum  Abwischen  bestimmten  Hobelspäne  gebliebe- 
nen Mittelstück  machten  sie  ihm  einen  Bogen;  was  in  Wassergegend 
ist,  was  in  Waldesgegend  ist,  begann  er  zu  jagen.  Der  Alte  spricht: 
„Was  für  einen  Namen  geben  wir  unserem  Sohne?"  Seine  Frau  spricht: 
„Wär's  ein  Mädchen,  benennete  ich  es;  aber  hat  der  Knabe  nicht  von 
seinem  Vater  den  Namen  zu  erhalten?!"  —  Der  Alte  spricht:  „Was 
für  einen  Namen  soll  ich  ihm  geben?!  Mag  denn  sein  Name  sein: 
Tari-pSs- %i-mäVä-saw.  * 

6.  Tari-p.  geht  nun  in  den  Wald.  Viele  Speisekammern  der  Ge- 

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DR.  BERNHARD  MlTfKÄCSI 


birgsgegend  füllt  er  an,  viele  Speisekammern  der  Waldgegend  füllt  er 
an;  Marder,  Hirsche  fallen  nur  so.  Als  er  so  wandelte,  bekam  er  da* 
Verlangen  Wasser  zu  trinken.  Er  kam  zu  irgend  einem  freifliessenden 
Fluss;  er  legte  sich  ans  Wasser,  um  daraus  zu  trinken.  Ein  bärtiger 
Mann  sieht  ihm  ins  Gesicht.  Erschrocken  springt  er  auf.  „Das  ist  ge- 
wiss irgend  ein  teuflischer  Fluss!"  —  sagt  er,  —  „der  hat  einen 
Teufel,  hier  ist  es  nicht  erlaubt  zu  trinken."  Damit  gieng  ervondan- 
nen,  hieb  Eis  aus  dem  Teiche,  und  legte  sich  wieder  bäuchlings,  Was- 
ser zu  trinken.  Der  bärtige  Mann  sieht  ihm  wieder  ins  Gesicht.  „Das 
ist  irgend  ein  teuflischer  Teich!"  —  sagt  er  wieder  und  damit  gieng 
er  zum  Ob.  Er  kam  bis  in  die  Mitte  des  Ob,  legte  sich  ans  Wasser, 
der  bärtige  Mann  sieht  ihm  wieder  ins  Gesicht.  Da  betastet  er  sich, 
also  der  Schatten  seines  eigenen  Bartes  sieht  ihm  ins  Gesicht ;  er  trank 
vom  Wasser  des  Ob,  dann  gieng  er  nachhause.  Er  trat  ins  Haus,  Hess 
sich  auf  die  Bank  nieder,  und  liatte  weder  Mund  noch  Zunge.  Sein 
Vater  fragt  ihn  vergebens,  er  spricht  fortwährend  nichts.  Seine  Mutter 
spricht:  „Wenn  du  nicht  sprichst,  und  wenn  du  irgend  einmal  in  Not 
gerätst,  wirst  du  nicht  aus  können,  weder  nach  unten,  noch  nach 
oben!"  Sein  Vater  spricht:  „Du  hast  dich  wortlos  niedergelassen,  hast 
du  vielleicht  einen  bösen  Gedanken  gegen  uns?"  —  Sein  Sohn  beginnt 
erst  jetzt  zu  sprechen:  „Bis  mein  Bart  so  lang  geworden,  hast  du  bis* 
her  keine  frauenbetretene  frauige  Gegend  gekannt?"  —  Sein  Vater 
spricht:  „Ich  geh  nicht  aus,  wo  eine  trauen  betretene  frauige  Gegend 
ist,  weiss  ich  nicht;  du  bist  der  erdumwandernde  Mann,  du  bist  der 
wasserum wandernde  Mann,  nur  du  selber  kannst  eine  frauenbetretene 
frauige  Gegend  suchen." 

7.  Tari-p.  senkte  sein  Haupt,  wickelte  seine  Augen  ein,  und  legte 
sich  nieder.  Am  andern  Morgen  stand  er  auf :  sein  Vater  sagt  zu  ihm : 
„Geh  zu  den  Trümmern  des  zusammengestürzten  Pferdestalles,  grabe; 
wenn  du  zu  etwas  kommst,  so  kommst  du ;  wenn  du  nicht  kommst,  so 
kommst  du  nicht!"  Damit  gieng  der  Sohn  hinaus,  und  gieng  zur  Ecke 
jenes  zusammengestürzten  Pferdestalles.  Er  begann  im  Pterdedünger 
zu  graben,  da  kam  ihm  das  Ende  eines  Leitseiles  vor  die  Augen. 
Er  fasste  das  Ende  jenes  Leitseiles  und  zog  es  nach  aussen :  es  war 
ein  solches  Pferd,  als  wäre  es  eben  im  Begriffe  sein  Leben  auszuhau- 
chen, es  wankte  nur  so  hin  und  her.  Mit  einem  Nagelpfeil  schoss  er 
ihm  zwischen  die  Augen  (gab  ihm  einen  Nasenstüber):  aus  einem  Na- 
senloch sprühten  Funken,  aus  dem  andern  Nasenloch  qualmte  Rauch. 
Es  ward  zu  einem  dreijährigen  Pferde.  Er  schwang  sich  jetzt  auf  den 
Rücken  seines  Pferdes,  plötzlich  hob  er  sich  in  die  Höhe,  er  mengte 
sich  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

8.  Wie  er  auf  dem  Rücken  seines  Pferdes  so  geht,  gelangt  er 
zum  Ob.  Am  Ufer  des  Ob  an  einer  steilen  Bergwand  wandelnd:  stehen 
auf  dem  Gipfel  der  Bergwand  drei  Pappeln.  Ihrer  Blätter  eines  scheint 
ein  goldnes  Blatt  zu  sein:  es  dreht  sich  beständig,  dass  das  Auge  nicht 
darauf  zielen  kann.  Tari-p.  denkt  bei  sich :  „  Wie  geschickt  wol  meine 
Händ  sind?  ich  soll  danach  schiessen!"  Mit  seinem  Panzerring-Pfeile 


70 


KOSMOGON  ISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


schiesst  er  danach,  der  bohrte  sich  mitten  durch  das  Blatt.  Nachdem 
er  seinen  Pfeil  verschossen  hatte,  kam  Schlaf  über  seine  Augen.  Er 
schlief  ein,  er  (räumt.  Das  Schelten  einer  Frau  lässt  sich  vernehmen: 
„Zeigen  die  Kinder  also  ihre  Geschicklichkeit?  sie  durchwandeln  die 
Erde,  durchwandeln  da<*  Wasser  und  durchschiessen  das  Pelzfell,  dem 
Menschen  zum  Siegen  bestimmt!"  Als  er  auf  dem  Rückeu  seines  Pfer- 
des erwachte,  liegt  er  au  der  Öffnung  der  Türe  eines  Hauses.  Er 
steigt  herab  und  tritt  ins  Haus.  Die  Frau  spricht:  „Ei,  Tari-p.  erst 
jetzt  bist  du  angekommen?  Gar  lange  hast  du  deinen  Schlaf  geschla- 
fen! Tarem  hal  dir  eine  Frau  bestimmt;  aber  diese  deine  Frau  hat 
Paräpärsex  geraubt."  Tari-p.  spricht:  „Nach  seinem  Belieben,  er  mag 
sie  rauben!  Wer  war  denn  auch  bisher  verheiralet?  Ohne  Frau  zu 
leben  ist  gleichfalls  gut  !u  Seine  Frau  Schwester  tradierte  ihn  wol  mit 
Speisen  und  Getränken,  und  dann  gieng  er  wieder  weiter.  Seine  Frau 
Schwester  gab  ihm  ein  zweischneidige-*  Messer,  einen  Habichibilg  aus 
Eisen,  ein  Hasenfell  aus  Eisen,  ein  Mausfell  aus  Eisen,  eine  kleine 
Hechthaut  aus  Eisen.  „Bruder!  —  sprach  sie  -  jetzt  gehst  du  weg. 
wenn  du  zurück  kommst,  trag  diese  meine  Sachen  nicht  weiter!  Ich 
brauche  sie.  Wann  du  in  Not  oder  Gefahr  gerätst,  citiere  mich  nicht 
heftig,  erwähne  mich  leise.  Du  gehst  jetzt  weg,  sieh  abwärts,  dort  ste- 
hen sieben  Tuchzelte;  allerlei  Schafe,  Schweine  wie  das  Gewürm!  Zu 
diesen  Tuchzelten  lassest  du  dich  herab,  aus  den  Tuchzelten  wird  ein- 
äugiges Volk  hervorgehen;  ein  Auge  ist  ihm  herausgt  flössen,  das  an- 
dere Auge  ist  heil.  Du  frag  sie  dort:  , Wessen  Schafe,  Schweine  hü- 
tet ihr?!  Sie  werden  antworten:  ,Wir  hüten  Päräpärsex's  Schafe, 
Schweine.4  Da  sprich  du  also:  .Saget  nicht  so,  saget  so:   Tari-p.*  s 
Schafe,  Schweine  hüten  wir;  hinten  kommt  der  feurige  Fürst,  wenn 
ihr  saget,  dass  ihr  Päräp.'s  Schafe,  Schweine  hütet,  werdet  ihr  Feuer 
fangen;  wenn  ihr  aber  saget:  ,Tarip.'s  Schafe,  Schweine  hüten  wir, 
wird  euch  gutes  zu  teil.4  —  Dann  heile  ihre  Augen,  hauche  sie  an, 
damit  sie  zweiäugig  werden.  Darauf  gehst  du  wieder  vorwärts,  gelangst 
wieder  zu  sieben  Tuchzelten:  allerlei  Kühe,  wie  das  Gewürm  (so  wim- 
meln sie).  Du  lässest  dich  wieder  hinab,  gelangst  hin,  einarmiges  Volk 
wird  herauskommen.  Du  fragst  sie:  , Wessen  Kühe  hütet  ihr?*  Jene 
antworten:  ,Wir  hüten  Päräp.'s  Kühe/  Da  sprich  du  also:  , Saget 
nicht  so;  saget  so:  ,Wir  hüten  Ton-p's  Kühe.'  Wenn  ihr  nicht  also 
sprechet,  hinten  kommt  der  feurige  Fürst,  ihr  werdet  Feuer  fangen 
Dann  hauche  ihre  Hände  an,  damit  sie  heilen.  Darauf  gehst  du  wieder, 
an  einem  Orte  stehn  abermals  sieben  Tuchzelte.  Dort  nur  lauter  Pfer- 
de. Nun  wirst  du  dich  hinablassen,  du  wirst  hinab  gelangen,  aus  dem 
Tuchzelte  wird  einfiissiges  Volk  hervorkriechen.  Du  frage  sie:  »Wessen 
Pferde  hütet  ihr?'  Jene  werden  dann  sagen:  ,Wir  hüten  Paräp.'s  Pferde.' 
Hierauf  sprich  du:  ,Saget  nicht  so;  saget,  wir  hüten  Tari-p's  Pferde; 
sonst  —  hinten  kommt  der  feurige  Fürst  —  werdet  ihr  Feuer  fangen ; 
weder  ihr  werdet  sein,  noch  die  Pferde  werden  sein,  alle  verzehrt  das 
Feuer.4  Wenn  sie  dir  gut  sein  werden,  hauche  ihre  Füsse  an  und 
heile  sie.  Nun  aber  gehl* 

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DR.  BERNHARD  MUNKÄCSI 


9.  Nun  setzte  sich  Tari-p.  auf  den  Rücken  seines  Pferdes.  Er 
nahm  -eine  siebenseilige  (?)  Peitsche  hervor,  er  mengte  sich  wieder  un- 
ter wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken  An  einem  Orte,  da  er 
hinab  sieht:  stehen  sieben  Tuchzelte,  allenthalben  Schafe.  Schweine, 
wie  das  Gewürm.  Hierauf  Hess  sich  sein  Pferd  hinab.  Er  fragt  sie: 
„Wessen  Schafe,  Schweine  hütet  ihr?"  —  „Wir  hülen  Päräp.'s  Sc'-afe, 
Schweine!"  —  „Nein,  saget  nicht  so:  Saget,  wir  hüten  Tari- p.'s  Schafe» 
Schweine;  denn  wenn  ihr  so  sprechet,  wir  hüten  Päräp.'s  Schafe, 
Schweine,  kommt  hinten  der  Feuerfürst,  er  zehrt  euch  alle  auf!*  — 
Sie  neigen  das  Haupt,  legen  sich  ihm  zu  Füssen.  —  „Wie  sollten  wir 
nicht  sagen,  dass  wir  7 aW-p.'s Schate,  Schweine  hüten'?!"  —  Er  hauchte 
sie  an.  alle  wurden  heilen  Auges  Wie  sich  sein  Pferd  rührt,  mengte 
er  sich  wieder  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken.  So  ge- 
hend blickt  er  an  einem  Orte  abwärts:  sieben  Tuchzelte  stehn;  die 
lieben  Kühe  allenthalben  wie  das  Gewürm.  Sein  Pferd  Hess  sich  hin- 
ab, es  kam  hinab.  Das  Zeltvolk  kommt  hervor,  lauter  einhändige.  Er 
fragt  sie:  rWessen  Kühe  hütet  ihr?"  —  n  Päräp.'s  Kühe  hüten  wir.* 
—  „Saget  nicht  so;  saget,  wir  hüten  Tarip.'s  Kühe ;  hinten  kommt  der 
Feuerfürst,  ihr  fanget  Feuer  !w  Er  hauchte  sie  an,  ihre  Hände  wurden 
heil.  Sie  legen  sich  zu  seinen  Füssen:  „Wir  sind  heiler  Hand  gewor- 
den, wie  sollten  wir  nicht  sagen,  dass  wir  Tari-p.'*  Kühe  hüten!"  — 
Darauf  bestieg  er  sein  Pferd,  erhob  sich  plötzlich  wieder  in  die  Höhe. 
An  einem  Orte  blickt  er  hinab:  allerhand  Pferde,  wie  das  Gewürm, 
und  sieben  Tuchzelte  stehen.  Sein  Pferd  Hess  sich  wieder  hinab,  aus 
den  Zelten  kriecht  einfüssiges  Volk  hervor.  Er  fragt  sie:  „Wessen 
Pferde  hütet  ihr?"  —  „Päräp.'s  Pferde  hüten  wir  "  —  „Saget  nichso! 
Saget,  wir  hüten  Tari-p 's  Pferde;  wenn  ihr  so  sprechet,  wird  es  euch 
gut  ergehen!"  —  „Wie  sollten  wir  nicht  so  sprechen? I"  entgegnen  sie. 
Tari-p.  hauchte  ihre  Füsse  an,  alle  bekamen  heile  Füsse  Nun  gieng 
das  Pferd  wieder  weiter;  er  mengte  sich  unter  wandelnde  Wolken, 
unter  eilende  Wolken. 

10.  Wie  er  so  geht,  blickt  er  auf  einmal  nur  vorwärts:  liegt 
halt  ober  einem  siebenflügligen  eisernen  Pferde  eine  Burg.  Da  liess 
sich  sein  Pferd  an  die  Schwelle  des  Tores  jener  Burg  hinab.  Er  sprang 
herab,  band  sein  Pferd  dort  an  und  trat  ein.  Ist  halt  eine  für  Tärdm 
bestimmte  wunderschöne  Fee  im  Hause.  Das  Mädchen  spricht:  „Ei 
Tari-p. !  gar  lang  hast  du  deinen  Schlaf  geschlafen !  Wie  war'  ich  jetzt 
deine  Gattin,  jetzt  bin  ich  Päräp.'s  Gattin. u  Tari-p.  erwidert:  „Was 
soll  ich  nun  mit  dir  machen?  auch  ausser  dir  gibt's  wol  noch  eine 
schöne  Frau?!"  Jene  Frau  schämte  sich.  Tari-p.  sprach:  „He,  Frau! 
bring  mir  was  zu  essen,  ich  bin  hungrig."  —  „Zu  essen  soll  dir 
bringen  jene  deine  schöne  Frau  ausser  mir,  jene  deine  zierliche  Frau 
ausser  mir!"  —  „Na,  na,  bring  mir  was  zu  essen,  denn  ich  bin 
hungrig!"  —  „Was  hab'  ich  zu  essen;  jene  deine  schöne  Frau  aus- 
ser mir,  die  mag  dir  bringen ! "  —  „Was  für  eine  Zauberkraft  hat  Pä- 
räparscy?*  —  „Deine  ausser  mir  seiende,  Zauberkraft  kennende  Frau 
mag  es  dir  sagen;  ich  weiss  von  keiner  Zauberkraft  etwas!"  —  „Na, 

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KOSMOG ONISCHEN  SAGEN  DEK  WOGULEN. 


sag"  es  mir,  sag'  es  mir  schnell!"  Hierauf  brachte  ihm  die  Frau  zu 
essen.  „Nun!"  —  sagt  er  —  „sag'  mir,  was  für  Zauberkraft  hat  er?" 

—  „Nun!  was  tür  Zauberkraft  hat  er?  gar  keine  Zauberkraft  hat  er. 
Später"  —  sprach  sie  —  „wird  er  auf  eine  siebenwipflige  Rottanne  in 
Rabengestalt  sich  setzen,  allerlei  Gegenden  von  allerlei  Städten  betrach- 
tet er  fortwährend ;  wenn  er  dic;h  wahrnimmt,  fliegt  er  krächzend  in 
den  Wald.tt  Tari-p.  ass,  wurde  fertig,  gieng  hinaus.  Sein  Pferd  verbarg 
die  Frau ;  er  gieng  zum  Fusse  jener  Rottanne,  grub  sich  in  die  Erde, 
nur  sein  Äuge  liess  er  unbedeckt,  um  hinaufsehen  zu  können 

11.  Wie  er  so  liegt,  erschallt  von  der  Gegend  des  obern  Ural 
her  Rabengekrächze  Er  schaut  hin:  sieh  da,  der  alte  Rabe  kommt; 
seinen  Rücken  reibt  er  an  den  Himmel,  so  hoch  kommt  er.  Er  kam, 
er  kam,  er  selzte  sich  dahin  auf  den  Wipfel  jener  sieben wipfligen 
Roitanne.  In  allen  Richtungen  befindliche  Städtegegenden  besichtigt  er, 
damit  fliegt  er  krächzend  weiter.  Er  hatte  Tari-p.  bemerkt.  Dieser  stand 
nun  auf.  schloff  in  den  eisernen  Habicht  balg  und  verfolgte  den  Raben.  Er 
verfolgt  ihn  verfolgt  ihn,  schon  ist  er  ihm  nahe,  darauf  verlor  er  ihn 
irgendwohin.  Er  schaut  abwärts:  dort  hüpft  er  in  Hasengestalt.  Er 
schlieft  in  sein  eisernes  Hasenfell,  verfolgt  ihn  wieder,  hat  sich  schon 
genaht,  hat  ihn  schon  fast  erreicht,  wieder  verlor  er  ihn.  Er  blickt  ab- 
wärts: ein  Mausloch  ist  da.  Auch  er  schlieft  in  sein  eisernes  Mausfell 
und  auf  demselben  Wege  verfolgt  er  ihn  weiter.  Wieder  hat  er  ihn 
beinahe  erreicht,  jener  liess  sich  in  Gestalt  eines  kleinen  Hechtes  ins 
Meer.  Auch  er  schlieft  in  seine  eiserne  Hechthaut,  und  auf  dem 
Wege  jenes  Menschen  warf  er  sich  ebenso  ins  Wasser  des  Meeres. 
Er  war  schon  nahe  daran,  ihn  zu  erreichen,  jener  hechtgestaltige 
Mensch  sprang  durch  das  Eis  des  Meeres  auf.  Auf  dem  Lande  fasste 
er  ihn:  wie  Sandkörner,  wie  Staubkörner  zerstückelte  er  ihn;  im  Feu- 
er verbrannte  er  ihn ;  seine  aufwärts  steigenden  Funken  schlug  er  ab- 
wärts, seine  abwärts  steigenden  Funken  schlug  er  aufwärts.  Nach  sol- 
chem Herumschlagen  flog  Pärfiparse^  als  Elster  weg.  Seinen  Panzer- 
ring-Pfeil schiesst  er  nach  ihm  ab,  die  Elster  liegt  beinahe  in  zwei 
Stücken.  Wieder  warf  er  ihn  ins  Feuer;  vergebens  späht  er  bis  zum 
Erlöschen  des  Funkens,  nichts  geht  hinaus.  Dort  hat  er  den  Mann 
getödtet,  der  seine  Frau  geraubt  hatte. 

12.  Wie  er  ihn  so  verfolgte,  gieng  er  einesteils  auf  Flügeln:  in 
welche  Gegend  er  gekommen,  er  weiss  es  nicht.  Teils  gieng  er  in  Ha- 
sengestalt.  teils  in  Mausgestalt,  teils  in  Gestalt  eines  kleinen  Karpfens; 
in  welche  Gegend  er  gekommen,  er  weiss  es  nicht.  Er  denkt  eben  nur 
daran,  dass  er  stirbt:  weinend  geht  er  da  herum.  Auf  einmal  spricht 
ihn  jemand  hinter  seinem  Rücken  an:  „Mein  Freind,  was  machst 
du?  werde  einmal  fertig  mit  deinen  Sachen,  ich  langweile  mich  schon!" 
Er  schaut  hin,  steht  halt  sein  Pferd  da  „Steig  auf  meinen  Rücken!" 

—  spricht  es.  Hierauf  stieg  er  auf  den  Rücken  seines  Pferdes :  gieng 
weiter,  er  mengte  sich  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

13.  Wie  er  so  geht,  erschallt  nur  auf  einmal  in  der  Ferne  ein 
Getöse.  Sein  Pferd  blieb  hierauf  stehen.  Er  spricht  zu  Tari-p. :  „Weisst 


Hermann,  Ethnologische  Mitteilungen. 


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DR.  BERNHARD  MCNKÄC8I 


du  was,  was  für  ein  Getöse  das  in  der  Ferne  ist?-  —  „Wie  soll  ich's 
wissen;  gewiss  ist  etwas  dort,  was  tost!"  —  »Nun  das  ist  die  heilige 
Feuerflut:  ein  Teil  des  göttlichen  Feuers  brennt  oben  im  Himmel,  ein 
anderer  Teil  brennt  in  den  zwei  Ecken  des  Himmels,  Himmel  und  Er- 
de wird  von  ihm  verzehrt ;  auf  welche  Weise  gehen  wir  durch  dieses 
Feuer?"  -  Tari  p.  spricht :  „Woher  soll  ich's  denn  wissen?-  Das  Pferd 
sprichl:  „Kriech1  hinein  in  mein  Nasenloch,  kauf  30  Ellen  weisse  Lein- 
wand, kauf  30  Ellen  Leinwand  zu  Taschen  i flehen."  Er  kroch  in  das 
Nasenloch  des  Pferdes,  war  also  im  Nasenloch  des  Pferdes  ein  Kauf- 
laden. Dreissig  Ellen  weisse  Leinwand  kaufte  er,  dreissig  Ellen  Taschen- 
tücher kaufte  er,  gieng  aus  dem  Gewölbe,  umwickelte  seines  Pferdes 
Vorderfuss,  Hinteriuss,  auch  sich  wickelte  er  hinein.  Nun  hört  man, 
dass  das  Pferd  zu  gehen  begonnen.  Ist  er  lange  Zeit  gegangen,  oder 
ist  er  kurze  Zeit  gegangen:  auf  einmal  bleibt  das  Pferd  stehen  .Komm 
heraus!"  spricht  es  Von  den  Linnen,  mit  denen  es  umwickelt  war, 
fielen  nur  die  verkohlten  Überreste  herab:  während  jene  durch  das 
Feuer  gegangen,  waren  sie  verbrannt. 

14.  Wieder  geht  er  auf  seinem  Pferde  vorwärts.  In  der  Ferne 
erschallt  wieder  ein  Getöse.  Sein  Pferd  spricht:  „Weist  du,  was  so  ein 
Getöse  macht?"  „Woher  soll  ich's  denn  wissen?"  —  Schau  nur 
vorwärts,  was  geschieht  dort?"  Er  sieht  vor  sich,  da  verflechten  sich 
30  Pappeln,  dann  gehen  sie  auseinander;  was  nur  unlerm  Himmel  ist. 
alles  heben  sie  empor,  nichts  kann  da  durchkommen.  Sein  Perd  spricht: 
„Denke  nicht  her,  denke  nicht  hin  !a  —  und  schreitet  vorwärts.  Tari-p. 
denkt,  was  für  eine  Ungeheuerlichkeit  haben  wol  diese  Pappeln.  Er 
gieng  nach  den  Pappeln  hin,  diese  schlugen  auseinander.  Tari-p.  wur- 
de von  ihnen  berührt,  fiel  vom  Rücken  seines  Pferdes  herab;  wohin 
sein  Pferd  gegangen,  er  weiss  es  nicht,  wohin  er  selbst  gekommen,  er 
weis  es  nicht.  Als  er  zu  sich  kam,  hieng  er  mit  seinem  Kinn  an  einem 
Pappelasle;  her  und  hin  schankell  er,  hinab  kann  er  nicht  gelangen, 
hinauf  kann  er  nicht  gelangen.  „Ei!*  spricht  er,  „darum  sagte  meine 
Mutter :  wenn  du  einmal  in  eine  Gefahr  geraten  wirst,  kannst  du  nicht 
abwärts  kommen,  kannst  du  nicht  aufwärts  kommen :  sieh  da,  nun 
kann  ich  nicht  abwärts  kommen,  kann  ich  nicht  aufwärts  kommen. 
Meine  Frau  Schwester  sagte  neulich:  wenn  du  in  Not,  in  Elend  ge- 
rätst, dtiere  mich  nur ;  wo  ist  sie  denn  hier?  ich  sterbe  hier  gleich!" 
Im  selben  Augenblicke  erschallt  irgend  ein  plötzliches  Gepolter.  Er 
sieht  hin,  also  kommt  auf  dem  Rücken  eines  dreiflüglichen  Pferdes  jene 
seine  Frau  Schwesler.  „Wie  ist  dir  geworden,  Jungbruder?!  Warum 
hast  du  mich  so  eilig  citierl ;  ich  sass  eben  Thee  trinkend  und  die  Thee- 
schalen  sind  in  Stücke  zerbrochen :  in  welch'  eine  Not,  ein  Elend  bist 
du  geraten?*  —  „Frau  Schwester!  mein  Slerbort  ist  dies  abwärts 
kann  ich  nicht  kommen,  aufwärts  kann  ich  nicht  kommen :  mein  Pferd, 
wer  weiss  in  welche  Gegend  es  verschleppt  worden  ist.u  Seine  Frau 
Schwester  fasste  die  dreissig  Pappeln  zwischen  ihre  Nägel,  brach  sie 
entzwei:  sie  spricht:  „Die  Welt  des  Menschenzeitallars.  die  Welt  der 
Menschenepoche  wird  beginnen:  was  für  ein  Mensch  wir  da  im  Stande 


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KOSMOGONISCHEN  SAGEN  DER  WOGULEN. 


sein  durch  euch  hindurchzudringen?!"  Tari-p.,  als  er  um  schaut:  ist 
seine  Frau  Schwester  nirgends,  er  selbst  ist  zur  Erde  gefallen,  dort 
sieht  er.  Kein  Pferd  gibt's  da,  nichts  gibt's  da  „Herr  Gott!"  —  spricht 
er  —  „wohin  ist  mein  Pferd  gekommen?  gleich  sterbe  ich  hier!"  Im 
selben  Augenblicke  spricht  ihn  sein  Pferd  hinler  seinem  Rücken  an : 
„Sei  schon  lertig!  es  ist  mir  schon  langweilig,  steig  auf  meinen  Rücken!" 
Froh  stieg  er  auf  den  Rücken  seines  Pferdes.  „Nimm  deine  siebensei- 
tige (?)  Peitsche  hervor  —  sagt  sein  Pferd — schlage  mich!"  Er  nahm 
seine  siebenseitige  Peitsche  hervor,  er  schlug  einmal  auf  sein  Pferd, 
plötzlich  erhob  es  sich  in  die  Höhe.  Er  mengte  sich  wieder  unter 
wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

15.  Wie  er  so  geht,  erschallt  in  der  Ferne  wieder  ein  Gelöse. 
Sein  Pferd  blieb  stehen  und  sprach:  „Weisst  du  was  das  für  ein  Ge- 
töse in  der  Ferne  ist?"  Tari-p.  antwortet:  „Woher  soll  ich 's  wissen?" 
Wenn  du  s  nicht  weisst,  also  der  quer-über-sieben-haarlos-gewordene- 
Bundschuhe-liegende  Alte  schnarcht;  das  ist  der  Endpunkt  unseres 
Lebens,  weiter  können  wir  nicht  mehr  kommen,  jetzt  tödtet  man  uns ; 

—  hat  dir  neulich  deine  Frau  Schwester  nicht  etwas  gegeben?*  Tari-p. 
spricht:  „Was  hat  sie  mir  gegeben?"  —  Sein  Pferd  spricht:  „Hat  sie 
dir  kein  zweischneidiges  Messer  gegeben?"  —  „So  ist's!"  —  denkt  er 

—  «ein  zweischneidiges  Messer  hat  sie  mir  gegeben."  Sein  Pferd  spricht: 
„Geh,  schliefe  ins  Mausfell,  schneide  dem  Alten  die  Nasenflügel  und 
Ohrlappen  ab;  wenn  es  dir  bestimmt  ist,  dass  du  den  Gesang  vor- 
wärts bringest  (d.  i.  dass  über  dich  das  Lied  fortgesetzt  werde)  wenn 
es  dir  bestimmt  ist,  dass  du  die  Sage  vorwärts  bringest:  dann  wirst 
du  ihn  bewältigen  können ;  wenn  dir  das  nicht  bestimmt  ist,  dann 
wirst  du  getödtet."  —  Tari-p.  schlofT  ins  Mausfell  und  gieng  in  Maus- 
gestalt zum  quer-über-sieben-haarlos-gewordene-Bundschuhe-liegenden 
Alten.  Sein  Pferd  blieb  dort.  Der  Alte  atmet  aus:  er  wird  irgend  wo- 
hin rückwärts  gehoben,  jener  atmet  ein:  beinahe  wirbelt  es  ihn  ins 
Nasenloch  hinein ;  er  stemmt  sich  zurück,  er  zwingt  es  kaum.  Er  zog 
sein  zweischneidiges  Messer  hervor,  schnitt  den  Alten  Nasenflügel  und 
Ohrlappen  ab  und  steckte  sie  in  d'*e  Tasche.  Sein  Pferd  spricht :  „komm 
schnell,  besteige  mich!-  Er  lief  zu  seinem  Pferde,  schwang  sich  schnell 
auf  dessen  Rücken.  Das  Pferd  stieg  aufwärts.  Als  ihm  der  quer-über- 
sieben-haarlos-gewordene-Bundschuhe-liegende  Alte  nachsetzte,  stieg  das 
Pferd  plötzlich  in  die  Höhe,  jener  konnte  ihn  nicht  erreichen  Der 
Alte  sprach:  „Hej  Tari-p.  in  der  Zukunft,  bis  der  letzte  eine  Mann 
nicht  umkommt,  bis  die  letzte  Frau  nicht  umkommt,  wirst  du  als  ein 
Gott  leben;  ich  aber  bin  nun  schon  gestorben."  Tari-p  versetzt  da- 
rauf: „Einst  wird  die  Welt  des  Menschenzeitalters,  die  Well  der  Men- 
schenepoche beginnen;  was  für  ein  Mensch  wird  dich  da  bewältigen 
können;  darum  hab'  ich  dich  getödtet."  Sein  Pferd  gieng  nun  weiter; 
er  mengte  sich  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

[Hier  folgt  der  eigentliche  heilige  Teil  der  Sage;  die  Frauen  ge- 
hen aus  der  Jurte,  auf  den  Tisch  wird  Silbergeld  gelegt.] 

Ib.  Tari-p.  Ross,  wie  es  so  weiterschreitet,  bleibt  einmal  nur 

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! 


DR.   BERNHARD  MUNKiC'81 


stehen,  spricht :,  „Auf  meine  Nase  wirst  du  eine  Birkenbast- Rolle  stecken, 
auf  meinen  Vorderluss,  auf  meinen  Hinterfuss  wirst  du  eine  Birken- 
bast-Kolle  stecken,  meinen  Schweif  winde  aut  dein  Schwert."  Auf  Nase. 
Vordertuss,  Hinterfuss  steckte  er  eine  Birkenbast-Rolle,  den  8chweif 
wand  er  auf  sein  Schwert.  Sein  Ross  spricht:  „Jetzt  besteige  meinen 
Rücken  !J  Er  bestieg  den  Rücken  seines  Rosses,  dieses  erhob  sich 
hoch,  sie  mengten  sich  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wol- 
ken Wie  sie  so  gehen,  Hess  sich  das  Ross  einmal  nur  nieder,  gelangte 
herab.  An  dem  Orte,  da  er  herabgelangte,  stand  ein  Haus  und  eine 
Vorratskammer.  Das  Ross  spricht:  „Steig  hinab  von  mir;  geh,  ent 
führ'  die  Tochter  der  Fasanenten- nasigen  Frau,  ihre  Mutter  ist  einge- 
schlafen!" Als  er  im  Begriffe  war  ins  Haus  zu  treten,  sprach  sein  Ross: 
„Geh  mir  nicht,  komm  her!  du  wirst  irgendwie  an  eine  Torheit  den- 
ken, die  Frau  erwacht,  und  dann  ist's  aus  mit  meinem  Leben,  schliefe 
in  eine  meiner  Nüstern,  dort  ist  eine  Schenke,  in  der  Schenke  trinke 
drei  Gläschen.  Tari-p.  schliefe  in  die  Nüstern  des  Rosses.  in  der  Nüster 
drin  ist  jene  Schenke;  er  trank  drei  Gläser  Branntwein  und  kam  he- 
raus. Sein  Ross  spricht:  „Nun  jetzt  geh,  entführ  die  Tochter  der  Fa- 
sanenten-nasigen Frau!'  Er  gieng  ins  Haus,  ergrifT  das  Mädchen  und 
brachte  sie  heraus.  Sein  Ross  spricht:  „Steig  schnell  auf,  sie  kommt 
uns  nach!"  Kaum  gelangte  er  zu  seinem  Rosse,  erschien  die  Fasanen- 
ten-nasige Frau  Das  Ross  spricht:  „Wirf  rasch   das   Weib  von  dir, 
sie  kommt  uns  nach  !u  Er  wart  das  Mädchen  von  sich,  bestieg  schnell 
den  Rücken  des  Rosses,  und  vorwärts  gieng  er!  Die  Fasanenten-na- 
sige Frau  erfasste  die  Nase  des  Rosses.  Das  Haupt  des  Rosses  machte 
eine  Bewegung,  und  die  Birkenbast-Rolle  löste  sich  ab.  Sie  machte 
sich  an  den  Vorderfuss  des  Rosses,  erfasste  den  Vorderfuss  des  Ros- 
ses :  die  Birkenbast- Rollen  lösten  sich  ab.  Nachher  machte  sie  sich 
an  den  Hinterfuss  des  Rosses,  als  das  Ross  emporsprang,  lösten  sich 
wieder  die  Birkenbast- Rollen  ab.  Nun  machte  sie  sich  an  den  Schwei! 
des  Rosses,  beider  Hände  Finger  schnitt  sie  sich  am  Schwert  entzwei. 
Jetzt  macht  sie  Jagd  auf  sie.  Bald  hascht  sie  hier   nach  ihnen,  bald 
hascht  sie  dort  nach  ihnen.  Das  Ross  spricht:  „Was  hast  du  in  der 
Hand;  gleich  wird  sie  uns  ja  ergreifen!"  Tari-p.  antwortet:  „Nicht? 
habe  ich  in  der  Hand.  Die  Fasanenten-nasige  Frau  hascht  bald  hier 
nach  ihnen,  hascht  bald  dort  nach  ihnen.  Das  Ross  spricht:  „Was 
wartest  du,  vas  hast  du  in  der  Hand,  weissl  du's  nicht?"   Er  blick? 
auf  seine  Hand  :  er  hat  ja  seine  siebenseitige  (?)  Geissei  darin.  Jetzt  schlag' 
er  auf  sein  Ross  und  nun  mengt  er  sich  unter  wandelnde  Wolken,  un- 
ter eilende  Wolken.  Die  Fasanenten -nasige  Frau  spricht :  „Ei  da,  Tari-p 
du  hast  also  das  Mädchen  geraubt;  Tarem  hat  dich  angenommen,  du 
bist  davongekommen.1' 

17.  Jetzt  gieng's  vorwärts.  Einmal  nur  kamen  sie  in  die  Burg 
Päraparse/'s  Sein  Ross  Hess  sich  zum  Tore  der  Burg  nieder,  gelangte 
hinab.  Seine  Frau  kam  erst  jetzt  heraus,  erst  jetzt  reichten  sie  sie  l. 
die  Hände.  Seine  Frau  führte  ihn  ins  Haus  :  „Ei  wol,  Sangesmann. 
Sagenmann!  —  sprach  sie  da  drinnen  —  gar  viel   Drangsal  magsi 


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KOSMOGONJSCHEN  SAGEN  DER  WOGULEN- 


du  erduldet  haben!"  Mit  Bier  und  Honigspeisen  ward  ein  Tisch  be- 
reitet, sie  begannen  zu  essen.  Einmal  nur  sagt  seine  Frau :  „Geh  nur 
hinaus,  dein  Ross  rutt  dich  hinaus!"  Er  geht  hinaus,  sein  Ross  hebt 
und  hebt  den  Fuss.  „Komm  hertt  —  sprach  es  —  „meinen  Fuss  hat 
ein  Ast  versehrt."  Er  geht  hin:  also,  die  Tochter  der  Fasanenten- 
nasigen  Frau  haftet  daran."  Jetzt  gehn  sie  ntit  der  Tochter  der  Fasan - 
enten-na?igen  Frau  wieder  hinein;  er  setzte  sich  zwischen  die  zwei 
Frauen;  sie  küssten  sich,  umarmten  sich.  Mit  dem  Essen  waren  sie 
fertig,  er  spricht  zu  seinen  Frauen:  „Ich  lege  mich  jetzt  nieder;  wenn 
ihr  mich  nicht  zum  alten  Mann  und  zur  Frau  am  Tundrahügel,  zu 
meinem  Vater  und  meiner  Mutter  bringet,  bis  ich  aufstehe:  ist  es  aus 
mit  eurem  Leben,  in  haardünne  Stücke  zerhacke  ich  eure  Hälse.  Diese 
ganze  Stadt  sammt  ihrem  Volk  und  allen  Dingen,  ihren  Schafen.  Kü- 
hen, Pferden,  alles  schaffet  in  meine  Heimat!-  Er  senkte  sein  Hanpt 
und  seine  Augen,  und  legte  sich  nieder.  Im  Liegen  horcht  er  nur 
einmal  auf,  das  Schelten  einer  Frau  erschallt :  r  Ist  das  denn  die  Le- 
bensweise des  jungen  Volkes  ?  Soll  denn  hinfür  die  Frau  des  Menschen 
hingehen,  der  Mann  aber  soll  herumliegen;  meine  teuern  Kinder,  wie 
er  sie  quält!  —  Auch  hab'  ich  ihm  neulich  ein  zweischneidiges  Mes- 
sergegeben; Eisenhabichtbalg  Eisen hasenfell,  Eisenmäuselell,  Eisenhecht- 
haut hab'  ich  ihm  gegeben ;  jetzt  macht  er  sich  damit  nur  so  davon!" 
Er  liegt  nur  weiter,  steht  nicht  auf.  Einmal  nur,  wie  er  lie.t,  ermun- 
tert ihn  seine  Frau :  „Steh  auf,  sieh  da,  wir  sind  schon  zuhause 
angekommen!"  Er  steht  auf,  wirklich  ist  er  zu  seinen  Eltern  gelangt. 
Wie  seine  Eltern  zu  ihm  gelangt  sind,  wusste  er  nicht,  und  wie  er  zu 
seinen  Eltern  gelangt  ist,  wusste  er  auch  nicht.  Sie  küssten  und  umarmten 
sich.  Eine  solche  Burg  entstand  dort,  dass  die  eilende  Wolke  entzwei 
geteii'  sich  darauf  niederlässt  dass  die  wandelnde  Wolke  entzwei  ge- 
teilt sich  darauf  niederläßt.  Ein  silbernes  Haus  erstand,  ein  golde- 
nes Haus  erstand.  Sie  leben  weiter,  sie  sind  weiter  glücklich. 

18.  In  seiner  Tundrahügel-Burg  ob  er  lange  Zeit  gelebt,  ob  er 
kurze  Zeit  gelebt,  einmal  nur  spricht  Tari-p  zu  seinen  zwei  Frauen : 
.Ich  suche  noch  eine  weiberbetretene,  weiberbewohnte  Gegend.»  Sei 
ne  Mutter  spricht:  „Ei  ja!  einst,  wenn  die  Welt  des  Menschenzeit- 
alters, der  Menschenepoche  eintreten  wird,  wirst  du  das  Herbst-Eich- 
hörnchen, das  Frühjahrs- Eichhornchen  eben  so  mit  voller  Gewandtheit 
suchen  1"  Sie  küssten  und  umarmten  sich ;  er  gieng  hinaus,  bestieg  den 
Rücken  seines  Resses  und  entfernte  sich.  —  Gieng  er  lange  Zeit,  oder 
gieng  er  kuize  Zeit:  einmal  nur  Hess  sijh  sein  Ross  in  die  Mitte  des 
Meeres  nieder.  Durch  jenes  Meeres  Wasser  hindurch  ist  abwärts  ein 
Silbertor,  ein  Goldlor  Sein  Ross  lüsst  er  dort,  selbst  aber  geht  er 
hinab.  Er  langt  unten  an,  dort  des  Wasserfürsten  Burg,  Silberburg, 
Goldhurg.  Neben  dem  Hauptgebäude  steht  ein  kleines  Haus,  da  trat 
er  hinein  Im  kleinen  Hause  sitzt  wasserlockig  gelocktes  Weib,  ein  was- 
serschmuek-geschmücktes  Weib.  Diese  Wasserfurstentochter  spricht: 
„Ei  Tari-p!  Türem  hat  dich  gewisslich  mir  bestimmt !"  Sie  küsste,  um- 
arm'e  ihn:  mit  Bier,  mit  Honigspeisen   bewirtete  sie  ihn  gut.  Das 

77 


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DR.  BERN  11  Ali D  MLNKACSI 


Weib  spricht :  „Geh  zu  meinen  Brüdern ;  geh  ins  grosse  Haus ;  zwingst 
du's,  so  zwingst  du's,  zwingst  du's  nicht,  so  zwingst  du's  nicht  "  Er 
stand  aut  und  gieng  hin  Er  trat  ein,  sieben  Männer  spielten  Karten. 
Sie  schauteu  nach  ihm  hin,  er  fiel  beinahe  nieder,  mit  Mühe  hält  er 
sich.  „Ej  Tari-p*  —  sagen  sie  —  „was  Bringendes  hat  dich  gebracht, 
was  Tragendes  hat  dich  getragen?  wie  gelangt  ein  lebender  Mensch 
in  diese  Gegend?  Willst  du  Fürsten weibes-Schwiegersohn,  Fürsten- 
Schwiegersohn  werden,  setz  dich  her  zum  Tische!"  Er  setzte  sich  zum 
Tisch,  sie  spielen  weiter  Karten,  Schach.  Immer  ist  er  der  Meister, 
er  versteht  es  besser,  als  die  sieben  Männer;  er  ist  der  Meisler  im 
Spiel.  Einmal  spricht  er  zu  den  sieben  Männern:  „Auch  ich  selber 
habe  ein  Haus,  auch  ich  habe  Gewässer;  meines  Hauses,  meiner  Ge- 
wässer Gedanke  überkam  mich,  ich  geh  jetzt  fort."  Schon  schickte  er 
sich  an  fortzugehen,  als  man  seine  Frau  mit  der  Ausstattung  auszu- 
rüsten begann.  Die  Wasserfürsten-Tochter  spr'cht:  „Was  für  eine  Mit- 
gift brauchst  du,  Landtiere-Mitgift,  oder  Fisch- Mitgift?''  Tari-p.  antwor- 
tet:  .Natürlich,  dass  ich  Fischmitgift  brauche;  wass  wird  die  Welt  des 
Menschenzeitalters,  die  Welt  der  Menschenepoche  beginnen,  was  sonst 
wird  dann  der  Mensch  essen?!"  Seine  Frau  spricht:  „Geh  voraus, 
bis  du  nach  Hause  gelangst,  komm  ich  auch  an!"  Jetzt  gieng  Tari-p. 
durch  jenes  Wassertor  zu  seinem  Boss  hinaus.  Sein  Ross  war  ganz 
abgezehrt,  sein  Fleisch  war  weggesiecht,  seine  Knochen  waren  wegge- 
siecht. Tari-p.  hauchte  es  mit  seinem  Atem  an;  was  für  ein  Ross  es 
vorher  war,  was  für  ein  Tier  es  vorher  war:  jetzt  wird  es  zu  einem 
noch  viel  schöneren  Ross;  aus  einem  Nasenloch  dringen  Funken,  aus 
dem  andern  Nasenloch  dringt  Rauch.  „  Besteige  —  spricht  es  —  mei- 
nen Rücken!"  Er  bestieg  den  Rücken  des  Rosses.  gieng  weiter;  mengte 
sich  unter  wandelnde  Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

(Schluss  folgt.) 


II 

Die  Sage  von  der  Umgürtung  der  Erde 

(Mn  fnteptane  m.'.jt.) 

1.  Eine  Frau  und  ein  alter  Mann  leben.  Auf  einem  Erdbühel, 
von  ihres  Hauses  Grösse,  hausen  sie.  Hat  ihren  Erdhügel  ihr  Vater 
Numi-Tfirem  hernieder  gesenkt,  ist  er  untenher  emporgetaucht?  sie 
wissen  es  schlechterdings  nicht.  Wenn  der  Nordwind  weht,  weht  er 
sie  ins  Südmeer,  wenn  der  Südwind  weht,  weht  er  sie  ins  Nordmeer. 
Der  Winter  sieben,  der  Sommer  sieben,  da  sie  so  leben,  wuchs  weder 
Gras,  weder  Kraut.  Einmal  aber,  als  die  Frau  hinausgeht,  wuchs  in 
der  Hausecke  der  Gastnische  ein  gelbwipf liger  Grasstengel.  Sie  geht 
ins  Haus,  spricht  zu  ihrem  Alten:  »Der  Winter  sieben,  der  Sommer 
sieben,  dass  wir  hier  leben:  zeither  ist  nimmer  ein  so  gestalles  Kraut 
gewachsen,  sieh's  nur  an!"  Der  Alte  spricht:  „Brings  nur  herein!" 


7« 


K0SM000N1SCHEN  SAGEN  DER  WOGULEN. 


Die  Frau  trug  in  der  Hand  ihr  Seidentuch  hinaus,  da»  gelbwipflige 
kleine  Kraut  bede<-kte  sie  mit  ihrem  Seidentuch,  sammt  den  Wurzeln 
zog  sie's  heraus;  als  sie's  emporhob:  begann  ein  Kind  zu  weinen. 
Das  Kind  trug  sie  freuender  Hand,  freuenden  Fusses  ins  Hau*  Der 
Alte  spricht:  ,  Wir  sind  ein  seit  sieben  Wintern,  seit  sieben  Som- 
mern kinderlos  lebendes  Par;  wo  denn  hast  du  das  gefunden?* 
Die  Frau  spricht:  „Woher  ich's  habe?  das  ist  das  Kraut,  das  ich 
bemerkt  halte.* 

2.  Der  Sangesmann,  der  Sagenmann,  wachst  er  etwa  lange? 
Das  heutigen  Tags  getragene  Gewand  wird  ihm  (im  schnellen  Wach- 
sen bald)  überllüssig ;  endlich  hat  er  nicht  Kaum  im  Hause.  Weilen  er 
so  wachst,  einmal  nur  zu  seinem  Vetter,  zu  seiner  Muhme  spricht  er : 
„Ich  möchl'  ausgehen,  meine  Hand  langweilt  sich  schon,  mein  Fuss 
langweilt  sich  schon?"  Die  Muhme  lässt  das  Kind  nicht  allein  hi- 
naus: sie  spricht  zu  ihrem  Alten:  „Mit  dem  Kind  geh  du  aus;  wo- 
hin es  geht,  geh  mit  ihm,  ins  Wasser  soll  es  nicht  fallen!"  Der  Alte 
trug  das  Kind  hinaus;  wohin  das  Kind  spielend  läuft,  geht  er  mit 
ihm.  Giengen  sie  lange  Zeit,  oder  giengen  sie  kurze  Zeit :  einmal  nur 
wird  der  Alte  kraftlos,  er  gehl  ins  Haus  hinein.  Seine  Frau  schilt  ihn: 
„hu,  warum  bist  herein  gekommen?  geh  hinaus,  das  Kind  fällt  ins 
Meer!"  Der  Alte  gieng  wieder  hinaus,  er  sucht  und  sucht  das  Kind 
vergebens;  das  ist  nirgends!  Wenn's  also  nicht  ist,  wohin  soll  er  sich 
wenden  ?  Er  gieng  ins  Haus.  Seine  Frau  begann  ihn  weinend  zu  schel- 
ten :  „Du,  warum  bist  du  herein  gekommen  ? !  Ich  half  es  dir  gesagt,  dass 
du  mit  ihm  gehest,  dass  du  es  auch  nicht  ein  wenig  weiter  las- 
sest! sieh,  jetzt  ist's  ins  Meer  gefallen!"  Der  Alte  spricht:  „Wie  soll 
ich's  denn  anstellen;  das  Kind  läuft  viel  herum,  wie  kann  ein  alter 
Mann  meines  Gleichen  mit  ihm  aushalten?" 

3.  Wie  sie  so  streiten,  auf  einmal  nur  tritt  von  aussen  irgend 
ein  Mann  plötzlich  ins  Haus.  Als  sie  hinschauen,  sieh  da.  steckt  das 
Kind  dort.  Es  fragt:  „Vetter,  Muhme!  was  zanket  ihr?'  —  „Wro  ich 
gewandelt?  Ich  war  zu  meinem  Vater  tiold-Ktcore's  emporgestiegen.* 
Sein  Vetter,  seine  Muhme  sprechen:  -Und  weshalb  bist  du  denn  em- 
porgestiegen, was  für  eine  Botschaft  hast  du  gebracht?"  —  „Die  von 
meinem  Vetter  Gold-Äu?or*8  gebrachte  Botschaft  ist  diese:  sieben  Nächte, 
sieben  Tage  sollt  ihr  eures  getürten  Hauses  Türe,  eures  dachlukigen 
Hauses  Dachluke  gesperrt  halten :  was  für  Getöse  auch  draussen  tose, 
geht  nicht  hinaus,  mein  Vater  lio\d~  Kwores  lässt  die  Erde  himmelab!" 
Des  getürten  Hauses  Türe  versperrten  sie,  des  dachlukigen  Hauses 
Dachluke  verdeckten  sie  Einmal  nur  entstand  ein  donnerndes,  wet- 
terndes Getöse.  Sieben  Nächte,  sieben  Tage  hindurch  wettert  es  inei- 
nemfort,  ihr  Vater  (iold-Kicores  lässt  die  Erde  herab.  Nach  Verlauf 
der  anberaumten  Woche  hörte  das  wetternde  Getöse  auf.  Das  Kind 
gieng  hinaus,  bestieg  den  Rücken  seines  Tieres,  nahm  seine  Mütze  ab. 
In  dem  Augenblicke  als  er  seine  Mütze  abnahm,  gelangt  er  in  sieben 
Gegenden,  so  Schnellerdings  drehte  sich  die  herabgelassene  Erde  seines 
Vater  Gold- Ktrores.  Zu  seinem  Vetter,  seiner  Muhme  spricht  er:  „Ich 


V.) 


GRAF  GfeZA  KUUN 


steige  wieder  zu  meinem  Vater  Gold- Kwords  empor;  seine  Erde  mag 
er  befestigen,  mag  er  mit  irgend  einer  Feste  festsetzen;  denn  er  wird 
die  Welt  des  Menschenzeitalters  erschaffen,  er  wird  die  Welt  der  Men- 
schenepoche erschaffen :  „welcher  Mensch  abgeschniltenen  Nabels  wird 
es  aushalten,  wenn  die  Erde  sich  in  einenfort  dreht,  und  nicht  an 
einem  Orte  festsitzt?14  Darauf  stieg  er  empor.  Zu  seinem  Vater  Gold- 
Kwores  spricht  er:  „Was  das  Hinablassen  anbelangt,  hast  du  die  vom 
Menschen  zu  bewohnende  Erde  schon  herabgelassen;  wenn  aber  ein- 
stens die  Well  des  Menschenalters,  die  Welt  seiner  Epoche  da  sein 
wird,  welcher  auf  den  Fusspitzen  stehende  Mensch  wird  das  wol  aus- 
halten?! Dieses  dein  Erdchen  mögest  du  irgend  welcher  Weise  befe- 
stigen!" Sein  Väterchen  (io\d-Kworti8  spricht:  „Sieben  Nächte,  sieben 
Tage  sollen  die  des  getürten  Hauses  Türe  wieder  sperren,  des  dachlu- 
kigen Hauses  Dachluke  wieder  verdecken,  ich  werde  die  Erde  umgür- 
ten." Sieben  Nächte,  sieben  Tage  hindurch  versperrten  sie  sich;  was 
neulich  für  ein  Getöse,  ein  Wettern  war :  jetzt  entstand  ein  noch  grös- 
seres Getöse,  ein  noch  grösseres  Wettern.  Nach  Ablauf  der  anberaum- 
ten Woche  als  sie  hinausgehen:  wenn  sie  aufwärts  schauen,  kann  ihr 
Augensirahl  nicht  bis  ans  Ende  des  Uralgebirges  dringen ;  wenn  sie 
abwärts  schauen,  kann  ihr  Augenstrahl  gleichfalls  nicht  bis  ans  Ende 
des  Uralgebirges  dringen.  So  setzte  sich  die  Erde  in  aufrechter  Stel- 
lung fest,  jetzt  ward  sie  dann  geeignet,  dass  der  Mensch  auf  ihr  wohne 
4.  Das  seinem  Vetter,  seiner  Muhme  in  gelbwipfligen  Krautes 
Gestalt  herniedergestiegene  Kind  thront  jetzt  unter  dem  Namen  des 
Gottes  Pole'm.  An  seiner  heiligen  Stätte,  am  Gestade  des  vom  Flusse 
Poletn  (Pelymka)  gebildeten  Sees,  —  dort  betet  man  ihn  mit  Verbeu- 
gungen an,  dort  bringt  man  ihm  Opferspeisen  dar  bis  an  den  heuti- 
gen Tag. 


Ober  uneigentliche  Ausdrücke  verschiedener  Sprachen  aus  Ehr- 
furcht vor  der  Gottheit  und  vor  den  Maohthabern. 

Es  gibt  dem  Anschein  nach  zweierlei  uneigentliche  Ausdrücke : 
1)  die  metaphorischen,  welche  der  überreichen  Phantasie  der  Volks- 
psyche entspringen :  2)  solche,  welche  aus  Ehrfurcht  (nu-zia/s),  Demut 
(Ttmuvjhip),  Artigkeit  (eiTga/rth'a)  und  Euphemismus  (eirpi-uia)  an  die 
Stelle  der  eigentlichen  treten.  Dieser  Unterschied  ist  jedoch  nur  ein 
scheinbarer,  denn  in  allen  diesen  tropischen  Ausdrücken  offenbart 
sich  eine  regere  Phantasie,  als  in  dem  gewöhnlichen  Sprachgebrauch, 
der  auf  einer  einfachen  Auffassung  der  Realien  beruht.  Die  scheinbar 
zweierlei  uneigentliohen  Ausdrücke  bilden  vereinigt  den  Bereich  des 
Tropus  und  die  Antithese  des  eigentlichen  Ausdruckes.  Die  zweite 
Gruppe  der  tropischen  Ausdrücke  mit  allen  ihren  Abzweigungen  ist 
eben  nur  eine  Unterart  der  Metapher,  welche  uns  eine  nähere  Re- 


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ÜBER  UN  EIGENTLICHE  AUSDRÜCKE  VERSCHIEDENER  SPRACHEN. 


trachtung  als  einen  wicStigen  Baustein  im  Gebäude  der  menschlichen 
Sprache  darstellt.  Max  Müller  unterscheidet  zwischen  zwei  Arten  der 
Metapher,  welche  er  die  radikale  und  die  poetische  nennt 

Wir  beschränken  uns  in  dieser  kurzen  Skizze  auf  jene  uneigent- 
lichen Ausdrücke,  welche  aus  Ehrfurcht  vor  der  Gottheit  und  vor  den 
Machthabern  gebraucht  werden.  Von  den  übrigen  Abzweigungen  die- 
ser Gruppe  werden  wir  nur  einige  Beispiele  anfuhren. 

In  den  Sprachen  jener  Völker,  die  auf  der  untersten  Stufe  der 
Bildung  stehn,  sowie  in  den  Sprachen  der  gesitlenen  Völker  unterlau- 
fen in  der  gewöhnlichen  Rede  zahlreiche  uneigentliche  Ausdrücke  die- 
ser Art.  In  allen  diesen  metaphorischen  Ausdrücken  regt  sich  ein  so- 
cialer und  ethisch  religiöser  Trieb,  der  auch  den  ungesittenen  Völkern 
nicht  abzusprechen  ist,  und  der  Unterschied  zwischen  den  verschie- 
denen Stufen  der  Gesittung  besieht  hauptsächlich  nur  in  der  grösse- 
ren oder  geringeren  Entwickelung  dieser  Keime  des  Forlschrittes.  Die 
Kahrfrauen  vermeiden  solche  Wörter,  welche  eine  den  Namen  ihrer 
nächsten  männlichen  Verwandten  ähnlich  klingende  Silbe  enthalten, 
und  auch  die  Männer  einiger  Kafirstämme  machen  keinen  Gebrauch 
von  Wörtern,  die  im  Klange  dem  Namen  eines  ihrer  frühern  Häupt- 
linge gleichen,  so  z.  B.  gebrauchen  die  Amambalu  den  allgemeinen 
Ausdruck  Tür  Sonne,  ilanga,  darum  nicht,  weil  ihr  erster  Häuptling  1 
Ulanga  hiess,  sie  sagen  dafür  isota  *)  Diese  Spracheigenheit  entspringt 
der  Ehrfurcht  vor  den  nächsten  männlichen  Verwandten  und  vor 
den  Häuptlingen.  Auf  einer  hohen  Stufe  der  Gesittung,  bei  den  mo- 
notheistischen Semiten,  so  z.  B.  in  der  hebräischen  Sprache,  bemer- 
ken wir  die  Substitution  des  Gottesnamens,  welche  entweder  in  dem 
veränderten  Vocalismus,  oder  in  der  Auswahl  eines  uneigentlichen  Aus- 
druckes besteht.  Der  Gottesname  Jehovä.  welcher  nicht  seine  ursprüng- 
lichen Vocale,  sondern  die  von  ddonai  hat,  nimmt  auch  die  Praefixa 
diesen  entsprechend  an,  als  lajhovä  usw.,  weil  man  lesen  soll  ladonai 
usw.  Schon  in  den  Büchern  des  „Alten  Testaments"  wird  der  Gottes- 
name Jehovä  an  einigen  Stellen  durch  das  Wort  sem  substituiert,  wel- 
ches „Name"  bedeutet  Diese  Substitution  ist  in  der  talmudischen  u. 
rabbinischen  Sprache  eine  sehr  häufig  vorkommende :  so  lesen  wir  bei 
Aben  Esra  hol  halem  „die  Stimme  des  Namens"  anstatt  kol  Jehovd 
„Donner.-  Philo  paraphrasiert  diese  Bezeichnung  des  Gottesbegriffes  mit 
den  Worten  Krauet  cor  ow«s,  n)  siq\;  ttlrj&tiav  nv.  Die  Araber  ver- 
meiden in  einigen  ihrer  Schwurformeln  den  Gottesnamen  A'Mh  und 
ersetzen  ihm  mit  hakkun  „Wahrheit."  Solche  Substitutionen  entsprin- 
gen der  Ehrfurcht  vor  der  Gottheit,  die,  wie  das  delphische  Orakel 
treffend  angab,  unaussprechlich  ist:  oYvnua  urjdf  h'yym  ynqnvitEvn^. 

Ans  dem  lateinischen  *enior  sind  im  Französischen  verschiedene 
Ausdrücke  entstanden,  wie  sire,  »eigneur%  sienr  usw..  deren  ersterer 
im  Verlauf  der  Zeit  zur  Betitelung  der  Herscher  beschränkt  wurde. 

*)  „Vorlesungen  Uber  die  Wissenschaft  der  Sprache"  von  dr.  Max  Müller, 
für  das  deutsche  Publikum  bearbeitet  von  dr.  Carl  Böttger  (Leipzg,  1866.),  S.  34. 

dl 


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GRAF  G£ZA  KUUN 


Auch  im  Englischen  wird  sowohl  in  der  Aussprache  wie  in  der  Schrei- 
bung ein  Unterschied  gemacht  zwiehen  Sire,  womit  die  Könige  ange- 
sprochen werden  und  rtr,  welches  letztere  in  der  ümgangspache  eine 
weitvei  breitete  Anwendung  findet.  Bei  Homer  bedeutet  ytQtay,  o\  yiQovttg 
die  Vornehmsten,  wo  der  Begriff  des  Alters  zurücktritt.  —  In  der  mon- 
golischen Sprache  werden  mehrere  Handlungen  der  Götter  und  der 
Vornehmen  mit  besonderen  Zeil  Wörtern  bezeichnet,  die  bei  anderen 
nicht  angewendet  werden,  so  wird  ihr  Reden  girlak  bol-khu,  ihr 
Essen  üagnklakhu.  Is.  „Siddhi  Kür"  herausg.  von  .Jülg,  S.  70),  ihre 
Installation  oalakhu  genannt,  (*.  „Siddhi  Kür*  S.  71.)  Das  Sterben  der 
Machthaber  heisst  1)  niroau  holchu.  (s.  S.  K.,  S.  81)  2)  öngröqhü, 
(s.  8  K..  S.  78  wo  Vikramäditja  des  Todes  seines  Vaters  Gandharva 
Erwähnung  tut).  Etwas  ähnliches  sehen  wir  auch  in  anderen  Spra- 
chen; so  bedeutet  das  arabische  tekrih  (takribun)  in  der  persischen 
und  türkischen  Sprache  die  Annäherung  zu  Gott,  oder  zu  den  Macht- 
habern,  (s.  „Scheibaniade"  herausg.  von  Vämbcry,  S.  22.) 

Auch  der  „Pluralis  excellentiae"  wird  in  diesem  Abschnitt  füg- 
lich erwähnt  werden  können  wie  wir  ihn  im  Hebräischen  vorfinden, 
wo  er  sich  auf  .l  acht  und  Gewalt  bezieht,  so  namentlich  Elohim  „Gott", 
einigemal  kt-loklm  „der  Heilige",  adonim  anstatt  adon  „Herr",  z.  B. 
adonim  Arose  „ein  harter  Herr"  (Jes  19,  4.)  usw.  Im  Persischen  wird 
Wi  „König"  mitunter  mit  dem  Plural  des  Verbums  construiert,  z.  B. 
§«Ä  ez  iehr  btrün  te&rif  miburdend  .Der  König  hat  sich  aus  der  Stadt 
hinaus  begeben."  In  diesem  Satz  wird  das  Wort  se/ir  „Stadt"  in  der 
Bedeutung  der  Hauptstadt  des  persischen  Reiches  Teheran  genommen, 
wie  urbs  bekanntermassen  bei  den  lateinischen  Glassikern  oft  genug 
Roma  bedeutet,  vgl.  die  arabischen  Städtenamen  Mekka  und  Medfna* 
welche  beide  „Stadt"  bedeuten,  da  Mekka  wo'il  mit  der  Endsilbe  des 
Namens  Baalbek  (' Hkinv-unXi^)  zu  vergleichen  ist. 

Im  Verlauf  der  Zeit  sind  manche  Ausdrücke  der  Heiligkeit,  Macht- 
vollkommenheit und  Auszeichnung  dieser  ihrer  Bedeutung  verlustig 
geworden,  so  ist  das  sanskrit  deva,  devas  bei  den  Ost-,  und  Westira- 
niern  zur  Bezeichnung  eines  bösen  Geistes  geworden  (zend.  daeva,  neu- 
persisch d«v\.  In  der  altern  Geschichte  Ungarns  bedeutete  jouiagiones 
die  Vornehmen  des  Landes,  welches  Wort  in  späteren  Zeiten  zur  Be- 
zeichnung der  Untertanen  gebraucht  wurde,  s.  jobbdgyi  s.  v.  a.  colo- 
nical.  Der  zweite  Theil  dieses  Compositum*  bag  ibagi)  ist  mit  dem 
ost türkischen  baj.  alt.  pai.  ujg.  und  osm.  ftey  identisch,  welches  auch 
in  den  stidslavischen  Sprachen  vielfach  in  Anwendung  kommt,  (griech. 

Mit  der  Ehrfurcht  geht  die  Demütigung  Hand  in  Hand.  Der 
Araber  nennt  sich  aus  Demut  'ab<l  „Knecht",  und  so  wird  auch  der 
Freie  genannt,  denn  auch  er  ist  Gottes  Knecht.  Der  Perser  bedient 
sich  oft  des  bende  „Knecht14  anstatt  des  Pronomens  der  ersten  Person 
und  bezeichnet  sein  Heim  mit  dem  Ausdruck  bende  chdne  „das  Haus 
des  Dieners",  z.  B.  in  dem  Satz:  be  bende  chäne  mtrevem  .ich  gehe 
nach  Hause",  wörtlich  „ich  gehe  in  das  Haus  des  Dieners".  Bende-i 

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ÜBER  UN  El  G  ENTLICHE  AUSDRÜCKE  VERSCHIEDENER  SPRACHEN. 


dergdh  „ Knecht  der  Schwelle"  nennt  sich  der  Perser,  wenn  er  die  Schwelle 
eines  vornehmen  Mannes  betritt,  und  bezeichnet  seinen  Sohn  in  der 
Rede  mit  einem  Vornehmen  mit  der  Zusammensetzung:  bende  zdde 
„der  Sohn  (deines)  Knechtes*.  Uebrigens  bedeutet  bende  im  Fersischen 
den  von  G»tt  erschaffenen  Menschen,  ganz  so  wie  im  Arabischen,  ob 
frei  oder  unfrei,  als  Gottesknecht.  Der  Vornehme  nennt  sich  in  seiner 
Rede  mit  dem  Geringem  bende  perven  „der  Ernährer  des  Dieners".  — 
Die  Mongolen  haben  es  gerne  im  Gespräch  von  sich  selbst  in  den 
erniedrigendsten  Ausdrücken,  von  den  andern  aber  in  solchen  der  Lo- 
beserhebung zu  reden,  so  z  B  A:  „Wie  befindet  sich  mein  erlauch- 
ter Freund,  der  erhabene  und  ruhmvolle  Cang?u  B:  „Mein  erbärmli- 
cher Leichnam  befindet  sich  so  gut,  als  den  Umständen  nach  erwartet 
werden  kann".  *)  —  Aus  Achtung  für  die  angesprochene  Person,  oder 
aus  Ehrfurcht  vor  ihr,  und  aus  Demütigung  pflegt  der  Perser  ihre 
Handlungen  mit  /ermüden  „befehlen",  „geruhen"  zu  bezeichnen,  so 
z.  B  duae  fermüdtd  „was  Ihr  gesagt  habet",  eigentlich  „was  Ihr  be- 
fohlen habet a.  Der  Türke  bedient  sich  zu  demselben  Bedarf  des  Ver- 
bums bujurmak,  /..  B  filän  ujujor.  bach&i'S  versengizde,  bujumng  „N  N. 
schläft,  hast  du  bachsiS  gebracht,  geruhe  einzulrelen",  wörtlich  „be- 
fehle einzutreten".  Auch  im  Ungarischen,  namentlich  in  Siebenbür- 
gen, hört  man  oft  die  höfliche  Aufforderung  parancsoljon  „befehlen 
Sie",  z.  B.  parancsoljon  leülni  „Belieben  Sie  Platz  zu  nemen",  wört- 
lich „Befehlen  Sie  sich  zu  setzen".  Diesen  Ausdruck  haben  die  Ungarn 
gewiss  von  den  Türken  entlehnt,  und  er  ist  bei  den  Siebenbürgern  in 
Gebrauch,  deren  Ahnen  bekanntermassen  viel  mit  den  Türken  ver- 
kehrten Das  Wort  parancsolni  ist  slavischen  Ursprung,  vgl.  asl.  poraeiti, 
rum.  poruncenk.  Das  Wort  te*stk  „belieben"  war  in  früheren  Zeiten  in 
Siebenbürgen  ungebräuchlich,  aber  seit  einigen  Jahrzehnten  ist  es  ziem- 
lich allgemein  geworden. 

Die  Artigkeit  passt  gut  zur  Ehrfurcht  und  zur  Demut. 

Der  Perser,  wenn  er  jemanden  zum  hinaufsteigen,  hinabgehen, 
oder  ausgehen  auffordert,  bedient  sich  aus  Höflichkeit  der  Ausdrücke: 
„die  Ehre  hinauf-,  hinab-,  oder  hinauszuführen,"  z  B.  bald  tekrtf 
biberid  „bitte  heraufkommen  zu  wollen",  wörllich  „bringet  Eure  Ehre 
herauf",  —  pojin  te&rif  biberid  „bitte,  herabzukommen",  wörtlich 
„bringet  Eure  Ehre  herab",  —  bintn  te&rif  biberid  „bitte,  herauszu- 
kommen" usw.  Der  oben  angeführte  Satz:  Mh  ez  Sehr  btrün  te&rif 
mibürdend  lautet  wörtiich  „der  Regent  hat  seine  Ehrfurcht  aus  der 
Stadt  (Teheran)  heraus  getragen".  Te&rifdt  heisst  das  Ehrenkleid,  oder 
ein  vom  König  gegebenes  Ehrengeschenk,  arabisch  hhiVattin.  Im  Itale- 
nischen  heisst  cortesia  „Artigkeit"  auch  Freigebigkeit. 

Mit  der  Artigkeit  ist  die  Zucht  und  Ehrbarkeit  innig  verbunden. 
Das  Wesen  der  ethischen  Gefühle  ist  sich  auf  einer  gleichen  Stufe 
der  Gesittung  .  gleich :  nur  die  Tiefe,  Kraft,  Erhabenheil  dieser  Ge- 
fühle, und  die  Formen  ihrer  Äusserungen  zeigen  eine  Verschiedenheit 

*)  S  Frick's  Rundschau,  1890.  S  435. 

83 


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GRAF  GfcZA  KUUN 


bei  den  auf  derselben  Stufe  der  Enlwickelung  siehenden  Völkern.  So 
siud  auch  die  Äusserungen  der  Zucht  und  Ehrbarkeit  zu  verschiede- 
nen Zeiten  und  bei  verschiedenen  Völkern  ungleich.  Die  Stellung  der 
Frau  im  Orient  ist  bekanntermassen  eine  ganz  andere,  wie  im  Omdent, 
und  in  dem  Altertum  wurden  die  Frauen  ganz,  anders  behandelt,  als 
seit  der  Zeit,  wo  sich  das  Christentum  der  Herzen  bemächtigte.  Die 
mystisch  indirekte  Erwähnung  der  orientalischen  Frau  passt  gut  zu  ih- 
rer verschleierten  Tracht  und  zu  der  Verschlossenheit  des  Harem,  wo 
auch  die  Kinder  erzogen  wurden.  Die  Muhamedaner  pflegen  überhaupt 
nicht  über  das  Wohlgehen  ihrer  Frauen  nachzufragen,  wenn  sie  es 
aber  thun,  so  slellen  sie  ihre  Frage  indirekt  z.  B.  arabisch:  ktf 
kauet  dehnet  bttka  oder  krf  käu  sirr  htika  „wie  befindet  sich  die 
Henne  deines  Hauses ?*  oder  „wie  befindet  sich  das  Geheimnis  deines 
Hauses ?•  Der  Araber  sagt  anstatt  nikäh  „Ehe -  auch  sirr  .(ieheimnis". 

Das  Grab  wird  im  Griechischen  euphemistisch  auch  *rW  genannt, 
und  die  Furien  (Erinnyen;  wurden  auch  mit  dem  Wort  EvtuviAij.  xi, 
(toai)  bezeichnet,  welches  die  wohlwollenden,  gütigen  Göttinen  bodeu- 
tet.  —  EioQvt&iu  heisst  die  gute  Vorbedeutung,  von  „Vogel". 

Vade  boiiis  avihu*. 

Graf  Oiza  Kuun. 


Bücherbesprechungen. 
1. 

1)  II.  Gaidoz  et  Paul  Sibillot,  Hlason  populaire  de  la  France. 
Paris,  Leopold  Cerf.  XV.  382,  (La  France  merveilleuse  et  legendaire 
par  H.  G.  et  P.S.)  —  2.)  Hlason  populaire  de  la  Haute-Rretagne  (C.ötes- 
du-Nord)  par  Paul  SJbillot.  Paris  1887. 

Ein  guter  Ruf  dringt  weit,  ein  schlimmer  noch  weiter,  sagt  das 
deutsche  Sprichwort.  Vorliegende  zwei  Arbeiten  sind  so  eigentlich  nur 
Verbuchungen  alles  (inten  und  Rosen,  was  die  franzosischen  Provinz- 
ler einander  und  den  Nachbarvölkern  nachgetratscht  haben,  und  noch 
nachtratschen  Nicht  jede  aus  dem  Volke  herrührende  Remerkung  ist 
gut  oder  richtig,  aber  die  meisten  sind  witzig  und  heben  die  grotesk 
komischen  Seiten,  die  Schwächen  und  zweifelhaften  Vorzüge  des  Nach- 
barn hervor.  Es  unterlauft  auch  manch  bissiges,  vergrämtes,  neiderfüll- 
tes Wort  mit  unter,  wie  es  ja  beim  Tratsch  anders  nicht  sein  kann, 
der  nie  nach  Gründen  und  nie  nach  der  Wahrheit  forscht,  sondern 
nur  aus  fluch l igen  Eindrücken  sein  Lrteil  braut,  „(  est  une  sorte  de 
caricalure  en  paroles"  definieren  zutreffend  die  Herausgeber,  die  ihren 
Ursprung  häufig  einem  Wortspiel,  einer  lustigen  Regebenheit  o.ler  ei- 
nem geschichtlichen  Ereignis  verdankt. 

Die  Herausgeber  erinnern  daran,  dass  bei  allen  Völkern  zu  al- 
len Zeiten  gewisse  Volksslamme.  S;idte  und  Dörfer  mit  ihrer  nngeb- 


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liCCHKRBKSPRECHUNGEN 


liehen  Einfalt  und  Ungeschicklichkeit  zur  allgemeinen  Erlustigung  unfrei- 
willige Schärflein  beitragen  mussten.  So  z.  B.  Sie  Boiotier,  die  Abderi- 
ten,  die  Schildbürger,  die  Pofcegaer  in  Slavonien,  bei  uns  die  biederen 
Stix-Neusiedler  und  die  Jung-Bunzlauer,  ja  wer  könnte  sie  alle  im  Nu 
aulzählen,  selbst  nur  die  in  unserer  Heimat?  Was  für  derbe  Witzworte 
setzt  der  Deutsche  nicht  auf  Rechnung  des  deulsch  radebrechenden 
Magyaren,  und  wie  derb  geisselt  der  Wiener  Witz  den  harmlosen 
Chrowolen?  Gaidoz  und  Sibillot  beleuchten  die  Eigenartigkeiten  der 
tranzös.  Nachredesucht  in  einer  Weise,  die  allgemeine  Giltigkeit  auch 
für  andere  Völker  besitzt.  Doch  nein,  wie  beschleicht  uns  Scham, 
wie  ergreift  uns  Neid,  dass  nicht  auch  wir  so  sprechen  dürfen,  wie 
die  zwei  Franzosen:  „Noire  pays,  heureusement,  ne  connatt  plus  ces 
acces  de  frenesie  populaire  au  simple  nom  de  juif,  comme  nous 
en  voyons  eclater  souvent  encore  dans  l'Europe  Orientale,  ou  du 
moins  il  ne  les  connatt  que  pour  des  causes  poliliques  ou  sociales, 
ce  qui  est  incontestablement  un  progr&s." 

Viele,  sehr  viele  von  den  hier  angeführten  bösen  Nachreden  fin- 
den bei  anderen  Völkern  ihre  Seitenstücke  Ich  will  einige  Beispiele 
herausgreifen.  S.  299:  „Trois  .luifs  font  un  Bälois,  trois  Bälois  font 
un  Genevois. tt  Der  Südslave  sagt  ähnlich :  Fünf  Juden  gehen  auf  einen 
Serben,  fünf  Serben  auf  einen  Cincar  (Rumaenen)  oder  einen  Griechen, 
des  Armeniers  wegen  würde  aber  die  Sonne  nicht  aufgehen".  Der  Serbe 
sagt:  „Bugari  su  stare  varalice"  (Die  Bulgaren  sind  aitersher  Betrüger.) 
Der  Bulgare  spricht  sich  in  gleicher  Weise  über  den  Serben  aus.  Der 
Katholike  sagt  vom  Altgläubigen:  nNit  u  tikri  sudanitu  vlaha  druga" 
(Eine  Kü rbisf lasche  ist  kein  Fass,  und  ein  Altgläubiger  kein  Freund) ; 
auch  etwas  spöttisch  derb:  „Doso  sokac  prdno  u  lonac,  doso  vlah, 
pojio  grah." 

Ich  könnte  ohne  viel  Mühe  ein  halbes  Tausend  solcher  dicta 
insipida  der  Südslaven  zusammenstellen.  Am  Schlimmsten  kommen  bei 
den  Franzosen  die  Deutschen  weg.  Schon  ihre  Redeweise  missfällt, 
sich  selber  lobt  aber  der  Franzose.  S  322.:  „Die  Italiener  plärren,  die 
Deutschen  kreischen,  die  Franzosen  singen."  Die  Deutschen  heissen 
B/i  plus  ireux"  oder  „couUrous"  oder  nquerelleursu  oder  „autourious" 
(hautain).  sie  sind  „  Dampf nudelfresser*  aber  auch  die  besten  Tänzer. 
Niehl  übel  ist  der  Elsässische  Gassenhauer:  „Wenn  jede  Festung  in 
Frankreich  umher  —  Eine  Pflutle  oder  ein  Pfannkuche  wär,  —  So  hät- 
ten's  die  Deutschen  schon  längst  gewonnen,  —  Hätten  sie  alle  mit 
Sturm  eingenommen.-  Ganz  wie  unter  den  Magyaren,  hat  der  Schwabe 
im  Elsass  seine  Epitheta :  elender,  dummer,  pfiffiger,  hergeloflener 
Schwab.  Der  Jude  hat  dagegen  keinen  schlimmen  Ruf,  er  gilt  als  got- 
tesfürchtig:  Creire  coumo  un  Jousiou  ii  la  santo  Biblo  (Languedoc), 
als  ehrlich:  c'est  im  bon  Israelite,  als  reich:  riche  coum'  un  Jusife, 
als  verständig:  prudent  coumo  un  Jousiou,  aber  auch  als  geizig:  avare 
cnmme  un  rabbin  und  als  furchtsam:  es  esfraiat  coumo  un  Jousiou. 
Der  slavische  Mahommedaner  in  Herceg-Bosna  drückt  sich  genauer 
aus,  wenn  er  einen  plötzlichen,  furchtbar  ergreifenden  Schrecken  be- 

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BÜCHERBESPRECHLNOKN 


zeichnen  will:  spopala  ga  tifucka  groznica  -  Es  hat  ihn  ein  jüdisches 
Fieber  ergriffen.  —  W  ie  ruft  doch  ein  einziger  Vergleich,  wie  mit  einem 
Zauberschlag  eine  Zeit  finsterer  Religionsverfölgungen  ins  Gedächtnis 
zurück.  Der  Franzose  und  der  Bosnier  haben  im  Volke  längst  die  ur- 
alte Bedeutung  dieser  Phrase  vergessen;  „les  noms  et  les  sobriquets 
qui  expriment  ces  haines  de  race,  de  religion  ou  de  provinces  ont  sur- 
vecu  aux  sentiments  qui  les  inspiraient,  et  ceux-memes  qu'ils  devrai- 
ent  irriter  ont  le  bon  sens  de  ne  plus  se  senlir  atteints,"  bemerken 
sachgemäss  die  Herausgeber,  denen  man  für  die  grosse  Mühe  und 
kritische  Sorgfalt  beim  Sammeln  und  Sichten  der  1200  Tratschworte 
nicht  genug  Dank  wissen  kann. 

Wien. 

Dr.  F.  &.  Krams. 

II. 

Altweiber-Medicin  bei  den  Rumänen. 

Wie  aus  ihren  Annalen  und  Memoiren  ersichtlich,  hat  die  ru- 
mänische Akademie  in  Bukarest  seit  ihrem  Bestände  beinahe  aul  al- 
len Gebieten  der  Wissenschalt  namhafte  Fortschritte  gemacht  und  sich 
bemüht,  sich  aul  den  Standpunkt  der  heutigen  Wissenschaft  zu  erheben. 

Was  aber  bei  dieser  Akademie  die  Aufmerksamkeit  der  forschen- 
den Welt  besonders  verdient,  ist  der  tiefe  prüfende  Blick,  den  sie  in 
das  nationale  Leben  des  rumänischen  Volkes  getan  hat.  Alles,  was  das 
Volk  seit  vielen  Jahrhunderten  geistig  produciert  und  bewahrt  hat. 
was  bei  ihm  in  seinem  Alltagsleben  bei  jeder  Gelegenheit  als  alter- 
tümlicher Brauch  geübt  wird,  wird  als  nationaler  Schatz  aus  dem  Munde 
des  Volkes  gesammelt,  und  entweder  in  den  Annalen  der  Akademie 
publicierl,  oder  praemiiert,  oder  dem  Sammler  auf  eine  andere  Art 
Hilfe  geleistet. 

Ich  will  bei  einer  andern  Gelegenheit  registrieren,  was  die  ru- 
mänische Akademie  in  dieser  Hinsicht  geleistet  hat,  und  beschränke 
mich  jel> t  auf  ein  Materiale  des  täglichen  Lebens  des  rumänischen 
Volkes,  das  von  vielen  als  leerer  Aberglaube,  als  unnützes  Zeug  betrach- 
tet worden  ist,  nämlich  die  Altweiber-Medicin. 

Die  Forschung  hat  auf  diesem  Gebiete  ihre  Arbeit  noch  nicht 
beendet,  obwol  Material  auch  bis  jetzt  in  ziemlich  grosser  Masse  ge- 
sammelt und  puhliciert  worden  ist. 

Ein  Auszug  aus  den  Annalen  der  Akademie.  Serie  II.  Band  XII. 
vom  Jahre  1890  unter  dem  Titel  „Medicina  Babelor"  (die  Medicin  der 
alten  Weiber)  gesammelt  zumeist  in  der  Gegend  der  Stadl  Roman  in 
Rumänien  von  Dimitrie  V.  Lujascu,  hat  zwei  Teile.  Im  I-ten  sind  54 
„Descantece-  carmina  contra  incanlationem,  Gegenzauberlieder,  um 
den  Bezauberten  d.  i.  den  Kranken  gesund  zu  machen,  und  jedem 
Liede  ist  auch  das  Recept,  d.  h.  die  Arznei  und  die  Verfahrungsweise 
beigegeben.  Im  I l-ten  Teile  sind  109  Arzneien  und  Verfahrungsregeln 
enthalten,   aber  ohne  Zauber-   oder  Gegenzauberlieder.  Man  könnte 


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IU  ('HERBESPRF(  HUNGEN 


fragen,  warum  bei  den  109  Arzneien  und  Gebrauchsanweisungen  keine 
Zauber-  oder  Gegenzauberlieder  gegeben  sind? 

Die  109  Arzneien  und  Verfährungsregeln  sind  von  solchen  Haus- 
trauen gesammelt,  die  dieselben  als  Hausmittel  kennen  und  nur  für 
ihre  Familien  als  Heilmittel  verwenden,  und  dieselben  gewöhnlich  von 
ihren  Müttern  u.  Grossmüttern  gelernt  haben.  Im  allgemeinen  kümmern 
sie  sich  wenig  um  Zaubereien;  wenn  aber  die  versuchten  Heilmittel 
nicht  helfen,  dann  wenden  sie  sich  an  die  Hilfe  der  Zauberinnen. 

Die  54  Stüek  Gegenzauberlieder  rühren  gewöhnlich  von  solchen 
alten  Weibern  her,  die  sozusagen  als  Dorfmediciner  fungieren,  und  in 
die  Häuser  zu  den  Kranken  gerufen  werden.  Und  es  wäre  nicht  ge 
nug  und  zu  einfach,  nur  die  Arzeneien  zu  machen  und  anzuwen- 
den, oder  sie  nur  zu  verschreiben;  man  muss  auch  auf  den  Ge- 
mütszustand und  den  Geist  des  Kranken  wirken.  Zu  diesem  Behufe 
dienen  die  Gegenzauberlieder,  und  der  Inhalt  und  das  Recitieren  der- 
selben ist  gerade  das  heilige  oder  schauerliche  Geheimnis,  das  eine 
grosse  Wirkung  auf  den  Kranken  ausübt. 

Und  diese  alten  Weiber  haben  viele  nationale  Traditionen  bewahrt. 

Gegenzauberlieder,  die  keine  Bruchstücke  sind,  haben  gewöhnlich 
drei  Teile.  Im  ersten  wird  gewöhnlich  metaphorisch  erzählt,  auf  welche 
Art  das  Böse,  das  Übel  gekommen,  oder  von  welchen  (mythologischen) 
Wesen  oder  Zauberinnen  es  über  den  Kranken  geschickt  worden  ist, 
wie  der  Kranke  an  Kräften  siecht,  wie  er  leidet  und  wehklagt. 

Im  zweiten  Teile  sieht  und  hört  gewöhnlich  (Nro  2.  3.  6.  7.  13. 
14.  16.  26.  33.  37.  46.  47.)  die  Mutter-Gottes  aus  dein  Tore  des 
Himmels  den  Kranken  und  fragt  ihn,  was  ihm  weh  tut.  Der  Kranke 
erzählt  dann  durch  den  Mund  des  Weibes  beinahe  dasselbe,  was  im 
Anfange  des  Gegenzauberliedes  ist,  die  Mutter  des  Herrn  schickt  dann 
den  Kranken  zum  alten  Weibe,  oder  verschreibt  selbst  die  Heilmittel 
und  etwas,  was  noch  zu  machen  ist. 

Im  dritten  Teile  werden  die  über  den  Kranken  geschickten  oder 
geworfenen  Zaubereien  verjagt,  das  Böse,  das  Übel  in  das  schwarze  Meer 
geworfen,  oder  manchmal  (Nro  6.  '27,  37.  53.)  nimmt  die  Mutter  des 
Herrn  den  Kranken  bei  der  Hand,  führt  ihn  auf  den  Weg  des  Abra- 
ham, zu  der  Quelle  des  Jordan  und  hier  wäscht  sie  ihn,  und  wirft 
alles  Böse  auf  das  Haupt  desjenigen,  der  das  übel  verursacht  hat ; 
zuletzt  die  Bitte,  dass  der  Kranke  gesund,  rein  und  makellos  bleibe,  so 
wie  Gott  ihn  geschaffen  und  in  die  Welt  geschickt  hat. 

Von  diesen  Liedern  haben  wenige  einen  poetischen  Wert,  vie- 
les wiederholt  sich  in  denselben:  doch  haben  sie  grosse  Wichtigkeit 
fiir  die  rumänische  Sprache,  und  weil  einige  auch  mit  Volksgebräu- 
chen in  Zusammenhang  stehen,  auch  für  diese.  Auch  für  den 
Arzt,  den  Chemiker,  den  Botaniker  und  den  Mythologen  sind  diese 
Lieder,  Arzneien  und  Verhall ungsregeln  eine  wahre  Fundgrube  der 
Forschung.  Vom  Standpunkt  der  Volkssprache  will  ich  noc^i  einige  Be- 
merkungen zu  dieser  Sammlung  machen. 

Im  Liede  Nr.  1.  ist  das  Wort  »tescule-leu  lat.  testicula,  fr.  tes- 

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Hl  (  HKRHKSPRECIH  NGEN 


ticule,  die  in  der  alltäglichen  Sprache  einen  anderen  Namen  haben.  In 
Nro  13.  ist  die  lateinische  Form  „*trigaa,  während  in  der  Volkssprache 
strigoia  (die  Hexe)  ist.  In  Nr.  16.  sqaul,  die  Grube  der  Ohren,  wo  qau  aus 
den  lateinischen  cav-us  cav-erna  enstanden  ist,  und  sehr  selten  gehört 
wird.  In  Nr.  24.  prhnarie  lat.  primoria.  hier  in  dem  Ausdrucke  rdie 
ersten  Geschwisterkinder."  In  Nr.  43.  lautör*,  die  Waschende,  lat.  lava- 
tor,  während  in  der  Volkssprache  gewöhnlich  spelare,  waschen  im  Ge- 
brauche ist.  In  Nr.  52.  amente-le  die  Liebhaberinnen,  lat.  amantes ,  was 
bis  jetzt  in  der  Volkssprache  nicht  gehört  worden  ist. 

In  diesen  Gegenzauberliedern,  Arzneien  und  Verfahrungsregeln 
gibt  es  noch  eine  Menge  von  Wörtern,  die  in  den  rumänischen  Wör- 
terbüche  n  nicht  auffindbar,  und  deren  Sinn  und  Ethymologie  noch 
nicht  bestimmt  ist.  Diese  Wörter  aus  den  vergessenen  Jahrhunderten 
als  veraltet  u.  aus  dem  täglichen  Gebrauche  verschwunden,  bereichern 
nun  das  Material  der  Sprache  *) 

Auch  betreffs  der  grammatikalischen  Formen  sind  die  Lieder  be- 
deutsam. Einige  Diminutivsuffixe  sind  bemerkenswert.  In  Nr.  2(J 
sioparlaitia  (sioparla  Eidechse)  gewöhnlich  sioparlitia,  wie  in  Nr.  23. 
merlositia  (von  merlusia,  Amselchen),  brandusitia  (eine  Blume);  und 
in  Nr.  36.  sierpurel  (sierpe  Schlange)  gewöhnlich  sierpuletia.  Auch  betreff 
der  Declination,  der  Conjugation  und  der  Laut-Verwechslung  wäre 
noch  sehr  vieles  zu  bemerken,  doch  ich  glauoe.  das  gesagte  genügt, 
um  von  der  Bedeutung  dieser  Lieder  für  den  rumänischen  Folklore 
und  die  Linguistik  einen  Begriff  zu  geben 

Budapest,  Januar  1891.  Dr.  Athanasius  E.  Marienescu 


Magyarische  Volksballaden.  l) 
J. 

Anna.  Anna. 

„Kgszü'j  man,  käszü'j  man  Spute  dich,  spute  dich. 

Anna,  te  sz6p  lejany!  Anna,  schönes  Mädchen! 

Nekünk  adott  apäd  Uns  gab  dich  dein  Vater 

Az  anyäd  mehibe,!,,  Noch  im  Mutterleibe! 


*)  Auf  Grund  mannigfacher  einschlägiger  Erfahrungen  glauben  wir  einen 
Teil  dieser  Bereicherung  aul  die  Rechnung  der  Erfindungsgabe  und  Intention  der 
Sammler  schreiben  zu  dürfen.  Die  Redaction. 

*)  Aufgezeichnet  von  Ludwig  Kälmany.  Ubersetzt  von  A.  H.  —  Diese  Ballade 
weist  manchen  bedeutungsvollen  Zug  auf.  Märcbenmässig  ist,  dass  die  Hähne  spre- 
chen (vgl.  die  Parallelen  in  Kälmany,  Szeged  m'pe,  II.  171.)  Nach  dem  Volksglau- 
ben zeigen  sich  die  Seelen  der  Abgeschiedenen  oft  in  Tiergestalt.  In  den  Märchen 
hat  das  rechte  Kind  kein  Mitleid  mit  Tieren,  und  geht  darum  zugrunde.  Bei  Ipolyi, 
Nr.  16.,  gibt  die  rechte  Tochter  der  Katze  und  dem  Hahne  nicht  zu  essen,  und 
wird  darum  von  ihnen  nicht  gerettet,  als  der  Teufel  um  sie  kommt.  (Ähnlich :  Me« 
r6nyi,  Dunamellöki  nepmeseJc,  II.  117.  Eredeti  nepmesek.  II.  169.  Arany,  Ne>mesek, 
176  Kälmäny,  Szeged  nepe  I  187.  Grün.  Die  drei  Männlein  im  Walde;  Karadschitsch, 
Volksmärchen  der  Serben  199.  Waldau,  Böhmisches  Märchenbuch.  519  —  Das  be- 
deutsamste Moment :  Der  Vater  verkauft  das,  was  er  ohne  Wissen  zuhause  hat;  es 
ist  die  Leibesfrucht  seiner  Frau.  Der  Käufer  ist  wol  der  Teufel;  denn  Anna  will 


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MAGYARISCHE  VOLKSBALLADF.N 


.Keszülok,  keszülok 
£dös  l'anykerüjim! 
£gy'  kicsit  värjatok, 
Mozsdö  vizem  nines  kesz!1* 


„Spute  mich,  spute  mich, 
Meine  lieben  Freier! 
Wartet  nur  ein  wenig. 
Wasser  fehlt  zum  Waschen!- 


Kiszalad,  kiszalad 
Kakasülö  alä: 
„Kakasim,  kakasim, 
Fekete  kakasim! 

£dös  kakaskäjim 
Kukurekujjatok. 
Mer'  elvisznek  engöm 
Isten  tugygya,  huva!' 

A  feher  feleli : 
„Szöjon  a  fekete!" 
Fekete  feleli: 
„Van  meg  idö  r'äja!a 

„Keszü'j  man,  keszü'j  man 
Anna,  te  szep  lejäny! 
Nekünk  adott  apäd 
Az  anyäd  mehibe'!44 

„Värjatok,  värjatok, 
Edös  I'änykeröjim! 
Hogy  vögyem  magamra 
A  piros  szoknyämat  ! 

Szoknyajim,  szoknyajim, 
Szep,  piros  szoknyajim! 
Szögrtt'  lehujjatok, 
Gyäszba  borujjatok  !■ 

Akkor  is  kiszalad 
Kakasülö  alä: 
„Kakasim,  kakasim, 
Fekete  kakasim! 


Läuft  hinaus,  läuft  hinaus, 
Hin  zur  Hühnersteige: 
.Hähne  mein,  Hähne  mein, 
Meine  schwarzen  Hähne! 

Meine  lieben  Hähnchen, 
Fangt  doch  an  zu  krähen, 
Fort  will  man  mich  führen, 
(ioit  nur  weiss  es,  wohin!" 

Antwort  gibt  der  weisse: 
„Mag  der  schwarze  sprechen  !' 
Antwort  gibt  der  schwarze: 
„'s  hat  noch  gute  Weile!- 

„Spute  dich,  spute  dich, 
Anna,  schönes  Mädchen! 
Uns  gab  dich  dein  Vater 
Noch  im  Mutterleibe." 

„Wartet  doch,  wartet  doch, 
Meine  lieben  Freier, 
Möchte  mir  noch  anziehn 
Meinen  Rock,  den  roten. 

Röcke  mein,  Röcke  mein, 
Schöne  roten  Röcke! 
Fallt  herab  vom  Nagel, 
Wendet  euch  in  Trauer!" 

Wieder  läuft  hinaus  sie, 
Hin  zur  Hühnersteige: 
„Hähne  mein,  Hähne  mein, 
Meine  schwarzen  Hähne? 


ihre  Freier  mit  dem  Hahnenschrei  vertreiben,  und  diese  müssen  vor  dem  Stunden- 
schlag zurück,  wie  die  bösen  Geister  um  ein  Uhr  nach  Mitternacht.  Auch  in  andern 
Überlieferungen  verkauft  dem  Teufel  der  Mann,  waa  er  ohne  Wissen  zuhause  hat, 
gewöhnlich  sein  Kind,  (vgl.  Erd&yi,  III.  329.  Gyulai  II.  214.  III.  234.  Kriza,  477. 
Ipolyi's,  Sammlung,  Märchen  Nr.  13.  128 )  In  andern  magy.  Märchen  tritt  ein  Greis,  ein 
Ungeheuer,  udgl.  an  die  Stelle  des  Teufels.  —  Auch  bei  andern  Völkern  häufig, 
(Schreck,  Finnische  Märchen  116;  Poeation,  Lappländische  Märchen,  247;  Grimm,  Das 
Mädchen  ohre  Hände;  Schott,  Walachiscbe  Märchen,  Waldau,  Böhmisches  Märchen- 
buch, 24.  u.  s.  w.) 


Herrraaon,  Ethooloj Uche  Mitteilungen. 


89 


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MAGYARISCHE  VOLKSBALLADEN. 


£dfts  kakaskäiim 
Kukurekujjatok. 
Mer'  elvisznek  engöm 
Isten  lugygya,  huva!* 

A  feher  feleli : 
„Szojon  a  (ekele!" 
Fekete  feleli: 
„Van  meg  idö  r'aja!- 

„Sijes'  man,  sije.V  man, 
iling) ä'  üt  az  dra ! 
Nekü'nk  adott  apad 
Az  anyad  mehibe'!" 

„Värjatok,  värjatok, 
£dös  Panykeröjim! 
Hogy  bücsuzzak  el  meg 
A  viragajimtul : 

Virägim,  virägim. 
Szep,  piros  virägim! 
Kör6va  väjjatok, 
Gyäszba  borujjatok!" 

Akkor  is  kiszalad 
Kakasülö  alä: 
„Kakasim,  kakasim ! 
Szep  feher  kakasim! 

Szep,  feher  kakasim 
Kukurekujjatok ! 
Mer1  elvisznek  engöm 
Isten  tugygya,  huva!1* 

„Nem  kuktirekulunk, 
Mer'  nem  atta  önni ! 
A  többinek  aua'. 
Mmket  Ozavariä"" 


Meine  liehen  Hähnchen, 
Fangt  doch  az  zu  krähen, 
Fort  will  man  mich  führen, 
Gott  nur  weiss  es.  wohin.* 

Antwort  gibt  der  weisse: 
„Mag  der  schwarze  sprechen!* 
Antwort  gibt  der  schwarze: 
„'s  hat  noch  *rute  Weile!" 

„Spute  dich,  spute  dich, 
Denn  gleich  schlagt  die  Stun  let 
I  ns  gab  dich  dein  Vater 
Noch  im  Mutterleibe!" 

„Wartet  doch,  wartet  doch. 
Meine  lieben  Freier! 
Möchte  Abschied  nehmen 
Noch  von  meinen  Blumen: 

Blumen  mein.  Winnen  mein, 
Schöne  rote  Ulumen ! 
Werdet  dürre  Stauden. 
Wandelt  euch  in  Trauer !• 

Wieder  läuft  hinaus  sie, 
Hin  zur  Hühnersteige: 
„Hähne  mein,  Hähne  mein, 
Schöne  weisse  Hähne! 

Schöne  weisse  Hähne, 
Fangt  doch  an  zu  krähen! 
Fort  will  man  mich  führen, 
Gott  nur  weiss  es.  wohin!" 

„Werden  dir  nicht  krähen, 
(iahst  uns  nicht  zu  essen! 
Andern  hast  gegeben, 
Uns  hast  du  verscheuchet!* 


(A  (ehfir  kakasok 


arva  gyer'ökök  T.  tak  )     <I»ir  weise  n  Hiihne  »arm  Waisenkinder.) 

(Szüre*.) 


II. 


Szödörv&ri  Kata. 

„L/änyom,  edes  l'Anyom, 
Szödörvari  Katam ! 


Katchen  SsödörvÄri. 

„Tochter,  liebe  Tochter, 
Katchen  Szödörväri! 


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MAO  YAKISCHE  VOLKSBALLADEN. 


Vajon  mi  dolog  az: 
Kerek  ajjü  szoknyad 
Elül  rövidödik, 
Hätal  hoszsza'bodik?" 

„Anyam,  edös  anyäm, 
Kedves  szülö  dajkam: 
Szabö  oem  jö  szabta, 
Varo  nem  jö  va'rta!- 
„ Szabö  azt  jö  szabta, 
Va'rö  azt  jö  va'rta!« 

„Mi  türes,  tagadäs, 
Man  ki  köT  vallanom : 
Kis  kertömbe'  järtam 
(iyöngyväri  Jänossal, 
Kedves  galamboramal, 
Szerelömbe  estem.M 

„Höherok,  höherok, 
Fogjatok,  vigyetök 
A  siralomhäzba 
Szödörväri  Katät!* 

„Madarim,  madarim, 
Hirhordö  madarim, 
Vigyetök  levelem 
(iyöngyväri  Jänosnak!* 

,  Kocsisom ,  kocsisom , 
Le'kiseb'  kocsisom : 
Fog'  be  csak,  fog'  be  csak 
A  legjob'  hat  lovam! 
Hagy  mögyök  Katahon, 
Kedves  galambomhon." 

Mikö  oda  ertek 
A  sok  soküsäg  köszt, 
Akkö  vesztöttek  el 
Szödörväri  Kalät ; 


Sag.  was  soll  das  heissen  : 
Rund  war  ja  dein  Röcklein, 
Ist  zu  kurz  nun  vorne, 
Ist  zu  lang  nun  hinten!" 

„Mutter,  liebe  Mutter, 
Die  mich  hat  geboren: 
Schneider  schnitt  es  schlecht  zu, 
Näh'rin  nähte's  nicht  gut!" 
„Schneider  schnitt  es  gut  zu, 
Näh'rin  nähte's  sauber  !- 

„Wozu  lügen,  leugnen? 
Muss  es  wol  gestehen  : 
Gieng  im  kleinen  Garten 
Mit  Johann  Gyöngyväri, 
Und  mit  meinem  Liebsten 
Dort  der  Lieb'  verfiel  ich." 

„Henker,  hört  ihr  Henkerl 
Fasset,  fangt  und  führet 
In  die  Seufzerkammer  *) 
Kätchen  Szödörväri!" 

r  Vögel,  meine  Vögel, 
Ihr  beschwingte  Boten, 
Traget  meinen  Brief  hin 
Zu  Johann  Gyöngyväri !' 

„Kutscher,  du  mein  Kutscher, 
Du  mein  kleinster  Kutscher, 
Schirr'  nur  an  und  spann  ein 
Sechs  der  besten  Pferde, 
Dass  ich  eil'  zum  Kätchen, 
Meinem  lieben  Täubeben  !" 

Eben  als  sie  hin  zur 
Grossen  Menge  kamen, 
Wurde  hingerichtet 
Kätchen  Szödörväri: 


*)  S.  Ethnol.  Mitt.  I.  Spalte  849.  Anmerkung.  —  Ans  Ludwig  Kilmany's  un- 
gedruckten Sammlungen  Ubersetzt  und  mitgeteilt  von  A.  H.  —  Varianten  sehr  zahl» 
reich;  grösstenteils  verzeichnet  in  Katminy  L.  Szeged  nepe,  II.  Bd  S.  172  ;  aus- 
serdem hoi  Arany  Gyulai.  III.  419.  und  in  Abafi's  Sammlung.  Vielleicht  auf  Metern- 
psychosis  bezüglich  ist  das  Hervorgehen  der  Taube  u.  des  Hahnes  (vgl.  die  vorige 
Ballade«  aus  dem  Grabe.  Dass  dem  Grabe  der  Liehenden  Pflanzen  entwachsen,  und 
•ich  dann  in  einander  schlingen,  ist  auch  der  magyarischen  Poesie  gelaufig.  (Vgl. 
Melusine,  1890.  Les  deux  arbres  entrelaceY) 


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MAGYARISCHE  VOLKSli ALLADEN" . 


Gyöngyväri  Jänos  mög 
Kivegezte  magät 

„Veröm  a  verö'del 
Egy'  patakot  mosson, 
Testöra  a  tesiö'del 
ßgy*  sirba  nyugogygyon, 
Lelköm  a  lelkö'del 
Egy'  Istent  imagygyön!" 

Az  egygyikön  tämatt 
Fehe>  galambocska, 
A  legen  von  tämatt 
Feher  kakasocska. 

Feher  galambocska 
Csak  asz"  turbekolja: 
„Atkozot»,  ätkozott 
Az  az  6dös  anya, 
A  ki  az  ü  l'änyät 
Ha  kerik,  nem  agygya!** 

Feher  kakasocska 
Aszt  kukurekulja: 
„Ätkozott  az  apa. 
Ätkozott  az  anya, 
A  ki  az  ü  kedvessinek 
Eszt  nem  tudösityiya!" 

(Ha  tudattak  vöna  vele.  mög  lött 
vöna  a  mönynyegzö.) 


Und  Johann  Gyöngyväri 
Hat  sich  stracks  entleibet 

„Mög'  mein  Blut  und  deins  im 
Selben  Bache  rinnen, 
Unser  beider  Leib  im 
Selben  Grabe  ruhen. 
Meine  Seel'  und  deine 
Einen  Gott  anbeten!" 

Aus  dem  einem  Grab  stieg 
Eine  weisse  Taube, 
Aus  dem  Grab  des  Jünglings 
Flog  ein  weisses  Hähnchen. 

Und  das  weisse  Tiiubchen 
Girrt  ununterbrochen: 
„Sei  verflucht,  verflucht  sei 
Jede  rechte  Mutter, 
Welche  ihre  Tochter, 
Freit  man  sie,  nicht  hingibt  !tt 

Und  das  weisse  Hühnchen 
Kräht  ununterbrochen : 
„Sei  verflucht  der  Vater, 
Sei  verflucht  die  Mutter, 
Welche  dem  Geliebten 
Dies  nicht  tun  zu  wissen!" 


(Wenn  man  es  ihm  zu  wissen  getan 
hätte,  hätt'  er  Hochzeit  gemacht ) 


(Ö-Szent-Ivän  ) 


III. 


Reveszök  ndtaja. 

(Vot  egy'  kiräjne,  ügy  bittak  hogy  Marija 
Tör^zjja,  az  ellenseg  elill  szabadult,  oszt' 
at  akart  mönni  a  Dunau,  hi'tta  a  revö- 
szöket:) 

Röveszök,  röveszök, 
Jö  szivü  revöszök, 


Fergenlied.  *) 

(Es  war  eine  Königin,  die  hiess  M  aria 
Theresia,  sie  flüchtete  sich  vor  dem  Feinde, 
wollte  über  die  Donau  setzen,  und  rief  die 
Fährleute:) 

Fährleut\  oh  ihr  Fergen, 
Herzensgute  Fergen, 


*)  Aus  Ludwig  KAlm&ny's  ungedruckten  Sammlungen  übersetzt  und  mitgeteilt 
von  A.  H.  —  Ähnliches  bei  Erd&vi,  Nepdalok  es  mondäk  I.  40«— 410,  als  Kinder- 
spiel. (Auch  in  magyarischen  Kinderspielen  finden  sich  viele  Balladenfragmente.)  Bei 
Erd^lyi  1.  408.  sind  einige  Zeilen  mit  Bruchstücken  des  Jahrhunderte  alten  Liedes 
von  Lengyel  Laszlö  vermischt  (vgl.  Kölcsey  Fer.  Munkäi,  1866.  IH.  28 )  Kalmany 


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MAGYARISCHE  VOLKSBALLADEN. 


Vigyetök  ät  a  Dunan, 
A  Duoän! 

Van  en  nagy  zsäk  aranyom, 
Aszt  is  nektök  ajällom! 

„Nem  löhet  csillagom. 
Nem  löhet  galambom. 
Nem  viszlek  angyalom, 
Angyalom ! 

Mer'  nagy  zaj  men  a  Dunan, 
Kicsike  az  en  csajkäm: 
Kicsi  a  csajkam  szele. 
Nagy  a  viz  ereje!' 

(Viszszanezött,  az  ellensegöt  hogy 
lätta,  asz'  gondoha,  hogy  surö  erdd":) 

Istenöm,  Istenöm. 
Abba1  az  erdöbe' 
De  szepen  turbekolnak 
Azok  az  vad  galambok! 

(MögeV  viszszanezött,  akkor  ijett 
mög,  hogy  nem  erdö  az,  banem 
ellensegök:) 

Reveszök.  reveszök, 
Szent  nevü  re>6szök. 
Vigyetök  ät  a  Dunan. 
A  Dunan! 

Van  kök^ny  szömü  I  anyora. 
Aszt  is  nektök  ajällom; 
Van  en  nagy  zsäk  aranyom, 
Asztat  is  nöklök  adom! 
Vigyetök  ät  a  Dunan, 
A  Dunän ! 

„A  l'änyod  szeretnenk, 
Az  aran't  kedvelnenk; 
Nem  löhet  galambom. 
Galambom! 


Setzt  mich  übern  Donaustrom, 
Donaustrom ! 

Einen  Sack  hab'  ich  voll  Gold, 
Das  sei  euer  Fergensold! 

„Oh  mein  Stern,  es  kann  nicht  sein, 
Kann  nicht  sein,  du  Täubehen  fein, 
Führ'  dich  nu;ht.  du  Engel  mein, 
Engel  mein! 

Mächtig  ist  des  Eises  Gang 
Und  mein  Kahn  ist  klein  und  schwank, 
Meines  Kahnes  Bord  ist  schmal. 
Heftig  ist  der  Wasserschwall \u 

(Sie  blickt  zurück,  als  sieden  Feind  sah, 
glaubte  sie,  es  wär'  ein  dichter  Wald:) 

Gott,  du  lieber  Herrgott. 
Dort  in  jenem  Walde 
Ach  wie  lieblich  girren 
Dort  die  Turteltauben! 

(Blickt  wieder  zurück,  und  erschrickt, 
dass  es  kein  Wald  ist.  sondern  die 
Feinde:) 

FährleutV  oh  ihr  Fergen. 
Mit  der  Heiligen  Namen, 
Setzt  mich  übern  Donaustrom, 
Donaustrom  ? 

Mein  blauäugig  Töchterlein 
Soll  auch  euer  eigen  sein : 
Meinen  grossen  Sack  voll  Gold 
Geb1  ich  euch  als  Fergensold ! 
Setzt  mich  übern  Donau*trora, 
Donaustrom ! 

.Hätten  deine  Tochter 
Lieb  und  gern  dein  Gold  auch  ; 
's  kann  nicht  sein,  Täubchen  fein, 
Täubchen  fein! 


bemerkt,  dass  es  bald  e  n  König,  bald  eine  Königin  ist,  die  über  die  Donau  oder 
Th*iss  setzen  will.  In  Prosaerzählungen  fehlt  der  Selbstanbot  der  Königin  Zumeist 
wird  Maria  Theresia  genannt,  die  in  der  Temesgegend  auch  sonst  noch  häufig  er- 
wähnt wird.  Die  altern  Sänger  und  Erzähler  geben  an.  in  ihrer  Kindheit  eine  viel 
längere  Fassung  dieses  Liedes  gekannt  zu  haben.  Ähnliches  in  der  slovakischen  Volks- 
poesie (vgl.  Szeherenvi,  Tot  nepdalok,  S.  194.  u.  260  ) 

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MAGYARISCHE  VOLKSBALLADEN 


Mer'  nagy  zaj  men  a  Dunan, 
Kicsike  az  6n  csajkam: 
Kicsi  a  csajkam  szele, 
Nagy  a  viz  ereje!- 

(Mikor  mögen1  viszszanezött,  min 
az  ellenseg  fegy  vereit  is  latta :) 

R6vöszöm,  röveszöm. 
Csillagom,  kedvesöm. 
Vigyel  ä'tal  a  Dunan, 
A  Dunan! 

Van  kökeny  szörnü  l'änyom, 
Aszt  is  neköd  ajällom; 
Van  en  nagy  zsäk  aranyom, 
Asztat  is  neköd  adom ; 
Magamat  is  oda'adom, 
Magamat  is  oda'adom: 
Vigyel  ä'lal  a  Dunan, 
A  Dunan ! 

„Atviszlek,  atviszlek 
Csillagom,  mönyöcskem. 
Galambom,  kedvesöm, 
Kedvesöm. 

Mer'  nem  men  zaj  a  Dunan, 
Mer1  nem  m6n  zaj  a  Dunan, 
A  Dunan!«4 


Mächtig  ist  des  Eises  Gang. 
Und  mein  Kahn  ist  klein  und  schwank, 
Meines  Kahnes  Bord  ist  schmal, 
Heftig  ist  der  Wasserschwall!* 

(Als  sie  wieder  zurückblickte,  sah  sie 
schon  die  Waffen  dar  Feinde:) 

Fährmann,  du  mein  Ferge, 
Du  mein  Stern,  mein  Liebster, 
Setz'  mich  über'n  Donaustrora, 
Donaustrom  I 

Mein  blauäugig  Töchlerlein, 
Das  soll  auch  dein  eigen  sein, 
Meinen  grossen  Sack  voll  Gold 
Geb'  ich  dir  als  Fergensold, 
Geb'  mich  dir  auch  selber  hin, 
Geb'  mich  dir  auch  selber  hin, 
Setz'  mich  übern  Donaustrom, 
Donaustrom  ! 

.Will  dich  übersetzen' 

Du  mein  Stern,  mein  Weibchen, 

Liebchen  du,  mein  Täubrhen. 

Täubchen  mein. 

Frei  vom  Eis  der  Donaustrom, 

Frei  vom  Eis  der  Donaustrom, 

Donausirom!a 


(Szöreg.) 


Deutsohe  Volksballaden  aus  Ungarn.  *) 

i. 

Sttdongarn. 

„Du  sagst,  du  willst  mich  nehmen, 
Sobald  der  Sommer  kommt. 
Der  Sommer  ist  gekommen, 
Du  hast  mich  nicht  genommen,  — 
Die  wahre  Lieb'  ist  aus!" 


*'  (Aus  den  Sammlungen  der  Frau  Maja  Wigand,  Pancsova.) 

Vgl.  Simrock,  Nr.  22.  23.  Unland  Nr.  216.  Wunderhorn,  (Reclam)  S.  60.  u.  sonst. 

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DEUTSCHE  VOLKSBALLADEN  AUS  SÜDUNQARN 


„Was  soll  ich  dich  denn  nehmen, 
Wenn  ich  dich  ja  nicht  mag! 
Du  bist  mir  viel  zu  arm, 
Du  bist  mir  viel  zu  arm, 
Du  bist  mir  viel  zu  schlecht' " " 

„Ei,  bin  ich  dir  zu  arm, 
Ei,  bin  ich  dir  zu  schlecht,  — 
In's  Kloster  will  ich  gehen. 
Will  werden  eine  Nonn." 

„„ Willst  du  ins  Kloster  gehen, 
Willst  werden  eine  Nonn'; 
Die  Welt  will  ich  durchreisen, 
Bis  ich  an's  Kloster  komm,!ttu  - 

Und  als  ich  an  das  Kloster  komm', 
Da  klopr  ich  an  die  Tür: 
„Die  allerjüngsie  Nonn' 
Soll  treten  da  her  für  !- 

Die  Nonne  kam  getreten 
Mit  ihrem  blauen  Kleid; 
Ihr  Haar  war  abgeschnitten, 
Zur  Nonn'  war  sie  bereit. 

Der  Ritter  dreht  sich  um  und  um 
Und  weinte  bitterlich: 
rIn  einer  halben  Stunde 
Ist  mir  mein  Herz  zersprungen 
Vor  lauter  Lieb'  und  Leid!' 

„„Ist  dir  dein  Herz  zersprungen 
Vor  lauter  Lieb'  und  Leid: 
Ein'  Mess'  lass'  ich  dir  lesen, 
Weil  du  mein  Schatz  gewesen, 
Für  deine  Seligkeit 


II. 

Westungarn. 

Es  gierig  ein  Knab  spazieren  aus, 

Wol  in  dem  grünen  Wald 

Da  begegnet  ihm  ein  adeliges  Mädchen, 

Von  achtzehn  Jahre  alt, 

Sehr  schön  war  ihr'  Gestalt 


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DEUTSCHE  VOLKSBALLADEN  AUS  UNGARN. 


Er  nahm's  wohl  hei  der  Mitte, 
Wo  sie  am  schwächsten  war, 
Er  legt's  vor  seiner  nieder 
Auf's  Laub  und  grüne  Gras. 
Mein  Schatz,  was  nützt  dir  das? 

Zu  Augsburg  in  dem  Wirtshaus, 

Wo  er's  gut  ass  und  trank. 

Da  kam  das  adelige  Mädchen, 

Und  reicht  ihm  ihre  Hand, 

Liess  ihn  sohliessen  in  Eisen  und  in  Band 

Zu  Augsburg  in  dem  Turme, 

Wo  er  gefangen  lag, 

Da  kommt  seine  Frau  Mutter 

Und  wünscht  ihm  ein  schön  gut'n  Tag: 

Mein  Sohn  was  machst  du  da? 

Was  ich  allhier  tu'  machen, 
Das  will  ich  Euch  sagen  bald. 
Hab'  geliebt  ein  adeliges  Mädchen, 
Hab's  geliebt  allso  sehr, 
Hab 's  gebracht  um  ihre  Ehr! 

Ei !  bist  Du  so  ein  reicher  Kaufmanssohn, 
Musst  sterben  ein  solchen  Tod, 
Ach  weh',  was  Schand  und  Spott ! 

Ist  der  Briet  schon  kommen  an, 

Dass  ich  nun  slerben  muss? 

So  schickt  mir's  nur  kein  Wagen, 

Ich  gehe  viel  lieber  zu  Fuss, 

Weil  ich  weiss,  dass  ich  sterben  muss. 

Ihr  Lieben,  meine  Herrn  zu  Augsburg! 

Um  eins  bitt  ich  Euch  noch : 

Schenkt  mir's  den  kühlen  Friedhof, 

Dazu  ein  seidenes  Kiss'n, 

Worauf  gut  zu  rasten  ist. 

Ach  Sohne,  liebster  Sohne  mein! 

Das  kann  ja  gar  nicht  sein. 

Dein  Haupt  kommt  auf  den  Galgen, 

Dein  Leib  kommt  auf  das  Rad, 

So  wie  er's  verschuldet  hat. 

(Aufgezeichnet  in  Vas-Surany,  Eisenburger  Comitat,  vom  Piof.  E.  Pratscher, 
der  auf  Anregung  »eines  Lehrer«,  des  Herausgebers  dieser  Zeitschrift,  eine  wertvolle 
Sammlung  von  Volkstraditionen  seiner  Heimat  angelegt  hat.  Der  fleissige  und  talen- 
tierte Sammler  ist  diesen  Frühling  leider  verstorben ) 

Vgl.  Simrock,  Nr.  62.  (u.  53.  III.)  Wunderhorn  II.  189.  Hoffmanu  Schi.  63. 
Erk.  III.  1.  »50.  Kretrschmer  II.  117.  u.  s.  w. 


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DEUTSCHE  BESPRECHUNGSFORMELN  AUS  SÜDUNGARN. 


Deutsche  Besprechungsformeln  aus  Südungarn. 

/.  Fürs  Verrencken  eines  menschlichen  Gliedes. 

Hast  du  deine  Hand  verrengt. 
Wie  die  Juden  unsern  Herrgott  ham  ghengt. 
Hat  ihm  das  Hengen  nicht  geschaden, 
So  soll  dir  das  Verengen  nicht  schaden, 
Hilft  Gott,  der  Vater,  Gott  der  Sohn 
Und  Gott  der  heilige  Geist. 

2  Für  das  Verrencken  eines  Fuszes. 

Hast  du  den  Fuss  verrengt  dein. 
Oder  versprengt  die  Flaxen  dein, 
Nerven  und  Bein,  Fleisch  und  Blut. 
Wie  Jesus  Christus  am  Kreuz  hängen  tut, 
Hilft  Gott  Vater,  Sohn  und  heiliger  Geist. 

S.  Für  Gebärmutterschmerzen 

Gebärmutter,  und  Kolika. 

Ich  hab  dich,  und  dreh  dich, 

(üb  keine  Ruh.  bis  die  liebe  Mutter  Gottes, 

Ein  Kind  gebären  tut, 

Das  Jesus  heissen  tut. 

Hilft  dir  Gott  Vater  usw  usw. 

4.  Für  die  Schuss- Blattern  am  Auge. 

Schuss-Blatter  ich  druck  dich. 

Die  liebe  Mutter  Gottes  duckt  sich. 

Mit  ihrem  heiligsten  Daumen  wird 

Sich  der  Fleck  aus  dem  Aug  wegräumen. 

Hilft  dir  Gott  Vater  usw. 

5   Für  Pferde,  die  die  Mauskrankheit  haben. 

Fanny.  —  du  sollst  dein  Bändl  nicht  länger  tragen, 

Als  wieder  Esel  die  Jungfrau  Maria  von  Bethlehem  hat  g' tragen. 

Hilfi  dir  G^tt  Vater  usw.  usw 

6.  Em  Diebs-Segen.  *) 

Ein  wirksames  Gebet,  einen  Nachtdieb,  Nacklräuber,  -  es  sei  in  was  für  ei  ner  Ab- 
sicht immer,  —  so  fest  zu  halten,  dass  er  von  der  Stelle  sich  nicht  bewegen  und 
auch  nicht  fortgehen  kann  Es  lautet  wörtlich  und  getreu  der  Schreibweise : 

*)  Dieser  Diebs  Segen  wird  im  Votksmunde  allgemein:  .Banmtttl"  genannt, 
soll  eine  wunderbare  Kraft  besitzen  und  wird  in  rieten  Familien  als  eine  Reliquie 
bewahrt  u.  mancher  Teufelsbeschwörer  oder  alte  Brauchbar  Frauen,  die  im  Besitze 
von  Geheimmitteln  sind)  trägt  diesen  Zettl  als  unfehlbares  Schutzmittel  am  blossen 
Bu*en  oder  in  einem  kleinen  Säkclchen  auf  blossem  Leib  gehängt. 

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DEUTSCHE   RE8PRECHUN0SF0RMKLN  AUS  SCüUNQAKN. 


Im  Namen  der  allerheiligst en  Dreifaltigkeit,  Gott  den  Vater  f 
Schöpfer  aller  Dinge;  -  Gott  der  Sohn,  f  Erlöser  der  Well;  Gott 
heiliger  Geist  f:  du  heiliger,  du  aller  menschlichen  Kreaturen  sey  und 
bleihe  du  allerzeit  bey  uns,  sorge,  und  behüte  mir  all  dasjenige,  was 
ich  von  deiner  Valerhand  empfangen  habe,  dass  es  mir  kein  Dieb, 
Mörder,  Räuber,  oder  sonst  Niemand  nicht  entwenden  kann.  Bind,  hei- 
liger Petrus,  bind  durch  das  Band  der  Gottes  Hand,  bind  durch  das 
Band  der  Christen  Hand,  bind  alle  Dieb,  Mörder  u.  Käuber,  sie  mögen 
seyn  grosz  oder  klein,  jung  oder  alt,  auf  meinem  Guih,  es  sei  gleich 
in  meinem  Haus,  Küchen,  Keller  u  Stall,  auch  in  meinem  Garten, 
und  Land,  so  sollen  sie  von  Gott  dem  Vater  gestellet  seyn, von  Gott 
dem  Sohn  gebunden  und  von  Gott  dem  heil.  Geist  gehalten  seyn, 
und  24  Stunden  weder  vorwärts  noch  rückwärts  in  Schuhen,  noch  in 
Strümpfen  noch  barfüssig  können,  es  sey  dann;  er  zähle  mir  zuvor 
alle  Sterne  am  Himmel,  alle  Sandkörner  im  Meer,  und  alles  Laub,  und 
Gras  auf  der  Erden  wächst,  oder  bis  ich  ihn  mit  meinen  Augen  sehe, 
oder  mit  meiner  Zunge  los  gebe,  dazu  helfe  mir  die  allerheiligste 
Dreifaltigkeit,  die  Jungfrau  Maria,  und  alle  allen  Heiligen  im  Himmel, 
Amen 

(Nun  bete  3  Vater  unser  u.  den  Glauben.) 
(Niederschrift  des  Originales  am  8.  Febr.  1863.) 
Brestovatz,  Torontaler  Komitat. 

Anton  Schwanfei  der. 


Magyarische  Volkslieder. 

i. 

Mein  Liebster  zog  ins  lerne  Land, 
Mir  Ärmsten  Hess  er  sagen, 
Dass  ich  ihm  folgen  soll,  doch  kann 
Den  Weg  ich  nicht  erfragen. 

Ach,  wenn  ich's  könnte,  gerne  möchf 
Mit  einem  gold  nen  Pfluge 
Ich  pflügen  jenen  weiten  Weg. 
Den  er  durcheilt  im  Fluge. 

Und  kleine  Perlen  möchf*  ich  sä  n : 
Im  nimmermüden  Sehnen 
Wollt'  ich  durcheggen  jenen  WTeg 
Mit  meinen  heissen  Tränen! 

Karl  Weiss-Schratttnthal. 


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MAGYARISCHE  VOLKSLIEDER. 


Ich  hätr  fürwahr  als  Rose 
Ein  gar  zu  traurig  Los; 
Von  allen  unbeachtet 
Verwelkt"  ich  liebelos 


Will  keine  Rose  heissen. 
Will  auch  kein  Veilchen  sein, 
Müsst*  kaum  erblüht  verdorren 
Im  heissen  Sonuenschein. 

Hätt'  ich  die  Wahl,  so  lauscht'  ich 
Nur  mit  der  Taube  gern, 
Mit  Sehnsuchts-Eile  flog'  ich 
Zum  Liebsten,  der  so  fern! 

Doch  lieber  als  Veilchen  und  Rose, 
Viel  lieber  als  Täubchen  fein  — 
Klingt's  mir  im  treuen  Herzen, 
Du  nennst  mich :  ewig  dein. 

(Original  bei:  Erdtlyi.  Nepd.  es  M.  I  43.) 

L.  Kaiona. 


3. 

„Schwarzes  Band  an  meinem  Hut  — 
Flattert  hin  und  her  im  Wind; 
Dtnk  dir!  dass  du  mich  bislang 
Hast  geliebt,  du  schönes  Kind. 

Tausend  Dank  dir!  dass  du  oft 
Mir  das  Leben  hast  versüsst, 
Dass  du  mich,  du  Röslein  rot. 
Hast  so  oll  und  oft  geküsst! 

Siehst  du  jene  Pappel  dort, 
Dürr  und  kahl,  entblättert  stehn? 
Wenn  sie  wieder  Knospen  treibt, 
Werden  wir  uns  wiedersehn u  . . . 

Gott!  es  grünt  die  Pappel  schon, 
Hat  schon  längst  manch'  grünen  Trieb, 
Doch  es  kehrt  noch  immer  nicht 
Heim  mein  Schatz,  mein  süsses  Lieb! 

(Original  bei:  Erdfiyi,  Nepd  I.  81.) 

H.  v.  Wlizlocki. 


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MAGYARISCHE  VOLKSLIEDER. 


4. 

Das  verwaiste  Turteltaubchen. 

Traurig  girrend  Turteltäubchen. 
Ach  verlor  sein  liebes  Weibchen. 
Flog  es  da  vom  Neste  fort 
Fern  an  grünen  Waldesort. 
Doch  nicht  flog's  auf  grünen  Ast, 
Hielt  auf  dürrem  Zweig  nur  Rast; 
Hämmert  an  des  Zweigleins  Rinde, 
Stöhnt,  und  stöhnt's  in  alle  Winde : 
„Weibchen,  Weibchen,  liebes  Weibchen, 
Werd'  nie  haben  solch  ein  Weibchen. 
Wie  du  warst,  mein  liebes  Weibchen !" 

Flog  das  Taubchen  wieder  fort 
Fern  an  grünen  Saatenort. 
Doch  nicht  in  die  Saatenflur, 
Auf  ein  dürres  Hecklein  nur; 
Hämmert  an  des  Heckleins  Rinde. 
Stöhnt,  und  stöhnt's  in  alle  Winde: 
„Weibchen.  Weibchen,  liebes  Weibchen, 
Werd'  nie  haben  solch  ein  Weibchen, 
Wie  du  warst,  mein  liebes  Weibchen!" 

Flog  das  Täubchen  wieder  fori 
Fern  an  stillen,  wüsten  Ort. 
Hin  zu  eines  Baches  Quelle: 
hoch  nicht  trinkt's  die  Flut,  die  helle 
Trübt  sie,  dass  ihr  Glanz  erst  schwinde, 
Stöhnt,  und  stöhnt's  in  alle  Winde: 
-Weibchen,  Weibchen,  liebes  Weibchen. 
Werd'  nie  haben  solch  ein  Weibchen. 
Wie  du  warst,  mein  liebes  Weibchen! 

Adolf  Handmann. 


r>. 

Kisgörgenyi  Miklös  Tochter. 

„Meines  Herzens  Herre,  süsser,  frommer  Herre! 
Lasst  mich  heut  von  hinnen. 
Hin  zur  teuren  Tochter,  unserer  kleinern  Tochter, 
Kam  mir  zu  die  künde,  dass  sie  krank,  die  arme.* 

Legt  sie  an  den  Leib  da  lose  Rettellappen; 
Kam  so  auch  zum  Tore  ihrer  teuern  Tochter : 
Lehnte  dort  ihr  Leibknecht  lässig  vor  dem  Tore. 


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MAGYARISCHE  VOLKSLIEDER. 


Wandt'  das  Bettelweib  an  ihn  »ich  mit  den  Worten: 
„Sage  deiner  Frauen :  soll  es  sie  nicht  reuen, 
Send  sie  ein  Glas  Wasser,  send'  ein  Bröcklein  Brot  mir." 
Brauste  auf  die  Herrin,  rief  mit  rauher  Rede: 
„„Sag"  dem  Wanderweib  dort: 

Brauch  mein  Brunnenwasser  selbst  zur  eignen  Haushalt, 
Zehrt  mein  eigner  Haushund  selbst  den  Brocken  Brotes." 

Stürmt*  da  von  der  Strasse  stracks  ins  Haus  die  Arme : 
„Hohe  Herren Irauc! 

Wann  du  warst  ein  Mädchen,  wessen  Tochter  warst  du  ?a 
„Was  denn  mag  dich  also  kümmern  meine  Maidschaft  V 

 Hei,  weil  ich  gewesen 

Weiland  Kisgörgenyi  Miklös  kleinste  Tochter?" u 
„Wahrlich!  ....  aber  ich  bin  seine  eigne  Ehlrau.  . 

Wandte  sich  da  ab  die  arme,  alte  Fraue, 

Wollte  heimwärts  wandern. 

„„Geht  nichl,  liebe,  liebsie  Mutter, 

Lasst  mich  hier  nicht  ohne  Liebe  !uU 

„Kind,  ich  kehre  heimwärts.  —  kanntest  nicht  die  Mutter!* 

„„Meine  Mutter,  liebste  Mutter,  will  euch  kochen 

Milde  Kümmelsuppe, 

Will  hinein  euch  schneiden  schmale  Semmelschnitten, 

Lass'  mich  fert'gen,  liebe  Mutter. 

Schönes  Leibhemd,  licht  aus  Linnen. 

Nur  wollt  nicht  verleugnen,  mich  nur  nicht  verleugnen ! 

Geb"  euch,  Mutter,  gerne  meine  lichte  (iastburg, 

Auch  die  schöne  Kutsche  mit  sechs  schmucken  Schecken, 

Und  auch  meine  Mühle,  mahlend  mit  zwei  Steinen  .  .Utt 

„Feuers  Flamme  fasse  deine  lichte  Gastburg, 
Hast  so  leicht  verleugnet  du  die  liebe  Mutter: 
Höstes  Zahn  verzehre  deine  Zierkarosse. 
Rüden  sollen  deine  Rosse  all  zerreissen. 
So  du  erst  verleugnet  deine  eignen  Kitern; 
Dammflut  spüle  dir  weg  deine  Doppelmühle, 
So  du  hast  verleugnet  deine  holde  Heimat!" 

Adolf  Handmann. 

Mensch  und  Bär. 

Eine  bosnische  Tiersage. 

Aufgezeichnet  inder  Treskavica  planina  im  Winter  des  J.  1886.  nach  der  Mittei- 
lung eines  alteu  slavischen  MahoramedHners. 

Tako  su  se  sastali  u  staro  vrime  rovjek  i  medved  u  äumi.  Onda- 
kare  su  znali  ljudi  njemucki  a  fcivotinja  razumjevala  ljucki  razgovor. 


MENSCH  UND  HÄR. 


Pä  se,  da  ti  kazem,  pobralise  raedved  i  covjek  te  su  vec  bili  vazda  za- 
jedno.  Medved  bi  ugrabio  a  covjek  cevap  nattnivte  podjelio  Eh,  baS 
im  dobro  bilo!  Svega  su  iraali  .1  nista  ne  ieljeli. 

Onda  bilo  nekako,  udrila  kisa  krupna  inepogodna  a  oni  ti  se, 
dzanane  moj,  uvukose  bogme  u  näkvu  rupetinu  u  peiUni  stini.  Tu  se 
zakloni&e  pa  legose  da  umor  povrate.  Lezi  striku  u/.  insana  ko  majka 
uz  naranle  cedo  svoje.  Istom  ce  Covjek:  .Ajde  se  ti  striko  okreni  na 
drugu  stranu!'  ,A  ja  rasta?4  kazace  medved.  ,Ajde  okreni  se,  borati, 
smrdis  iz  ustiju!'  Okrene  se  medved  pa  nikom  ni  mukajet. 

Kad  u  jutru  grassu  sunce  a  medved  re  probudit  pobratima  t-ovjeka : 
,Ustaj  zurno  pa  uzmi  onu  sikiru  pa  mi  razlupaj  glavu !'  —  ,Bog  ti  po- 
mogo,  da  te  nijesu  sejtani  spopanuli,  man  se  toga,  gje  tfu  ja  tebi  glavu 
razlupat?'  —  ,Ama  rekoh,  pa  ako  te  nije  volja  a  ja  cu  te  zagnjavit.4 

Kut  ce  jadan  insan  vec"  uze  Sjekiru  te  udri  medonju  poglavurini. 
I  komadmu  lubanje  osiko.  Sat  6e  medved:  ,Ajde  ti  mirno  pobratime 
svojim  putom  a  ja  du  svojim.  Danas  na  godinu.  da  si  doSo  ope  vamo, 
da  se  ope  sastanemo.1 

I  ta  godina  dosla  pa  prosla  pä  ti  se  pobra  ope  sastala.  Kazaöe 
medved:  .Glegji  de  pobro  je  1  mi  veczarazlona  glavi?'  —  ,Jest  bogami, 
istom  se  vidi  ama  ti  nije  vec  nisia.'  —  ,Eto  vidis  fovjet^e.  ta  mi  je 
rana  zarasla  a  ona  ne  moze  nikako  sto  si  me  rijerju  posiko.  Idizurno 
otolem  jer  ce§  krv  platiti.' 

Odanda  veö  se  ne  paze  nikako  covjek  i  medved. 

In  alter  Zeit  begegneten  einmal  einander  im  Walde  der  Mensch 
und  der  Bär.  Damals  verstanden  die  Menschen  die  stumme  (Tier)- 
Sprache,  die  Tiere  aber  die  menschliche  Rede  Nun,  was  soll  ich  dir 
sagen.  Bär  und  Mensch  schlössen  Wahlbruderschaft  und  blieben  von 
da  ab  immer  beisammen.  Der  Bär  pflegte  eine  Beute  zu  erjagen,  der 
Mensch  den  Braten  zuzubereiten  und  zu  verteilen.  Ei,  ihnen  gieng 
es  warhaftig  ganz  gut!  Sie  hatten  alles  im  Überflins  und  nichts  mehr 
zu  wünschen. 

Da  traf  es  sich  zufällig,  dass  ein  dicker  Gewitterregen  fiel  und 
sie,  meine  liebe  Seele,  krochen,  bei  Gott,  in  so  eine  unheimliche  Höhle 
in  einer  Felsenwand  hinein.  Hier  bargen  sie  sich  und  legten  sich 
nieder,  um  die  Ermüdung  zu  bannen.  Es  liegt  der  Veiter  neben  dem 
Menschen  wie  eine  Mutler  neben  ihrem  Säugling.  Plötzlich  rult  der 
Mensch  aus:  ,(ieh  Vetter,  kehr  dich  auf  die  andere  Seite  um!'  —  ,.Ia 
warum  denn?;  trägt  der  Bär.  ,Geh,  kehr  dich  um,  so  dir  Gott  helfe, 
du  stinkst  aus  dem  Munde!4  Der  Bär  kehrle  sich  um.  und  muckste 
sich  nicht  mehr. 

Als  am  Morgen  die  Sonne  aufgieng,  weckte  der  Bär  seinen  Wahl- 
bruder, den  Menschen  auf:  ,Steh  schleunig  auf  und  nimm  jene  Axt 
und  zerschlage  mir  den  Schädel!'  —  ,Gott  soll  dir  beistehen,  haben 
dich  etwa  die  bösen  Geister  erfasst !  lass  das  sein,  wie  sollte  ich  dir 
den  Schädel  zerschlagen!'  —  ,Ioh  hab'  es  gesagt,  und  tust  du  es  nicht, 
so  erwürge  ich  dich.1 

Was  soll  der  ärmste  Mensch  anfangen  ?  Gezwungen  nimmt  er  den 

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HISTORISCHE  SAGEN  AUS  DEM  BARSCHEtt  COMITAT. 


Axt  und  schlägt  mitder  Axt  den  Brummbär  auf  seinen  Dickschädel.  Hat  ihm 
auch  ein  Stück  vom  Schädel  abgeschlagen.  Jetzt  sagt  de  -  Bär:  ,Greh  du  ru- 
hig, Wahlbruder,  deines  Weges,  ich  gehe  meinen  Weg.  Heule  über  ein 
Jahr  sollst  du  wieder  herkommen,  damit  wir  uns  wieder  treffen.' 

Auch  dieses  Jahr  kam  und  vergieng.  und  die  Wahlbrüder  trafen  einan- 
der. Sprach  der  Bär:,  Schau  mal  Wahlbruder,  ob  das  auf  dem  Kopfe  schon 
zugewachsen  ist?'  ,Ja,  bei  Gott,  kaum  merkt  man  noch  etwas,  es  fehlt  dir 
schon  nichts  mehr  '  —  ,Da  siehst  du  Mensch,  diese  Wunde  ist  mir  vernarbt, 
doch  jene,  so  du  mir  mit  deinem  Worte  geschlagen,  noch  immer  nicht. 
Pack  dich  schleunigst  von  hinnen,  sonst  zalst  du  Blutgeld1. 

Seit  jener  Zeit  vertragen  sich  auf  keine  Weise  Mensch  und  Bär. 

Wien.  Friedrich  S.  Kraus». 


Historische  Sagen  aus  dem  Barscher  Comitat. 

i. 

Sage  von  der  Kirche  zu  St.  Benedek. 

Von  der  Kirche  zu  St.  Benedek,  einem  kleinen  Städtchen  im 
Barscher  Combat  erzält  die  Sage  folgendes :  Des  Fürsten  Gejsas  Sohn, 
Vojk,  der  spätere  König  Stefan  der  Heilige,  verirrte  sich  in  seinem 
Kindesalter  aus  Gran.  Gejsa  setzte  600  Dukaten  als  Belohnung  für 
den  aus,  der  ihm  Kunde  von  seinem  Sohne  bringe.  Da  meldeten  sich 
einige  Slovaken,  und  erzählten  dem  betrübten  Vater,  dass  sie  auf  dem 
Garam-Fluss  mit  Flössen  nach  Gran  fahrend,  als  sie  sich  am  Ufer 
eben  das  Essen  bereiteten,  mit  einem  Knaben  zu-ammengetrofTen  seien, 
der  seiner  Aussage  nach  sich  von  Gran  verirrt  habe,  und  sich  gegen- 
wärtig im  kleinen  Kloster  zu  St.  Benedek  aufhalte.  Sie  hätten  ihn  be- 
reitwillig nach  Gran  zurückgebracht,  aber  der  Knabe  wollte  das  Klos- 
ter nicht  verlassen,  wo  es  ihm  —  wie  er  sagte  —  sehr  gut  gienge.  Fürst 
(iejsa  machte  sich  sogleich  nach  dem  Kloster  St.  Benedek  auf,  und  als 
er  daselbst  seinen  Sohn  wolbehalten  antraf,  fragte  er  ihn  in  der  er- 
sten Freude  des  Wiedersehens:  „Was  wünschest  du  dir,  mein  Sohn!" 
Da  soll  der  Knabe  seinen  Vater  gebeten  haben,  er  möge  dem  Kloster 
eine  schöne,  grosse  Kirche  bauen  lassen.  Fürst  (iejsa  Hess  nun  auch 
die  schöne  monumentale  Kirche  in  golhischem  Stil  erbauen,  die  auch 
noch  heuligen  Tages  die  Hauptzierde  des  Städtchens  St.  Benedek  bildet. 


II. 

Die  Kaizeniahre. 

Die  Türken  wollten  einst  das  Städtchen  St.  Benedek  einnehmen, 
konnten  aber  nicht  über  den  durch  andauernde  Regengüsse  angeschwol- 
lenen Garam-Fluss  setzen.  Am  rechtem  Ufer  des  Flusses  lagerten 
die  Ungarn,  während  am  linken  Ufer  sich  das  türkische  Heer  befand. 
Tage  vergiengen,  ohne  dass  es  zum  Kampfe  kam.  Voll  Ungeduld  sann 

10S 


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SPLITTER  UND  SPÄNE. 


der  Führer  der  Ungarn,  namens  Kohäry,  auf  ein  Mittel,  um  au  das 
jenseitige  Ufer  zu  gelangen.  Da  lief  aus  dem  ungarischen  Lager  eine 
Katze  hervor  und  eilte  an  den  Garam-Fluss,  wo  sie  über  eine  bis 
dahin  unbekannte  seichte  Stelle  das  jenseitige  Ufer  erreichte.  Die  Un- 
garn merkten  sich  diese  Fähre  und  setzten  in  der  nächsten  Nacht 
über  den  Gar -m,  überraschten  die  Türken  und  schlugen  sie  in  die 
Flucht.  Seit  dieser  Zeit  ist  diese  Fähre  über  den  Garam  in  ganz  Nord- 
ungarn unter  dem  Namen  „Katzenfähre*  (ungar.  macskarh)  bekannt. 

Franz  Prohdszka. 


Splitter  und  Späne 

Zur  lttdetmirt :  *Eteetera  Bumtechuh.» 

Unser  Altmeister  der  Volkskunde,  FelU  Liebrecht,  stellt  in  seinem  Werke: 
,Zur  Volkskunde'  (Heilbronn  1879  p.  495.)  das  Vorkommen  der  Redensart  ,h'tcetera 
Bundschuh'  in  der  Litteratnr  fest,  ohne  aber  die  Entstehung  des  .Bundschuh'  in  die- 
ser Verbindung  erklären  zu  können.  .Bundschuh1  ist  hier  nur  ein  absichtlich  enstell- 
t*s  lateinisches  Wort,  um  einen  scherzhaften  Effect  hervorzubringen.  In  den  latei- 
nischen Klosterschulen  pflegten  die  Lehrer  am  Schluss  eines  Dictates  gewöhnlich 
ein  ,et  cetera,  et  cetera.  Punctum*  anzubringen.  Ein  zum  Spass  aufgelegter  Mönch 
brachte  wol  den  ,Bundschuoch'  auf.  Seltener  ist  die  Variante:  et  Zeter  mordjoh! 
Einer  meiner  ehemaligen  Gymnasiallehrer  zu  Slavonien  plegte,  wenn  er  gut  aufge- 
legt war,  für  ,»'  tako  daije'  (u.  s.  w.)  ,i  tako  u  Dalj'i  u  Keökemet'  (und  so  nach 
Dalja  und  nach  Kecskem6t  zu  sagen.  Eine  weitere  Verbreitung  scheint  die  Wen- 
dung nicht  gefunden  zu  haben. 

Wien.  Dr  F.  S.  Krau** 


Der  ilitntl  ah  Portemonnaie. 

In  den  bei  Brockhaus  1688  erschienenen  Sprichwörtlichen  Redensarten  von 
dem  im  Mai  oder  Juni  1889  verstorbenen  Wilhelm  Borcbardt  lese  ich  als  Anmer- 
kung zu  der  Redensart:  «In  jemandes  Hand  stehen»  eine  Abhandlung  über  «Mor- 
genstunde hat  Gold  im  Munde»:  zuerst  eine  Anmerkung  zu  Laura  Conzenbach's  Si- 
cilianischen  Märchen  (1870)  II  2*26.  Dass  man  aber  früher  auch  wirklich  Geld  in 
den  Mund  nahm  etc.  —  Vg).  noch  M.  Müller  Vorlesungen  II.  356.  Zu  den  dort  an- 
geführten Stellen  (jüngere  Edda  Grjlfaginning  56.  Mon  Germ.  bist.  11.84.  Haupt's 
Zeitschrift  VI.  290.  u.  Rückert  Hariri's  Makamen  I.  22,  23.  kann  ich  aus  eigener 
Erfahrung  hinzufügen,  dass  die  Sitte,  den  unter  der  Zunge  gelegenen  Teil  des 
Mundes  als  Portemonnaie  zu  benützen,  noch  heute  bei  den  rumänischen  Kindern  in 
dem  Galgweiher- Viertel  der  Kronstädter  Vorstadt  Blumenau  besteht,  ohne  dass  diese 
vom  Obolus  an  den  Schiffer  Charon  oder  von  der  chinesischen  Abfertigung  der  to- 
ten Hand  etwas  wissen.  Ich  habe  vor  2  o  3  Jahren  durch  die  Galgweiher  Kinder 
die  Herbstzeitlosen  auf  meiner  Wiese  abpflücken  lassen;  wenn  ich  nun  für  einen 
Korb  einige  Kreuzer  zahlen  wollte,  aber  nur  Sechserl  hatte,  so  gaben  die  walachi- 
schen  Buben  mir  das  Kupfer  aus  obig  geschildertem  Portemonnaie  zurück.  Ich  hatte 
nicht  gewnsst,  wohin  sie  da»  Geld  taten,  da  ich  keine  Taschen  an  ihren  Röcken  u. 
Hosen  hemerkte  Auf  diese  Art  erfuhr  ich  es.  wo  sie  das  Kupfer-  u  Silbergeld 
hielten. 

Bransö,  '  ,  1890.  Jo»ef  Trauten.  •) 

*)  Ich  kann  den  Wunsch  nicht  unterdrücken,  dass  sich  mei-i  geehrter  Lands- 
mann eingehender  mit  der  Volkskunde  unserer  Heimat  beschäftigen  möchte!  Er  hätte 
Sinn  und  Geschick.  Gelegenheit  und  Kenntnisse,  materielle  und  litterarische  Mittel 
dazu  und  könnte  auf  diesem  Gebiete  etwas  Erkleckliches  und  Dankenswertes  lei- 
sten A.  H. 


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Inhalt  der  „Ethnographia."  (Sieh  Anzeiger,  I.  1.  Heft,  S.  24).  II.  Jahr- 
gang. 2.  Heft.  Februar  1891.  (3  Bogen).  Dr.  At.  Marienescu,  Dio  Opfor  in  der 
rumänischen  Volksmythologie  (Schluss).  —  Dr.  L.  Katona,  Parallelen  zu  ma- 
gyar.  Märchen  II.  —  J.  Märton,  Ethnogr.  Skizze  von  Sorki-T6tfalu.  —  L.  KaM- 
manjv  Magy.  Besprochungsformeln.  —  L.  Kalmany,  Volkssagen  aus  Südun- 
garn. —  Amtliches:  Dotation  dos  Ministers.  Erste  Sitzung  der  Ungvärer  Fili- 
ale. Sitzungsprotokolle.  —  Volkspoetische  Ueberlieferungen :  P.  Kiräly,  Die 
Richterin.  —  J.  Körody,  Weihnachtsvers.  —  E.  Veros,  Siebenbürgische 
Märchen-Variante.  —  .1.  Nagy,  Volksbräuche  der  Slovaken  im  Arvaer  Co- 
mitat.  —  Ungarische  Ethnographen:  Dr.  A.  M.  Marienescu;  Dr.  G.  Versßnyi. 

—  Inländische  Litteratur.  —  Ausländische  Litteratur.  —  Inländischo  Zeit- 
schriften. —  Ausländische  Zeitschriften.  —  Verschiedene  Mitteilungen.  —  Vereins- 
nachrichten. 

3.  und  4.  Heft  März-April  1891.  (5  Bogen).  Alex.  Pintcr,  Geburt-Heirat- 
Tod  des  Palovzcn.  —  J.  Istvänffy,  Palovzer  Rätsel.  —  J.  Marton,  Ethnogr 
Skizzo  von  Sorki-Tötfalu  (Schluss).  —  B.  Vikar,  Ueber  meine  Somogyer  Stu- 
dienreise. —  Lad.  Esztegär,  Woinachtsspiel  aus  Szamosüjvär.  —  Dr.  L.  Gop- 
csa,  Klagelied  der  Siebenbürger  Armenier.  —  O.  Mailand,  Rumänische  Rätsel. 

—  J.  Nagy,  Volkszauber  der  Arvaer  Slovaken.  —  Dr.  Ig.  Kunos,  Helva-Fest 
in  Ada-Kaleh,  I.  —  Gabr.  Bälint,  Proben  mongolischer  Volksdichtung.  —  A.  Herr- 
mann, Sintflutsagon  der  finnisch-ugrischen  Völker.  —  Ungarische  Ethnogra- 
phen: Josef  Huszka.  —  Ämtliches:  Constitution  ethnogr.  Provinz  vereine.  Zuschrift 
des  Bistercze-Naszddor  Comitatsausschusses  an  die  Kirchen-  und  Schulbehörden : 
Sitzungsprotokoll.  —  Ethnol.  Litteratur.  Inländische  Zeitschriften.  Ausländische 
Zeitschriften.  Vermischte  Mitteilungen.  Vereinsnachrichten.  Bad  Jegenye  (Som- 
merfrische ung.  Ethnographen.) 

5.  Heft.  Mai  1891.  (4  Bogen).  P.  Hunfalvy,  Praosidial-Eröffnungsredo.  — 
L.  R6thy,  Gestaltung  der  magyar.  Nation.  —  A.  Herrmann,  Secretarialbericht. 

—  Cassa-Ausweiss.  —  St.  Ivänyi,  Die  Bunyevaczen  zu  Szabadka  und  ihro  Ge- 
bräuche. —  Mart  Balazs,  Ethnogr.  Beiträge  aus  der  Szilagysag.  —  S.  Dorner, 
Hochzeitsgebräuche  aus  dem  Komorner  Comitat  —  Dr  Ig.  Kunos,  Helva-Fest 
in  Ada-Kaleh  II.  —  Ethnographie  des  magyarischen  Kindes.  —  Jul.  Istvänffy, 
Rätsel  dor  Palovzen.  —  Alex.  Pinter,  Alte  Palovzer  Tanzweisen.  —  B.  Vikär, 
Volkspoetische  Ueberlieferungen.  —  Ämtliches:  Sitzungsprotokoll.  —  Inländi- 
sche Litteratur  —  Inländische  Zeitschriften.  —  Verschiedene  Mitteilungen.  — 
Voreinsnachrichten. 

6.  Heft.  Juni  1801.  (3  Bogen).  Dr.  Lad.  Rethy,  Franzosen  und  Elsass- 
Lothringer  im  Magyarentum.  —  B.  Läzär,  Einfluss  der  „Gcsta  Romanorum" 
auf  die  magyar.  Volksdichtung.  —  P.  Kiräly,  Spruch  der  „Regesek4  --  Dr.  lg. 
Künos,  Meldung  über  meine  3  Reise  nach  Ada-Kaleh.  —  Alex  Borblly,  Tanz 
dor  Aranyosszöker.  —  Dr.  Ar.  Kiss,  Alte  Hochzeitsgebräuche  aus  Tokaj-Hegy- 
alja.  —  Ar.  Kiss,  Volksglauben  aus  Toroyos-Palcza.  —  B.  Szivös,  Volksglau- 
ben aus  Hajduszoboszlö.  —  Alex.  Farkas,  Volkspootische  Ueberlioferungen.  — 
Amtliches:  Sitzungsprotokoll  über  die  am  2.  Mai  189J  abgehaltene  II.  ord. 
Generalversammlung.  Meldung  der  Controlcommission.  Sitzungsprotokoll.  — 
Inländischo  Zeitschriften.  —  Ausländische  Zeitschriften.  —  Inländische  Littera- 
tur. —  Ausländische  Litteratur.  —  Verschiedene  Mitteilungen.  —  Vereinsnach- 
richten. 


Inhalt  der  Ethnologischen  Mitteilungen  ans  Ungarn,  zugleich  Anzeiger  der  Ge- 
sellschaft für  die  Völkerkunde  Ungarns.  II.  Jahrgang  I.—  V.  Heft. 


Mitteilung  der  Rqdaction     1. 

Charles  G.  Leland,  Begrüssungsschreiben  an  die  Gesellschaft     ....  2. 

Ludwig  Käimany,  Kosmogonische  Spuren  in  .der  magyarischen  Volksüber- 

lieferung   3. 

Dr.  Lad.  Retby,  Die  Armenier  in  Ungarn   11. 

Dr.  A.  Marienescu,  Baba  Dokia,  eine  volksmythologische  Gestalt  der  Ru- 
mänen  ■    .    .  12. 

Dr.  S.  Czambe),  Zur  Kritik  der  Editionen  slovakischer  Volksdichtungen  18. 

Adolf  Strauss,  Fremd  zu  Hauso.  (Aus  Ungarn  ausgewanderte  Bulgaren)    .  21. 

Xotizen   24 

Prof.  Kr.  S.  Knhac.  Albanesen  in  Slavonien  1   25. 

Dr.  Heinrich  v.  Wlislocki,  Wesen  und   Wirkungskreis  der  Zauberfrauen 

bei  den  siebenbürgischen  Zigeunern   33. 

Dr.  L.  Katona,  Recht  und  Unrecht.  Ein  magyarisches  Märchen  mit  seinen 

Varianten  und  Parallelen  I.  .    .  38. 

L.  Katona,  Ethnographie.  Etlinologic.  Folklore  1   43. 

Dr.  Ignaz  Kunos,  Türkische  „(Jedankenlioder*  aus  Ada-Kaie   51. 

Pater  G.  Menesvi.«>chean,  Ein  chinesischer  Gebrauch  bei  den  Armeniern  55. 

Andreas  Veress,  Die  Baba  Dokia-Sago  und  dio  mit  ihr  zusammenhängen- 
den Volksgebräuche  in  Rumänion   56. 

Dr.  Ladislaus  Rethy,  Trajan-Decebal-Tradiüonen  bei  den  Rumänen     .    .  58. 

Graf  Geza  Kuun,  Schatzgräbor  u.  Bergloute   60. 

Bela  Vikar,  Ueber  meine  Studienreise  in  Finnland    61. 

Karl  Papni,  Unter  Wogulen  und  Ostjaken   65. 

Dr.  Bernhard  Munkacsi,  Kosmogonische  Sagen  der  Wogulen  (Deutsch 

von  A.  H.<   68. 

I.  Die  heilige  Sage  von  der  Entstehung  der  Erde. 

II.  Die  Sage  von  der  Umgürtung  der  Erde. 

Graf  Geza  Knun,  Über  uneigentliche  Ausdrücke  verschiedener  Sprachen 

aus  Ehrfurcht  vor  der  Gottheit  und  vor  den  Maehthabern    ....  80. 

I.  Dr.  F.  S.  Krauss,  II.  Gaidoz.  P.  Sebillot,  Blason  populairo  Btuhtrbe- 
sprechungen  .        .    .   84. 

II.  Dr.  Athanasius  Marienescn,  Altweiber-Medicin  bei  don  Rumänen  86. 

Magyarische  Volksballaden  (I — III.  Kulmäny-Herrmann)   88. 

Deutsche  VolksbaUaden  aus  Ungarn.  (I.  M.  Wigand.  D.  E.  Pratscher).  .    .  94. 

Deutsche  Ueaprcchitngsformeln  aus  Südungarn  (I — VI.  A.  Schwanfelder.)    .    .  97. 

Ma<iyari»che     Volkslieder  (I.    Weiss-Schrattenthal,  II.  Katona,   in.  Wlis- 
locki, IV— V.  A.  Handmann  •   98. 

friedlich  S.  Kraasa.  Mensch  und  Bär.  Eine  bosnische  Tiersago.     .    .    .  101. 

Franz  Prohascka,  Historische  Sagen  aus  dem  Barscher  Comitat      .   .    .  103. 

Splitter  und  Späne  (Dr  F.  S  Krauss,  Josef  Trausch)   104. 

Auf  dem  Umschlage :  Mitteilung  des  Herausgebers.  Publioationen  zur  Volks- 
kunde. Inhalt  der  „Ethnographia."  1891.  II— VI. 


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II.  Band. 


1S91 — i8g2. 


VI— VIII.  Heft. 


ZUGLEICH 


ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 


BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON 


JPt  of.  Ur\  Autor  1  Ilerrmcinri. 


REDIGIERT  VON 


ANTON  HERRMANN  und  LUDWIG  KATONA. 


Ein  Band  10  Hefte  —  20  fingen.  Preis  3  ß.  Für  Mitglieder  eines  Vereins  für  Volks-  \ 

künde  2  ß.  (und  ratio.) 


Kedaction  unJ  Administration 
Budapest,  I.  Attila'-utcza  47. 


KOLOZSVÄR. 

ACTIENDRUCKEKEI  DER  GESELLSCHAFT  „KÖZMCVELÖDE8.U 

1892. 


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"Wo  liegt  Budapest? 

Unsere  geehrten  Corresj)ondenten  in  allen  Weltteilen  bitten 
wir  ergebenste  zur  gef.  Kenntnis  nehmen  zu  wollen,  dass  Budapest 
weder  in  Österreich-Ungarn,  noch  weniger  in  Österreich  liegt, 
sondern  das*  es  die  Hauptstadt  des  selbständigen,  unabhängi- 
gen Königreich  s  f'ngarn  ist.  Wir  netzen  soviel  primitive  geo- 
graphische Kenntnisse  bei  allen  Postämtern  des  Auslandes  voraus, 
dass  sie  die  Direction  der  correct  und  einfach  nach  Ungarn  a- 
dressierttn  Postsendungen  nicht  verfehlen  werden.  Die  Redetet ion. 


Die  „Ethnologischen  Mitteilungen*  1891  — 1892.  bilden 
zusammen  ein  Band  von  etwa  20  Bogen.  Preis  3  rl .,  für 
Mitglieder  irgend  eines  Vereins  für  Volkskunde  2  fl.  und 
Porto.  Das  IV.  Heft  des  I.  Bandes,  im  Format  der  ersten 
drei  Hefte,  den  Schluss  der  dort  begonnenen  Aufsatze  ent- 
haltend, wird  in  kurzem  erscheinen,  und  an  diejenigen  Be- 
sitzer der  übrigen  drei  Hefte  gratis  abgegeben,  die  auf 
den  II.  Band  praenumeriert  haben 


»M      tU>      4M  M»      »»0      PU      »»»      9U      tit      W  > 

An  die  Redacteure  and  Verleger  Ton  Zeitschriften  zur  Volkskunde. 

Da  es  mehrere  Zeitschriften  gibt,  welche  die  Erscheinungen 
der  Litteratur  zur  Volkshunde,  auch  den  einschlägigen  Inhalt 
von  Zeitschriften  u.  dgl.  detailliert  registrieren,  halten  uir  es. 
besonders  bei  der  Erscheinungsweise  unsere}'  Mitteilungen,  nicht 
für  nötig,  dasselbe  zu  tun. .  Wir  betonen  aber,  dass  jeder  ein- 
zelne auf  Volkskunde  bezügliche  Aufsatz  der  mit  uns  im  Tausch- 
verhä'ltnis  befindlichen  Zeitschriften  regelmässig  monatlich  regis- 
triert, und  jedes  uns  zugeschickte  einschlägige  Buch  (auch  ältere 
Publicationeu)  unbedingt  augezeigt  wird  in  dem  von  uns  gelei- 
teten Organ  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns: 
„Ethnographia eventuell  auch  in  andern  ungarischen  Zeit- 
schriften. 

Die  Redtiction. 


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II.  Jahrgang.  Budapest,  1891.        VI.— VIII.  Heft. 


ZUGLEICH 

ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 

BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON  PROF-  DR.  ANTON  HERRMANN* 

REDIGIERT  VON 

ANTON  HERRMANN  LUDWIG  KATONA 

Secretir  d.  Ge«ell«chtft  f.  d.  Völkerkunde  Schriftfobrer  d.  Geeellech.  f.  d.  Völkerkunde 

Uogarni.  Ungarns. 


Kosmogonische  Sagen  der  Wogulen. 

Aus  dem  Volksmunde  aufgezeichnet  von  Dr.  Bernhard  Munkäcsi. 

I. 

Die  heilige  Sage  von  der  Entstehung  der  Erde. 

•  Schluss*. 

19.  Wie  er  so  geht,  gelangt  er  auf  einmal  herab  (auf  die  Erde.) 
An  dem  Orte,  wo  er  herab  gelangte,  ist  eine  Leiter,  ihr  oberes  Ende 
geht  aufwärts  gen  Himmel.  Sein  Ross  an  eine  in  diesem  Sommer  ge- 
wachsene Rute  band  er,  an  in  diesem  Sommer  gewachsenes  Gras  band 
er.  Er  selbst  stieg  die  Länge  dieser  Leiter  entlang  aufwärts.  Hierauf 
gelangte  er  in  den  Himmel.  Mondschein-Alter  hetzt  mit  seinen  Hun- 
den herum  Tari-p.  läuft  vergeblich  ihnen  nach,  er  erreicht  sie  nicht. 
Sie  laufen  und  laufen  herum,  (bis  sie  endlich)  wieder  an  dem  Orte 
vorbei  gehen,  an  dem  sie  früher  gegangen.  Tari-p.  an  einem  Orte 
(stehend)  wartete.  Da  kam  der  Mondschein-Alte.  „Eh,  Tari-p. !"  sagt 
er,  „du  bist  also  hier?!  Auf  welche  Weise  bist  du  her  gelangt ;  leben- 
der Mensch,  wie  kommt  er  in  solch  unbekanntes  Gebiet?"  Am  Orte 
ihrer  Begegnung  steht  ein  Haus.  Der  Mondschein- Alte  spricht:  „Tari-p. 
geh'  her  hinein,  ich  komme  später!"  Seiner  im  Hause  sitzenden  Toch- 
ter sagt  er:  „Fremden  Menschen  nicht  quäle!"  Jetzt  geht  der  Mond- 
schein-Alte weg,  er  aber  geht  in  das  Haus.  Das  Weib  sitzt  in  einer 
tapetenbedeckten  Nische.  (Der  Jüngling)  setzte  sich.  Lange,  oder  kur- 
ze Zeit  sass  er,  auf  einmal  beginnt  die  tapetenverhüllte  Zimmerniscbe 
sich  zu  bewegen,  er  aber  zu  frieren.  Er  friert,  er  friert  nun  in  der 
Kälte,  als  der  Mondschein-Alte  eintritt  und  seine  Tochter  tadelt :  „Ist 
das  die  Lebensgewohnheit  des  jungen  Volkes  V"  Nun  ist  gar  keine  Kälte 
mehr.  (Den  Jüngling)  versah  der  Mondschein-Alte  wie  seinen  Schwie- 
gersohn, führte  ihn  in  den  tapetenverdeckten  Raum.  Nachts  (dort)  lag 
er,  morgens  stand  er  auf  und  gieng  allein  weg. 

20.  Lange  gieng  er,  oder  kurze  Zeit  gieng  er,  auf  einmal  ge- 

HerrmanD,  Ethnologische  Mitteilungen.  105  b 


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DR.  BEKNHAKD  MUKKÄCSI 


langte  er  nur  zur  Sonnenfrau.  Vergeblich  lauf  er,  läuft  ei*  ihr  nach,  er 
erreicht  sie  nicht,  so  schreitet  die  Sonnenfrau  mit  ihren  drei  Rossen. 
Dann  wartete  er  an  einem  Orte,  die  Sonnenfrau  gelangte  dort  zu  ihm. 
Eben  dort  steht  ein  Haus.  Die  Sonnenfrau  spricht :  „Eh,  Tari-p. !  was 
hat  dich  denn  hergeführt ;  lebender  Mensch,  wie  gelangt  er  in  diese  Ge- 
gend? —  Geh'  hinein,  ich  komme  später!"  Zu  ihrer  Tochter  (aber) 
sagt  sie:  „Fremden  Mann  nicht  quäle'"  (Der  Jüngling)  tritt  ein:  da 
hieng  denn  vor  einer  Zimmernische  Raum  eine  Tapete.  Lange,  oder 
kurze  Zeit  sitzt  er  dort,  (da  auf  einmal)  beginnt  die  Tapete  sich  zu 
bewegen.  Nun  brennt  ihn,  nun  brennt  ihn  die  Hitze,  schon  ist  er  ganz 
zu  Wasser  geworden  (vor  vielem  Schweiss).  Heim  kommt  die  Sonnen- 
frau, tadelt  ihre  Tochter:  „Ist  das  denn  die  Lebensgewohnheit  des  jungen 
Volkes?"  Nun  ist  keiue  Hitze  mehr.  Mit  grossartigen  Speisen  bewirte- 
ten sie.  Als  er  mit  dem  Essen  fertig  geworden,  spricht  er  zur  Son- 
uenfrau:  „Lass  mich  die  Sonne  tragen ! u  —  Die  Sonnenfrau  spricht :  rI)u 
wirst  sie  vielleicht  gut  tragen?"  —  „Warum  sollte  ich  sie  schlecht  tra- 
gen, ich  trage  sie  grade  so  gut,  wie  du.u  Die  Sonnenfrau  spricht: 
„Dein  Vergnügen,  wenn  du  sie  gut  tragen  wirst,  also  trage  sie  !**  Ta- 
ri-p. packte  die  Sonne  an  und  begann  sie  zu  tragen.  Er  sieht  hinab  : 
auf  der  Erde  (im  untern  Himmel)  ist  all  das  liebe  Volk  einäugig,  krumm - 
mäulig.  An  einem  Orte  raufen  sich  zwei  Menschen,  sie  schlagen  sich 
blutig.  Tari-p.  denkt:  „Eh,  wenn  ich  dort  wäre,  diese  Nichtsnutzigen 
(Lochkinder)  und  ihre  Rauferei  würde  ich  bald  in  Ordnung  bringen." 
Wie  er  dies  dachte,  brachen  jene  Dinger  zusammen  und  starben.  Dann 
setzt  er  wieder  seinen  Weg  fort.  Da  blickt  er  wieder  einmal  abwärts  : 
(da  sieht  er  dass)  zwei  Frauen  einander  herumzerren,  beschimpfen. 
„Eh,  wenn  ich  dort  wäre  —  ihrer  Mutter  Schöpfung!  —  ich  würde 
sie  schon  Ordnung  lehren.-  Diese  Teufel  brachen  zusammen  und 
starben.  Er  setzte  seinen  Weg  fort.  Lange,  oder  kurze  Zeit  geht  er. 
auf  einmal  gelangte  er  zur  Sonnenfrau.  Die  Sonnenfrau  sagte  ihm  : 
„Also  ist  es  dir  gut  gegangen?"  —  „Es  ist  mir  gut  gegangen.  —  „Hast 
du  nicnts  schlechtes  gemacht?"  —  „Ich  habe  nichts  gemacht."  Die  Son- 
nenfrau spricht:  „Tari-p.,  wenn  du  die  Sonne  tragen  würdest,  dann 
gäbe  es  keinen  aufrechtstehenden  Menschen,  du  würdest  sie  alle  töd- 
ten ;  —  warum  hast  du  diese  vier  Menschen  getödtet?"  Tari-p.  ant- 
wortet:  „sie  raufen,  beschimpfen  sich;  ich  habe  nur  an  sie  gedacht 
und  sie  brachen  zusammen."  Die  Sonnenfrau  spricht:  .Einmal,  beim 
Anbruch  der  Menschenalter- Welt,  der  Menschenzeit -Welt,  auf  diese 
Weise  tödtest  du  alle  die  Menschen."  Sie  gehen  hinein  zu  ihrer  Toch- 
ter, die  Sonnenfrau  machte  Tari-p.  zu  ihrem  lieben  Schwiegersohn. 
Der  Schwiegersohn  spricht  :  „Dies  auf  der  Erde  (am  unteren  Himmel) 
lebende  Volk  „warum  Ist  das  einäugig,  krummmäulig?"  Die  Sonnenfrau 
antwortet:  „Das  ist  gerade  so  ein  zweiäugiges  Volk,  wie  du;  es  ist 
grade  so  ein  geradmäuliges  Volk,  wie  du;  aber  wenn  sie  dich  (d.  h. 
die  Sonne)  anblicken,  wie  sollen  das  ihre  Augen  ertragen?1*  Tari-p. 
wollte  schon  gehen.  Die  Sonnenfrau  spricht :  „Wenn  du  meine  Toch- 
ter und  die  Mondscheintochler,  während  du  heimwärts  gehst,  dort  am 

100 


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K0SM0G0XI8CHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


Fusse  der  Leiter  triffst :  dann  triffst  du  sie  dort ;  wenn  du  sie  aber 
nicht  triffst:  so  triffst  du  sie  nicht."  Seine  Frau  blieb  dort,  er  aber 
stieg  die  Leiter  herab,  gelangte  herab.  Sein  Ross  magerte  hungernd 
ab;  es  hat  keine  Knochen,  kein  Fleisch.  Mit  seinem  Atem  hauchte 
er  es  an:  was  tür  ein  Ross  es  neulich  war,  es  wird  ein  noch 
schöneres  Ross;  aus  einem  Nasenloch  sprühen  Funken  hervor,  aus 
seinem  andern  Nasenloch  bricht  Rauch  hervor.  Er  stieg  auf  den  Rücken 
seines  Rosses,  er  geht  wieder  weiter;  er  mengte  sich  unter  wandeln- 
de Wolken,  unter  eilende  Wolken. 

21.  Lange  gieng  er,  oder  kurze  Zeit  gieng  er,  auf  einmal  gelangte 
er  an  den  Ort,  wo  der  Himmel  auf  die  Erde  herabhängt,  zu  einem 
ausgehöhlten  Felsen.  Der  ausgehöhlte  Felsen  ist  mit  einem  siebenfachen, 
eisernen  Vogelnetz  überzogen.  Er  schlieft  in  einen  eisernen  Habicht- 
balg. Der  dieses  Vogelnetz  hütende  Alte  sagt:  „Eh,  Tari-p.,  auf  dieser 
weiten  Welt  hast  du  überall  deine  Geschicklichkeit  gezeigt;  at>er  hier, 
wenn  du  durch  mein  eisernes  Vogelnetz  auch  hindurch  dringst,  wirst 
du  in  meinem  eisernen  Fischnetz  liegen."  Tari-p.  sieht  es  an:  (das 
Vogelnetz)  hat  nur  eine  Masche  aus  gebrechlichem  Eisen,  die  übrigen 
sind  alle  aus  hartem  Eisen  verfertigt.  Jetzt  warf  er  sich  daran,  durch 
die  gebrechliche  Eisenmasche  hindurch  konnte  er  kaum  auf  die  jen- 
seitige Seite  gelangen ;  seine  Flügelarme  wurden  ihm  abgeschnitten 
und  dann  fiel  er  ins  Wasser.  Jener  Alte  spricht:  „Ich  habe  auch  noch 
eiserne  Fischnetze;  du  bist  durch  mein  eisernes  Vogelnelz  hindurch 
gedrungen,  in  meinem  eisernen  Fischnetz  werde  ich  dich  doch  fan- 
gen." Tarip.  sieht  diese  eisernen  Fischnetze  an:  nur  eine  ihrer  Ma- 
schen ist  aus  gebrechlichem  Eisen,  die  übrigen  alle  sind  aus  hartem 
Eisen  verfertigt.  Als  er  ins  Wasser  gefallen,  schwamm  er  in  Gestalt  ei- 
nes eisernen  kleinen  Hechtes  weiter.  Er  gieng.  er  gieng,  als  er  sich 
dran  warf,  konnte  er  nicht  durch  jene  weiche  Eisenmasche  auf  die 
drübige  Seile  gelangen,  dort  fieng  er  sich.  Der  Alte  spricht:  „Ich 
schlage  ihn  (todt)!tt  Seine  Frau  spricht:  „Ich  schlage  ihn  (todt)  u  Die 
Frau  ergreift  den  kleinen  Hecht  und  ihr  Alter  beginnt  ihn  mit  einem 
eisernen  Hammer  zu  schlagen.  Der  Alte  spricht:  „Pack'  ihn  fest  an!- 
Wie  er  mit  dem  Eisenhammer  hinschlügt,  gleitet  jener  kleine  Hecht 
weiter  und  das  Armbein  der  Frau  wurde  entzwei  geschlagen.  Die  Frau 
schimpft  :  „Sagt'  ich  dir  zuvor,  dass  ich  ihn  erschlage  ;  jetzt  pack'  du 
ihn  an,  ich  werde  ihn  schlagen."  Der  Alte  packte  ihn  an,  die  Frau 
schlügt  ihn  mit  ihrer  heilen  Hand.  Der  kleine  Hecht  warf  sich  weiter, 
die  Mitte  der  Hand  des  Alten  traf  (der  Hammer).  Der  kleine  Hecht, 
wie  er  sich  weiter  warf,  gieng  weg.  gelangte  auf  die  jenseitige  Seite 
(des  Netzes). 

22.  Jetzt  flog  Tari-p.  in  der  Gestalt  einer  kleinen  Gans  gegen 
die  südliche  Heimat  der  Zugvögel.  Er  gelangte  in  das  Haus  des  dorti- 
gen alten  Mannes  und  der  Frau.  Er  warf  seine  Ganshaut  ab,  geht  in 
das  Haus.  Der  alte  Mann  und  die  Frau  sitzen  und  sprechen  (also) : 
„Tari-p.  was  hat  dich  hergebracht;  lebender  Mensch,  wie  gelangt  er 
in  diese  Gegend?!"  Die  Frau  gieng  hinaus,  fieng  zwei  lebendige  Kricken- 

107  .V 


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DR.  BKRNHARD  MLNKÄCSI 


ten  (anas  cricca),  trug  sie  ins  Haus,  schlachtete  sie  und  warf  sie  in 
den  siedenden  Kessel.  Tari-p.  ass  die  Enten;  als  er  fertig  war,  trug 
jene  Frau  die  Knochenstücke  hinaus,  streute  sie  in  das  Becken  des 
Sees  mit  lebendigem  Wasser :  die  beiden  Enten  Iiiegen  schreiend  wei- 
ter. Der  alte  Mann  und  die  Frau  der  Heimat  der  Wandervögel  spre- 
chen: „Tari-p.  geh'  nur  hinaus,  Lieber;  wenn  du  was  antriffst :  triffst 
du  was  an;  wenn  du  nichts  antriffst:  ist  es  deine  Sache."  Tari-p.  gieng 
hinaus,  er  blickt  neben  das  Haus:  (dort  also)  ist  ein  kleines  Häus- 
chen ;  er  geht  hinein.  Im  kleinen  Hause  sitzt  ein  Weib  mit  freiem  (un- 
bedecktem) Haupte;  ihre  Haarzöpfe  hängen  frei  herab,  nur  jetzt  flicht 
sie  dieselben  von  neuem;  ihre  Kniee  sind  mit  Seide  bedeckt;  der 
Saum  dieser  Seide  wogt  nur  so  hin  und  her.  Tari-p.  spricht:  «Viel 
Länder  durchwandernd  kam  ich  her;  ich  bilde  mir  ein,  dass  ich  ir- 
gend ein  treffliches  Weib  finde;  ich  erwähne  eine  in  ihre  Haarzopfe 
sieben  schwarze  Enten  (anas  nigra),  sieben  Eisenten  (anas  hiemalis) 
flechtende,  und  ich  sehe:  es  sind  da  keine  schwarzen  Enten,  es  sind 
da  keine  Eisenten,  ihr  Knie  schlottert  nur  mit  ihrem  Bastard."  Jetzt 
reisst  (das  Weib)  die  Seide  bei  Seite,  sieben  schwarze  Enten,  sieben 
Eisenten  flogen  hervor;  seine  Augen,  Ohren  zerkratzen  sie  hin,  zer- 
kratzen sie  her.  Tari-p.  spricht  zum  Weibe :  „Jetzt  ist  genug !  fang  sie  ein ! 
meine  Augen,  meine  Ohren  zerfleischen  sie!"  Sie  setzten  sich  neben 
einander,  küssten  sich,  umarmten  sich.  Die  Maid  sprach  zum  Manne: 
„Geh'  zu  meinen  Eltern,  sie  mögen  dir  eine  goldene  Gänsehaut  und 
eine  goldene  Schwanenhaut  geben !"  Tari-p.  gieng  zu  den  Alten  und 
spricht:  „Gebt  mir  eine  goldene  Schwanenhaut"' 

Ihre  Köpfe  hängen  lassend  sitzen  sie  da.  (Auf  einmal  nur)  erhob 
der  alte  Mann  sein  Haupt,  gab  seinem  Schwiegersohn  eine  goldene 
Gänsehaut  und  eine  goldene  Schwanenhaut.  Tari-p.  schloff  in  die  gol- 
dene Gänsehaut,  seine  Gattin  schloff  in  die  goldene  J?ch\vanenhaut. 
Die  Alten  aus  der  Heimat  der  Wandervögel  sprechen :  „Meine  Toch- 
ter, mein  Schwiegersohn!  Die  Welt  des  Menschenalters,  die  Welt  der 
Menschenzeit  beginnt;  diese  Wasservögel  (Gänse,  Enten)  geben  wir 
euch  mit  als  Mitgift  unserer  Tochter;  in  Zukunft,  bis  nicht  der  lelzte 
Mann  zu  Grunde  geht,  bis  nicht  das  letzte  Weib  zu  Grunde  geht,  sol- 
len sie  zur  Nahrung  dienen,  sollen  sie  nicht  aussterben!14  Jetzt  küss- 
ten (die  Alten  das  junge  Paar),  umarmten  es  und  dann  flogen  diese 
weiter.  Die  Wasservögel  schaarten  sich  ihnen  nach.  Durch  den  hoh- 
len Felsen  hindurch  gelangten  sie  auf  die  diesseitige  Welt  Tari-p. 
fand  hier  sein  Ross,  es  war  ganz  abgemagert,  hatte  nicht  Knochen, 
nicht  Fleisch.  Er  hauchte  es  mit  seinem  Atem  an;  was  für  ein  Pferd 
es  vordem  gewesen,  jetzt  wurde  es  ein  noch  schöneres  Ross. 

23.  Jetzt  stieg  Tari-p.  in  Gänsegestalt  auf  den  Rücken  seines 
Rosses,  seine  Frau  geht  auf  Flügeln.  Sie  gelangen  an  den  Fuss  der 
Leiter,  die  Sonnenfrau-Tochter  und  die  Mondschein-Tochter  schritten 
dort  mit  Rossherden,  mit  Kuhherden  vorwärts.  Sie  giengen  lange, 
oder  sie  giengen  kurze  Zeit,  das  Burgtor  des  Wasserfürsien  der  Meeres- 
mitte  öffnete  sich,  von  da  kam  heraus  die  Wasser fürsten-Tochter.  Vor- 

10  8 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


wärt»  schritten  sie;  neben  ihnen  Fische,  Wasservögel,  beinahe  wie 
fliessendes  Gewässer  fliesset,  beinahe  wimmelt  es.  Sie  giengen  lange, 
oder  sie  giengen  kurze  Zeit,  sie  gelangten  in  seine  Burg.  Mit  seiner 
Mutter  und  mit  seinem  Vater  fielen  sie  sich  in  die  Arme,  küssten  sich, 
umarmten  sich.  Eine  solche  Burg  entstand  dort,  dass  die  wandelnde 
Wolke  entzwei  gespalten  auf  ihr  sich  niederlässt,  die  eilende  Wolke  ent- 
zwei gespalten  auf  ihr  sich  niederlässt.  Mit  strahlendem  lebendigem  Golde 
fliessendes  Haus  entstand  (dort),  mit  strahlendem  Cioide  fliessende  Burg 
entstand  (dort).  Kein  Nagel  ist  darin,  an  dem  nicht  ein  Marderfell 
hienge;  kein  Nagel  ist  darin,  an  dem  nicht  ein  Bärenfell  hienge.  Aus 
Bier,  aus  Honigspeisen  bereitete  sich  eine  Gasterei ;  sie  assen,  sie  tran- 
ken. Während  ihres  Essens,  ihres  Trinkens  spricht  seine  Mutter: 
„Von  nun  an  wird  die  Menschenalter- Welt  beginnen,  die  Menschenzeil- 
Welt  beginnen;  von  elendlich  bepelzten  vielen  Weibern,  von  elendlich 
bepelzten  vielen  Männern  bewohnte  wo  immer  befindliche  Herrentrauen- 
Gegend,  wo  immer  befindliche  Herren-Gegend  wird  die  hörnige  Stiere 
als  Opfer  stellen,  wird  dir  hufige  Stiere  als  Opfer  stellen."  Jetzt  liess  er 
in  ihrem  Hause  sein  Haupt,  seine  Augen  sinken,  und  legte  sich  mit 
seinen  sechs  Frauen  zusammen  nieder.  Am  andern  Tag  morgens  wachte 
er  auf,  er  streckte  seine  Hand  aus:  er  berührte  eine  warme  Stelle, 
er  streckte  seinen  Fuss  aus:  er  berührte  eine  warme  Stelle.  Seine 
Eltern  traten  an  ihn  heran,  seine  Mutter  spricht:  „Du  Söhnchen, 
jetzt  bleibst  du  hier  am  unteren  Himmel  (auf  der  Erde),  auf  den 
oberen  Himmel  gehen  wir.  Von  nunan  beginnt  die  Menschenalter- 
Welt,  die  Menschenzeit-Welt;  am  unteren  Himmel  werde  du  der 
Welt-beaufsichtigende-Mann,  dein  Vater  wird  am  oberen  Himmel  der 
Ober-Gott  (Numi-Tärem),  ich  werde  die  Kaltes.  Hiemit  giengen  sie 
in  drei  Gegenden  auseinander  In  jenem  ihrem  Reichtum,  in  je- 
nem ihrem  Wohlstand  leben  sie  auch  jetzt  noch,  sind  sie  auch  jetzt 
noch  selig. 


III.  *) 

Das  Lied  von  der  Ueberschwemmnng  des  Himmels  und  der  Erde. 

1.  In  ihrer  von  selbst  entstandenen  moosigen  Burg, 

in  ihrer  von  selbst  entstandenen  Tundrahügel-Burg 

Gold-SiS,  Gold  Ktc ore£. 

Frau  und  alter  Mann  leben, 
ö.  Gold-Üfaiftä,  Gold-fffoV 

ihre  Tochter  und  ihr  Sohn  sind. 

Sonnenlichte  sieben  Rosse  sind  in  ihrem  Stalle. 

schoeeweisse  sieben  Rosse  sind  in  ihrem  Stalle. 

Neben  ihrem  Hause 


*)  II.  s.  Ethn.  Mitt.  II.  s.  68-80. 

109 


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DR.   BERNHARD  MUNKÄCSI 


10.  goldblältrige  Birke  erwuchs. 

(Jold-Äa/fe6,  seine  (Gold-<7ter's)  Schwester 

kommt  hervor  (aus  dem  Hause),  ihre  Haarflechten  löst  sie  auf, 

sieben  einmündige  Ob-Flüsse  ergiessen  sich, 
15.  sieben  einmündige  Meere  tauchen  empor; 

ihren  Haarflechten  entwindet  sich  die  Sonne, 

ihren  Haarflechten  entsteigt  der  Mondschein. 

Auf  den  neben  dem  Hause  stehenden 

goldblättrigen,  goldästigen  Birkenbaum 
20.  goldbeschwingte,  goldbeschwänzte 

sieben  Kuckucke  lassen  sich  nieder; 

sieben  Nächte  hindurch  singen  sie, 

sieben  Tage  hindurch  singen  sie; 

ihre  nächtliche  Unterhaltung  vergeht  nicht. 
25.  ihre  tägliche  Unterhaltung  vergeht  nicht. 

Herzu  sie  singen:  ihre  Schnäbel, 

weil  sie  aus  reinem  Silber,  nur  so  überströmen; 

dahin  zu  sie  singen :  ihre  Schnäbel, 

weil  sie  goldsilbern  sind,  nur  so  überströmen. 
30.  Auf  dieser  weiten  Welt  lebende, 

elendlich  bebundschuhte,  elendlich  bepelzte 

Menschen  dieses  (Liedes)  durch  seine  Macht 

leben  ja  bis  auf  den  heutigen  Tag. 

Gold-c7fe'r,  ihr  Brüderchen 
35.  kommt  hervor  (aus  dem  Hause),  seine  Haarflechten  löst  er  auf: 

sieben  einmündige  Ob-Flüsse  ergiessen  sich, 

sieben  einmündige  Meere  tauchen  hervor; 

auf  seinen  Haarflechten,  dort,  steht  die  Sonne, 

auf  seinen  Haarflechten,  dort  steht  der  Mondschein 
40.  Dem  Grunde  der  sieben  Ob-Flüsse,  der  sieben  Meere 

goldrückige  sieben  Kolben wasserkäfer  (Hydrophilu*) 

entsteigen, 

an  seinen  Haarflechten  (Sonnenstrahlen)  wärmen  sie  ihre  Rücken. 
Kraft  seiner  Haarflechten  ist  Sommer,  ist  Winter. 
45.  Auf  dieser  weiten  Welt  lebeude, 

elendlich  bebundschuhte,  elendlich  bepelzte 
Menschen  dieses  (Liedes)  durch  seine  Macht 
leben  ja  bis  auf  den  heutigen  Tag. 

Lange  lebten  sie.  oder  kurze  Zeit  lebten  sie, 
50.  einmal  nur  Gold-SVft,  ihre  Mutter  starb. 

Gold- Kalte'*},  ihre  Tochter  gieng  hinaus  iaus  dem  Hause), 

von  ihren  gold beschwingten,  goldgeschwänzten 

sieben  Kuckucken  fieng  sieeinen, 

seinen  Bauch  schlitzte  sie  auf, 
55  ihre  Mutter  in  des  Kuckucks  Innere  hinlegte  sie.  — 

110 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


Lange  lebten  sie,  oder  kurze  Zeit  lebten  sie. 
einmal  nur  Gold- KtcoreS,  ihr  Vater  starb. 
Gold-fffc'r,  sein  Sohn  gieng  hinaus  (aus  dem  Hause), 
von  seinen  goldrüekigen  sieben  Kolbenkäfern 
60.  einen  fieng  er. 

seinen  Bauch  schlitzte  er  auf, 

seinen  Vater  in  des  Kolbenkälers  Innere  hinlegte  er  — 

In  ihrer  von  selbst  entstandenen  moosigen  Burg, 
in  ihrer  von  selbst  entstandenen  Tundrahügel-Burg 
65.  lange  sie  lebten,  oder  kurze  Zeit  sie  lebten, 

einmal  nur  spricht  Gold-A'aftes  (also)  zu  ihrem  Bruder : 
„Brüderchen,  in  unserer  von  selbst  entstandenen  moosigen  Tun- 
drahügel-Burg 

werden  wir  beide  ohne  Menschen  lange,  oder  kurze  Zeit  sitzen? 
In  irgend  eine  von  Herrinnen   bewohnte  Gegend,  von  Herren 

bewohnte  Gegend 

70.  lass  uns  jetzt  gehen  !a 

Zu  seiner  Schwester  spricht  der  Bruder  : 

„Mit  welcher  Krall  sollen  wir  gehen  V" 

Gold-A'af/es,  seine  Schwester  versetzt: 

„Ehemals,  als  unsere  Mutter  und  unser  Vater  lebten, 
75.  hatten  sie  Sonnenlichte  sieben  Bosse  in  ihrem  Stalle. 

Sieh',  Süsser,  zu  den  Buinen  jener  Ställe ; 

einstens,  als  die  Bosse  lebten,  kam  ein  Fohlen  zur  Welt, 

jenes  Fohlen  verstampflen  seine  Gefährten  (unter  die  Erde); 
80.  du,  Süsser,  grabe  auf  die  Erde  der  Buine  des  Stalles, 

nachdem  du  bis  auf  eine  Elle  Tiefe  die  Erde  gegraben,  findest 

du  das  Fohlen!" 

Zu  den  Buinen  des  Stalles  mit  den  sieben  Bossen 

geht  also  hin  Gold-<7*eV  und  gräbt 

Nachdem  er  bis  auf  eine  Elle  Tiefe  die  Erde  gegraben, 
85.  findet  er  richtig  jenes  Fohlen. 

In  irgend  einer  alten  Zeit,  als  es  zur  Welt  kam, 

war  seine  Hüfte  bunt,  sein  Schulterblatt  gefleckt. 

war    es  ein  kleines  Fohlen  gewesen  —  nichts  anders  war  es : 

jetzt  aber  seinen  ganzen  Körper  angeklebte  Erde  bedeckt. 
90.  Das  krepierte  Fohlen  trägt  er  also  nach  Hause. 

Gold-£Vift<&,  seine  Schwester  nahm  es  jetzt  hervor; 

seine  eine  Seite  mit  Seewasser  sie  wusch, 

seine  andere  Seite  mit  Ob-Wasser  sie  wusch, 

zu  neuem  Leben  sie  es  brachte. 
95.  Es  war  nicht  anders,  —  ein  solches  Tier  war  es  : 

aus  seinem  einen  Nasenloch 

feurige  Funken  springen 

aus  seinem  andern  Nasenloch 

Bauch  strömt. 

in 


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DR.  BERNHARD  MUKKACSI 


100.  Auf  beiden  Seiten  seiner  Hand,  da  sind  seine  Flügel. 
Es  war  nicht  anders,  —  ein  solches  Tier  war  es : 
seine  Schulter  war  gefleckt,  seine  Hüfte  gefleckt, 
geflügeltes  Ross  so  wie  es  steht, 

wohin  es  sich  wendet,  Sonne  (strahlend)  auf  diese  weite  Erde, 
105  sein  Oehrchen  alles  hört: 

wenn  zwei  Grashalme  aneinander  reichen: 

alles  in  sein  Ohr  driogt; 

wenn  zwei  Zweiglein  aneinander  reichen : 

alles  in  sein  Ohr  dringt. 
110.  Von  sieben  Schellen  schellenden  Sattel 

breiten  sie  jetzt  auf  den  Rücken  ihres  Rosses, 

und  beide  setzen  sich  auf  ihn. 

Zwischen  zwei  Himmel,  zwei  Himmelreiche  <d.  h.  zwischen  Him- 
mel und  Erde) 

erheben  sie  sich  nun. 
115.  Während  sie  ihrer  geflügelten  Pelze  Flügel  (d  h.  Säume) 
(unter  sich)  drücken, 

von  anderem  Volk  bewohnte  Gegend  der  Herrinnen  erreichten  sie. 
von  anderem  Volk  bewohnte  Gegend  der  Herren  erlangten  sie. 

Lange  giengen  sie  jetzt,  oder  kurze  Zeit  giengen  sie, 
120.  an  einem  Orte,  wie  sie  hinunter  blicken : 

ist  ihr  reifartig  rollendes  rundes  Erdchen 

von  feurigem  Wasser  bedeckt, 

auf  eine  Höhe  von  sieben  gestempelten  Klaftern 

springt  hinauf  des  Feuers  Flamme. 
125.  Jetzt  giengen  sie  wieder  lange,  oder  kurze  Zeit  gingen  sie, 

einmal  nur,  als  sie  hinunter  blicken, 

sind  ihren  gold-vorderfüssigen  heiligen  Tierchen 

die  Klauen  der  Vorderfüsse,  die  Klauen  der  Hinterfüsse 

von  der  heiligen  Feuerflut  ganz  versengt. 
130.  Gold-«/«V  seine  Mütze  abhob, 

seine  Haarflechten  breitete  er  aus 

und  somit  sie  gehen  weiter. 

Einmal  nur,  als  sie  hinunter  blicken : 

ist  nichts  anders  (als  was  geschah,  dass)  kein  Waldbaum  geblie- 
ben ist, 

135.  ja  sogar  die  Erde  erblickt  man  nicht  (verschwindet  ganz  spurlos). 

Jetzt  giengen  sie  auf  dieselbe  Weise  weiter. 

An  einem  Orte  s'ch  denkt  Gold  «/er: 

„Ohne  Menschen  wie  kann  so  bestehen  die  Erde? 

Auf  irgend  eine  Weise  sollten  doch  entstehen  Menschen !" 
140,  Jetzt  seine  Mutter  und  seinen  Vater  aus  ihrem  Grabe 

weinend  er  heraufbeschwört : 

„(\o\d- KicoreS  mein  Väterchen.  (JoW-SVk  mein  Mütterchen, 
ohne  Menschen  wie  soll  ich  denn  leben?" 

Iii 


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K0SMOGON1SCHE  SAGEN  DER  WOGULEN 


Go\d-Kalte&,  seine  Schwester  spricht : 
145.  »Brüderchen,  was  ist  dir  geschehen,  warum  weinst  du  ?'' 

.„Ich  nun,  mein  Schwesterchen,  weine  darum  : 

auf  der  stehenden  heiligen  Erde 

siehe !  ist  heilige  Feuerflut  entstanden : 

nicht  blieb  der  letzte  Waldbaum : 
160.  nicht  blieb  ein  Mensch: 

ohne  die  Menschlein  wie  soll  ich  leben!*"  — 

„Brüderchen,  blick'  nur  hinunter  !• 

Wie  er  hinunter  blickt: 

in  einem  siebenfachen  PappelholzschifT 
155.  eine  alte  Frau  und  ein  alter  Mann  sind. 

Auf  dem  heiligen  Wasser  schwebend,  gelangen  sie  (jetzt)  auf's 

Trockene : 

sie  erheben  sich  nun  jetzt,  sieh  da!  hinauszu  sie  nun  schreiten, 
XuUäter  entsteigt  dem  Bauche  der  Frau, 
jener  nabelgeschnittene  Mensch, 
ltX).  ihre  Töchter  and  ihre  Söhne, 

ja  wir,  Russen  und  Maiwi  im  Verein 
leben  alle  bislang.  .  .  . 

Gold-A'alAä,  Gold-ä?«V 

mit  ihrem  an  Hüften  gefleckten,  an  Schultern  gelleckten, 
166.  geflügelten  Tiere  also  wieder  gehen. 

Lange  gehen  sie,  oder  kurze  Zeit  gehen  sie, 

an  einem  Orte  vorwärts  sie  blicken: 

also  ein  —  um  Dort  es  zu  nennen,  ist  es  zu  gross, 

Stadt  es  zu  nennen  noch  zu  klein,  — 
170.  solch  grosses  Dorf  zeigt  sich. 

Dahin  gelangen  sie; 

ein  von  Menschen  bewohnbares  Haus  ist  (dort ), 
Boss  ist,  Kuh  ist,  Lamm  ist, 

Fruchtbehälter  ist,  Scheune  ist,  Kaufladen  ist  (dort); 
175.  aber  der  Mensch  fehlt  ganz  und  gar. 

Die  Schwester  spricht  zu  ihrem  Bruder: 
.Du,  mein  Lieber,  gehe  hinein; 

wenn  du  irgend  einen  Menschen  wahrnimmst,  verrate  mich  nicht 

(zeige  mich  nicht); 
so  wie  ich  bin,  lass  mich  sein,  mich  verletze  du  nicht  !u 
180.  Gold-äteV  tritt  ein, 
Mensch  ist  nirgends; 
Bier,  Honigspeisen, 

so  wie  man  sie  einstens  bereitet  hatte,  (unberührt)  ad  sind. 
Geräuschlos  unter  die  Bank  er  kriecht, 
185.  er  versteckt  sich. 

Einmal  nur  ein  gebrechlicher  Vielfrass- Alter  *)  tritt  ein, 

*)  Gulo  horealis. 

113 


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DR.  BERNHARD  MUNKÄCSI 


das  Haus  seinem  ganzen  Umfang  nach  brummend  durchhüpft  er. 
Gold-tffcr  denkt  : 

(irgendwie)  soll  er  mich  nicht  packen  mit  seinen  Zähnen, 
190.  (wenn)  er  einmal  nur  seine  VielfrassHaut 
abgelegt  hat. 

Wie  er  dann  zu  ihm  aufblickt: 

von  welch  einer  Herrin  stammender  Mann  ist  aus  ihm  geworden, 
von  welch  einem  Herren  stammender  Mann  ist  aus  ihm  ge- 
worden ! 

195.  Der  Held  setzte  sich  nieder, 

seinen  Sch  weiss  er  sich  wischt. 

Unterdes  seine  Türen  man  wieder  öflhete; 

also  ein  schrecklicher  Wolfsalter  stürzt  herein, 

das  Haus  seinem  ganzen  Umfang  nach  brummend  durchhüpft  er. 
200.  Einmal  nur  seine  Wolfshaut 

legte  er  ab:  von  welch  einer  Herrin  stammender  Mann  ist  aus 

ihm  geworden, 

von  welch  einem  Herren  stammender  Mann  i>t  aus  ihm  geworden  ! 
Wieder  ein  Held  setzte  sich  nieder  (auf  die  Bank), 
205.  seinen  Schweiss  er  sich  wischt. 

Unterdes  die  Türe  man  wieder  öfTnete: 
also  ein  Bär-Alter  stürzt  herein, 

das  Haus  seinem  ganzen  Umfang  nach  brummend,  rasend  durch- 

hüpfl  er. 

Einmal  nur  sein  Bärenfell 
210.  legte  er  ab : 

von  welch  einer  Herrin  stammender  Mann  ist  aus  ihm  geworden, 
von  welch  einem  Herrn  stammender  Mann  ist  aus  ihm  geworden? 
Wieder  ein  Held  setzte  sich  nieder  (auf  die  Bank). 
Lange  sitzen  sie,  oder  kurze  Zeit  sitzen  sie,  auf  einmal  nur  sa- 
gen sie: 

215.  „Eh,  es  scheint,  in  diesem  unserem  Hause  ist  ein  Mensch  : 
also  wo  ist  er?  er  komme  her!" 
Jetzt  (lold-üleV  erhob  sich; 
den  drei  Helden  grüssend  er  die  Hand  drückte 
und  an  den  mit  Bier  und  Honigspeisen  (bedeckten)  Tisch  sie  sich 

setzten. 

220.  Lange  oder  kurze  Zeit  sie  assen,  tranken, 

auf  einmal  nur  Gold-üfcr  in  den  Sinn  es  kam : 
„Herr,  mein  Gott,  ich  esse,  trinke, 
und  meine  Schwester  jetzt  draussen,  sie  hungert." 
Die  Helden  dann  sagen  : 

225.  ^Also  du  hast  auch  eine  Schwester? 
rufe  sie  herein  !u 

Gold-<7<e>  die  Lidld-Kültes,  seine  Schwester 
also  hereinrief; 

an  den  mit  Bier  und  Honigspeisen  (bedeckten)  Tisch  sie  sich  setzten, 


t 


f 

4:.  Digitized  by  Google 


KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


230.  sie  assen.  tranken  und  dann  legten  sich  nieder. 

Eine  namhafte  Woche  hindurch  lagen  sie. 

eine  berühmte  Woche  hindurch  lagen  sie, 

einmal  nur  dem  Gold-'/frV 

der  Schlaf  zu  schwinden  begann. 
235.  Jetzt  stand  er  auf,  gieng  hinaus, 

wozu  sein  Kopf  war, 

wozu  seine  Nase  war, 

zu  Fuss  dahin  zu  getit  er; 

seine  Schwester  und  sein  Pferd  blieben  zurück. 
240.  Weite  Weltgegenden  weil  durchwandert  er. 

kurze  Weltgegenden  kurz  durchwandert  er, 

an  einem  Ort  sonnbeschienener  Tannenwaldrand. 

dahin  legte  er  sich  nieder. 

Lange  lag  er,  kurze  Zeit  lag  er, 
245.  gen  Frühling  begann  zu  gehen  (die  Zeit), 

im  Süden  wohnende  viele  Vöglein 

in  diese  von  Herrinnen  (bewohnte)  Gegend,  in  diese  von  Herren 

(bewohnte)  Gegend 

schon  zu  kommen  begannen. 
Er  also  liegend  sieht  ihnen  zu : 
250.  auf  einmal  nur  eine  einsame  Gans 
geht  dort  oben. 

Go  d-äh:r  seine  Flügelknochen,  (seine  Hände)  rührte, 

und  als  Gänserich  flog  er  weiter. 

Mit  jener  Gans  als  Mann  und  Frau 
256.  begatteten  sie  sich. 

Im  Herbste,  als  (Numi-Türem  Vater)  kurze  Tage  machte, 

nach  Süden  sie  giengen. 

Goldwässerige  sieben  Teiche, 

goldwässerige  sieben  Meere, 
260.  jene  südlichen  (Zug)- Vögel  dort  leben. 

Sieben  Nächte  hindurch  singen  sie, 

sieben  Tage  hindurch  singen  sie; 

aufs  Ufer  goldwässiger  sieben  Teiche,  sieben  Meere 

geh'n  sie  hinauf:  ihr  goldener  Weg  liegt  dort, 
265.  sie  steigen  herab:  ihr  goldener  Weg  zieht  sich  dort  hin. 

Gold-äfe'r  mit  jener  seiner  Gans 

in  jener  Gegend  leben, 

Tochter,  Sohn  ward  ihnen, 

Numi-Tärem  ihr  Vater, 
270.  Numi-Tärem  ihr  Vater  (d  h.  die  Zeit) 

Frühling  ward 

Im  Süden  wohnende  viele  Vöglein 

auf  die  in  diesen  Gegenden  von  Frauen  (begangenen)  Wasser, 
auf  die  in  diesen  Gegenden  von  Männern  (begangenen,)  Wasser,  — 

116 


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DB.  BERNHARD  MUNKACSI 


275.  ihr  kluger  Tieres-Sinn 
ganz  hin  sich  richtete. 
Also  auch  sie  kamen  an. 

Wie  sie  in  diese  von  Herrinnen  (bewohnte)  Gegend  gelangten, 
wie  sie  in  diese  von  Herren  (bewohnte)  Gegend  gelangten, 
280  erinnerte  er  sich  seines  Rosses, 

Sein  überallhin  gehendes  Koss  fehlt  ihm. 

Im  Herbst,  als  [Numi-Tärem  Vater]  kurzen  Tag  machte, 

im  Süden  wohnende  viele  Vöglein 

auf  die  von  südlichen  Männern  (begangenen)  männlichen  Wasser 
285.  auf  die  von  südlichen  Frauen  (begangenen)  weiblichen  Wasser 
hingiengen 

Gold-a<eV,  wo  er  im  vorigen  Jahre  gelegen, 
an  jenen  sonnbeschienenen  Tannenwaldrand  gelangte. 
Dort  legte  er  sich  nieder,  dort  blieb  er  auch ; 
290.  seine  Gansfrau  mit  ihrer  Tochter  und  ihrem  Sohne 
weiter  flogen 

Jetzt  (Gold-äter)  sieben  Nächte  lang  liegt, 
sieben  Tage  hindurch  liegt  er. 
Am  sonnbescbienenen  Tannenwaldrand. 
295.  nachdem  er  lange  Zeit  hindurch  gelebt, 
Lenz  zu  werden  begann  (die  Zeit) 
Im  Süden  wohnende  viele  Vöglein 

wieder  in  diese  von  Herrinnen  (bewohnte)  Gegend  zu  kommen 

begannen, 

300.  wieder  in  diese  von  Herren  (bewohnte)  Gegend  zu  kommen 

begannen. 

Die  südlichen  Vögel  vergebens  gehen, 
seine  Gattin,  seine  Kinder  wie  immer  er  wartet: 
seine  Gattin,  seine  Kinder  sind  nicht  darunter 
Einmal  nur  begann  (der  Zug)  der  entenartigen  Tiere  ein  Ende 

zu  nehmen, 

305.  begann  (der  Zug)  der  gänseartigen  Tiere  ein  Ende  zu  nehmen, 
zuletzt  auch  seine  Gansfrau 
erschien  weinend. 

Es  fehlt  ihr  ihr  Alter  (Gatte),  es  fehlen  ihr  ihre  Kinder: 

ihren  Alten  beweint  sie,  ihre  Kinder  beweint  sie. 
310.  Während  ihres  Weineos  sagt  sie: 

„Auf  den  von  südlichen  Weibern  (begangenen)  weiblichen  Wassern, 

auf  den  von  südlichen  Männern  (begangenen)  männlichen  Wassern, 

goldenes  Weib,  des  Südens  Tochter  lebt. 

Voriges  Jahr  im  Winter,  in  mittwinterlicher  Kälte 
315.  wohin  immer  gehende  südliche  Vögel, 

alle  auf  ihre  Knie  giengen  (sich  zu  wärmen) : 

(aber)  meine  kleine  Kinder  in  mittwinterlicher  Kälte 

wurden  von  ihren  Knien  herabgestossen, 

und  giengen  in  der  Kälte  zu  Grunde. 

116 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


320.  Wenn  ich  nun  keine  kleinen  Kinder  habe: 

möchte  ich  doch  (wenigstens)  finden  meinen  Alten. 

möchte  ich  doch  (wenigstens)  finden  meinen  Herren!" 

Diese  seine  Gansfrau  kam  dann  in  diese  Gegend. 

Im  Herbste,  als  (Numi-Tärem  Vater)  kurze  Tage  machte, 
325.  im  Süden  wohnende  viele  Vöglein 

auf  ihre  von  südlichen  Weibern  (begangenen)  weiblichen  Wasser, 

auf  ihre  von  südlichen  Männern  (begangenen)  männlichen  Wasser 

dachten  sie  wieder. 

CJold-fffcr's  Gatlin  geht  weinend  wieder. 
330.  Als  sie  an  den  sonnbeschienenen  Tannenwaldrand  gelangte, 

sprach  sie  weinend: 

„Einstens,  mein  Herrchen, 

von  dem  meine  Tochter,  mein  Sohn  waren, 

mein  gutes  Herrchen,  — 
335.  an  diesem  Orte  brach  er  sich  die  Knochen, 

an  diesem  Orte  fault  sein  Fleisch!" 

Hiemit  gieng  sie  denn  wieder  weiter. 

Nachdem  seine  Gattin  weggegangen, 

(Golt-üfc'r)  sich  zu  argem  begann. 
340.  Er  dachte:  neulich  das  hatte  gesagt  (meine  Gansfrau), 

dass  meine  Tochter  und  mein  Sohn  in  der  Kälte  zu  Grunde  ge- 
gangen sind; 

nun  also,  wenn  ich  bald  von  unten,  oder  von  oben  dahin  gelange, 
dein  goldenes  Weibstum  wird  grade  so  hin  sein. 
345.  Go\<\-äter  läuft  nur,  läuft  nur. 

Lange  Zeit  lief  er,  oder  kurze  Zeit  lief  er,  — 

bis  er  dahin  gelangte  (in  die  Heimat  der  Wandervögel)  ? ! 

An  einem  Orte  wurde  er  kraftlos. 

„Nun.  genug!  —  ich  lege  mich  wieder  nieder"  (sprach  er). 
350.  Auf  einen  himmelerstrebenden  Felsen 
hinlegte  er  sich. 

Lange  Zeit  lag  er,  oder  kurze  Zeit  lag  er, 
er  dachte:  „eh,  ich  hatte  neulich  ein  Ross! 
Eh !  aus  den  Ruinen  des  Stalles  der  von  Gold-S'w.  meinem 

Mütterchen  berittenen 

355.  sonnenstrahlenden  sieben  Rosse, 

aus  den  von  Gold- Kwo res,  meinem  Väterchen  erbauten 

schneeweisser  sieben  Rosse  Stallruinen 

einstens  an  Schultern  geflecktes, 

einstens  an  Hüften  geflecktes, 
360.  geflügelles  Ross  wuchs  auf. 

Von  welchem  lieben  Orte  immer, 

wenn  mein  Gesang  vorwärts  schritte, 

wenn  meine  Sage  vorwärts  schritte, 

wie  von  oben  herabschlagender  Regentropfen, 

117 

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DR.   BERNHARD  MUNKACSI 


365.  wie  von  oben  herabschlagender  Windhauch, 

schlag'  her  herab !" 

Dann  fiel  er  in  Ohnmacht. 

Lange  Zeit  lag  er.  oder  kurze  Zeit  lag  er, 

einmalt  fühlt  er  (hört  er), 
370  dass  seine  Wange  irgendwas  streichelt 

Er  öftnet  seine  Augen, 

sein  Ross  also  schmiegt  sich  an  ihn. 

Nun  hierauf  erwachte  er. 

und  stieg  hinauf  auf  den  Rücken  des  Bosses. 
375.  Wie  er  den  auf  der  einen  Seite  befindlichen  Halflerriemen  bewegt : 

die  auf  der  einen  Seite  befindliche  Himmelsgegend  singt  mit  Sil- 
berstimme, 

wie  er  den  aul  der  anderen  Seite  befindlichen  Halflerriemen  be- 
wegt : 

an  der  auf  der  anderen  Seite  befindlichen  Himmelsgegend  tau- 
chen aul  Sonne  und  Mond. 

Die  reifringartig  rollende  runde  Erde  ringsum  geht  er. 
380.  in  jene  von  südlichen  Weibern  (begangene)  Gegend   gelangt  er, 

in  jene  von  südlichen  Männern  (begangene)  Gegend  gelangt  er. 

(Hier)  also  sind  jener  gold wässerigen  sieben  Meere 

südliche  Vogel  so  viele, 

dass  die  Erde  nur  so  bebt. 
386.  das  Meer  (davon)  nur  so  anschwillt. 

Wie  er  denn  näher  geht. 

mit  seinem  Ohre  er  sie  beobachtet  : 

flutender  Ocean  zur  Flut  sich  schwellt, 

wogender  Ocean  zu  Wogen  sich  schwellt. 
31)0.  Seine  Unterhaltung  sieben  Nächte  hindurch  kein  Ende  erreicht. 

seine  Unterhaltung  sieben  Tage  hindurch  kein  Ende  erreicht. 

Er  sieht  :  jenes  Süd -Mädchen,  das  goldene  Weib  sitzt  ; 

nach  seiner  Seite  es  hinblickt : 

sein  Ganstöchterehen,  sein  Ganssöhnchen, 
395.  so  wie  sie  starben,  so  liegen  sie  (dort). 

Seine  über  geflügelten  Sieben  sitzende. 

über  füssigen  Sieben  sitzende 

von  Tiirrm  herabgelassene  heilige  Mütze 

rutscht  jetzt  ganz  auf  seine  Auge  herab. 
400.  Zu  seinem  Hosse  er  spricht: 

„Auf  dem  vom  südlichen  Weibe  bewohnten  Orte. 

mein  Ross,  jetzt  dort  gehe  hindurch  ! 

Dein  Vorderfuss  (deine  Hand),  wie  du  ihn  trügst: 

jenes  goldenen  Weibes  Knochen 
405.  auf  jene  Gegend  hingestreut  sein  mögen  ; 

dein  rlinterfuss,  wie  du  ihn  trägst : 

jenes  goldenen  Weibes  Fleisch 

auf  jene  Gegend  hingestreut  sein  möge!"' 

118 

V  • 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN 


Da  nimmt  ihn  jene  Frau  wahr; 
410.  zu  ihren  sieben  Kammerfrauen  sie  spricht  : 
«Dorthin  sehet ! 

aus  der  Ferne  zweier  Himmel,  zweier  Himmelreiche 
eine"  Herren  Kommen  ist  sichtbar; 
den  ich  als  Gatten  besitzen  werde,  der  herrliche  Mann, 
415.  wohin  verschwindet  er?!" 
Holdster  kommt. 

Jene  goldene  Frau  spricht  zu  ihren  K ammer trauen : 
„Wohin  jenes  Ross  seine  Vorder-  und  Hinterfüsse  hinstellt,  auf 

jenen  Ort 

legt  hin  vier  Silberschalen  !tt 
420.  Holdster  gelangte  hin. 

Des  Bosses  Vorder-  und  Hinterfüsse  in  jene  Silberschalen, 
dahin  stiegen  hinein. 

Jene  Silberschalen  an  die  Platte  der  Hufe 

sich  anklebten. 
425.  Wie  es  lief,  jenem  goldenen  Weibe 

vom  Rande  seiner  eigenen  Silberschalen 

wurden  nach  sieben  Richtungen  hin  zerrissen  die  Knochen, 

wurde  nach  sieben  Richtungen  hin  zerrissen  das  Fleisch. 

Holdster  gieng  also  (dort )  hindurch ; 
430.  jenes  sein  Trtchterlein  und  Söhnlein  aber 

in  Gansgestalt  weiter  flogen. 

Jetzt  von  den  goldwässerigen  sieben  Meeren 
Goldstar  sich  zurückwendet. 
Seine  Schwester  kam  ihm  nur  jetzt  in  den  Sinn. 
435.  Als  er  in  die  Burg  gelangte,  wo  er  seine  Schwester  gelassen, 
sind  jene  langschwünzigcn  Helden  bis  auf  den  letzten  zu  Grunde 

geganden. 

In  jener  leeren  Burg  nur  seine  Schwester  allein  lebt. 
Auf  ihr  an  Schultern  geflecktes,   an  Hüften  geflecktes,  geflügel- 
tes Ross 

jetzt  alle  beide  wieder  hinaufsteigen. 
440  Während  sie  ihrer  geflügelten  Pelze  Flügel  (unter  sich)  drücken, 
zwischen  die  zwei  Himmel  (d  h.  Himmel   und   Erde)  erhoben 

sie  sich, 

zwischen  beide  Himmelreiche  erhoben  sie  sich. 
An  einem  Orte  wie  sie  in  die  Ferne  blicken  : 
eh,  ihre  von  selbst  entstandene  moosige  Burg 
445.  ihre  von  selbst  entstandene  Tundrahügel-Burg 
ward  nun  sichtbar. 

In  ihre  Burg  gelangten,  dahin  giengen  sie  hinein  ; 
aus  Bier  und  Honigspeisen  bestehendes  Mahl 
assen  sie,  tranken  sie. 
460.  Die  Schwester  geht  hinaus  (aus  dem  Hause), 

liy 


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DR    HERNHARD  MUNKÄCSI 


breitet  ihre  Haarflechten  aus: 

einmündige  sieben  Meere  tauchen  auf. 

einmündige  sieben  Ob-Flüsse  strömen  hervor. 

Auf  den  goldblättrigen,  goldästjgen  Birkenbaum 
455.  goldschwänzige.  goldbeschwingte 

sieben  Kuckucke  lassen  sich  nieder  ; 

sieben  Nächte  hindurch  singen  sie, 

sieben  Tage  hindurch  singen  sie, 

ihre  nächtliche  Unterhaltung  endigt  nicht, 
460.  ihre  tägliche  Unterhaltung  endigt  nicht. 

Einen  Kuckuck  schlitzte  sie  auf. 

ihre  (dahin  begrabene)  Mutler  Gold-S'ig  setzt  sich  auf  (erhebt  sich). 

Jetzt  mil  ihrer  Mutler  Gold-S'iS  giengen  sie  hinein  (in  das  Haus). 

Hierauf  ihr  Bruder  geht  hinaus  (aus  dem  Hause), 
465.  seine  Haarflechten  lässt  er  los: 

einmündige  sieben  Meere  tauchen  aut, 

einmündige  sieben  Ob-Flüsse  strömen  hervor. 

Aus  dem  Grunde  der  sieben  Ob-Flüsse,  der  sieben  Meere 

goldrückige  sieben  Kolbenkäfer 
470.  tauchen  empor. 

Einen  Kolbenkäfer  schlitzt  er  auf; 

sein  (dahin  begrabener)  Vater  Gold- ÄtroreS  setzt  sich  auf, 
Jetzt  mit  seinem  Vater  (jo\d-Kworr&  giengen  sie  hinein  in  das  Haus, 
an  den  goldfüssigen  Tisch  setzten  sie  sich, 
475.  Bier,  Honigspeisen  assen  sie,  tranken  sie. 

Jetzt  die  Gold-Kalte^  und  den  ilo\d-ater  — 
Gold-SVs  ihre  Mutter 
und  Gold-Äiroreö  ihr  Vater 
in  goldreifige  zwei  Wiegen  sie  legten, 
480.  sieben  quastige  Silberketten  schlössen  sie  an 

und  an  der  Hessen  sie  dieselben  auf  diese  unten  befindliche 

Erde  herab. 

Auf  diese  unten  befindliche  Erde  also  gelangten  sie :  nirgends  ein 
Mensch.  Auf  einmal  nur  spricht  die  Schwester:  »Brüderchen,  dahin 
sieh !  neulich,  als  die  heilige  Feuerflut  geschah,  die  auf  dem  sieben- 
fachen PappelholzschifT  aufs  Trockene  gelangte  Frau  und  der  alte 
Mann  sind  jene  dort,  sieh  !'  Sie  begannen  dahin  zu  gehen.  Ob  sie 
nun  auf  Flügeln  gehen,  oder  auf  Füssen  gehen,  oder  wie  immer  es 
ist,  —  sie  gelangten  hin.  Die  Frau  und  der  alte  Mann  hatten  ein 
Haus  erbaut.  Die  Waldbäume  waren  nach  dem  Entfernender  heiligen 
Feuerflut  schon  so  gross  geworden,  dass  sie  hin  und  her  zusammen- 
stückelnd (die  Bäume)  erbauen  konnten  (ihr  Haus).  —  Die  von  jener 
Frau  und  vom  alten  Mann  stammenden  Töchter  und  Söhne  leben  bis 
auf  den  heutigen  Tag  und  sind  glücklich. 


120 


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K0SM0G0NISCI1E  SAGEN  DER  WOGULEN. 


IV. 

Die  Sage  von  der  heiligen  Feuerflnt. 
A. 

1.  Nwni-Türem  unser  Vater  dachte  darüber  nach,  wie  er  den 
XuV -äter  tödlen  könne.  Die  von  XuV-äte'r  bewohnte  Erde  mit  heiliger 
Feuerflut  zu  überschwemmen  beabsichtigt  er  Für  sein  eigenes  Volk 
ein  eisernes  Schiff  verfertigt  er;  für  seine  Leute  ein  siebenfaches  Bir- 
kenfloss  verfertigt  er,  aus  siebenfacher  Störhaut  ein  Deckzelt  verfer- 
tigt er.  Nachdem  er  fertig  geworden,  Hess  er  sein  eigenes  Volk  in 
das  eiserne  Schill  steigen,  sein  mafisi-artiges  Volk  aber  kroch  in  das 
üher  dem  Birkenfloss  errichtete  Deckzelt.  Numi- Tärem  gieng  jetzt  hin- 
auf in  seinen  Himmel  und  liess  dann  herab  die  heilige  Feuerflut.  Feu- 
riges Wasser,  lebendige  /«r-Würmer,  lebendige  soss«i-Würmer  liess  er 
von  oben  herab.  Wo  immer  befindlicher  Bergbaum.  Waldbaum  wurde 
sammt  Erde,  sammt  allem  vernichtet.  Sechs  Schichten  des  Flosses 
der  Menschen  verkohlten  im  Feuer,  eine  Schichte  blieb  übrig.  Welcher 
Mensch  über  das  Floss  hinaus  stürzte,  der  starb;  ein  anderer  blieb 
unversehrt,  sein  Leben  (Seele)  rettete  sich 

2.  Den  XuV-ater  brachte  die  Feuerflut  nicht  um.  Während  Nu- 
mi-Türem  das  eiserne  Schiff  zu  verfertigen  gieng,  kam  er  zu  Numi- 
Tärem  's  Gattin ;  sprach  zu  ihr  :  „Wohin  geht  dein  Gatte  stets  ?Ä 
Die  Frau  sprach  :  „Woher  denn  soll  ich  es  wissen?!"  Xul'-Rter  sprach  : 
„Tränke  ihn  mit  dem  in  diesem  Fasse  befindlichen  Wasser,  er 
berauscht  sich,  dann  sagt  er  es  dir,  wohin  er  geht."  Numi- 
'I\rhm  kehrte  heim,  mit  solchem  Wasser  sie  [seine  Frau]  ihn  tränkte, 
er  berauschte  sich,  seine  Frau  fragte  ihn  und  er  sagte  ihr  seine  Ab- 
sicht, dass  er  heilige  Feuerflut  mache.  Den  XuV-yJter  legte  [die  Frau] 
heimlich  in  ein  Nähzeug-Lädchen,  trug  ihn  dann  hinauf  in  das  eiserne 
Schiff,  über  die  heilige  Feuerflut  hob  sie  ihn.  Obgleich  die  Erde  zer- 
trümmert ward,  Xul'-äter  ward  doch  nicht  getödtet  Dies  war  die  Art 
der  Rettung  seines  Lebens. 

B. 

1.  Sieben  Winter  und  Sommer  brennt  das  Feuer.  Sieben  Winter 
und  Sommer  verzehrt  das  Feuer  die  Erde.  Sieben  Winter  und  Som- 
mer sagt  altes  (grosses)  Weib,  alter  Mann:  unsere  Welt,  sieh!  über- 
schwemmt verändert  sich  in  eine  andere,  wie  könnten  wir  fernerhin 
retten  unser  Leben  (unsere  Seelen)?  Ein  alter  Mensch,  ein  anderer 
alter  Mensch,  viele,  wenige  Menschen  versammeln  sich.  In  einem 
Dorfe  versammelten  sie  sich,  begannen  Rat  zu  halten:  auf  welche 
Weise  werden  wir  nun  leben  ? 

2.  Ein  bejahrter  Mensch,  ein  bejahrter  Mann  spricht:  „Aufwei- 
che Weise  wir  von  nun  an  unser  Leben  reiten  ?  !  Wie  ich  gehört  habe, 
soll  man  marklose  Birkenbäume  entzwei  spalten,  Flösse  soll  man  ma- 
cheu. Wenn  dadurch  unser  Leben  gerettci  wird,  so  [nur  dadurch]; 

Hcrrmann,  Ethnologische  Mitteilungen.  121  9 


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DK.  BERNHARD  MUNKÄCSI 


übrigens  wird  sich  auf  keinerlei  Weise  unser  Leben  retten.  Wenn  wir 
auf  dieser  unserer  bewohnten  Erde  leben  wollen :  muss  man  ein 
fünfhundert  Klafter  langes  Seil  flechten  aus  Weidenbaumwurzeln.  Wenn 
dann  dieses  unser  Seil  fertig  ist:  soll  man  ein  Ende  (desselben)  in  eine 
Tiefe  von  einer  Klafter  in  die  Erde  versenken,  das  Ende  an  unser 
Birkenbaum-Floss  binden.  Auf  dieses  unser  Flossmöge  der  viele  Toch- 
ter, viele  Kinder  besitzende  Mann  steigen.  An  das  eine  Ende  dieses 
Flosses  soll  man  einen  Eimer  mit  reinem  Fischtran  hinstellen,  den  vier 
Ecken  gemäss  soll  man  vier  Eimer  hinstellen  Dann  soll  man  über 
die  Kinder  aus  Störhaut  einen  Baldachin  nähen.  Nach  Verfertigung 
des  Baldachins  soll  man  ihn  über  die  Kinder  halten.  Für  den  Ver- 
lauf von  sieben  Nächten,  sieben  Tagen  [hinreichende]  Speis  Vorräte,  be- 
tränke soll  man  bereiten  ;  im  Störhaut-Baldachin  sei  viel  zum  Essen 
und  Trinken.  Wenn  dann  auf  solche  Wreise  sich  unser  Leben  rettet: 
so  rettet  es  sich  auf  diese  Weise. 

3.  Dann  gieng  jeder  heim  in  sein  Dorf.  Dann  als  sie  schon  heim 
gelangt  waren,  floss-verfertigende  Männer  aus  marklosem  Birkenbaum 
Flösse  machten,  seil-verfertigende  Männer  Seile  flochten.  Sieben  Näch- 
te, sieben  Tage  mühten  sie  sich  also  ab.  Welcher  der  Männer  Flösse 
nicht  verfertigen  kann,  er  erfrägt  es  vom  alten  Menschen.  Der  alte 
Mensch  lehrt  ihn :  dies  auf  diese  Weise  mach',  jenes  auf  jene  Wei- 
se mach' !  Nun  mancher  Mensch  Flösse  zu  machen  nicht  verste- 
hend, einen  hohen  Ort  zu  suchen  beginnt.  Vergebens  geht  er  herum, 
bewohnbaren  Ort  findet  er  nicht.  Dann  fragen  sie  vom  allen  Menschen  : 
„du  erwuchsest  vor  uns  (früher  als  wir),  vielleicht  weisst  du  irgendwo 
irgendeinen  [geeigneten]  Ort?-  Der  Alte  antwortet :  „Wenn  wir  auch 
wüssten,  wie  habt  ihr  dort  alle  Platz;  alle  habt  ihr  doch  nicht  Platz  ?! 
Siehe  da  ist  schon  die  heilige  Feuerflut  über  uns  gekommen,  ihres  Kom- 
mens Geräusch,  Brausen  ist  schon  seit  zwei  Tagen  hörbar ;  so  schnell 
wohin  sollen  wir  gehen,  sie  hat  uns  schon  eingeholt?!" 

4.  Dann  eilte  jener  Mensch,  dessen  FIoss  ferlig  war,  darauf  mit 
seiner  Tochter  und  seinem  Sohne.  Welcher  Mensch  aber  kein  Floss  hatte, 
den  vernichtete  das  feurige  Wasser,  so  wie  er  war,  so  wie  er  war,  ver- 
brannte es  ihn.  —  Dann  an  welches  Menschen  Flosse  das  Seil  [infolge 
des  Steigens  der  Wasseroberfläche]  das  Ende  erreichte  (d.  h.  nicht  lang 
genug  war):  der  schnitt  entzwei  [das  Seil];  er  sank  beinahe  unter: 
wie  er  das  Seil  entzwei  schnitt,  so  trug  ihn  [f»rt  die  Flut].  Welches 
Menschen  Slrick  lang  war:  der  so  wie  er  war,  schaukelt  [auf  dem 
Wasser].  Wenn  das  Ende  des  Flosses  sich  entzündet  [vom  feuri- 
gen Wasser]:  begiesst  er  es  mit  reinem  Fischtran  und  loscht  [das 
Feuer].  —  Dann  nach  Verlauf  von  diesen  sieben  Nächten,  sieben  Ta- 
gen demjenigen  Menschen,  der  [die  Not]  zu  überstehen  vermochte, 
dem  sank  (vertrocknete)  das  Wasser ;  demjenigen,  der  sie  nicht  zu 
überstehen  vermochte,  dessen  Seil  zerriss  und  ihn  trug  die  Flui 
weg.  Welcher  Mensch  es  überstand,  der  gelangte  auf  seinem  eigenen 
Landstück  aufs  Trockene.  Die  übrigen  Menschen  wohin  sie  gelanglen, 
dort  erreichten  sie  das  Trockene.  Welcher  Mensch  [die  Drangsal J  nicht 

122 


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R08M0G0NISCHE  SAGEN  DER  WOOÜLEN. 


überstehen  konnte,  ward  sammt  Töchtern.  sammL  Söhnen,  so  wie  er 
war,  vernichtet,  ihr  Leben  entschwand  ihnen  so  (ihre  Seele  gieng  so 
weg).  Dann  begannen  die  übriggebliebenen  Menschen,  d.h.  diejenigen, 
die  auf  ihrem  Landstück  geblieben  waren,  dort  zu  wohnen. 

5.  Dann  suchten  sie  Holz  zum  Hausbau.  Nirgends  ein  Baum, 
nirgends  ein  Gras ;  so  wie  sie  waren,  wurden  sie  vernichtet,  verbrann- 
ten sie.  Die  Erde  [des  Pflanzenreiches]  ist  auf  eine  Klafter  Tiefe  ausge- 
brannt, ist  [durch  das  Feuer]  ausgemuldet;  daher  ist  weder  Baum, 
noch  Gras.  Sie  fanden  nichts,  womit  man  Häuser  hätte  bauen  können. 
Erdhütten  begannen  sie  also  zu  graben.  Nachdem  sie  ihre  Erdhütten 
fertig  hatten,  begannen  sie  darin  zu  wohnen.  Ueberall  kann  man  hö- 
ren, dass  jenes  Volk,  das  [nach  der  Sintflut]  übrig  blieb  und  in  den 
nahe  gelegenen  Dörfern  gelebt  hat,  sich  dort  Erdhütten  gegraben 
hat.  Dann  kann  man  auch  das  überall  hören,  dass  wo  sie  sich  nie- 
dergelassen hatten,  dort  [nach  der  Sintflut]  sie  aufs  Trockene  gelangten. 

6\  Dann  versammelten  sich  nun  die  übriggeblieben  Alten  und 
zu  7'ärem  sie  [also]  flehten :  wO,  auf,  welche  Weise  stillt  sich  unserer 
Tochter  Hunger  (Herz),  unseres  Sohnes  Hunger?  Nun  gibt  es  keinen 
Wasserfisch,  kein  Waldtier.  Nun  also  Numi-Tärem  unser  Vater,  lass 
herab  wenigstens  Wasserfische,  lass  herab  Waldtiere !  Wir  deine  neu- 
lich übriggelassenen  Menschensöhne  würden  den  Hunger  unserer  Toch 
ter  daher  stillen,  würden  das  stillende  Mittel  für  den  Hunger  unseres 
Sohnes  dort  suchen  Wenn  er  sich  auf  das  Wasser  herablässt  [dein 
Menschensohn]:  lass  [für  ihn]  Wasserfische  herab!  Den  Wasserfisch 
tödtenden  Menschen  segne  mit  Wasserfisches  Glück,  den  in  den  Wald 
gehenden  Menschen  segne  mit  Waldtieres  Glück!  seiner  Tochter  Hunger 
würde  er  von  da  stillen,  seines  Sohnes  Hunger  würde  er  von  da  stillen. 
Erschaffe  dann  durch  dein  Wort  Waldbäume,  Waldgräser!  Dein  auf 
welchem  Erdteile  immer  übriggebliebener  Mensch  möge  dann  für  be- 
ständig Wurzel  fassen,  sein  sich  vermehrender  Sohn  möge  sich  vermeh- 
ren, seine  sich  vermehrende  Tochter  möge  sich  vermehren  !u 

C. 

1.  Weltbeobachtender  Mann  traf  einmal  während  seines  Ausrei- 
tens einen  maiist-Menschen  an.  „Komm'  her  !a  —  sprach  er.  Der 
waüs7-Mensch  gelangle  hin.  Wellbeobachtender  Mann  riss  ihn  an  die 
Hüfte  seines  Rosses,  der  mahät-Mensch  klebte  an  die  Hüfte  des  Ros- 
ses  hin.  Zu  Gold-Äwores  seinem  Vater  gieng  er  dann  hinauf  Als  er 
oben  anlangte,  sprach  er  zu  seinem  maris*  Menschen :  „Kennst  du 
mich  ?a  —  Er  antwortet:  „Woher  sollte  ich  dich  kennen?!"4  —  „[Nun 
also],  bedenke,  der  weltbeobachtende  Mann  bin  ich,  den  du  siehst  !" 
In  seines  Vaters  Göld-Kwores'  silberstangiges  Stangenhaus  giengen 
sie  also  hinein.  Wellbeobachlender  Mann  sprach  zu  seinem  man&i- 
Menschen :  „Wenn  du  innerhalb  der  Türe  gelangst,  bleibe  an  einem 
Orte  im  Hause  stehen!"  Als  sie  ins  Haus  treten,  ist  dort  viel  Volk 
versammelt.  Weltbeobachtender  Mann  von  seinem  Hausvolke  fragt  : 
„So  vieles  Volk,  warum  habt  ihr  euch  versammelt  ?"  Das   Volk  ant- 

123  9* 


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DR.  BERNHARD  MTNKACSJ 


wortet :  „Warum  wir  uns  alle  versammelt  haben,  wir  haben  uns  ver- 
sammelt:  unser  Vater  Gold-Ktrores  macht  heilige  Feuerflut. "  YVellbeob- 
achtender  Mann  spricht :  „Noch  ist  die  Zeit  nicht  gekommen."  Das 
Volk  spricht:  .Unser  alter  Oheim  aus  Jeli's  Sladt  ist  noch  nicht  ge- 
kommen, man  soll  auch  ihn  fragen!"  Weltbeobachtender  Mann  zu 
seinem  Volke  spricht:  „Zitieret  ihn  her."  Ihr  alter  Onkel  aus  Jeli's 
Stadt  wird  herzitiert.  Auf  einmal  nur  slürzte  eine  Schneesturm  wölke 
herab,  ein  schneesoh liger  Mann  trat  mit  seinen  Schneesohlen  (in  das 
Haus)  ein.  Der  Alte  aus  Jeli's  Stadt  spricht  zum  Volke:  „Was  habt 
ihr  mich  mit  so  gewaltiger  Krad  herzitiert ;  beinahe  hätte  ich  meine 
alten  Knochen  gebrochen!  —  was  lür  einer  Sache  wegen  habt  ihr  euch 
versammelt?!"  —  „Was  für  einer  Sache  wegen  wir  uns  also  versam- 
melt haben:  unser  Vater  Gold-AVor*£s  macht  heilige  Feuerflut."  Ihr 
Onkel,  der  Alte  aus  Jeli's  Stadt  spricht:  „Noch  ist  die  Zeit  nicht  da; 
—  doch  wo  ist  die  Schrift,  sehen  wir  sie  an!"  —  „In  unseres  Vaters 
Gold- Kxcores  gastsitzendem  Stubenverschlag  liegen  die  Schriften.  Der 
Alte  aus  Jeli's  Stadt  gieng  in  den  gastsitzenden  Stubenverschlag,  welche 
Schrift  er  suchte,  die  fand  er,  öffnete  sie,  zum  Volk  spricht  er :  „Seht 
her,  wahrlich  noch  ist  die  Zeit  nicht  da!- 

2.  Dann  trat  von  draussen  ein  Mann  herein,  zum  Väterchen  des 
Go\d-Kworts  er  spricht:  „Sieh  da,  bereitet  ist  die  warme  Hadestube!* 
Sein  Väterchen  (io\d-Kwore$  hob  er  empor  und  trug  es  in  die  Bad- 
stube. Nachdem  er  sein  Väterchen  Gold- Kwo res  in  die  Badstube  ge- 
tragen hatte,  kam  der  weltbeobachtende  Mann  [aus  dem  Hause]  heraus. 
Seinen  wari&i'-Menschen  rief  er  mit  sich:  „Komm!"  —  so  sprach  er. 
In  des  weltbeobachtenden  Mannes  eigenes  Haus  giengen  sie  hinein.  In 
dem  Hause  standen  (sassen)  drei  Kessel.  Die  Kessel  so  wie  sie  siede- 
ten, sprudelten  über  und  heransfloss  das  Wasser.  Wie  sie  auf 
die  unten  befindliche  Erde  sehen,  hat  von  da  eine  beträchtliche  An- 
zal  Volkes  das  herausgeströmte  Wasser  weggetragen.  Weltbeobach- 
tender Mann  berührte  die  Bäuche  der  Kessel  mit  einem  Tuch,  ihr 
Sieden  Hess  nach.  Ein  wenig  hielten  sie  inne,  die  Kessel  begannen  zum 
zweitenmal  zu  sieden  und  überliefen  wieder.  Wieder  eine  beträchtliche 
Anzal  Volkes  trug  fort  (das  überlaufene  Wasser).  Weltbeobachtender 
Mann  berührte  die  Bäuche  der  Kessel  mit  einem  Tuche,  das  Sieden 
derselben  mässigte  sich.  Sie  hielten  wieder  inne;  die  Kessel  begannen 
auch  zum  drittenmal  zu  sieden.  Weltbeobachtender  Mann  berührte  sie 
wieder  mit  einem  Tuche,  ihr  Sieden  mässigte,  mässigte  sich,  zuletzt 
mässigte  es  sich  ganz,  sie  sieden  nun  nicht  mehr.  Weltbeohachtender 
Mann  spricht  nun  zu  seinem  wiatis/'-Menschen :  „Komm,  gehen  wir!" 
Hierauf  giengen  sie  in  das  Haus  des  Vaters  Hold- Kuore's 

3.  Vater  Go\d-Kirores  kam  aus  jener  Badstube  herein.  Er  spricht 
zu  seinem  Sohne:  „Söhnchen,  warum  hast  du  vereitelt  (niedergetreten) 
mein  Streben?"  Weltbeobachtender  Mann  spricht:  „0  Vater,  wie  sollte 
ich  es  nicht  vereiteln;  ich  bedauerte  meine  vielen  Menschen !-  Weiss- 
gekleidete  sieben  Männer  traten  jetzt  von  aussen  herein:  ihren  Vater 
Go\d-Kicorfo  setzten  sie  über  die  oberste  Leiter  von  sieben  Leitern.  — 


124 


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KOSMOP.ONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


i 


Welfbeobachlender  Mann  gicng  mit  jenem  seinem  marisi-Menschen 
hinaus  [aus  dem  Hause].  Weltbeobachtender  Mann  stieg  auf  den  Rücken 
seines  Tieres  hinauf,  seinen  waiW-Menschen  klebte  er  an  die  Hüfte 
seines  Rosses  und  so  giengen  sie  weg.  Wo  er  früher  seinen  marisi- 
Menschen  gefunden  hatte,  dort  (Hess  er  ihn  frei). 


V. 

Heiliges  Lied  von  der  Herablassung  der  Erde  ans  dem  Himmel. 

1.  (\o\d-Kwores  (Gold-Himmel)  Väterchen,  Gold-Kwores  Papachen 
hat  sich  in  eines  silbernen  Spindelringes  Grösse  geschaffen. 
5'o/>er-Frau,  Äa/m'-Frau  Mutter  hat  er  herabgelassen, 
Xul'&ter-Tochior  (Teufelslürsten  Tochter)  hat  er  erschaffen, 

5.  Oben-gehenden-geflügelten-Äa/m  hat  er  erschaffen. 

♦ 

Lange  lebten  sie  oder  kurze  Zeit  lebten  sie,  einmal  nur 

spricht  A'«r-a/«r-Tochter  zum  Oben-gehenden-geflügelten-lTalw : 

„Zu  Go\d-Kwore»,  deinem  Vater  geh'  hinauf! 

Von  Gold- Kwores,  deinem  Väterchen  erfrage  dies: 
10.  „Die  ö'oper-Frau  Mutter  hat  er  herabgelassen, 

die  JTawi-Frau  Mutter  hat  er  erschaffen; 

an  einem  kommenden  Tag  wird  Go\d-Kwords  Väterchen 

des  Menschenzeitalters  Welt  erschaffen, 

der  Manschenperiode  Welt  erschaffen; 
15.  diese  S'oper-Frau  Mutter,  ÜTatwi-Frau  Mutter 

mit  irgend  welcher  seiner  Fesseln  möge  er  fesseln, 

mit  irgend  welchem  seiner  Gürtel  möge  er  umgürten ; 

(dann)  der  auf  seinen  Fusspitzen  stehende  Mensch  kann  es  bald 

nicht  mehr  aushalten, 

6'op/r-Frau,  Kami-Fr&u  Mutter  ineinemfort  dreht  sich." 

20.  Jetzt  der  Oben-gehende-geflügelte-iTaim 

zu  Gold'Kwores  seinem  Väterchen  also  hinaufgeht. 
Lange  gieng  er,  oder  kurze  Zeit  gieng  er,  woher  soll  er  dies 

wissen  ? ! 

Einmal  nur  zu  Go\d-Kwores\  seines  Väterchens  Wohnort 

er  also  hinaulgelangte. 
25.  Silberan gelige  sechs  Türen  sechs  er  öffnete, 

dlberan gelige  siebente  Türe  zum  siebenten  er  öffnete. 

In  des  türversehenen  Hauses  innern  Raum  er  jetzt  hineingeht, 

auf  die  Mitte  der  Dielen  des  gedielten  Hauses  blickt  er  hin: 

goldrändige  sieben  Tische  sieben  dort  stehen, 
30.  neben  goldrändigen  sieben  Tischen 

Gold- Kwores  Väterchen 

auf  goldfüssigem  heiligem  Trone  (Slule)  sitzt ; 

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DK.  BERNHARD  MUNKÄCSI 


sein  goldknüpfiger  heiliger  Stab 

ist  an  seine  rechte  Wange  geschmiegt. 
35.  Auf  die  Mitte  des  gedielten  Hauses  als  er  hingelangte, 

Go\d-Kwores  Väterchen  seinen  goldknöpfigen  heiligen  Stab 

von  seiner  Wange  weghob, 

auf  ihn  er  blickt,  fragt  ibn: 

„  Oben-gehender-geflügelter-lTttZm, 
40.  welche  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft,  hast  du  gebracht?41 

Oben-gehender  geflügelter-ÄaJm  zu  Gold-Ätoores,  seinem  Vater 

spricht : 

„Welche  boten  Tier  [getragene]  Botschaft  ich  bringe? 
Die  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft,  welche  ich  bringe,  ist  diese  : 
i\old-%icores  Väterchen!  -XwZ'-äter-Maid  [so]  sprich: 
45.  „Diese  6"o/>er-Frau  Mutter  hast  du  also  herabgelassen, 
diese  Äawi -Frau  Mutter  hast  du  also  erschaffen; 
an  einem  kommenden  Tage  wirst  du  des  Menschenzeitalters  Welt 

erschaffen, 

wirst  du  der  Menschenperiode  Welt  erschaffen : 
was  für  einer  auf  seinen  Fussspitzen  stehender  Mensch  wird  es 

bald  aushallen, 

50.  [denn]  diese  S'oper-Frau,  ifamt-Frou  Mutter  in  einem  fort  sich 

dreht?! 

Du  mit  irgend  welcher  deiner  Fesseln  fessele  sie, 
mit  irgend  welchem  deiner  Gürtel  umgürte  sie!" 

Uold-JCtvore*  Väterchen  sein  Haupt  herabsenkle, 
bis  ein  eisiger  Fisch,  bis  ein  schneeiger  Fisch  kochen  kanu, 
55.  [so  lange  Zeit]  wortlos  (ohne  mündige  Zunge)  so  sitzt  er. 
Als  er  sein  Haupt  erhob,  [so]  spricht  er: 
„Ich  erschaffe  Sieben -Berg  Mutter, 
lasse  Paräp-Frau  Mutter  herab ; 
auf  meine  rechtseitige  Schulter 
60.  meine  lebendige  Schlangen-Peitsche  ich  schwinge: 
strom-laufende  zahlreiche  Bäche 
in  grosser  Zahl  strömen  von  dort; 
auf  meine  linkseitige  Schulter 
meine  lebendige  Schlangen- Peitsche  ich  schwinge: 
65.  schnell  fliessende  viele  kleine  Flüsse 

in  grosser  Zahl  fliessen  heraus  von  dort." 
Von  ilo\d-%wores\  des  Väterchens  Wohnhause 
silberangeligen  sieben  Türen 
Oben-gehender-geflügelter-Äa/w 
70.  nun  /.um  siebenten  öffnet,  hinaus  geht, 

zur  XuV-zter-Tochler  er  hierait  herabsteigt. 

Nachdem  er  herabgelangt, 

X«r-ä/cr-Tochter  ihn  fragt: 

„  Oben-gehender-geflügelter-  Kalm, 

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KOSMOGONISCIIE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


75.  was  für  eine  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft  bringst  du?" 
Oben-gehender-geflügelter-Kalm  spricht : 
„Was  für  eine  Boten  Tier  [getragene]  Botschaft  ich  bringe?! 
Die  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft,  welche  ich  gebracht  habe, 

ist  diese: 

(iold-'Kwores  Väterchen,  Gold ■<Ktcor9s  Papachen  [so]  spricht: 
80.  S'opir-Frm  Mutter,  Äami-Frau  Mutter 
zu  umgürten  habe  ich  schon  umgürtet ; 
Sieben-Berg  Mutter  habe  ich  erschaffen, 
Paräp-Frm  Mutter  habe  ich  herabgelassen." 

Nachdem  sie  lange  [so]  gelebt  haben, 
85.  oder  kurze  Zeit  [so]  gelebt  haben, 

„Y'w/-äter-Tochter  wenn  sie  sich  niedersetzt, 

auf  ihrem  Sitzplatz  hat  sie  keine  Ruhe; 

Awr-äter-Tochter  wenn  sie  aufsteht, 

auf  ihrem  Stehplatz  hat  sie  kein  Bleiben. 
90.  Zum  Oben gehenden-geflügelten-ifafm  sie  spricht: 

»Zu  Gold-3Ctrom,  deinem  Väterchen  geh'  hinauf  wieder! 

Von  Gold-Hwores,  deinem  Väterchen  erfrage  du  dies: 

des  Menscbenzeiialters  Welt  wie  soll  man  erschaffen, 

der  Menschenperiode  Welt  wie  soll  man  erschaffen?" 
95  Oben-gehender-gefiugelter-iTa&n  hiemit  hinaufgeht. 

Lange  gieng  er,  oder  kurze  Zeit  gieng  er,  woher  weiss  er  es?! 

Einmal  nur  an  des  Gold-Hwores  Väterchen  bewohnten 

silberangeligen  siebentürigen  Hauses  Aussenseite  gelangte  er. 

Die  silberangeligen  sechs  Türen  zu  sechsen  er  öffnete, 
100.  die  süberangelige  siebente  Türe  zum  siebenten  er  öffnete. 

In  des  türversehenen  Hauses  Inneres  er  jetzt  hineingeht. 

Auf  die  Mitte  der  Dielen  des  gedielten  Hauses  er  hinblickt: 

dort  also  goldrändige  sieben  Tische  stehen ; 

neben  goldrändigen  sieben  Tischen 
105.  Gold  -üwores  Väterchen 

auf  goldfüssigem  heiligem  Trone  sitzt ; 

sein  goldknöpflger  heiliger  Stab 

ist  an  seine  rechte  Wange  geschmiegt 

Auf  Oben-gehenden -geflügelten- Kahn  blickend,  ]so]  spricht  er: 
110.  „Oben-gehender-geflügelter-üfalro, 

was  für  eine  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft  hast  du  gebracht?" 

Oben-gehender  geflügelter- Kalm  [so]  spricht: 

„Gold-'TCwore*  Väterchen,  Go\dJ%wore8  Fapachen! 

Die  Boten-Tiere  [getragene]  Botschaft,  die  ich  gebracht  habe,  ist  diese  : 
115.  Des  Menschenzeitalters  Welt  wie  soll  man  erschaffen? 

der  Menschen periode  Welt  wie  soll  man  erschaffen?8 

{lo\d-%worest  Väterchen 

bis  ein  eisiger  Fisch,  bis  ein  schneeiger  Fisch  kochen  kann. 

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DR.  BERNHARD  ML'NKÄCSI 


[so  lange  Zeit]  seinen  Nacken  er  herabbeugte. 
120.  Als  er  seinen  Nacken  erhob,  [so]  spricht  er: 

„Des  unbeweglich  stehenden  Waldbaumes  Stamm 

wenn  ihn  Ruten  bewachsen:  lass  sie  seine  Ruten  zerlretcn, 

wenn  ihn  Gras  bewächst:  lass  sie  sein  Gras  zertreten, 

sieben  Söhne  aus  einer  Gebärmutter  mögen  daraus  erwachsen. 
125.  sieben  Töchter  aus  einer  Gebährmütler  mögen  daraus  erwachsen!" 

Oben-gehender-geflügelier-^Caim 

Gold-3Cwores,  seines  Väterchens 

silberangelige  sieben  Türen  zu  sieben  er  öffnete, 

zu  seiner  S'oper-Fr&u,  Aam»-Frau  Mutter 
130.  also  er  herabstieg. 

Als  er  herabgelangte, 

TuZ'-ä/er-Tochter  ihn  fragt: 

r  Oben-gehender-geflügelter-Äai»i  / 

(lold-Hwores,  dein  Väterchen, 
1.'15.  was  für  eine  Boten-Tier  [getragene]  Roischaft  hat  er  dir  gesagt?" 

Oben-gehender-geflügelter-Äa/w  spricht : 

„Von  Go\d-%wores  deinem  Vater,  GoU\-Kwores  deinem  l'apa, 
gesagte  Roten-Tier  [getragene]  Rotschaft  ist  diese  : 
„Des  unbeweglich  stehenden  Waldbaumes  Stamm, 

140.  wenn  ihn  Ruten  bewachsen:  zertritt  seine  Ruten, 
wenn  ihn  Gras  bewächst:  zertritt  sein  Gras! 
Sieben  Söhne  aus  einer  Gebärmutter  daraus  erwachsen  werden, 
sieben  Töchter  aus  einer  Gebärmutter  daraus  erwachsen  werden. 
Hierauf  J^-a/er-Tochter 

1-15.  des  unbeweglich  stehenden  Waldbaumes  Stamm, 

wenn  Ruten  ihn  bewuchsen:  seine  Ruten  sie  zertrat, 
wenn  Gras  ihn  bewuchs:  sein  Gras  sie  zertrat; 
sieben  Söhne  aus  einer  Gebärmutter  erwuchsen  daraus, 
sieben  Töchter  aus  einer  Gebärmutter  erwuchsen  daraus. 

150.  Ihre  aus  einer  Gebärmutter  stammenden  sieben  Söhne, 
ihre  aus  einer  Gebärmutter  stammenden  sieben  Töchter, 
nachdem  sie  lange  gelebt  haben, 
oder  nachdem  sie  kurze  Zeit  gelebt  haben, 
können  schon  mit  spitzen  Holzpfeilen  schiessen,  so  gross  sind  sie 

geworden 

155.  Oben  gehenden  geflügelten  Tieres 

Herz  zum  Beben  sie  bringen : 

unten  wandelnden  füssigen  Tieres 

Herz  in  Verzweiflung  sie  stürzen. 

jr«r«/er-Tochter  ihre  Mutter 
160.  zu  Oben-gebendem-geflügeltem-tfafm  wieder  spricht: 

„Oben-gehender-geflügelter-Jftib/i  / 

Zu  Go\d-Kwor&,  deinem  Väterchen 

geh'  hinauf  du  wieder!  Trage  ihn  dies: 

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KOSMOGONISCIIE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


„Meine  sieben  Söhne  au«  einer  Gebärmutter  sind  sieh!  erwachsen. 
166.  meine  sieben  Töchter  aus  einer  Gebärmutter  sind  sieh!  erwachsen; 

aber  jetzt  die  essbaren  Uutcnknospen  (d.  h.  die  tägliche  Nahrung.» 

woher  sollen  sie  hernehmen, 

die  essbaren  G rasknospen  (wo)  sollen  sie  suchen, 

auf  Herzspitze  gehörigen  (d  h    Hunger  stillenden)  schmackhaf- 
ten Bissen  (wo)  sollen  sie  suchen?" 

Oben-gehender-geflügelter-ftafm 
170.  zu  Gold Ktcores.  seinem  Vater  wieder  hinaufgeht. 

Lange  gieng  er,  oder  kurze  Zeit  gieng  er,  woher  weiss  er  es?! 

An  des  Gold-ÄfroiVs-Väterehen  bewohnten 

silbei  angeligen  siebenlürigen  Hauses  Aussenseite 

er  wieder  gelangte. 
175  Die  silberangeligen  sechs  Türen  zu  sechsen  er  öffnete, 

die  silberangelige  siebente  Iure  zum  siebenten  er  öffnete. 

In  des  türversehenen  Hauses  Inneres  er  jetzt  gelangte. 

Goldrändige  sieben  Tische  sieben  stehen  [dort| ; 

neben  goldrändigen  sieben  T  sehen 
180.  (lo\d- Ktcores,  sein  Väterchen 

auf  goldfüssigem  heiligem  Trone  sitzt; 

sein  goldknöpfiger  heiliger  Stab 

ist  an  .»eine  rechlseitige  Wange  geschmiegt. 

Als  Oben-gehender-geflügelter-'3\ alm 
185.  auf  die  Mitte  der  Diele  des  gedielten  Hauses  gelangte, 

Gold  Ktcores  Väterchen  sein  Haupt  erhob. 

B0ben-gehender-geflügeller-7\alm, 

was  für  eine  Bolen  Tier  [gelragene]  Botschaft  hast  du  gebracht? 
.Was  für  eine  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft  ich  bringe?  — 
190.  Gold-ÄVom  Väterchen,  Gold- Ktcores  Papachen? 

Die  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft,  welche  ich  gebracht  habe. 

ist  diese: 

XuV-äter-TochteT  hat  sieben  Söhne  aus  einer  Gebärmutier  geboren, 
sie  hat  sieben  Töchter  aus  einer  Gebärmutter  geboren; 
schon  können  sie  mit  spitzen  Holzpfeilen  schiessen,  so  gross  sind 

sie  geworden; 

195.  oben  gehenden  geflügelten  Tieres 

Herz  zum  Beben  sie  bringen. 

unten  wandelnden  nissigen  Tieres 

Herz  in  Verzweiflung  sie  stürzen : 

jetzt  die  essbaren  Rutenknospen  wo  sollen  sie  suchen, 
200.  die  essbaren  Grasknospen  wo  sollen  sie  suchen, 

auf  Herzspitze  gehörigen   schmackhaften  Bissen  wo  sollen  sie 

finden  ?B 

Gold-Ktcores- Väterchen  spricht : 

„An  das  Gelände  dichlbeholzten  schwarzen  Gestrüppes 
sieben  Elentierkühe  lasse  ich  herab, 
205,  sieben  Elentierstiere  lasse  ich  herab. 

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DR.  BERNHARD  MUNKACSI 


Wenn  ich  lenzigen  langen  Tag  erschaffe, 
von  bergenden  Ruten  her, 
von  bergendem  Gras  her,  — 

die  essbaren  Rutenknospen  von  da  mögen  sie  suchen, 
210.  die  essbaren  Grasknospen  von  da  mögen  sie  suchen, 

auf  Herzspitze  gehörigen  schmackhaften  Bissen  dort  mögen  sie 

finden ! 

Ein  Teil  meines  Landgebietes,  ein  Teil  meines  Wassergebietes, 
ist  baumarmes  armes  Moor, 
ist  grasarmes  armes  Moor, 
215.  grauhaarige  viele  Hischkälber  lasse  ich  dahin  herab. 
Wenn  ich  lenzigen  langen  Tag  erschaffe, 
von  bergenden  Ruten  her, 
von  bergendem  Gras  her,  — 

die  essbaren  Rutenknospen  van  da  mögen  sie  suchen, 
220.  die  essbaren  Grasknospen  von  da  mögen  sie  suchen. 

auf  Herzspitze  gehörigen  schmackhaften  Rissen  dort  mögen  sie 

finden ! 

Ein  anderer  Teil  meines  Landgebietes,  ein  anderer  Teil  meines 

Wassergebietes 

ist  an  Nahrüng  reiches  Todten-Land, 
ist  an  Wasser  reiches  Todten-Land. 
225.  Die  essbaren  Rutenknospen  von  da  mögen  sie  sucnen, 
die  essbaren  Grasknospen  von  da  mögen  sie  suchen, 
auf  Herzspitze  gehörigen  schmackhaflen  Rissen  dort  mögen  sie 

finden!» 

Jetzt  Oben-gehender-geflügelter-'Kafrn 
zur  seiner  S'oper-Frau,  %ami-Fr&\*  Mutter 
230.  also  herabsteigt. 

XuV-äter-Tochter  fragt  ihn : 
«Oben-gehender-geflügelter-'Kafrw, 

was  für  eine  Boten-Tier  [getragene]  Rotschaft  hast  du  gebracht  ?" 
Oben-gehender-geflügelter-'JiaZm  spricht : 
235.  „Die  Boten-Tier  [getragene]  Botschaft,  die  ich  gebracht  habe, 

ist  diese : 

Go\d-Kwores  Väterchen,  Gold- Kwores  Papachen 

an  das  Gelände  dichtbeholzten  schwarzen  Gestrüppes 

sieben  Elentierkühe,  sieben  Elentierstiere, 

sagte  er,  dass  er  herablassen  wird, 
240.  auf  baumarmes  armes  Moor, 

auf  grasarmes  armes  Moor, 

grauhaarige  viele  Hirschkälber, 

sagte  er,  dass  er  herablässt; 

an  Nahrung  reiches  Todten-Land 
245.  an  Wasser  reiches  Todten-Land, 

sagte  er,  dass  er  herablässt. 

Wenn  er  lenzigen  langen  Tag  erschaffen  wird, 

ISO 


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K08M0G0N  ISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


von  bergenden  Ruten  her, 
von  bergendem  Gras  her,  — 
250,  die  essbaren  Rutenknospen  von1  da  mögen  sie  suchen, 
die  essbaren  Grasknospen  von  da  mögen  sie  suchen, 
auf  Herzspitze  gehörigen  schmackhaften  Bissen  dort  mögen  sie 

finden!- 

Nun  die  von  einer  Mutter  seienden  sieben  Söhne 
sieh,  in  das  Gelände  dicht  beholzten   schwarzen  Gestrüppes 

gehen, 

255.  sieben  Elentierkühe,  sieben  Elentierstiere  sie  dort  finden. 

Hinter  bergendem  Gestrüppe  [schleichend]  nähern  sie  sich  den- 
selben, 

hinter  bergendem  Gras  [schleichend]  nähern  sie  sich  denselben. 

Der  älteste  Mann  von  ihnen  mit  dem  Bogen  schiesst : 

die  sieben  Elentierkühe,  die  sieben  Elentierstiere 
260.  mit  einem  abgeschossenen  Pfeile  [alle]  er  traf. 

Gefrorenen  Fettes  Fülle  fanden  sie  dort, 

gekühlten  Fettes  Fülle  fanden  sie  dort. 

Aus  rohem  Felle  Zwischenziehriemen  sie  dann  machten, 

auf  zweiggekinnten  kinnigen  Schlitten  luden  sie  auf. 
265.  und  zu  ihrer  Mutter,  der  XuV~äter-]LOch\er  kamen  sie  heim. 

Nachdem  sie  [dort]  lange  gelebt  haben, 

oder  nachdem  sie  [dort]  kurze  Zeit  gelebt  haben, 

sieh,  auf  baumarmes  armes  Moor  sie  gehen, 

sieh,  auf  grasarmes  armes  Moor  sie  gehen, 
270.  grauhaarige  viele  Hirschkälber  sie  dort  finden. 

Der  älteste  Mann  unter  ihnen 

hinter  bergendem  Gestrüpp  [schleichend]  nähert  sich  ihnen, 
hinter  bergendem  Gras  [schleichend]  nähert  sich  ihnen. 
Sein  einmal  abgeschossener  Pfeil 
275.  grauhaarige  viele  Hirschkälber  in  grosser  Anzahl  trifft. 
Gefrorenen  Fettes  Fülle  sie  wieder  fanden, 
gekühlten  Fettes  Fülle  sie  wieder  fanden; 
auf  zweigkinnigen  gekinnten  Schlitten  sie  es  wieder  aufluden, 
zur  A'wZ'-äter-Tochter,  ihrer  Mutter  heim  sie  es  schleppten. 

280.  Lange  lebten  sie,  oder  kurze  Zeit  lebten  sie  [dort], 

einmal  nur  die  von  einer  Mutter  geborenen  sieben  Söhne 

zur  Xul'-äter- Tochter,  ihrer  Mutter  sie  sprechen: 

„Gold- Kwor es .  unser  Väterchen 

an  Nahrung  reiches  Todten-Land  erwähnt, 
285.  an  Wasser  reiches  Todten-Land  erwähnt; 

dies  an  Nahrung  reiche,  an  Wasser  reiche  Todten-Land 

zu  suchen  gehen  wir  weg. 

Bis  wir  zurückgehen, 

einspündige  sieben  Kessel  [Hirsebier]  braue  (rühre)  I 
290.  Wir  lassen  unsere  Hände  ruhen,  lassen  unsere  Füsse  ruhen." 

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DR.  BERNHARD  MUNKÄCSI 


Die  von  einer  Mutier  geborenen  sieben  Männer 

jetzt  das  Todten-Land  aufzusuchen  gehen. 

Lange  giengen  sie,  oder  kurze  Zeit  giengen  sie, 

in  eine  baumarme  arme  Gegend  gelangten  sie  hinaus. 
295.  in  eine  grasarme  arme  (legend  gelangten  sie  hinaus, 

an  des  Jä/utmen  [Sees]  Ufer  gelangten  sie  hinaus. 

Auf  den  Jäx-uttnen-See  sie  blickten: 

eisenbrüstige  sieben  Taucherenten 

zu  sieben  sich  wiegen  [auf  den  Wogen], 
300.  eisenbrüstige  sieben  Taucherhühner 

zu  sieben  sich  wiegen  [auf  den  Wogen]. 

Der  älteste  Mann  unter  ihnen  spricht : 

»Hinter  bergendem  Gesträuch  werde  ich  selbst  mich  an  sie  her- 
anschleichen. 

hinter  bergendem  Gras  werde  ich  selbst  müh  an  sie  heran- 
schleichen ; 

305.  bis  ich  meinen  Pfeil  nicht  loslasse,  Pfeile  nicht  lasset  ihr  los, 
bis  ich  meinen  Hogen  nicht  abspanne,  ihr  euere  Bogen  nicht 

spannet  ab!" 

Hinter  bergendem  Strauche  schleicht  er  sich  jetzt  an  sie  heran, 

hinter  bergendem  Grase  schleicht  er  sich  jetzt  an  sie  heran 

Auf  bugigen  (gekinnten)  Bogens  Bug  kaum  legt  er  seinen  Pfeil : 
310.  hinter  ihm  des  jüngsten  Mannes 

seidener  Sehne  zitternder  Ton  erklingt. 

Der  eisenbrüstigen  sieben  Taucherenten 

Brüste  hat  er  nur  blutig  gestreift ; 

der  eisenbrüstigen  sieben  Taucherhühner 
315.  Brüste  hat  er  nur  blutig  gestreift. 

Mit  blutigen  Brüsten  die  sieben  Taucherenlen 

kranichfüssige  (viel mündige)  viele  Flüsse 

in  grosser  Anzahl  entlang  laufen ; 

mit  blutigen  Brüsten  die  sieben  Taucherhühner 
320  kranichfüssige  viele  Flüsse 

in  grosser  Anzahl  entlang  laufen; 

der  siechtumlosen  Erde  Gebiet 

mit  Siechtum  überschwemmten  sie  also; 

der  krankheitlosen  Erde  Gebiet 
325.  mit  Krankheiten  überschwemmten  sie  also. 

Der  älteste  Mann  schilt  [ihn]; 

„Wenn  ich  geschossen  hätte  auf  sie, 

diese  eisenbrüstigen  sieben  Taucherenten, 

diese  eisenbrüstigen  sieben  Taucherhühner. 
330  wie  Frühjahrsfische  auf  einen  guten  Birkenstab, 

so  hätte  ich  sie  aufgespiesst  alle  [auf  meinen  Pfeil]; 

wie  Herbstfische  auf  einen  guten  Birkenstab, 

so  hätte  ich  sie  aufgespiesst  alle  [auf*  meinen  Pfeil] 

Jetzt  hast  du  der  siechtumlosen  Erde  Gebiet 

132 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


335.  mit  Siechtum,  sieh!  überschwemmt, 
ihr  krankheitsloses  Gebiet 
mit  Krankheiten,  sieh!  überschwemmt 

Zur  A'ur-afcV-Tochter,  ihrer  Mutter 

jetzt  zurück  sie  sich  wenden. 
34-0  Lange  giengen  sie,  oder  kurze  Zeit  giengen  sie, 

Zur  ATu  r-ä/er-Tochter,  ihrer  Mutter  heim  sie  gelangten. 

Die  einspundigen  sieben  Kessel  Hirsenbier  waren  bereifet. 

Die  von  einer  Mutter  geborenen  sieben  Söhne  nun  zechten. 

Lange  zechten  sie,  oder  kurze  Zeit  zechten  sie,  sie  wissen  es  nicht. 
345  Als  sie  [aus  ihrem  Schlafe]  erwachten, 

war  der  älteste  Mann  im  Rausche  wahnsinnig  geworden. 

Sein  selbst  getragenes  dichtringiges  Ringpanzerkleid 

in  kleine  Stückchen  zernagte  er; 

Huf  seine  eigenen  Füsse.  auf  seine  eigenen  Hände  spie  er  sie  hin. 
350.  Des  Wiesentieres  (Bären)  haariger  Pelz  ist  daraus  entstanden. 
Den  mit  sieben  Pfeilen  versehenen  Ring -Köcher 
in  kleine  Stückchen  zerbiss  er; 

aut  seine  eigenen  Füsse,  auf  seine  eigenen  Hände  spie  er  sie  hin. 
Des  Wiesentieres  fünfhackige  Hackenpfolen  (fünfkrallige  Vorder- 

füsse)  sind  daraus  entstanden, 
355  des  Wiesentieres  fünfhackige  Hackenstiefel  (fünfkrallige  Hinter- 

füsse)  sind  daraus  entstanden. 

Sein  goldquastiges  Schwert 

in  kleine  Stückchen  er  zerbrach; 

des  Wiesentieres  zehnzähniger  gezähnter  vielastiger  Pfeiler  (Mürtd) 

ist  daraus  entstanden. 
In  unwegsamen  Waldes,  dunklen  Waldes  Versteck  entfernte  er  sich. 


Wanderzeichen  der  Zigeuner. 

Von  Dr.  Heinrich  v.  Mlislocki. 

Indem  die  Milglieder  ein  und  desselben  Zigeunerstammes  wäh- 
rend der  Zeit  ihrer  sommerlichen  Wanderfahrt  nur  in  den  seltensten 
Fällen  alle  zusammen  bleiben  können,  sondern  in  einzelne  Familien- 
sippen (gakkija)  getrennt  unter  der  Führung  eines  Sippen  Vorstandes 
(gakko)  ihre  Wandergebiete  durchziehen,  so  ist  es  beinahe  selbstver- 
ständlich, dass  die  Wanderzigeuner  sich  gewisser  geheimer  Zeichen 
bedienen,  die  sie  an  den  Wegen,  welche  sie  zurücklegen,  aufstecken, 
um  ihre  nachfolgenden  Stammesgeno^sen  von  diesem  oder  jenem  Vor- 
fall, Freignis  oder  von  irgend  einer  Absicht,  irgend  einem  Plane  be- 
nachrichtigen, verständigen  zu  können.  Dies?  Wanderzeiehen  mögen 
aus  aller  Zeit  herstammen,  als  die  Zigeuner  noch  ein  ganzes,  zusara- 

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DR.  HEINRICH  V.  WL1SL0CKI 


menhängendes  Volk  bildeten,  wenigstens  mögen  sie  noch  aus  der  Zeit 
herrühren,  wo  die  Zigeuner  Mitteleuropa  noch  nicht  überschwemmt 
hatten  und  noch  diesseits  der  Donau  herumschweiften  Dafür  spricht 
schon  der  Umstand,  dass  fast  alle  Wanderzigeunerstiimme  Europa's 
mit  wenigen  Abweichungen  dieselben  Wanderzeichen  gehrauchen.  We- 
nigstens gilt  dies  für  die  Zelt/igeuner  Ungarns.  Siebenbürgens,  Polens, 
Serbiens,  Rumäniens,  der  Türkei.  Damit  eben  keine  Verwirrung  statt- 
finden kann,  wenn  zufälligerweise  Mitglieder  verschiedener  Stämme  ein 
und  dasselbe  Gebiet  durchwandern,  so  hat  jeder  Stamm  noch  beson- 
dere Abzeichen,  die  von  seinen  Mitgliedern  den  betreuenden  Wander- 
zeichen beigefügt  werden,  damit  die  Vorüberziehenden  jedesmal  wissen 
sollen,  ob  diese  Zeichen  ihnen,  oder  Mitgliedern  eines  anderen  Stam- 
mes gelten.  Ausser  diesen  Stammeszeichen  hat  noch  jedes  hervorra- 
gende Mitglied  ein  besonderes  Zeichen,  das  in  dem  Kalle  dem  Wan- 
derzeichen beigefügt  wird,  wenn  der  Bet reffende  allein  wandert,  wenn 
er  z.  B.  als  Kundschafter  der  Sippe  vorausgeschickt  worden  ist.  Der 
Vorstand  jeder  Sippe  und  der  Wojvode  jedes  Stammes  haben  oben- 
drein noch  ihre  besonderen  Zeichen 

Das  allereinfachste  Wanderzeichen  besteht  demgemäss:  1.  aus 
dem  Wanlerzeichen  selbst,  2  aus  deru  Stammesabzeichen,  3.  aus  dem 
Abzeichen  des  Sippenvorstandes,  eventuell  des  Wojvoden,  und  in  be- 
sonderen Fällen  4.  aus  dem  Ab/.eichen  des  eventuell  allein  irgendwo- 
hin voraus-entsendelen  Mitgliedes.  Diese  einzelnen  Zeichen  bilden  zu- 
sammen das  Wanderzeichen,  dessen  jedem  einzelnen  Bestandteile  noch 
5.  ein  besonderes  Zeitrechnungszeichen,  Kalenderzeichen  beigefügt  ist, 
um  die  Zeit  anzugeben,  wann  das  Wanderzeichen  aufgesteckt  worden 
ist.  Ich  nenne  diese  Zeichen  blos  aus  dem  Grunde  „ Wanderzeichen u, 
weil  dieselben  von  den  Zigeunern  eben  nur  in  den  milderen  Jahres- 
zeiten, während  ihrer  Wanderfahrten  gebraucht  weiden.  Im  Winter, 
wo  gewöhnlich  der  ganze  Stamm  sich  vereinigt  oder  auf  einem  enger 
begrenzten  Terrain  in  den  „Winterquartieren*,  die  gewöhnlich  Krdhöh- 
len  sind,  sich  befindet,  werden  diese  Zeichen  höchst  selten  gebraucht. 
Die  Zigeuner  Ungarns.  Siebenbürgens  und  Rumäniens  nennen  diese 
Wanderzeichen  :  sikajimako,  die  serbischen  und  türkischen  Zigeuner 
hc'ssen  sie  :  ciWtfr/je»=Erwartung,  die  deutschen  dagegen :  sikerpas- 
kero— Zeichen. 

Solche  Wanderzeichen,  wenn  sie  auch  von  Mitgliedern  eines 
fremden  und  öder  befeindeten  Stammes  herrühren,  darf  kein  Zigeuner 
zerstören.  Sie  sind  durch  den  Volksglauben  geheiligt,  denn  wer  solche 
Zeichen  zerstört,  den  trifft  all'  das  Unglück,  welches  denjenigen  be- 
stimmt war,  denen  das  Zeichen  galt.  Nur  diejenigen  dürfen  die  betref- 
fenden Wanderzeichen  zerstören,  denen  sie  eben  gelten.  Wer  aus 
Uebermul  sie  vernichtet,  wird  —  wenn  Fein  Vergehen  bekannt  wird  — 
für  „beschimpft"  (melales)  erklärt  und  aus  dem  Stamme  ausgegossen. 
Wird  er  nach  getaner  Busse  und  nach  Zahlung  einer  zigeunerischen 
Vermögensverhällnissen  angemessen  bedeutenden  Geldsumme  in  den 
Stamm  wieder  aufgenommen,  so  verliert  er  doch  für  immer  sein  eige- 

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WANDERZEICHEN  DER  ZIGEUNER. 


nes  Abzeichen,  sobald  er  ein  solches  besitzt ;  —  eine  Strafe,  die  un- 
ter die  moralisch  empfindlichsten  gehört,  welche  einen  Wanderzigeu- 
ner treffen  können   Ein  eigenes,  vom  Wojvoden  verliehenes  Abzeichen 
zu  besitzen,  ist  vielleicht  der  höchste  Wunsch  jedes  Zigeuners.  Es 
schmeichelt  eben  seiner  Eitelkeit,  zum  Chor  der  Auserwähten  zu  ge- 
hören. Merkwürdig,  diese  Abzeichen  entsprechen  ihrer  Natur  nach  im 
zigeunerischen  Staatwesen  —  si  licet  verbum  —  unseren  Orden  und 
anderweitigen  Auszeichnungen,  w*nn  sie  auch  mit  einem  recht  prakti- 
schen Zweck  verbunden  sind.  Nur  der  Wojwode  des  Stammes  kann 
solche  Abzeichen  verleihen.  In  öffentlicher  Sitzung,  die  gewöhnlich  nur 
zur  Winterzeit  abgehalten  wird,  wo  eben  alle  Mitglieder  des  Stammes 
beisammen  sind,  oder  sich  wenigstens  nahe  zu   einander  befinden, 
—  erklärt  der  Wojvode :  dieser  oder  jener  habe  seiner  Familie  oder 
Sippe,  oder  diesem  und  jenem  Stammesmitgliede,  somit  auch  dem  gan- 
zen Stamme,  diesen  oder  jenen  wichtigen  Dienst  erwiesen,  wodurch  er 
(der  Wojvode)  sich  bemüssigt  fühle,  ihm  ein  besonderes  Abzeichen  zu 
verleihen.  Der  Wojvode  erklärt  nun  die  Form  des  verliehenen  Abzei- 
chens, worauf  eine  allgemeine  Zecherei  auf  Kosten  des  Ausgezeichne- 
ten folgt.  Sobald  der  Wojwode  bei  einem  seiner  noch  nicht  „beab- 
zeichneten* Untergebenen  eine  bedeutendere  Geldsumme  spürt,  die 
eben  für  eine  etwas  anhaltende,  allgemeine  Zecherei  genügt,  so  ver- 
leiht er  dem  oder  der  Betreffenden  —  nolens  volens  —  ein  „Abzei- 
chen." --.  r Früher  war  es  anders,"  meinte  ein  serbischer  Wanderzi- 
geuner, namens  Milivoj  Raöicic,   „da  hatten  nur  wenige  besondere 
Abzeichen ;  denn  der  Wojvode  durlte  nur  auf  Verlangen  des  ganzen 
Stammes  einem  seiner  Zigeuner  ein  solches  Abzeichen  verleihen.  Heut- 
zutage tut  er  es  nach  eigenem  Willen  und  gibt  wem  immer  Abzeichen, 
ohne  den  Stamm  zu  fragen.  Wir  haben  jetzt  so  viele  Leute  im  Stam- 
me, die  Abzeichen  besitzen,  dass  wir  uns  bald  einen   Pfarrer  halten 
müssen,  der  uns  alle  diese  Abzeichen  aufschreibt,   damit   wir  nicht 
vergessen,  wer  dieses  Abzeichen  hat  und  wer  jenes  !tt 

Bezüglich  der  unerlaubten  Zerstörung  der  Wanderzeichen  er- 
zähle mir  Herr  Franz  Sulok,  damals  Fleischer  in  Hezdan  (Südungarn) 
folgenden  Fall :  Zur  Zeit  des  russisch-türkischen  Krieges  kamen  Wan- 
derzigeuner aus  Serbien  und  Bosnien  schaarenweise  über  die  Donau 
nach  Südungarn.  Kein  Tag  vergieng  einige  Wochen  lang,  wo  nicht  20  — 
30  Zigeuner  durch  Bezdan  gezogen  waren.  Anlangs  waren  den  Ein- 
wohnern diese  durchwandernden  Zigeuner,  die  sich  von  da  nach  Sla- 
vonien  zu  verstreuten,  höchst  unlieb:  die  Gensdarmcn  halten  vollauf 
zu  tun  ;  später  aber  waren  sie  willkommen,  denn  sie  Hessen  durch 
ihre  Einkäufe  ziemlich  viel  Geld  in  Bezdan.  Da  Iraf  es  sich  einmal, 
dass  zwei  Sippen  verschiedener  Stämme  sich  in  dieser  Ortschaft  an- 
trafen. Es  kam  zu  einem  mörderischen  Gemetzel.  Ein  Teil  wurde  ar- 
retiert, ein  Teil  aber  entkam.  Die  Verhafteten  gaben  an,  dass  ihre  Geg- 
ner die  Wanderzeichen  vernichtet  oder  verstellt  hüllen,  um  sie  auf 
unrichtige  Fährte  zu  führen. 

Die  von  deo   Wojvoden  den  Sippenvorständen   und  einzelnen 


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DR.  HEINRICH  V.  WLISLOCKI 


Stammesmitgliedern  verliehenen  Abzeichen  bestehen :  aus  einer  ge- 
wissen Anzahl  von  Längs-  oder  Quer-  oder  Kreuzschnitten  in  Holz  ; 
einer  gewissen  Anzahl  von  Pferdehaaren,  Schweineborsten,  Bohnen, 
Kürbisskernen,  Stechapfelsamen,  Strohhalmen,  einer  gewissen  Anzahl 
von  Rissen  in  Tuch-  oder  Leinwandlappen;  ferner  in  besonderer  Art 
zugespitzten,  abgeschälten,  oder  aufgeschlitzten  und  gespaltenen  oder 
geflochtenen  Ruten  und  H  >lzern  ;  in  mit  Kohle  angebrachten  Zeichen 
und  Figuren 

Die  Wojvoden  wühlen  sich  gewöhnlich  Farben  zu  ihrem  Abzei- 
chen, während  das  des  ganzen  Stammes  gewöhnlich  aus  der  Lage  und 
Stiuetur  überhaupt  des  ganzen  Wanderzeichens  erkenntlich  wird. 

An  jedem  Kreuzwege,  jedem  einzeln  stehenden  Räume  oder 
Strauche,  an  allen  bedeuienderen  Krücken  und  Hohlwegen,  ebenso  an 
den  Lagerstätten  wird  von  den  Wanderzigeunern  ein  Wanderzeichen 
zurückgelassen.  Gewöhnlich  wird  ein  Zweiglein  mit  drei  Nebenzweigen 
in  die  Erde  gesteckt,  so  dass  der  mittlere  die  Richtung  anzeigt,  welche 
die  betreffenden  Zigeuner  genommen.  Oder  es  werden  in  die  Seite 
eines  Raumes,  welche  der  genommenen  Richtung  zugekehrt  ist,  eine 
bestimmte  Anzahl  von  Schnitten  gemacht;  oder  an  einen  Ast  Fetzen 
gehängt;  Steine,  mit  Strohhalmen  umwickelt  und  übereinander  geschich- 
tet, werden  auch  als  Wanderzeichen  benutzt,  wobei  drei,  sich  den 
übereinander  geschichteten  Steinen  anschliessende  Steinchen  die  ge- 
nommene Richtung  anzeigen.  Gewöhnlich  wird  in  die  nächste  Nähe 
duser  Zeichen  Mist  und  dergleichen  geworfen,  damit  sie  von  Unein- 
geweihten nicht  so  leicht  vernichtet  werden  können.  Am  gebräuchlich- 
sten sind  die  Fetzen  und  man  mag  sich  nicht  im  Geringsten  darüber 
wundern,  wenn  man  Zigeuner  auch  den  allerwertloseslen  Lappen  auf- 
klauben und  autbewahren  sieht  ;  sie  verwenden  ihn  eben  zu  Wander- 
zeichen. 

Was  die  an  diese  Wanderzeichen  angefügten  Zeilrechnungs- oder 
Kalenderzeichen  anbelangt,  so  müssen  wir  vorausschicken,  dass  alle 
christlichen  Zigeunerstämme  der  oben  erwähnten  Länder  die  Zeit  nach 
den  drei  Haupt  festen  der  Kirche  und  dem  Set.  Michaelstag  rechnen 
und  zwar  das  Jahr  in  vier  Teile  teilen  und  die  Zeit  nach  den  ver- 
flossenen Sonntagen  bestimmen ;  z.  H  der  siebente  S  nntag  nach 
Weihnachten  der  zweite  Sonntag  nach  Set-Michaeli  usw  ,  denn  nach 
Verlauf  eines  der  obigen  Feierlage  beginnt  man  stets  die  Zeit  mit  dem 
ersten  Sonnlag  zu  rechnen.  Beispiele  werden  dies  Verfahren  der  Wan- 
derzigeuner am  besten  erläutern. 

Wenn  z.  R.  der  Wojvode  des  oberungarischen  (marmaroscher) 
Wanderzigeuncrslammes,  der  sogenannten  „Renate",  seinen  nachfol- 
genden Genossen  kund  geben  will,  dass  er  da  und  da  am  Mittwoch 
nach  dem  fünften  Sonnlag  nach  Pfingsten  gewesen  sei,  so  mucht  er 
folgendes  Zeichen  :  ein  Fetten  wird  in  der  genommenen  Richtung  an 
einen  Baum  gehängt :  in  den  Fetzen  sind  mit  roter  Wolle  (dem  Ab- 
zeichen des  Wojvoden)  lünt  Nähstiche  (die  lünl  Sonntage)  der  Länge 
nach  und  drei  Niihsiiche  mitten  durch  die  lünfe  dor  Quere   nach  ge- 


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WANDERZEICHEN  DER  ZIGEUNER. 


macht  (die  drei  Wochentage).  Solche  Fetzen  fand  man  Ende  Juli  die- 
ses Jahres  vom  erwähnten  Wojvoden  herrührend,  auch  in  A.  Herr- 
manns Badorte  Jegenye.  Die  Fetzen  waren  mit  10  Nahstichen  der 
Länge  nach  und  mit  vier  Nähstichen  der  Quere  nach  versehen  und 
obendrein  mit  Menschenkot  eingeschmiert.  Diese  Fetzen  sollten  den 
nachfolgenden  Genossen  die  Nachricht  geben,  dass  der  Wojvode  den 
Badeort  Donnerstag  nach  dem  zehnten  Sonntag  nach  Pfingsten  (also 
am  30.  Juli)  passiert  habe,  und  der  Menscheakot  sollte  Kunde  vom 
Erfolg  seines  Unternehmens  geben,  d.  h.  dass  er  die  Schweine  des 
Stammes  auf  dem  Jahrmarkt  zu  Bänffy-Hunyad  verkauft  habe. 

Um  nicht  our  die  genommene  Richtung  den  nachfolgenden  Stamm- 
genossen anzugeben,  sondern  ihnen  auch  gewisse  Nachrichten  von  all- 
gemeinem Interesse  zukommen  zu  lassen,  werden  diesen  Wanderzei- 
chen in  letzterem  Falle  auch  noch  bestimmte  Gegenstände  beigefügt. 
Sind  die  Zeichen  zum  Teil  mit  Kuhdünger  eingeschmiert,  so  bedeutet 
dies,  dass  man  sich  in  dieser  Gegend  vor  den  Behörden  in  acht  zu 
nehmen  habe;  ganz  mit  Kuhdünger  eingeschmierte  Zeichen  zeigen 
an  dass  man.  wegen  Diebstahl  u.  dgl.  verfolgt  werde,  daher  jeder  auf 
der  Hut  sein  soll.  Mit  Menschenkot  eingeschmierte  Zeichen  bedeuten 
Erfolg  in  den  Unternehmungen,  überhaupt  etwas  Gutes  von  allgemei- 
nem Interesse.  Ein  Fliederzweig  an  das  Wanderzeichen  geheftet,  be- 
deutet: dass  jemand  der  betreffenden  Sippe  erkrankt  sei.  Je  mehr  so- 
genannte „ Äuglein-  (jakhort)  d.  h.  Blattknospen  oder  Blattstellen  der 
Zweig  hat,  desto  schwerer  oder  gefahrlicher  ist  die  Krankheit.  Um 
mitzuteilen,  wer  erkrankt  ist,  wird  an  den  Zweig  das  Abzeichen  des 
betreffenden  kranken  Mitgliedes  angeheftet;  wenn  dies  Mitglied  aber 
selbst  kein  Abzeichen  besitzt,  so  wird  das  seines  nächststehenden  Ver- 
wandten angeheftet,  indem  man  dasselbe  doppelt,  dreifach,  vierfach  an 
den  Zweig  neben  einander  bindet.  Zwei  Abzeichen  bedeuten  den  Sohn, 
drei  das  Enkelkind  usw.  Ist  ein  Weib,  das  kein  Abzeichen  hat,  er- 
krankt, so  werden  die  Abzeichen  des  nächsten  Verwandten  oder  — 
wenn  sie  verheiratet  ist,  des  Gatten.  —  nicht  nebeneinander,  sondern 
aufeinander  gelegt  und  so  am  Zweige  befestigt.  Auf  gleiche  Weise 
wird  in  solchen  Fällen  auch  bei  anderen  Nachrichten  verfahren. 

Ein  Birkenzweig  bedeutet,  dass  der  oder  jener  von  der  Behörde 
abgefangen  worden  ist ;  ein  Weidenzweig  dagegen  zeigt  Familienver- 
mehrung an.  Wenn  das  Kind  ein  Knabe  ist,  so  bindet  man  an  den 
Weidenzweig  einen  roten,  wenn  es  ein  Mädchen  ist  einen  weissen 
Wollfaden.  Ein  Tannenzweiglein  zeigt  Vei  lobung  und  ein  Eichenzweig 
die  Rückkehr  eines  Mitgliedes  der  betreffenden  Truppe  den  nachfol- 
genden Genossen  an.  Fell-  und  Lederstücke  bedeuten,  die  Zusammen- 
kunft in  wichtiger  Angelegenheit  beschleunigen  zu  wollen.  Wann  und 
wo  diese  Zusammenkunft  stattfinden  solle,  wird  den  Nachfolgenden  auf 
folgende  Weise  bekannt  gegeben :  Man  zeigt  die  Zeit  der  beabsichtig- 
ten Zusammenkunft  durch  Nähstiche  in  das  Fell-  oder  Lederstück  an, 
indem  dabei  jeder  Stich  der  Länge  nach  einen  der  oben  erwähnten 
Sonntage,  jeder  Querstich  aber  einen  der  Wochentage  angibt.  Der  Ort 

n«rrqiann.  BthoologiHche  Mitteilungen,  IL  137  10 


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Uli.  HEINRICH  V.  WLISLOCKJ 


wird  also  angegeben:  Es  werden  in  das  Fell-  oder  Lederst ück  qua- 
drat-  oder  kreisförmige  Löcher  geschnitten.  Ein  quadratförmiges  Loch 
bedeutet  die  dem  Wanderzeichen  zunächst  liegende  Stadt ;  zwei  drei 
solcher  Löcher  die  zweit-,  drittnächste  Stadt.  Die  kreisförmigen  Löcher 
zeigen  Dörfer  an.  Liegt  zwischen  dem  Platze,  wo  das  Wanderzeichen 
sich  befindet,  und  dem  Dorfe,  wo  die  Zusammenkunft  staufinden  soll, 
eine  Stadt,  so  wird  dies  durch  ein  an  bei  reffender  Stelle  zwischen  die 
kreisförmigen  Löcher  angebrachtes,  quadratförmiges  Loch  angezeigt  ; 
z.  B.  drei  kreisförmige  Löcher,  dann  ein  quadratförmiges  Loch  und 
wieder  zwei  kreisförmige  Löcher  zeigen  an,  dass  in  dieser  Richtung 
drei  Dörfer,  eine  Stadt  und  dann  noch  zwei  Dörfer,  respective  ein 
Dorf  passiert  werden  muss,  um  an  den  Ort  der  beabsichtigten  Zusam- 
menkunft zu  gelangen.  Das  letzte  Loch  zeigt  immer  den  Zusammen- 
kunftsort an.  Sobald  ein  Dorf  passiert  worden  ist,  so  wird  in  das  Wan- 
derzeichen immer  ein  Loch  weniger  eingeschnitten. 

Ein  Büschel  Schweinehorsten  an  die  Wanderzeichen  gebunden, 
bedeutet  r grosses  Glück"  (baro  ba^t),  das  der  Truppe  bevorsteht  (vgl. 
die  deutsche  Redensart:  „Er  hat  ein  Schweinsglück ");  ein  Büschel 
Hundehaare  aber  mahnen  die  Nachfolgenden,  die  Richtung  ihrer  Reise 
schleunigst  abzuändern.  Jede  Sippe  (gakkya)  hat  ausser  ihrem  Sippen- 
namen auch  noch  eine  Nummer,  erste,  zweite,  dritte  usw.  Sippe.  Will 
nun  z.  B.  die  erste  Sippe  der  dritten  mitteilen,  dass  ihr  Gefahr  drohe 
und  sie  die  Wanderroute  abändern  solle,  so  werden  in  die  Hunde- 
haare drei  krepierte  Käter  gewickelt.  Kommt  nun  an  das  Wanderzeichen 
z.  B.  die  vierte  Sippe,  so  weiss  dieselbe,  das  nicht  ihr,  sondern  der 
dritten  Gefahr  drohe  und  lässt  das  Zeichen  unberührt.  Glasscherben 
neben  den  Wanderzeichen  zeigen  den  Verlust  eines  Tieres  an;  sind 
dieselben  winzig  klein,  so  bedeutet  das,  dass  das  Tier  krepiert,  wenn 
sie  aber  gross  sind,  so  zeigt  dies  an,  dass  das  Tier  gestohlen  worden 
sei  oder  sich  verirrt  habe.  Sind  die  Glasscherben  rein,  so  ist  das  Tier 
ein  Ross;  sind  sie  aber  mit  Kuhmist  beschmiert,  so  ist  das  betreffende 
Tier  ein  Schwein. 

Graphische  Zeichen  mit  Kohle  gemacht,  bringen  die  Zigeuner  nur 
an  den  Gebäuden  derjenigen  Ortschaften  an,  welche  sie  passieren.  All- 
gemein gebräuchliche  Zeichen  sind:  1.  ein  Kreuz,  bedeutet:  dass  hier 
nichts  zu  holen  sei;  2.  ein  Doppelkreuz=Niderträchtixkeit  (diungiben) 
d.  h.  unmenschliche  Behandlung ;  3.  ein  Kreis— Geschenk ;  4.  ein  Dop- 
pelkreis=sehr  gute  Leute;  5.  zwei  Längstriche  und  zwei  Querstriche^ 
hier  wohnt  der  Richter  oder  eine  Amtsperson;  6.  zwei  Kreuze  und 
zwei  Striche  unter  dieselben-=hier  werden  die  Zigeuner  eines  Dieb- 
stahls beschuldigt;  7.  mehrere  vertikale  Linien=hier  haben  wir  gefun- 
den (kathe  hadsiljami,  d.  h.  hier  haben  wir  etwas  gestohlen ;  8.  ein 
Dreieck— hier  kann  man  durch  Kartenaufschlagen  usw.  (ield  verdienen  ; 
9.  ein  Kreis  und  in  der  Kreisfläche  ein  Kreuz=machet  hier  (aus  Ra- 
che) Schaden!  (keren  paguba!);  10.  zwei  schlangenförmige  Linien=» 
die  Frau  mochte  Kinder  haben:  11.  zwei  vertikale  Linien  «vt 
einer  schlangenförmigen   verbunden  =  die  Frau   möchte  keine  Kin- 

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WANDKRZEICHEN  DER  ZIGEUNER, 


der  mehr  gebären;  12.  zwei  schlangenförmige  Linien  durch  einen 
Kreis  g»  zogen«=hier  starb  eine  alle  Frau ;  durch  zwei  Kreise  gezogen 
«hier  starb  ein  alter  Mann;  sind  in  den  Kreisen  Punkte  angebracht, 
so  heisst  es:  infolge  Todesfall  Zwist  wegen  Erbschaft;  13.  eine  schlan- 
genformige  Linie,  die  ein  Dreieck  durchschneidet  =  Tod  des  Hausherrn ; 
14.  zwei  solcher  Linien  durch  ein  Dreieck  Tod  der  Hausfrau  ;  15. 
zwei  Kreuze  und  dazwischen  eine  schlangen  förmige  Linie  =»  Treulosig- 
keit der  Frau;  t6.  zwei  schlangen  form  ige  Linien  und  dazwischen  ein 
Kreuz=Treulosigkeit  des  Gatten;  17.  eine  vertikale  Linie  darunter 
eine  horizontale  Linie  und  unter  dieser  ein  Kreuz=Heiratsprojecte. 

Diese  Zeichen  werden  an  solchen  Stellen  der  Hauswände,  der 
Einfriedigung,  der  Tore  nsw.  angebracht,  wo  sie  Uneingeweihten  we- 
niger auffallen.  Diese  Zeichen  bewirken  z.  B.,  dass  die  Aussagen  ver- 
schiedener Zigeunerinnen  beim  Kartenaufschlagen  in  den  meisten  Fäl- 
len im  Grossen  und  Ganzen  übereinstimmen. 

Curort  Jegenye  (Siebenbürgen),  August  189:. 


Kosmogonische  Spuren  in  der  magyarischen  Volksüberliefe- 
rung. 

Von  Ludwig  Kdlnuiny. 
II. 

Vom  Sündeniall. 

Der  Sündenfall  ist  den  Traditionen  gemäss  nichts  anderes,  als 
die  Umwandlung  der  Geschöple  in  weniger  vollkommene  Wesen.  Eine 
ungarische  Sage  erzählt: 

Der  Teufel  betrog  den  armen  Menschen  auf  jede  Art  und  Weise; 
darüber  beklagte  sich  der  arme  Mensch.  .Na,  ich  helP  dir  aus  der 
Klemme!0  meinte  der  Teufel,  „beklag'  dich  nicht,  armer  Mensch; 
komm1,  gehen  wir  stehlen!"  Sie  giengen  in  den  Stall  einer  Herrschaft. 
Der  arme  Mensch  getraute  sich  nicht  zuzugreifen,  damit  das  Schwein 
nicht  schreie.  „Fürchte  dich  nicht,  ich  halte  ihm  das  Maul  zu!-  Es 
schrie  auch  kein  einziges.  Sie  warfen  die  Schweine  aus  dem  Stalle 
heraus,  wobei  der  Teufel  einem  jeden  Tiere  den  Schwanz  nach  rechts 
drehte.  Der  arme  Mann  konnte  kaum  ein  einziges  hinaus  werfen,  als 
der  Teufel  bereits  alle  hinaus  geworfen  hatte.  Als  schon  alle  draussen 
waren,  sprach  der  Teufel:  „Nun,  armer  Mann,  hast  du  sie  bezeich- 
net?" —  „Ja!"  —  rWas  für  ein  Zeichen  hast  du  ihnen  gegeben?"  — 
„Ich  habe  ihren  Schwanz  nach  rechts  gedreht!*  und  dies  hatte  nicht 
er,  sondern  der  Teufel  getan.  Sie  begannen  nun  nachzusehen,  und 
da  war  nur  ein  einziges,  dem  der  Schwanz  nicht  nach  rechts  gedreht 
war.  Der  Teufel  packte  dies  Schwein  an,  und  warf  es  so  gewaltig 
in  die  Theiss,  das  es  zu  Nichts  ward.  Seit  der  Zeit  ist  der  Schwanz 
eines  jeden  Schweines  nach  rechts  gedreht  "  (Majdän.) 

139  10l 


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LUDWIG  KALMlNY 


Eine  andere  unserer  Daten  erzählt,  dass  früher  die  Rinder  die 
Fliegen  von  ihrem  Leibe  nicht  abzuschütteln  brauchten,  sondern  die 
Mittagsruhe  geniessen  konnten ;  der  Hirte  konnte  auch  rasten.  Christus 
kam  einmal  herbei  und  bat  den  Hirten  um  Milch,  doch  dieser  war 
zu  faul  aufzustehen.  Weil  der  Hirte  bösherzig  war,  müssen  die  Rin- 
der, obwol  sie  nichts  verschuldet,  die  Fliegen  von  sich  treiben.  l)  Eine 
andere  Sage  berichtet: 

„Der  heilige  Erzengel  Michael  warf  auf  Befehl  Gottes  alle  Bösen 
aus  dem  Himmel  herab.  Der  Erzengel  tat  dies  so  lange,  bis  unser 
Herrgott  nicht  .Amen !'  sagte.  Als  unser  Herrgott  das  ,Amen !'  aus- 
sprach, konnte  keiner  weiter  fallen :  der  eine  hängt  an  den  Füssen  in 
der  Hohe,  dem  anderen  ragt  noch  der  halbe  Kopf  aus  der  Erde,  in 
die  er  versunken.  Darum  soll  der  Mensch,  wenn  er  strauchelt,  nicht 
lästern,  denn  es  kann  eben  ein  solcher  Teufelsscheitel  sein,  der  ihn 
straucheln  machte,  und  wenn  er  dann  flucht,  kann  er  am  Fuss  ein 
ernstes  Übel  bekommen  "  (Ö.-Szent-Ivän.) 

In  den  Altajer  Schöpfungssagen  besiegt  Mandi-Sire  den  Ärlik  und 
dessen  Schar,  von  denen  jeder  da  blieb,  wohin  er  eben  fiel.  a)  In  der 
Variante  der  Bukovinaer  Ungarn  gibt  Gott  dem  heil.  Elias  den 
Auttrag  40  Tage  und  40  Nächte  hindurch  zu  donnern  und  zu  blitzen, 
und  40  Tage  und  Nächte  hindurch  fiel  der  Regen,  und  alle  Teufel 
„fielen  herab  u  Als  auch  die  Engel  schon  begannen  herabzufallen,  stellte 
(Jott  Elias1  Werk  ein,  und  wo  in  dem  Augenblick  die  Teufel  sich 
eben  befanden,  in  derselben  Stel'ung  blieben  sie  bis  auf  den  heuti- 
gen Tag.  Von  daher  kommt  es,  dass  man  nachts  .Funken*  sehen  kann, 
die  jetzt  hie  und  da  zur  Erde  herabfallen.  (Sternschuppen).  *) 

In  anderen  Sagen  erscheinen  die  gefallenen  Wesen*  als  sich 
„schüttelnd-rüttelnd".  demzufolge  auch  die  Luft  „ erzittert  :B 

p Nachdem  auf  Befehl  Gottes  alle  stolzen  Engel  aus  dem  Himmel  her- 
abgestürzt waren,  sprach  er  sein  „Amen!"  Dann  war  einer  oder  der  an- 
dere in  der  Luft,  der  andere  wieder  in  der  Erde,  der  dritte  wieder  auf  der 
Erde.  LTnd  als  unser  Herrgott  das  „Amen!"  sprach:  blieb  jeder  dort, 
wo  er  war.  Und  aus  diesen  wurden  die  Gespenster.  Dann,  wenn  sich 
die  Luft  wie  die  Espenblätter  bewegt  —  dann  spielen  sie  einmal  frei 
im  Jahre  miteinander."  (Szöreg). 

Ferner  heisst  es:  .Als  unser  Herrgott  noch  auf  Erden  war,  be- 
stürmten ihn  die  Engel  gar  sehr.  Als  Gott  wieder  in  den  Himmel  stieg, 
so  Hess  er  sie  herabwerfen.  Im  Fallen  hielt  sich  Lucifer  am  Monde 
fest,  und  seither  kann  man  ihn  dort  sehen.  (Temesköz-Lörinczfalva).  — 
Die  Osselen  erblicken  gleichfalls  ein  .höheres"  Wesen,  einen  Dämon 
im  Monde  »i 

Beim  Fall  der  höheren  Wesen  gedenken  die  Traditionen  auch 
der  „Feen",  „die  so  lange  sie  mit  sterblichen  Menschen  noch  keinen 

»1  In  des  Verf.  ungarischem  Werke:  „Szeged  nepe"  (Szeged's  Volk)  II.  140. 
>)  Radioff  a.  a.  0.  I  181. 

»j  Wolf,  Zeitschrift  t.  deutsche  Mythologie  I.  180 
*)  Ausland  1884.  S.  884. 

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KOSMOGONISCHEK  SPUREN  IN  DER  MAGYARISCHEN  VOLKSCHERLIEFERUNG. 


Umgang  gepflogen,  in  der  Luft  schweben."  (Szeged-Kirälyhalom).  Aehn- 
lich  der  Fall  des  ersten  Menschenpaares  in  der  Ueberlieferung  der 
Neger.  J)  Die  ungarische  Tradition  erzählt:  „Als  Ad  im  und  Eva 
noch  im  Paradiese  waren,  sprach  die  Schlange  aus  dem  Waaser  zur 
Eva:  sie  solle  sich  vom  verbotenen  Baum  eine  Frucht  pflücken.  Als 
sie  beide  schon  gegessen  hatten,  Hess  sie  Gott  durch  Engel  mit  Schwer- 
tern hinaustreiben.  Vordem  hatten  die  Menschen  Flügel  und  konnten 
fliegen ;  nachdem  sie  aber  gesündigt  hatten,  konnten  sie  nicht  mehr 
fliegen."  (Magyar-Kanizsa).  a) 

Ueber  die  Unersättlichkeit  des  ersten  Menschen  erzählt  die  un- 
garische Ueberlieferung:  „Als  Gott  den  Adam  aus  dem  Paradiese  ver- 
trieb, befahl  er  ihm,  sein  Brot  sich  im  Schweisse  seines  Angesichtes 
zu  verdienen.  Er  gab  ihm  eine  Haue,  damit  er  um  sich  herum  einen 
Kreis  haue,  aus  dem  er  nicht  heraustreten  dürfe;  die  Früchte,  (die  im 
Kreise  gedeihen)  werden  ihm  für  ein  Jahr  genug  Nahrung  bieten.  Sie 
hätten  auch  ausgereicht,  denn  damals  wuchsen  nicht  solche  Aehren 
wie  jetzt,  sondern  der  ganze  Halm  war  eine  Aehre.  Da  aber  Adam 
unersättlich  war,  machte  er  sich  einen  langen  Stiel  in  die  Haue,  da- 
mit er  weiter  reiche.  Auch  das  sah  ihm  unser  Herrgott  nach;  im 
nächsten  Jahre  aber  wollte  Adam  noch  mehr,  und  trat  aus  dem  Kreise. 
Als  er  heraustrat  und  mit  der  Haue  rodete,  sprach  Gott:  „Nun  also 
Adam,  du  begnügst  dich  nicht  mit  dem,  was  iqh  dir  gegeben  habe; 
auch  deine  Nachkommenschaft  soll  ungenügsam  sein!"  Seit  der  Zeit 
gedeiht  der  Weizen  nicht  mehr  so  gut,  wie  er  früher  gediehen ;  jetzt 
kann  der  Mensch  die  ganze  Erde  bebauen,  kann  sich  plagen  und  ab- 
quälen wie  ein  Pferd,  und  doch  hat  er  nie  genug."  (Szöreg.)  —  Nach 
einer  Tradition  aus  Magyar-Kanizsa  beredet  der  Teufel  den  Adam 
dazu,  dass  er  um  eine  Furche  mehr  anbaue,  als  ihm  Gott  gestattet 
hatte,  worauf  nicht  der  ganze  Halm  Aehren  gedieh,  wie  früher,  son- 
dern nur  bis  zur  Hälfte.  Auch  dann  noch  gab  sich  der  Teufel  keine 
Ruhe,  und  beredete  den  Menschen,  dass  er  noch  mehr  sae,  was  zur 
Folge  hatte,  dass  nur  so  kleine  Aehren  gediehen,  wie  sie  eben  auch 
heutigen  Tages  zu  sehen  sind.  —  Der  Weizen  kommt  in  den  ungari- 
schen Traditionen  häufig  vor.  „Auf  dem  Weizen  —  heisst  es  —  sieht 
man  nur  seit  der  Zeit  Christi  Bild,  seitdem  er  sein  Antlitz  in  das 
Tuch  der  Veronika  gewischt  hat.  Damals  sagte  er :  damit  ihr  es  ewig 
im  Herzen  behalten  möget,  so  lasse  ich  es  auch  an  euerem  Brote 
(am  Weizen)  zurück;  desshalb  darf  man  auf  das  Brot  nicht  treten." 
(Szöreg).  —  Eine  Tradition  aus  dem  Borsoder  Comitat  erzählt,  dass 
Gott  sein  Antlitz  deshalb  auf  den  Weizen  abgedrückt  habe,  damit  die 
Menschen  desto  leichter  die  ihnen  verliehene  Nahrung  erkennen  mö- 


')  Ausland  1859.  S.  1132. 

»)  S.  Weil,  Bibl.  Legenden  der  Muselmänner  S.  22—28.  —  Pallas,  Samml.  hi- 
storischer Nachrichten  über  die  mongolischen  Völkerschaften  II.  27 ;  Schanang  Sche- 
uen, Geschichte  der  Ostmongolen  (Ibers,  von  Schmidt  5—7;  Radioff,  das  Schama- 
nentmn  u.  sein  Kuhns  3. 

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LUDWIG  KÄLMANT 


gen.  Nach  anderen  Ueberlieferungen  kann  man  am  Weizen  Maria'» 
Bild  sehen,  (s.  Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn  I.  S.  173). 
Die  deutschen  Einwohner  von  Nagy-Szent-Miklös  sehen  am  Weizen 
Maria  mit  dem  Jesuskindlein  auf  ihrem  linken  Arm,  und  erklären  sich 
dies  so,  dass  als  Christus  auf  Maria's  Bitten  auch  dann  noch  für  Hun- 
de und  Katzen  Weizen  übrig  liess,  trotzdem  er  ein  Weib  den  Weizen 
verschwenden  sah,  er  zum  Andenken  daran  sein  Bildnis  dem  Weizen 
aufdrückte.  Mit  Bezug  auf  den  Missbrauch,  den  eine  Frau  mit  dem 
aus  Weizenmehl  gebackenen  Kuchen  (längos)  trieb,  heisst  es:  .Ab 
Christus  auf  Erden  wandelte,  waren  reichliche  Weizenernlen,  da  war 
aber  eine  Frau,  die  hatte  ein  kleines  Kind,  das  weinte  in  der  Wiege, 
als  die  Frau  grade  buk.  Sie  formte  die  Kuchen,  schob  sie  (in  den 
Ofen):  einen  schob  sie  hinein,  den  anderen  zog  sie  heraus.  Das  Kind 
hörte  nicht  auf  zu  weinen;  sie  hob  das  Kind  auf;  das  Kind  hatte  sich 
besudelt.  Was  soll  sie  in  der  Eile  tun;  sie  wischt  das  Kind  mit  ei- 
nem Kuchen  ab.  Gott  hatte  den  Weizen  so  geschaffen,  dass  er  drei 
Finger  breite  Aehren  hatte,  und  solche  Triebe  besass,  wie  .der  Lein. 
Damals  verfluchte  Gott  das  Kind  und  die  Frau,  und  liess  nur  eine 
(einfache)  Aebre  zurück;  auch  die  erhaschte  eben  nur  die  Katze  und 
hielt  sie  zurück.  Da  sprach  Gott:  „Mit  dem  sollt  ihr  euch  begnügen, 
was  die  Katze  zurückgerafTt  hat."  (Szöreg)  In  einer  Variante  aus 
Ö-Szent-Ivan  heisst  es,  dass  eine  Frau  mit  Weizen,  und  nicht  mit  Ku- 
chen also  getan  habe  worauf  jeder  Halm,  der  früher  drei  Aehren  ge- 
tragen, ')  nur  eine  Aehre  trieb.  In  Szeged,  in  der  Kirälyhalomer  Ge- 
gend erzählt  man,  dass  Gott  „nach  der  Tat  der  Frau  nichts  vom  Wei- 
zen zurücklassen  wollte;  darauf  habe  Set.  Peter  eine  Handvoll  Wei- 
zen für  die  Hunde  und  Katzen  zurückbehalten;  davon  leben  wir." 
Tn  einer  Variante  aus  Felegyhäza  tut  dies  die  heil.  Maria.  In  Sagüj- 
falu  glaubt  man,  dass  „als  Gott  die  Weizenähre  nach  aufwärts  zog 
(streifte),  Maria  die  Spitze  derselben  ergriffen  habe,  damit  für  die  Hunde 
etwas  übrig  bleibe.  *)  Mit  Bezug  auf  das  Vergehen  der  Frau  erzählt 
eine  Sage  der  Voljaken:  „In  Urzeiten  warf  ein 3  Frau  die  schmutzigen 
Windeln  des  Kindes  auf  den  früher  tief  herab  hängenden  Himmel,  auf 
dem  der  Gott  herumgieng  Seitdem  ist  der  Himmel  unendlich  hoch  em- 
porgerückt und  der  Kornhalm,  der  früher  von  der  Wurzel  bis  zur 
Spitze  mit  Aehren  dicht  besetzt  war,  treibt  jetzt  nur  an  der  Spitze 
eine  magere  Aehre,  und  auch  die  nur  nach  schwerer  Mühe."  *)  In 
einer  Sage  der  Neger  heisst  es,  dass  ein  Weib  den  tief  herabhängen- 
den Himmel,  von  dem  bis  dahin  Fische  reichlich  herabfielen,  beleidigt 
habe,  indem  sie  ihn  hiess,  sich  höher  hinauf  zu  heben.  ') 

In  ungarischen  Traditionen  ist  die  verbotene  Frucht  des  Paradie- 
ses mit  der  biblischen  Überlieferung  übereinstimmend  der  Apfel,  der 

•)  Vgl.  Weil  a.  a.  0  S.  26. 

')  Vgl.  Grimm,  Kinder-  and  Haasmärchen:  „Die  Kornähre." 
•)  Munkdcsi,  Votjak  nepkölt£szeti  r-ajrvomanyok.  (Votkspoetisehe  Traditionen 
der  Wotjaken.)  S.  58. 

*)  Petermann,  Mitteil,  aas  Justus  Perthes  geogr.  Anstalt  Jahrg  1856.  S.  465. 

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K0SM0G0NI8CHEN  SPUREN  IN  DER  MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERUEFEKUNG. 


in  der  ungarischen  Volksdichtung  Sinnbild  der  Liebe  ist.  Eva  hat 
mit  ihrem  , namenlosen *  (nevetlen)  Finger  den  Apfel  gepflückt; 
deshalb  blieb  der  Finger  „namenlos"  (Szöreg).  Adam  verschlang  gie- 
rig den  Sirunk  des  Apfels,  der  ihm  in  der  Kehle  stecken  blieb:  seit 
der  Zeit  haben  wir  den  .Adamsstrunk"  an  der  Kehle  (Enyhäzas-Ker). 
In  Magyar-Kanizsa  und  Egyhäzas-Ker  sagt  man:  »Als  Adam  und  Eva 
im  Paradiese  waren,  ward  sie  schwanger,  worauf  sie  Gott  aus  dem 
Paradiese  trieb."  -  In  den  Traditionen  gibt  es  auch  noch  andere 
verbotene  Früchte  So  erzählt  eine  Sage  der  Voljaken:  „Inmar.  der 
Hauptgott  gebot  dem  ersten  Menschenpaare,  den  KumySka  nicht  zu 
gemessen,  weil  denselben  Keremet,  der  Diabolus  besudelt  habe.  Aber 
als  Inmar  die  Ureltern  ins  Paradies  führte,  stellte  Keremet  in  einer 
zugedeckten  Schüssel  vergifteten  KumVSka  hin.  Die  erste  Frau,  von 
Neugierde  getrieben,  deckte  dem  Gebote  Inmar's  zuwider  die  zugedekte 
Schüssel  auf.  trank  daraus  und  bot  davon  auch  ihrem  Gemahl  an, 
wovon  die  Folge  Tod  und  Sünde  war.  Keremet  hatte  nämlich  auch 
den  Tod  in  die  Schüssel  hinein  getan.  Gott  trieb  sie  dann  aus  dem 
Paradiese.  Inmar  erschuf  dann  an  einem  anderen  Orte  —  weil  er  den 
ersten  Menschen  auch  das  Vermehrungsvermögen  genommen  hatte  — 
einige  Menschen,  und  damit  diese  von  Keremet  verschont  bleiben,  gab 
er  neben  jedes  Menschenpaar  einen  Hund  als  Wächter.*  l)  Hiezu  ver- 
gleiche man  die  ungarische  Sage:  „Als  Frau  Eva  den  Apfel  gegessen 
hatte,  kam  Gott  in  den  Garten  und  frug:  wo  sie  sind?  Adam  und 
Eva  wolten  nicht  hervortreten:  „Herr,  wir  schämen  uns!"  Sie  hülllen 
sich  in  Feigenblätter.  Als  sie  auf  Gottes  Befehl  hervortraten  gab  Gott 
unserer  Mutter  Eva  eine  Schüssel;  in  diese  Schüssel  war  weil  un- 
sere Mutter  Eva  die  Frucht  gekostet  hatte  damit  sie  dem  Manne 
folgsam  sei,  —  die  Folgsamkeit  hineingelegt.  Dann  gab  ihnen  Gott  Sa- 
men, damit  sie  denselben  aussäen.  Und  dann  öffneten  sie  die  Schüs- 
sel, in  welcher  das  war,  dass  das  Weib  dem  Manne  folgen  solle,  denn 
wenn  das  Weib  unter  dem  Manne  gestanden  wäre,  so  halte  es  vom 
Apfel  nicht  gegessen."  (Temesköz-Lörinczfalva).  —  In  Lörinczfalva, 
Magyar-Kanizsa  (und  vor  ungefähr  drei  Decennien  auch  in  Szegedj 
herrschte  der  Brauch,  dass  man  an  Hochzeilen  und  bei  Gelegenheit  des 
Schweineschlachtens  dem  angesehensten  Gaste  eine  zugedeckte  Schüs- 
sel, in  der  sich  ein  Sperling  befindet,  vorsetzte. 

Eine  andere  ungarische  Ueberlieferung  erzählt :  »Gott  trug  dem 
Adam  und  der  Eva  auf,  dass  sie  von  jedem  Obste  essen  dürften,  nur 
eine  Frucht  sollten  sie  nicht  anrühren.  Da  aber  Mutter  Eva  wankel- 
mütig war,  so  konnte  sie  nicht  umhin,  danach  zu  greifen  und  Gottes 
Gebot  zu  übertreten.  Als  sie  in  den  verbotenen  Apfel  biss,  fiel  ihr  Got- 
tes Gebot  ein.  Sie  errötete  und  sie  schämten  sich,  sie  hülllen  sich  in 
Feigenblätter  ein  und  begannen  herumzuirren,  konnten  sich  aber  nir- 
gends vor  Gottes  Zorn  verbergen;  sie  verbargen  sich  unter  den  Fei- 


»)  Borna,  A  votjakok  pogäny  vallasär61  (Ueber  die  heidnische  Religion  der 
Wotjaken)  s>.  6 

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LUDWIG  KALMÄNY 


genbaum.  Unter  dem  Feigenbaum  war  eine  Schüssel,  die  war  zuge- 
deckt. Mutter  Eva  konnte  sich  ihrer  sträflichen  Neugier  auch  jetzt  nicht 
erwehren,  denn  die  Schlange  war  da  und  zeigte  ihr  die  Schüssel,  da- 
mit sie  dieselbe  aufdecke,  was  sie  denn  auch  tat.  In  dieser  Schüssel 
befand  sich  der  Weltspiegel,  in  welchem  Eva  das  Los  der  zukünftigen 
Welt  erblickte.  Als  dies  Mutter  Eva  gesehen  hatte,  trat  Qolt  in  das 
Paradies  ein  und  trieb  sie  von  dannen.  Aber  Mutter  Eva  hatte  ihr 
zukünftiges  Schicksal  schon  gesehen  und  wollte  nicht  gleich  von  dan- 
nen, sondern  irrte  herum.  Dann  sandte  Gott  einen  Engel  aus,  der  aus 
der  unter  dem  Feigenbaum  befindlichen  Schüssel  ein  feuriges  Schwert 
hervorzog,  dann  gieng  auch  Mutter  Eva  aus  dem  Paradiese."  (Szöreg).  l) 
Das  Paradies  befindet  sich  nach  ungarischem  Volksglauben  am 
Himmel.  Es  heisst:  „Das  Paradies  befindet  sich  am  Himmel  und  kann 
auch  gesehen  werden;  die  Sterne  glänzen  nach  der  Art,  wie  die  Bäu- 
me des  Paradieses  sich  hin  und  her  neigen."  (Szöreg).  —  Mit  Bezug 
auf  die  Unfolgsamkeit  des  Weibes  heisst  es:  „Eva  wollte  sich  nicht 
fürchten,  sie  fürchtete  sich  auch  nicht  vor  Adam  Dieser  gieng  nun  zu 
Gott  und  sagte  ihm,  dass  Eva  sich  vor  ihm  nicht  fürchten  wolle.  Sprach 
da  Gott:  „Geh'  und  wasche  dich  im  Flusse  Tigris!"  Adam  wusch  sich, 
und  es  wuchs  ihm  ein  Bart.  Als  ihn  nun  Eva  erblickte,  erschrak  sie: 
wer  das  wol  sei?  Seit  der  Zeit  fürchtet  sich  das  Weib  vordem  Manne, 
aber  nicht  ein  jedes;  manches  ist  so  wie  ein  Pferd,  man  kann  es 
schlagen,  stossen  —  es  folgt  dennoch  nicht.  Eva  wollte  dann,  dass  auch 
sie  einen  Bart  bekomme ;  sie  gieng  also  auch  zum  Tigris  um  sich  da- 
rin zu  waschen.  Aber  da  stach  eine  Fliege  ihren  Bauch.  Eva  schlug 
auf  ihren  Bauch,  und  dort  wuchs  ihr  ein  Bart."  *)  (Egyhäzas-Ker). 
Ferner  heisst  es:  „Adam  hatte  bei  der  Schöpfung  keinen  Schnurbart ; 
an  der  Stelle  des  Schnurbartes  stach  ihn  eine  Fliege ;  Adam  schlug  nach 
ihr,  da  wuchsen  ihm  sofort  Haare  unter  der  Nase  "  (Szöreg).  —  In 
der  Ueberlieferung  der  Wotjaken  sagt  Inmar  dem  Menschen,  dass  er 
sterben  werde,  wenn  er  sich  den  Tieren  unterwirft.  Vor  den  grösseren 
Tieren  hütete  sich  der  Mensch,  auf  den  Sperling  aber  gab  er  nichts, 
und  diesem  gelang  es  ihn  zu  zwicken.  So  kam  der  Tod  und  der  Kampf 
ums  Dasein  in  die  Welt.  a)  —  Nach  dem  Sündenfall  wandten  sich  die  Tiere 
gegen  Adam.  So  heisst  es  in  den  ungarischen  Ueberlieferungen :  „Die 
Katze  ist  ein  schlaues  Tier;  am  Tage  brummte  sie  stets  der  anderen 
zu,  dass  sie  in  der  Nacht  ihren  Herren  oder  ihre  Frau  verscharre. 
Doch  Gott  strafte  die  Katze,  dass  sie,  wenn  der  Abend  kommt,  das 
vergisst,  was  sie  am  Tage  gebrummt  hat.  Jetzt  brummt  sie  nun  der 
anderen  vergebens  etwas  zu,  denn  sie  vergisst  es  (Szöreg).  —  „Frü- 
her war  die  Biene  besser  als  jetzt.  Einmal  sagte  sie  zu  Christus,  dass 
der  sterben  solle  den  sie  sticht!"  „Stirb  auch  du!"  versetzte  Christus. 

>)  Vgl.  Mütter,  Geschichte  der  amerikantscbon  Urreligioneo  S  t>24 
»j  Vgl.  Mayer,  Allgem.  Mvth.  Lexikon  1.  31;  0.  S.  19.  29. 
•)  Munkdcjti  Bernb.,  Votjak  nepkölteweti  hagvomanvok  (Volkspoetische  Tra- 
ditionen der  Wotjaken)  52 

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K08MOQONI8CHEN  SPÜREN  IN  DER  MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERUEFERÜNO. 

Seit  der  Zeit  stirbt  auch  die  Biene.  Auch  die  Schlange  sagte,  dass  der 
sterben  solle,  den  sie  sticht.  „Gut,  den  du  stichst,  soll  sterben!  Aber 
dich  soll  die  Erde  nicht  in  sich  aufnehmen!"  sprach  Christus.  Die 
Erde  nimmt  sie  auch  nicht  auf,  denn  wenn  die  Zeit  kommt,  dass  sie 
sterben  soll,  dann  legt  sie  sich  auf  den  Fahrweg,  damit  man  sie  zer- 
trete* (Csanad-Apacza).  In  Egyhazas-K6r  erzählt  man  sich,  dass :  „die 
Schlanze  früher,  als  sie  noch  im  Paradiese  war,  nicht  gestochen  habe ; 
nur  seither  sticht  sie."  —  Von  den  Strafen  in  Folge  des  Sündenfalls 
heisst  es  weiter  in  der  ungarischen  Ueber lieferung:  „ Damals,  als  unser 
Vater  Adam  noch  nicht  gesündigt  hatte,  war  sein  ganzer  Körper  so 
wie  jetzt  unsere  Fingernägel;  da  er  aber  sündigte,  verschwand  dies. 
Nur  die  Nägel  blieben  als  Andenken  daran  zurück.14  (Magyar-Kanizsa). 
Was  die  Bestrafung  der  Schlange  anbelangt,  so  heisst  es  in  ungari- 
scher Tradition:  „Wer  eine  Schlange  sieht  und  sie  nicht  todt  schlägt, 
der  sündigt,  die  heil.  Maria  wende!  sich  von  ihm  ab,  denn  die  Schlange 
ist  ein  von  Gott  verfluchtes  Geschöpf,  seit  dem  der  Teufel  in  (iestalt 
einer  Schlange  den  Menschen  betrogen  hat."  (Temesköz-Lörinczfalva). 
Ferner  heisst  es:  „Als  Gott  den  Adam  in  das  Paradies  führte,  gebot 
er  ihm:  „Hier  sei!  Paradies  wachse!  Menschengeschlecht  vermehre 
dich!"  Dies  kränkte  den  Teufel,  weil  er  daraus  keinen  Nutzen  hatte. 
In  der  Gestalt  einer  Schlange  verführte  er  die  Eva  zur  Sünde.  Dann 
verfluchte  Gott  die  Schlange.  Vordem  war  die  Schlange  ein  schönes 
Tier;  Eva  spielte  mit  ihr."  (Egyhäzas  Ker).  ')  Auch  der  Pfau  wird  in 
der  ungar.  Ueberlieferung  bestraft:  „Der  Teufel  hat  ausser  dem  Pfau 
keinen  anderen  Vogel,  denn  dieser  hat  dem  Teufel  sein  Fleisch  ver- 
kauft und  auch  seine  Füsse,  damit  er  schöne  Federn  erhalte ;  er  hat 
nun  auch  kein  Fleisch,  nur  Knochen  und  Haut  Damit  er  nicht  über- 
mütig werde,  bekam  er  hässliche  Füsse  Der  Pfau  getraut  sich  nicht 
seine  Füsse.  anzublicken,  denn  wenn  er  seine  Füsse  msä'ie,  würde  er 
krepieren.*  (Temesköz-Lörinczfalva)  a)  Zur  Bestrafung  der  Unzufriede- 
nen gehört  die  ungarische  Sage:  „Das  Kind  konnte  gleich  nach  sei- 
ner Geburt  gehen;  wenn  es  fiel,  erhob  es  sich  und  gieng  weiter.  Als 
eine  Frau  sah,  dass  ihr  Kind  fallen  wollte,  haschte  sie  nach  ihm  Da 
sprach  Gott:  „Wenn  es  so  nicht  gut  war,  wie  ich  es  erschaffen,  so 
trage  du  jetzt  ein  Jahre  lang  oder  noch  länger  die  Sorge  für  das 
Kind!-*  Seilher  muss  man  Sorge  für  das  Kind  tragen  und  dennoch 
fällt  es,  sobald  es  zu  gehen  beginnt  8  (Egyhazas-Ke>).  *)  Vom  Kuckuck 
erzählt  die  ungar.  Ueberlieferung:  „Der  Kuckuck  erbat  sich  von  Gott 
das  allerschönste  Gewand;  er  war  mit  dem  seinigen  nicht  zufrieden. 
Da  ward  Gott  zornig  auf  ihn,  und  setzte  ihm  den  Teutelskamm  auf. 
Seither  bereut  der  Kuckuck  stets  seine  Tat  und  ruft  traurig,  denn  es 
lastet  ein  Fluch  auf  ihm."  (Majdän).  •) 

»)  Vgl.  Weil  a.  a.  0.  8.  22,  28. 
0  Vgl.  Weil  a  a.  0.  S.  20. 

*)  Vgl.  MilUer  SiebenbUrgische  Sagen:  „Strafe  des  Ungehorsams. " 
«)  Vgl.  Pallas  a.  a.  0.  IL  32;  Borna,  a  Mordvinok  pogany  istenei  (Die  heid- 
nischen Götter  der  Mordwinen)  36;  Kalevala  IV  Runo  500;  Weil  a.  a.  0.  30. 

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LUDWIG  KÄLMÄNY 


Wir  wollen  noch  einige,  mehr  oder  weniger  hieher  gehörige  un- 
garische Ueberlieferungen  mitteilen 

„Als  Christus  auf  Erden  wandelte,  ward  er  müde  und  rief  das 
Pferd,  damit  es  ihn  über  den  Morast  frage.  „Warte,  bis  ich  satt  wer- 
de !u  sagte  das  Pferd.  „Gut,  iss  denn  auch  dann,  wenn  du  nicht 
willst  !•  sprach  Christus  den  Fluch  über  das  Pferd  aus,  während  er 
den  Esel,  der  auf  seinen  Rul  selbst  das  schon  zwischen  seinen  Zähne» 
befindliche  Schilfrohr  fahren  liess,  segnete,  damit  er  auch  auf  einem 
Mistbaulen  überwintern  könne  Aehnlich  ergieng  es  auch  dem  Kuh- 
und  Schafhirten.  Früher  rasteten  die  Rinder  zur  Mittagszeit,  wahrend 
die  Schafe  von  den  Fliegen  geplagt  wurden.  Christus  änderte  an  der 
Sache.  Denn  als  er  einmal  Milch  vom  Kuhhirten  verlangte,  wollte  die- 
ser aus  seiner  Mittagsruhe  nicht  aufstehen,  während  der  Schafhirt  ihn 
bereitwillig  bediente.  ')  In  den  Kreis  der  Belohnung  und  Strategehört 
auch  die  folgende  ungar.  Sage:  .Christus  gieng  an  den  Schnittern 
vorbei  und  verlangle  Wasser.  Eine  heiratsfähige  Maid  brachte  ihm  so- 
gleich frisches  Wasser.  Als  er  nun  mit  Petrus  weiter  gieng.  trafen  sie 
einen  faulen  Hirten  an.  der  unter  einem  Birnbäume  den  Mund  offen 
haltend  lag  und  wartete,  dass  ihm  die  Birnen  in  den  Mund  fallen 
mögen.  Set.  Petnw  wollte  die  Maid  belohnen  und  den  Burschen  be- 
strafen, Christus  aber  verheiratete  sie  mit  einander,  damit  der  Faule 
neben  der  Fleissigen  leben  könne  und  nicht  zu  Grunde  gehe.u  *) 

Einer  Verwandlung  wird  nach  ungarischer  L'eberlieferung  auch 
das  Pferd  unterzogen  u.  zw.  durch  den  Teufel.  Es  heisst:  „Das  Pferd 
hat  der  Teufel  erschaffen;  da  es  aber  gar  zu  schnell  lief,  nahm  er 
ihm  einen  Gelenksknochen  heraus.  Auch  jetzt  noch  lief  das  Pferd  zu 
schnell  und  nun  band  er  ihm  eine  Fessel  (fesseiförmige  Muskel)  an  das 
Bein  Seither  läuft  es  nicht  so  schnell.  Hätte- dies  der  Teufel  nicht  ge- 
tan, so  wäre  das  Pferd  rascher  gelaufen,  als  der  Teufel. u  (Ö.-Szent-lvän). 
In  einer  Variante  heisst  es:  «Als  Gott  das  Pferd  erschaffen  hatte,  lief 
es  so  schnell,  dass  ihm  auf  der  weiten  Welt  an  Geschwindigkeit  kein 
Tier  nahe  kam.  Dies  grämte  den  Teufel  und  er  schnitt  ihm  in  alle 
vier  Beine,  damit  es  ihn  im  Laufen  nicht  übertreffe.  Seit  der  Zeit 
kann  das  Pferd  nicht  so  laufen,  wie  der  Teufel"  (Egyhäzas-Ke>).  Hie- 
her gehört  die  folgende  ungar.  Variante:  .Gott  erschuf  für  den  Adam 
ein  Pferd.  Adam  hatte  keine  Not  mit  dem  Pferde,  aber  als  ihn  Gott 
aus  dem  Paradiese  trieb,  ward  das  Pferd  gar  zu  schnell  fussig.  Er 
klagte  Gott,  dass  er  mit  dem  Pferde  nicht  mehr  umgehen  könne.  Da 
sagte  ihm  Gott,  er  solle  dem  Pferde  in  die  Beine  schneiden ;  so  wuchs 
demselben  das  Oberbein.  Adam  ward  dann  ein  Ackersmann. *  (Temes- 
köz-Lorinczfalva).  a)  Hier  spielt  Adam  die  Rolle  eines  Demiurgen.  Wo- 
raus nun  das  Pferd  erschaffen  ward,  darüber  erzählen  uns  auch  die 
ungarischen  Uberlieferungen:  „Pferde  hatte  Gott  nicht  erschaffen;  es 

')  Szeged  oepe  (Szeged's  Volk)  II.  140. 
»  Eben  da  II.  143. 

»>  Vgl.  Weil  a  ».  0.  8.  27.  40;  Zeitschr.  d.  deutsch,  morgenl.  Geaellschaft 

XXX.  189. 

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K0SM0G0NISCIIEN  SPÜREN  IN  OER  MAGYARISCHEN  VOLKSÜBERLIEFEKl  NO. 


gab  nur  Esel,  Pferde  aber  keine  Die  Teufel  aber  vermehrten  sich  so 
sehr,  dass  wohin  immer  Chrislus  gieng,  er  Überall  lauier  Teufel  sab. 
Die  Teufel  foppten  nun  Chrislus  und  er  machte  aus  ihnen  Pferde. 
Manche  Plerde  sind  auch  wie  die  Teufel.  Damals  war  das  Pferd  gar 
schnelllaufend;  es  lief  so  schnell,  dass  man  es  kaum  zum  Stehen  brin- 
gen konnte.  Da  schleuderte  Christus  ein  Beil  an  das  Pferd,  das  in 
dessen  Bein  eindrang.  Seit  der  Zeit  sieht  man  den  Beilschnitt  an  den 
Beinen  der  Pferde.  Das  Pferd  ergab  sich  hierauf  und  ist  nicht  mehr 
so  schnelllaufend. B  (Ö-Szent-Ivän).  Vgl.  hie/u  die  mongolische  Sage 
über  Sigemuni.  ')  Auf  welche  Weise  aus  Teufeln  das  Pferd  erschaffen 
wurde,  darüber  berichtet  die  ungarische  Tradition  also:  „Als  Gott  den 
Adam  ins  Paradies  berief,  erklärte  er  ihm,  dass  er  darin  leben  könne, 
wie  er  wolle,  nur  das  solle  er  einhalten,  was  er  ihm  befehle.  Der 
Pflug  ackerte  von  selbst,  denn  damals  gab  es  noch  keine  Pferde.  Der 
Teufel  trat  hinzu,  damit  er  an  sein  Wort  glaube  und  nicht  an  das 
Gottes;  aber  der  Pflug  ackerte  weiter.  Da  glaubte  ihm  Adam  und  der 
Pflug  blieb  stehen.  Da  gieng  Adam  zu  Gott  und  sprach:  .Herr,  meins 
Schöpfer,  der  Pflug  ackert  nicht  weiter !'  Hierauf  versetzte  Gott :  , Wa- 
rum hast  du  dem  Satan  geglaubt?  Wenn  du  dahin  zurückgehst,  so 
schleudere  den,  der  neben  dem  Pfluge  steht,  an  den  Pflug!*  Als  Adam 
zurückkehrte,  schleuderte  er  den  Teufel  so  an  den  Pflug,  dass  er  gleich 
in  ein  Pferd  verwandelt  wurde.  Da  sprach  Gott:  ,Spann'  ihn  ein,  da- 
mit er  den  Pflug  ziehe!  »Seither  zieht  das  Pferd  den  Pflug."  (Egyhazas- 
Ke>).  *)  Eine  andere  ungar.  Ueberlielerung  erzählt :  „  Als  Gott  den  Men- 
schen pflügen  lehrte,  kam  auch  der  Teufel  hinzu  und  disputierte  mit 
Gott,  dass  auch  er  zu  pflügen  verstünde.  Der  Teufel  sagte,  dass  er 
noch  vor  Hahnruf  den  Berg  aufackere  Als  er  die  Mitte  des  Berges 
pflügte,  schrie  der  Hahn.  Der  Teufel  liess  sogar  seine  Bundschuhe  zu- 
rück. Der  Teufel  hat  gerippte  Bundschuhe."  (Szeged-Madar&sztö).  In 
einer  anderen  ungar.  Ueberlielerung  wieder  heisst  es:  „Als  Gott  dem 
Menschen  das  Pflügen  gebot,  gab  er  ihm  einen  solchen  Pflug,  der  von 
selbst  gieng;  man  benötigte  kein  Pferd  dazu.  Gott  sagte  dem  Men- 
schen: er  solle  den  Pflug  nur  gehen  lassen,  wohin  er  (von  selbst) 
geht  und  ihn  nicht  anrühren.  Der  Teufel  kam  hinzu  und  sah.  dass 
der  Mensch  pflügt;  er  sprach  zu  ihm:  „Es  geht  nicht  gut,  es  geht 
nicht  grade!  kehr'  dich  herzu!  dann  wird  die  Furche  grade  sein.' 
Der  Mensch  wendete  den  Pflug,  berührte  ihn ;  der  Pflug  blieb  stehen, 
er  gieng  nicht  weiter.  ,Nun!'  sprach  der  Teufel,  ,ich  bringe  dir  schon 
vier  Pferde,  dass  er  gehen  wird !'  Der  Teufel  brachte  auch  solche  vier 
Pferde,  dass  der  Mensch  mit  ihnen  nicht  umgehen  konnte:  es  waren 
Teufel  und  nicht  Pferde.  Gott  kam  nun  zum  Menschen  und  sah,  dass 
er  mit  den  Pferden  nicht  umgehen  kann,  und  da  schlitzte  er  alle  vier 
Beine  der  Pferde  auf,  worauf  diese  alle  langsamer  gi engen.  Damals 
wurden  aus  den  Teufeln  Pferde;  man  darf  auch  den  Pferden  nicht 


t,  Sfqjer  a  I  0.  I,  641. 
»)  Vgl.  Weil  a.  ».  0.  40. 

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LUDWIG  KALMÄNY 


recht  trauen,  denn  sie  sind  aus  Teufeln  entstanden!"  (Szeged-Gajgo- 
nya).  In  Egybazas-Ke>  sagt  man  noch:  «Den  Teufel  schleuderte  der 
heil.  Petrus  an  die  Pflugschar;  so  wurde  er  ein  Pferd." 

Zum  Schluss  noch  eine  ungarische  Tradition  zu  diesem  Thema: 
„Als  Gott  den  Menschen  erschaffen  hatte,  gab  er  ihm  einen  Pflug. 
Dieser  Pflug  ackerte  von  selbst. Gott  sprach :  „Aber  schlag'  ihn  nicht 
in  die  Seite!"  Kam  hinzu  der  Teufel  und  zwang  den  Menschen,  da ss 
er  den  Pflug  in  die  Seite  schlage.  Aber  Adam  schlug  ihn  nicht.  Nun 
kam  Gott  und  frug :  rGeht  der  Pflug  gut?"  Adam  antwortet:  „Nicht 
besonders  gut!  Kam  her  ein  roter  Mann  und  sagte,  ich  möge  den 
Pflug  in  die  Seite  schlagen  *  „Nun  gut.  Adam,-  sprach  Gott,  „ich 
gebe  dir  einen  Zaun,  mit.  dem  schlage  dem  roten  Manne  an  den  Kopf, 
in  dieses  Geschirr  spanne  ihn  ein,  lass  ihn  auf  die  Weide  gehen; 
dann  kannst  du  den  Pflug  schlagen!"  Gott  gieng  weg  und  es  kam  der 
Teufel  und  sagte  wieder,  der  arme  Mensch  möge  den  Pflug  in  die 
Seite  schlagen.  Adam  schlug  den  Zaun  dem  Teufel  an  den  Kopf, 
spannte  ihn  ein  und  schlug  auf  den  Pflug.  Seit  der  Zeit  geht  der 
Pflug  nicht  mehr  von  selbst.  Der  Teufel  verwandelte  sich  in  ein  fuchs- 
rotes Pferd,  Adam  spannte  es  ein  und  seither  zieht  das  Pferd  den 
Pflug."  (Szeged-Kirälyhalom). 


Türkisches  Puppentheater.  *) 

Karag  öz-Schaokelspiel. 

Aufgezeichnet  u.  übersetzt  von  Dr.  Ignaz  Kunos. 

Hadsciwat  (trägt  hinter  der  Bühne  folgenden  Achtzeiler  vor): 

Ist  jede  Schöne  so  voll  Liebreiz  und  Schelmerei, 
Hat  sie  so  schöngefärbte  blaue  Augen? 
Ist  die  Liebe  der  Schönen  eben  so  heimlich? 
Schatz  meines  Lebens,  komm  und  lass  dich  nur  einmal  umarmen. 
Wo  weilst  du,  o  Holde,  wohin  soll  ich  kommen, 
Was  für  Leute  fragen,  wie's  dir  geht  und  wic's  mit  dir  steht  > 
Einmal  im  Monat  möcht'  ich  dein  Antlitz  schaun. 
Schatz  meines  Lebens,  komm,  lass  dich  doch  umarmen. 

(Nach  Beendigung  dieses  Achtzeilers  betritt  Hadseiwat  die  Bühne  und 
hebt  mit  den  Worten  ,0  Du  Geruhterl"  das  folgende  Bühnen-Ghasel  an 
eu  singen: 

Ohne  dass  die  Kerze  meines  Glückes  brennte, 

Strahlt  unser  Vorhang  im  Licht; 

Für  die,  welche  Aufmerksamkeit  haben, 


*)  Einleitung,  türkischer  Originaltext  und  Anmerkungen  im  nächsten  Hefte. 

14* 


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TÜRKISCHES  PUPPENTHEATER 


Ist  unser  Vorhang  reich  an  Reiz : 

Den  Vorhang  zieh'  vom  Auge  weg 

Und  nimm  Anteil  an  dieser  Rede! 

Glaube  nicht,  der  Vorhang  sei  von  Leinwand, 

Vollkommenheit  ist  unser  Vorhang. 

Der  ich  hinter  dem  Vorhang  hervorkomme, 

Ilad&eiwat  bin  ich,  der  für  Euch  betet; 

Wenu  dies  Schwarzauge  kommt, 

Macht  es  diesen  unseren  Vorbang  erbeben. 

(Nach  Beendigung  des  Ghasels  redet  er  folgendermasseu  zum  Publikum  :> 
Zuerst  habe  ich  ein  Schattenspiel  arrangiert,  habe  ein  Zelt  aufgeschla- 
gen, eiue  Kerze  angezündet ;  zeigen  möchte  ich  ein  Schattenbild ;  der  Scheich 
Küäteri,  unser  Altmeister  hat  es  mit  dem  Bemerken  gelehrt,  dass  Leute 
von  Empfindung  es  verstehen  sollten ;  wer  nun  Empfindung  hat,  versteht  es, 
den  andern  ist  das  Verständnis  nicht  möglich,  Gegenwart  der  Anwesenden, 
Versammlung  von  Kennern:  das  ist  hier  eine  Glttckszeit  für  Männer!  Ver- 
flucht ist  ein  Heuchler,  ein  Betrüger  ist  der  Satan.  Für  des  Satans  Gottlo- 
sigkeit, für  des  Allerbarmers  Einheit,  für  Tage  und  Augenblicke  und  Glück 
Sr.  Majestät  unseres  Grossherrn,  des  mächtigen,  gnädigen,  hochherzigen  Kai- 
sers, der  Zuflucht  (Stütze)  des  Weltgeistes,  insbesondere  aber  für  das  Wohl- 
sein der  Freunde,  die  uns  Bewunderung  zollen !  Das  heisst,  davon  will  ich  nicht 
sprechen,  wenn  froh  ich,  euer  Diener,  ich  euer  Fürbitter,  ich  der  Staub, 
ich  der  Staubbedeckte,  eine  Kurzweil  hatte,  das  für  mich  ein  Freund  wäre, 
dessen  Hand  und  Gesicht  gewaschen,  dessen  Worte  wohlgeordnet,  dessen 
Umgang  angenehm  wäre,  und  der  so  gut  wäre,  und  zu  dem  viereckigen 
Zelte  käme !  Versteht  er  Verse  und  Gedichte,  versteht  er  arabische  und 
türkische  Ausdrücke,  ist  er  auch  mit  der  Musik  etwas  vertraut,  höre  ich, 
wenn  er  redet,  und  hört  er,  wenn  ich  rede,  so  möchte  ich  sagen,  die  an- 
wesenden Liebhaber  sollen  ihr  Glück  finden!  Was  war  unsere  Aufgabe!  Un- 
ser Werk  möge  unser  Herr  richtigstellen! 

„Einen  Freund  mir  her,  einen  lustigen  Freund! 
Einen  Freund  mir  her,  einen  lustigen  Freund!" 

(So  ruft  er  und  sieht,  dass  von  Karagöz  kein  Laut  kommt.  Darauf 
fährt  er  so  fort :) 

Ach  mein  Karagöz,  mein  Schneeberg,  mein  Hyazinthengarten,  mein 
kameradschaftlicher  Freund,  mein  in  der  Fremde  mir  brüderlicher  Karagöz ! 
Ob  er  wohl  zu  Hause  ist  oder  in  der  Wildnis?  Ich  will  doch  hingehen,  an 
seine  Thüre  klopfen  und  ihn  einladen. 

Hadöeiwat  (an  des  K.  Türe  pochend) :  Karagöz,  he,  Karagöz ! 

Karagöz  (sieht  aus  dem  Fenster):  Was  gibt's,  o  Hadseiwat? 

H.  Du  bist  geboren  wie  ein  Mond  zwischen  zwei  Wolken ;  ein  Giess- 
bach  ist  gekommen  und  hat  die  Traufe  überströmt. 

K.  Mache  dich  fort,  du  ersäufst. 

H.  0  weh,  Bruder,  wodurch? 

K.  Durch  den  Giessbach. 

149 


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DR.  IONÄZ  KÜN08 


H.  Komm,  Karagöz,  Karagöz! 

K.  Hast  du  eioe  schwarze  Traube  in  der  Hand?  Machst  du  ein  Lamm 
von  Mali*  *)  zahm? 

H.  Komm,  mein  holder  Freund! 

K.  Ich  kann  nicht  kommen,  mein  alter  Vater. 

U.  Komm,  meine  Herzenswonne  ! 

K.  Ich  kann  nicht  kommen,  Markt-Kaldaune ! 

H.  Komm,  raein  herumstreichender  Wandrer! 

K.  Pack  dich  fort;  wenn  ich  herunterspringe,  bei  Gott,  so  zerquet- 
sche ich  dir  das  Gehirn! 

H.  Versteht  Ihr  Armenisch,  Herr? 
K.  Ja  wohl. 

H.  Egörnajym,  egörnajym.  **) 

K.  Stell s  Horten  hin,  ich  nehra's  dann  hin  und  drück's  auf  deines 
Vaters  Schnurbart. 

H.  Könnt  Ihr  Griechisch,  Herr? 
K.  0  ja. 

H.  Elado,  Elado! 

K.  Hältst  du  so  die  Hand  voll,  so  lege  die  Hälfte  davon  dorthin. 
H.  Versteht  Ihr  Bulgarisch,  Herr? 
K.  Gewiss. 

H.  l'edi  suda,  pedi  suda! 

K  Fällt  die  Kuh  da  ins  Wasser,  so  pack  sie  am  Schwänze  und  zieh'  sie  heraus ! 

H.  Könnt  Ihr  Jüdisch,  ')  Herr  ? 

K.  Ja  wohl. 

H.  HYnaitf,  wcnaki! 

K.  Spende  viel  *),  so  kriegst  du  Schnapps. 
II.  Könnt  Ihr  Italienisch,  Herr? 
K.  Ja  wohl. 

H.  Veni  quä,  veni  quä ! 

K.  „Fehlt  Dir  was",  so  flick  das  Loch  8),  was  geht's  mich  an? 
H.  Versteht  Ihr  Zigeunerisch  Herr? 
K.  Ja  wohl. 
H.  Udtldn! 

K.  Sorarolu  ')  (mit  diesem  Worte  kommt  er  herunter). 
H.  Was  bedeutet  das  denn,  Bruder  \ 

K.  Was  schert  dich's!  sag   (Irap.)  „sos  körös"  *)  und  damit  gut. 
H.  Man  kann  auf  das,  was  man  nicht  versteht,   keine  Antwort  ge- 
ben; was  bedeutet  das  und  was  für  eine  Nation  bat  diesen  Gruss? 


*)  eine  Stalt  unweit  lirussa. 

**)  dies  wie  alle  folgenden  fremden  Ausdrücke  bedeuten  BK»»mm  her!* 

')  nähralich  da«  spanische  Jüdisch. 

9  eig.  -Her  mit  dem  Geld,  so  kriegst  Du  Schnaps." 

»)  eig.  „Gib  .'s  ein  Loch,  so  flick'  na !" 

*)  zigeunerisch:  rHicr  bin  ich."  Karagöz  versteht  Zigeunerisch,   eine  Bestä- 
tigung der  Vermutung,  dass  er  ursprünglich  als  Zigeuner  gedacht  wurde. 
f)  Zigeunerisch  iso  keres):  „was  machst  du? 

15" 


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TCRKISCHES  PUPPENTHEATER 


K.  Die  Zigeaner. 

H.  Ich  hab's  nicht  verstehen  können,  Herr. 
K.  Die  Zigeaner,  sag'  ich,  mein  Herr. 
H.  Öengel  l)  sagt  nicht,  Herr. 

K.  Nein,   nach    FFan/-köi  ist  er  gegangen.   Warum   sagst  da  das,  • 
fierl?  Die  T Zigeuner",  sag'  ich. 

H.  Ich  kann's  nicht  verstehen,  Herr. 

K.  Wir  machen  Kohlenbecken  und  Feuerzangen. 

H.  Seit  Ihr  das  Kohlenbecken-  und  Feuerzangen- Volk  ? 

K.  Nein,  das  Fcuerschaufelvolk ;  Leute  von  Aiwän-Serai,  von  „Aiinin- 
Äroi.- 

H.  Die  Quitte  ist  gelb  geworden?  *) 

K.  Ha    gleich  wird  der  Apfel  in  deinem  Gesicht  rot  werden;  Zelt- 
insassen sind  wir,  Zeltinsassen. 
H  Gelbes  Leder,  Herr? 

K.  Nein,  rotes  Saffian;  aus  Sulu-Kule  sind  wir,  aus  Sulu-%uU. 
H.  Sohle  gibt's  in  der  Kahle? 

K.  Da  gibt's  für  deinen  Schädel  einen  Faustschlag,  nimmst  da  den 
An?  Zigeuner!  (mit  diesen  Worten  gibt  er  ihm  eine  Ohrfeige). 
H.  Kann  nicht  verstehn,  Herr. 

K.  Zigeuner!  (nachdem  er  dies  laut  gerufen,  gibt  er  dem  HadSeiwat 
-eine  Backpfeife,  der  macht  sich  fort).  Zu  welcher  mich  berührenden  Ange- 
legenheit ist  das  nötig,  (zieht  sich  ins  Haus  zurück,  klopft  an  das  Tor)? 

Seine  Frau.  Wer  da?  iruft). 

K.  Mach  auf,  Alte!  ich  bin  gekommen. 

Frau:  Wer  bist  du? 

K.  Der  Mann,  der  die  Abende  Licht  und  Brot  bringt. 
Frau.  Ein  Krämer  bist  du? 

K  Nein,  ein  Grünhändler  bin  ich  Weshalb  fragst  du,  mein  Herrchen, 
dein  Mann  bin  ich? 

Frau:  Was  für* ein  Mann  von  mir  bist  da? 

K.  Wieviel  Männer  hast  du  denn  ?  Der  Haasherr  bin  ich,  der  Hausherr. 
Frau:  Der  Hausherr  seid  Ihr,  Herr? 
K.  Ei  ja. 

Frau :  Ach  Herr,  verzeiht,  gestern  abends  habe  ich  dort  mit  dem 
Agha  sogar  noch  eine  Unterredung  gehabt,  wir  haben  die  Miete  nicht  auf- 
bringen können;  will's  Gott,  so  bringen  wir  sie  in  1,  2  Tagen  zusammen 
und  zahlen  sie. 

K.  Mensch,  *)  so  ein  Hausherr  ist's  nicht;  ach,  wie  soll  man  der 
sich  verständlich  machen  (mit  Mühe  macht  er  ihr's  klar  and  lässt  sie  die 
Tür  öffnen). 

Frau :  Du  bist  es? 


•)  an  „Cingane"  (Zigeuner)  anklingend,  die  Bedeutung  ist  „Haken."  Cengel- 
fcöi  und  Wani-köi  Bind  zwei  Dörfer  am  asiatischen  Bospornsufer,  dieses  Arnautköi, 
jenes  Ortaköi  gegenüber. 

f)  Dies,  narnl.  aiwa  sarardy  bat  er  statt  aiwan  S.  verstanden. 

*)  Ulan  Bursch  --  werden  in  dieser  Weise  auch  Frauenangeredet 

151 


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4 

DR.  IGNAZ  KÜNOS 


K.  Ja  wohl,  ich. 

Frau:  Wieder  bist  da  gekommen,  indem  da  deine  Hand  so  hin  nnd 
her  schlenkerst?  *) 

K.  Nein,  ich  habe,  beide  Hände  in  meine  Tasche  gesteckt  und  bin 
so  gekommen. 

Frau :  Was  habe  ich  um  dich  aushalten  müssen :   Das  Fleisch  sehe 
ich  O  beim  Metzger,  das  Obst  beim  Fruchthändler. 
K.  Sei  doch  dankbar  1 

Frau:  Dafür,  dass  ich  Hungers  sterbe,  soll  ich  Dank  sagen? 

K.  Und  wenn  nun  deine  Augeu  bliud  wären,  und  du  keins  von  bei- 
den sehen  würdest  P 

Frou:  Marsch,  geh  wenigstens  und  hole  ein  bischen  Reis,  für  die 
Kinder  will  ich  etwas  kochen,  dass  sie  essen. 

K.  Gib  nur  das  Geld  dafür  her,  ich  will's  schon  holen 

Frau:  Und  hernach  wenn  ich  das  Geld  hergegeben  habe,  wovon  bist 
du  denn  der  Geraahl? 

K.  Gib  das  Geld,  dann  bist  du  mein  Gemahl. 

Frau :  Was  habe  ich  von  deiner  Hand  zu  leiden  gehabt  ?  (Über  diese 
Worte  gibt's  mit  Karagöz  Zank  und  Lärm,  sie  wirft  den  K.  hinaus,  und 
der  fängt  draussen  zu  weinen  an). 

HadSeiwat  (kommt  und  sieht  den  K.  weinen):  0  je,  Bruder,  warum 
hältst  du  dich  um  Mitternacht  hier  auf? 

K.  Frage  nicht,  Had§eiwat,  frage  nicht,  ich  kam  nach  Hause,  ereiferte 
mich  gegen  die  Frau,  prügelte  sie  gehörig  und  warf  sie  hinaus. 

H.  Warum  hältst  du  dich  (denn)  hier  auf? 

K.  Da  misch  dich  nicht  hinein,  ich  habe  den  Stock  zu  schmecken 
bekommen. 

H.  Bruder,  sage  mir,  was  für  eine  Sache  der  Grund  davon  war. 

K.  Ich  kam  heim,  und  da  ich  sagte:  „Was  habe  ich  von  dir  auszu- 
stehen !u  hat  sie  mich  hinausgeworfen. 

H.  Bruder,  die  Schuld  liegt  an  uns,  wir  tun  keine  Arbeit  noch  Verrichtung. 

K.  Was  sollen  wir  tun,  welche  Arbeit  und  Verrichtung  sollen  wir 
besorgen  ? 

H  Ich  besitze  eine  Schaukel :  (Sallynd&ak)  wenn  ich  die  hieher  (eig. 
an  den  Platz  dieses  Ortes)  brächte,  und  wenn  du  ein  ordentlicher  Kerl  bist, 
können  wir  etwas  Geld  verdienen. 

K.  Kerl,  was  habe  ich  in  Salad&ak  a)  zu  thun?  werde  ich  in  Sa- 
lad&ak  Geld  verdienen? 

H.  Nein,  mein  Bruder,  das  ist  nicht  gemeint,  sieh  nur  einmal  (bi- 
kerre)  her,  du  missverstehst  (mich),  eine  Bairamtviege. 

K.  Eine  Bairameiege,  •)  was  für  eine  ist  das? 


>)  Beschreibung  der  mechanischen  GebKrd<*n  des  Karagöz. 
*)  ohne  Geld  zum  Einkauf  zu  haben. 
»)  ein  Dorf  nahe  Ismid. 

*)  eig.  Bairam- Esel,  in  dem  K  eseji  für  beiyi  verstanden  haben  will.  Weil 
am  Beiram  auf  dem  Moscheehofe  eine  Schaukel  aufgestellt  wird,  so  nennt  man  diese 
auch  Bairamwiege. 

162 


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TÜRKISCHES  PUPPENTHEATER. 


H.  Bruder,  das  nicht,  eine  Schaaken 

K.  Bring  sie  her,  wollen  sehn,  was  das  für  ein  Ding  ist  (Er  bringt 
die  Schaukel  und  stellt  sie  auf  den  Platz).  Eine  Bairamwiege  ist  das?  Gut, 
Hadseiwat.  sehr  gut. 

H.  Sieh,  Bruder,  ich  werde  nun  Kunden  kommen  lassen;  so  viel 
Piaster  du  (dann)  erhandelst;  sind  z.  B  100  Piaster  zusammengekommen, 
diese  1 00  Piaster  teilen  wir  in  3  Teile,  einen  für  dich,  einen  fttr  mich,  und 
einen  für  die  Schaukel. 

E.  Hadseiwat,  hat  die  Schaukel  auch  eine  Seele  ?  Ich  —  ja,  du  —  ja,  die 
Schaukel,  von  welcher  Art  ist  die  denn? 

H.  Bruder,  daran  gibt's  Reparaturen,  daran  gibt's  Farbe,  deswe- 
gen teilen  wir  in  drei  Teile. 

K.  Je.  meinetwegen. 

H.  Vorwärts,  jetzt  steige  auf  die  Schaukel,  und  ich  will  dich  leh- 
ren, wie  du  die  Kunden  schaukeln  wirst. 

K.  (steigt  auf  die  höchste  Spitze  der  Schaukel)  Vorwärts,  Hadseiwat, 
schaukele. 

H.  (sieht  nach,  und  wird  gewahr,  dass  Karagöz  nicht  in  der  Schau- 
kel sitzt,  sondern  bis  auf  die  Höhe  des  Gerüstes  gestiegen  ist).  Steige  he- 
runter, du  wirst  die  Schaukel  zerbrechen. 

K.  Kerl,  hast  du  nicht  gesagt,  ich  sollte  hinaufsteigen,  sieh,  nach 
deinem  Wort  bin  ich  hinaufgeklettert. 

H.  Nein,  wenn  ich  sagte,  du  solltest  hinaufsteigen,  so  meinte  ich 
nicht  hinauf,  sondern  dass  du  dich  unten  auf  die  Sckaukel  setzen  solltest. 

K.  Stelle  dich  hinter,  dass  ich  nicht  falle,  schaffe  mich  hinunter.  (Er 
tritt  auf  Hadseiwats  Schulter  und  hebt  an  denselben  zu  fragen).  Hadseiwat, 
gehört  diese  Schaukel  dir  oder  deinem  Vater? 

H.  Kerl,  schnell  steige  ab,  die  Schulter  thut  mir  weh. 

K.  Nein    die  Schaukel  ist  schön,  deshalb  frage  ich. 

H.  (wirft  bei  diesen  Worten  den  Karagöz  von  seiner  Schulter  auf  die  Erde). 

K.  0  weh!  (zu  Boden  fallend). 

H.  Schurke,  ich  habe  dir  gesagt,  du  sollst  unten  hingehn,  ich  wollte 
dich  schaukeln;  habe  ich  otwa  gesagt,  du  solltest  oben  hinauf  gehn? 

K.  (legt  sich  der  Länge  nach  unter  die  Schaukel).  Schaukele  Hadseiwat. 

H.  (sieht,  wie  er  unter  der  Schaukel  liegt).  Steh  von  da  auf, 
Schurke  (bei  diesen  Worten  erhebt  sich  Karagöz  und  stosst  gleichzeitig  mit 
dem  Kopfe  an  den  Schaukelstuhl). 

K.  0  je  (erhebt  sich):  Kerl,  ich  bin  hinaufgestiegen  und  du  hast  ge- 
sagt, ich  sollte  nicht  hinaufsteigen,  dann  habe  ich  mich  darunter  gelegt,  und 
du  hast  meinen  Kopf  daranstossen  lassen  (damit  gibt  er  dem  Hadseiwat  eine 
Ohrfeige). 

H.  (lehrt  ihn  etwas  sich  schaukeln).  Bleibe  du  hier,  ich  will .  dir 
jetzt  einen  Kunden  schicken  (damit  geht  Had§.  fort). 

K.  Schicke  du  nur  den  Kunden;  Geld  Dir?  l)  Geld?  Nicht  einmal 
einen  Heller  gebe  ich. 


»)  ich  soll  dir  Geld  geben  ? 
HerrratoD,  Ethnologisch«  Mittoilangra,  II.  158 


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DR.  1GKAZ  KUNOS 


11.  (Kehrt  wieder  um).  Was,  Karagöz.  Geld  Dir?  Geld?  so  etwas 
sagtest  du;  was  war  das? 

K.  Ich  sagte:  Wenn  wir  hoffentlich  Geld  gewinnen  und  Frau  Hahbe 
kommt  zu  uns  zu  Gast,  so  wollte  ich  einen  Honigkuchen  machen 

H.  Hoffentlich  Karagöz  (geht  ab). 

K.  Geld?  Dir?  Gold?  Einen  Knüppel  möchte  ich  dir  nachwerfen, 
dass  du  das  nehmen  konutest  und  weggiengest. 

H  (Kommt  wieder).  Wieder  hast  du  da  Worte  gesprochen,  was 
war  das? 

K.  Ich  sagte :  Wenn  wir  Geld  verdienten  und  man  aus  dem  Hause 
„Holz!"  riefe,  wollte  ich  Holz  kaufen. 

H  Jetzt  kommen  Kunden  (sagt's  und  geht  fort.  Mit  folgendem 
Liede  tritt  nun  eiu  Bej  auf :) 

„Liebe  ergriff  mich  zu  dir,  o  du  mit  dem  Knospenmunde 
Mit  unauslöschlichen  Flammen  branntest  du  mir  ins  Herz  die  Wunde, 
Was  sollte  werden,  hätt'  ich  dich  nicht  erschaut,  zur  Stunde ! 
Mit  unlöschbaren  Flammen  branntest  du  ins  Herz  mir  die  Wunde." 

Bej.  Ich  grüsse  Euch,  Schaukelvater!  Die  Schaukel  des  Herrn  Had&ei- 
wat  soll  hier  sein ;  ist  dies  eine  Schaukel  ? 

K  Marsch,  geh  an  deine  Arbeit,  wer  ist  HadSeiwat.  wer  ist  Schau- 
kel? Die  Schaukel  ist  mein;  sieh  mal    was  der  da  für   Geschwätz  macht. 

Bej.  Was  geht  mich  das  an?  Mag  sie  dir  oder  dem  Had&eiwat  gehö- 
ren! Esel  von  einem  Menschen,  was  fährst  du  mich  so  an? 

K.  Nein,  mein  Sohn,  du  bist  auf  einmal  gekommen  und  hast  gesagt, 
hier  sei  des  Had$eiwat  Schaukel.  Aber  woher  sollte  ein  so  blutarmer  Tropf 
wie  Hadseiwat  eine  Schaukel  baben? 

Bej.  Ich  bin  gekommen,  um  mich  zu  schaukeln,  wieviel  habe  ich  zu 
zahlen  ? 

K  Gib  tOOO  Piaster,  mein  Sohn 

Bej.  Väterchen,  will  ich  denn  die  Schaukel  kaufen? 

K.  Mein   Sohn,  ich  habe  die  Schaukel  für  600  Piaster  machen  lassen. 

Bej.  100  Piaster  will  ich  geben,  nun  schaukele  mich. 

K.  Mein  Sohn,  für  weniger  als  6  Para  schaukele  ich  nicht. 

Bej.  Sind  100  Piaster  mehr  oder  6  Para? 

K.  Hast  du  „100  Piaster"  gesagt,  so  ist's  damit  Ende;  6  Para  - 
sieh,  wie  viele  Para  das  sind:  1  2  3  4  5  6,  wie  viel  ist  das? 

Bej.  Du  scheinst  ein  dummer  Mensch  zu  sein.  Ich  gebe  dir  100 
Piaster  und  (noch)  6  Para.  dann  schaffe  imich)  die  Schaukel  hinauf! 

K.  Kannst  du  nicht  von  selber  daraufsteigen? 

Bej   0   du  Esel   von  Kerl  du,  spricht  man  so  zu  einem  Kunden? 

K.  Ich  will  (dich)  hiuaufschaffen. 

Bej.  Väterchen,   drücke  mir  das  Bein  nicht! 

K.  Da  sagst  du  aber  die  Unwahrheit,  nicht  einmal  meine  Hand  habe 
ich  (darüber)  gestrichen 

Bej.  Vorwärts,  Väterchen,  schaukele,  »ollen  sehn! 

.  i:>l 


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TÜRKISCHES  PUPPENTHEATER 


K.  (schaukelt  1,  2-mal)  Du  stösst  deineu  einen  Schuh  an  meine 
Nase  (sagt's  und  schaukelt  nicht  mehr). 

Bej.  Ich  will  mich  nur  wenigstens  seiher  schaukeln  (der  Bej  schau- 
kelt sich). 

K  Es  brennt  (schreit). 

Bej.  0  je,  Vaterchen,  brennt  eine  Stelle  an  dir? 

K.  Kein,  mein  Sohn,  dir  Schaukel  macht  eine  Pause. 

Bej.  Kimm  die  100  Piaster  da  und  die  6  Para! 

K.  Sakyn?  Hüte  dich,  mein  Sohu  wenn  du  dem  Hadseiwat  begegnest, 
so  sage  ihm  nicht,  dass  du  dich  auf  der  Schaukel  geschaukelt  und  Geld  gege- 
ben hast. 

t  i 

Bej  Was  schert  das  mich!  [geht  ab.  Hadseiwat  kommt  von  der  ande- 
ren Seite  her.  Als  Karag.  den  Hads  kommen  sieht,  legt  er  sich  nieder  und 
schläft.] 

H.  Nun  sieh  einmal  den  da,  die  Schaukel  hat  er  rubn  lassen  und 
schläft.  Karagöz,  be  Karagöz ! 

K.  Hurr  .  .  poff  .  .  .  (schnarcht). 
H.  (weckt  den  Kar.)  Was  schläfst  du? 

K.  Was  soll  ich  tun,  kein  Kunde  ist  gekommen,  das  wurde  mir  lang- 
weilig, nun  schlafe  ich. 

H.  Ist  nicht  jetzt  eben  ein  Bej  zu  dir  gekommen  und  hat  sich  ge- 
schaukelt ? 

K.  Kiemand  ist  gekommen,  da  bin  ich  vor  Langweile  eingeschlafen. 
H  Hat  er  nicht  sich  geschaukelt  und  dir  100  Piaster  und  6  Para 
gezahlt? 

K.  Kiemand  ist  zu  mir  gekommen  (fängt  an  zu  weinen). 
H  Ich  werde  den  Kerl  schon  später  drankriegen  (Geht  ab.  —  Mit  einem 
Liede  kommt  eine  Dame). 

Dame    Guten  Abend,  Väterchen  mit  der  Schaukel! 
K.  Danke  schön,  meine  junge  Spielzeug-Verkäuferin! 
Dame.    Weisst  du,  weshalb  ich  hiehcr  gekommen  bin? 
K.  Weshalb  bist  du  gekommen? 

Dame.  Hier  soll  des  Herrn  Hadseiwat  Schaukel  sein ;  ich  bin  gekom- 
men mich  zu  schaukeln 

K.  Jetzt  sei  böse  auf  da*  Mädchen  wenn  du  kann-t. 

Dame  Soeben  ist  mein  Bruder  gekommen,  hat  sich  hirr  geschaukelt 
uud  100  Piaster  6  P  gegeben,  ich  will  mich  nun  auch  schaukeln. 

K.  Eben  habe  ich  ihn  ermahnt,  es  nicht  zu  sagen,  und  nun  hat  er 
es  doch  jedermann  gesagt 

Dame.  Vorwärts,  schaukle,  aber  allein  kann  ich  mich  nicht  schaukeln ; 
marsch,  mit  dir  will  ich  den  Gurt,  schlagen.  l) 

K.  (steigt  mit  der  Dame  auf  die  Schaukel,  schaukelt  sich,  kann  sich 
aber  nicht  halten  und  fällt  herunter).  Au! 

Dame.  Weshalb  bist  du  gefallen? 

K.  Mir  wurde  Obel,  (eig.  meine  Galle  erhob  sich),  da  fiel  ich. 


•)  =  uns  vii-Ä-via  darauf  setzen  und  die  B^iue  umeinander  s.ht.gen. 

155  11* 


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DR.  1GNAZ  KÜNOS 


Dame.  Wenn  das  so  ist,  will  ich  mich  allein  schaukeln,  (tut  es). 
K.  Es  brennt!  (schreit). 

Dame.  Eins  Stelle  an  dir  brennt?  (steigt  herunter). 

K.  Nein,  mein  Töchterchen,  die  Schaukel  hat  eine  Pause  gemacht. 

Dame.  Nimm  das  Geld  da,  ebenso  viel  als  mein  Bruder  gegeben. 

K.  Wenn  du  dem  Hadseiwat  begegnest,  sage  nichts 

Dame.  Was  schert  mich  das?  (ab). 

K.  (fängt  an  das  Geld  zu  zählen,  Hadgeiwat  kommt,  macht  an  einem 
Kopfende  halt  und  sieht  zu). 

H.  Karagöz,  was  machst  du  (da)? 

K.  iwird  verdutzt  und  fängt  an  „Fünf  Steine''  ')  zu  spielen).  Fünf 
und  fünf  sind  2  X  5,  5  kam  aus  5,  der  Mieter  zog  aus  dem  Hause. 

H.  Karagöz,  was  hast  du  denn  gemacht? 

K.  Ich  langweilte  mich,  da  habe  ich,  „Fünf  Steine"  gespielt. 

H.  Jetzt  (eben)  kam  doch  ein  Bej  und  eine  Dame,  nicht  wahr,  alle 
beide?  Gaben  sie  nicht  200  Piaster  und  12  Para? 

K.  Nein,  mir  nicht,  sprichst  du  Verleumdungen  aus  ?  Seit  kurzem  lang  - 
weile  ich  mich,  Geld  habe  ich   nicht  verdienen  können  (fängt  an  zu  weinen) . 

H.  Ich  ertappe  dich  sofort!  (geht  in  sein  Haus,  zu  seiner  Tochter). 
Mein  Mädchen,  gib  mir  da  das  Kleid  deiner  Grossmutter  (sagt's  und  kommt 
dann  verkleidet  mit  einem  Liede  zur  Schaukel;  zu  Karagöz).  Guten  Tag, 
Schaukeldirector. 

K.  Guten  Tag,  Hexe. 

H.  Dass  dir  die  Knochen  knacken,  woher  soll  ich  eine  Hexe  sein? 
Ich  bin  hieher  gekommen,  um  mich  zu  schaukeln. 

K.  Geh  du  und  mag  dich  der  Totengräber  schaukeln! 

H.  A,  was  soll  das  heissen?  Mein  Sohn  da  und  meine  Tochter  sind 
gekommen  und  haben  sich  hier  geschaukelt,  nun  möchte  ich  mich  auch 
schaukeln. 

K.  Was  geht  das  dich  an?  Hier  kannst  du  dich  nicht  schaukeln.  Auf 
dieser  Schaukel  wird  nur  für  viel  Geld  geschaukelt,  wie  viel  Geld  kannst 
du  zahlen? 

H.  Das  soll  wol  heissen,  das  hier  ist  immer  im  Betriebe. 

K.  Freilich,  es  ist  im  Betriebe 

H.  Ist  nicht  Hadäeiwat  dein  Teilhaber? 

K.  Was  kümmert  das  dich? 

H.  Gehört  ihm  nicht  von  dem  Gelde,  das  du  verdienst,  die  Hälfte? 
K.  Woher  gehörte  dies  ihm? 

H.  Was  heisst  das?  ist  er  nicht  dein  Associä?  Schändlich,  das  ist 
Unrecht. 

K.  Als  wäre  er  mein  Associe,  fragt  er  von  mir  die  Rechnung 
H.  Karagöz!  (entschleiert  sein  Gesicht). 

K.  Je  Hadfieiwat,  ich  erkannte  dich  und  habe  es  absichtlich  so  ge- 
macht, (sein  Gesicht  auf  die  andere  Seite  wendend).  Man  soll's  glauben,  ich 
kannte  ihn  nicht,  (schämt  sich  vor  sich  selbst). 


»)  Tric-trac. 

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TCRK18CHE8  PUPl'KNTHEATER 


H.  Sieh,  ich  fasse  den  Kerl,  Gaunerei  treibe  nicht!  (ab)  (Mit  einem 
Liede  tritt  laut  schreiend  Deli  Bekir  auf) 

Bekir.  Höre,  Weinwirt,  gib  doch  nur  eins  her! 

K.  Je,  der  Mensch  meinte,  hier  wäre  eine  Weinwirtschaft;  hier  ist 
eine  Schaukel,  Väterchen. 

Bekir.  Wenn's  nicht  eins  sein  kann,  dann  gib  zwei  her! 

K.  Wahrhaftig,  der  Kerl  hat  das  hier  für  eine  Weinschenke  gehal- 
ten. Höre,  hier  ist  die  Bairamwiege,  die  Bairamwiege. 

Bekir.  He,  man  soll  mich  schaukeln,  aber  sowol  einschläfern  als 
auch  aufwecken,  zum  Weinen  wie  zum  Lachen  bringen! 

K.  Du  schaukelst  dich  ja  von  selbst,  was  willst  du  noch  mit  diesem 
Schaukeln  machen? 

Bekir.  Was  habe  ich  denn  alles  zusammen  genommen,  10  Mass 
Schnaps,  9  Mass  Wein. 

K.  Da  hast  du  wenig  getrunken,  du  hättest  Onkel  Dimitris  Weinhaus 
in  deine  Tasche  stecken  sollen. 

Bekir.  Lass  (mich)  auf  die  Schaukel  steigen.  (Kar.  lässt  ihn  hinauf- 
steigen und  fängt  an  zu  schaukeln,  Bekir  schläft  ein,  es  wird  ihm  übel  und 
er  steigt  herunter).  Halt,  ich  werde  dir  Geld  geben  (speit  in  die  Schaukel). 

K.  Jetzt  verweigere  dem  HadSeiwat  sein  Recht!  (ruft  den  Had§.). 

H.  Karagöz,  soll  ich  Gewicht  und  Wage  (terazy)  bringen? 

K.  Nein,  bring  2  Kimer  Wasser  und  einen  Schwamm!  Sieh,  HadS., 
ich  dein  Recht,  in  der  Schaukel,  da  (hast  du's). 

H.  (sieht  sogleich  in  die  Schaukel).  Pu  (fährt  zurück). 

K.  Pfui!  (fährt  gleichfalls  zurück). 

H.  Den  Hund  lässt  man  zu  dem  schleppen,  der  ihn  getötet  hat  (ab). 
Kar  (reinigt  das  Innere  der  Schaukel  ein  bischen). 

Mit  folgenden  Liede  kommt  ein  Jude: 

Durch  das  Tor  von  Balat  kam  ich  herein  ; 

Da  sassen  die  spanischen  Jüdinnen  in  zwei  Reihen: 

Ist  es  lange  hur,  dass  raein  Liebchen  hier  vorbeikam? 

Am  Tore  von  Balat  hab'  ich  es  gesehn. 
Blau  ist  seine  Hose,  weiss  seine  Unterhose, 
(iar  schön  ist  mein  Lieb,  zierlich  seine  Art. 

Jude.  Guten  Abend,  Schaukelvater  „Kara-ujaz".  *) 
Kar.  Dein  Hinterer  soll  leben,  Schacherjude ! 

Jude.  Vorwärts  an  deine  Arbeit.  Roton -Wasser,  Lotterbubensohn  und 
Lümmel;  sieh  nur  die  Fratze  in  Kartoffelform,  ein  Abtritt  der  Muselmän- 
ner! Vorwärts,  ich  bin  schaukeln  gekommen:  für  wieviel  Piaster  leckst  du 
mir  den  

Kar.  Schacherer,   mach  nicht,  dass  ich  anfange  zu  schimpfen! 

Jude  Wenn  du  nun  für  so  und  so  viel  Geld  mir  den  leckst, 

wirst  du  mich  dann  schaukeln? 

*)  schwarzer  rnn<liger. 

»57 


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DR    IGNAZ  Kt'XOS 


Kar  Kerl,   wie  viel  kannst  du  zahlen? 

Jude.   Vorwärts,  2  Fünfer  will  ich  geben,  schaukele  mich! 

Kar  Geht  nicht! 

Jude.  Vorwärts,  4  Hunderter  sollen's  sein! 
Kar  Geht  nicht ! 

Jude  Vorwärts,    8  Fünfziger  möj;en\s  sein! 
K.  Geht  nicht! 

Jude   Vorwärts,  16  Fünfundzwanziger ! 

K.  Vorwäits,  her  mit  den  Geld.  Schacherjud! 

Jude.  Da  hast  du  2  Fünfer! 

K.  Kerl,  das  sind  ja  10  Piaster. 

Jude.  Fängt  das  Handeln  immer  wieder  von  neuem  au? 
K   Du  wolltest  doch  16  Fünfundzwanziger  geben 
Jude.  Sind  das  nicht  genau  10  Piaster? 

K.  (rechnet  und  sieht,  dass  es  genau  10  P  sind)  Er  hat  mich  be- 
schwatzt, es  ist  ein  Jude  (lässt  ihn  in  die  Schaukel  steigen). 

Jude.  Sieh  dich  mal  an,  Kara-ujaz:  wenn  ich  sage  „Schaukele",  so 
tust  du's  nicht,  und  wenn  ich  sage  „Schaukele  nicht",  so  tust  du'a. 

Kar.  0  du  verdrehter  Kerl  du! 

Jude.  Schaukle  nicht! 

K.  Ich  schaukle  ja  nicht. 

Jude.  Willst  du  nicht  schaukeln? 

K.  Nein! 

Jude.  Schaukle! 

K.  (fängt  an  zu  schaukeln). 

Jude  Schaukle  nicht!  (bei  diesem  Wort  lässt  er  ihn  von  der  Schau- 
kel fallen,  und  der  Jude  wird  ohnmächtig.  Als  Karagöz  das  sieht,  läuft  er 
in  sein  Haus). 

H.  (Kommt,  sieht,  dass  der  Jude  gefallen  und  bewusstlos  geworden 
ist,  nimmt  die  Schaukel  zusammen  und  geht  (wieder  fort). 

K.  (sieht,  dass  der  Jude  da  liegt,  und  legt  sich  selbst  neben  ihn.  Der 
Jude  kommt  wieder  zu  sich,  sieht  den  Karagöz  neben  sich  liegeu,  gibt  ihm 
ein  paar  Packpfeifen  und  legt  sich  wieder  hin). 

H.  (Kommt  und  sieht  den  Karagöz  da).  Junge,  Karagöz,  du  hast 
den  da  von  der  Schaukel  und  in  Ohnmacht  fallen  lassen,  wir  wollen  nun  sei- 
nen Gesellen  Nachricht  geben,  und  die  sollen  ihn  in  sein  Haus  schaffen. 
(Sie  melden  es,  die  nehmen  den  Juden  und  bringen  ihn  nach  Hause.  Zn 
Karagöz):  Was  für  Sachen  hast  du  gemacht? 

K.  Deine  Mutter  sollen  die  Christenpfaffeo  und-  Mönche  ins  Gerede 
bringen ! 

II  Guten  Erfolg !  Du  hast  die  Bühne  vernichtet  und  zerschlagen  (?) ; 
ich  will  gehn  und  dem  Besitzer  Nachricht  geben. 

K.  Alle  Redefehler,  die  wir  gemacht  haben,  möge  man  verzeihen  ! 
(macht  die  Grussgebärde  und  geht  ab) 


1.M 


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RECHT  UND  UNRKCH.  

Recht  und  Unrecht. 

Ein  magyariaches  Märchen  mit  seiuen  Varianten  und  Parallelen. 

Von  Dr.  L.  Katona. 

II.  Varianten  und  Parallelen: 

Magyarisch :  1.  Kriza,  Vadrözsdk  403 :  Az  Iga/säg  es  Hamissäg 
üiazäsa  »Reise  der  Wahrheit  und  Falschheit).  W.  u.  F.  begegnen  sich 
auf  der  Reise.  F.  fordert  W.  zur  Kameradschalt  und  Teilung  des  Rei- 
sevorrales  aul.  W.  willigt  ein.  Zuerst  wird  die  Barschaft  der  W.  auf- 
gezehrt. Als  nun  die  Reihe  an  das  Reisegeld  der  F.  kommen  sollte, 
fordert  diese  (eigentlich  dieser,  denn  die  personü.  Vertreter  der  W. 
u.  F.  sind  männlich  gedacht)  den  Genossen  auf.  sich  ein  Auge  aus- 
siechen zu  lassen,  um  dafür  etwas  von  der  Wegzehrung  einhandeln 
zu  können.  W.  verlier!  auf  diese  Art  das  zweile  Auge,  dann  einen 
Arm  nach  dem  andern.  W.  kommt  nun  also  verslümmelt  unter  einen 
Galgen.  Das  Gespräch  wird  von  Teufeln  geführt.  Der  älteste  rühmt 
sich,  einen  gelehrten  Arzt  getndtet  zu  haben,  der  eben  die  Erfindung 
gemacht  hatte,  wie  die  vom  Teufel  verkrüppelten  und  geblendeten  ge- 
heilt werden  könnten.  Der  jüngere  erzählt,  dass  in  dieser  Nacht  alle 
Lahmen  und  Blinden  Heilung  ihrer  Gebrechen  finden,  wenn  sie  ihre 
kranken  Glieder  mit  dem  Taue  netzen,  der  zur  besagten  Zeit  fällt; 
der  dritte  gibt  das  Brunnengeheimnis  kund  Mit  der  Zeit  kommt  F. 
verarmt  zur  W.  Jus  talionis.  F.  will  ebendaselbst  Heilung  suchen,  wo 
W.  sie  gefunden,  fährt  aber  dabei  Übel,  da  die  über  ihr  Belauschtwer- 
den erbosten  Teufel  ihn  zerreissen  Lehrhafter  Schluss  wie  oben.  Epi- 
sode der  kranken  Königstochter  fehlt.  Für  den  Stadthauptmann  in  der 
wasserlosen  Stadt  ist  bei  Kriza  ein  König  eingeführt.  W.  bleibt  reich  be- 
lohnt in  der  Sladt,  die  er  von  ihrer  Not  befreit.  Fundort :  Hdromsztk.  •) 

11  Hyelvör,  XI II,  378:  A  ket  testver  (Die  beiden  Brüder.)  Zwei 
Br.,  von  denen  der  eine  reich,  der  andere  arm,  gehn  eine  Wette  über 
die  Frag«  ein,  was  vorteilhafter  sei:  gerecht,  oder  ungerechi  zu  han- 
deln? Als  Schiedsrichter  werden  zuerst  ein  Gutsherr,  dann  das  Ge- 
richt selbst  angerufen.  Beide  entscheiden  sich  zu  Gunsten  des  reichen 
Bruders,  der  den  Armen  seiner  Ochsen  beraubt  und  dann  gehlendet 
unter  einen  Galgen  führt.  Zwei  Raben  verraten,  wie  die  Blinden  durch 
das  Wasser,  welches  auf  der  Galgenwiese  emporquillt,  zu  heilen  sind. 
Der  arme  Blinde  erlangt  zuerst  sein  eignes  Augenlicht  zurück  und 
heilt  dann  die  Blinden  der  nächsten  Stadt,  wodurch  er  reich  wird. 
Cr  misst  sein  Geld  mit  einem  Scheffel,  den  er  von  seinem  reichen 
Bruder  entliehn.  Der  ältere  fragt  nach  der  Herkunft  seines  Reichtums. 
Will  es  dem  jüngeren  nachmachen  und  wird  beim  Horchen  unterm 
Galgen  von  den  beiden  Raben  getödtet.  —  Die  Erzählung  ist  sehr 
confus.  Fundort:  Domokos. 


•)  Eine  Var.  aus  Udvarhelysztt  hat  Kriza  im  nS»epirodalmi  Figyelö'  mit- 
geteilt. 

159 


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DR.  L.  KATONA 


HL  Paul  Gyulafs  Bearbeitung:  „Wahrheit  und  Lüge"  (ins  Deut- 
sche übersetzt  von  Ad.  Dux).  Die  Geschwister  Wahrheit  und  Lüge  gien- 
gen  auf  die  Wanderschaft.  Ihre  Mutter  gab  ihnen  je  20  Brötchen.  Un- 
terwegs beredet  die  Lüge  die  Wahrheit,  gemeinsam  zuerst  deren  Vor- 
rat aufzuzehren.  Als  der  alle  war,  wollte  die  Wahrheit  vom  Vorrate 
der  Lüge  essen.  Sie  musste  aber  hiefür  der  Reihe  nach  ihre  Ohren, 
Hände,  Füsse  und  Augen  hergeben.  Und  so  wandern  Beide  in  der 
Welt  herum,  indem  die  taube,  blinde  und  verstümmelte  Wahrheit  von 
der  Lüge  geführt  wird. 

IV.  Goal  Oyörgy.  Magyar  N6pmese-gyüjtemenye. . .  111.(1860.) 
S.  176  =  No.  47 :  A  szerencseilenscg  jöl  esett.  —  Bereits  in  Gaal's 
Märchen  der  Magyaren  (1822)  erschienen.  (S.  175.)  Registriert  von 
Reinh.  Köhler  und  Cosquin  (S.  weiter  unlen)  Der  letztere  führt  bei 
ders.  Gelegenheit  noch  Erdilyi-Stier  No.  10  an.  Beide  stehn  mit  Grimm 
No.  107  (ältere  Ausg.)  im  nächsten  Zusammenhange. 

V.  Cosquin  und  Oesterley  erwähnen  a  a.  0.  noch  eines  hieher- 
gehörigen  Märchens  der  Majldth'schen  Sammlung  (Brünn  1825,  2 
Aufl  Stuttgart  u.  Tübingen  1837),  welches  in  der  „Semaine  des  fä- 
milles'1  1866—67,  p.  4.  auch  in  frz.  Übers,  erschienen  ist. 

Vi.  Die  dieser  Zusammenstellung  zugrunde  gelegte  Fassung.  fi*hn\. 
MM.  a.  Ungarn  11.  S.  38. 

Für  die  nicht-magyarischen  Parallelen  vgl.  Reinhold  Köhlens  An- 
merkung zu  Widter  und  Wolf  No.  1  im  Jahrbuch  für  roman.  und  engl. 
Lit.  VII,  3  fT.  und  Cosquin,  Contes  pop.  de  Lorraine  (Paris  1886)  I,  87  ff. 

Von  den  europäischen  Versionen  sind  besonders  zu  erwähnen: 
die  bisher  älteste  Aufzeichnung  des  Märchens  im  cap.  28  des  Libro  de 
los  Gatos  (Katzenbuch),  einer  spanischen  Fabelsammlung  vom  Anf. 
des  XIV.  Jh.  (Vgl.  Jahrb.  f.  rom.  u.  engl.  Lit.  VI,  S.  18.)  Nach  Oes- 
terley  (Germania  1864,  S  126  u.  1871,  S.  129)  ist  aber  dieses  span. 
Werk  nur  eine  Übers,  der  im  letzten  Drittel  des  XII.  Jh.  verfasslen 
Narrationes  des  engl.  Cistercienser-Mönches  Odo  de  Ciringtonia  — 
Dann  die  ebenfalls  litterarische  Variante  in  Paulis  Schimpf  und  Ernst 
(1519)  Kap.  464  (Vgl.  die  Ausg.  von  Oesterley  in  der  Bibliothek  des 
Litter.  Vereines  in  Stuttgart.  Kap.  489—90:  Von  falschheit  vnd  be- 
trügnis.  S.  auch  die  reichhaltigen  Nachweise  daselbst.)  Von  den  obi- 
gen magyarischen  Varianten  steht  die  II.  (Nyelvör  XIII,  378)  der  Ver- 
sion Pauli's  am  nächsten.  —  Hier  wäre  noch  anzuführen;  Pelbartus 
de  Themesvar  (Pomerium  sermon.  de  sanetis.  1.  2.  Hagenow.  1662. 
fol )  pasc.  8,  Y.  (Angef.  bei  Oesterley,  a.  a.  0.) 

Von  sonstigen  Varianten  sind  zu  erwähnen : 

1.  deutsch  bei  Grimm  No.  107  (dazu  III.  188  und  vgl.  No.  97 
mit  III,  176  u.  342);  Proehle,  Märchen  f.  die  Jugend  No.  1  (Halle 
1854);  Ey.  Harzmärchenbuch  (Stade,  1862)  8.  183;  Zingerle,  Tiroler 
Kinder-  u.  Hausm.  I.  No.  20  (Innsbruck.  1852);  Suterraeister,  Kinder- 
u.  Hausm.  aus  d.  Schweiz  (Aarau.  1869)  No.  43  u.  47:  aiebenbürgisch- 
sächsisch  bei  Haltrich,  Volksmärchen,  der  goldne  Vogel;  bei  Wolf, 
Deutsche  Märchen  u.  Sagen  (Leipzig  1845)  No.  4. 

1G0 


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RECHT  I  NI)  UNKECHT. 


2.  dänisch  in  Molbech,  Udvalgte  Eventyr,  No.  6.  und  Grundt- 
vig,  Gamle  danske  Minder  III.  118. 

3.  norwegisch  bei  Asbjörnsen  og  Moe,  Norske  Folkeventyr  No 
49  (=  deutsche  Ausg.  von  Bresemann  in  Berlin  1847,  II.  S.  166.) 

4.  finnisch  bei  Eero  Salmelainen  (Erik  Rudbeck),  II.  172  —  E. 
Beauvois,  Contes  pop.  de  la  Norvege,  de  la  Finlande  et  de  la  Bour- 
gogne  (Paris  1862)  p.  139 ;  die  ehstnische  in  »Wiron  Satuja"  (Ehst- 
land's  Märchen)  St.  Michael  1849,  2.  Ausg.  S.  5. 

5.  russisch  bei  Goldschmidt,  Russ.  Märchen  (Leipzig  1883)  S.  61. 
6  wendisch  in  Haupt  u.  Schmaleres  Volkslieder  der  Wenden 

(Grimma,  1843)  II.  S.  181. 

7.  böhmisch  bei  Gerle,  Volksm.  d.  Böhmen,  I.  S.  347;  Waldau, 
Böhm.  Märchenbuch  (Prag,  1860)  S.  271. 

8.  serbisch  bei  Wuk,  Volksm.  der  Serben  (Berlin,  1854)  No.  16 
und  bei  Jagid,  im  Archiv  f.  slav.  Phil,  „aus  dem  slidl.  Märchen- 
schatz*  No.  55;  kroatisch  bei  Fr.  S.  Krauss,  Sagen  u.  Märchen 
d.  Südslaven,  I.  No.  74o 

9.  neugriechisch  bei  Hahn,  Griech.  u.  alb.  Märchen  (Leipzig, 
1864)  No  30 

10.  rumänisch  (aus  Siebenbürgen)  im  „Ausland'  1857,  S.  1028. 

1 1 .  zigeunerisch  aus  der  Bukowina,  bei  M  iklosich,  Üb.  die  Mund- 
arten und  Wanderungen  der  Zigeuner  Europa's,  (in  den  Mitteil,  der 
Wiener  Akademie  d.  Wiss.  XXIII,  1874»  No  12.  und  aus  den  unga- 
rischen Karpaten,  mitgeteilt  von  J.  Kluch,  bei  Miklosich,  Beiträge  zur 
Kenntnis  der  Zigeunermundarten,  IV.  Wien  1878.  S.  3 — 7. 

12.  italienisch  bei  Widter  und  Wolf,  Volksmärchen  aus  Vene- 
tien,  im  Jahrb  f.  roman.  u.  engl.  Litteratur,  VII  No  1  (S.  3.)  Dann 
aus  Toscana,  bei  Nerucci,  Sessania  Novelle  pop.  Montalesi  (Firenze 
1880),  No.  23;  aus  Wälschlirol,  bei  Schneller.  Märchen  u.  Sagen  au* 
Wt.  (Innsbruck  1867),  No  9,  10  u.  11. 

13.  französisch  bei  Cosquin  a.  a.  0.  No.  7  (S.  84  ff.  mit  den 
oben  erw.  Anmerkungen.)  Bei  Luzel,  Legendes  chretiennes  de  la  Basse- 
Bretogne  (Paris,  1881)  p.  III.  und  in  dess  Veilles  brelonnes  (Morlaix, 
1879)  p.  258  Ferner  die  baskischen  bei  Cerquand,  Legendes  et  Re- 
cits  pop.  du  pays  basque  (Pau,  1875—76)  1.  S.  61  und  bei  Vinson, 
Le  Folk-Iore  du  pays  basque  (Paris  1883)  8.  17  und  .1.  M.  de  (ioi- 
zueta,  Leyendas  vascongadas  3.  ed.  (Madrid  18)6)  S.  9. 

14.  katalanisch  im  Rondallayre  von  Maspon  y  Labros  (Barcelo- 
na. 1875)  I.  S.  68. 

15.  portugiesisch,  bei  Coelho,  Contos  pop.  portuguezes  (Lisboa, 
1879;  No.  20. 

16.  irländisch  bei  K.  v.  K.(illinger),  Sagen  u.  Märchen  (aus 
Irland)  II.  S.  2:4. 

17.  albanesisch,  Der  Gerechte  und  der  Ungerechte,  deutsch  von 
J.  U.  Jarnik  in  Zeitschrift  für  Volkskunde,  II.  B.  7.  H  S.  264  -265. 

Von  aussereuropäischen  Versionen  sind  bei  Cosquin  und  Oester- 
ley  (zu  Pauli  a.  a.  0.)  die  folgenden  verzeichnet: 

3ö 


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HKKTALAN  MATIKKO  JtN. 


Tausend  und  eine  Nacht  (Aus?,  des  Pantheon  litterniie  S.  717. 
-  Ein  kirgisisches  M.  bei  RadlofT,  Proben  der  Volksiii  der  türkischen 
Stämme  Süd  Sibiriens,  Hl.  S.  343.  -  Ein  snrikoli  M  (aus  den  westl. 
Tälern  des  Pamir-Plateau's),  im  Journal  ol  the  Asiatic  Soc.  of  Ben- 
gal.  vol.  45,  part.  I.  No.  2.  p  180  —  Eine  Version  au«  Bental  im 
Indian  Antiquary,  1874.  p.  9.  Zwei  kamaoni*che  (vom  Fusse  des 
Him.daya-Gebirges),  bei  Minaef.  Indiiskia  Skaski  y  Legendy  (St.  Peters- 
burg 1 877 1.  No  42  u.  16  In  Süd-Indien:  Ind.  Antiquary,  octobre 
1884.  p  285.  —  Vgl.  auch  Benfey's  Pantschatanlra  I  S.  13  ff.  — 
Ein  KnhyUn-MHrchen  bei  Rivifere,  Recup.il  des  contes  pop.  de  la  Ka- 
bylie  de  Djurdjura  (Paris  1882t.  S  35. 


Die  Zipser  Volkssage  von  Kasparek.  l) 

Von  Berialan  Matirko  jun. 
(Vorgelesen  in  der  Vortragssitznng  vom  10.  Mai  181)0.) 

Um  die  Auslagen  des  Feldzuges  gegen  die  Venetianer  zu  decken, 
verpfändete  König  Sigismund  1412  die  13  Städte  der  Zips.  sowie  die 
Besitzungen  Lublo  und  Podolin  dem  polnischen  Könige  Ladislaus.  Lublo 
ward  der  Sitz  der  Starosten,  welche  über  diese  Städte  eingesetzt  wur- 
den Der  Eintluss  dieser  400  jährigen  polnischen  Oberhoheit  ist  heut- 
zutage in  der  Zips  nur  noch  an  Lublo  bemerkbar,  das  die  einzige 
polnische  Stadt  in  Ungarn  ist.  Reich  ist  diese  Gegend  an  Sagen,  die  alle 
ein  mystisches  Motiv  haben,  und  von  denen  die  „Kasparek-Snge"  in 
vieltacher  Beziehung  für  den  Volksforscher  von  bedeutendem  Inte- 
resse ist. 

Kasparek,  so  erzählt  das  Volk,  war  ein  Bürger  zu  Lublo,  der 
mit  Wein  nach  Polen,  nach  Warschau  handelte.  Auf  Flössen  führte 
er  auf  dem  Poprad- Flusse  die  weingefülllen  Fässer  nach  Polen  und 
brachte  auf  diesem  Wege  leere  nach  Hau-o  Einmal  kam  er  nach 
Warschau  als  sein  Handelsfreund  abwesend  war;  die  Gattin  dessel- 
ben übergab  dem  Kasparek  die  Kellersehlü«sel,  damit  er  so  vorgehe 
wie  früher,  d.  h.  die  weingefülllen  Fässer  einlagere  und  die  leeren 
mit  sich  nehme.  Kasparek,  den  Keller  durchforschend,  fand  ein  Fäss- 
chen mit  Gold  gefüllt.  Er  nahm  es  mit  seinen  leeren  Fässern  unbe- 
merkt mit  sich  nach  Lublo,  wo  er  nun  in  Ruhe  lebte.  Der  Warschauer 
Kaufmann  bemerkte  den  Diebstahl,  und  erschien  unverhofft  in  Lublo. 
Kasparek  leugnete  und  schwor  auf  die  heil.  Dreifaltigkeit:  Seinen  Kör- 
per möge  die  Erde  ausspeien,  der  Himmel  seine  Seele  nicht  aufneh- 
men so  er  falsch  schwöre!  Am  dritten  Tage  starb  er.  Nachdem  man 
ihn  beerdigt  begann  er  als  Gespenst  herumzuwandeln.  Er  halte  weder 
in  der  Erde,  noch  im  Himmel  Ruhe.  In  der  Nacht  besuchte  er  die 


•)  Siebe  „Ethnograph!«"  1.  Jahrg.  S.  261  ff. 

162 


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DIE  Zll'SEK  V0LKSSA0E  VON  KaSPEKK 


Schlafenden  und  sog  ihr  Blut.  Auch  seine  Gattin  besuchte  er;  bat 
und  flehte,  man  solle  sein  Vergehen  wieder  gut  inachen,  denn  er  habe 
weder  in  der  Erde,  noch  im  Himmel  Ruhe  Mau  öffnete  also  sein 
Grab.  Sein  Körper  schien  der  eines  Schlafenden  zu  sein;  vom  ausge- 
sogenen Men-chen bluie  ward  er  von  Tag  zu  Tag  fetter,  schöner.  In 
seinen  Händen  fand  man  ausgeraufte  Haare,  an  seinem  Gewände  Bluts-  * 
tropfen.  Seinen  Leichnam  trug  man  auf  den  Marl  platz,  sein  Haupt 
schlug  man  mit  einer  Grabschaufel  auf  dem  nördlichen  Eckstein  der 
Kirche  ab.  Der  Kopf  fiel  vom  Rumpfe,  Blut  strömte  aus  der  Wunde. 
Aber  Kasparek  irieb  sein  Unwesen  weifer;  am  helllichten  Tage  biss 
und  würgie  er  die  Reisenden,  die  Feldarbeiter  usw.  Wo  man  ihn  er- 
wähnte, da  erschien  er  blitzschnell.  Die  Reichen  beraubte  er,  die  Ar- 
men beschenkte  er 

Der  Stadtmagistrat  beschloss,  die  Leiche  ausgraben  und  verbren- 
nen zu  lassen.  Millen  auf  dem  Marktplätze  wurde  die  Leiche  verbrannt. 
Die  Leiche  lachte  inmitten  der  Flammen,  quackle  wie  ein  Frosch, 
hob  bald  das  rechte,  bald  das  linke  Bein  empor;  Kasparek  aber  sah 
seiner  eigenen  Verbrennung  vom  nächstgelegenen  Hausdache  zu.  Wo 
er  von  nun  an  erschien,  dort  fieng  alles  Verb  ennbare  Feuer ;  sobald 
aber  Menschen  erschienen,  um  den  Brand  zu  löschen,  flogen  weisse 
Tauben  aus  den  Flammen  empor  und  keine  Spur  de**  Feuers  war 
sichtbar.  Bisweilen  tauschte  er  nur  das  Volk,  bisweilen  aber  wütete 
das  Feuer  in  mehreren  Stadlvierteln  zu  gleicher  Zeit  Ungarns  und 
Polens  Bischöfe  kamen  in  Lublo  zusammen,  um  das  Unheil  zu  ban- 
nen, sprachen  den  Exorcismus  über  die  böse  Seele  aus  und  verfluch- 
ten den  Kasparek  in  die  Säroser  Burg,  die  ausserhalb  der  Zips  liegt. 
In  eiiiem  Turm  dieser  Burg  harrt  Kasparek,  an  den  Schweif  eines 
weissen  Bosses  gebunden,  seiner  Erlösungsslunde  Nach  jedem  Jahr- 
hundert reisst  ein  Rosshaar  und  wenn  alle  Haare  des  Rosschweifes 
zerrissen  sind,  dann  erst  kann  K.  vor  Gottes  Richterstuhl  treten  

Dies  der  Inhalt  der  Sage,  so  wie  sich  dieselbe  die  Lubloer  Ein- 
wohner erzählen.  Kasparek  lebte  in  der  Tat  und  ist  keine  fingierte 
Gestalt.  Er  trieb  nach  seinem  Tode  sein  Unwesen  im  Frühjahr  1718 
unter  dem  Starosten  Theodor  Lubomirsky  (1702—1754).  Der  ungari- 
sche Historiker  Mathias  Bil  hat  diese  Geschiebte  auch  verzeichnet 
(Hungariae  antiq  et  novae  Prodromus  ....  etc. . .  auetor  Math.  Be- 
Hus  Pannonius.  Norinbergae  1723.  Li b  II.  p  103).  Samuel  Weher 
schreibt  in  seinem  Werke:  „Zipser  Geschichls-  und  Zeitbilder"  (Leut- 
schau,  1880)  S.  63  u.  A.  über  Kasparek  also:  „Man  grub  hierauf  den 
Leichnam  aus,  und  Hess  ihn  verbrennen,  weshalb  die  Stadt,  die  den 
Aberglauben  zu  nähren  schien,  bestraft  trurd«."  Dies  ist  ein  Missver- 
ständnis des  Originals,  wo  es  heisst:  „Cadavere,  haud  sine  superstitio- 
nis  crimine  exusto,  novo  iterum  incendio  a  nefando  isthoc  spectro  op- 
pidum  muletalum  feit."  Abgesehen  von  Bil,  spricht  schon  der  dama- 
lige Zeitgeist  dagegen.  Solche  Verbrennungen  gehörten  ja  zu  den  da- 
maligen Hexenprocessen  und  waren  an  der  Tagesordnung. 

Im  S  mmer  1889  fand  ich   im  städtischen    Archiv    zu  Lublo 

163 


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UKKTALAN  MATIKKO  JÜN. 


einen  Codex  in  Qart  unter  dem  Titel  9Liber  Actorum*,  auf  dessen 
178—197.  Seite  ein  städtischer  Notarius,  Franz  Wilcinsky  1718  die 
Historie  des  Kasparek  teils  in  polnischer,  teils  in  lateinischer  Sprache 
erzählt.  Michael  Kasparek  starb  —  diesem  Berichte  gemäss  —  am  28 . 
Febr.  1718;  erschien  am  1.  März  dem  Diener  Hertely ;  an  26  März 
erschienen  schon  viele  Leute  beim  Verhör,  die  alle  mit  Eid  bekräftig- 
ten, dass  K.  ihnen  ein  Leid  zugefügt  habe.  Am  15.  April  abermaliges 
Verhör.  Zawadsky  sagt  aus,  dass  er  von  K.  auf  dem  Wege  angefallen 
worden  sei.  Noch  am  selben  Tage  wird  sein  Grab  geöffnet  und  sein 
Körper  so  befunden,  wie  ihn  auch  die  Sage  beschreibt.  Hierauf  wer- 
den zwei  Bürger:  Jakob  Maczko  und  Jo1-.  Joseffi  an  den  Krakauer 
Bischof  Mich.  Szembeck  mit  einem  Bittschreiben  ')  abgesendet,  damit 
dieser  dem  Lubloer  Pfarrer  die  Exhumierung  der  Leiche  erlaube.  Am 
26  April  wurde  die  Leiche  verbrannt,  wobei  dieselbe  die  Beine  öfter 
in  die  Höhe  hob  und  quackte.  Das  Herz  wurde  in  einem  hölzernen 
Gefässe  den  Brüdern  K.'s  übergeben.  Von  einer  Köpfung  der  Leiche 
erwähnt  dieser  Bericht  nichts.  Aber  K.  erschien  auch  jetzt  noch  vie- 
len Leuten  Nun  folgt  die  Beschreibung  der  Feuerbrände,  besonders 
der  vom  6.  und  25.  Mai,  6.  8.  9.  12.  und  14.  Juni  Die  Brüder  und 
die  Witwe  K.s  werden  beeidet  und  sagen  aus,  dass  K.  nie  einen  Zau- 
berring besessen  habe  und  ihres  Wissens  keinen  Teufelsspuck  im  Le- 
ben getrieben  habe-  Am  27.  Juni  nehmen  2  Pfarrer  den  Exorcismus 
vor.  K.  aber  treibt  seinen  Spuck  weiter.  Nun  wird  auch  das  Herz  des 
K.  verbrannt.  Nun  erschien  K  nimmer  wieder!  —  Dies  der  Inhalt 
des  Codex.  *)  —  Das  Motiv  dieser  Sage,  nämlich :  der  Sieg  des  Glau- 
bens über  die  Macht  des  Bösen,  findet  sich  auch  in  einer  anderen 
Sage  der  Lubloer  vor,  die  der  ungar.  Dichter  Michael  Tompa  unter 
dem  Titel  „Hegyeskö"  (Spitzstein)  genau  nach  der  Volksüberlieferung 
bearbeitet  hat.  Der  Ritter  Lublo  baut  die  Burg.  Der  Bau  schreitet 
langsam  vorwärts.  Er  schliesst  daher  einen  Bund  mit  dem  Bosen.  Die 
Burg  wird  nun  fertig,  aber  der  Ritter  hat  keine  Ruhe  mehr  und  zieht 
sich  in  ein  Kloster  zurück.  Der  Teufel  will  ihn  nun  bestrafen  und  die 
Burg  mit  riesigen  Felsenstücken  zersiören.  Da  erklingt  die  Kloster- 
glocke und  die  Macht  der  Teufels  ist  gebrochen  

Die  K.-snge  hat  auch  Baron  Nikolaus  Jösika  in  seinen  1852. 
verfassten  Roman  „Räkoczy  II  a  aufgenommen,  aber  von  der  Volks- 
tradition in  manchen  Punkten  abweichend. 


')  Der  Originalbrief  ist  dem  Codex  angeheftet;  der  Text  ist  in  der  , Ethno- 
graph ia"  I.  Jahrg.  S  266  mitgeteilt. 

')  Im  Archiv  der  Stadt  Gneada,  einer  Nacbbaratadt  von  Lublo  war  auch  ein 
deutsches  Manuscript  der  Kaspareksage,  das  aber  öfter  ausgeliehen,  verloren  gegan- 
gen ist. 


ir,4 


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DIE  KLEIDl'NOJ   DKH  ZIl'SKK  SACHSEN 


Die  Kleidung  der  Zipser  Sachsen.') 

Von  Samuel  Weber. 
(Vorgelesen  in  der  Vortragssitzug  vom  10.  Mai.  1890.) 

Die  Volkstracht  der  Zipser  Sachsen  war  in  den  frühesten  Zeilen 
echt  deutsch.  Noch  1690  schrieb  Andr.  Siübel:  „Die  Weiber  gehen 
auf!  alt  sächsisch  gekleidet." ')  Die  Männer  trugen  früher  dreieckige 
Hüte  :  noch  1830  sah  solche  Sydow*)  in  Kesmärk.  Diese  Hüte,  ge- 
wöhnlich am  Rande  mit  Leder  eingefasst,  vererbten  sich  von  Vater  auf 
Sohn ;  ebenso  die  Hauben,  aus  Seide,  Gold-  oder  Silber-Spitzen  ver- 
fertigt, von  Mutter  auf  Tochter.  Die  Mädchen  trugen  Kopfbinden,  Kränze 
aus  Blumen  und  Perlen,  deren  Bänder  auf  den  Rücken  herabhiengen. 
Solche  Kopfbindon  trägt  man  in  einigen  Dörfern  auch  heutigen  Tages. 

In  früheren  Zeiten  war  der  Männerrock  sehr  einfach.  Aus  Wolle 
verfertigten  sich  die  Sachsen  selbst  das  grobe  weisse  oder  graue  Tuch 
zum  Alltagsgewand.  Der  lange,  bis  auf  die  Fersen  reichende  „Gehrock", 
der  Sonntagsrock,  war  aus  blauem  Tuch  verfertigt  und  bei  reichen 
Leuten  mit  Silberknöpfen  versehen.  In  der  Hand  trug  der  Mann  einen 
Stock,  mit  einem  Gold-  oder  Silberknopf.  Bei  dem  grossen  Leinanbau 
ist  es  selbstverständlich,  dass  die  Weiber  ihre  Kleidung  aus  selbst 
verfertigter,  blauer,  geblümter  Leinwand  herstellten.  Das  Alltagsgewand 
unterschied  sich  nicht  vom  Sonntagsstaat.  Als  Schmuck  wurden  weisse 
Perlen  oder  rote  Granatsträusse  und  Ringe  getragen,  die  wie  David 
Fröhlich  1644  in  seiner  „Cynosura*  erwähnt,  oft  auch  den  Verstorbe- 
nen ins  Grab  mit  gegeben  wurden.  Die  Hauptrolle  in  der  Weiber- 
kleidung spielte  das  Brustleibchen  (Brustlatz),  „Wisst"  genannt,  das 
aus  Sammt  oder  Seide  verfertigt,  mit  goldenen  oder  silbernen  Spitzen 
und  Schnallen  versehen  war.  Dies  „Wisst*  vererbte  sich  auch  auf 
Kindeskinder  und  es  gibt  kaum  ein  Testamenf  aus  alter  Zeit  in  der 
Zips,  worin  unter  den  vererbten  Sachen  dies  Kleidungsstück  nicht  er- 
wähnt wäre.  Zum  Festschmuck  gehörte  auch  der  Gürtel,  den  beide 
Geschlechter  trugen.  Er  war  eine  Spanne  breit  und  aus  Samt  oder 
Seide  verfertigt,  bisweilen  aus  Silber-  oder  Goldstoff  und  mit  goldenen 
oder  silbernen  Schnallen  versehen,  bei  ärmeren  Leuten  aus  billigeren 
Stoffen  gemacht.  Auch  dieser  Gürtel  wird  als  Erbstück  in  den  .Markt- 
büchern" häufig  erwähnt;  heutzutage  tragen  ihn  die  Bursche  bei  Hoch- 
zeitsfeierlichkeiten. 

Ausser  dem  langen  Rock  trugen  die  Männer  bis  zur  Hüfte  rei- 
chende, mit  Silberknöpfen  und  Schnüren  versehene  Westen.  In  früheren 
Zeiten  trug  man  Kniehosen  und  Strümpfe,  später  Stiefelhosen,  die  auch 
verschnürt  waren  :  daher  das  Sprichwort :    „Hosen  mit  Tressen  und 

»)  Siehe :  „Etnographia"  I.  Jahrg.  8.  291  ff. 

')  HuDgaria,  oder  vollständige  Beschreibung  des  Königreichs  Ungarn  von 
Mart.  Zeiler,  ergänzt  durch  Andr.  Stübel  ...  Frankfurt  und  Leipzig  1690. 

Albrecht  von  Sydow,  Die  Beskiden  u.  die  Central-Karpathen.  Berlin,  Dumm- 

ler  1830  S.  348. 

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BELA  LÄZAK 


nichts  zu  fressen!"  Noch  1*05  beleidigte  mit  diesem  Sprichwort  ein 
Bürger  die  Belaer  Behörde  und  ward  dieserwegen  mit  Gefängnis  be- 
straft. Später  wurden  die  Weiberkiltel  auch  aus  feineren  Sloffen  ver- 
fertigt, mit  Schnüren  und  goldenen  und  silbernen  Schnallen  verziert. 
Früher  trugen  Männer  und  Weiber  mit  Schnallen  versehene  Schuhe 
und  Strümpfe,  später  Stiefel  von  verschiedener  Farbe.  Die  Schürze, 
aus  teueren  Stoffen  oder  nur  aus  einfacher  Leinwand  verfertigt,  ver- 
vollständigte den  Anzug  der  Weiber.  Ein  eigentümliches,  manlelartiges 
Kleidungsstück  war  die  „Schauhe"  oder  „Kotsch»,  in  der  die  Weiber 
ihre  Säuglinge  trugen.  Der  weite  sächsische  Mantel  war  auch  das 
Erbstück  des  Zipsers  So  heisst  es  im  Markt  buch  zu  Szepes-Szombat 
(1587)  in  einer  testament  Tischen  Aufnahme:  „Eine  braune  Schau be 
mit  lauter  Fuchsaugen  gefüttert ;  eine  grüne  Schaube  mit  Fuc  isklauen 
samt  einer  guten  Schlangen  (Schnalle) ;  ein  schwarz-grüner  Keppenik 
(Mantel)  mit  rothen  Gewand  gefüttert;  ein  Mantel  mit  gelben  Horten." 
—  Pelze,  mit  Marder-  oder  Fuchsfell  gefüttert,  trugen  Weiber  und  Män- 
ner; die  Pelze  der  Weiber  waren  hinten  reichgefaltell  und  aus  den 
Falten  hiengen  (Joldquasten  herab.  Die  hellen,  schreienden  Farben  wa- 
ren stets  beliebt:  rot  (Weste;,  grün,  blau  (Kock  und  Hose);  selbst 
bei  Leichenbegängnissen  vermied  man  die  schwarze  Farbe.  So  berich- 
tet schon  1644  Fröhlich  in  seiner  „Cynosura" ;  ja  selbst  die  Todten 
begrub  man  in  so  gefärbten  Kleidern  und  mit  ihren  Ringen,  damit  die 
verstorbene  Ehehälfte  der  Hinterbliebenen  bei  einer  etwaigen  neuen 
Heirat  keinen  Anstand  mache. 

Später  griff  der  Luxus  um  sich,  so  dass  die  städtischen  Behör- 
den gar  oft  dagegen  auftraten.  Bis  1848  erhielt  sich  noch  diese  alte 
Kleidung,  dann  wich  sie  der  ungarischen  Nationaltracht,  später  der 
allgemeinen  Mode  und  kann  heutigen  Tages  nur  hie  und  da  noch  ver- 
einzelt gefunden  werden. 


Ueber  den  „Garabonezias  diäk." ') 

Von  Bila  J^tizär. 
(Vorgelesen  in  der  Vortragssitzung  von  10  Mai.  1800.) 

Die  Volksphantasie  beschreibt  den  sog.  Garabonczid»  (Hak  also: 
Der  (1  1).  kommt  mit  Zähnen  auf  die  Welt,  absolvirt  13  Schu- 
len, zieht  sich  dann  in  eine  Höhle  zurück,  wo  er  sammt  13 
—  bisweilen  12  —  Genossen  vom  Teufel  Unterricht  erhält.  Dann 
setzen  sie  sich  auts  Glücksrad,  bei  dessen  Drehen  einer  herab- 
fällt und  12  werden  Garalonczids  diäk.  Als  Zauberer  in  bau- 
schige Mäntel  ge  üllt.  durchzieht  er  dann  als  Bettelsludent  (lahrender 
Schüler)  das  Land.  Wehe  dem,  der  ihm  kein   Almosen  gibt.  Stürme 

»y  S.  „EtnographiV  I.  S  277.  ff. 

m»; 


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ÜBER  DEN  rGARUONCZlAS  DIÄK  a 


und  Hagel  bringt  er  hervor,  verrenkt  die  Beine  der  Kinder,  melkt  die 
Brunnensc  wegel  usw.  Stürmt  es^  so  reitet  er  auf  einem  Drachen  durch 
die  Lüfte  und  liest  aus  einem  Buche,  dessen  Schrift  nur  er  versteht. 
Die  Palovzen  in  Ungarn  glauben,  dass  dieser  Drache  den  Sturm  auf 
Wunsch  des  G.  I).  erzeuge. 

Diese  Gestalt  gieng  auch  in  die  ungar.  Litterai ur  über.  Schon 
der  Bibelübersetzer  liomjdthi  gebraucht  in  .«-einer  Uebersetzung  der 
Briefe  Pauli  das  Wort :  garaboncziäs  mit  Bezug  auf  Zauberbücher 
und  in  Peter  Melius'  BrIiobM  (S.  93)  lesen  wir  schon  1565  etwas  über 
den  G.  D  —  Mathias  Bü  (Nolitia  Hung.  vol.  IV.  p.  6*2  ITi  erzählt 
ein  Abenteuer  des  1712  verstorbenen  Gellyo,  den  die  Bauern  G.  I). 
nannten.  1782  schreibt  der  Jesuit  Joh.  lllei  ein  Fastnachtsspiel  „Peter 
Tornyos-,  das  auf  der  Sage  vom  G.  D.  hasin,  Veniifax  heisst  im 
Stücke  der  G.  I) ,  der  alle  Züge  die-er  Gestalt  des  un;?  u\  Volksglau- 
bens in  sich  vereinigt.  1799  beschreibt  der  Dichter  Mich,  ('sokonai  in 
seinem  komischen  Epos  „Dorottya"  (Dorothea)  als  Episode  die  Wirkung 
der  Taten  des  G.  D.  IS07  erwähnt  auch  Atäon  tizirmay  in  seiner 
„Hungaria  in  Parabolis*  den  G.  D  als  eine  Gestalt  des  ung.  Volksglau- 
bens und  1834  schrieb  Joh.  Munkdcsy  eine  Posse :  „Garaboncziäs 
diakM,  die  sich  lange  Zeit  auf  den  Bühnen  Ungarns  hielt.  1864  be- 
schreibt Vas  G ereben  in  seinem  Werke  „Dixi"  den  G.  D.  so,  wie  er 
eben  im  Volksglauben  lebt,  nur  ist  sein  G.  D  zu  sentimental  gefärbt. 
Seither  hat  niemand  in  Ungarn  den  Stoff  bearbeitet,  nur  noch  Joh. 
Arany  erwähnt  an  einer  Stelle  (I.  Gesang)  seines  Epos:  „Buda  ha- 
lala-  (Buda's  Tod)  den  G.  D. 

Dem  Kern  dieses  Volksglaubens  forschten  schon  mehrere  nach. 
Arnold  lpolyi  führt  in  seiner  „Magyar  Mythologia"  (Ungar  Mythologie 
S.  454  (T)  in  das  ungar.  Heidentum  zurück  und  sieht  im  G.  D.  den 
letzten  Rest  heidnischen  Priesterlums.  Die  heidnischen  Priester  segne- 
ten die  Saaten,  sie  waren  Auguren,  Propheten.  Etymologisch  erklärt 
lpolyi  den  Namen  G.  D.  aus  gara  =  ung.  alt  und  boncz  =  ung. 
Seeierer  (der  den  Cadaver  aufschlitzt).  Dieser  Ansicht  scliloss  sich  auch 
Jökai  an  (in  der  „Oesterreich.- Ungar.  Monarchie  in  Wort  u.  Bild"  I 
S.  330  der  ung  Ausg.)  und  in  neuester  Zeit  auch  Jul.  lstednffy  in 
der  Zeilschrift  „Turistäk  Lanja-  1H90.  3.  Heft  (Touristen-Blälter.)  Der 
vergleichenden  Mythologie  gegenüber  ist  diese  Ansicht  unhaltbar.  Die 
G.  D.  waren  einfach  wandernde  Studenten,  die  entweder  auf  ihrem 
Wege  nach  den  Universitäten,  oder  von  da  auf  ihrem  Heimwege  von 
Dorf  zu  Dorf,  von  Stadt  zu  Stadl  sich  durch  das  Land  bei  leiten  und 
auf  ihren  Wanderfahrten,  um  zu  einem  Imbiss  zu  gelangen,  durch  ihre 
dem  Volke  unbekannten  physikalischen  Productionen  usw.  in  den  Ruf 
<ler  Zauberkünstler  gelangten. 

Nicht  nur  bei  den  Ungarn,  Croaten,  Rumänen,  Slovaken,  Polen, 
■und  Deutschen,  aber  auch  in  der  Schweiz  und  in  der  Bretagne  linden 
wir  den  G.  D.  Jagit  hat  über  den  G  D.  der  Croaten  einen  Aufsatz 
{Archiv  f.  slav.  Phil.  11.  437)  veröffentlicht.  Bei  den  Südslaven  werden 
pem  G.  D.  dieselben  Eigenschaften  und  Kenntnisse  zugeschrieben,  wie 

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DR.  LADISLAUS  R&TIIY 


bei  den  Ungarn,  nur  ist  er  hier  Pfarramtscandidat.  Bei  den  Rumänen 
ist  der  G.  D.  —  Solomonari  —  sächsischer  Abstammung  und  wie 
Oaster  (Archiv  f.  slav.  Phil.  VII.  281-291)  ihn  uns  beschreibt,  so 
stimmt  auch  dieser  rumänische  G.  D.  mit  dem  der  Ungarn  und  Croa- 
ten  betreffs  seiner  äusseren  Gestalt  und  seiner  Eigenschaften  überein. 
Auch  der  „schwarze  Student"  der  Slovaken  ist  im  Grossen  und  Gan- 
zen der  G  D.  der  Ungarn,  lpolyi  teilt  a.  a.  0.  auch  eine  polnische 
Volkssage  mit,  die  betreff  des  G.  D  nur  den  neuen  Zug  enthält,  dass 
er  seine  Ausbildung  im  Lysei  gora  Gebirge  erhält.  Auch  bei  Henne 
(Volkssagen  S.  147)  finden  wir  in  einer  schweizerischen  Sage  unseren 
G.  D.  vor.  De  Riese  (Histoire  et  traitg  des  Sciences  occultes  p.  356) 
teilt  auch  eine  Volkssage  aus  der  Bretagne  mit,  in  der  von  einem 
zaubernden  Studenten  die  Rede  ist.  Aus  dem  von  Orimm  (Altdeutsche 
Wälder  II.  S.  49)  mitgeteiltem  Gedicht,  in  welchem  ein  fahrender 
Schüler,  namens  Johann  Nürnberg  auftritt,  aus  dem  Anfang  des  XIV. 
Jahrhunderts  ersehen  wir  am  deutlichsten,  dass  der  ungarische  G.  D. 
der  deutsche  fahrende  Schüler  ist  (Vgl.  auch  Freytag,  Bilder  aus  der 
deutschen  Vergangenheit  II.  S.  456).  Solche  Gestalten  wie  der  G.  D. 
finden  wir  also  auch  im  Volksglauben  anderer  Völker  vor.  Dass  im 
Mittelalter  italienische  Zaubermeister  Ungarn  oft  und  oft  besuchten, 
ist  eine  bewiesene  Tatsache.  Ihre  Kunst  hiess  Negromanzia  oder,  nach 
Valentini's  Lexikon  —  Gramanzia.  Hieraus  leitet  öabr.  Szarvas  (Nyelvör 
=  Sprach  wart  VI.  99)  die  Benennung  Garabonczids  ab;  und  wohl 
richtig,  während  Jagfö  dies  für  ein  aus  dem  Slavischen  entlehntes  Wort 
erklärt.  Was  nun  das  Wort  didk  =  Student  anbelangt,  so  stammt  dies 
vom  lateinischen  diakonus  ab.  Katholiken  sandten  im  Mittelaltes  zahl- 
reiche Jünglinge  auf  theologische  Anstalten,  während  die  protestanti- 
schen Magnaten  ebenfalls  viele  Schüler  auf  ausländische  Universitäten 
sandten.  Aus  diesen  wurden  dann  die  Geistlichen,  die  Diakone.  Hieraus 
ist  ersichtlich,  dass  der  Garaboncziäs  diäk  des  ungar.  Volksglaubens 
ein  „fahrender  Schüler"  gewesen  ist,  der  durch  Zauberkünste  sein 
Leben  fristete,  bis  er  eben  das  Ziel  seiner  Wanderfahrt  erreicht  hatte. 


Colonien  der  Spanier  in  Ungarn.1) 

Von  Dr.  Ladislaus  Rithy. 

Nach  der  Vertreibung  der  Türken  aus  Ungarn  waren  die  süd- 
lichen Landesteile  beinahe  ganz  entvölkert,  wo  früher  Ungarn  gewohnt 
hatten  und  wo  wahrscheinlich  zu  Böszörmeny  ein  reformiertes  Bistum 
bestanden  hat.  Her,  in  diese  Gegenden  wurden  Süddeutsche,  Italiener, 
Elsässer  und  Spanier  angesiedelt.  Adolf  Erkbvy  bietet  uns  in  seinem 
Werke :  „A  telepites"  (Die  Colonisation)  einen  grossen  Ueberblick  über 


•)  Vgl.  »Ethnographi»"  I.  Jahrg.  8.  300  ft 

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COLONIKN  DER  SPANIER  IN  UNGARN 


diese  Bewegung,  während  L.  Hecht  (Nancy  1879)  ausführlich  über 
die  Ansiedelung  der  Elsässer  und   Lothringer  schreibt  (Les  colontes 
Lorrains  et  Alsaciens  en  Hongrie.)  Ober  die  spanischen  Niederlassun- 
gen berichtet  Joh.  Miletz:   „Adatok  a  delmagyarorszägi  spanyol  tele- 
pek  tört6net6hezu  (Beiträge  zur  Geschichte  der  spanischen  Niederlas- 
sungen in  Südungarn)  in  der  Zeitschrift :  Delmagyarorszägi  tört.  es  rög. 
erl.  1878.  Miletz  hat  die  auf  die  Verhältnisse  der  vom  Generalen  Mercy 
circa  1733  in  Werschetz  und   Temesvär,   besonders  ab^r  in  Gross- 
Becskerek  angesiedelten  Spanier  bezüglichen  Daten  sorgfältig  gesam- 
melt. Diese  Spanier  wanderten  aus  Murcia,  Arragonien,  Byscaja  ein 
und  wohnten  zum  grössten  Teil  in  Gross-Becskerek,  so  dass  diese 
Stadt  auch  Neu-Barcellona  genannt  wurde.  Einzelne  spanische  Namen 
waren:  Donna  Anna  Novarra  (aus   Murcia)  Josef  Novarra's  Witwe, 
Anna  Maria  Abbadia  (aus  Arragonien),  Josef  Calon,  Don  Alfons  En- 
tero,  Don  Johann  Kristof  Garcia  Donna  Maria  Serra  y  Laguna,  Don 
Joannes  Galcagin  de  Toledo,  Fernandez,  Alvarez  Lopez,  Donna  Ger- 
trud Ximenez,  Don  Josephus  a  Castro  et  Gongora  u.  s.  w.  Ihre  Pfarrer 
waren:  Valdoriola  Franz,  VUlatersana  Josef,   Brihuega  Alfons,  Cuttie 
Salzedo  Anton.  Auf  königlichen  Befehl  —  wie  dies    Ludwig  Nimethy 
Eslergomer  Kaplan,  der  gründlichste  Kenner  der  Geschicite  Budapest'*, 
so  freundlich  war  uns  mitzuteilen,  —  wurden  diese  Spanier  aus  Südun- 
garn 1738  nach  Budapest  übersiedelt,  wo  laut  den  Matrikeln  schon 
1717  spanische  Colonisten  waren.    Am   14.  April  1715  wurde  in  der 
Festungskirche  in  der  Set.  Stefans-Capelle  der  Pfarrer  der  Spanier  Mi- 
chael Guadancara  begraben.  Sie  hatten  hier  ihre  eigene  spanische 
Kirchengemeinde,  deren  Pfarrer  (Capellani  curati  inelytae  nationis  His- 
panicae)  eben  Antonius  Cuttie  a  Salcedo   und   Alfonsus  de  Brihuega 
waren.  Was  aus  dieser  spanischen  Colonie  geworden,  wissen  wir  nicht. 
Solche  Namen  in  Budapest,  wie :   Rodriguez,  Las  Torres,  Valduaga, 
Villas,  können  die  letzten  Nachkommen  dieser  Colonisten  sein. 


Die  Klementiner  in  Slavonien. 

Von  Prof.  Fr,  Ö.  Kuhal 

(Fortsetzung  u.  Schlags). 

Das  Stammland  der  Klementiner  ist  Albanien  welches  von  Kastriolid 
1433—1457  gegen  die  Türken  tapfer  vertheidigt,  schliesslich  der 
Uebermaehl  unterlag.  Die  grausamen  Verfolgungen  unter  Sultan  Mu- 
rat  II.  veranlassten  viele  der  römisch-katholischen  Albanesen  den  mu- 
hamedanischen  Glauben  anzunehmen ;  diese  fielen  nun  über  ihre  christ- 
lichen Brüder  her,  und  überboten  die  Türken  an  Grausamkeit  und 
Treulosigkeit.  Da  entschloss  sich  ein  grosser  Theil  der  christlichen  Al- 
banesen, (die  Türken  nennen  sie  Arnauten,  sie  sich  selbst  aber  Ski- 

HerrmMD,  Ethnologische  HilUiloogeo,  II.  169  12 


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FH.  Ö.  KDHAC. 


patari  oder  Skipitari.  *)  sich  ein  neues  Heim  zu  gründen.  Im  Jahre  1465 
sammelte  K leinen t  gegen  zweitausend  Krieger,  und  führie  siesammt  ihren 
Angehörigen  aus  dem  Lande  ihrer  Väler.  Nach  vielen  Hindernissen 
und  Angriffen  seitens  der  Türken  und  der  albanesischen  Renegaten 
gelangten  sie  in  eine  damals  unbewohnte  Gebirgslandschaft  zwischen 
Albanien  und  Serbien,  eine  kleine  Hochebene  von  ungefähr  einer  hal- 
ben Stunde  im  Umfange  in  der  prokleitischen  Bergkette,  von  allen 
Seiten  von  unzugänglichen  Abgründen  umgeben,  mit  einem  einzigen 
sehr  beschwerlichen  aber  leicht  zu  vertheidigenden  Zugang. 

Zum  Oberhaupte  ihres  kleinen  Freistaates  wählten  sie  ihren  An- 
führer Klement,  nannten  ihre  Völkerschaft  „Klemenlinci"  oder  „Bru- 
derschaft des  Klement tt,  und  richteten  ihr  Staatswesen  nach  patriarcha- 
lischer Art,  nach  Bruderschaften  ein.  Diese  Bruderschaften  der  Alba- 
nesen  dürften  den  Serben,  Montenegrinern  und  Kroaten  als  Muster 
gedient  haben,  da  solche  bratovstine  (Bruderschaften)  nur  bei  den 
Süd-,  nicht  aber  auch  bei  den  West-  oder  Nordslaven  anzutreffen  sind. 

Hier  lebten  die  Klementiner  fünfzig  Jahre  frei  und  unabhängig, 
und  schlugen  jeden  Angriff  der  Türken  tapfer  zurück.  Allein  als  im 
Jphre  1526  nach  der  Mohäcser  Schlacht  ein  Theil  Ungarns,  Slavo- 
ni*  us  und  der  ganze  Balkan  unter  türkische  Herrschaft  gelangte,  muss- 
ten  sich  die  Klementiner  wenn  auch  nicht  ergeben,  so  doch  bequemen, 
einen  jährlichen  Tribut  von  4.000  Dukaten  dem  Sultan  zu  geben,  wo- 
für ihnen  von  Seile  der  Türken  Ruhe  und  Friede  garantiert  wurde. 

In  diesem  Verhältnisse  lebten  die  Klementiner  in  ihrer  kleinen 
Republik  gegen  zweihundert  Jahre  ganz  unbehelligt,  vermehrten  sich 
ausserordentlich,  und  gelangten  sogar  zu  einem  gewissen  Wohlstande. 
Der  Friede,  welcher  während  dieser  Zeit  zwischen  Türken  und  Kle- 
mentinern  herrschte,  hatte  zur  Folge,  dass  das  kleine  Volk  ganz  in 
Vergessenheit  geriet.  Selbst  die  einheimischen  Volksdichter  erzählen 
aus  dieser  Periode  gar  nichts,  was  insofern  begreiflich  ist,  da  keine 
Heldenthaten,  Raufereien,  Verrätereien  u.  d.  gl.  stattfanden.  Wo  aber 
nichts  geschieht,  kann  auch  nichts  erzählt  werden. 

Erst  in  den  Jahren  1737—1739  geschah  der  Klementiner  wieder 
Erwähnung.  Es  war  dies  zur  Zeit,  als  Kaiser  Carl  VI.  im  Bunde  mit 
Russland  gegen  die  Türkei  Krieg  führte,  und  Oesterreich  die  katholi- 
schen Albanesen,  besonders  aber  den  Stamm  der  Klementiner  für  einen 
Aufstand  gegen  die  Türkei  gewann.  Die  Albanesen  hielten  treu  zu 
Oesterreich.  Aber  leider  hat  sich  Oesterreich  durch  übertriebene  Stren- 
ge und  allzugrosse  Härte  des  Obersten  Strasser  die  Sympathien  der 
Albanesen  derart  verwirkt,  dass  diese  sich  in  den  darauf  folgenden 
Kämpfen  ganz  passiv  verhielten.  Dies  ihr  Schmollen  wird   viel  beige- 

*  Adelung  sagt  (Mithridates  II.  pag.  792),  das  Wort  Hkipatar  oder  skipitar 
sei  unbekannter  Bedeutung,  Anton  und  andere  legen  ihm  die  Bedeutung  „Bergbe- 
wohner" bei,  uJihrend  die  syrmischen  Klementiner  meinen:  Skipet  oder  Skit  bedeute 
einen  Wanderer,  Skipitari  daher  ein  Wandervolk.  Hauptmann  Baki6  (ein  geborener 
Nikincer)  sagte  mir  jedoch,  das  in  der  alten  albanischen  Sprache  „sci-pe(r)-tar"  so 
viel  bedeute,  als  ..ein  Unsriger,  Einer,  der  das  Unsrige  versteht." 


170 


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DIE  KLEMENTINER  IN  SLAVONIEN 


tragen  haben,  dass  das  österr.  Heer,  das  auf  Novi  Bazar  gieng,  bei 
Nis  eine  fürchterliche  Niederlage  erlitt.  Gleich  nach  der  Schlacht  trenn- 
ten sich  die  Albanesen  von  den  Trümmern  des  österr.  Heeres,  und 
wanderten  als  Flüchtlinge  mit  Sack  und  Pack,  Weib  und  Kind  über 
Usica  nach  Serbien.  Als  sie  am  Fusse  des  Berges  Alava  lagerten,  wur- 
den sie  von  den  Türken  überfallen  und  zum  grössten  Theile  nieder- 
gemacht. Die  Wenigen,  welche  diesem  Blutbade  entkamen,  trachteten 
den  Sammelplatz  des  österr.  Heeres :  §abac,  zu  erreichen,  von  wo  ans 
sie  die  Save  überschritten,  und  sich  mit  Erlaubnis  Kaiser  Carls  in 
Syrmien  niederliessen. 

Dies  ist  im  Kurzen  die  Vorgeschichte  unserer  Klementiner,  die 
ich  teils  den  „Albanesischen  Studien"  von  Dr.  Joh.  Georg  von  Hahn 
(Jena  1854),  teils  anderen  Quellen  und  vielfachen  mündlichen  Mit- 
teilungen entnommen  habe.  Für  die  neuere  Geschichte  der  syrmi- 
schen  Klementiner  lieferten  mir,  als  ich  im  Jahre  1875  Hrlkovci  und 
Nikinci  besuchte,  der  damalige  Hrtkovcer  Gemeindevorstand  Herr  An- 
ton Kolie"  und  der  Gemeindenotär  Herr  Markus  Pepcic,  beide  geborene 
Klementiner,  wie  auch  der  k.  u  k.  Hauptmann  in  Pension  Herr  Mar- 
kus Bakie,  der  gegenwärtig  in  Agram  lebt,  schätzenswerte  Beiträge, 
iür  die  ich  ihnen  hier  meinen  Dank  ausspreche. 

Als  sich  die  Klementiner  im  Jahre  1737  oder  1738  in  Slavonien 
niederliessen,  wohnten  sie  lange  Zeit  hindurch  in  Wäldern,  in  zerstreu- 
ten Einzelngehöften,  in  Familien  oder  Bruderschaften  geteilt.  Doch 
bauten  sie  bald  nach  ihrer  Ankunft  zwei  Kirchen,  und  gründeten  im 
Jahre  1785  zwei  Pfarren.  Im  Jahre  18<>5,  als  das  Grenz-Grundgesetz 
ins  Leben  trat,  wurden  die  Klementiner  aufgefordert,  ihre  isolierten 
Gehöfte  zu  räumen  und  in  geschlossenen  Dörlern  zu  wohnen.  Da  sie 
sich  dieser  kaiserlichen  Anordnung  widersetzten,  so  wurden  sie  mit 
Waffengewalt,  wobei  nicht  wenig  Blut  floss,  gezwungen,  Gehorsam  zu 
leisten.  Nun  rotteten  sie  grosse  Strecken  Wälder  aus,  und  legten  um 
ihre  Kirchen  die  zwei  grossen  Ortschaften  Hrtkovci  und  Nikinci  an. 

Im  Plarrhofe  zu  Nikinci  befindet  sich  jetzt  noch  «  in  hölzernes 
Kreuz,  welches  die  Klementiner  bei  ihrem  Auszuge  aus  der  alten  Hei- 
mat vorantrugen,  und  unter  dessen  Schutz  sie  nach  Slavonien  ge- 
langten. Früher  befand  sich  das  Kreuz,  das  die  Klementiner  als  ein 
Heiligtum  verehren,  in  der  Kirche  zu  Nikinci,  da  aber  die  Hrtkovcer 
Insassen  drohten,  das  Kreuz  mit  Gewalt  zu  nehmen,  so  musste  das- 
selbe der  Sicherheit  wegen,  in  das  Wohnzimmer  des  Nikincer  Pfar- 
rers gebracht  werden. 

Kaum  einige  Jahre  später,  als  sich  die  Klementiner  in  Slavonien 
festsetzten,  erhielten  sie  neuen  Zuwachs^  aus  Italien,  wohin  sich  viele 
albanesische  Familien  nach  dem  Falle  Skender  beg's  geflüchtet  hat- 
ten, und  wo  sie  wie  nomadisierende  Zigeuner  lebten.  Diese  italieni- 
schen Albanesen  führte  ihr  Erzbischof  Summa  nach  Slavonien  unter 
dem  Schutze  eines  Marienbildes,  das  sich  heute  noch  in  der  Hrtkovcer 
Kirche  befindet,  und  welches  Bischof  Strossmayer  vor  etwa  zwanzig 
Jahren  renovieren  Hess.  Kaiser  Carl  VI.  wies  dem  albanesischen  Erz- 

171  12* 


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FR    Ö  KUHiC- 


bischof  die  innere  Stadt  Eszek  (Festung)  als  Silz  an,  und  gab  ihm 
einen  Jahresgehalt  von  zweitausend  Gulden.  Summa  starb  zu  Eszek 
am  20.  November  1777,  und  wurde  dort  im  Sanctuarium  der  Fran- 
ziskaner-Kirche beigesetzt. 

Mit  den  Brüdern  der  alten  Heimat  stehen  die  syrmischen  Kle- 
mentiner  in  gar  keiner  Verbindung.  Das  was  sie  von  dem  weiteren 
Schicksale  ihrer  alten  Stammesgenossen  wissen,  teilte  ihnen  ein  vor- 
nehmer Albanese  mit,  der  die  beiden  Ortschatten  Hrikovci  und  Nikinci 
im  Jahre  1840  besuchte.  Die  Klemenliner  in  Albanien  gedenken  über- 
haupt stets  der  syrmischen  Colonien,  während  sich  diese  um  das  alte 
Vaterland  nicht  im  mindesten  kümmern,  wie  dies  bei  Auswanderern 
gewöhnlich  der  Fall  ist.  So  kam  in  dem  stürmischen  Jahr  1849  ein 
Abgesandter  Albaniens  zu  unseren  Klementinern,  um  nachzusehen,  ob 
diese  irgend  welchen  Heistand  von  Seite  Albaniens  benötigen;  im 
Jahre  1865  kam  wieder  ein  albanesischer  Mönch  aas  Constantinopel, 
der  sie  aufmunterte  ihrer  Sprache  und  ihrer  Keligion  treu  zu  bleiben, 
und  ihnen  zu  diesem  /wecke  ein  gedrucktes  Psallir,  ein  Evangelium 
und  ein  Gebetbuch  in  albanischer  Sprache  brachte. 

Die  Sprache  der  Klementiner  ist  der  albanesische  Gegedialekt, 
der  in  Nordalbanien  gesprochen  wird,  und  sich  von  dem  toskischen, 
der  in  Mittelalbanien  zu  Hause  und  voll  Gräcismen  ist,  dadurch  un- 
terscheidet, dass  er  trotz  vieler  slavischen  und  türkischen  Wörter  älter 
und  urwüchsiger  ist. 

Das  Vater  Unser  und  der  Englische  Gruss  lautet  in  der  Sprache 
der  syrmischen  Klementiner  nach  Aufzeichnung  des  Herrn  Marko 
Pepcie'  folgendermassen : 

Ati  ün  ci  je  n  cijel,  sejinfia  kjost,  emnit  tat,  a  rodjenija  jote.  botst 
volundedeja  jote,  si  kur  sen  cijel,  a  stu  egsen  ze.  Bnken  ton  per  dicmen 
nepol  v  mazi  zot  nep  ena  dije,  si  kursem  diem  na  fajtorsit  tan,  mosna 
Ije  o  zot  me  ra  ne  kec  po  Ijargona  pre  casitkecit.  Amen:  Astu  kjost. 

 Valjemi  Mri  ilji  pljota,  zoti  uhn  me  tüh  bekua  je  pigji;  (pigjirslr) 

grah,  e  bekua  fürte  barkut  tit  Jesus:  sentnuame  Mri,  oma  e  tim 
zot,  ljutu  perne  patnuamit  tasen  fil  mors  san  Amen :  Astu  kjost. 

Diese  Sprache  sprechen  die  syrmischen  Klementiner  heute  noch 
unter  sich,  doch  kann  jeder  iMann  auch  kroatisch.  Anfangs  gieng  es 
ihnen  mit  der  richtigen  Betonung  der  kroatischen  Wörter  schlecht, 
und  sie  accen'uierlen  jedes  zwei-  oder  mehrsilbige  Wort  derart,  dass 
sie  die  erste  Silbe  über  die  Massen  dehnten  z.  B.  nisam  blo  tämo; 
moja  je  mäti  zdräva  Heute  sprechen  sie  jedoch  so  correct,  dass  man 
der  Aussprache  nach  den  Klementiner  vom  Kroaten  nicht  unterschei- 
den kann.  Die  Klementiner  bedienen  sich  des  lateinischen  Alphabetes, 
dem  sie  noch  drei  eigene  Schriftzeichen  beirügen:  £,  H  und  £.  Der 
Laut  des  ersten  Zeichens  wird  wie  das  kroatische  z  oder  dass  deut- 
sche s  in  „Rose"  ausgesprochen  («ot  =  zot,  der  Herr;  ifane  «=  izane, 
der  Sklave),  der  zweite  wie  das  deutsche  ü  (s88  =  süü,  das  Auge) 
und  der  dritte  wie  ein  lispelndes  aber  etwas  schnarrendes  r  (£re  = 
rlsree,  die  Erde ;  her£e  =  herrslre,  das  Nest). 

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DIE  KLEMENTINER  IN  8LAV0NIEN. 


Jene  Albanesen  (in  Albanien),  welche  den  toskischen  Dialekt 
sprechen,  und  grösstenteils  der  griechisch-orthodoxen  Kirche  angehö- 
ren, bedienen  sich  des  griechischen  Alphabetes. 

Bis  zum  Jahre  1785  erhielten  die  syrmischen  Klementiner  ihre 
Priester  aus  Rom  von  der  „Propoganda  fide",  da  kein  Priester  der 
Diakovarer  Diocese  (zu  der  die  beiden  Ortschaften  Hrtkovci  und  Ni- 
kinci  gehören)  albanesisch  zu  sprechen  verstand.  Um  diesem  abzuhel- 
fen verordnete  Kaiser  Joseph  II.  im  Jahre  177.1,  dass  je  zwei  kle- 
mentinische  Jünglinge,  welche  sich  dem  geistlichen  Stande  widmen 
wollen,  und  vom  Haus  aus  die  Sprache  der  Klementiner  kennen,  aut 
Staatskosten  erzogen  werden  mögen.  Infolge  dessen  erhielten  unseie 
Klementiner  bereits  im  Jahre  1786  zwei  Pfarrer  aus  ihrem  Stamme, 
und  hatten  solche  bis  zum  Jahre  1855  Die  letzten  zwei  Pfarrer,  wel- 
che Klementiner  von  Geburt  waren,  und  dem  Volke  in  dessen  Sprache 
predigen  konnten,  hiessen  Paul  Gjolic  und  Peter  Malja.  *) 

Als  im  Jahre  1822  die  früher  erwähnte  Verordnung  Kaiser  Jo- 
sephs ausser  Kraft  gesetzt  wurde,  die  Klementiner  aber  ihre  Söhne 
auf  eigene  Kosten  nicht  studieren  lassen  wollten  gab  es  auch  keinen 
geistlichen  Nachwuchs  mehr,  und  so  mussten  sie  schliesslich  solche 
Pfarrer  annehmen,  die  der  albanesischen  Sprache  gänzlich  unkundig 
waren.  **)  Immerhin  wird  auch  jetzt  noch  in  ihren  Kirchen,  wenn  auch 
nicht  in  ihrer  Sprache  gepredigt,  so  doch  albanesisch  das  Gebet  ver- 
richtet. 

Erwähnenswert  ist,  dass  die  Kleinem iner,  als  sie  sich  in  Slavo- 
nien  niederliessen,  keine  eigentlichen  Zunamen  hatten,  sondern  ihrem 
Taufiiamen  die  Taufnamen  des  Allvaters,  Urgrossvatcrs,  Grossvalcrs 
und  Vaters  beifügten.  Hiess  z.  B  einer  Mras  (d.  i.  Markus),  so  nannte 
er  sich:  Mras  Gjot-Gig  Nik-Prek.  d.  h.  Markus  vom  Johann,  Georg, 
Nikolaus  der  Sohn  Peters  In  den  dreissiger  Jahren,  als  in  der  Mili- 
tärgrenze Conscriplionslisten  angelegt  wurden,  mussten  sich  auch  die 
Klementiner  eines  Zunamens  bedienen.  Diesem  Befehle  nachkommend 
wählten  sie  den  Taufnamen  des  Vaters  oder  Grossvaters,  und  fügten 
demselben  nach  kroatischer  Art  die  Silbe  *icu  bei,  z.  B.  Gjolic  (von 
Gjot),  Kolic  (v.  Kolja),  Bakic  (v.  Bakai),  Malie"  (v.  Malja)  u.  s.  w. 

Das  Klima  des  gesegneten  Flachlandes  an  der  Save  wirkte  auf 
die  Klementiner,  die  an  trockene  Bergluft  gewohnt  waren,  sehr  un- 
günstig; deshalb  verminderte  sich  auch  ihre  Zahl  von  Jahr  zu  Jahr. 
Nach  der  Volkszählung  vom  Jahre  1870  gab  es  in  Hrtkovci  nur  mehr 
9o*  männliche  und  94  weibliche,  in  Nikinci  aber  94  männliche,  und 
103  weibliche  Klementiner,  im  Ganzen  also  387  Seelen.  Manche  glau- 


*)  Malja,  Dr.  der  Theologie  und  Dechant,  hatte  eine  wertvolle  Bibliothek 
mit  vielen  albanesischen  Schriften,  welche  nach  seinem  Tode  jedoch  verschwand. 
Möglich,  dass  sich  ein  Teil  dieser  Bücher  in  der  Diakovarer  bisehöfl.  Bibliothek 
befindet. 

*♦»  Vom  ethnographischen  Standpunkt  ist  es  gewiss  recht  schade,  dass  diese 
so  überaus  interessante  -  pracheninsel  auf  diese  Weise  der  baldigen  gänzlichen 
Überflutung  ausgesetzt  i*t.  Red. 

173 


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FB.  Ö.  KUHAC- 


ben  zwar,  dass  die  Kleraentiuer  durch  die  in  den  Jahren  1809—1812 
eingewanderten  Kroaten  aus  der  ehemaligen  Karlstädter  Grenze,  durch 
die  im  Jahre  1839  eingewanderten  Schwaben,  und  durch  die  in 
den  Jahren  1865—1870  eingewanderten  Magyaren  verdrängt  wur- 
den ;  aber  dem  ist  nicht  so,  da  sich  der  Klementiner  aus  seinem  syr- 
mischen  Stammsitz  durchaus  nicht  verdrängen  lässt;  sondern  sie  wur- 
den, wie  gesagt,  durch  Epidemien,  zumeist  aber  durch  das  Fieber, 
welches  in  diesen  Gegenden  herrscht,  hinweg  gerafft.  Indess  forderte 
auch  das  Jahr  1848  viele  Opfer;  damals  war  .nämlich  die  Aufregung 
unter  den  Klementinern  so  gross,  dass  sie  mit  den  dortigen  Schwaben 
und  Serben  im  buchstäblichen  Sinne  des  Wortes  Krieg  führten,  wo- 
bei viele,  sowol  von  den  ersteren  als  von  den  letzteren  ums  Leben 
kamen.  Denn  es  muss  gesagt  werden,  dass  die  Klementiner  mit  den 
Kroaten,  so  wie  auch  mit  den  später  eingewanderten  Magyaren  stets 
sympathisierten,  die  Schwaben  aber  ihrer  Habsucht,  und  die  Serben  ih- 
res spöttischen  Wesens  wegen  nicht  leiden  mögen.  Das  Benehmen  der 
Serben  entspringt  übrigens  nicht  aus  Spott,  sondern  aus  Hass  und 
Verachtung,  da  sich  die  Klementiner  rühmen,  bei  der  für  die  Serben 
unglücklichen  Schlacht  am  Kosovopolje  (1389)  den  Ausschlag  gegeben 
zu  haben.  Der  Kampf,  so  erzählt  die  Tradition  der  Klementiner.  währte 
sehr  lange  ohne  Entscheidung,  und  da  sämmtliche  türkische  Kräfte  be- 
reits aufgebraucht  waren,  so  beschloss  der  Sultan  den  Rückzug.  In 
diesem  entscheidenden  Momente  bot  sich  der  Anführer  des  kleinen 
albanesischen  Hilfscorps  dem  Sultan  an.  auf  die  Serben  einen  Sturm 
zu  wagen.  Der  Sultan  lehnte  anfangs  dies  Anerbieten  mit  den  Worten 
ab:  „Wie  wird  eine  handvoll  Leute,  eine  so  grosse  Schlacht  zur  Ent- 
scheidung bringen?"  Als  jedoch  der  verwegene  Albanese  erwiderte: 
PHerr,  der  Feind  ist  erschöpft,  die  Siegeszuversicht  geschwunden, 
der  Gehorsam  und  die  Eintracht  gelockert,  lass  mich  daher  den  Ver- 
such machen!"  so  antwortete  der  Sultan:  „Also  handle,  wie  du  sagst  !* 
—  Als  die  Albanesen  den  Stoss  mit  dem  ihnen  eigenen  Elan  wagten, 
fieng  der  Gegner  an  zu  weichen,  das  türkische  Heer  aber  lebte  neu 
auf,  rückte  vor  und  -  siegte  Nach  vollbrachter  Tat  ritt  der  Sultan 
auf  den  albanesischen  Führer  zu  und  dankte  ihm  mit  dem  Ausrufe: 
„mir  dit!tt  d.  h.  wol  geraten,  oder  auch:  „guten  Tag,  Segenstag. - 
Diese  Worte  des  Sultans  sollen  Veranlassung  gegeben  haben,  dass  sich 
ein  Stamm  der  Albanesen  Mirditen  nannte,  den  Serben  aber,  dass  sie 
die  Albanesen  bis  auf  den  heutigen  Tage  hassen. 

Die  Klementiner  wurden,  als  sie  sich  in  Slavonien  niederliessen, 
als  ein  sehr  emsiges  und  fleissiges  Volk  gerühmt,  das  —  wie  Taube 
sagt  —  seine  faulen  Nachbaren  heimlich  auslachte.  Sie  bebauten  ihre 
Felder  („bastinene  me  punuera"),  hatten  vortrefflichen  Tabak,  dessen 
Samen  sie  aus  Albanien  gebracht,  hielten  Bienen  („mialzate")  und  be- 
trieben Viehzucht.  Sie  hatten  schönes  Hornvieh  („brij  delleia").  Schweine 
(;rjrlsrij)  besonders  aber  schöne  Schafe  („grigi"),  die  sie  ebenfalls 
aus  der  alten  Heimat  mitgebracht  haben,  und  die  eine  vorzügliche, 
seidenartige  Wolle  geben.  Die  Weiber  waren  nicht  minder  fleissig  und 

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DIE  KLEMENTINER  IN  SLAVONIEN. 


geschickt,  sie  spönnen,  webten  und  verfertigten  sowol  ihre  Kleidung 
als  auch  die  ihrer  Männer.  Die  Schafwolle,  welche  sie  gewannen,  färb- 
ten sie.  mit  dem  Safte  gewisser  Kräuter,  welche  Farbe  besonders  schön 
und  dauerhaft  war.  Ihre  Teppiche,  die  sie  fabrizierten  waren  von 
ganz  besonderer  Schönheit  und  Güte.  Heute  kümmert  sich  der  Kle- 
mentiner  bei  weitem  nicht  mehr  so  viel  um  Wirtschaft  und  Erwerb, 
weiss  er  ja  doch,  dass  einst  fremde  Leute  Erben  seiner  Habe  sein 
werden. 

Die  Gestalt  der  Klementiner  ist  gross  und  schlank,  Augen  und 
Haare  sind  gewöhnlich  dunkelbraun  oder  schwarz,  die  Gesichtzüge 
sehr  regelmässig.  Cretins  gab  es  weder  früher  unter  ihnen,  noch  gibt 
es  jetzt  solche,  doch  sind  die  Weiber  gegenwärtig  nicht  mehr  so  gross 
und  schlank  wie  ehedem.  Immerhin  findet  man  aber  auch  heute  noch 
klementinische  Mädchen,  die  gerade  von  entzückender  Schönheit  sind. 

Dem  Temparamente  und  Charakter  nach  sind  die  Klementiner 
hitzig  und  roh.  aber  nicht  wild;  sie  sind  ehrlich,  treu,  verschwiegen, 
tapfer,  voll  des  Nationalstolzes  und  dem  Herscher  und  der  Kirche  bis 
zum  Aussersten  ergeben  Anderseit  aber  sind  sie  wieder  rachsüchtig,  un- 
versöhnlich und  über  alle  Massen  eifersüchtig.  Darum  ist  es  nicht 
ratsam  mit  einer  klementinischen  Braut  oder  einer  jungen  Frau  ohne 
Zeugen  zu  sprechen,  wenn  auch  auf  offener  Strasse  und  bei  hellem 
Tage,  denn  wenn  der  Klementiner  von  einem  derartigen  Zwiegespräche 
Kunde  erhält,  so  ist  der  Betreffende,  sei  er  ein  Klementiner  oder  ein 
Fremder,  seines  Lebens  nicht  sicher.  Lobenswert  ist  dagegen  ihre  Gast- 
freundschaft und  Zuvorkommenheit.  Tritt  man  in  ein  klementinisches 
Haus,  so  kommen  sie  einem  mit  dem  Grusse:  „Miresete  giaagn!" 
(„Willkommen,  mein  Herr!")  oder  mit:  „Miresete  giaagn  mich!"  („ Will- 
kommen, Freund!")  entgegen,  heissen  einen  in  ihrem  schönsten  mit 
kostbaren  Teppichen  belegten  Zimmer  Platz  nehmen,  und  bringen  so- 
gleich Erfrischungen :  Wein,  Mehlspeisen,  Obst  u  d.  gl. 

Geistig  sind  die  Klementiner  sehr  begabt  und  aufgeweckt  Jene 
Jünglinge  ihres  Stammes,  welche  die  Königin  Maria  Theresia  studieren 
Hess,  gelangten  zu  hohen  Aemiern  und  Würden,  jene  aber,  die  als 
Hussaren  in  dem  slavonischen  Reiterregimente  dienten,  zeichneten  sich 
jederzeit  durch  Tapferkeit,  gutes  Verhalten  und  Ritterlichkeit  aus. 


Paul  Hunfalvy  f 

lf*10 — 1891. 


Paul  Hunfalvy,  der  Begründer  der  wissenschaftlichen  Ethnologie 
in  Ungarn,  der  Praesident  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Un- 
garns, unser  Vorbild  und  Meister,  ist  am  30.   November  1891  in 

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BÜCIIEBBESPRECHUNGEN. 


Budapest  gestorben.  —  Am  28.  hat  er  noch  an  der  zu  seinem  50- 
jährigen  akademischen  Jubilaeum  von  jener  Gesellschaft  veranstalteten 
Gedenksitzung  in  ungeschwächter  geistiger  Kraft  teilgenommen  und 
sehr  bedeutsame  Äusserungen  getan,  und  noch  am  letzten  Abend  an 
seinem  grossen  Werke  über  die  Geschichte  der  Rumänen  gearbeitet. 
Sein  Beispiel  objectiven  Forschens  möge  der  heimischen  Volkskunde 
den  Weg  zur  Wahrheit  weisen!  Unsere  „Mitteilungen"  werden  dem  An- 
denken ihres  illustren  Mitarbeiters  einen  längeren  Nekrolog  widmen. 


Bückerbesprechungen. 

Sebillot  Paul.  Devinettes  de  la  Haute- Bretagne.  Paris, 
p.  26.  gr.  8.  Maisonneuve  &  Leclerc. 

Zu  den  am  Wenigsten  beachteten  und  immer  weniger  gepflegten 
Volksüberlieferungen  gehört  das  Rätsel.  Es  is*  das  Erzeugnis  kind- 
lich scherzenden  Scharfsinns,  eine  zuweilen  sehr  geistreiche  Abart  des 
Witzes,  der  den  Rätselaufgeber  sowie  den  glücklichen  Löser  des  Rät- 
sels erfreut  und  erheitert.  Die  Zeit,  wo  ein  RULscIaufgeber  beim  Volke 
hochgeehrt  wurde,  ist  Ireilich  für  die  Cullurvölker  längst  vorüber.  Bei 
uns  pflegen  nur  mehr  Kinder  und  Frauen  im  Volke  das  Rätsel.  Frank- 
reich ist  sehr  reich  an  Rätseln.  Rälselbücher,  bemerkt  Sebillot,  sind 
seit  Jahrhunderten  ein  guter  Artikel  der  Colportage-Buchhändler.  Am 
interessantesten  sind  aber,  fährt  S.  zutreffend  fort,  die  internationalen 
Rätsel.  Solcher  Rätsel  bietet  gerade  diese  Sammlung  nicht  wenige.  Auf- 
fällig erscheint  es  auf  den  ersten  Blick,  dass  die  Literalbewohner  we- 
nig Gefallen  den  Rätseln  abgewinnen.  Die  charakteristische  Einleitungs- 
formel zu  Rätseln  lautet:  „Devine  devinaille".  der  Serbe  sagt:  „da  sto 
mi  da  sto?  (was  denn  mir.  was  denn?i  Wie  der  Serbe  die  vPdalicau 
(vergl.  Sitte  u.  Brauch  der  Südslaven  p.  XIX )  hat  der  Franzose  die 
demande  facitieuse.  Das  deutsche  Fragespiel  ist  doch  etwas  Anderes. 
(Man  vergl.  Frischbier 's  Sammlung)  Wie  sich  doch  in  der  Beantwortung 
eines  einzigen  Rätsels  zwei  Volksseelen  abzeichnen  können,  will  ich  an 
einem  Beispiel  zeigen  Nr.  96  lautet  :  Qui  vale  plus  vite  du  monde  ? 
—  Antwort:  U'ezprit.  Lessing  sagt  in  seinem  Faustfragment  analog: 
der  Gedanke,  der  Südslave  aber  —  das  Wort  wird  dem  greisen 
Cejvanaga  zugesprochen  —  meint :  oko  (das  Auge,  der  Blick.)  Lesprit 
und  Gedanke,  der  augenblickliche  geistvolle  Einfall  ist  eben  nicht 
das  Schnellste  beim  Südslaven.  Das  liegt  aber  nicht  an  dem  Individuum, 
sondern  an  den  uralten  communistischen  gesellschaftlichen  Einrichtun- 
gen, nach  welchen  nie  ein  einzelner,  sondern  nur  eine  Versammlung 
Esprit  besitzen  kann.  Der  Franzose  kennt  auch  :  choses  ä  dire  tres  vite, 
so  z.  B.  Cossulu,  Pissulu,  Coquentra,  Pinosa  (Coq  sur  l'hu  [la  porte], 
pie  sur  Thu  ;  le  coq  entra,  la  pie  n'osa.)  Auch  dem  Deutschen  muss 
das  Wälsche  (Italienische)  zu  solchen  Dingen  herhalten,  so  z.  B.  Di  cw- 
rante  bizi  /S/. (Die  Kuh  rannte,  bis  sie  fiel.)  Die  „Rätselhaften  Inschrif- 

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bCciikrresprechüngen. 

—  ..   ■ .  .  -   1  —   .  — 

ten"  in  den  Scherzwinkeln  unserer  illustrierten  Blatter  sind  nur  Nach- 
bildungen solcher  uralt  volkstümlicher  Scher/reden 

Wien.  Dr.  F.  S.  Krause. 

Haberlandt  Michael:  Der  altindische  Geist.  In  Aufsätzen 
und  Skizzen  von  — ,  Leipzig,  1887.  Bei  A.  (J.  Liebeskind.  VIII.  -f-  348,  8°. 

Haberlandt  ist  eine  eigenartige  und  etwas  befremdende  Erschei- 
nung unter  den  österreichischen  Gelehrten.  Ein  stiller  Zug  von  Li  eb- 
lichkeit  und  Frauenhaftigkeit  spricht  uns  aus  seinen  Arbeiten  an.  Er 
ist  ein  dichterisch,  ein  lyrisch  veranlagter  Gelehrter;  zwei  Naturen 
streiten  in  ihm  um  den  Vortritt,  doch  beide  weiss  er  sich  dienstbar 
zu  machen,  und  so  schafft  er  eine  neue  Welt  aus  sich  heraus.  Dieser 
indische  Geist  ist  vielfach  sein  eigener  Geist.  Ich  möchte  Haberlandt's 
Verhältnis  zum  Indischen  Wesen  mit  seinen  eigenen  Worten  begrün- 
den, die  er  in  Bezug  auf  die  Nichtbeachtung  von  Naturschönheiten 
gebraucht  bei  den  Kömern.  (S.  173.)  .Auch  das  mächtigste  Object 
kann  dem  Geist  nicht  mitteilen,  was  er  nicht  schon  innerlic  i  hat, 
wir  sehen,  dass  die  Dinge  nichts  in  uns  hinein  bringen,  sondern  Al- 
les aus  uns  hervorlocken. u  Und  auf  seine  Darstellung  passt  die  Be- 
merkung, die  er  über  die  Namen  der  Lotosblume  macht  (S.  49 ). 
„Sprache  und  Poesie  sind  hier  nicht  mehr  geschieden,  sie  spielen  in 
einander  über  und  sich  gegenseitig  in  die  Hände. u  Von  der  Art  sind 
seine  Aufsätze:  Bei  den  indischen  Göttern,  Die  Mütter,  Der  Mann  im 
Brunnen  und  am  meisten:  Die  indische  Frau. 

Haberlandt^  Grundfehler  vom  Standpunkte  des  Ethnographen 
glaube  ich  darin  zu  linden,  dass  er  zu  häufig  verallgemeinert  und  Äus- 
serungen des  Volksgeistes  von  den  Auffassungen  der  Kunslliteraten 
nicht  immer  genau  unterscheidet.  Was  soll  man  z.  B.  zu  der  Be- 
hauptung (S.  3)  sagen:  „In  der  Abgeschlossenheit  des  Gangeslandes 
hat  das  indische  Volk  nun  immer  aus  eigenem  und  aus  ganzem  ge- 
schnitten, ist  es  aus  sich  allein  zu  dem  geworden,  wozu  es  sich  ge- 
bildet hat;  zum  geistvollen  Sonderling,  zum  Grillenfänger  unier  den 
Völkern,  für  dessen  Grundstimmung,  Denkgewohnheiten  und  Lebens- 
formen wir  Eur-'päer  in  den  eigenen  nicht  immer  Gleichungsformeln 
zu  finden  vermögen."  Wo  in  der  Welt  findet  man  noch  so  ein  bun- 
tes Gemisch  von  Völkerschalten  wie  in  Indien,  und  wo  ist  etwas  >  krau- 
ser in  eines  zusammengeschmolzen  als  es  indisches  Wesen  ist?  Nur 
von  einem  Naturvölkchen,  das  seit  Aeonen  auf  einem  weltvergessenen 
Eilande  haust,  kann  man  sagen,  es  habe  aus  eigenem  und  aus  gan- 
zem Holze  geschnitten.  —  Bei  der  Deutung  der  Vielköpfigkeit  der  Götter 
missversteht  er  die  aetiologischen  Mythen  und  sagt :  (S.  9  )  „So  ist 
alles  indische  Wesen :  dem  Lieblichsten  und  Tiefsten  immer  ein  Gran 
von  Aberwitz  zugesetz."  Nein.  Aberwitz,  das  ist  ein  wissenschaftlich 
unzulässiges  Wort  an  dieser  Stelle.  Die  vielköpfige  Gottheit  hat  nicht 
ursprünglich  nur  einen  Kopf  gehabt,  sie  ist  schon  vom  Anfang  an 
vielköpfig  gewesen :  denn  sie  ist  einem  ihrer  Ursprünge  nach  aus 
anthropomorphisierlen  Blumen  und  Blüten  hervorgegangen.  Diese  auf 
den  ersten  Blick  ungeheuerliche  Form  hat  mit  gesteigerter  Cultur  alle 

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BÜ(  HKRHESPRECHUNGEN 


anderen  Nebenformen  in  sich  aufgesogen,  doch  dem  Volke  entschwand 
das  Verständnis  für  den  urältesten,  religössymbolischen  Gedanken, 
der  natürlich  nicht  spezifisch  indisch  genannt  werden  kann.  Wie  zu- 
treffend bemerkt  doch  H.  an  einer  anderen  Stelle:  »Mythologie  ist 
nicht  Kunst.  Wir  sind  durch  die  Griechen  gewöhnt,  die  beiden  für 
eins  zu  nehmen.  Aber  das  ist  ein  unzweifelhafter  Irrtum  und  verdirbt 
uns  jede  rechte  Erkenntnis  in  unserer  Sache." 

Eine  recht  hübsche  folkloristische  Silhouette  ist  der  Aufsatz  über 
den  indischen  Fridolin.  Die  57  Skizzen  im  Anhange  zu  dem  Buche 
bieten  eine  gelungene  Auswahl  trefflicher  ethnographischer  Seltsam- 
keiten, die  meistens  keine  Seltsamkeiten  eigentlich  sind.  Das  „Liebes- 
spier, bei  welchem  der  Geliebte  den  Speichel  der  Geliebten  schluckt, 
das  ist  nicht  weniger  als  besonders  indisch,  in  manchen  Gegenden 
Deutschlands  pflegt  der  Bursche  beim  Tanz  ein  Stück  Apfel  zu  zer- 
kauen und  seiner  Tänzerin  in  den  Mund  zu  schieben.  Sie  schluckt  das 
Gekaute  hinunter  zum  Zeichen,  dass  sie  den  Burschen  liebt.  Daneben 
kommt  das  „Züngerln"  vor,  die  Griechen  nannten  es  yhoitiUiv,  und 
bei  den  Serben  heisst  es  jeziiati  se.  Sehr  lieb  wäre  es  mir  gewesen, 
wenn  uns  H.  die  indische  Festfrau  (S.  127.)  die  menschenschädel-ge- 
zierte  Kdli,  die  so  viel  Verwandtes  mit  der  südslavischen  Frau  Kuga 
aufweist,  eingehender  beschrieben  hätte.  Das  Buch  ist  übervoll  solcher 
schöner  Andeutungen,  vielleicht  bietet  uns  H.  bald  neben  duftigen  Blu- 
mensträusschen  auch  einen  ganzen  Stamm,  ich  will  sagen  ein  zusam- 
menhängendes Werk  über  indisches  Volkstum.  Er  wäre  der  Mann  dazu. 

Wien,  1888.  Krauss. 

Ethnologische  Litteratur  Ungarn*  im  J,  1891.  Seit  die 
ethnographische  Gesellschaft  Ungarns  vor  2  Jahren  ins  Leben  getreten 
ist,  hat  sich  um  die  „alte  Garde"  der  Volksforscher  Ungarns  eine  Schaar 
von  Folkloristen  herangebildet  und  Zeichen  ihres  Eifers,  ihrer  For- 
schung auf  dem  saatenreichen  Boden  pannonischen  Volkslebens  auch 
heuer  ausser  den  in  Zeitschriften  erschienenen  Aufsätzen,  durch  meh- 
rere namhafte  folkloristische  Werke  gegeben. 

Unzweifelhaft  das  grösste  und  wichtigste  Werk  ist  die  33  Druck- 
bogen starke  „Sammlung  ungarischer  Kinderspiele"  (Magyar  gyermek- 
jätekgyüjtemeny)  von  unserem  hochverdienten  Mitarbeiter  Dr.  Aron 
Kiss,  das  sich  an  RochhoWs  deutsche  Sammlung  würdig  anreiht,  ja 
dieselbe  in  mancher  Beziehung  sogar  übertrifft.  Ks  ist  dies  ein  Werk, 
das  mit  Hilfe  der  Volksschullehrer  des  Landes  zustande  gekommen, 
in  der  foklorislischen  Litteratur  nicht  nur  Ungarns,  sondern  wir  kön- 
nen mit  gutem  Gewissen  sagen,  auf  dem  Gesammtgebiefe  des  Folklore 
als  Sammlung  von  Kinderspielen  den  ersten  Platz  einnimmt.  Für  den 
Volksforscher  welchen  Specialgebietes  immer  bietet  dies  Werk  ein 
unschätzbares  Materiale.  Sollte  es  Unterfertigtem  irgendwie  vergönnt 
sein,  dies  Werk  im  Auszuge  in  deutscher  Uebersetzung  grösseren  Krei- 
sen zugänglich  zu  machen,  so  wird  dies  gewiss  ehebaldigst  geschehen. 

Eine  „Classificierung  und  Charakteristik  der  ungar.  Dialekte" 
(A  magyar  nyelvjäräsok  osztälyozäsa  es  jellemzese)  hat  Josef  Halassa. 

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HÜCHEHHKSPRECHUNOEN. 


der  tüchtigste  Phonetiker  und  Lautphysiologe  Ungarns,  herausgegeben 
und  damit  den  Sammlern  von  Volksliedern  u.  dgl.  einen  recht  brauch- 
baren Leitfaden  zum  genau  phonetischen  Aufzeichnen  der  Dialekt- 
Lieder  usw.  gegeben.  Dies  Werk  sollte  der  Verf.  wenigstens  im  Aus- 
zuge deutsch  erscheinen  lassen. 

Unser  verdienstvoller  Mitarbeiter  Ludwig  Kdl.mdny  hat  heuer  den 
fünften  Band  seiner  unschätzbaren  Sammlung  magyarischer  Volksdich- 
tungen unter  dem  Titel:  „Szeged's  Volk.  Volksdichtungen  aus  Szege- 
din's  Umgebung.  III.-  (Szeged  nepe.  Szeged  vid6ke  Nepköltese)  veröffent- 
licht. In  diesem  Bande,  aus  dem  wir  demnächst  Stücke  in  deutscher 
Uebertragung  mitteilen  wollen,  sind  30  Balladen,  80  Liebes-,  60  Sol- 
daten-, 20  Hirten-,  20  Spottlieder,  250  Kinderlieder  und  Spiele,  20 
Weihnachtsspiele,  50  Gebete  und  Besprechungsformeln  ,  40  Märchen 
und  Sagen  und  40  Rätsel  mitgeteilt.  Es  ist  eine  fleissige.  fachmässige 
Sammlung,  zu  deren  Fortsetzung  wir  unserem  Herrn  Mitarbeiter  ein 
freudiges  r Glück  auf!*  zurufen. 

Alexander  /Yn/^r,  der  beste  Kenner  der  Palowzen,  hat  „für 
Freunde  in  50  Exemplaren*  13  Märchen  dieses  interessanten  ungari- 
schen Volksstammes  veröffentlicht,  von  dem  bereits  voriges  Jahr  Prof. 
J.  lstvdnffy  eine  Sammlung:  „Palowzische  Märchen  aus  der  Spinn- 
stube" (Palöcz  mes6k  a  fonöböl)  herausgegeben.  Gelegentlich  werden 
wir  etwas  aus  diesen  Sammlungen  in  deutscher  Uebersetzung  mitteilen. 

Mit  den  Slövaken  hat  sich  Josef  Nagy  befasst,  der  heuer  auf 
eigene  Unkosten  als  mittelloser  Landlehrer  ein  Werk:  „Aus  der  Hei- 
mat der  Slovaken  im  Arväer  Comilatea  (A  tötok  otthonäröl  Arvame- 
gyeben)  herausgab.  Das  gegebene  Material  hat  bleibenden  Wert,  wenn 
auch  dem  Verfasser  und  Herausgeber  des  Werkes  folkloristische  Schu- 
lung abgeht.  Sollte  uns  über  die  Volksgruppen  jedes  Comitates  des 
Landes  ein  solches  Werk  zu  Gebote  stehen,  wir  müssten  dem  Land- 
lehrerstande dann  zum  grössten  Danke  verpflichtet  sein. 

Unser  tüchtiger  Turkologe  Ign.  Kunos,  ein  Schüler  Vdtnbiry^  hat 
uns  heuer  mit  einem  Bande:  .Bilder  aus  Anatolien"  (Anatoliai  K6- 
pek)  beschenkt,  die  für  den  Literaturhistoriker,  Volksforscher  und  für 
jeden  gebildeten  Leser  eine  anziehende  Lecture  bilden.  Die  deutsche 
Ausgabe  dieses  Werke«  gibt  Unterfertigter  demnächst  heraus 

Im  Erscheinen  begriffen  sind  noch  die  finnisch-ugrischen  Studien  von 
Bernh.  Mnnkdcai  und  K.  Pdpai,  die  längere  Zeit  in  Sibirien  unter  den 
Wogulen,  Wotjaken  und  Osljaken  {reweilt  haben  und  aus  deren  reich- 
haltigen und  unschätzbaren  Sammlungen  unsere  Zeitschrift  schon  ei- 
nige wichtige  Stücke  mitgeteilt  hat.  Von  lUla  Vikdr  haben  wir  finni- 
sche, von  Gabr.  Bdlint  mongolische  und  von  Ign.  Haldsz  lappische 
Studien  in  nächster  Zukunft  zu  erwarten,  von  Joh.  Janko,  dem  Er- 
forscher des  Nildelta's  (s.  „Globus-  1891.  Bd.  LX.  Hft.  18),  aber  er- 
scheint demnächst  eine  umfangreiche,  illustrierte  Monographie  über  den 
Kalotaszeger  Bezirk  Siebenbürgens,  wo  auch  Prof.  Herrmann's  Curort 
Jegenye,  der  romantische  Aufenthalt  des  Unterfertigten  liegt. 

Dr.  Heinrich  v.  Wlislocki. 

• 

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BÜCHEKBESRECHUNGEN. 


Helwald  Frd.  v.,  Ethnographische  Rösselsprünge.  Kul- 
tur- und  volksgeschichtliche  Bilder  und  Skizzen.  Leipzig  1891.  C.  Heissner. 
416.  S  —  Der  bekannte  Kulturhistoriker  bietet  uns  in  27  Abschniiten  in 
klarer  und  leichter  Darstellung  einzelne  Kapitel  zur  vergleichenden 
Volkskunde,  in  denen  er  eben  für  den  alten  Satz,  den  schon  Peschel 
ausgesprochen  hat,  neue  Belege  herbeizieht,  dass  nämlich  bei  der  Ueber- 
einstimmung  einzelner  Erscheinungen  im  Volksleben  uns  fast  die  trost- 
lose Vorstellung  überfalle,  als  sei  das  menschliche  Denkvermögen  ein 
Mechanismus,  der  bei  der  Einwirkung  gleicher  Reize  immer  zu  den 
gleichen  Rösselsprüngen  genötigt  werde  Hiezu  bieten  R.  Andrejs, 
Ethnographische  Parallelen  ein  grosses  Material  genug,  zu  dessen  treuli- 
chem Werke  Hellwald's  Sammlung  sozusagen  ein  „volkstümliches  Pen- 
dant* bildet,  denn  jeder  Laie,  der  nur  einigen  Anspruch  auf  allge- 
meine Bildung  erheben  kann,  wird  diese  Sammlung  mit  (ienuss  lesen 
und  Belehrung  daraus  schöpfen.  Sie  liest  sich  wie  eine  Reihe  recht 
anmutiger  Feuilletons.  Dr.  H.  v.  Wlislocki. 

Andrian  Ferd,  Freiherr  v*,  Der  Höhencultus  asiatischer 
und  europäischer  Völker,  Wien  1891,  K.  Konegen.  XXXIV.  u.  385  S. 

Dies  Werk  gehört  unzweifelhaft  zu  den  treulichsten  Beitragen, 
welche  im  letzten  Jahrzehnt  uu(  dem  Gebiete  der  Ethnographie  erschie- 
nen sind.  In  der  Einleitung  gibt  uns  der  Verfasser  die  Ergebnisse,  die 
er  aus  dem  reichen  Material  der  Arbeit  gewann  und  teilt  uns  auch 
seine  Methode  mit,  die  er  bei  der  8ichtung  des  riesigen  Materiales  be- 
folgt hat.  Er  glaubt,  im  Bergcult  zwei  Vorslellungsgruppen  zu  erken- 
nen. Die  eine  beruht  auf  dein  Animismus.  auf  der  Beseelung  und  Be- 
lebung der  Natur.  Der  Berg  wird  als  Dämon  oder  als  die  Wohnung 
eines  solchen  gedacht.  Die  andere  Vorstellung,  „die  kosmische  Auflas- 
sung der  Berge"  findet  sich  nicht  überall  vor.  S.  1—366  wird  nun 
ein  umfassendes  Material  lür  den  Höhencult  zahlreicher  Völker  beige- 
bracht, wobei  die  heiligen  Höhen  der  alten  Griechen  und  Römer  nicht 
behandelt  werden,  sondern  im  Anschluss  an  dies  Werk  von  R.  /  eer 
in  einer  besonderen  Schrift  der  Untersuchung  unterzogen  worden  sind. 
Es  ist  begreiflich,  was  auch  der  Verfasser  oft  genug  betont,  —  dass 
eine  auch  nur  halbwegs  erschöpfende  Bearbeitung  dieses  Thema'« 
nicht  gegeben  werden  konnte.  Eine  grosse  Lücke  bildet  in  diesem 
Werke  u.  a.  auch  der  missliche  Umstand,  dass  der  Höhencult  der 
Magyaren  nicht  in  Betracht  gezogen  worden  ist,  wo  doch  der  Verf. 
hiezu  nur  in  den  bislang  deutsch  veröffentlichten  Märchen  und  Sagen 
der  Ungarn  bedeutend  mehr  Material  gefunden  hätte,  als  er  z.  B.  für 
den  Höhencult  der  Rumänen  aus  Müller's  Siehenbürgischen  Sagen 
und  aus  Mailands  kleinem  Aufsatze  (im  „ Ausland"  1887  Nr.  52) 
hat  schöpfen  können.  Dies  Werk  bleibt  für  kommende  Korscher  auf 
diesem  Gebiete  ein  Quellenwerk,  auf  dessen  Basis  der  Höhencult  jedes 
Volkes  in  Einzelndarstellungen  geschrieben  werden  kann,  wie  dies  Un- 
terfertigter bezüglich  der  Zigeuner,  angeregt  durch  dies  treffliche  Werk, 
bereits  getan  hat  (s.  „Journal  of  the  Gvpsy  Lore  Society"  1802.  Vol. 
III.  No  3.  S.  161  -  169) 

Dr.  H  v.  Wlislocki. 


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BÜCHERBK8PRECHUNG  KS. 


Dr.  Heinrich  v.  Wlislocki,  der  fruchtbarste  ungarische  Folk- 
lorist, hat  in  jüngster  Zeit  wieder  einige  sehr  wichtige,  interessante 
grössere  Werke  veröffentlicht,  die  wir  hier  nur  kurz  anzeigen  wollen. 
/.  Märchen  und  Sagen  der  Bukowinaer  (richtiger:  Bukowiner)  und 
Siebenbürger  Armenier.  Aus  eigenen  und  fremden  Sammlungen  über- 
setzt. Hamburg,  Verlagsanstall,  1892.  12  Bogen,  gr.  8°.  60  Märchen 
und  an  100  Sprichwörter.  Mit  kurzer  Einleitung  und  einigen  wen  vol- 
len Noten  von  Wl.  und  Hanusch;  ohne  Quellenangabe,  und  Unter- 
scheiden des  Bukowiner  und  Siebenbürger  Ursprungs.  Eine  Beurtei- 
lung des  wissenschaftlichen  Wertes  der  Sammlung  muss  daher  in 
Schwebe  bleiben,  bis  die  Urtexte  in  der  kritischen  Ausgabe  des  gali- 
zischen  Armenologen  Munzath  erscheinen  werden 

/l.  Volksglaube  und  religiöser  Brauch  der  Zigeuner.  (Darstel- 
lungen aus  dem  Gebiete  der  nicht  christlichen  Rcligionsgeschichte  IV. 
Bd.)  Münster,  1891.  XVI.  +■  184.  gr.  8°.  3  Mark.  —  Die  Fülle  des 
ganz  neuen  Stoffes  verblüfft  auch  den  Fachmann.  Der  unerschöpfliche 
Reichtum  an  Zigeuner-Analogien  für  alle  möglichen  bekannten  Erschei- 
nungen des  Volkslebens  lässl  fast  den  gelinden  Zweifel  aufkeimen,  ob 
der  so  viel  gelesene  und  noch  mehr  erfahrene  Verfasser  nicht  mitun- 
ter mehr  wahrgenommen  hat,  als  wirklich  vorhanden. 

III  Die  Szekler  und  Ungarn  in  Siebenbürgen.  (Sammlung  ge- 
meinverständlicher, wissenschaftlicher  Vorträge.  Herausg.  v.  B.  Vir- 
ehow  u  W.  Wattenbach.  Neue  Folge.  Heft  137.  Hamburg,  1891.  40 
Seiten,  50  Pfennig.)  Wl.  ergänzt  nun  seine  in  dieser  hochangesehenen 
weitverbreiteten  Sammlung  über  die  Zigeuner,  Sachsen  und  Rumänen 
veröffentlichten  Arbeiten  mit  dieser  netten  und  liebevollen,  lebendigen 
uud  sachlichen  Darstellung  der  Eigenschaften,  des  Lebens  und  Webens 
des  Hauptvolkes  dieses  ethnographisch  unvergleichlich  interessanten 
Landesteiles,  und  hat  sich  dadurch  ein  neues  bedeutendes  Verdienst 
um  die  heimische  Volkskunde  erworben.  A.  H. 

Hunfalvy- Alb  um.  —  XXIV.  +  208  Seiten  gr.  8".  Mit  Hun- 
falvy's  Porträt  u.  einem  Facsimile.  Budapest,  1891.  V.  Hornyänszk's 
Verlag.  Preis  3  11.  —  Dieses  prächtige  Gedenkbuch  haben  die  Vereh- 
rer Paul  Hunfalvy \s  aus  dem  Anlasse  herausgegeben,  dass  50  Jahre 
um  sind,  seit  die  Ungarische  Akademie  der  Wissenschaften  Hunfalvy 
zum  Mitgliede  gewählt  hat.  Der  Jubilar  ist  kurz  vor  Erscheinen  des 
Albums  verblichen,  und  die  Jubelschritt  ist  zum  Epitaphium  geworden! 
Ein  prächtiges  Trauerdenkmal,  womit  33  hervorragende  ungarische 
Gelehrte  in  30  Aufsätzen  aus  den  verschiedenen,  von  Hunfalvy  culti- 
vierten  Disziplinen  dem  hochverdienten  Jubilar  den  Zoll  ihrer  Vereh- 
rung abgetragen. 

Der  biographische  Abschnitt  ist  etwas  karg  bemessen ;  in  unser 
Gebiet  gehört  A.  Herrmanns  Aufsatz:  Hunfalvy  als  Ethnograph.  Der 
zweite  Abschnitt  zur  ungarischen  Philologie  enthält  in  11  Artikeln 
manches  Interessante,  aber  wenig  Hervorragendesund  ganz  Neues.  Durch- 
wegs bedeutend  sind  die  5  Aufsätze  zur  finnisch-ugrischen  Philolo- 
gie im  dritten  Abschnitt,  von  denen  wir  anführen:  B.  Vikar,  Kalevala, 

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BÜCHERBESPRECHUNGEN. 


IX.  runo,  mit  Einleitung.  —  B.  Munkäcsi,  Der  wogulische  Brauch  des 
Bäreneides;  u.  K.  Päpai,  Heirat, bei  den  Wogulen.  (Wol  die  beiden 
für  uns  bedeutendsten  Arbeiten.)  —  Der  vierte  Abschnitt  enthält  14 
Artikel  aus  verschiedenen  Gebieten  und  von  verschiedenem  Werte. 
Näher  interessieren  uns:  L.  R6thy,  Die  ungarische  Liiteratur  u.  d.  Ru- 
mänen. —  A.  Szilägyi,  Die  sieben  bürgische  Gesetzgebung  und  die  Ru- 
mänen. —  .1.  Goldziher,  Die  Dichter  in  der  Auffassung  der  allen  Ara- 
ber, mit  einen  schätzbaren  Nachtrag  von  B.  Munkäcsi.  —  J.  Kunos, 
Aus  dem  Epos  Köroglu.  —  G.  Alexi,  Der  Rabe  in  der  rumänischen 
Volkspoesie.  —  L.  Katona,  Die  nächsten  Aufgaben  der  Märchenfor- 
schung. —  A.  Strausz,  Bulgarische  Volkslieder.  —  Recht  verdienstvoll 
ist  A.  Hellebrandt's  chronologische  Zusammenstellung  derlitt.  Arbeiten 
Hunfalry's  in  284  Nrn,  (Redactionen.  selbständige  Werke  und  Aulsätze). 
Die  erste  Arbeit  sind  Dresdener  Briefe,  1839,  die  letzte  eine  Recension  über 
A.  Herrmann's,  Alternativen  zur  rumänischen  Ethnologie,  1890.  —  Wir 
vermissen  einige  nicht  unwesentliche  Nummern,  so  die  sehr  bedeutende  Re 
cension  über  0.  Herman's  Buch  der  ungarischen  Fischerei  in  den  Ethnolo- 
gischen Mitteilungen  aus  Ungarn,  I.  1888.  2.  Hell.  Sp.  152—160,  und  die 
bedeutsame  Eröffnungsrede  in  der  Volkversammlung  der  Ges.  f.  d.  Völ- 
ker*. Ungarn.  (Ethnographia,  II.  169—171.)  A.  H. 

Erdäly.  (=  Siebenbürgen.)  Von  dem  illustrierten  Organ  des  un- 
garisch-sieben bürgischen  Karpaten- Vereins  ist  soeben  das  erste  Heft 
(1892.  Januar)  in  einem  Umfange  von  31/*  Bogen  erschienen.  Von 
grosser  Wichtigkeit  für  die  Volkskunde  ist  diese  neue  Zeitschrift  da- 
rum, weil  sie  neben  der  besonderen  Berücksichtigung  der  für  Siebenbür- 
gen so  bedeutsamen  Balneologie  im  Hauptrahmen  der  Turistik  der  Eth- 
nographie dieses  Landesleiles  (Fachreferent  A.  Herrmann)  den  ihn 
gebührenden  hervorragenden  Platz  anweist.  Als  volkskundliche  Auf- 
sätze führen  wir  an:  Graf  Geza  Kuun,  Über  die  Brodnik  (rumänische 
Nomaden).  —  Dr.  J.  Jankö.  Über  das  magyarische  Volk  von  Kalota- 
szeg.  —  H.  v.  Wlislocki,  Wanderzeichen  der  siebenbürgischen  Zigeu- 
ner. (Auszug  aus  dem  Artikel  in  den  Elhn.  Mitt.)  —  Diese  höchst 
beachtenswerte  Zeitschrift  erscheint  monatlich  einmal,  im  Sommer  zwei- 
mal, und  wird  den  Mitgliedern  des  Vereins  gegen  den  Jahresbeitrag 
von  2  fl.  gratis  geliefert.  Redacfeur  1).  Radnöti.  A.  H. 

Bolgdr  n&pköltesl  gyiijtemtny.  (Sammlung  bulgarischer  Volks- 
poesien). Mit  unedierten  bulgarischen  Originaltexten.  Übersetzt  und 
mit  Unterstützung  der  bulgarischen  Regierung  herausgegeben  von  Adolf 
8trausz.  Mit  bulgarischer  Vorrede  von  Dr.  I).  Ivan  Öiämanov.  Buda- 
pest, 1892.  2.  Bd.  XVI.  +  334  und  393  Seiten.  Preis  6  fl 

Es  erscheint  uns  seitens  der  Führer  des  bulgarischen  Volkes  als 
e*a  bedeutsames  Zeichen  politischer  Reife  und  klaren  Einblickes  in  die 
Tiefen  des  Völkergedankens,  dass  sie  jetzt,  am  Beginn  der  zweiten  Epo- 
che der  nationalen  Selbständigkeit  das  Studium  ihres  Volkstums  so  sehr 
m  den  Vordergrund  treten  lassen.  Sie  scheinen  es  gar  wol  zu  wis- 
sßn,  dass  das  der  sichere  Ausgangspunkt,  die  feste  Grundlage  für  die  or- 
ganische Entwickelung  der  nationalen  Kultur  ist,  die  Vergangenheit 

82 


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BCCUEKKK8PRECHUNOEN. 


ein  verlässlicher  Wegweiser  in  die  Zukunft,  der  im  Ethnischen  sich 
offenbarende  Volksgeist  ein  tiefeingreifender  Factor  der  nationalen 
Politik.  Die  bulgarische  Regierung  selbst  lässt  durch  einen  der  hervor- 
ragendsten Vertreier  der  modernen  Kultur,  den  Sectionsschef  i.n  Kul- 
tusministerum,  Dr.  Ivan  D.  Sismanov  den  Sbornik  redigieren,  eine  gross- 
artige wissenschaftliche  Sammlung  zur  bulgarischen  Landes-  und  Volks- 
kunde, mit  eminent  ethnographischer  Färbung. 

Aus  dieser  Sammlung  ist  das  hier  angezeigte  ungarische  Werk  ge- 
schöpft. Ungarn,  das  sonst  so  sehr  berufen  wäre,  zwischen  Ost  und  West, 
zwischen  Nord  und  Süd  geistige  und  materielle  Kultur  zu  vermitteln,  lässt 
sich  zwar  diese  Mission  nicht  sehr  angelegen  sein,  und  aus  der  vorliegenden 
Publication  wird  der  Westen  nicht  viel  Kenntnis  des  bulgarischen  Volks- 
geisles  schöpfen  Umsomehr  aber  die  ungarische  Nation,  deren  aufrichtige 
Sympathie  für  alle  wahren  und  edlen  Freiheitsbestrebungen  die  Leiter  des 
bulgarischen  Volkes  wol  zu  würdigen  wissen,  die  dessen  bewusst  sind,  dass 
das  Eindringen  in  die  bulgarische  Volkspsyche  nur  geeignet  ist,  diese  Sym- 
pathien zu  stärken.  Auch  war  aut  Grund  der  ungarischen  Edition  das  Zu- 
standekommen einer  deutschen  Ausgabe  (welche  der  Referent  mit  dem  He- 
rausgeber der  ungarischen  vorbereitet)  gleichfalls  in  Aussicht  genommen. 
Und  es  bot  die  bulgarische  Regierung  in  lieberalster  Weise  die  Hand  zur 
Schaffung  dieses  Buches,  des  grössten  in  der  ungarischen  Litteratur,  das 
sich  mit  dem  Folklore  eines  fremden  Volkes  befasst. 

Wir  wollen  hier  nicht  aut  eine  genauere  Beurteilung  des  Werkes  ein- 
gehen, sondern  nur  kurz  seinen  Inhalt  besprechen.  Der  erste  Band  enthält 
auf  Seite  I — XVI.  das  sehwung  und  taktvolle  Vorwort  Sismanovs  sammt 
ungarischer  Übersetzung.  S?ite  1  —  löl  die  Einleitung  des  Übersetzers,  in- 
teressante Aufsätze  über  Volkspoesie  und  deren  Editionen,  über  Volks- 
glauben. Sitte  und  Brauch  der  Bulgaren  mit  Musikproben;  aus  denen  be- 
sonders die  eingehende  Schilderung  der  Eheschliessung  hervorgehoben  zu 
werden  verdient.  Diese  ziemlich  breit  angelegte  Einleitung  erhebt  zwar  kei- 
nen Anspruch  auf  fachgemiisse  Wissenschaftlichkeit,  ist  aber  genug  geeig- 
net, den  ungarischen  Lesern  weiterer  Kreise  in  anziehender  Weise  ein  an- 
schauliches Bild  des  Volkslebens  in  seinen  Hauptzügen  zu  geben,  und  sie 
in  den  Stand  zu  setzen,  die  Sammlung  selbst  zu  verstehen.  Nun  folgen  unter 
70  Titeln  verschiedene  Kategorien  von  Volkspoesien,  und  auf  S.  321—331. 
Anmerkungen.  —  Der  zweite  Band  enthält  aut  S.  1 — eine  wertvolle 
Sammlung  von  ungedruckten  bulgarischen  Originaltexten,  denen  dann  die 
ungarischen  Übersetzungen  folgen,  weiters  wieder  Übersetzungen  aus  schon 
veröffentlichten  Quellen,  im  ganzen  1 09  Titel:  endlich  Anmerkungen  S. 
376-  390.  —  Die  Übersetzungen  nnd  nett  und  flott,  mitunter  etwas  flüch- 
tig, aber  immer  verständig  und  recht  gut  zu  geniessen.  Mit  übertriebener 
Genauigkeit  sind  bei  den  meisten  Dichtungen  die  Gewährsleutea  ngegeben, 
was  wir  bei  Übersetzungen  nicht  suchen,  wol  aber  den  Hinweis  darauf,  wo 
das  schon  veröffentlichte  Original  zu  finden  ist.  —  Die  Anmerkungen  bieten 
manches  Belehrende  und  zum  Verständnis  der  Dichtungen  Erwünschte. 
—  Strausz  hat  sich  durch  diese  grosse,  mühselige  Arbeit  sowol  um  die  bul- 
garische Volkspoesie.  als  auch  um  die  ungarische  Litteratur  grosse  Ver- 
dienste erworben.  A.  H. 

183 


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Sl'RACHMONOI'OL. 


Sprachmonopol. 

Der  Anlass,  dass  wir  in  diesem  Heft  die  Übersetzung  eines  unge- 
druckten Karagöz-Spieles  von  Ignaz  Kunos  veröfTeni liehen,  erinnert 
uns  an  eine  Expectoralion  des  Herrn  Dr.  Luschan,  der  im  höchst 
verdienstvollen  „Internationalen  Archiv  für  Ethnographie"  1889.  einem 
schönen  Artikel  über  „Das  türkische  Schattenspiel"  eine  Nachschrift 
anhängt,  die  uns  nahe  interessierende  wichtige  prinzipielle  Fragen  be- 
rührt, die  wir  daher  reproducieren,  und  uns  dabei  einige  Bemerkun- 
gen erlauben.  Hr.  Luschan  schreibt: 

„Während  der  Drucklegung  des  Schlusses  dieser  Arbeit  wird  mir 
die  Schrift  von  Dr.  Kunos  Ignäcz  zugänglich,  in  der  Form  eines  Son- 
derabdruckes —  aus  einer  Zeitschrift,  unter  dem  Titel :  ,Härom  karagöz- 
jatek  1886,  in  Budapest  erschienen.  Sie  enthält  drei  vollständige  Texte 
in  Transcription  und  in  ungarischer  Üeberselzung,  ausserdem  ein  Vor- 
wort von  5,  und  einen  Schluss  von  15  Seiten,  meist  mit  Noten,  wie 
es  scheint,  sprachlichen  Inhalts  —  auch  diese  leider  in  ungarischer  Spra- 
che. Erscheint  es  schon  eigentümlich  türkische  Texte  gerade  nur  in 
ungarischer  Üeberselzung  zu  veröffentlichen,  so  wäre  es  um  so  mehr 
zu  erwarten  gewesen,  dass  wenigstens  der  Titel  und  die  wenigen  Blät- 
ter, welche  die  Texte  einleiten  und  abschlissen,  auch  in  einer  euro- 
päischen Sprache  mitgeteilt  würden.  Die  Schrift  wäre  mit  dieser  ge- 
ringen Concession  an  die  ausserhalb  des  Globus  von  Ungarn  woh- 
nende Menschheit  sofort  einem  grossen  Leserkreise  näher  gerückt,  und 
zunächst  auch  allen  Orientalisten,  denen  die  türkische  Transcription 
den  ursprünglichen  Text  ersetzt,  ohne  weiteres  verständlich.  Vielleicht 
veranlassen  diese  Zeilen  den  Herrn  Verfasser,  wenigstens  Anfang  und 
Schluss  seiner  Schrift  auch  in  einer  allgemeiner  verständlichen  Sprache 
zu  veröffentlichen;  einstweilen  kann  ich  nicht  einmal  darüber  klug 
werden,  ob  die  iranscribirlen  Texte  dem  Herausgeber  gedruckt  vorge- 
legen haben,  oder  nur  in  Handschrift  oder  mündlicher  Überlieferung 
—  jedenfalls  aber  sind  dieselben  von  grosser  Wichtigkeit,  so  dass  ich 
nicht  verfehlen  darf,  die  Aufmerksamkeit  der  Fachleute  auf  dieselben 
zu  lenken". 

Es  gereicht  uns,  die  wir  stolz  darauf  sind,  uns  die  Anerkennung 
strenger  Unbefangenheit  verdient  zu  haben,  und  die  wir  uns  ja  bei 
unsern  Mitteilungen  der  deutschen  Sprache  bedienen,  —  also  es  ge- 
reicht uns  zu  grosser  Freude  und  Genugtuung,  wenn  wir  ähnlichen 
Vorwürfen  bezüglich  der  ungarischen  Sprache  begegnen,  und  wir  wünsch- 
ten, das  derlei  litterarische  Delicte  je  öfters  und  an  je  ansehnlicherer 
Stelle  (wie  z.  H.  in  Mommsen's  Corpus  Inscr.)  uns  solche  Vorwürfe 
zuziehen  mögen.  Würden  nur  die  ungarischen  Schriftsteller  und  Ge- 
lehrten einige  hundert  solche  Werke  schaffen,  bei  denen  es  den  Eu- 
ropäern recht  leid  täte,  dass  dieselben  in  ungarischer  Sprache  verfasst 
sind,  dann  kämen  wir  allmählich  dahin,  dass  es  der  Mühe  wert  wäre, 
ungarisch  zu  verstehen,  was  für  hoch  Civilisierte  nicht  so  gar  un- 
möglich sein  kann,  wenn  man  bedenkt,  dass  wir  Halbbarbaren  in  Un- 


184 


SPRACHM  ONOPOL. 


garn  neben  melireren  Landessprachen  so  viele  ..Cultursprachen"  er- 
lernen, wie  kein  westliches  Volk.  Wenn  man  unserer  Sprache  bedürfte, 
wenn  sie  eine  unentbehrliche  Litteratur  hätte,  würde  man  sie  schon 
erlernen,  und  sie  würde  wol  auc  i  in  die  Vorzugsciasse  „europäischer" 
Sprachen  rangiert  werden.  Dass  ungarische  Schriftsteller  nach  diesem 
hohen  Ziele  streben,  darf  man  ihnen  wol  nicht  verargen. 

Wir  müssen  noch  aufrichtig  gestehen,  dass  es  uns  keineswegs  so 
ganz  u  gar  eigentümlich  erscheint,  türkische  Texte  gerade  nur  in 
ungarischer  Übersetzung  zu  veröffentlichen.  Die  Herrn  „europäischen" 
Turkologen  mögen  es  gnädiglich  zur  Kenntnis  nehmen,  dass  (da  die 
türkischen  Studien  zu  den  Grundlagen  magyarischer  Ethnologie  u. 
Philologie  gehören)  ausser  dem  hier  inkriminierten  Buche  in  ungari- 
scher Sprache  auch  noch  andere  wichtige  osmanische  Studien  erschie- 
nen sind  und  erscheinen  werden,  deren  der  Fachmann  füglich  nicht 
wird  entraten  können 

Noch  ein  Wort  zum  ungarischen  „Globus."  Einem  jeden  Volke 
ist  sein  Land  sein  Kosmos,  und  so  soll  es  auch  sein.  Die  Ungarn  ha- 
ben sich  »las  ihrige  genug  sauer  verdient:  dieser  „Globus"  war  lange 
das  Hollwerk  abendländischer  Kultur,  und  es  geziemt  den  Monopolis- 
ten der  Civilisalion.  besonders  den  Orientalisten,  nicht  im  mindesten, 
über  das  Desireben  der  Ungarn,  des  Reiches  und  Volkstums  der  Vä- 
ter hier  im  Halborient  gelreu  zu  warten,  vornehm  „europäisch"  zu 
spötteln.  ■«  A.  H, 


Magyarische  Volks  bailaden. 

i. 

MolnAr  Ann».  •) 

Machte  auf  sich  Ajgö  Martin 
Aul  gar  weilen  Weg  zur  Waldschlucht, 
Traf  am  Weg  er  Molnar  Anna: 
„Komme  mit  mir.  MolnAr  Anna, 
Mit  auf  weiten  Weg  zur  Waldschlucht. M 
„„Kann  nicht  kommen,  Ajgö  Martin, 
Hab  mein  Heim,  mein  liebes,  holdes, 
Säug'  am  Düsen  süsses  Söhnlein." 
Rief  und  rief  er  sie,  sie  säumte, 
Raubte  rasch  sie  aus  der  Sölde 

Wallten  sie  zu  zwein  nun  weiter 

Auf  dem  Wildsteg,  hin  zur  Waldschluchl ; 

Stund  am  Weg  ein  stämm'ger  Richbaura, 

•)  Vgl.  Ethnol.  Mitt.  I.  1.  Heft,  Spalte  80. 


10 


ADOLF  HAHDMANN 


Setzten  sich  in  seinen  Schatten. 
„Blick'  mich  an  doch,  weis'  dein  Antlitz:' 
Fiel  aus  Anna's  Aug'  ein  Tropfen. 
,Was  denn  weinst  du,  Molnar  Anna?* 
,„Wein'  ja  gar  nicht,  Ajgö  Martin  ; 
Tauestropfen  träuft  der  Baum  nur, 
Traun,  im  Mittag  steht  die  Sonne."" 
Stieg  hinan  am  Stamm  des  Baumes, 
Umschau  halten,  Ajgö  Martin, 
Glitt  zur  Erd'  sein  prlcht'ger  Pallasch. 
.Reich'  mir,  reich*  mir  meinen  Pallasch!" 
Warf  sie  jäh  empor  den  Pallasch, 
Bohrt1  der  prall  in  seine  Brust  sich. 

Mummte  sich  nun  Molnar  Anna 
Ein  in  Ajgö  Martins  Kleider. 
Kehrte  heim  zu  ihrem  Hausherd, 
Stund  dort  vor  der  Solde  stille. 

»Stiller  Hauswirt,  frommer  Hauswirt, 
Gibst  mir  Herberg  für  die  Nacht  heut  ? 
„  .Hoher  Herr !  kann  keine  geben, 
Hab'  ein  kläglich  schreiend  Söhnlein." * 
Bat  sie  ihn  da,  bis  er  nachgab. 

»Stiller  Hauswirt,  guter  Hauswirt, 
Gibt's  wol  guten  Wein  im  Weiler? 
Wollt1  zum  Nachtimbiss  ein  Krüglein. * 
Gieng  um  Wein  der  gute  Gatte, 
Knöpfte  sie  sich  auf  den  Dolman, 
Säugte  satt  ihr  schreiend  Söhnlein. 

Übersetzt  von  Adolf  Handmann 
II. 

Die  drei  Waisen. 

, Wohin  geht  ihr,  ihr  drei  Waisen?' 
„Gehn  in  Frohndienst  weithin  reisen!" 
, Bleibet,  bleibt  doch,  ihr  drei  Waisen ! 
(Jehl  in  Dienst  nicht,  geht  nicht  reisen!' 

,Geb'  euch  Hut  lein  drei  vom  Herde, 
Schlagt  damit  die  Friedhofserde!4 
„Mutter  lieb!  entsteig'  dem  Grabe, 
Näh'  das  Kleid  uns,  gib  uns  Label" 

IM 


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MAGYARISCHE  VOLKSBALLADEN 


„Kann  ja  rühren  nicht  die  Hände, 
Drücken  rings  mich  Bretterwände ; 
Nennt  doch  neue  Mutter  euer, 
Näht  das  Kleid  euch,  schürt  euch's  Feuer.« 

«Kämmt  sie  uns  und  wäscht  die  Glieder, 
Trieft  das  Blut  am  Leib  uns  nieder; 
Gibt  sie  Brot  aus  Hirsenkorne, 
Schilt  sie  uns  und  flucht  im  Zorne.* 

Übersetzt  von  Adolf  Handmann. 


in. 


(Originaltext  in  Abafi'B  ZfacLr  „Figyalo*  1876.) 

Einstens  hau'  ein  König  eine  schöne  Tochter, 
Golden  war  ihr  Haar  und  sternenlicht  ihr  Auge; 
Reich  mit  Diamanten,  Perlen,  Silber,  Golde 
Schmückte  man  die  Königsmaid,  die  holde. 

Einstens  hatt'  ein  König  einen  schönen  Sohn, 
Golden  war  sein  Schwert  und  silbern  war  sein  Ross 

Einstens  hatt1  ein  König  einen  schönen  Sohn, 
Und  ein  and'rer  König  eine  Tochter  schön. 

Von  sechs  stolzen  Rossen  kam  der  Prinz  gefahren, 
Freile  bei  dem  König  um  die  Königstochter; 
Königssohn  erhielt  zum  Weib  die  Königstochter,  — 
Eine  ganze  Woche  dauerte  die  Hochzeit. 

Königssohn  fuhr  mit  der  Gattin  draut  von  dannen 
Auf  dem  schönen  Wagen  mit  den  goldnen  Radern. 
Als  sie  in  den  tiefen  Waid,  den  dunklen,  kamen. 
Vier  Haiducken  hielten  grimmig  an  den  Wagen. 

„Einen  P guten  Morgen"  wünschen  wir  dir  Prinzlein, 
Noch  zu  dieser  Stund'  musst  du  dein  Leben  lassen  I* 

—  Tut  mir  nichtz  zu  Leide,  lasst  mir  nur  das  Leben, 
All  mein  Gold  und  Silber  will  ich  gern  euch  geben! 

Bat  die  Königstochter:  .Räuber,  ihr  vier  Räuber, 
Lasst  uns,  lasst  uns  leben;  wollet  uns  nicht  tödten!" 


—  Hör'  uns  schöne  Königstochter,  hör*  uns  an, 
Du  allein  kannst  retten  deinen  Ehemann; 
Wenn  bei  unsrem  Hauptmann  du  drei  Nächte  schläfst, 
Unverletzt  könnt  ihr  dann  beide 


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fl.  WLULOCKI 


Eingewilligt  in  den  Vorschlag  hatten  beide, 
Königstochter  schlief  beim  Hauptmann  drei  dor  Nächte: 
Doch  am  vierten  Morgen  fiel  durchs  Schwert  der  Riiube- 
Ihres  Gatten  Haupt,  das  Haupt  des  Königssohnes. 

„Gott  sei  deiner  Seele  gnädig,  Gatte  mein, 
In  dem  Jenseits  werden  wir  uns  wiedersehn  !* 

„„Gott  beschütz1  dich  süsse,  teure  Ganin  mein, 
In  dem  Jenseits  werden  wir  uns  wiedersehn  !uu 

11  o.  Wlhlocki. 

IV. 

Magyarisches  Volkslied. 

(Originaltext  in  Kdlmäny'  Koszoru.f  etc.  LS  11  ) 

Dort,  aus  jenem  dunklen,  tiefen  Moor 
Wächst  die  Lilie,  wächst  die  IW  empor; 
Schlanke  Lilie,  weisse  Kose, 
Du  betrogst  mich,  du  Herzlose! 

Eine  Blume  war  ich  auch  einmal, 
Doch  jetzt  bin  ich  welk,  verblüht  und  fahl: 
Dich,  du  Falsche,  will  ich  meiden, 
Will  auf  immer  von  dir  scheiden! 

In  die  Welt,  die  weite,  will  ich  ziehn. 
Weil  in  öde  Fernen  will  ich  lliehn, 
Namenloses  Leid  und  Schmerzen 
Im  gebrochnen,  kranken  Herzen. 

Nur  das  bittre  Leid  folgt  meiner  Spur 
Und  begleitet  mich  durch  Wald  und  Flur, 
Flüstert  mir:  dass  du  geb. ochen 
Hast  die  Treu,  die  du  versprochen! 

H.  v.  Wlhlocki. 


Aus  dem  Munde 
i. 

Ene,  bene, 
Ekate,  pekate, 
Schliri,  potsche, 
Quinqua,  quinqua, 
Semelepa. 

Atscheine,  tatscheine,  Schopf 


ier  Ofner  Sehwaben. 

2. 

Der  Heidi  Pupeidl  steht  draussen, 
Er  wüll  ma  mei  Kinderl  mausen, 
her  Heidi  Pupeidl  steht  hinter  der 

Tür, 

Wann'st  nit  glei  einschläfst , so  kommt 

er  herfür 

1Ö8 


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AÜ8  DEM  MÜNDE  DER  OFNER  SCHWABEN. 


3. 

Ziserlbaum,  Ziserlbaum 
Wachs  in  mein  Garten, 
Wann  a  schens  Maderl  kommt, 
Sag,  sie  soll  warten. 
Wann  sie  nil  warten  will, 
Sag,  i  bin  gsturm; 
Wann's  driber  traurig  wird, 
Sag,  i  kum  morgn. 

4. 

Ei  ei  ei 

Sagt  mei  Weib, 
Knederln  soll  i  kochen, 
Hab  ka  Salz, 
Hab  ka  Schmalz, 
's  Heferl  is  ma  brochen. 
Wie  i  wüll  zum  Hafner  laufen, 
Wüll  a  anders  Heferl  kauten. 
Kommt  a  klana  Mann  doher, 
Kennt  mi  übern  Haufen. 

5. 

Guter  Freund,  ich  frage  dich, 
Sag  mir,  was  ist  eins? 
Eins  und  eins  ist  Gott  der  Herr, 
Der  da  lebt  und  der  da  schwebt 
Am  Himmel  und  auf  Erden 

Mitgeteilt 


Guter  Freund,  ich  frage  dich, 

Sag  mir,  was  ist  zwei? 

Zwei  Tafel  Moses, 

Eins  und  eins  ist  Gottder  Herr  u.  s.  w. 

Guter  Freund  ich  frage  dich, 
Sag  mir,  was  ist  drei? 
Drei  Patriarchen, 
Zwei  Tafel  Moses, 
Eins  und  eins  u.  s.  w. 

Guter  Freund,  u.  s.  w. 
Vier  Evangelisten,  u  s.  w. 

Fünf  Gebote  der  Kirche,  u.  s.  w. 

Sechs  steinerne  Wasserkrüg, 
Die  der  Herr  hat  angefüllt, 
Zu  Kanaa  in  Galilea  u.  s.  w. 

Sieben  Sakramenten. 
Acht  Seligkeiten. 
Neun  Chöre  der  Engel. 
Zehn  Gebote  Gottes. 
Elftausend  Jungfrauen. 
Zwölf  Eigenschaften. 

von  Frau  Josefine  Weisz-Findczy. 


Deutsches  Volkslied  aus  Siebenbürgen. 

Die  Schwalben,  sie  fliegen 
Hoch  über  das  Dach: 
Meine  Seele  möcht'  fliegen 
So  gern  ihnen  nach. 

Möcht  fliegen  so  gerne 
O  Liebchen  zu  dir, 
Doch  hat  sie  ka  Flügel,  - 
0  wehe,  weh  mir! 

18* 


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DEUTSCHES  VOLKSLIED  AU8  SIEBENBÜRGEN. 


0  Schwalbe,  o  fliege 
Aus  da'm  Nest  hinaus, 
Meine  Grüsse,  o  bringe 
Zu  Liebchens  Haus! 

Schaust  du  sie  in  der  Küche, 
Sag':  ich  lass  sie  küssen; 
Schaust  du  sie  im  Hofe, 
Sag':  ich  lass  sie  grüssen; 
Schaust  du  sie  vor'm  Tore, 
Sag*,  das«  auseinander,  — 
Auseinander  wir  müssen! 

(Aus  Grosspold).  Mitgeteilt  von  H.  v.  Wlisloeh. 


Bulgarisches  Volkslied. 

(Original  in  Strausz,  Bolgär  n6pköH6si  gyttjtemäny,  II.  Bd.  S.  14.) 

Sprach  der  Sultan  so  zur  Penka: 

„Penka,  du  mein  f-üsses  Täubchen, 

Wenn  du  werden  willst  mein  Weibchen, 

Kauf  ich,  Penka,  zum  Talare 

Dir  die  schönste  Seidenware, 

Eine  Atlas-Öalavare. 

Eine  HalsketV  geh,  ich,  Holde, 

Dir  aus  meiner  Mutter  Golde." 

Sprach  die  Penka  so  zum  Sultan: 

„Sultan,  nicht  mag  ich  dich  leiden, 

Bist  ein  garstger,  wüster  Heide; 

All  dein  Walten  Fluch  und  Schand  ist, 

Schnöd  dein  Glauben,  öd  dein  Land  ist. 

Wisst  vom  Mittwoch  nichts,  noch  Freitag, 

Und  der  Werktag  ist  nicht  euer, 

Habt  am  Sonntag  keine  Feier; 

Wollt  das  Bairamfest  begehen, 

Könnt  es  aber  nicht  erspähen; 

Suchet  es  nach  allen  Winden, 

Könnt  mit  Flinten  nur  es  finden." 

Sprach  der  Sultan  so  zur  Penka: 
»Penka.  du  mein  süsses  Täubchen, 
Alle  deine  Schwägerinnen 
Sind  schon  in  Idriu  Kadinnen; 
Deine  Dever  all  zusammen 
Sind  in  Isirlin.sk  Sultane. u 

190 


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BULGABISCHE8  VOLKSLIED. 


Sprach  die  Penka  so  zum  Sultan: 
„Sultan,  nicht  mag  ich  dich  haben; 
Nehm'  mir  einen  meines  Glaubens, 
Nimm  dir  eine  deines  Glaubens!' 

Übersetzt  v.  A.  H. 


Fiumaner  italienissches  Volkslied. 


Te  go  deto  tante  volte, 
Che  nun  voio  fior  in  testa, 
Ne  de  giorno  de  festo, 
Ne  de  giorno  de  lavor. 

Mi  go  fatlo  lutto  questo 
Per  maridarmi  presto,  presto, 
Mi  go  fetto  camisola 
Col  brindulin  Celeste. 


Muss  ich  dir  so  oft  es  sagen, 
Sollst  am  Kopf  nicht  Blumen  tragen. 
Weder  an  den  Feiertagen, 
Noch  an  einem  Werkeltag. 

All  das  tat'  ich  zu  dem  Ende, 
Einen  Mann  zu  fah'n  behende, 
Machte  mir  drum  auch  ein  Hemde 
Wol  mit  einem  blauen  Band. 


Aufgezeichnet  von  Prof.  M.  Storzina,  übers  v.  A.  H. 


Kolomyjka  (ruthenisohes  Volkslied.) 


Nu  haju  zelenenkij,  nu  haju,  nu 

haju, 

Na  mene  sja  buky  lamjjut,  ja  nie 

ne  hadaju. 

Na  mene  sja  buky  lanujut,  a  palidi 

tefiut, 

Bo  za  mene  molodejku  soäidicM 

breöut. 

Aj  breäite  soSidici,  za  kym  me2i 

vami, 

Jak  ja  pijdu  /.  mefci  vas,  bijte 

holovami ! 

Aj  pospivaj,  poScebeci,  sivoj  holu- 

boöku, 

Po  nad  moi  vißka  öorni,  po  nad 

holovodku ! 

Aj   pospivaj,   poäcebeci,  jaznoje 

potjatko, 


In  dem  Hain,  dem  grünen  Haine,  in 
dem  Hain,  im  Haine, 
Zweige  brechen  auf  mich  nieder,  — 
werd'  darum  nicht  greinen. 
Zweige  brechen  auf  mich  nieder, 
werden  wol  zu  Stecken  — 
Mich  die  junge  Maid  bebelfernd 
Nachbarinnen  necken. 
Belfert  Nachbarinnen,  bis  ich  nicht 
von  hinnen  wander', 
Wenn  ich  fort  gewandert,  schlagt  die 
Köpfe  aneinander! 
Singe  mir,  oh  graue  Taube,  girre 
mir  mit  Munkeln  — 
Über  meinem  Haupte,  über  meinem 
Aug',  dem  dunkeln. 
Singe  mir,  oh  Frühlingsvogel,  zwit- 
schre  nach  Belieben. . . 


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KOLOMYJKA. 


Pan  Bin  znaje,  sco  dilajc  moje  so-  liott  der  Herr  nur  mag  es  wissen,  wo 

koljatko.  mein  Falk'  geblieben. 

Oj  §co  moje  sokoljatko  dilaje,  dt-  Oh  mein  kleiner  Falk,  was  für  ein 

laje,  Leben  mag  er  führen? 

Pizno  Ijihat,  rano  vstaje,  na  strungu  Legi  sich  spät,  erwacht  früh,  setzt 

öidaje.  sich  auf  die  CJattertüre. 

In  Alsö-Hidegpatak,  Marmarosvr  Oomitat,  aufgezeichnet  von  Prof.  A.  Petrow 
ans  St.-Petersburg. 

Ubersetzt  von  A.  H 


Lieder  der  Spaniolen.  *) 

Cantica  al  vino.  Lied  an  das  Wein. 

Bendieo  el  que  te  cria  Ich  preise  den,  der  dich  ersehnt 
en  la  vifia,  In  dem  Weinslock; 

Siempre  te  topes  Du  bist  willkommen  stets 
en  mi  tripa.  Mir  im  Hauche. 

Bendieo  el  que  te  cria  Ich  preise  den    der  dich  erschul 
en  el  campo.  Auf  dem  Felde; 

Siempre  te  topes  Du  bist  willkommen  stets 
en  mi  papo.  Mir  im  Munde. 

A  una  novia 

Ai  novia,  eslrella  muy  alta, 
Vuestra  hermosura  me  arla, 
Non  veamos  vuestra  talla, 
Para  que  goze  lo  amor. 

Ai  novia  de  grande  rijo, 
Bienes  tengas  como  el  mijo. 
AI  afio  vos  nasca  hijo, 
Para  que  gozö  lo  amor 

An  eine  Braut 

Oh  Braut,  du  Stern  mit  hehrem  Prangen, 
Dein  Beiz  hält  unsern  Sinn  gefangen. 
Dass  alle  Sehelsucht  uns  vergangen; 
Weil  wir  gefröhnt  der  Lieb', 

Oh  Braut,  du  herrlich  Lustbegehren, 
Hast  Schätze,  wie  die  Weizenäliren, 
Wirst  einen  Sohn  aufs  .lahr  gebären  — 
Weil  wir  gefröhnt  der  Lieb'. 

*)  Terte  durcii  gutige  Vermittlung  der  Fran  Wcisz-Neuhaus  in  Pancsova; 
Uber*,  o  es.  H. 


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Vom  Journal  of  Ute  Gypsy  Loi^e  Society, 
diesem  so  vortrefflich  redigierten,  gehaltreichen  Organ  der 
Zigeunerkunde,  wird  im  April.  1.  J.  das  letzte  Heft  erscheinen. 
Um  diesen  von  allen  Fachgenossen  schwer  empfundenen 
Abgang  einigermassen  zu  decken,  wird  unsere  Zeitschrift, 
die  im  klassischen  Lande  des  Zigeunertums  erscheint  und 
auf  dieses  Fach  auch  bisher  grosses  Gewicht  gelegt  hat, 
fürderhin  die  Zigeunerkunde  ganz  besonders  cultivieren  und 
9ich  als  internationales  Organ  des  Gypsy-Lore  betrachten. 
Wir  ersuchen  alle  Mitstrebenden  um  ihre  werte  Mitwirkung. 

Der  Herausgeber. 
Von  den  „ Ethnologischen  Mitteilungen  aus  Ungarn" 

ist  Bd.  II.  Heft  1 — •*>  als  Festgabe  an  die  Mitglieder  des  II. 
internationalen  Folklore-Cougresses,  London,  1891,  verteilt  wor- 
den. Denjenigen  unserer  geehrten  Interessenten,  von  denen  wir 
voraus  gesetzt  haben,  dass  sie  auf  diese  Weise  in  den  Besitz 
jener  Lieferung  gelangt  sind,  haben  wir  dieselbe  nicht  zuge- 
schickt. Wir  ersuchen  hiemit  diejenigen  Volks  forscher,  denen  das 
gegenwärtige  Heft  zugegangen  ist,  die  aber  Heft  1 — 5  nicht 
erhalten  haben,  uns  hierüber  gefälligst  zu  verständigen. 

Die  Administration  der  £  M.  a.  U. 


Inhalt  der  .Ethnograpnia."  1891  II  Bd  VII  -VIII.  Heft.  (8  Bogen):  Jankö 
J  ,  Kalotaszeger  Volksglaube.  —  Weber  S.,  Wohnung  und  Zimmereinrichtung  der 
Zipser  Sachsen.  —  Balassa  J..  Visontaer  Volkslieder  und  Kinderspiele  —  Hinter 
AI.,  Das  „Aasgeigen."  —  Istränfly  Jul ,  Rätsel  der  Palowzen.  —  Szivös  B,  Mar 
chen  u.  Volksl.  aus  Hajdu-Szoboszlö.  —  Kiss  Ar.,  Volksglauben  aus  Porcsalma.  — 
Juhäsz  Mor.,  Der  Wassergeist  im  Hern  Ad.  —  P.  K.  Ethnographie  auf  der  Prager 
Ausstellung.  —  Vereinsnaclirichlen  (Ch.  Leland's  Bericht  Über  den  Londoner  Kolk- 
lore-Congress.  —  Sitzungsprotokoll.)  —  Inländ.  Litteratur.  —  Ausländ.  Litteratur. 
Inländische  Zeitschriften.  —  Ausländische  Zeitschriften  —  Verschiedene  Mitteilungen. 

IX.  Heft.  November  1891.  (3  Bogen):  Herman  Otto,  Qlo^kenstimmen  und 
noch  etwas.  —  Herrmann  Ant.,  Die  Millennium-Ausstellung  u.  die  Ethnographie.  — 
Lehoczky  Th..  Aus  dem  Hirtenleben  der  Russen  in  Ungarn.  -  Vräbely  Mich.,  Die 
Ruthenen  im  Bacskaer  Comiut.  —  Wlislocki  H  ,  Feuerbesprechungen  d.  Zigeuner.  — 
Jllesy  J.,  Beitrüge  zum  einheimischen  Volksglauben.  —  Benkö  Andr.,  Volksglauben 
aus  Häromszek.  —  Srötb  P.,  Rumänischer  Volksglauben  a  der  Marmaros.  —  Ki- 
raly  P,  .PalazubU4;  Volkagl  a.  ügocsa.  -  Inl.  Litteratur.  -Ausländische  Littera- 
tur. —  Inländi-sche  Zeitschriften.  —  Ausländ.  Zeitschriften.  —  Vereinsnachrichten. 
—  Verschiedene  Mitteilungen. 

X.  Heft.  Dezember  1891.  (3  Bogen):  Paul  HunfaUy  f.  —  Hunfalvj-Jubilaeum 
(1.  Xantus  Joh.,  Begrfissung;  2.  Hunfalvy's  Erwiderung;  3.  Herrmann  A.,  Hunfalvy 
als  Ethnograph;  4.  Rethy  Ladislaus,  H's  Stellung  in  der  Litteratur.)  —  Istvänffy 
Jul.,  Weinachtsspiel  der  Palowzen.  —  Wlislocki  H.,  Diebszauber  d.  Zigeuner. 
Nagy  Jos.,  Regöles.  —  Hannath  Luise,  Volksglauben  am  Nyarad.  —  Bartha  Jul.,  Ethn. 
Beiträge  a.  d.  Ermellek  (Eierwerfen.  Soldatenlied,  Volksglauben)  —  Göncxi  K, 
Croatische  Ballade  a.  d.  Muraköz.  —  Ausländ  Litteratur.  —  Inländ.  Litt  —  Ausl. 
Zeitschriften.  —  Inl.  Zeitschriften.  —  Vereinsnachrichten.  —  Verschiedene  Mittei- 
lungen. 


Inhalt  der  Ethnologischen  Mitteilungen  aus  Ungarn,  sogleich  Aazeiger  der 
Gesellschaft  fiir  die  Völkerkunde  Ungarn-«.  II.  Band  VI    VIII.  Heft 


Dr.  Bernhard  Munkacsi.  Kosmogonischo  Sagen  der  Wogulen 

I.  Die  heilige  Sago  von  der  Entstehung  der  Erde  (Schluss).  105. 

III.  DasLied  von  der  Überschwemmung  des  Himmels  und  der  Erde  109. 

IV.  Die  Sage  von  der  heiligen  Feuerflut  A.  B.  C   121. 

V.  Heiliges  Lied  von  der  Herablassung  der  Erde  aus  dem  Himmel  126. 

Dr.  Heinrich  v.  Wlislocki,  Wanderzeichen  der  Zigeuner   133. 

Ludwig  Kalmany,  Kosmogonische  Spuren  in  der  magyarischen  Volksüber- 

lieferung.  II.  Vom  Siindenfall   139. 

Dr.  lgnaz  Kuno«,  Türkisches  Puppentheater  (Karagöz-Schaukelspiel)  148. 
Dr.  Lndwig  Katona,  Recht  und  Unrecht  Ein  magyarisches  Märchen.  II. 

Varianten  und  Parallelen   159. 

Bertalan  Matirko.  Dio  Zipser  Volkssage  von  Kasparek   1B2. 

Samuel  Weber,  Die  Kleidung  der  Zipser-Suchsen   165. 

Heia  Lasar,  Über  don  „Gavaboncziäs  diik"   i66. 

Dr.  Ladislaus  Rethy,  Oolonien  der  Spanier  in  Ungarn   168. 

Fr.  S.  Kahne.  Die  Klementiner  in  Slavonien  .    .    169. 

Paul  Hunfalvy  f   175. 

BOcherbesprechungen   176. 

Paul  Sebillot,  Devinettes  de  la  Haute-Bretagne  (l<run**i    ....  176. 

M.  Haberlandt,  Der  altindische  Geist  (Kram»)  ...        ....  177. 

Ethnologische  Litteratur  Ungarns  (Wlislocki)     .........  178. 

Frd.  v.  Hellwald,  Ethnographische  Rösselsprünge    Wlislocki)    .    .  180. 

Frd.  v.  Andrian-Werburg,  Der  Höhencultus  (Wti»h«ki)   180. 

Wlislocki,  Märchen  und  Sagen  der  Bukowinaer  und  Siebenbürgor 

Armenier  \A.  II)    181. 

Wlislocki,  Volksglaube  und  religiöser  Brauch  der  Zigeuner  (A.  H.)  181. 

Wlislocki,  Die  Ungarn  und  Szekler  in  Siebenbürgen  [A.  II)    .    .  181. 

Strausz  Adolf,  Bolgar  nepköltesi  gyüjtemeny  (A.  H.)   182- 

A.  H.  Sprachmonopol   184. 

Volspoe$icn 

Magyarische  Volksballaden 

Molnar  Anna  (Adolf  Handmann)   185. 

Die  drei  Waisen  (Handmtrnnj    ....    186. 

Königssohn  und  Königstochter  (Wlishvki)   187. 

Magyarisches  Volkslied  (W7iV«*i)   188. 

Aus  dem  Munde  der  Ofner  Schwaben  (Jose/ine  W'eisz-Findczy)  .    .  188. 

Deutsches  Volkslied  aus  Siebenbürgen  (Wli»locki\     .    .   .   .    .    .  189 

Bulgarisches  Volkslied  (Stroits:  —  A.  H  )  .  .    ]  90- 

Fiumaner  italienisches  Volkslied  (Sforzlna  —  A.  II.)    ...  1 91. 

Kolomyjka  (ruthenisches  Volkslied)  (Prtrou-  —  A  H.)   191. 

Lieder  der  Spaniolen  (Weisz-Netthau*  -  A.  H.)   192. 

Auf  dem  Umochliige  : 

Mitteilungen  der  Redaction,  des  Herausgeber  und  der  Administration. 

Vom  Gypay  Lore  Journal 

Inhalt  der  „Ethnographia"  1891.  VII-X 


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IL  Band. 


1891— 1892. 


IX— X.  Heft. 


-*3 


ZUGLEICH 


ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 


BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON 


JProf.  Dr.  Anton,  J^errrnanri. 


REDIGIERT  VON 


ANTON  HERRMANN  und  LUDWIG  KATONA. 


Der  II.  Band  besteht  aus  10  Heften  in  3  Lieferungen.  Preis  3  fl.  Für  Mitglieder 
irgend  eines  Vereins  für  Volkskunde  2  fl.  Wird  auch  im  Tausch  gegen  Publica- 
tionen  zur  Volkskunde  abgegeben.  (Direct  vom  Herausgeber  zu  beziehen). 


Redactton  und  Administration 
Budapest,    I.  AttUa-utcza  47. 


KOLOZSVÄR 

DRUCKEREI  OER  ACTXEHQE8ELL8CELAFT  „KÖZJIÜVRLÖDES.- 

189a. 


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Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns. 


Das  am  30.  Nor.  v.  J.  erfolgte  Hinscheiden  Paul  Hunfalvg's,  ihre."  ersten  Prä- 
sidenten, hotte  den  Organismus  der  Gesellschaft  erschüttert  Die  directe  Activität  des 
hochbetagten  Verewigt  n  beschränkt  ■  sich  zwar  im  Vtr<  iusleben  grösstenteils  au  f  den 
Vorsitz  bei  Versammlungen  die  er  run  seinem  lohen  Stand  punkte  nut  f,ri>s*ter  Um- 
sicht und  Weisheit  leitete.  Aber  seine  unbestrittene  Autorität,  sehte  n:e  beirrte  Objec- 
tieitäl  sicherte  der  Gesellschaft  den  glücklich  angebahnten  H  eg  hastlosen,  zi>  Ibrir Hus- 
ten, unangefochtenen  Fortschrittes  lUe  neue  iJiscijilm  der  Volkskunde  hat  überall 
grosse  Schwierigkeiten  zu  bew  illige»,  auch  in  Ländern,  wo  sie  nicht  o  jung  ist,  wie 
hier.  Und  doch  konnte  unser  Verein,  dank  d>  m  Eifer  seiner  Begrüw'er,  seine  Tätig- 
keit mit  600  Mitgliedern  beginnen  deren  Anzahl  mit  Ausgang  des  zweiten  .Jahres  >>l)0 
überstieg,  eine  Zahl,  wie  sie  keiner  der  gleichst  rebenden,  mitunter  mit  D,cennien 
bestehenden  Vereine  des  Auslandes  aufweisen  kam,.  Hei  der  Jieurteilung  der  Tat- 
sache, dass  ein  Teil  der  Mitglieder  in  der  Erfüllung  der  Vereiuspflichten  saumselig 
war,  wäre  zu  berücksichtigen,  dass  die  Gesellschaft  für  Völkerkunde  keine  energische- 
ren Mas.-, regeln  zur  Anwendung  brachte,  wie  solche  im  Vereinzelten  h;>  rzu'ande  üblich 
sind  Hieeon  und  rom  Verhalten  der  höchsten  wissenschaftlichen  un<l  ojlicielien  h  reise 
abgesehen,  a  ar  das  Interesse,  das  den  redlichen  Ptstrcbunyen  d-  r  G>  Seilschaft  ent- 
gegen gebracht  wurde,  ein  befriedigendes.  In  den  monatlich  abgehaltenen  Vortrngs- 
und  Ausschasssitzungen  entfaltete  der  Verein  eine  stolut> nmäs<ig,  nspriessliche  Tä- 
tigkeil. Das  mit  Ausnahme  einiger  Dopprf hefte  regelmässig  monatlich  zur  Aasgabe 
gelangle  Vereinsorgan  (jährlich  äOBogtn)  brachte  gor  manchen  werteaHen  Beitrag  zur 
heimischen  I  VA*/,  unde 

Mit  dem  Tode  Hunfulnfs  brach,  ohne  zwingende  innere  Xotwendigki  it,  eine 
Krise  über  den  Verein  tu  r<  in.  Die  Art  und  H  eise,  n  ie  diese  beigt  legt  win  de,  führte 
ben  ähe  zur  Katastrophe  die  nur  dank  dem  inusscollen,  »clhstcntäussernden  Ge- 
bähten der  tatsächlichen  Begründe'-  und  bisherigen  Verwalter  des  )'ereines  und  dem 
tateifri'/en  Ein  /reifen  ei»iwer  anderer  berufener  Kräfte  verum  den  u erdi  n  kannte. 

Die  durch  das  Hinscheiden  des  ersten  Präsidenten  entstandene  mäch/ige  Leere 
eröffnete  nämlich  solchen  Strömungen  den  Zugang,  die  rom  Stechen  nwh  radicalrr 
Unn/estaltung  geleilet  wurden  Reformhastend  wurde  dii  grutu  legende  Organisation 
gänzlich  verworfen,  die  erreichten  Resultate  wurden  negiert  Such  einem  uncreptick- 
lichen  Larieren  nötigten  endlich  die  unleidlichen  Verhältnisse  die  Fuuctionäre,  welche 
seinerzeit  den  »n  isten  Anteil  an  dem  Zustandekamnn  n  des  Vt.re  'ns  gehabt  hoJtcn, 
sich  von  der  Administration  zurückzuziehen.  Gänzliche  Auflösung  schien  zu  drohen. 

Die  unsst  forden  fliehe  Generuf  rersau  nduug  rom  Oktober  brachte  a>cr  den- 
Verein  glücklich  wieder  ins  rechte  Geleise.  Besonder  die  W  ahl  d<r  Fuuetionlire 
scheint  uns  -in  dauerndes  gedeihliches  Fort «  i>  K  en  zu  verbürgen.  Zum  Präsidenten 
wurde  Graf  Ge'ca  Kuun,  der  weltberühmte  Herausgeber  des  kanonischen  (  »-Ii der 
hervorragende  Fartor  auf  allen  Gebieten  heimischer  f'ultur  gewühlt.  I 'ieeprüsidenten 
sind  Dr.  Aurel  v  Torök,  der  allbekannte  verdienstrolle  Anthropolog,  und  Dr,  Bern- 
hard Muukdcsi,  der  hochverdiente  Siberienreisende  und  Erforscher  van  Sprache  und 
Volkstum  ural-altaischer  Stämme  So  ist  durch  die  l>t  iden  d  e  phgsische  utd  psechische 
Richtuno  der  Volkskunde  auf  das  glücklichste  vertreten  Zum  Secretär  uunlc  Bela 
Vikar  gewonnen,  der  Redacteur  der  modernen  Revue  „Elet",  einer  der  vielseitigeren 
Litteraten  und  liebenswürdigsten  Persönlichkeiten  im  ungarischen  Geistesleben.  Das 
hochwichtige  Amt  des  Redart  lui's  des  Amtsorgans  errang  sich  der  junge,  elf rige  Volks- 
forscher Dr.  Johann  Jankö,  der  als  Custos-adjanct  der  ethnographischen  Sammlungen 
zugleich  die  Bibliothek  des  Vereines  zu  venealten  haben  wird.  Auch  Schriftführer 
und  Ausschuss  entsprechen  ulhn  gei  echten  Anforderungen.  Wenn  es  noch  ge- 
lingt, an  Stelle  des  hochverdienten  ('assiers  Dr.  Samuel  Bororszkg,  der  sein  Amt 
schon  am  Eingang  der  Reformperiode  niederlegen  wollte,  und  den  hiezu  jetzt  Ge- 
sundheitsrücksichten zwingen  Dr.  Josef  Särmag  zu  gewinnen,  so  wird  sich  die  Ad- 
ministration in  den  besten  Händen  befinden.  Möge  der  zu  wichtigen  Dingen  berufen* 
Verein  wieder  kräftig  gedeihen  und  unentwegt  und  ungestört  seine  hohen  Ziele 
verfolgetu 

Zum  Beitritt  meldet  man  sich  beim  Secretär  Bf  In  Vikar,  (Budapest,  IV.  Ma- 
gyar uteza  'Jd.  III  )  Die  Mttglicdgebiihr  beträgt  jährlich  3  fi.  und  w>rd  hiefür  die 
Quartalschrift  „Ethnographia*  geliefert.  (Redaction :  Budapest,  Csengery-utcza  12) 


I 

II.  Jahrgang.  Budapest,  1892.  IX.  X.  Heft. 


milOffll  11IWI 1  UNGARN 

ZUGLEICH 

ANZEIGER  DER  GESELLSCHAFT  FÜR  DIE  VÖLKERKUNDE  UNGARNS. 

BEGRÜNDET  UND  HERAUSGEGEBEN  VON  PROF-  DR.  ANTON  HERRMANN. 

REDIGIERT  VON 

ANTON  HERRMANN  LUDWIG  KATONA 

B«cr«tir  d.  Get«Uichaft  f.  d.  Völkerkunde  Schriftfoarer  d.  GeeelUcn.  f.  d.  Völkerkunde 

Ungarn«.  Ungern». 


Deutsche  Volkspoesie  in  Ungarn.  *) 

A)  Xordostungarn,  Bereger  Comitat.  Gegend  von  Bardhdz. 
Aufgezeichnet  von  Theodor  Uhoczky,  Munkäcs. 


Ich  weiss  nicht,  was  mir  fehlet, 
Ich  sterb  von  Ungeduld, 
Mein  Herz  ist  zum  Zergehen, 
Das  ist  die  Liebe  schuld. 

Du  Tochter,  willst  du  heiraten? 
Ja,  Mutter,  ja. 

Willst  du  einen  Schneider  haben? 
Nein.  Mutter,  nein. 
Hosen  flicken  werd  ich  nicht. 
Einen  Sehneider  will  ich  nicht. 

Zu  Strassburich,  zu  Strassburich, 
Ein  wunderschöne  Stadt. 
Darin  da  liegt  begraben 
Ein  manicher  Soldat. 

Ihr  Mutter,  die  gieng 
Yoren  Hauptmann  sein  Haus. 
Ei  Hauptmann,  mein  liebster  Haupt- 
Gibt  mir  mein  Sohn  heraus  [mann, 


I. 

0  ja,  ja,  ja,  du  Liebe, 
Du  hast  mich  krank  gemacht, 
Du  hast  mich  armes  Mädchen 
Ins  Todtenbett  gebracht. 

II. 

Du  Tochter,  willst  du  heiraten? 
Ja,  Mutter,  ja. 

Willst  du  einen  Bauer  haben? 
Ja,  Mutter,  ja. 

Ochsen  hüten  kann  ich  schon, 
Erdäpfel  graben  werd  ich  schon. 


III. 


Ich  geb  Euch,  ich  geb  Euch 
Für  ihn  so  viel  Geld. 
Euer  Sohn,  Euer  Sohn  muss  sterben 
Im  weiten,  breiten  Feld.  .  . 

Dort  vor  dem  Feind,  dort  stand  ein 
Schwarzbraunes  Mädelein, 
Sie  trauert,  trübt  und  weint, 
Sie  kränkelt  sich  so  sehr. .  . 
Ei  grüsst  dich  Gott,  schönes  Schätz- 
ich sehe  dich  nie  mehr.  [chen, 


*)  Vgl.  Ethnographia,  1892.  Januarheft. 

*•)  In  Bardbiz  wohnen  an  230  Deutsehe  mit  Rathenen  vermischt  1728— 17<>8 
wurden  hier  etwa  22  Familien  aus  Kleinberg  und  Kleinzwedl,  dann  aus  Österreich 
und  Böhmen  angesiedelt. 


Hermann,  Etk:,t>logUcne  Mitteilungen.  II.  193 


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THEODOR  LEHOc  ZKY 


IV 


Ich  hab  ein  Schatz, 

Und  den  soll  ich  meiden. 

Soll  vor  ihn  vorbeigehn 

Und  kein  Wort  nicht  auf  ihn  reden. 

Wie  soll  denn  nicht  mein  Herzchen 

Im  Leib  zergehn' . . . 

Ei  liebet  nicht  so  sehr, 
Als  ich  geliebet  hab' 
Sonst  stürzet  euch  die  Liebe 
Vor  Zeiten  ins  Grab. 

Ihr  Jungfräulein 
Alle  insgemein, 
Sollt  bei  meinem 
Begräbnisse  sein. 

In  Pressburg  auf  der  Brücke, 


Ihr  sollt  mir  helfen 

Legen  ins  kühle  Grab 

Und  weil  ich  euch  von  Herzen 

Treu  geliebet  hab', 

Seht  wol  an  den 

Zweiten,  dritten  Tag, 

Da  wuchsen  zwei  Veilchen 

Aus  ihrem  kühlen  Grab. 

Darauf  da  steht  geschrieben  : 
Verborgen  war  die  Liebe, 
Gott  hat  sie  schon  hier 
Genommen  in  sein  Quartier. 
Das  Feuer  auf  der  Erde 
Das  brennt  nicht  so  heiss. 
Als  die  verborgene  Liebe. 
Die  niemand  weiss.  .  . 


v. 


Bei  Frau  Meisterin  zu  schlafen, 


Schreibt  mir  mein  Schatz  ein  Brief,    Ist  kein  Gesellenbrauch. 
Darauf  da  steht  geschrieben,  Viel  lieber  bei  der  Tochter 

Der  Winter  steht  vor  Thür. . .        In  ihrem  rothen  Bett.  .  . 


Gesellen,  wollt  ihr  hier 
Zehn  Thaler  leih  ich  euch, 
Und  wenn  ihr  gut  arbeitet, 
Da  fünfe  schenk  ich  euch. 


Herr  Meister,  jetzt  wollen  wir  wan- 
Jetzt  ist  die  Wanderzeit,  ^  [dem, 
Denn  ihr  habt  uns  diesen  Winter 
Mit  sauren  Kraut  gespeist.  . 


Wenn  euch  das  Brod  zu  hart  ist,  Sie  nehmen  Stock  in  Hände, 

So  laset  euch  backen  weich,  Verlassen  das  Quartier, 

Und  wenn  euch  das  Bett  zu  hart  ist,  LTnd  ziehen  fröhlich  weiter 

So  schlafts  bei  meinem  Weib.  Weiter  vors  Meisters  Thür. . 


vi. 


Es  waren  Schwestern  dreie, 
Die  jüngste  unter  ihnen  war 
Schwarzbraunes  Mädelein, 
Die  lasst  den  Herrn  herein. 


Von  Bodenloch  schmeisst  sie  ihn 

heraus. 

Er  fallt,  das  war  zu  hoch,  o  wei, 
Erbricht  sich  alle  Rippen  inzwei, 
Schwarzbraunes  Mädelein. 


Sie  führet  ihn  in  alle  Winkel  aus,    Sogar  das  linke  Bein. 


194 


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DEUTSCHE  VOLKSPOESIE  IN  UNGARN. 


VII 


i 
{ 

I 


Ein  Mädel  wehlt  (V)  wohl  wohi 

In  dem  grünen  Klee, 

Da  begegnet  ihr  ein  Kitter. 

Ja  Ritter,  ja  Ritter, 

Er  breit'  sein  Mantel  auf: 

Liebstes  Mädchen,  liebstes  Mein, 

Komm,  ruhe  wenig  aus. 

Warum  soll  ich  denn  schon  ruhen, 

Ja  ruhen,  ja  ruhen? 

Ich  hab  noch  wenig  Gras. 

Ich  habe  zuhaus  eine  schlimme  Mut- 

Die  haut  mich  alle  Tag.  [ter, 

So  sag,  du  hast  geschnitten, 

Geschnitten,  ja  geschnitten 

Zwei  halbe  Finger  ab. 

Warum  soll  ich  mit  Lügen 

Meine  Mutter  betrügen, 

So  möcht  mir  übel  gehen. 


Viel  lieber  sag  ich  die  Wahrheit, 
Ja  Wahrheit,  ja  Wahrheit. 
Der  Ritter  ist  mein  Mann. 

Mutter,  liebste  Mutter  mein. 
Schenk  mir  zweihundert  Thaler, 
Dann  kauf  ich,  was  ich  will. 
Mädchen,  liebstes  Mädchen  raein, 
Thaler  hab  ich  nicht  viel. 
Dein  Vater  hat  verrauschet, 
Rauschet,  ja  rauschet. 
Bei  Würfel  und  Kartenspiel  .  . 
So  pack  dir  deine  Kleider  zam, 
Zam,  Kleider  zam, 
Und  maschier  mit  Reiter  fort. 
So  klag  ich  Gott  im  Himmel, 
Ja  Himmel,  ja  Himmel, 
Ein  armes  Mädchen  ich  bin! 


VIII. 

^»AVirtshaus  w  ird  man  hoch  geehrt,    Trink  einmal,  trink  einmal. 
Dort  braucht  man  nichts  nur  Geld ;    So  lebe  ich  und  du, 
Liebster  Bruder,  trink  einmal.         So  lebe  ich  und  du. 


IX. 


Der  Wächter  auf, 

Der  Wächter  auf  der  Ziele  stand, 

Die  Buben  auf  zu  wecken, 

Ja  wecken,  ja  wecken. 

Das  Madel  soll  früh  aufstehen, 

Frisch  Wasser  geht  sie  holen, 

Da  begegnet  ihr  derselbe  Knab, 

Der,  der  bei  ihr  geschlafen  hat 

Er  wünscht  ihr  ein  guten  Morgen, 

Ja  Morgen,  ja  Morgen. 

Gut  Morgen,  gut  Morgen.  . . 

Herztreuester  Schatz, 


Wie  hast  du  heut  geschlafen. 

Ja  schlafen,  geschlafen  ? 

Ich  habe  geschlafen  auf  einen  Arm, 

Und  habe  mein  Ehre  verschlafen, 

Mein  Ehre  verlassen.  .  . 

Ich  hab  gemeint,  ich  lasse  dich 

Zur  Kirche  führen. 

Mit  Pfeifen  und  Trommel 

Und  Musizieren. 

Und  daweil  lass  ich  es  bleiben, 
Lass  ich  es  bleiben.  .  . 


195 


14* 


TTTEOPOR  LEHOCZKY 


X. 


.Geistlicher  will  ich  weiden, 
Ein  Geistlicher  will  ich  sein. 
Wenn  ich  das  Gloria  patri  sing, 
So  kommt  mir  mein  herzgeliebtes 
Schätzerl  in  Sinn. .  . 
Oh  Himmel,  was  hab  ich  gethan! 
Die  Liebe  ist  schuld  daran; 
Gehe  ich  im  Gasserl  auf  und  ab, 
Da  sehe  ich  zwei  Lieben  beisammen 

stehen; 

Undichmussin  mein  Kloster  gehen. 

Stehe  ich  am  hohen  Berge,  (Thal, 
Schau  ich  hinunter  ins  tiefe  tiefe 
Da  sieh  ich  Schitilein  fahren, 
Darinnen  viel  Reiter  waren. 
Der  allerjüngste  Reiter, 
Den  ich  im  Schifflein  sah, 
Er  gab  einmal  zu  trinken 
Aus  einem  venedischen  Glas. 
Warum  gibst  es  mir  zu  trinken 
Warum  schenkst  du  mir  den  Wein  ? 
Ins  Klosterlein  will  ich  gehen, 
Will  die  Gottesdienerin  sein. 
Bei  der  Nacht  um  Mitte, 
Der  Schleier  trennet  schwer. . . 
Pferdeknecht,  liebster  Pferdeknecht 

mein, 

Sattel  mir  und  dir  ein  Pferd, 
Ins  Kloster  wollen  wir  reiten, 
Das  Reiten  ist  schon  wert  


O  Himmel,  was  habe  ich  gethanf 
Da  kommt  meine  Mutter  und  Vater 

daheim, 

Sie  kommen  und  suchen  mich  heim. 
Da  kommt  mein  Bruder  und  Schwes- 

terr 

Sie  kommen  und  schauen  mich  an. 
0  Himmel,  was  habe  ich  gethan! 
Die  Liebe  ist  schuld  daran. 
Und  ich  muss  in  der  Kutte  nach  harn ! 


XI. 


Wie  sie  zum  Kloster  hin  kommen, 
Ganz  traurig  klopft  er  an: 

Ist  mein  Herzenslieb  darinnen, 
Soll  ein  wenig  ausergehen. 
Sie  darf  nicht  ausergehen, 
Ihre  Haare  sind  abgeschnitten, 
Zu  einer  Nonne  ist  sie  bereit. 
Er  setzt  sich  auf  sein  Pferd 
Und  reit  ein  wenig  dahin, 
Sein  Herz  zersprang  in  Stücke, 
Vom  Sattel  fällt  er  herab. . . 
Mit  ihrem  kleinen  Messer 
Sie  macht  ihm  das  Grab, 
Mit  ihren  schwarzbraunen  Äugeln 
Sie  ihm  das  Weichwasser  gab. 
Bist  dus  wegen  meiner  gestorben 
Und  hast  gelitten  den  Tod, 
So  denk  an  Jesum  Christi, 
Der  selig  machen  kann. 


XII. 


Kleine  Rose,  grüne  Blätter, 
Streichelt  mir  mit  leiser  Hand, 

Und  mit  Bändlein  umgegeben  

Tröste  mich  Mädchensgesang  

Was  nützte  mir  mein  junges  Leben, 


Wenn  ich  nichts  zu  lieben  hab. 
Einzeln  gehe  ich  in  Garten, 
Schneid  die  schönste  Rose  ab, 
Trag  sie  vor  den  grossen  Spiegel, 
Sie  gefreut  ihr  Wunderkeit. 


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l> KITSCHE   VOLKSPOESIE  IN  UNGARN. 


Vater  Mutter  will's  nicht  haben, 
Schönster  Schatz  das  weisst  du  wohl, 
Thu  mir  nur  die  Wahrheit  sagen, 
Wenn  ich  wieder  kommen  soll. 


Wenn  die  Berglein  sieh  werden  nei- 

[gen, 

Und  die  Donau  neiget  sich, 
Und  die  Distel  tragen  Feigein, 
So  lang  werd  ich  lieben  dich. 


XIII. 


Jetzt  fängt  sich  schon  das  Früh- 

[jahr  an, 
Und  alles  fängt  zu  grünen  an, 
Das  Vöglein  singt,  das  hört  man 

[schon, 

Bei  der  Nacht,  bei  Sonnenschein, 


Und  alle  Sternlein  leuchten  fein, 
Jezt  geh  ich  zu  mein  Schätzerlein. 
Da  seh  ich  schon  ein  andern  drin, 
Jetzt  geh  ich  Uber  Berg  und  Thal 
Dort  singen  schön  die  Nachtigal. 


XIV. 


Dort  oben  auf  dem  Berge, 

Dort  stehen  zwei  Rosesträuchlein; 

Gebogen  bis  zu  der  Erde, 

Dort  lege  ich  mich  darunter. 

Da  träumet  mich  ein  Träumelein, 

Als  wenn  ich  schlaf  bei  der  Junge 


Bardhäz,  Bardhäz  muss  ich  meiden, 
O  du  wunderschöne  Stadt; 
Darin,  darin  muss  ich  verlassen 
Meinen  auserwählten  Schatz. 
Wrenn  ich  über  die  Gasse  gehe, 
Alle  Leute  schauen  auf  mich; 
Aus  meinen  Äugelein  fliesst  Wasser 
Als  der  grösste  Donaufluss. . . 
Spielet  auf,  ihr  Musikanten, 
Spielet  auf  ein  Seitengespiel, 
Meiner  Herzliebsten  zu  gefallen  — 
Siehe  dich  heut  und  nimmermehr. 
Rosmarin,  du  grüner  Stengel, 


Wie  ich  früh  erwache. 
So  steht  das  alte  Kammerweib 
Bei  meinem  Bett  und  lachte  fein 
Für  ein  Stüklein  weisses  Brod 
Und  für  ein  Gläslein  Wein. 


XV. 

Wünsch  mein  Schatz  ein  gute  Nacht, 
Weil  ich  sie  verlassen  muss. .  . 
Wie  ich  über  die  Brücke  gehe, 
Wend'  ich  mein  Äugelein  hin  und 

her, 

Stadt  Bardhäz,  Bardhäz 
Zeiget  mir  den  Rückenkehr. 
Schönster  Schatz,  du  kannst  ja 

schreiben, 
Schreibe  mir  ein  Briefelein, 
Und  schick  zu  mir  mit  die  kleinen 

Waldvögelein  — 
Sieh  dich  heut  und  nimmermehr. 


197 


LUDWIG  BARÖTI 


XVI.«) 

Aus,  und  aus,  und  aus  und  aus,  Ein,  und  ein,  und  ein,  und  ein, 

Bei  den  Rezis  Tor  hinaus.  In  Hansel'  sein  Tor  hinein, 

Ob  sie  werden  gliiklich  sein,  Ob  sie  werden  glüklich  sein, 

Das  weiss  der  liebe  Gott  allein.  Das  weiss  der  lirfbe  Gott  allein. 

Maschieren,  maschieren. 


B)  Deutsche  Volksballaden  aus  Sudungarn. 
(Aus  Orczyfalva  u.  Merczyfalva.**) 
Aufgezeichnet  ton  Karl  Grünn.  Mitgeteilt  durch  Ludtcig  Baröti 
1.  Der  Schmiedage8ell.  *••) 

Es  war  einmal  ein  Schmiedsgesell,  l) 

Ein  gar  ein  wunderschönes  Blut, 

Der  beschlaget  dem  jungen  Markgrafen  seinen  Wagen, 

Und  der  war  schön  und  gut. 

Und  als  der  Wagen  verfertiget  war, 

So  legt  er  sich  nieder  und  schlief, 

Da  kam  dem  jungen  Markgrafen  seine  Frau, 

Mit  heller  Stimme  und  rief: 

»Ach  Schmiedsgesell  fein,  Schmiedsgesell  mein, 
Steh'  auf  und  lass  mich  hinein ! 
Bei  nander  wollen  wir  schlafen, 
Mein  eigener  sollest  du  sein  a 

Und  wie  sie  geglaubt  han,  sie  wären  allein, 
So  führet  der  Teufel  das  Kuehlmensch  *)  nein. 

ntAch  Herr,  ach  Herr,  ach  strengster  Herr, 
Gross  Wunder  um  unserer  Frau: 
Sie  schlaft  beim  schwarzbraunen  Schmiedsgesell, 
Ja  Schmiedsgeselle  allein!4"4 

* )  Wird  gesungen,  wenn  die  Braut  vom  Elternbaus  w  eg,  und  naoh  der  Trauung, 
wenn  sie  ins  BräutigamshauR  eingeführt  wird 

**)  In  Merczyfalva  (Merczydorf)  wurden  1734  Italiener,  1752  Franzosen  an- 
gesiedelt; diese  verschmolzen  aber  mt  den  1765  u.  1770  zumeist  aus  Trier,  Loth- 
ringen u.  Luxemburg  eingewanderten  Deutschen.  Orczyfalva  ist  eine  Niederlassung 
von  Schwarzwäldern  aus  dem  Jahre  1785. 

***)  Vgl.  Wunde rhom,  (R.)  S.  455— 466.  Simrock,  102—104  S  4«?. 

')  Im  Wunderhorn  und  bei  Simrock:  ein  Zimmergesell. 

»)  Im  Wundernhorn  und  bei  Simrock:  das  älteste  Kammerweib. 

1<»8 

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DEUTSCHE  VOLKSPOESIE  IN  UNGARN. 


Und  als  der  junge  Markgraf  es  erfuhr, 
Ein'n  Galgen  Hess  er  bau'n, 
Von  rothen  Gold  und  Edelgestein, 
FüYn  Schmiedsgeselle  allein. 

Und  als  der  Galgen  verfertiget  war, 
So  Hess  man  ihn  führen  hinaus. 
Da  kommet  Pardon  vom  Kaiser: 
Man  soll  ihn  lassen  aus. 

Was  zog  dem  jungen  Markgrafen  seine  Frau 
Aus  ihrer  riechenden  Tasche? 
Fünfhundert  Stück  von  rothem  Gold. 
Für'n  Schmiedsgeselle  allein. 

„Ach  Schmiedsgesell  fein,  Schmiedsgesell  raein, 
Wo  reis't  denn  du  es  jetzt  hin?" 
„„In  Pesth  und  Ofen  bin  ich  es  gewesen, 
Jetzt  reis'  ich  wieder  nach  Wien."" 

..Wenn  du  es  das  Geld  verzehret  hast, 
So  kommst  und  schläfst  wieder  bei  mir. 
Wenn  dir  s  der  Wein  zu  sauer  ist, 
So  lass  dir  einschenken  ein  Bier." 


2.  Das  Lied  vom  Ringe.  *) 

Es  waren  drei  Soldaten, 
Spazieren  woll'n  sie  gehn. 
Spazieren  sein  sie  gegangen, 
Am  Rheinstrom  sein  sie  gefangen, 
Gefangen  wohl  an  dem  Rhein. 

Was  thut  man  ihnen  rüsten? 
Ein'n  Wagen  mit  sechs  Ross', 
Darauf  soll  man  sie  führen, 
Vom  Rheinstrom  bis  nach  Triren,  ') 
Zu  Triren  wohl  in  die  Stadt 

*)  Vgl.  Wunderhorn,  35—87.  S.  Erk,  30-34.  S.  {12,  12a,  12b,  12c;  Sim- 
rock,  12«— 127.  S. 

»)  Triren  =  Trier;  bei  Simrock:  Strasburg;  bei  Erk:  Strasburg  und  Düring  . 

199 


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LUDWIG  BABÖTJ 


Was  thut  man  ihnen  bauen  ? 
Ein'  Thurm  und  der  war  hoch, 
Darin  müssen  sie's  verbleiben, 
Kurzweil  müssen  sie  sich  vertreiben. 
Kurzweil  dauert  ihnen  gar  lang. 

Es  war  ein  Mädchen  von  achtzehn  Jahr, 
Dem  sein  Schätzchen  war  auch  dabei. 
Sie  sprang  wol  über  die  Gassen, 
Wo  Schreiber  und  Kaufleut  sassen, 
Dem  Gefangenen  wohl  vor  die  Thür. 

Was  zog  sie  aus  ihrem  Fürtüchlein? 
Ein  Hemd  war  weiss  gewasch' : 
„Da  hast,  du  Hübscher,  du  Feiner. 
Du  schon  Herzliebster  meiner, 
Das  soll  dein  Todtenhemd  sein  !u 

Was  zog  er  von  seinem  Fingerlein? 
Ein'n  Ring,  von  Gold  so  roth: 
„Da  hast,  du  Hübsche,  du  Feine, 
Du  schon  Herzliebste  meine, 
Das  soll  dein  Trauring  sein!" 

„Was  soll  ich  mit  diesem  Goldsringlein  thunf 

Den  ich  nicht  tragen  kann?" 

,Leg  du's  hin  in  Kisten  und  Kasten. 

Lass  du's  Goldringlein  rasten, 

Bis  an  den  jüngsten  Tag  !a 

rUnd  wenn  ich  über  Kisten  und  Kasten  komm" 

Und  schau's  Goldringlein  an, 

Ich  mein',  mein  Herz  müsste  brechen, 

Ich  möcht'  mich  selber  erstechen, 

Gross  Unglück  fang'  ich  an.* 

Der  Grossmajor  *)  steht  an  der  Wand 

Und  höret  dem  Reden  zu: 

„Den  jüngsten  Soldat  will  ich  dir  schenken, 

Dass  du  an  mich  sollst  denken, 

Wenn  ich  schon  lieg  im  Grab  " 

')  Bei  Erk,  oimrock  and  Wanderhorn:  Commandant;  bei  Erk  noch  :  Haupt- 
mann, Amtmann,  Graf. 

200 


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DEUTSCHE  VOLKSPOESIE  IN  UNGARN. 


! 


Das  Mädchen  fiel  auf  seine  Knie 
Und  küsst  ihm  Händ'  and  Fuss' : 
„Gott  wird  Euch  schon  belohnen, 
Im  Himmel  und  da  droben, 
Wenn  Ihr  schon  liegt  im  Grab  !tt 

(Orczyfalva.) 

3  Der  todte  Freier.  *) 

„Ach  Gott,  ich  mach  keinem  die  Thür  nicht  auf, 
Ich  habe  versprochen  die  Eh'.a 
„„Und  hast  du  versprochen  die  Eh', 
Vielleicht  werd'  ich  der  sein!"" 

„Reich  herein,  reich  herein  deine  Händlein, 
Wenn  du  er  sollst  sein! 
Ach  Gott,  du  schmeckst  l)  ja  nach  Erde, 
Als  wenn  es  der  wahre  Tod  wär'!-4 

„„Wie  soll  ich  denn  nicht  schmecken  nach  der  Erde? 

Acht  halbe  Jahr  schon  bin  ich  todt. 

Zünd  nur  an,  zünd'  nur  an  ein  Kerzenlicht, 

Weck  nur  auf,  weck  nur  auf  deine  Hausleut'; 

Weck  nur  auf  dein1  Vater  und  Mutter, 
Der  Bräutigam  ist  bereit. 
Schneeweiss  musst  dich  ankleiden, 
Grün's  Kränzlein  musst  aufhaben. 

Und  wenn  es  das  Erste  läutet, 
Empfängst  du  das  Sakrament, 
Und  wenn's  das  Dritte  läutet, 
Nehm'  ich  mir  dein  seliges  End!"J 

(Merczyfalva.) 

— — i — 

4.  Die  Kindesmörderin.  **) 

Es  treibt  ein  Schäfer  die  Schäflein  'naus, 
Er  höret  schreien  ein  Kindelein  klein. 

•)  Vgl.  Erk,  74  76.  S.  (24,  24a,  24b.)  Ethnol.  Mitt.  a.  Ungarn,  I.  841—342. 
*)  8chmeckst  =  riechst. 

**)  Vgl   Wunderhorn,  (K),  432.  S.  Erk,  140-146.  S.  (41,41a,4lb,  41c,  41d.) 
Simrock,  86-88.  1.  (37,  87a.) 

201 


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LUDWIG  ÜARÖTI 


.Ach  Kindelein  klein  und  wo  du  bist, 

Ich  hör'  dich  schreien  und  sieh  dich  nicht.» 

„.Ach  Schäfer,  herzliebster  Schäfer  raein, 

Komm'  her  und  hole  mich  heraus, 

Weil  raeine  Mutter  hat  Hochzeit  zuhaus!"* 

,Wie  kann  denn  die  Braut  deine  Mutter  sein, 
Sie  tragt  ja  noch  grün  Kränzelein?4 

„nUnd  sie  mag  tragen  grün  oder  roth, 
Sie  hat  ja  schon  drei  Kinder  todt : 

Das  erste  hat  sie  in'n  Mist  begrab'n, 

Das  zweite  hat  sie's  in'n  Brunnen  'nein  geworf, 

Und  mich  hat  sie  in  einen  hohlen  Baum  versteckt Mu 

Und  wie  das  Kind  nach  Haus  ist  komm'n, 
Die  Hochzeitleut'  verstaunen  sich  bald. 

„„Ach  Hochzeitleut',  verstaunet  euch  nicht, 
Nun  weil  die  Braut  meine  Mutter  ist!utt 

„Wie  kann  denn  die  Braut  deine  Mutter  sein, 
Sie  tragt  ja  noch  grün  Kränzelein  ?" 

„„Und  sie  mag  tragen  grün  oder  roth, 
Sie  hat  ja  schon  drei  Kinder  todt: 

Das  erste  hat  sie  in'n  Mist  begrab'n, 

Das  zweite  hat  sie's  in'n  Brunnen  'nein  geworf, 

Und  mich  hat  sie  in  einen  hohlen  Baum  versteckt. a* 

Und  wenn  das  Wort  nicht  wahr  soll  sein, 
So  kommt  der  Teufel  zum  Fenster  herein. 

Er  nahm  die  Braut  an  ihrer  schneeweissen  Hand 
Und  führt  sie  in  das  hindrische  Land. 

Ins  hindrische  Land,  in  die  höllische  Pein, 
Da  soll  der  Braut  ihre  Hochzeit  sein. 

(Orezyfalva.) 


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DEUTSCHE  V 0 LK SPOESIE  IN  UNGARN. 


5  Ritter  St. -Georg  •) 

Der  Ritter  Sankt  Georg,  der  heilige  Mann, 
Hilf  Maria! 

Er  reitet  für  eine  sehr  prächtige  Stadt, 
So  helfe  uns  Gott  und  Maria! 
Allein  da  liegt  ein  gewaltiger  Drach, 
Hilf  Maria!  **) 

Der  Drach  hegehrt  alle  Tage  ein  Kind, 

Und  dazu  ein  ganzes  Rind. 

So  helfe  uns  Gott  und  Maria!  **) 

Die  Herrn  die  führen  ein'  heimlichen  Rath, 
Welcher  denn  sein  Kind  hergab? 

Der  Rath  der  fallt  aufm  König  sein  Kind, 
Dem  König  sein  Kind  muss  selber  dahin. 

Jungfräule  steigt  auf  den  Berg  hinauf, 
Sie  kniet  sich  auf  'nen  Marmelstein, 
Und  dorten  bet'  sie  ganz  allein. 

Und  als  sie  kniet  wol  auf  dem  Stein, 

Da  kommt  der  Ritter  Sankt  Georg  geritten. 

„Jungfräule  was  thut  ihr  denn  ganz  allein?' 
„Hier  wart1  ich  auf  das  wilde  Thier, 
Und  dass  es  mich  gleich  verzehren  thut K 

Jungfräule  geht  ihr  es  nur  nach  Haus, 
Der  Drach  wird  bald  getödtet  sein!' 

„Mein  Kind,  wer  hat  denn  dieses  gethan?" 
„Dies  hat  der  Ritter  Sankt  Georg  gethan." 

„Hat  dieses  der  Ritter  Sankt  Georg  gethan, 
So  woll'n  wir  ihm  geben  das  halbe  Königreich, 
Und  dazu  meine  Tochter  zugleich  " 

„Das  halbe  Königreich,  das  will  er  nicht 
Das  braucht  ein  grosses  Dienstgeschicht." 

•)  Vgl.  Wtmderhurn,  103-lOfi.  S. 
*•)  Refrain  in  jeder  Strofe. 

203 


A.  SCHWAN  FELDER 


,Baut  ihr's  nur  ein  Kirchlein  klein 
Darinnen  bin  ich  mit  Maria  allein.' 

(Merczyfalva.) 

Als  Probe  des  eigentlichen  Dialektes  diene  folgendes  Lied : 

„Heut  Nacht  is  Samschtachnacht,  Der  Bü,  den  ich  nicht  mag, 

Das  Herz  em  Leib  mir  lacht,  Der  kommt  sonscht  alli  Tach, 

Heut  Nacht  gehts  luschtich  zu,  Doch  der  mei  Herz  erfreut, 

Do  kommt  mei  BÖ!  Kommt  endlich  heut.4* 


C)  Aus  Bresztovdcz,  Südungarn. 

(Mitgetelt  vom  Lehrer  A.  Schuanfelder.) 

L  Zahlenlied.*) 

Bist  du  die  Sängerin  in  unseren  Haus, 

Gib  den  Pfarrer  Sängerin  aus  (?) 

Sag  mir,  was  ist  eins? 

Eins  allein  ist  Gott  allein, 

Der  da  lebt  und  der  da  schwebt 

Im  Himmel  und  auf  Erden. 

Bist  du  die  Sängerin,  u.  s.  w. 
Sag  mir,  was  ist  zwei? 
Zwei  tapfer  (d.  i.  Tafeln)  Moises. 
Eins  allein  ist  Gott  allein,  u.  s.  w. 

Bist  du  die  Sängerin,  u.  s.  w. 

Sag  mir,  was  ist  drei,  u.  s.  w.  (bis  neun) 

Bist  du  die  Sängerin  in  unseren  Haus, 

Gib  den  Pfarrer  Sängerin  aus  (?) 

Sag  mir,  was  ist  zehn  ? 

Zehn  Gebote  Gottes, 

Neun  kehrt  (Chöre »  der  Engel, 

Acht  zu  der  (?)  Seligkeit. 

Sieben  Sakramente, 


•)  Beliebtes  GesellschaOslied  bei  Familienfesten. 

204 


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DEUTSCHE  VOI.KSl'OESIE  IN  UNGARN. 


Sechs  Kandel  kühlen  Wein 

Schenkt  der  Herr  seine  Jünger  ein, 

Fünf  guie  Kristen, 

Vier  Evangelisten, 

Drei  Patriarchen, 

Zwei  tapfer  (!)  Moises, 

Eins  allein  ist  Gott  der  Herr 

Der  da  lebt  und  der  da  schwebt 

Im  Himmel  und  auf  Erden. 


II.  Scherzlieder. 

1.  Ich  schwör  auf  meiner  Seel, 
Ich  esse  nichts  von  Mehl, 
Als  Xudl  und  Strudl, 

Und  heurigen  Köhl. 

2.  Drei  Duzend  alte  Weiber, 
Gott  verzeih  mir  meine  Sünd, 
Bei  der  Arbeit  sind  sie  langsam, 
Beim  Fressen  und  Saufen  aber  flink. 

3.  Schöne  Mariandl, 

Mit  dem  kurzen  Gwandl, 

Bild'  sich  a  noch  ein  Fleck  ein, 

Sie  hat  die  Strumpf  gebunden 

Mit  dem  Schürzelbandl, 

Und  die  Haube  mit  dem  Strick. 

Voll  mit  Schneckenhäusl, 

Und  den  Küttl  gfranzt  ein, 

Das  Gsicht  hat  sie  voller  Rupa-Tupa, 

Und  das  Gnack  voller  Gnnt. 


III.  Strolchpoesie. 

In  verrufenen  Dorfspelunken  schlemmt  nächtlicher  Weise  verlot- 
tertes Gesindel,  die  Hefe  der  Dorfjugend  beiderlei  Geschlechtes.  Schwel- 
gend werden  da  rohe  Gassenhauer  und  unflätige  Knittelverse  geschmie- 
det, Bubenstücke,  Diebereien  werden  geplant  und  ausgeführte  begungcn . 


205 


A.  8C1IWANFELDKR 


Einige  Proben  dieser  ländlichen  Galgenpoesie  will  ich  in  den  nachfol- 
genden Diebssprüchen  mitteilen. 

1. 

Gänse  und  Enten  gebraten  im  Nest 

Schmecken  viel  besser,  als  Fasanen  verzuckert  in  Pest. 

2. 

Dem  Lehrer  und  Pfarrer  ihre  Trauben  sind  gar  so  süss, 
Sie  schmecken  so  wolfeil,  nun  merke  dir  dies. 
Dem  Spitz-Michl  tut  aber  weh  dann  der  Kopf, 
Wenn  der  Lehrer  ihm  packt  und  beutelt  den  Schopf. 

3. 

Äpfelstehlen  ist  nur  a  Bubenstück, 

So  denkt  und  spricht  stets  Nachbars  Nick. 

4. 

Der  Nachbar  hat  a  schöne  Gans, 
Die  g'hört  schon  halb  dem  Spitzl-Franz ; 
Verkauft  sie  schon,  er  hat's  noch  nicht, 
Er  lügt  sich  an,  der  dumme  Wicht. 

5. 

Dem  Pfarrer  sei  Gans'l  Schrein  gick,  gack. 
Wir  haben  sie  schon  halber  in  unser m  Sack. 
Wir  rupfen  sie  schon,  wir  braten  sie  aus, 
Und  machen  uns  lustig  beim  fetten  Schmaus. 

6. 

Gestohr n  bin  ich  aus  dem  Haus, 
Wenn  ich  mal  aus  dem  Stall  bin  draus: 
Dann  kräht  gewiss  ka  Hahn  nach  mir, 
Ich  komm  gewiss  nie  mehr  vor  eure  Thür. 
Sie  hab'n  mich  g'steckt  in  'n  grossen  Topf. 
Und  g'fressen  dann  mit  Haut  und  Schopf. 

7. 

Eins,  zwei,  drei, 

Der  Nazi  ist  dabei, 

Äpfelstehl'n  ist  ka  Sünd, 

Denn  man  wird  dabei  nit  blind ; 

Nur  muss  man  sein  dabei  recht  flink, 

Dass  sie  uns  nicht  fangen, 

Und  durchprügeln  mit  Stangen ; 


206 


DEUTSCHE  VOLKSl'OESIE  IN  UNGARN. 


Denn  das  tut  weh,  weh,  weh, 

Wenn  man  geledert  wird  and  kriegt  Schläh. 

8. 

Schuster  lied') 
Schuster  Johann  steht  wol  auf, 
Geht  zum  Garten,  macht  das  Thirl  auf, 
Da  kommt  auch  seine  Abolonia  (Apollonia)  raus; 
Johann,  lass  den  Räuber  nicht  aus! 
Ja  Abolonia,  ich  hab  ihm  beim  Kopf, 
Er  hat  mich  an  meinen  Kurkelknopf  (Gurgel). 
Schau  Johann,  dass  du  ihm  bekommst  beim  Frack, 
Er  steckt  uns  ein  Finwer  in  Sack. 
Er  nimmt  den  Donnadi  bei  der  Hand, 
Und  fiert  ihn  ins  Zimmer  zum  Ofen  an  die  Wand, 
Dann  zieht  er  seine  Zieger  an 
Und  fangt  mit  Donnadi  zu  sprechen  an : 

„Wennstduuns  nicht  sagst,  was  das  andere  fi er  (für)  ein  Bu  (Bub), 
So  wirst  du  eingesperrt  bis  morgen  in  der  früh!" 
Der  Bartmann**)  kommt  auf  die  Ortswacht ; 
„Jefta***)  hab  du  auf  den  kerl  mir  acht, 
Denn  es  ist  nicht  Tag,  sondern  es  ist  Nacht." 
„Gedichtet  in  1887.  Dichter  waren  Donnadi  Nowak  und  Karich  Franz 

in  Brestowacz." 


D)  Aus  Pancsova. 
(Aus  den  wertvollen  reichen  Sammlungen  der  Frau  Maja  Hoffmann-Wigand  in 

Pancsova.) 

I.  Lieder. 

i. 

Stets  in  Trauerheit  muss  ich  leben, 
Sag,  warum  hab'  ich's  verschuldt? 
Weil  mein  Schatz  ist  untreu  worden, 
Muss  ich  leiden  mit  Geduld. 
Treue  Liebe  geht  von  Herzen, 

•)  Nach  dem  Originalnunuscript.  Die  genannten  zwei  Strolche  wurden  beim 
Apfeldiebstahl  im  Garten  des  Schosterm  eiste  rs  ertappt,  Karch  entkam,  Donadi  wurde 
festgenommen;  beide  mussten  je  5  fl.  Strafe  zahlen.  Sie  dichteten  d>es  Lied  und 
producierten  es  des  Nachts  auf  der  Gasse. 

*')  So  hies  der  Ortsricbter 

••♦>  Der  Ortswäcbter. 

207 


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MAJA   HOFFMANN- WIGAND 


Falsche  Liebe  brennet  heiss ; 

Oh  wie  glücklich  ist  der  Jüngling, 

Der  von  keiner  Lieb  nichts  weiss 

Lieben  sind  zwei  schöne  Sachen,  (?) 

Wenn  man  keiner  Falschheit  spürt, 

Täglich  thut  das  Herze  lachen, 

Wenn  man  Stillstand  kürasiert.  (?) 

Spielet  auf  ihr  Musikanten, 

Spielet  auf  ein  schönes  Gspiel; 

Mir  und  meinen  Schätzchen  zu  Gefallen, 

Weil  sie  ist  die  schönste  unter  allen. 


2. 


Fraget  nicht,  warum  ich  weine, 
Warum  ich  so  traurig  bin? 
Ei,  mein  Schatz  hat  mich  verlassen, 
Darum  weine  ich  so  sehr. 

In  den  späten  Abendstunden, 
Wro  ein  jedes  Vöglein  ruht, 
Sitz  ich  armes  Kind  und  weine, 
Brennt  mein  Licht  so  traurich  zu. 

Hau'  ich  Tinte,  hau'  ich  Feder, 
Und  ein  wenig  Schreibpapir, 
Möcht'  ich  mir  die  Zeit  aufschreiben, 
Die  du  gwesen  bist  bei  mir. 

Meine  Thräne  ist  die  Tinte, 
Meine  Wange  das  Papier, 
Meine  Schmerzen  ist  die  Feder, 
Schönster  Schatz, das  schreib  ich  dir. 


Wenn  mein  Herz  ein  Fenster  hätte, 
Dass  du  schauen  könnst  hinein, 
Fels  und  Berg  möcht'  sich  erbarmen 
Über  meine  Leidenspein. 

Gieng'  ich  auf  der  Strass'  spazieren , 
Alle  Leute  schaun  auf  mich ; 
Aus  meinen  Augen  fliessen  Thränen, 
Dass  ich  gar  nicht  sehen  kann. 

Ist  das  nicht  die  Friedhofsstrasse? 
Ist  das  nicht  das  Kirchhofsthor? 
Ist  das  nicht  meins  Liebchens  Grabe, 
Das  ich  nicht  vergessen  soll. 

Ja  das  ist  die  Friedhofsstrasse, 
Ja  das  ist  das  Kirch hofsthor, 
Ja  das  ist  meins  Liebchens  Grabe, 
Das  ich  nicht  vergessen  soll. 


3. 

Der  Kukuk  auf  dem  Zaune  sass, 

Es  regnete  und  er  war  nass; 

Da  flog  er  auf  des  Goldschmieds  Haus 

„Du  mein  lieber  Goldschmied  mein, 

Schmied  mir  und  dir  ein  Ringelein, 

Schmied's  mir  und  dir  an  die  rechte  Hand, 


208 


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DEUTSCHE  VOLKSPOESIE  IN  UNGARN. 


Damit  ich  flieg'  ins  Ungarland, 
In  Ungarland  dort  ist  gut  sein, 
Dort  sind  die  Mädel  hübsch  und  fein, 
Und  die  Burschen  —  wie  die  Schw.ein'. 
In  Ungarland  dort  gibt's  gut  Brot, 
Dort  sind  die  Mädel  hübsch  und  roth, 
Und  die  Burschen  —  wie  der  Tod. 
In  Ungarland  dort  gibt's  gut  Bier, 
Dort  sind  die  Mädel  hübsch  und  für,  (?) 
Und  die  Knaben  —  wie  die  Stier.' 
In  Ungarland  dort  gibt's  gut  Speck, 
Dort  sind  die  Mädel  hübsch  und  keck, 
Und  die  Knaben  —  wie  der  D  

II  Hochzeitsprüche. 

Nun  wollen  wir  holen  den  Herrn  Hochzeiter  und  seine  Braut 

Die  ihm  zur  Seite  war  vertraut, 

Die  wollen  wir  zur  Kirche  führen 

Und  ihren  Kirchengang  helfen  schmücken  und  zieren. 

Gott  sorgt  für  alle  Dinge. 

So  wird  uns  viel  Glück  und  Segen  bringen. 

„Bringt  mir  die  Jungfer  Braut  heraus!* 

Da  bring  ich  eine,  die  hat  Verstand, 

Wem  sie  gehört,  ist  sie  bekannt, 

Sie  hat  auch  schon  vieles  erfahren, 

Das  zeigen  die  grauen  Haaren. 

„Die  will  ich  nicht,  die  mag  ich  nicht, 

Die  sieht  gar  sauer  im  Gesicht. 

Was  soll  ich  mit  der  Grauen  machen, 

Da  möchte  mich  mein  Herr  auslachen. 

Bringt  mir  die  Jungfer  Braut  heraus." 

Da  bring  ich  eine,  die  ist  schön  fein, 

Allein  sie  hat  ein  krummes  Bein, 

Die  schläft  gar  lang  und  frisst  gar  viel, 

Keine  andre  hab'  ich  nicht  mehr  hier. 

„Wass  soll  ich  mit  der  Krummen  machen, 

Da  möchte  mich  mein  Herr  auslachen, 

Die  Siebenschläfrin  braucht  kein  Mann, 

Der  Herr  will  eine  frische  hab'n. 


Hernnann  Ethnologischen  Mitteilungen.  209 


15 


MAJA  HOFFMANN- WIGAND 


Bringt  mir  die  Jungfer  Braut  heraus.* 

Da  bring'  ich  eine,  jung  von  Jahren, 

Wenig  hat  sie  auch  erfahren, 

Sie  will  nichts  thun  als  müssig  gehn, 

Beständig  vor  dem  Spiegel  stehn. 

Der  Herr  ist  mir  ja  gar  so  karjos,  (kurjos) 

Er  schaut  nur  auf  die  Jugend  blos. 

„Warum  sollt*  ich  nicht  karjose  sein,  — 

Schaut  nur  den  jungen  Herren  an, 

Der  will  eine  solche  Jungfrau  haben, 

Die  wohlgeziert  in  allen  Gaben. 

Bringt  mir  die  Jungfer  Braut  heraus." 

Da  bring  ich  eine,  die  ist  recht  schön, 

Ich  mein,  Ihr  könnt't  mit  ihr  bestehn. 

„Das  mag  ja  wohl  die  rechte  sein, 

Weil  ihre  Augen  stehn  zum  Wein'n 

Und  ihre  Haare  so  schön  geschmückt. 

Nun  wollen  wir  sie  zur  Kirche  führen, 

Und  ihren  Kirchengang  helfen  zieren, 

Seid  nur  getrost,  in  kurzer  Zeit 

Wird  sich  befinden  Lust  und  Leid  —  —  Viffat!" 


Fresse  mich  die  Würmerschwein    Hans  hinterm  Ofen, 


HI  Kinderreime. 


1. 


Saft,  Saft,  Seide. 
Hör  in  die  Weide, 
Hör  in  die  Grabe, 
Fresse  mich  die  Rabe, 


Was  willst  mit  de  Stanche? 
Spätzche  werfe. 
Was  willst  mit  de  Spätzche? 
Sode,  brate. 


(Wildschwein.) 


Hans  hinterm  Dach, 
Lässt  mei  Pfeifche  e  helle, 


Mutter,  geb  mer  Nägelcher. 
Was  willst  mit  de  Nägelcher? 
Säkelche  machn. 
Was  willst  mit  de  Säkelche? 
Stanche  lese. 


Helle  licbtiche  Krach, 
Geht  mei  Pfeifche  los. 


(Beim  Schälen  der  Weidenast 
pfeifen.) 


2 


Heitschi  popeitschi, 
.Nach  Spilrak  zu, 


Dort  tanzen  die  Bauern, 
Dort  klappern  die  Schuh'. 


210 


HOCHZEITSPRÜCHE  der  hienzen. 


Mei  Mutler  backt  Kräpl, 
Sie  backt  sie  so  hart, 
Sie  sperrt  sie  im  Kasten, 
Und  gebt  mer  net  satt. 
Drei  Brocke  zum  locke, 
Komm  bi,  komm  bi ! 


Ich  hab  selber  net  mi. 
Ach  Mutter,  ach  Mutter, 
Wenn  Ihr  mir's  noch  einmal  so 

[macht, 
So  nemm  ich  mein  Bündel, 
Und  sag  gute  Nacht. 


3. 


Ans,  zwa,  drei, 

Bika  Bohne  brei. 

Bika  Bohne  Pfefferkern, 

Mei  Vater  will  a  Schnitzer  wem ; 

Schnitz  zwei  Taube, 


Wer  will's  glaube? 
Ich  oder  du, 
Hamle,  hamle  muh ! 
Was  die  alte  Kuh  s 
Das  frisst  du ! ! 


•t, 


(Auszählereim ) 
4. 

Herrgottskäferche,  tlieg  fort. 
Flieg  fort  auf  Szegszärd, 
Bring  mer  a  neue  Rocksack. 
(Marienkäfer.) 


5. 


Heio  popole. 

Zukerche  wolle  mer  hole. 


Zuker  und  süsse  Mandelkern 
Essen  die  klanen  Kindercher  gern. 


Hochzeitssprüche  der  Hienzen.*) 

Mitgeteilt  von  Samuel  Kurz.**) 
Gästeladen. 

Gelobtzei  Jesus  Christus.  Meine  lieben  Herrn  Vetter  und  Frau 
Mam,  Sie  derfen  uns  nicht  in  übel  aufnehmen,  dass  wir  Ihnen  so  spät 
überlaufen  sind  Wir  sind  zwei  ausgeschickte  Botten  von  unsern  jungen 
Herrn  Breitigam  samt  seiner  versprochenen  Jungfrau  Braut.  Indem 
sie  sich  besonnen  haben,  den  ledigen  Stand  zu  ändern,  und  den  heili- 
gen Ehestand  anzutreten,  so  lassens  in  Herrn  Vetter  und  der  Frau 

*)  Vorungarische  deutsche  Colonien  im  Com i tat  Vas  tEisenburg)  and  Sopron 
(ödenburg.) 

*•)  Ethnographia  1892.  Januar. 


211 


16* 


SAMUEL  KURZ 


Mam  einen  guten  Abend  winsehen  und  auch  bitten,  dass  Sie  megen 
begleiden  helfen  auf  alle  Gassen  und  Strassen,  auf  alle  Wege  und 
Stege,  zu  Wasser  und  zu  Lande,  und  endlich  zu  des  Priesters  Hand, 
dort  wird  ein  neuer  Bund  geschlossen  werden,  welchen  niemand  auf- 
lesen kann,  als  nur  Gott  und  der  Tot.  Von  Gottes  Haus  wird  sie 
führen  der  Breitigara  in  sein  Vaters  Haus,  dort  wird  ihnen  vorgetra- 
gen werden  Wein  und  Brot  und  andere  Gottesgaben;  auch  wird  Mu- 
sig sein.  Wenn's  im  Herrn  Vetter  oder  die  Frau  Mam  beliebt  einige 
Stück  Ehrentanz  zu  raachen,  somit  bitten  wir  um  einen  guten  Bericht 
nach  Hause  zu  bringen.  Mit  diesen  schliessen  wir  unsern  schönen  Gruss. 
Gelobtzei  Jesus  Christus.  (Neuthal.) 

Brauttanz. 

Gelobtzei  Jesus  Christus.  Ich  wolde  wünschen,  dass  wir  auf  der 
himmlischen  Hochzeit  auch  so  frölich  beisamen  sein,  wie  auf  der  weltlichen. 
Musiganten  vivat! 

Meine  lieben  Herrn  Bettleute  und  Ausgeber,  Junggesellen  und 
Kranzljungfrauen  und  alle  eingeladene  Hochzeitgäste;  ich  täte  bitten, 
wenn  ich  einen  Verlaub  hätte,  die  Jungfrau  Braut  aufzufordern  Ist 
das  nicht  schön,  wenn  Eltern  ihre  Kinder  so  gross  auferziehen,  dass 
sie  können  zum  allerheiligsten  Altare  gehen,  um  dort  ehrbar  und  christ- 
lich kupliert  zu  werden. 

Musiganten  vivat!  • 

Jungfrau  Braut,  Jungfrau  Braut,  schau  an  diesen  grünen  Ehren 
kränz,  wie  schön  er  geziert  ist,  zum  erstenmal,  zum  zweitenmal,  zum 
drittenmal,  und  zum  letzten:  jetzt  hast  du  ihm  auf  deinen  Haupt  ge- 
habt, und  dein  Lebtag  nimmer,  bevor  du  ihm  auf  dein  Haupt  wirst 
setzen,  werden  alle  Distel  und  Dornen  rothe  Rosen  tragen. 

Musiganten  vivat. 

Meine  lieben  Herrn  Bettleute  und  Ausgeber,  Junggesellen  und 
Kranzeljungfrauen  und  alle  eingeladene  Hochzeitsgiiste,  ich  täte  bitten, 
wenn  ich  Verlaub  hätt,  die  Jungfrau  Braut  aufzufordern,  oder  ihr  mit 
einen  Glas  Wein  aufzuwarten,  welcher  gewachsen  zwischen  Köln  und 
Rhein,  und  ist  er  nicht  gewachsen  zwischen  Köln  und  Rhein,  so  ist 
er  doch  gewachsen  zwischen  Sonn-  und  Mondesschein.  Ist  die  Jungfrau 
Braut  gesund  oder  krank,  so  geht  sie  herüber  über  Tafel  und  Bank. 
Ist  sie  frisch  und  wohl  in  Muth,  so  springt  sie  über  mein  Buschen 
und  Hut. 

Musiganten  vivat! 


212 


SIKHENnCRGLSCHK  KINDERSPIELE. 


Kranzl- Abtanzen. 

i 

1 .  Herr  Vetter  Ausgeber,  wenn  ich  die  Erlaubnis  hätte,  der  Jung- 
frau Braut  ihren  grünen  Kranz  von  ihrem  Haupt  zu  nehmen  u.  den- 
selben ihr  nimmermehr  aufzusetzen.  Vivat! 

2.  Nun  Jungfrau  Braut!  Siehe  an  deinen  schönen  grünen  Kranz, 
den  du  dir  in  deiner  Jugend  so  schön  gezieret  u.  gepflanzet  hast.  Ist 
das  nicht  ein  schöner  Kranz,  den  man  in  der  Jugend  zieren  u.  pflan- 
zen kann?  Denn  nicht  jede  Braut  kann  einen  solchen  grünen  Kranz 
auf  ihrem  Haupte  tragen!  Vivat! 

3.  So  wenig  soll  die  Jungfrau  Braut  einen  grünen  Kranz  auf 
ihrem  Haupte  tragen,  als  dürre  Distel  rothe  Rosen  tragen;  eher  werden 
dürre  Distel  rothe  Hosen  tragen,  als  die  Jungfrau  Braut  einen  grünen 
Kranz  auf  ihrem  Haupte  trägt.  Vivat! 

4.  Jetzt  Jungfrau  Braut  musst  du  alle  Burschen  meiden  u.  bei 
deinem  Mann  verbleiben,  u.  du  Jungherr  Bräutigam  musst  alle  Mädchen 
meiden  u.  bei  deinem  Weib  verbleiben.  Vivat! 

5.  Jetzt  heisst's  Kranzerl  weg  und's  Häuberl  her,  Jungfrau  g'west 
u.  nimmermehr.  Und  wenn  sie  gleich  keine  Jungfrau  ist,  so  ist  sie 
doch  a  Weiberl,  u.  trägt  sie  gleich  kein  Kranzerl  nicht,  so  trägt  sie 
doch  a  Häuberl.  Vivat! 

6.  Nun  Herr  Vetter  Ausgeber!  Ich  möchte  mir  untertänigst  ausbitten, 
wenn  ich  die  Erlaubnis  hätte,  die  Jungfrau  Braut  auf  drei  christliche  Ehren- 
tänze aufzufordern,  u.  zwar  den  1.  für  mich;  den  2.  fürn  Jungherrn  Bräu- 
tigam, u.  den  3.  für  alle  ehrsamen  Hochzeitsgäste.  Vivat!  (Hier:  Viva!) 


Siebenbürgische  Kinderspiele. 
/.  Sächsisch.  *) 
Mitgeteilt  tob  Dr.  H.  v.  Wlislocki. 
1.  Jakobel  wo  baat  da? 

Fangspiel.  Sie  fassen  sich  an  den  Händen  und  bilden  einen  Kreis . 

In  der  Mitte  hält  eines  mit  verbundenen  Augen  zwei  Schlüssel.  Sie 

singen  im  Chor: 

Bas  menj  Husen  blein  Kam  Jakobel,  kam! 

Hej  am  hischen  Gorten,  Kost  da  et  na  fen, 

Det  Jakobel  mausz  Dön  kost  da  der  uch 

Noch  gor  lange  wörten!  E  hisch  Risken  nen! 


•)  S.  Ethnograpbia,  III.  24-28. 

213 


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DR.  H.  V.  WLI8L0CKI 


Das  Kind  mit  den  verbundenen  Augen  wirft  einen  Schlüssel  in 
den  Kreis ;  ein  Mitspieler  hebt  ihn  auf,  tritt  in  den  Kreis  und  berührt 
damit  den  Schlüssel  des  im  Kreis  stehenden.  Dieser  ruft:  „Jakobel, 
wo  bast  da?"  Nun  schlägt  der  andere  mit  dem  aufgehobenen  Schlüssel 
wieder  auf  den  des  Blinden ;  wenn  dieser,  an  einem  Platz  stehend,  den 
Jakobel  fangen  kann,  tritt  dieser  an  seine  Stelle. 

2.  De  old  Waderhex. 

Ein  durch  das  Los  bestimmtes  Kind,  die  Wetterhexe,  setzt  sich 
auf  den  Boden,  sein  Kopf  wird  mit  Laub  oder  Stroh  umbunden.  Auch 
die  Mitspielenden,  Katzen  genannt,  haben  Laub-  oder  Strohbüschel  am 
Oberarm,  und  singen  im  Kreis  hüpfend : 

Do  satzt  de  old  Waderhex         Walst  da  Katzen  hun, 
Am  Rän  uch  am  Sehne,  Mauszt  ze  as  da  kun 

Wat  gen  mer  ar  zu  essen  ?         An  aller  £1 
Zacker  uch  Kafe!  Af  dem  Besestel, 

Zipfel,  zapfel,  Baterkrappel,         Hopp,  hopp,  hopp! 

Die  Wetterhexe,  auf  einem  Besen  oder  Stecken  reitend,  sucht 
die  Katzen  zu  haschen ;  jede  hat  eine  bestimmte  Freistätte.  Gefangen 
st  die  Katze,  wenn  die  Hexe  ihr  das  Büschel  wegrafft.  Die  Gefange- 
nen setzen  sich  abseits  und  bei  jedem  Fang  singen  sie: 

Miau,  miau,  miau!  Ar  Suhlen  mauszen  mer  kratzen, 

Ach  Breiderchen,  ach  Breiderchen,    Miau,  miau,  miau! 

Miau,  miau,  miau!  Mat  aserm  Schmolz 

Da  bast  en  Hexen  kaderchen.  Schmert  sej  sech  zam  Donz, 

Miau,  miau,  miau!  Miau,  miau,  miau! 

Mer  mauszen  hei  na  satzen, 

Unterdessen  heftet  die  Hexe  das  Büschel  des  Letztgefangenen  sich 
an  (als  Sinnbild  von  Fett  und  Schmeer).  Wenn  alle  Katzen  gefangen 
sind,  stellen  sich  die  Spielenden  in  zwei  Reihen  einander  gegenüber, 
reichen  sich  vis  a  vis  die  Hände,  nehmen  die  Hexe  auf  die  Arme  und 
wiegen  sie.  Dies  soll  das  Verbrennen  derselben  bedeuten. 

3.  Vogelsteller. 

Dem  durchs  Los  bestimmten  Kinde,  dem  Vogelsteller,  werden  die 
Augen  verbunden.  Die  übrigen  singen: 

De  Vijeljen  am  granen  Bäsch,         Se  spranj'n,  se  spranj'n. 
Se  sanj'n,  se  sanj'n,  Do  kit  en  older,  groer  Mon, 

De  Vijeljen  am  granen  Bäsch,         Wal  Vijeljen  sech  fen, 

214 


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SIEBENBÜRGISCHE  KINDERSPIELE . 


Den  Vijeljen  am  granen  Bäsch,  Zipi,  zipi,  zip! 
Den  Hols  wal  he  ösdren!  Zipi,  zipi,  zip! 

Nun  läuft  eines  zum  Vogelsteller,  berührt  dessen  Hand,  dieser 
ruft:  „ting."  Nun  singt  es  ein  beliebiges  Lied  ;  darauf  wieder  im  Chor, 

Geschwanjd,  geschwanjd  Wer  frojen  as,  wer  frojen  as, 

So  as  det  Vijeljen,  Won  et  der  na  wechflecht. 

Det  da  as,  host  verschecht. 

Wenn  der  Vogelsteller  den  Namen  dessen,  der  allein  gesungen: 
nicht  errät,  singen  sie  wieder  im  Chor: 

Vijel  walst  da  fen,  Schura  dech,  schum  dech! 

Da  older,  groer  Mon,  Schum  dech,  schum  dech! 

Doch  wej  det  Vijeljen  hiszt,  Zipi,  zipi,  zip! 

Det  kost  da  as  nedj  son!  Zipi,  zipi,  zip! 

Nun  beginnt  das  Spiel  von  neuem.  Wenn  aber  der  Vogelsteller 
den  Namen  des  Singenden  errät,  wird  dieser  zum  Vogelsteller. 

4.  Trudefausz. 

Ein  durchs  Los  bestimmtes  Kind  wird  in  ein  weisses  Linnen  ge- 
hüllt und  reitet  auf  einem  Stecken  im  Kreise  herum.  In  einer  Hand 
hält  es  ein  Strohbüschel.  Die  übrigen  Spielenden  dürfen  nur  auf  dem 
rechten  Fusse  hüpfend  ihr  „Haus-  verlassen.  Der  Reihe  nach  hüpfen 
sie  dem  Verhüllten  nach  und  suchen  aus  dem  Strohbüschel  einige  Hal- 
me zu  zupfen.  Je  eher  es  einem  gelingt,  desto  später  hat  er  wieder 
im  Kreise  zu  humpeln.  Wer  den  linken  Fuss  auf  den  Boden  setzt, 
wird  bestraft,  das  heisst  der  Trudenfuss. 

5.  Teufelsschwanz. 

Die  Kinder  stellen  sich  hinter  einander;  jedes  fasst  das  vor  ihm 
stehende  am  Kleide.  Das  erste  und  das  letzte  in  der  Reihe,  Teufels- 
kopf und  Teufelsschwanz,  wird  durch  das  Los  bestimmt.  Aufgabe  des 
Teufelskopfes  ist  den  Teufelsschwanz  zu  fangen,  ohne  die  Kette  zu  lösen. 
In  immer  schnellerem  Tempo  wird  gesungen: 

Der  Tivel  as  gearjert,  Hopphopp,  hopphopp,  Haar  Tivel! 

De  Macken  patschen  sen  jen  Schwonz !    An  den  Schwonz  der  beisz, 
Der  Tivel  as  gearjert,  Schnapp  mat  denjen  Zandjen 

He  mocht  en  Tivelstonz!  No  Macken  uch  no  Leisz! 

»  4 

Wenn  der  Kopf  den  Schwanz  haschen  kann,  tritt  dieser  aus  dem 
Spiele.  Wenn  dem  erstem  während  des  dt  eimaligen  Absingens  das  Ab- 

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DB.  H.  V.  WLISLOCKI 


fangen  nicht  gelingt,  so  tritt  der  zweite  in  der  Reihe  an  die  Stelle  des 
Teufelskopfes 

6.  Uhuspiel. 

Ein  Kind,  der  Uhu  oder  Todtenvogel,  sitzt  auf  der  Erde.  Vor 
ihm  ist  ein  Lappen  ausgebreitet,  davon  einen  halben  Meter  entfernt 
ist  ein  4—5  Meter  langer  Strick  gezogen,  der  „Bach"  genannt  wird 
und  die  Grenze  zwichen  dem  Uhu  und  den  übrigen  Spielern  bildet. 
Jenseits  des  Strickes  hat  jeder  eine  kleine  Grube,  das  Ziel.  Die  Spie- 
lenden singen: 

Uhu,  Uhu,  Uhu;  Iwern  Boch  da  spranj! 

Tudevogel,  Uhu;  Uhu,  Uhu! 

Am  Hemel  schent  de  San ;         Meisker  ech  der  branj ! 
Uhu,  Uhu! 

Unterdessen  verlässt  irgend  ein  Mitspieler  sein  Ziel,  und  ver- 
sucht den  Lappen  an  sich  zu  reissen,  ohne  den  Strick  zu  übertreten. 
Jeder  Mitspieler  darf  nur  einmal  nach  dem  Lappen  greifen,  und  dann 
zu  seinen  Ziele  zurückgekehrt  warten,  bis  die  übrigen  alle  den  Ver- 
such gemacht.  Wenn  es  dem  Uhu  gelingt,  dem  nach  dem  Lappen  Grei- 
fenden auf  die  Hand  zu  klopfen,  ohne  seinen  Sitz  zu  verlassen,  ist  der 
Betreffende  „gestorben"  und  nimmt  keinen  Teil  am  Spiel.  Wenn  aber 
jemand  den  Lappen  wegraffen  kann,  ohne  vom  Uhu  berührt  zu  werden, 
nimmt  er  die  Stelle  des  Uhu  ein,  dieser  aber  tritt  unter  die  übrigen 
Spielenden,  worauf  das  Spiel  fortgesetzt  wird. 


11.  Deutsch*) 

Aua  den  Sammlungen  toü  Dr.  Aron  Riss.  Kacb  Aufzeichnungen  der  Lehrerin  Araiüea 

Valent  in  Borgö-Prund. 

1.  Grünes  Gras. 

Die  Kinder  bilden  einen  Kreis,  eines  steht  in  der  Mitte.  Sich 
drehend  singen  sie: 

Grünes  Gras,  grünes  Gras 
Unter  meinen  Füssen, 
Welche  wird  die  Schönste  sein, 
(oder:  Welche  du  am  liebsten  hast,) 
Diese  sollst  du  küssen. 

•)  f».  Ethnographie  III.  S.  88. 

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SIEBENBÜRGISCUE  KINDERSPIELE 


Das  Kind  in  der  Mitte  küsst  eines  im  Kreis.  Nun  wechseln  sie 
die  Plätze  und  setzen  das  Spiel  fort 

2  Muachketelein. 

Die  Kinder  singen  im  Kreise: 

Muschketelein,  Muschketelein ! 
Ich  bin  ein  armes  Waiselein. 
Dreimal  um  und  um  und  um 
Dreht  sich  die  schöne  N.  um. 

(Die  Genannte  wendet  sich  um ) 

N.  hat  sich  umgedreht, 

Hat  den  schönen  Kranz  verdreht. 

Florian,  Florian, 

Hat  geschlafen  sieben  Jahr, 

Sieben  Jahr  Sind  um 

Und  es  dreht  sich  A.  um. 

Das  Spiel  ist  aus,  wenn  alle  Kinder  mit  dem  Gesicht  nach  aus- 
wärts gekehrt  sind. 

3.  Im  Sommer. 

Die  Kinder  stehn  im  Kreis,  das  geschickteste  in  der  Mitte.  Sie 
drehen  sich  und  s»ngen: 

Im  Sommer,  im  Sommer, 
Da  ist  die  schönste  Zeit, 
Da  freuen  sich  die  alten 
Und  auch  die  jungen  Leut! 
Nun  bleiben  sie  stehen;  das  in  der  Mitte  klatscht,  hüpft,  geigt, 
u.  8.  w.;  die  übrigen  ahmen  ihm  nach. 

4.  Der  Musikant. 

Die  Kinder  sitzen  oder  stehen  im  Halbkreise;  das  geschickteste, 
der  Musikant,  stellt  sich  vor  sie  hin: 

Der  Musikant: 

Ich  bin  ein  Musikant 

Aus  schönem  fremden  Land. 

Die  Übrigen: 

Du  bist  ein  Musikant 

Aus  schönem  fremden  Land. 

Der  Musikant: 

Ieh  kann  wol  spielen. 

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KKISTOF  SZONGOTT 


Die  Übrigen: 

Du  kannst  wol  spielen. 

Der  Musikant: 

Auf  der  Violine 
Vio,  violine,  tralala ! 

Die  Übrigen: 
Auf  der  Violine  (tralala ) 
Hierauf  wird  Ciavier,  Zither  u.  s.  w.  nachgeahmt.  Am  Ende  wer- 
den die  Töne  zusammenfassend  wiederholt: 
Vio,  violine,  tralala, 
Pimpirim  pim,  pim  pim  pim, 
Tra  ra,  tra  ra, 
Drum  dum  dum.  • 

5.  Paradieshüpien. 

Die  Kinder  zeichnen  eine  3 — 4  Meter  lange  und  l  Meter  breite 
Figur  in  den  Boden: 


4  1  5 


oder : 


\  3  / 

1  /  \ 

1 

6 

7 

8 

1 

9 

2 

Dann  wird  ein  flacher  Stein  ins  erste,  zweite  u.  s.  w.  Feld 
geworfen,  und  auf  einem  Fusse  hüpfend,  mit  diesem  hinaus  geschupft. 
Der  Fuss  darf  den  Strich  nicht  berühren,  der  Stein  muss  ins  rechte 
Feld  fallen,  und  darf  nicht  auf  dem  Strich  bleiben.  Darauf  folgt  der 
nächste  nach.  Zum  zweitenmal  u.  8.  w.  wird  bei  dem  Feld  begonnen, 
wo  man  aufgehört  hat.  Wer  zuerst  den  Stein  aus  dem  letzten  Feld 
geschafft,  ist  Sieger.  (Vgl.  Wlislocki,  Vom  wandernden  Zigeunervolke. 
S.  136.  Haltrich-Wolff,  Zur  Volksk.  der  Siebenbürger  Sachsen.  S.  207  ) 


Armenische  Volksmärchen  aus  Siebenbürgen. 

Mitgeteilt  von  Krvtof  Szongott  in  Szamosujvar. 
L  Majre,  ▼ertin  jev  uaapS.*) 

Orpoväri  menäöhile  genige,  vov-or  zämen  hujsß  meghädig  vor- 
tun meö  cekile.  U  Öhi  chäpvi;  zeräm  deghän  medznalov  ez  därde* 
unäöhile  more.  Märe  ikhmäl  bägsuthiun  6hi  desi. 

*)  Etbnographia,  III.  86 


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ARMEXiarHF  VOLKMiABCMMf  Al'8  8IKHKNBCROKN  < 

Wirtin  jerp  äzad  timänäg  uner,  na  gerthär  morin  verMlu.  M**g 
änkämm«  morin  meg  «rind  Aen  m<-  gi  deSnu ;  ne*  gi  mt-dnu,  ugh 
uaipnu'i  hcd  gi  händtbi  ('hi  ärhnvi  irem1  nie,  hüte  iu>  gi  khäae 
ez  Iren  thure  jev  gäAe:  .Thür  gt*dre  !■  Thune  gi  pertärde  ez  u&apnert; 
paje  jedkine  gi  chentivvi,  or  irj»*n  marmnun  v.  ni  kone  m*»g  kelurhme 
t hoi? hu  Vi'TiatfhojtW  gi  gädüre  ez  ch.-ndirkh.'  je>  voghe  thoghelov 
meg  kt'lurhmft.  gl  koee  ez  unap«"«  meg  ne*i  t-hurhim*'  me<«. 

Khir  zamängi  vora  njs  *en(kh>in  me<\  voK*  Uftäpnun«'  eghile, 
gl  geni  hed  morö.  W-rtin  äAkir  äl  gerthär  vörAälu;  paj«  tnore 
aiiler.  the,  ehelät*  ro.dnu  n*»Ai  rhuehe,  zeräm  v^niA  gilä  häAnelu 
uvn.  iKorov  poile,  or  heränä  vertin,  u  meguraö  näile.  tht?  ine  gä 
rhuehin  mes  I^növorvile  hed  usäpin  u  äjnbe*  häAtadvilin,  the 
iftovme  «>pänin  fz  vrrtin.  Mäjn- gi  t.'rvi  the  hivänt  e  .Orti— gäÄe— zor 
hivänt  im;  päio  äjnbeA  guthvi,  the  theor  chozigi  rai*  udei,  nä 
bi  lävnäi.  K.  na  die*  hon,  uch  tareiv  meraegi  gi  zärnevin :  hon  g4 
meg  choz  mfi,  ehern  ängie  meg  chozigm*  u  pier  zan  dun  '  Sügheaile, 
the  hon  bi  gon  jev  ängie  älä  )M  thi  bi  Urna  Deghän  gi  thämbe  £x 
ein.  veräii  gi  tfne  fit  ärtmeehner.*  u  diämphä  geie. 

ÄrikagO  pärrgüm.*  e^hiK«  ;  ünorhäroar  deghän  dsämphove  gi  gäuni 
Ärikegun  dan<-  t»raäc  ,l>h  g  erthäA  V  —  A.-iile.  .Hedew  H  zim 
rhträdtt:  Jerp  daaverifu;  ellä  Aehätö.  änfcumÄ  raud  tirerun  mi- 
'  eore;  eboze  c-hi  belä  punin  me<-  u  tun  hesd  bi  gärnas  me«  cho 
itgme  rluMeln  •  ltfghan  |»arev  gudä  u  alind&n  gertha  DäAvrrguiin 
gi  modnu  tün-run  mu  <»r«',  gl  ch.'-le  meg  chozig  rat*  u  jed  gi  tirnä 
AlvC-  gi  ganni  Arik^gun  dan-  t>mdc.  .MMig  ärn,  zeräm  mämäd  «z 
kelwhOd  guze  udelu.#  Ittgfcin  dun  gertha  Üi  rhonin  rhozige  u 
gud*>  mar«-  mrohen.  tOrti  «1  ä«heg  im!"  —  Khu-  tämdnagi  v.-ri 
ihf«  hivänt  e.  .Orti  keni  dAire.  Ajnbe.  guka  indzig,  tl.e  theor  chemei 
ajn  rmforen,  vorin  mer  vogheerun  u  meradznuti  vun>  gä,  nä  bi 
Uvnäi  *  iN-ghän  älv^  thämhile  (>i  vm,  ärile  fit  artmAi-hnft*  äl  jev 
d>«mpha  elik.  (iänntlr  änkt^gun  timiir  mkhH  chtrxilc  fit  khex  um  hia« 
mäm»d  V  AM*  Ihr  urh  «,-rthä.  .M.^ig  äri,  zeräm  miäjn  däAvergu- 
Am  gelü;  oz  ämrnnenVi  lenrlu  Wj^m  jerp  jed  UmäA,  im  ganne 
dämS  tiiiuir  -  iVk'hnn  konarilo,  Kvhih»  äro«  nneiv.  jev  j,»d  Ur- 
i4le  Arikwt^  udelvov  pojile  zinkh*  I.u-hun  inkhö  genh«  nä,  Anküg* 
barbechm  hiJ«   fit    ämennere    u    änon£    mer    häaaräg   cur  ^rile  • 

••)  Ht<  :  llrot.  uudHu  —  d.  Ii    Mhta«%mal ,  ha^  Mrht  oft  far  dUt. 


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KRISTOP  SZONGOTT 


BKhid  zamängi  v6ra  ägheg  bi  perne  äjS  cur6"  —  äsav  inkhen  irj6n 
u  nieä  m6dile.  Döghän  6snähägän  egile  häctn»*)  u  älindän  kenäöile. 
Dun6  häfinelov  gudä  more  ceren  raeg  kävtovm6.  Gi  cheme  u  gi  tärnä 
hiväntuthiune. 

Deghän  vär  gi  t6ne  6z  thur6  u  gerthä  vörsälu.  Mär6  tus  g'äble 
ez  u§äp6  chuehen ;  jöv  vorovhedev  uch-äl  chörgilin  ez  deghän,  na  chi 
gor§6vi;  änor  hämär  or  azädvin  irmen,  nä  äjnbes  hästädvilin,  the 
theor  dun  ikä,  nä  dunö  thoghädz  therove  bi  spänin  6z  nä  Deghän 
dun  gukä,  thurß  usäpin  cerön  e.  Himä  deSnelov,  the  verc  e 
iren  nä  gi  chentr6vi,  or  ez  pert6rdädz  märmin6  tenin  ärtmechnun  med 
u  äblin  6z  6in  or  erthä  ärtnu'chnerove  vortin  äcvenicre  dänin.  Äjn 
beä  ärilin,  päjc  ez  Sirde"  bähilin.  Cin  Arik6gun  däne  timäö  gännile. 
„Ääilim,  the  mämäd  gude  ez  k61och6d!u  U  tus  perelov  öz  merädznun- 
jev  voghöerun  bähädz  eur6,  gi  khe^e  ez  p6rt6rdädz  märmine  —  u 
ähä  voghchechuchile  6z  d6ghän.  „lnc  sad  khun  eghilim."  —  JÖS 
voghöheöhuchilim  6z  khiez"  —  bädäSchänile  Ariikäge.  Himbig  amen 
pänc  ägheg  eghädz  b'öllär,  bäjö  dhunächi  sird.  „Ar  thuchi  ger- 
bäränk  —  gase  Ärikäge  —  u  k6nä  Si  läußhove  dun;  hon  ädeSä 
härgnikh  e.  Bi  tenin  or  phöchis.  Khicme  bi  pheehis,  änor  edevänö 
b'äsis,  the  dan  ikbme.  inöhov  kh6sis  6z  äghikhe;  bidän  ez  khu 
sirded  u  tun  zän  gul  bidäs.14  D6ghän  hedevile  6z  ch6räd6.  Dun6 
6hin  dsäncheczhi  zinkh6.  Phechile;  änor  edevänö  öer6  terilin  6z 
äird6;  inkh6  jed  tärcile,  äkeste  chorter  6z  läuöhin  —  u  gul  duvile 
6z  sird6.  Himbig  säd  6rind  phedhile.  Härs6  u  phesän  gi  chäghär. 
„Tir  vär  6z  di  thure,  m'äni  ädehä  huk-  —  gäse  härse  phesin.  Vär 
gi  töne.  Thuch6  khickhicene  gi  modignä  th6rin,  gi  chele  zäjn  jev 
ärä£h6  6z  mär6  u  änor  devänd  6z  usäpe  gi  pertörde.  Edjem  hon 
thoghile  zäjä  ändolväth  degh6  u  Ärikegun  mod  könädile  pönägelu. 


Mutter,  Sohn  und  Drache.  *) 

Witwe  ward  die  Frau,  die  alle  ihre  Hoffnung  in  ihren  einzigen 
Sohn  gesetzt  hatte.  Und  sie  täuschte  sich  nicht;  denn  der  Knabe  wuchs 
heran  und  sorgte  für  seine  Mutter.  Seine  Mutter  hatte  keine  Not 
zu  leiden 

Der  Sohn,  wenn  er  treie  Zeit  hatte,  pflegte  in  den  Wald  auf 

*)  Unter  den  vielen  Parallelen  xu  diesem  bekannten  Märclienthema  ist  wol 
am  interessantesten  das  Zigeunermärchen  in  Dr.  B.  Constantinescu,  Probe  de  liroba 
*i  litteratura  figanilor  din  Romania,  S.  65—72. 

220 


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ARMENISCHE  VOLKSMÄRCHEN  AlS  SIKHENHCRGKN 


die  Jagd  zu  gehen.  Einmal  sieht  er  im  Walde  ein  schönes  Gebäude; 
er  geht  hinein,  dort  trifft  er  Drachen.  Er  erschrickt  nicht  vor  ihnen, 
sondern  zieht  seinen  Säbel  und  spricht:  „ Säbel,  hau!"  der  Säbel 
haut  die  Drachen  in  Stücke;  doch  der  letzte  bittet  ihn,  er  möge  we- 
nigstens einen  Kopf  auf  seinem  Rumpfe  lassen.  Der  Jäger  gewährt 
die  Bitte,  belässt  einen  Kopf  und  sperrt  den  Drachen  in  ein  inneres 
Zimmer. 

In  kurzer  Zeit  übersiedelte  er  mit  seiner  Mutter  in  das  Gebäude, 
das  den  Drachen  gehört  hatte.  Der  Sohn  gieng  auch  hier  jagen;  er 
hatte  es  seiner  Mutter  untersagt,  ins  innere  Zimmer  zu  treten,  da  es 
ihr  übel  ergeben  könnte.  Sie  konnte  es  aber  kaum  erwarten,  das  ihr 
8ohn  ausgehe,  und  sah  gleich  nach,  was  im  innern  Zimmer  sei.  Sie 
machte  mit  dem  Drachen  Bekanntschaft,  und  sie  kamen  über- 
ein, den  Sohn  auf  irgend  eine  Weise  umzubringen.  Die  Mutter  stellt 
sich  krank.  „Sohn,  — »  spricht  sit  —  ich  bin  sehr  krank;  es  däucht 
mir  aber,  wenn  ich  Ferkelfleisch  ässe,  würde  ich  genesen.  Geh  also 
hin.  wo  die  Berge  zusammenschlagen,  dort  ist  eine  Sau,  entrafle  ihr 
ein  Ferkel  und  bring  es  heim."  Sie  glaubte,  er  werde  dort  umkom- 
men und  nicht  mehr  zurückkehren.  Der  Sohn  sattelt  sein  Pferd,  wirft 
ihm  den  Zwerchsack  um,  und  macht  sich  auf  den  Weg. 

Die  Sonne  war  ihm  befreundet;  unterwegs  hielt  er  also  vor  dem 
Haus  der  Sonne  an.  „Wohin  gehst  du?*  —  Er  sagt  es  ihr.  „Befolge 
meinen  Rat  :  Wenn  es  zwölf  Uhr  ist,  dann  geh  zwischen  die  Berge : 
die  Sau  ist  dann  nicht  im  Lager,  und  du  kannst  leicht  ein  Ferkel 
errpffen."  'Der  Sohn  grüsst  und  geht  weiter.  Um  zwölf  Uhr  geht  er 
zwischen  die  Berge,  errafTt  ein  Ferkel  und  kehrt  zurück.  Wieder 
macht  er  vorm  Haus  der  Sonne  halt.  „Gib  acht,  deine  Mutter  will  dir 
den  Kopf  verzehren."  Der  Sohn  geht  nach  Hause.  Das  Ferkel  wird  ge- 
braten, die  Mutter  isst  davon.  „Sohn,  mir  ist  besser."  In  kurzem  ist 
sie  wieder  krank.  „Sohn,  geh,  hol'  Arznei.  Es  dünkt  mich,  wenn  ich 
von  dem  Brunnen  trinken  könnte,  in  dem  das  Wasser  der  Lebenden 
und  Todten  ist,  würde  ich  genesen."  Der  Sohn  sattelte  wieder  sein 
Ross,  nahm  den  Zwerchsack  vor,  und  machte  sich  aul  den  Weg.  Vor 
der  Sonne  blieb  er  stehen.  „Wieder  hat  dich  deine  Mutter  wohin  ge- 
schickt?"—  Er  sagte  ihr,  wohin  er  gienge.  „Gib  acht,  denn  du  kannst 
dein  Geläss  nur  um  12  Uhr  füllen.  Wenn  du  dann  zurückkehrst,  mach 
vor  meinem  Hause  halt."  Der  Sohn  gieng  hin,  füllte  seine  Gelasse 
und  kam  zurück.  Die  Sonne  wartete  mit  Speise  auf  ihn.  Während  er 
assj  leerte  die  Sonne  sein  Gefässe,  und  gab  gewöhnliches  Wasser  hin- 
ein. „In  kurzem  wird  dies  Wassar  uns  gut  zustatten  kommen,"  — 
sprach  sie  bei  sich  und  gieng  hinein.  Der  Sohn  bedankte  sich  fürs  Es- 
sen, und  gieng  weiter.  Zuhause  angekommen,  reicht  er  seiner  Mut- 
ter ein  Glas  vom  Wasser.  Ihre  Krankheit  wendete  sich.  (D.  h.  sie 
genas). 

Der  Sohn  legt  seinen  Säbel  ab  und  geht  auf  die  Jagd.  Die  Mut- 
ter lässt  den  Drachen  aus  dem  Zimmer,  und  da  der  Sohn,  wohin 
immer  sie  ihn  auch  geschickt  hatten,  nicht  umgekommen  war,  kamen 

221 


DR.  RAIMUND  FRIED.  KAINDL 


sie  überein,  ihn,  wenn  er  heimkehrt,  mit  seinem  zu  Hause  gelassenen 
Säbel  zu  tödten.  Der  Sohn  kommt  nach  Hause;  der  Säbel  ist  in  der 
Hand  des  Drachen.  Als  er  nun  sieht,  dass  es  mit  ihm  aus  ist,  bittet 
er  sie,  seinen  zusammengehauenen  Körper  in  den  Zwerchsack  zu  ge- 
ben, und  seinem  Rosse  zu  gestatten,  es  möge  mit  dem  Sacke  gehen, 
wohin  es  seine  Augen  führen.  Sie  taten  also,  aber  sie  verbargen 
sein  Herz.  Das  Pferd  blieb  vor  dem  Hause  der  Sonne  stehen.  BHab' 
ich 's  gesagt,  dass  deine  Mutter  dir  den  Kopf  verzehren  wird. . . "  Und 
sie  bringt  das  aufbewahrte  Wasser  der  Lebenden  und  Todten  hervor, 
bestreicht  den  zerstückelten  Körper  —  und  sieh  da,  der  Sohn  wird  wie- 
der belebt.  „Wie  lang  ich  geschlafen  hab'!u  „Ich  hab'  dich  wieder 
zum  Leben  erweckt- — entgegnete  die  Sonne.  Nun  wäre  alles  gut 
gewesen,  aber  er  hatte  kein  Herz.  „Nimm  die  Gestalt  eines  Zigeuners 
an  —  sprach  die  Sonne  —  und  geh'  mit  der  Geige  nach  Hause;  dort 
gibt  es  eben  Hochzeit.  Sie  werden  dich  musizieren  lassen.  Du  wirst 
ein  wenig  spielen,  dann  sagst  du,  sie  sollen  dir  etwas  geben,  womit 
du  den  Bogen  bestreichen  könnest;  sie  werden  dir  dein  Herz  geben, 
und  du  verschluck1  es.-  Der  Sohn  befolgte  den  Rat.  Im  Hause  ward 
er  nicht  erkannt.  Er  musizierte,  dann  gab  man  ihm  sein  Herz  in  die 
Hand:  er  wandte  sich  um,  —  als  wollte  er  was  an  der  Geige  richten,  — 
und  verschluckte  das  Herz.  Hierauf  spielte  er  sehr  schön  auf.  Die 
Braut  und  der  Bräutigam  tanzten.  „Leg'  doch  deinen  Säbel  ab  und 
mach'  keinen  solchen  Lärm"  —  spricht  die  Braut  zum  Bräutigam.  Er 
legt  ihn  ab.  Der  Zigeuner  nähert  sich  langsam  dem  Säbel,  ergreift 
ihn.  und  haut  erst  seine  Mutter,  dann  den  Drachen  in  Slüeke.  Da- 
rauf verliess  er  den  unglückseligen  Ort,  und  gieng  zur  Sonne  wohnen. 


Baba-Jaudooha-Dokia. 

Von  Dr.  Raimund  Fried.  Kaindl  {Czernomtz), 

Über  die  „Baba"  ist  in  diesen  Mitteilungen  bereits  zweimal,  S.  12 
ff.  u.  56  ff.  gehandelt  worden.  So  weit  ich  sehe,  ist  aber  dort  auf  die 
hierher  gehörigen  rutenischen  (slawischen)  Überlieferungen  keine  Rück- 
sicht genommen  worden.  Dies  veranlasst  mich  das  Folgende  zum  Ab- 
drucke zu  bringen.  Es  wird  übrigens  interessant  sein,  mit  den  diesbe- 
züglichen Mitteilungen  aus  Ungarn  und  Rumänien  die  folgenden  aus 
der  Bukowina  zu  vergleichen. 

I. 

Die  Überlieferung.  *) 
1.  In  der  Bukowina  wird  es  anfangs  März  wärmer,  um  die  Mitte 


*)  No.  1-9  sind  von  mir  gesammelt  und  im  Urquell,  II.  Bd.,  9.  Heft,  aus- 
führlich mitgeteilt.  Nr.  10  ist  nach  Wickenhauser :  Molda  I.  1881.  S.  4  u.  236,  Nr. 
II  nach  Sinti finowicz:  Volksagen  aas  Her  Bukowina.  1885.  S.  136  f.  erzählt  Die 
Versionen  mit  „Jaudocha"  sind  rutenisch,  „Jewdocha*  huzulisch,  „Dokia"  rumänisch. 

222 


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BABA-JAUDOCHA-DOKIA. 


wird  es  gewöhnlich  wieder  rauh;  das  thut  die  Baba  Jaudocha,  Jew- 
docha  oder  Dokia  (Dochia),  (l.  März  a.  St.  =  13.  März  n.  St.  Eudo- 
xia).  —  2.  Wenn  Baba  Dokia  ihre  zwölf  Pelze  schüttelt,  schneit  es.  — 
3.  Wenn  es  schneit,  sitzt  Jaudocha  in  zwölf  (vierzig)  Pelzen  am  Dach. 
Kommt  Sonnenschein,  so  wirft  sie  die  Pelze  ab.  —  4.  Jaudocha  hat 
neun  Pelze.  —  5.  Baba  Jewdoch  i  geht  in  zwölf  Pelzen  mit  der  Spin- 
del aus.  Sie  wirft  die  vom  Schnee  nassen  Pelze  ab  und  erfriert.  6. 
Baba  Jaudocha  will  den  jungen  März  zum  Manne.   Aul  sein  Begehr 
bringt  sie  eine  Nacht  am  Dache  zu;  er  bläst  und  stürmt,  bis  sie  er- 
friert. —  7.  Baba  Dokia  schickt  ihre  Nichte  Schafe  weiden.  Es  ist  sehr 
kalt,  das  Mädchen  kehrt  heim.  Erzürnt  geht  Dokia  selber  auf  die  Weide ; 
am  zu  zeigen,  dass  sie  die  Kälte  nicht  fürchte,  wirft  sie  die  Pelze  ab  und 
erfriert.  —  8.  Als  es  März  wurde,  zog  Baba  Jaudocha  zwölf  Pelze  an 
und  stieg  aufs  Dach.  Es  schneite  regnete  und  fror,  dass  auf  dem  Pelz 
fünf  Finger  dick  das  Eis  stand.  Da  warf  sie  den  obersten  Pelz  ab; 
am  zweiten  Tage  den  zweiten  durchnässten  Pelz  u.  s.  w. ;  am  zwölf- 
ten Tage  war  es  so  warm,  dass  die  Baba  ihren  letzten  Pelz  abwarf; 
um  Mitternacht  aber  ward  es  sehr  kalt,  und  die  Baba  erfror.  Seither 
kehrt  sie  alljährlich  um  dieselbe  Zeit  den  Leuten  den  Schnee  in  die 
Augen.  —  9.  Jaudocha  lästerte  Gott;  sie  fürchte  Sturm  und  Schnee 
nicht.  Sie  zog  zwölf  Pelze  an.  nahm  ihren  Spinnrocken  und  trieb  die 
Schafe  auf  die  Weide.  Gott  schickte  Regen  und  Schnee,  sie  durch- 
nässten  den  obersten  Pelz,  Jaudocha  warf  ihn  ab,  dann  den  zweiten, 
dritten,  u.  s.  w.  Als  sie  den  zwölften  abgeworfen  hatte,  erfror  sie, 
Seit  der  Zeit  herrscht  um  Eudoxia  alljährlich  veränderliches  Wetter 
mit  Schnee,  Regen  und  Sonnenschein.  Nähert  sich  der  Eudoxiatag, 
so  sagen  die  Leute:  „Jaudocha  zieht  ihre  zwölf  Pelze  an.  Ist  sie  da- 
mit fertig,  so  beginnt  das  „Märzwetter.-  Dieses  währt  zwölf  Tage. 

10.  Auf  dem  Frauenfels,  der  sich  westlich  von  dem  Humorabache, 
dort  wo  die  Docila  ihren  Ursprung  nimmt,  erhebt,  erbhckt  man  ein 
Felsbild  der  Doka  (sie!).  Sie  war,  als  der  Frühling  zeitlich  anbrach, 
mit  ihren  Schafen  auf  die  Berge  gezogen,  und  das  Wetter  war  so 
mild  und  schön,  dass  sie  mit  ihrer  Spindel  beschäftigt,  allmälig  alle 
Oberkleider  ablegte.  Da  begann  es  aber  plötzlich  wieder  zu  stürmen, 
und  die  Schneeflocken  tanzten  dicht  umher.  Vergebens  zog  nun  Doka 
wieder  ihre  zwölf  Pelze  an.  Gelehnt  an  den  Felsen  erfror  sie  und 
wurde  ein  Bild  aus  Stein.  Auch  ihre  Schafe  versteinerten.  Man  sieht 
sie  noch  jetzt  im  Bette  des  Docilabache*  liegen,  das  sich  nach  kur- 
zem Laufe  in  die  Moldawa  ergie«st. 

11.  Baba  Dokia  trieb  ihre  Schafe  auf  die  Weide.  Während  diese 
grasten,  suchte  Dokia  Erdbeeren.  Sie  fand  wol  noch  keine  Erdbeeren, 
aber  glühende  Kohlen.  Diese  sammelte  sie,  denn  sie  wusste,  dass 
dieselbe  sich  gar  bald  in  Beeren  verwandeln  würden.  Dokia  hatte  zwölf 
Pelze  an.  täglich  warf  sie  einen  derselben  ab.  Als  sie  den  letzten  ab- 
gelegt hatte,  trat  schönes  Wetter  ein.  Dessen  freute  sich  die  Baba 
und  sagte:  „Dies  ist  der  erste  Frühlingstag;*  und  dann  fügte  sie  hinzu: 

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DR    RAIMUND  FRIED.  KA1NDL 


„Erdbeeren  fand  ich;  herrliches  Wetter  gab  mir  Gott;  jetzt  möchte 
ich  noch  einen  schönen  Mann  haben.8 

Kaum  hatte  Dokia  diesen  Wunsch  geäussert,  so  wurde  sie  zu 
Stein.  Aus  diesem  Steine  aber,  der  Menschengestalt  hat  und  in  der 
Nähe  von  Kimpolung  steht,  fliesst  ein  klarer  Quell. 

IL 

Dentungsversuch. 

Die  Baba  d.  i.  die  Alte  ist  offenbar  gleichzustellen  mit  der  sla- 
wischen Jaga-Baba,  welche  nach  der  Volksüberlieferung  auf  einem 
Mörser  reitet,  und  mit  einem  Besen  hinler  sich  die  Spuren  verwischt.  l) 
Beide  versinnbilden  den  Winter,  und  sind  wie  Je£i-Baba  oder  auch 
Baba  kurzwegs  gleichen  Wesens  mit  der  Todesgöttin  Morana.  Mit 
dem  Verbrennen  oder  Ersäufen  dieser  Göttin  in  Gestalt  einer  Stroh- 
puppe hat  offenbar  der  Untergang  der  Baba-Jaudocha-Dokia  dieselbe 
Bedeutung;  es  wird  der  Sieg  des  Sommers  über  den  Winter  versinn- 
bildet. 2)  Und  wenn  nach  einer  Version  der  Sage,  die  Baba  den  jugendli- 
chen Mart  unterliegt,  so  kann  man  bei  dem  Namen  desselben  an 
St.-Martin  1 13.  Feb  a.  St.  =  25.  Feb.  n.  St.) 3;  und  zugleich  an  den 
Monat  März  (Mart,  Marot)  denken ;  seinem  Wesen  nach  ist  aber  die- 
ser Mart  sicher  der  Sommergott.  Daran  darf  man  keinen  Anstoss  neh- 
men, dass  die  Sage,  welche  am  Erfrieren  der  Baba  festhält,  den  Mart 
durch  Wind  und  Sturm  siegen  litsst.  Unterstützt  wird  unsere  Ansicht 
ganz  trelflich  durch  den  Umstand,  dass  die  Butenen  auch  sonst  von 
einer  Begegnung  des  Winters  mit  dem  Sommer  erzählen.  ')  Dieselbe 
findet  am  Feste  Christi  Darstellung  statt  (2.  Feb.  a.  St.  =  14.  Feb.  n. 
St.);  in  die  nächsten  Wochen  fällt  sodann  der  Kampf,  zwischen  bei- 
den, bis  die  Baba,  der  Winter,  unterliegt  Dieses  geschieht  nach  der 
gewöhnlichen  Überlieferung  zwölf  Tage  nach  dem  Eudoxiatage,  also 
am  13.  März  a.  St.  =25.  März  n.  St. 

Neben  der  Baba  wird  in  der  rutenischen  Volksüberlieferung  auch 
Did  d.  i.  der  Alte  genannt.  *)  Er  ist,  wie  dieses  aus  der  Überlieferung 


li  Lau-rtHcski :  Die  mythische  Bedeutung  einiger  Sagen  (angeführt  bei  Bes- 
tusbew  Rjuroin:  Gesch.  Russlanda,  Mirau  1874.  s.  13)  Bemerkenswert  ist,  dass  bei 
den  Ratenen  die  Bezeichnung  „baba"  sowol  für  d  e  Ramme  (Werkzeug  zum  Stam- 
pfen) als  auch  für  den  Schneemann  üblich  ist.  Zelechowsski:  Huf.  deutsches  Wörter- 
buch 188«  I.  Vergl.  auch  Stern:  Fürst  Wladimirs  Tafelrunde.  1892  S  91  ff. 

■)  Über  Morana  (Baba,  Jeii-Baba  =  Jaga-Baba)  vergl.  Hanw/ch:  Die  Wissen« 
senachaft  des  slaw.  Mythus,  Lemberg,  1812.  S.  140  ff.  160  ff  198,  412  f.  Über  das 
Ersäufen,  Verbrennen  und  Verscharren  des  Todes  in  Böhmen  bandfit  ausführlich 
Reinsberg-Düring» feld:  Festkalender  aus  Böhmen,  Prag,  1864.  S.  88.  ff 

*<  Bemerkenswert  ist  folgende  (polnische)  Wetterregel:  Marci  (Martin)  ver- 
nichtet den  Winter,  oder  macht  ihn  roich  (d  h.  lang).  Krsteres  findet  statt,  wenn 
am  Martinstag  trübes  Wetter  herrscht;  letzteres  wenn  es  schön  ist  Dieselbe  Regel 
gilt  vom  Feste  Christi  Darstellung.  Vergl  Kaindl  u.  Manastyrski :  Die  Rutenen  in 
der  Bukowina  II,  Czernowiu,  1890.  S.  95. 

*)  Vergl.  „Die  Rutenen"  a  a.  0. 

«)  Vergl.  ebenda  S.  7—12,  24  f.  90  ff. 

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BABA-JAUDOCHA-DOKIA. 


klar  hervorgeht,  ebenfalls  ein  Wesen  des  Verderbens,  des  Winters,  er 
ist  geradezu  der  Teufel  (Czort,  Czornoboh).  Wie  Baba  wird  auch  es 
von  einem  jugendlichen  Helden,  dem  lichten  sommerlichen  Gott,  besiegt; 
aber  er  wird  auch  wie  Morana  =  Baba  in  Gestalt  von  Stroh  verbrannt. 
Es  geschieht  dieses  zweimal;  zum  ersten  Mal  am  Feste  Mariä  Ver- 
kündigung (25.  Marz  a.  St.  —  6.  April  n.  St.),  also  zwölf  Tage  nach 
dem  Untergange  der  Baba;  das  zweite  Mal  am  Gründonnerstag.  Es 
ist  also  klar,  dass  Did  und  Baba  gleichen  Wesens  sind.  Darauf  deu- 
ten übrigens  noch  die  einander  entsprechenden  Namen.  Bemerkenswert 
ist  es  auch,  dass  wie  Jaga-Baba  auf  einem  Mörser  reitet,  so  Did 
nach  der  rutenischen  Volksüberlieferung  auf  einer  Getreidestampfe 
fahrt.  l) 

Woher  die  Sage  die  Namen  Jaudocha-Dokia  und  Mart  für  ihre 
mythischen  Gestalten  nahm,  ist  klar;  es  sind  Namengebungen  aus  der 
Zeit.  Erwähnt  soll  noch  werden,  dass  ähnliche  Steinbilder,  wie  sie  in 
den  letzten  zwei  Versionen  der  Sage  genannt  werden,  auch  in  Russ- 
land unter  der  Bezeichnung  „Kamennaja  baba"  (Steinweib)  vorkom- 
men. Die  Abbildung  einer  solchen  findet  man  bei  Schiemann:  Russ- 
land, Polen  und  Livland  (Allg.  Gesch.  in  Einzeldarstellungen)  1.  B. 
S.  31.  Das  Bezeichnende  ist,  dass  diese  Colossalfigure.j  meist  aut  Grab- 
hügeln aufgestellt  sind.  Es  entspricht  dieses  dem  Charakter,  den  wir 
für  die  Baba  in  Anspruch  nehmen. 

Dieses  ist  meine  bescheidene  Ansicht,  wie  ich  sie  in  Kürze  be- 
reits bei  anderer  Gelegenheit  entwickelt  habe. ')  Aus  meinen  Ausfüh- 
rungen dürfte  es  zum  mindestens  hervorgehen,  dass  man  Unrecht  thut, 
den  Mythos  von  der  Baba  als  ausschliesslich  rumänischen  zu  behan- 
deln. Ich  glaube,  dass  derselbe  im  Zusammenhange  mit  der,  slawi- 
schen Überlieferung  sich  leicht  und  natürlich  erklären  lässt.  a) 

l)  Vergl.  das  in  Anmerk.  2.  Angeführte. 
')  „Die  Rutenen«  II.  S.  63  L 

*>  über  die  Jaudocha-Dokia  Sage  handeln  noch:  Dr.  At.  Marienescu,  Ethno- 
graphia,  180().  III.  u.  „Transilvania"  1890.  A.  Vereas,  Ethnographia,  1890.  IV. 
L.  Saineana.  »Conrorbiri  liter&re"  1888.  Scheantt  ^Saineauu)  soll  1889.  eine  zn- 
»amtueiifasseode  Arbeit  veröffentlicht  haben.  Vergl.  am  Urquell,  IL  Bd.  S  U9— 151. 


Elhcologiioh.  UitUiiang.o.  Ii.       325  16 


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Italienische  Sprüche  und  Lieder  aus  Fiume.*) 

Mitgeteilt  von  Ludwig  Csink  u.  AUxander  Körösi. 

L 

Sprichwörter  und  Redensarten. 

(L.  Czink.) 


I.  Se  Jenajo  nojeniza,  se  Febrajo 
no  febriza,  Marzo  jenisa,  febriza 
e  marzissa. 

2.  Febrajo  carto  pejo  d'an  turco. 

3.  Marzo  matto. 

4.  Aprile  dolze  dormire. 

5.  Aprile  non  ti  scoprire. 

6.  Majo  va  adajo. 

7.  Majo  grata  formajo. 

8.  Giugno  cava  el  co  de  gugno. 

9.  La  piova  de  Agosto,  rinfresca 
mar  e  bosco. 

10.  San  Sabastian  cola  viola  in 
man ;  viola  o  rton  viola,  de 
l'invemo  semo  fora. 

II.  San  Yinzenzo  gran  fredura, 
San  Lorenzo  gran  caldura,  e 
i'uno  e  l'altro  poco  i  dura. 

12.  Madonna  Gandelora,  se  Iavien 
con  vento  e  piova,  de  l'inverno 
semo  fora;  se  la  vien  con  piova 
e  vento,  nell'  inverno  semo 
drento. 

13.  Se  piove  per  San  Urban,  piove 
quaranta  jorni  drio  man. 

14.  San  Vito,  le  zerese  col  ma- 
rito.') 


15.  Vado  pregar  S.  Vito,  che  mi 
dia  marito. 

16.  Legge  fiomana  dura  una  set- 
timana. 

17.  Se  piove  sule  Palme,  bei  tem- 
po  sui  ovi*)  e  se  bei  tempo 
sule  Palme,  piove  sui  ovi. 

18.  Santa  Barbara  San  Simon,3) 
libereme  de  sto  ton,  de  sto 
ton,  de  sta  sajeta,  Santa  Bar- 
bara benedeta.  Santa  Ciara  Cia- 
riza, Santa  Barbara  Barbariza, 
Ora  pro  nobis. 

19.  San  Miciel  porta  la  marenda 
in  ziel  e  San  Jorjo  la  porta  de 
ritorno.1) 

20.  Da  santa  Luzia  al  Nadal, 
cresce  '1  jomo  un  pas  de  gal ; 
dal  Nadal  al  Epi£ania,  cresse 
el  jorno  mesa  mia. 

21.  Dal  Nadal  al  primo  del  anno 
se  slunga  i  jorni  un  pie  de  galo. 

22.  Epifania  porta  tutte  le  feste 
via,  poi  vien  el  mato  de  Car- 
neval,  che  le  fa  ritornar. 

23.  Jovedi  grasso,  poi  jovedi  te 
lasse») 


*)  8.  Ethnographia  1892.  8.  141-207. 
>)  Wurmig. 
*)  Zu  Ostern. 

•)  Vgl.  Ethnol.  Mitt.  aus  Ungarn.  I.  198.  1.  (Gewittersegen.) 
*)  Von  Georgi  an  wird  die  Arbeit  morgens  8  Uhr  unterbrochen,  um  zu  früh- 
stücken, von  Michaeli  an  wird  vor  der  Arbeit  zuhause  gefrühstückt. 
•)  Der  vorletzte  u.  letzte  Faschings-Donnerstag. 

236 


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ITALIENISCHE  SPRÜCHE  UND  LIEDER   AUS  FTUME. 


24.  Nissun  sabo  senza  sol,')  nissu- 
na  fia  senz'  amor. 

25.  No  xe  april  senza  fior,  come 
puta  senz'  amor. 

20.  Lungo  come  la  quaresima. 

27.  Voja  de  lavorar  saltime  ados- 
so,  lavora  ti  per  mi,  che  mi 
no  po8so. 

28.  Poca  voja  saltime  adosso,  fa- 
me  lavorar  meno  (piü)  che 
posso.*) 

29.  Sol  e  piova,  le  strighe  se  spo- 
sa  (s'innamora) ;  sol  e  vento, 
le  strighe  va  in  convento. 

30.  Rosso  de  matina,  la  piova  xe 
vizina ;  rosso  de  sera,  bon  tera- 
po  se  spera. 

31.  —  Cio'  an  dove? 

—  Cior  un  goto. 

—  Ti  ga  bori? 

—  Per  cossa? 

—  Ma  ghe  vol .  .  . 

—  Cossa?  muso  roto  e  bareia 
fraeada}) 

32.  El  fero  se  bäte,  quando  xe 
rosso. 

33.  Dona  che  pianje,  omo  che 
jura,  caval  che  suda  no  bi- 
sogna  crederghe. 

34.  Scarpe  larghe,  goto  pien,  ci- 
orle  sü  come  le  vien. 

35.  In  bocca  serada  non  gh'entra 
le  mosche. 

3G.  Tavola  e  leto  non  porta  ris- 
petto. 


37.  Lontan  dai  oci  lontan  dal  cor. 

38.  La  salata  vol  el  sal  de  un 
sapiente,  l'asedo  de  un  avaro, 
l'oio  de  un  splendido,  missiada 
da  un  mato  e  magnada  da  un 
afamü. 

39.  Fioi  e  colombi  sporca  la  casa. 

40.  La  galina  dela  vizina  par 
sempre  un'  oca. 

41.  Ovo  de  un  jorno,  vin  de  un 
ano,  dona  de  venti,  amico  de 
trenta. 

42.  A  dona  sbeletada  voltighe  le 
spale. 

43.  Gata  coi  guanti  no  ciapa 
sorzi.*) 

44.  De  quel  che  no  ghe  xe,  se  fa 
senza. 

45.  Cola  pazienza  el  gobo  va  in 
montagna. 

46.  Cola  pazienza  se  vinze  ogni 
cossa. 

47.  Chi  vol  bona  vendeta,  in  Dio 
la  rimeta. 

48.  Dal  mal  vien  el  ben. 

49.  Chi  ga  bezzi,  no  ga  cor. 

50.  Se  te  ga  bisogno,  va  prima 
dal  povero,  poi  dal  rico. 

51.  Dove  ghe  xe  pastizi,  ghe  xe 
anca  amizi. 

52.  Chi  xe  busiardo  xe  ladro. 

53.  0  drita  o  storta,  o  bona  o 
trista  fräse,  co  parla  4  rico, 
tuti  quanti  i  tase. 

54.  I  soldi  xe  '1  secondo  sangue. 


Dem  Volksglauben  gemäss  muss  die  Sonne  Samstag  wenn  auch  nur  auf 
einen  Moment  scheinen. 

')  Wenn  jemand  keine  Lust  hat  etwas  zu  tun. 

3)  Wenn  man  nicht  zahlen  kann,  wird  man  hinaus  geworfen    Wird  gesagt, 
wenn  jemand  ohne  Geld  eine  Speculation  unternimmt. 
«)  Bei 


227 


15» 


L.  CZINK 


55.  L'omo  piübruto  xe  quel,  ghe 
ga  le  scarsele  roveree. 

56.  La  poverta  xe  la  mare  dela 

57.  La  salote  no  se  paga  con 
valote. 

58.  Bezzi  e  sanita  i  se  gode  de 
ogni  eta. 

59.  Per  star  ben,  ghe  vol  bro- 
coli,  gnocoli  e  cocoli. 

60.  Chi  ga  bon  apetito,  no  ga  bi- 
sogno  de  salsa. 

61.  Pirole  de  galina, 
Siropo  de  cantina, 
Bareta  in  testa, 

E  manda  el  medico  a  far  festa. 
62  Pindolin  che  pindolava, 
Muatacin  che  lo  guardava; 
Se  pindolin  ga  pindolä, 
Mustacin  lo  gä  vardä.1, 

63.  Vame  comprar  diexe  soldi  de 
fugapressa  e  zinque  de  pefö- 
mels  bone*) 

64.  Galina  vecia  fa  bon  brodo. 

65.  Chi  oji  se  fida  del  onesto, 
perde  '1  manigo  col  cesto. 

66.  Chi  va  pian,  va  san  c  riva 
Ion  tan. 

67.  Chi  va  forte,  lo  ciapa  la 
morte. 

68.  Chi  xe  pigro  a  magnar,  xe 
pigro  a  lavorar. 

69.  La  boca  ga  le  gambe. 

70.  I  gali  ga  le  gambe. 
(I  gä  ligä  le  gambe.) 


71.  La  fame  xe  1  mejo  cogo 

72.  Chi  magna  in  pie,  magna  per 
sie;  chi  magna  sentä,  magna  da 
disperä. 

73.  Chi  va  in  leto  senza  zena, 
tuta  la  note  se  remena ;  e  quan- 
do  che  xe  dl,  no  '1  ga  magnä, 
ne  dorml. 

74.  Minestra  riscaldada  no  xe  bona 
gnanca  per  el  mala. 

75.  Meza  luna  pan  in  cuna, 
mezodi  pan  rosti, 
mezojorno  pan  in  forno, 
meza  ora  '1  pan  xe  fora.3) 

76.  Ovo  apena  fato  val  un  ducato. 

77.  Ovo  senza  sal  no  fa  ne  ben 
ne  mal. 

78.  Quando  '1  gato  xe  sul  fogo, 
la  fa  magra  anca  '1  cogo.1) 

GL  La  scorza  fa  bela  la  castagna. 

80.  El  bever  senza  misura  molto 
tempo  no  se  dura. 

81.  Done  jovane  e  vin  vecio. 

82.  Do  diti  de  vin  prima  de  la 
minestra  la  xe  per  el  dotor  una 
tempesta. 

83.  El  vin  ala  matina  xe  piombo, 
a  mezojorno  arjento,  ala  sera 
uro. 

84.  El  vin  fa  gambe. 

85.  El  vin  fabon  sangue. 

86.  El  vin  fa  morbin. 

87.  L'acqua  smarzisse  i  pali, 
la  fa  vignir  i  omini  jali, 
la  fa  sbiaiu  bir  la  pele 

e  la  fa  le  done  bele. 


»)  Wenn  »twaB  anders  ausfällt,  als  erwartet  worden. 
')  Um  unbequeme  Kinder  wegzukriegen. 
■)  Wenn  man  Kindern  vor  Mittag  kein  Brot  geben  will. 
«)  Denn  sie  stiehlt  alles  weg. 

228 


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ITALIENISCHE  SPRÜCHE  ü.  LIEDER  AUS  FTÜME. 


88.  £1  pejo  fior  xe  quel  del  vin. 

89.  El  vin  coi  fiori  fa  dolori 

90.  Un  bei  sentar  fa  una  bela 
dona.1) 

91.  Se  ti  vol  veder  una  dona  bela, 
vardila  ala  matma,  co  la  se 
leva. 

92.  Val  piü  una  moretina  inVuna 
gamba,  che  una  biancolina 
grossa  e  granda. 

93.  Debiti  fe  debiti. 

94.  Debiti  e  pecai  quanti  isia  no 


95.  Se  no  se  paga  co  se  pol,  bi- 
sogna  pagar,  quando  che  dol. 

96.  Pecä  Sora  peca,  roto  sora 
sbrega. 

97.  La  dona  bisogna  praticarla 
un  jorno,  un  mese  e  un  istä 
per  saver  che  odor  che  la  ga. 

98.  Ogni  mato  ga  la  sua  stajon. 

99.  Spende  piü  ei  misero,che'l  liberal. 
100  Val  piü  un  soldo  sparagnado, 

che  un  zech  in  rubado. 

101.  Cossa  trovada  nonxerubada. 
Gossa  trovada  e  non  consegna- 
da  xe  meza  rubada. 

102.  Chi  sguazza  in  joventü,  stenta 
in  veciaia. 

103.  Un  mato  sa  piü  domandar, 
che  sete  furbi  risponder. 

104.  Per  saver  la  verita,  bisogna 
sentir  do  bujardi.*) 

105.  La  verita  sta  de  sora,  come 
Pojo. 


')  Beim  schminken.         »)  Widersprechen  sich 
«)  Denn  so  lang  was  drin  ist,  trinkt  sie. 
V  Die  Eltern  eines  schlechten  Schalers  sagen 
todschlagen,  denn  besser  u.  s.  w. 

•)  Protection.  Die  Firmlinge  werden  yon  ihren 
')  Taufpate. 


106.  No  se  vede  un  cristian.3) 

107.  Xe  mejo  un  bon  perdio, 
che  un  falso  Jesumio. 

108.  Pejo  de  l'amico  Pinvidia,  che 
del  nemico  Pinsidia. 

109  Impossibile  aver  la  botte 
piena  e  la  serva  ubriaga.') 

110.  Chi  ga  la  rogna,  se  la  grata. 

111.  Se  la  va,  la  va;  se  nolava, 
la  se  impianta. 

112.  Mejo  un  aseno  vivo,  che  un 
fllosofo  morto.') 

113.  Ne  donna  ne  tela  non  se 
compra  alla  candela. 

114.  Chi  lava  ei  mattone,  perde 
Pacqua  e  savone. 

115.  Chi  fa  la  barba  all'  asino, 
perde  Pacqua  e  '1  savon. 

11-6.  A  lavar  la  testa  all'  asino, 
se  perde  '1  tempo  e  1  savon. 

117.  Una  picola  piera  ribalta  un 
caro. 

118.  Rider  (far  una  cossa)  per 
forza  non  val  una  scorza. 

119.  Chi  basa  '1  bambin,  diventa 
compare. 

120.  Se  la  merda  monta 'n  scagno, 
la  spuzza  e  la  fa  dano. 

121.  Chi  ga  santoli,  magna  bu- 
zolai.6) 

122.  Dai  segnadi  da  Dio  zento 
passi  indrio;  da  un  zotto  e 
orbo  zento  e  quarantoto. 

123.  Compare  d'anelo  xe  pare1)  del 
primo  putelo. 

»)  Keine  Seele. 
Ich  kann  ihn  doch  nicht 


mit  Backwerk  traktiert. 


239 


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L.  CZINK 


124.  Dale  scarpe  strazadet  fratV) 
guarda  fora. 

125.  Che  brodi  lunghi !') 

126.  Caval  donä  no  se  guarda  in 
boca. 

127.  Paria  quando  Ia  galina  pissa. 

128.  Meti  la  ligua  in  cal, 

129.  El  caval  non  ga  cortel,  ma 
ga  denti. 

1 30.  No  se  ghe  mette  la  sela  all*  asino. 

131.  Avocato  non  chiaraado  colla 
merda  vien  pagado. 

132.  Xe  andä  '1  manigo  con  tutta 
la  manera. 

133.  Saluda  a  casa  e  no  sta  dir 
gnente. 

134.  0  rosega  sto  osso,  o  salta 
sto  foßso. 

135.  0  magnardc  sta  minestra,  o 
saltar  da  sta  tinestra. 

136.  Chi  trata  colle  man,  trata 
da  vilan. 

137.  Trato  de  man  xe  trato  de 
vilan. 

138.  A  bon  intenditor  poche  pa- 
role. 

139.  Levante  ciaro,  tramontana 
scura,  buttate  in  mar  senza 
paura. 

140.  Loda  el  mar  e  tiente  a  tera. 

141.  Mcjo  oji  un  ovo,  che  doman 
una  galina. 

142.  Son  turco  in  prediga.*) 

143.  Parente  con  parente,  povero 
quel  che  non  ga  gnente. 


144.  Xe  piü  vizin  el  dente,  che 
nessun  parente. 

145.  El  leto  xe  una  rosa:  se  non 
sedorme,  seriposa. 

146.  Una  man  laval'  altra  e  tutte 
do  '1  viso. 

147.  —  Dove  ti  va? 

—  Vado  far  la  monaca. 

—  In  convento  di  San  Benedet- 
to,1)  dove  i  dorme  due  per  leto. 

148.  Ugyan  arra  a  kerdesre: 

148.  —  Eti  sarä  monaca  de  San  Ber- 
nardin,  che  i  dorme  due  percuscio. 

149.  La  xe  brutta,  come  l  affitto 
de  casa  (come  la  fame.) 

150.  La  serva  xe  V  nemico  pagado 
de  casa;  guarda,  che  la  scova 
no  sia  in  stanza.*) 

151.  Vardite  dai  parenti,  come  dal 
dolor  de  denti. 

152.  Ne  dona  ne  sopressa  no  se 
impresta. 

153.  —  Come  ti  sta? 

—  Come  '1  vechio  podestä. 

154.  Mosche  e  rompieoioni  no 
manca  mai. 

155.  Dimentica  dal  naso  alla  bocca. 

156.  Ogni  groppo  vien  al  petine. 

157.  Chi  ga  creanza,  campa  ben, 
chi  no,  ancor  mejo. 

158.  Ogni  bei  balo  stufa. 

159.  El  tropo  rompe  '1  gropo. 

160.  Aspetta  mus,che  V  erbacresce. 

161.  Chi  sparagna  per  la  Spina 
spande  pel  cocon. 

')  Langes  GesclmiUa. 
'/  Wenn  jemand  ein  in  fremder  Sprache  geführtes  Gespräch  nicht  versteht. 
<)  Anspielung  darauf,  dass  der  H.  Benedict  mit  seiner  Schwester  in  der 


')  Die  Zehen. 


Wüste  wohnte. 

*)  Wenn  was  geheim  gehalten  werden  soll. 


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ITALI  HTtttSCHE  SPRÜCHE  C  LIEDER  ADS  FIÜME 


1 62.  Sa  do  careghe  no  se  pol  sentar. 

163.  Ocio  che  te  sbocio,1) 

164.  Ol  d'un  can. 

165.  Fiol  d'una  tecia. 

166.  Ma  ti  xe  imbotonä. 

167.  Che  busolo!  che  flocion! 

168.  Fogo  Luvyi!!*) 

169.  Daghel  Blau,  daghel  Blau, 
daghel  vecio  Blau  .  .  .8) 

170.  Cio  ti  conosci  sto  oquä? 
Eh  come  meso  soldo  sbusa. 

171.  Va  comprarme  quatro  soldi 
ombra  de  campanil.t) 

172.  A  cht  stima,  no  ghe  dol  la 


182.  Chi  la  fe,  se  la  speti. 

188  A  dir  la  verita  non  se  fadiga. 

184.  L'  acqua  ciara  no  fa  depo- 
sito.Ä) 

185.  A  esser  sinzeri  no  se  fala  mai. 

186.  Piü  la  se  missia,  piü  la 


187.  Chi  ga  sanita,  xe  rico  e  no 
lo  sa. 

188.  El  ben  fato  per  paura  no  val 
gnente  e  poco  dura. 

189.  Magna  renghe  e  sardeloni 
che  ti  conserverä  sani  i  polmoni. 

190.  Coi  mati  non  se  fe  pati. 

191.  Ai  mati  ghe  se  da  sempre 
rajon. 

192.  Chi  rompe,  ta  paga. 

193.  Nissun  xe  sempre  savio. 

194.  Ariade  drio  la  schena,')  in 
leto  la  ve  mena;  aria  de  fes- 
sura  manda  1'omo  in  sepoltura. 

195.  De  matina  Paria  fresca  tien 
la  vita  sana  e  lesta. 

196.  Un  pasto  magro  e  bon  man- 
tien  l'omo  in  ton. 

197.  Boso  de  pel,  zento  diavoli 
per  cavel. 

198.  A  chi  sparagna,  lagata  magna. 

199.  Buon  d'indio!s) 

200.  Dopo  morto  se  pesa  el  porco. 

201.  Negoziante  e  porco  damelo 
morto.t) 

')  Boccia  eiu  Kegels piel. 

»)  Gassenkinderschrei,  wenn  sie  ungewöhnliches  sehen. 
»)  In  der  Arena   wird  in  Boccaccio  im  Milaneser  Dialekt  gesungen:  Dag  he 
P  dau,  paron  Miciel . . .  Dies  wandten  die  Gassenbuben  auf  den  Optiker  Blau  am  Corsoan. 
4)  Aprilscherz. 

»)  Beim  Wortwechsel  wird  man  warm. 

*}  Wenn  sich  etwas  in  der  Folge  als  Lüge  erweist 

')  Zugluft. 

•J  Vor  Feiertagen.  Der  Indian  ist  das  herkömmliche  Festgericht. 
•J  Nur  dann  weiss  man,  was  sie  wiegen. 


173. 1  bezi  i  va  via,  perche  i  xetondi. 

174.  Per  la  boca  se  scalda  el 
forno.*) 

175.  Chi  magna  solo,  crepa  solo, 
e  chi  magna  in  compagnia,  il  dia- 
volo  lo  porta  via. 

176.  Dal  acqua  mi  guardo  io,  dai 
ebrei  mi  guardi  Idio. 

177.  Se  de  giovine  ti  bevi  vin,  de 
vecio  ti  bevera  acqua. 

178.  Chi  vive  sperando,  more  ca- 
gando. 

179.  A  ognidun  ghe  piaze  el  suo. 

180.  La  bugya  xe  in  ogni  buso, 
e  la  verita  xe  fori  de  uso. 

181.  La  bugija  core  su  per  el 
muso. 


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l.  cznre 


202.  Oji  in  figura,  domani  in  se- 
poltura. 

203.  Lunedi  ne  Matte 
Da  casa  non  se  parte; 
Mercoldi  e  Giove 
Pepi  non  se  move ; 
Venerdi  e  Sabo 
Giorni  dimaliconia, 


Pepi  non  vavia, 
E  domenica  xe  festa 
E  Pepi  resta.1) 
204.  0  anima  Serena 
Che  pecä  te  mena? 
Disimelo  a  mi, 
Che  farö  pregar  per  ü.a) 


Prima  i  era  morosi, 
Adesso  viva  i  sposi! 


II.  Trinksprüche. 

(Brindisi.) 
{A.  KSrösi.) 

Questo  vin  xe  de  Malvasia 
Eviva  tuta  la  compagnia! 


In  sto  orto  xe3)  del  zaferano, 
Eviva  il  nostro  äior  capelano. 

Din,  din  din 
Eviva  el  Jovanin! 


Viva  el  vin,  viva  el  pan, 
Viva  el  Sior  Sacristan! 

Le  calze  in  tedesco  se  tjama*) 

[8trinfe, 

Eviva  le  signorine  nimfe! 

m.  Rätsel. 

(L.  Czink.) 


1.  La  rasa  la  frasa,  la  core  per 
la  easa,  nisun  la  vede,  tutti 
la  Bente .  cosa  e? 

2.  Ve  la,  ve  las)  ripeto, 
Ve  la  torno  dire, 

Se  non  la  capirete, 
Di  legname  duro  siete. 


'S.  Su  quel  monte  sta  Carleto 
Con  quel  viso  benedeto. 
Co  la  coda  verdolina, 
Ca  valier  chi  la  indovina. 

4.  La  pelosa  che  go  avanti, 
La  ghe  piaxe  a  tuti  quanti; 
La  ghe  piaxe  a  zinquezento, 
Tuti  tica  la  man  dentro. 


1.  La  mia  mama  poverina 
La  m'ä  dato  un  po'  de  dota, 


III.  Volkslieder. 

A.  (L.  Czink  * 


Una  pignata  tuta  rota 
E  una  tola  per  lavar. 


■)  So  werden  Gäste  zum  bleiben  genötigt 
*)  Wenn  man  ein  Gespenst  erblickt 

•)  Lies  das  x,  wie  das  *  in  Wesen. 


*)  Wortspiel:  vela  —  Segel,  ve-la  =  a  voi  la  ...  euch. 


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ITALIENISCHE  SPRÜCHE  D.  LIEDER  AUS  FIUMK. 


•neu 


2.  Mama  mia  go  visto  Torso, 
Che  balava  sule  scale, 
Mama  mia,  xe  carnevale 

E  me  vojo  divertir. 

Mama  mia  go  venti  ani, 
Vado  sü  per  ventiun; 
Se  ritardo  maridarme. 
No  me  vol  piü  nissun 

3.  Se  passi  per  di  qua, 
Tu  passi  invano; 

Se  frugherai  i  stivai, 
Sara  tuo  dano. 

Ti  frugherä  i  stivai 
£  anca  le  siole, 
De  la  mia  boca 
No  scampara  parole. 

Se  ti  frugara  stivai 
E  anca  i  taeheti, 
De  la  mia  boca 
No  sara  baseti. 

Ti  frugara  i  stivai, 
E  anca  i  riboti, 
De  la  mia  boca 
No  sara  piü  moti. 

4.  CoBsa  me  importa  a  mi, 
Se  no  8on  bela; 

Co  go  V  amante, 
Che  me  fa  '1  pitor, 
Lu'  mi  dipingercomeunastela, 
Gossa  me  importa  a  mi,  se  no 

[son  bela. 

5.  Tuti  Ii  amanti  passano 
El  mio  no  passa  mai ; 
Ghe  vojo  ben  assai 

E  lui  non  pensa  a  me. 


E  voga  e  rivoga, 
Voga  la  mia  barcheta, 
Voga  Nineta 

Che  semo  in  mexo  al  mar. 

In  mexo  al  mar,  che  mormora, 
Se  pesca  le  sardele 
Adio  Humane  bele 
No  ve  vedremo  piü. 

6.  In  mexo  al  mar  xe  un  camin 

[che  fuma, 
Dentro  xe  '1  mio  ben,  che  se  ' 

[consuma. 
Se  consuma  i'anima  anca 

['1  corpo 

E  no  so  se  '1  xe  vivo  o  se 

['1  xe  morto. 
Ghe  se  consuma  '1  cor  e 

[midolete 
E  mi  per  guarirlo  no  go 

[rizete 

7.  tabachine  (sartorele) 

[lavore 

trcnta  soldi  ciapare. 
ventiquatro  per  la  sala 
e  sie  per  el  cafe 

8.  La  barcheta  pendere, 
No  sta  me  dar  intendere, 
Che  m'  ami  solo  me, 

E  däme  la  matricola, 
Che  vado  navigar. 

<J.  E  T  albero  piangente, 
Le  folie  casca  giü, 
Abasso  i  croati, 
Che  no  i  comanda  piü. 
Ta-rata,  ta-ra-ta,  tarataratara. 


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A  .  KÖRÖ8I 


10.  Va  lä,  va  IäPepin, 
Che  tuti  te  vol  ben; 
Ti  ga  la  molie  bela 
£  i  siori  la  mantien. 

B.  (A. 

11.  Viva  Fiume,  un  bei  pajese, 
Che  inamora,  azende  el  core' 
[Viva  1'  animo  cortese 
D'ogni  singulo  fiuman!] 

Le  discordie  e  i  jorni  amari 
Alontana  Idio  da  noi 
[E  ritorna  coi  Majari 
La  primiera  liberta]1) 

12.  Viva  Fiume  un  bei  pajese, 
Dove  cresce  le  zeriese! 

[£  la  bela  ungarese 

Sara  sempre  el  mio  tesor.) 

Ma  cossa  fosse  de  sta  Fiume, 
Se  no  fosser  i  majari? 
[Se  podiia  au  quatro  cari 
Trasportare  la  zita]J) 

13.  Dal'  albero  piandjente 
Le  foje  casca  djü; 
iL'albero  piandjente 
Le  foje  le  van,  van;) 
Abasso  i  croati! 

Che  no  i  comanda  piü.3) 

14.  E  chi  sarä  che  piandje? 
(Sara  la  mamma  mia) 
Sarä  le  tre  ragasse 

Su  le  finestre  bäase 
Col  fazoleto  in  man. 


Se  la  fussi  una  rejina, 
La  portaria  la  Corona, 
Ma  la  xe  una  tabachina 
Che  ghe  tocca  lavorar. 

KörÖai.) 

Col  fazoleto  bianco 
Se  se  forbisse  i  otji 
Veder  sti  jovanoti, 
Vestii  da  militar. 

15.  Adesso  vado  via, 
Parto  per  P  Ungaria; 
die  mesi  stago  via 
Servir  V  imperadör. 

L'  Imperadör  me  tjama 
L'  Imperadör  me  vole: 
Una  ferida  al  core, 
Mai  piü  parlar  d'amor. 

Se  me  toca  soldato, 
No  me  toca  la  morte; 
Se  Dio  me  da  la  sorte, 
Spero  de  ritornar.') 

16  Cole  teste,  cole  teste  dei  taliani 
Jogheremo  ale  borele, 
De  Vitorio,  de  Vitorio  Emanuele 
Meteremo  per  bulin. 

17.  Vitorio  Emanuele 
Che  leca  le  pignate 
E  cola  man  politica 
Se  pestava  le  culate, 
Kirie,  kirie,  kirije  leison 
Kirie,  kirie  eleison.  *) 


»)  EntsUnd  wol  in  den  50-er  Jahren,  «ir  Zeit  des  Absolutismus. 
»)  Wird  nach  der  Arie  „In  KWeii»  non     ha  rosa-  aus  La  Sonnambula 
gesungen. 

•)  Nach  der  absolutistischen  Aera. 

♦)  14.  u.  15  Rekrutenlieder.  Fiume  stellt  sein  Contingent  zur 
oder  zur  ung.  Ijandwehr.  (Eanizsa  ) 

•)  16.  u  IV.  erstanden  wol  in  Tirol. 


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ITALIENISCHE  SPRÜCHE  U.  LIEDER  ADS  FIÜME. 


18.  Se  ti  brami  di  vedermi 
Fa  la  ronda  al  mio  castelo, 
Poi  ti  donarö  l'anelo, 

El  anelo  del'amor. 

[Senza  di  te,  mio  bei  tesor, 

No  posso  vivere,  no,  no  !] 

> 

Se  la  mamma  te  domanda: 
„Chi  t'ha  dato  sto  noreto?« 
,Me  Tha  dato  el  signoreto, 
Che  fazeva  Pamor  con  me.' 
[Senza  di  te,  mio  bei  tesor, 
No  posso  vivere,  no,  no!] 

„Te  go  deto  tante  volte,1) 
Che  no  vojo  fior'  in  testa, 
Ne  de  jorno,  ne  de  festa, 
Ne  de  jorno  de  lavor!* 
[Senza  di  te  .  .  . 
etc. 

19.  Fazo  Pamor,  xe  vero: 
Cossa  ghe  xe  de  mal? 
Vole  che  a  quindez'  anni 
Stio  lä  come  un  cueal?*) 
Se  tuto  el  santo  jorno 
Sfadigo  a  lavorar, 

Xe  justo,  che  ala  sera 
Me  fazo  acompagnar. 

Son  jovane,  son  bela, 
Cossa  ghe  xe  de  mal  ? 
Vole  che  a  quindez'  ani 
Stio  la  come  un  cucal? 
etc. 

Se  vado  al  vejon  stasera, 


Cossa  ghe  xe  de  mal? 
Son  jovane,  son  bela, 
Eeemo  in  carneval. 
Se  tuto  el  santo  jorno 
Sfadigo  a  lavorar, 
Xe  justo  che  ala  sera 
Me  fazo  acompagnar. 

Son  vetja,  son  in  tochi 
E  questo  ghe  xe  de  mal! 
Me  tocarä,  capisso, 
Fini'r  in  ospedal. 
E  tuto  el  santo  jorno, 
Che  mi  svogo  a  tabacar, 
E  poi,  ala  fine  .  .  . 
Cossa  ghe  xe  de  mal? 

20.  Se  ga  roto  la  pignata, 

Se  ga  spanto  i  macaroni: 
Magna  Pepi,  magna  Toni, 
Macaroni  ä  la  Pompadur 

21.  Per  andar  in  foiba 
Ghe  vol  la  corda  lunga, 
Per  far  l'amofe 

Ghe  vol  la  riza  e  bionda 

Per  far  i  bigoli3) 
Ghe  vol  dele  sardele, 
Per  far  l'amore 
Ghe  vol  le  sartorele.  ') 

22.  Ziribiribim  paghe  una  bira! 

non  ze  moneda. 
domani  sera 
la  pagarä. 


1 


»)  Verg.  Ethnol.  Mitt.  a.  Ungarn  11.  S.  191. 
')  Cucal      Möwe,  Maalaffe. 

s)  Bigoli  (Würmer)  dünnere  Macaroni;  die  dünnste  Sorte  hewat  capelini 
n. 

«)  Soll  dem  bekannten  „Gigerl '-Lied  entsprechen/ 


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A.  KÖRÖSI 


23.  La  dis,  la  dis,  la  die  che  xc  malada 

Per  no,  per  no,  per  no  magnar  polenta: 
Bißogna,  bisogna,  bisogn'aver  pazienza, 
Lassarla,  lassarla,  lassarla  maridar. 

(6  Takte)  Trallala 


(3  , 
(4  . 

24.  Tute  le  mule  passano, 
La  mia  no  passa  mai. 
Te  vojo  bene  assai, 

£  ti  no  pensi  mai  a  me. 
Voga,  rfvoga 
La  mia  barcheta! 
Voga  Nineta, 

Che  scmo  in  mezo  al  mar. 

Nel  mezo  al  mar  che  mormora 

Se  pescan  le  sardele. 

Adio  finmane  bele, 

Me  tocara  partir. 

Voga,  rivoga 

La  mia  barcheta  t 

Voga  Nineta, 

Che  scmo  in  mezo  al  mar. 

25.  Pescador  che  va  ala  pesca 
Vien  a  casa  ben  bagnado: 
„Bela,  son  asasinado, 

Che  ala  pesca  no  vado  piü  - 

Quando  el  mar  fa  la  burasca 
E  le  onde  salta  fora, 
Teresina  se  inamora 
D'  un  bei  jovin  pescador. 

„La  mia  mare  poverina 
Me  ga  dado  poca  dote: 
Do  teciete  tote  rote 
E  'na  tola*)  per  lavar." 


)  „ 

)  , 

26.Zezilia  ariva  a  Padova 
La  vede  un  cameron, 
La  vede  el  suo  mar) 
Sera  f  una  prijon. 

„Cos  ti  ga,  marito  mio? 
Cos'  ti  ga?  Cos'  ti  ga?« 
,Va  sü  dal  capitano 
'Na  grajia  a  rijercarl' 

„Bon  dl,  sior  capitano! 
Go  una  grajia  a  sercar," 
'La  grajia  sara  fata 
Verai  dormir  con  me'. 

,Stanote  a  me^anote 
Zezilia  verä  qua: 
Pronta  i  lenyoli  bianchi, 
El  leto  ben  fornl.' 

Quando  era  rae^anote 
Zezilia  dä  un  sospir. 
,Cos'  ti  ga  Zezilia  mia, 
Che  no  ti  pol  dormir?' 
„M'ha  da  una  bota  al  core 
Che  credeo  de  morir." 

,Tasi,  tasi,  Zezilia 
Che  presto  fara  el  di, 
Ti  andrä  a  la  fmestra 
Veder  el  tuo  marl1 

Apena  spunta  l'alba, 
Zezilia  va  al  balcon, 


•)  tola  —  IotoIä:  Brett. 


ITALIENISCHE  SPRÜCHE  U.  LIEDES  AUS  FIUME 


La  vede  el  sü  marfo 
Pendente  pindolon, 

„Mostro  de  un  capitano, 
Come  el  me  ga  tradi ! 
Ga  preso  el  mio  onore, 
La  vita  al  mio  marl!" 


,Tasi,  tasi  Zezilia, 
Che  mi  ti  sposarö!1 
„No  vojo  capitani, 
Ma  vojo  el  mio  mar) !' 

La  storia  de  Zezilia 
La  va  rinir  cosl. 


V.  Kinderlieder,  Reime  und  Spiele. 

Ä.  (L.  Czink.) 


1.  Cordon  cordon  de  San  Francesco, 
la  bela  stela  in  mezo, 

la  peta  un  salto, 

la  peta  un  altro, 

la  fa  la  riverenza, 

la  fa  la  penitenza, 

chiude  i  oci, 

la  basa  chi  che  la  vol.1) 

2.  Siora  Maria  gaveva  una  gata, 
Tuta  la  note  fazevala  mata 
La  ghe  fazeva  de  panadela*) 
„Bigoli,  bigoli  siora  Micela." 


3.  Una  volta  jera  un  re, 
che  fazeva  pan  de  tre, 
che  fazeva  pan  de  quatro, 
e  ti  ti  xe  un  raacaco. 
Una  volta  jera  un  re, 
che  fazeva  pan  de  tre, 
una  volta  jera  un  gato, 
che  fazeva  pan  de  quatro; 
levighe  la  coda  e 
lechighe  el  mandolato, 
leveghela  piü  in  sü 
e  lecheghelo  vü. 


4.  Mädchen  stellen  sich,  Hand  in  Hand,  in  eine  Reihe,  zwei 
Mädchen  gehen  singend  auf  sie  zu: 

Noi  siamo  le  zingarelle  Ognuna  per  la  mano 

Venute  da  lontano  ;  Allegre  d'  avvenir. 

Die  Reihe  antwortet  und  es  entspinnt  sich  folgender  Wechsel- 
gesang: 


Che  cosa  mai  volete 

OgfoogfogelHIa 

Che  cosa  mai  volete 

Ogi'o  d'  un  cavalier. 

Vogliamo  una  ragazza 

Ogfogiogellila 

Vogliamo  una  ragazza 


Ogi'o  d'  un  cavalier. 
E  quäl'  e  sta  ragazza  etc. 
Noi  vogliamo  la  piü  bella  etc. 
E  qual  e  sta  piü  bella  etc. 
La  Teresa  e  la  piü  bella 
etc. 

Su  sü  venite  a  prenderla 


')  Ringel -Reihen. 

*)  Kinderbrei  aus  Brot,  Öl,  Petersilie  und  Knoblauch. 


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L.  CZINK 


Sie  nehmen  die  genannte  zu  sich,  der  Chor  singt : 

E  adessn  1*  avete  pre&a  etc. 
Die  Zigeunerinnen  kommen  aber  bald  zurück  und  singen : 
E  questa  non  la  vogliamo  etc.        per  questo  vi  affannate  etc. 
Perehe  non  la  volete  stb.  Su  sü  faciam  la  pace  etc. 

Perche  la  mi  ha  detto  zotta  Faciam  un  baletto  etc. 

(gobba,  orba  .  .  .)  etc. 

Alle  tanzen. 

La  pace  e  gia  fatta  La  pace  e  gia  fatta 

Ogfögfogellila  Ogfo  d'  un  cavalier. 

5.  Fangspiel  mit  Auszählereim: 
Uccelin  che  va  per  mare  Puol  portare  una  sola, 

Quante  pene  puö  portare?  Chi  e  dentro,  chi  e  fora? 

Die  Kinder  bilden  einen  Kreis;  in  der  Mitte  ist  die  Mutter, 
stellt  sich  schlafend ;  nach  dem  Gespräch  läuft  der  Kreis  auseinander ; 
wen  die  Mutter  erhascht,  tritt  in  ihre  Stelle. 

Zitto  zitto  che  la  mamma  dorme,    Mamma  xe  un  povero, 
Oh  che  mamma  indormenzona.        Cossa  ghe  darö? 

xe  un  povero,  —  Deghe  quella  scudella  de  cafe 


Cossa  ghe  darö?  (tocco  de  pan  .  .  .) 

—  Lasseme  dormir  Mamma  go  rotto  la  scudella 

Oh  che  mamma  indormenzona.  (go  magna  el  pan  .  .  .) 

Die  Kinder  bilden  einen  Kreis;  eins  ist  innerhalb,  eins  ausser- 
halb desselben;  das  äussere  beginnt  das  Zwiegespräch,  dann  jagen 
sie  sieb. 

Ti  me  da  un  poco? 

—  Sorso  sorsetto,  cos  ti  fa  _  Mi  nö.  —  E  se  te  ciapo? 

in  quel  busetto?     _  E  se  te  scampo?  -  Femo  la 

—  Magno  pan  e  frumento.  [prova. 

B.  (A.  Ktrfoi.) 
Auuählereime.*) 

8.  Ujelin  che  va  per  mar,  (Chi  va  drento,  chi  va  fora. 

Quante  pene  pol  portar?  Chi  xe  drento,  chi  xe  fora. 

Pol  portare  una  sola,  Un,  dö,  tre, 

Chi  va  drento,  chi  va  fora.  Ti  xe  el  mio  r6.) 


*)  8—14.  rein  italienisch,  10 -26.  fremde  Einwii 

288 


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I 


JTAIJENWCBB^PBÜCHE  UND  LIEDER  AÜ8  PIUME. 


9.  Corda,  corda  grossa, 
Quanto  la  me  eosta! 
La  me  costa  an  carantan 
Sole  porte  de  Milan. 
Sule  porte  de  Verona, 
Dove  che  i  bala 
E  dove  che  i  sona, 

10.  Din,  don,  campanon, 
Tre  sorele  sul  balcon ; 
Una  stira  e  lava, 

L' altra  fa  ei  pupin  de  pasta: 
L'  altra  va  a  San  Vito, 
A  trovar  un  bei  marito, 
Com'  el  late,  com'  el  vin 
Come  la  foja  de  V  armnlin. 

11.  La  neve  xe  bianca, 
La  val  jentojinquanta ; 
La  val  uno,  la  val  dd, 
La  val  tre,  la  val  quatro, 
La  val  zinqae, 

La  val  Sie, 

La  val  sete,  la  val  oto, 

Pan,  vin,  biscoto, 

Salta  fora  dal  mio  casoto. 

1 2.  Gobo,  gobo  tondo, 

Cos  ti  fa  in  questo  mondo? 
Fa^o  cos  che  posso, 
Cola  mia  goba  adosso. 
Gobo  fa  i  jimbali, 
Zimbali  de  carta, 
Gobo  salta  in  barca, 
Barca  piena  de  fregola, 


Fregole  de  pan, 
Gobo,  hol  d'  un  can. 

13.  Ghirin,  ghirin,  gaja, 
Martin  soto  la  paja, 
paja,  paju3a, 
Fregola,  fregoluja. 

14.  Ai,  bai, 

Ti  mi  stai, 
Tie,  mie 
Compagnie, 
Ai,  bai,  buf. 

15.  An,  tan,  Tini. 
Sora  Catüii, 
Sora  Caticheta, 
Ana,  Pia,  puf. 

16.  An,  tan,  Tini 
Sora  Catini 
Aja,  baja,  buf. 

17.  In  nome  del  padre 
Tanta  nana, 
Croje  d'Ebrei, 
Fiüstei, 

Dum,  dum,  dum, 
Starababa  na  kantun*) 

1 8.  Zinjiri,  bin^iri  panpanela, 
Oto,  nove,  bagatela, 

Per  un  toco  de  biscoto 
Che  si  tjama  galeoto.**) 
Smoqua,  loqua,  kapitan, 
Daiga  nutra,  daiga  van***) 


♦)  Kantun  =  ital.  cantonr,  Winkel.  Die  letzte  Zeile  kroatisch :  Altes  Weib 
im  Winkel. 

**)  Venezianisch  galeta  de  biscotto,  ein  barter,  runder,  flacher  Seezwieback 

•**)  Die  zwei  letzten  Zeilen  kroatisch.  Feige,  Teich,  Kapitän,  gib'«  herein, 
gib's  heraus. 


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A.  KÖRÖ8I 


19.  Zinziri,  bin^iri,  campanele, 
Fekete,  tekete,1)  tarantele, 
Dondolon,  dondolon*),  birimbele, 
Ziripiripin,  ziripiripele 

20.  Di  drei  manumchesse 
Di  vasta,  vasta  flon 
Di  flon  machelsmesse 
Un  si,  sa,  so.8) 

21.  „Elena   (Franca)   du  mein 

Pibestin, 

Di  Btaia  tekete 
Di  forma  un  tridon, 
Tridon  vachelsmesse 
Und  si,  sa,  so*) 

22.  Enchete,  penchete, 
Zucar  di  me, 


Avoli,  favoli 
Bene  per  te. 

23.  Engele,  bengele, 
Zucar  di  me 

Fave,  fave,  Domine, 
Ex,  pux,  traus, 
Marsch  hinaus. 

24.  Andjol,  banjol 
Tertanjol, 
Pilim,  milim 
Cumpagnol 
Taca,  raca, 
Zip,  zip. 

25.  Einz,  zvei,  drei, 
Pica,  poca,  pai, 
Pica,  poca,  hamerlai, 
Anen,  firzen,  drei. 


B.  Kinderspiele. 


26.  Pomo  cotogno,  che  taja  fetine, 
Con  queste  manine  no  posso 

[tajar. 

El  galo  canta,  jomo  fa. 

La  povera  vecia  dove  la  va? 

Essa  la  va  da  San  Miciele. 

San  Miciele  era  morto 

La  Madona  era  in  orto 
28.  Die  Mädchen  tanzen  in 
Cordon,  cordon  di  San  Franzesco, 
La  bela  stela  in  mejo; 
La  peta  un  salto, 

(Springt.) 


Cola  sua  compagnia 

Del  rosario  e  de  Maria.*) 

27.  San  Andrea,  pescador 

Che  pescava  el  nostro  Sior. 
Pesca,  raulesca! 
In  quala  man? 
In  questa.0) 

Reichen.  Eins  steht  in  der  Mitte. 
La  peta  un  altro, 

(Springt  wieder.) 

La  fa  la  riverenja, 

(Verbeugt  *ich.) 


')  Ungarisch  fekete  =  schwarz. 

')  Vielleicht  nng.  gondolom  =  ich  denke. 

»)  Dentsch  klingend.  Un  si  =  einer  js;  wol:  und  sie. 

*)  Variante  des  Vorigea  als  Auszühlereim. 

s)  Beim  Kniereiten. 

•)  Erraten,  in  welcher  Hand  wss  verborgen  ist. 


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ITALIENISCHE  SPRÜCHE  DND  LIEDER  AU8  FIÜME. 


La  fa  la  peniten^a,  La  basa  chi  che  la  vol. 

(Schlägt  an  die  Brust.)  (Küsst  eine  Qespielin.) 

29.  Bockspringen  (Colona)  Eins  ist  der  Bock,  die  übrigen  über- 
springen es;  bei  jedem  Sprung  wird  eine  Yerszeile  hergesagt: 

Tasi,  tasi,  Momolo,  Ire  ossi  di  armulini, 

Te  daro  luganiga,  Tie  sechi  d'acqua  dol$e, 

Luganiga  de  porco,  Tre  sechi  d'acqua  amara. 

Porco,  porcajo,  Cos  ti  vol:  bareta  in  schena? 

Ladron  del  mio  pala^o,  Bareta  de  forner? 

Ladron  dei  miej  zechini,  0  culata  o  lejer? 

Wenn  der  Bock  antwortet: 
Bareta  in  schena, 

so  legt  jeder  Springer  sein  Taschentuch  auf  den  Rücken  des  Bockes 
und  springt  so  hinüber,  sprechend : 

Bareta  in  schena  te  darerao,  Bareta  in  schena  te  go  dä, 

Sto  altro  viajo  che  torneremo ;       Bareta  in  schena  te  go  preso. 

Welcher  Springer  das  Taschentuch  hinabwirft,  oder  es  im  Sprung 
nicht  mitnehmen  kann,  wird  zum  Bock. 

Wenn  der  Bock  antwortet 
Bareta  de  forner 

hat  der  Springer  sein  Taschentuch  jenseits  des  Bockes  auf  die  Erde 
zu  werfen  und  darauf  zu  springen;  wenn  der  Bock 
Culata 

wünscht,  ist  mit  aller  Kraft,  auf  die  Ordre 
Lejer 

aber  ganz  leicht  zu  springen;  wer  gegen  eine  Regel  verstosst,  wird 
zum  Bock. 

30.  Mädchen  bilden  einen  Kreis.  Eines  in  der  Mitte  ist  die 
Mutter») 

„Zito,  zito,  che  la  mamma  dorme !    —  ,E1  gato  la  ga  magna/ 
0  che  mamma  indormen^ona !  »0  cn^  mamma  bujarda! 

0  che  mamma  indormenaona !         0  che  mamma  bujarda  ! 
Mamma  eossagavemopermarenda?"     ~      (Dte  Mutter  sucht  die  Jause.) 

T)       «   »  O  che  mamma  orba! 

-  ,ran  e  nga.  0  che  mamma  orba! 

»0  che  mamma  bona!  (jWe  Mutter  8Ucht  das  MeMer) 

0  che  mamma  bona!  La  mamma  ne  majaräl 

Mamma,  dove  xe  la  marenda?"        La  mamma  ne  majarä!" 

Sie  laufen  auseinander.  Wen  die  Mutter  erhascht,  tritt  an  ihre  Stelle. 

•)  Verg.  Nr.  ^.  8.  238. 
Hertmann,  Ethnologische  Mitteilungen  II.       241  17 


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a 

31.  Minolo,  minelo, 
Bon  per  anelo, 
Piü  grande  de  tuti. 
Frega  i  otji, 
Ma^a  pedotji.*) 

32.  La  piova  piovisina, 
La  gata  va  in  cusina, 
La  va  soter  leto, 

Der  Gefragte  sagt  „no.tf 
No  sedise  „no",  perche 
Lafiaba  de  Sior  Intento, 


La  trova  un  confeto; 

La  dise,  che  xe  bon, 

La  bäte  sul  tamburo, 

La  mamma  ghe  dä  per  culo. 

33.  La  fiaba  de  Sior  Inten\o, 

Che  dura  molto  tempo 
E  mai  no  la  se  distriga, 
La  vol  che  ghe  la  diga? 
Der  Erzähler  fährt  fort: 
Che  dura  molto  tempo 
E  mai  no  la  se  distriga  etc  **) 


Sveta  Nedeljica. 

Nachtrag  zo  Ethnol.  Mitt.  1.  Jahrg.  S.  130  ff. 
Eine  hübsche  Variante  zu  dem  von  Lukas  Mb  veröffentlichten 
Liede  von  der  hl.  Nedeljica  finde  ich  im  I.  Hfte  der  „Hrvatske  na- 
rodne  pjesme  sakupljene  stranom  po  primorju  a  stranom  po  granici" 
von  Stijepan  Maiuranit,  Zengg  1880  S.  1—6.  Der  Sonntagentheilige, 
bzw.  der  wilde  Jäger,  dem  sich  die  hl.  Sonntag  als  Schlange  mit  sechs 
Flügeln  um  den  Hals  gewunden,  führt  hier  den  Namen  Kraljevhl 
Marko,  des  typischen  serbischen  Helden,  der  dem  Volkdichtet'  bei  so 
vielen  passenden  und  unpassenden  Gelegenheiien  herhalten  muss.  Die 
Frau  des  Frevlers  heisst  folgerichtig  wie  Markows  Frau  Angelija,  und 
statt  des  labud  in  meiner  Fassung  tritt  Marko's  karac  (der  Schecke) 
auf.  So  ist  aus  der  ursprünglich  religiösen  Legende  eine  historische 
Sage  geworden  und  der  Säuger  beansprucht  daraufhin  für  sich  eine 
grössere  Glaubwürdigkeit  Der  Schluss  lautet : 

—  o  liebste  Schwiegertochter,  Marko  ruft  dich, 
du  mögst  hinaus  ihm  deine  Söhne  bringen, 

damit  er  sie  zum  letztenmal  noch  sehe. 

Kaum  hat  dies  Angelika  rasch  vernommen, 
so  nimmt  sie  ihre  zwei  noch  kleinen  Knaben 
und  trägt  sie  vor  den  Vater,  Prinzen  Marko, 
damit  er  sie  nochmals  im  Leben  sehe. 

Aufs  blosse  Knie  lässt  sich  das  Frauchen  nieder, 
die  kleinen  Söhnchen  in  den  Armen  hakend, 
und  sie  beschwört  die  Schlange  von  sechs  Flügeln : 

—  Wahlschwester  sei  mir,  Schlange  von  sechs  Flügeln, 
sei  mir  verschwistert.  bei  der  jungen  Sonnlag, 

sei  Mutter  mir  bei  einer  Mutter  Gottes,*) 

^  o_gib  mir  meinen  Kämpen  frei,  denMarko! 

*)  Die  5  Fingernamea.  •*)  Vexier-Märchen. 
***)  Im  Texte:  Posestrimo  zmjjo  sestokrilal 

poaefltriui  tc  mladom  nedeljicom, 

materim  tn  a 


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- 

SVETA  NEDELJICA 


Die  Schlange  ward  um  Gotteswillen  milde, 
sie  Hess  sich  in  das  grüne  Gras  herab 
und  sprach  zur  Ehewirtin  Angelika : 

—  Wahlschwester,  Ehewirtin  Angelika! 
Ermahn  du  künftig  deinen  Kämpen  Marko, 
er  soll  am  Sonntag  nimmer  pürschen  gehen, 
am  Sonntag  und  dazu  am  jungen  Sonntag 
so  ungewaschen,  ohn'  Gebetverrichtung. 

Ich  bin  durchaus  kein  Schlangentier  geflügelt, 
ich  bin  vielmehr  die  junge  Sonntag  selber 
und  bin  von  Gott  als  Botin  ausgesandt, 
um  eine  Lehr'  dem  Prinzlein  zu  erteilen, 
dass  ohne  Gott  kein  Anfang  und  kein  Ende, 
damit  kein  Unheil  fürderhin  ihn  treffe. 

So  bleib  mit  Gott,  o  Wahlgenossin,  Frauchen, 
o  Schwester  meiner  Wahl,  Frau  Angelika! 

Mlada  nedelja  ist  der  erate  Sonntag  nach  dem  Neumond.  Er 
ist  dem  Volkglauben  besonders  heilig.  In  einer  jüngst  im  Letopis 
matice  srpske,  Hft  152.  von  1887.  Seite  82  f.  veröffentlichten  Sage 
aus  der  oberen  Grenze,  haust  die  Sveta  Nedeljica  in  einem  Berge 
eines  unheimlichen  Gebirges  als  Schlange  mit  sechs  Flügeln  und  vier 
Köpfen.  Der  Sonntagfrevler  ist  diesmal  ein  ganz  armer  Holzbauer, 
der  holzlallen  geht.  Die  Schlange  will  ihn  vernichten,  doch  zu  seinem 
Glücke  ruft  er  sie  noch  rechtzeitig  bei  Gott  als  seine  Wahlschwester 
(po  Bogu  sesiro!  Bogom  te  sestrimim!)  an.  Nun  ist  er  gerettet.  Zum 
Überfluss  beschenkt  ihn  die  Wahlschwester  überreich  mit  Gold  und 
Silber,  doch  untersagt  sie  es  ihm  strengstens,  die  Herkunft  des  Schatzes 
irgend  jemand  zu  verraten.  Sein  Weib  aber  entlockt  ihm  das  Ge- 
heimnis Darauf  verwandeln  sich  die  Schätze  in  Kohlen  Hier  ist 
also  die  Legende  mit  einer  Episode  der  Eckhard's-Sage  in  eins  ver- 
schmolzen. Über  die  zu  Kohlen  verwandelten  Schätze  vrgl.  F.  8. 
Krauts:  Südslavische  Hexensagen,  Wien,  1884.  S.  46. 

In  einer  Beschwörungformel,  die  ich  erst  jüngst  von  meiner 
Mutter  aus  Pleternica  in  Slavonien  erhalten,  wird  neben  Gott  und 
der  hl.  Jungfrau  auch  die  Mlada  Nedilja  angerufen.  Die  Frau  stellt 
Zaubereien  und  Beschwörungen  an,  um  von  ihrem  Manne  geliebt, 
nicht  aber  misshandelt  zu  werden.  Ich  citiere  hier  nur  die  für  uns 
jetzt  in  Betracht  kommenden  Stellen : 

„Pomozi  Boze  i  Gojspo  i  danasnja  mlada  nediljo  !u 
„treba  kleknit  na  gola  kolina,  okrenit  sczarkomu  suncu  i  izgo- 
vorit  tri  oöena&a  i  tri  zdrave  Marije  mladofj  Nedilji,  da  joj  mlada 
Nedilja  se  smiluje  nje  carkama,  koje  ona  ot  svoje  teöke  muke  (öini), 
da  joj  bude  u  pumoci,  da  ju  covek  ne  bye  i  ne  tuce.a  (Hilf  Gott 
und  du  (liebe)  Frau  und  du  heutige  junge  (Frau)  Sonntag!  .  .  .u 
(ferner)  „muss  sie  auf  die  nackten  Knie  niederknien  und  zur  jungen 
(Frau)  Sonntag  drei  Vaterunser  uud  drei  Mariengrüsse  beten,  es  möge 

243 

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L.  KATONA. 


sich  die  junge  (Frau)  Sonnlag  ihrer  Zaubereien  erbarmen,  <1ie  jene 
durch  ihren  schweren  Gram  und  ihr  Leid  bemüssigt.  anstelle,  auf  dass 
sie  hilfreich  beistehe,  damit  jene  von  dem  (iatten  nicht  geprügeil  und 
nicht  geschlagen  werd\u  Die  altgläubigen  Serben  im  Mostarer  Bezirk 
hegen  den  Glauben,  Sveta  Petka  sei  die  Mutter  der  Sr.e.tn  Xedilja 
Nach  einer  bulgarischen  Legende  (bei  D.  N.  Popov  im  Sbornik  <>t 
blgarski  narodni  pjesni.  Varna  18*i.  Nr  8.  ö.  14  f.)  sitzt  die  Solln 
Nidjelja  in  der  Zelle  eines  Klosters  als  Klostertrau,  die  Haare  un- 
gekämmt und  wirr,  die  Kleider  beschmutzt  und  bestaubt.  Jung  S:ojan 
(  frägt  sie:  .Wenn  du  eine  so  grosse  Heilige  bist,  warum  schaust 
du  gar  so  verwarlost  aus?"  Antwortet  sie  ihm:  „D.iran  seid  nur  Ihr 
Menschen  schuld.  So  oft  Ihr  am  Sonntag  das  Haus  auskehrt  und  die 
Kleider  ausklopft,  fällt  aller  Schmutz  auf  mich."  Über  die  Hersoni- 
fication  von  Kalenderlagen  vrgl.  W.  Mannhardt  in:  Der  Baumkuli  us 
der  Germanen  und  ihrer  Nacnbarslamme,  Berlin.  1S7Ö.  5.  273.  327 
u.  öfters,  und  in  Hezug  auf  die  Verwandlung  einer  Frau  in  eine- 
Schlange  Mannhardt,  in:  Antike  Wald-  und  Feldkulte.  Berlin,  1877. 
S.  64.  fl. 

Wien,  im  Oktober  1888.  Dr.  Friedrich  S.  Kraus*. 


Ethnographie.  Ethnologie.  FolkJore. 

Von  L.  Katona. 
Scbluss.  *) 

Der  Folklore  umfasst  demnach  nur  einen  Teil,  und  bei  weitem 
nicht  die  Gesammtheit  der  Gegenstände,  die  in  das  Forschungsgebiet 
der  Volkskunde  gehören.  Zur  Bezeichnung  der  letzteren  —  wenn  wir 
darunter  die  Kunde  vom  Volke,  und  nicht  die  Kunde  den  Volkes  ver- 
stehn,  also  das  Volk  darin  als  Gegenstand,  und  nicht  als  besitzendes 
Subject  der  Kunde  betrachten  —  wird  wol  der  consequente  und  stän- 
dig festgehaltene  Terminus  der  Ethnologie  schon  deshalb  zweckmässig 
erscheinen,  da  in  der  zweiten  Hälfte  dieser  Zusammensetzung  ein  deut- 
licher Hinweis  auf  den  Charakter  einer  systematischen,  auf  die  Erschlies- 
sung von  Causalzusammenhii ngen  sowie  aus  diesen  abstrahierbaren 
Gesetzen  und  Princzipien  au  gehenden  Wissenschaft  enthalten  ist,  und 
somit  ein  scharf  hervortretendes  Unterscheidungsmerkmal  die  pragma- 
tische und  erklärende,  oder  wenigstens  für  jede  Erscheinung  ihren  Ge 
bietes  eine  Erklärung  suchende  Disciplin,  zu  ihrer  rein  beschreibenden 
und  sich  mit  der  Zusammenstellung  von  Beobachtungen  und  Tat- 
sachen begnügenden  Schwester,  der  Ethnographie,  in  gegenseitig  klä- 
renden Gegensatz  stellt. 

Die  Aufgabe  der  Ethuo}ogie  wäre  also  dem  Bisherigen  entspre- 
chend, auf  ein  einzelnes  Volk  bezogen :  rfas  pragmatisch-historische 
Studium  der  gesummten  materiellen  und  geistigen  Lehenserscheinungen 
einer   durch   gemeinsame    Abstammung,    Sprache    und  Schicksale  zu 


•)  8.  Ethnol.  Mitt.  II,  4:> 

244 


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ETHNOGRAPHIE.  ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


einem  höheren  socialen  Organismus  verknüpften  Menschengruppe.  Als 
letztes  Ziel  dieses  Studiums  ergäbe  sieh  aus  dem  Vorausgeschickten : 
die  klare  Einsicht  in  den  Causalzusammenhang  <ler  aufgehellten  Le- 
benserscheinungen, und  auf  Basis  dieser  Einsicht  eine  aus  derselben 
resultierende  Erkenntnis   von  Gesetzen  und  bestimmenden  Pn'ncipien, 
deren  ständiges  Walten  sowol  in  den  gleichzeitig  zu  Tage  tretenden 
Manifestationen,  als  auch  in  den  aufeinander  folgenden  Vorgängen  ein- 
mal richtig  erkannt  und  begriffen,  notwendigerweise  zu  -einer  Voraus- 
sicht und  vernunftmäss'gen  Voraushestimmung  dieser  Manifestationen 
und  Vorgänge  führen  muss  Aus  dieser  Umschreibung  des  Problems 
der  Ethnologie  ergibt  sich   zu  allererst,  dass  das  Studium  jeglichen 
Volkes  notwendigerweise  zu  einer  Mechanik  des  Lebens  anderer  Völ- 
ker, und  schliesslich  zur  Mechanik  des  Lebens  der  Universalität  der 
ganzen  Menschheit  führt.  Andererseits  ist  es  klar,  dass  wenn  wir  nach 
den  Gesetzen  des  Lebens  einer  Menschengruppe  höherer  socialen  Ord- 
nung forschen,  wir  die  eingehende  Analyse  der  niedereren  Organismen 
nicht  umgehen  dürfen,  welche  trotz  ihrer  Gleichzeitigkeit  auch  eine 
frühere  Stufe  der  gesellschaftlichen  Entwicklung  repräsentieren.  Hie- 
her gehört  im  Kähmen  eines   Volkes,   und   zugleich   auch  vor  seine 
Entstellung   fallend  :  der  Stamm,  innerhalb  desselben  und  dennoch  auch 
vor  demselben:  die  Familie,  und  in  letzter  Analyse  das  Individuum 
selbst    Das  Individuum  kann  allerdings  im   llahinen  der  Ethnologie 
nur  als  Bestandteil  des  Ganzen  und  als  Componente  der  innerhalb 
einer  Gruppe  sich  entwickelnden  Kräfte,  oder  aber  als  eine  Function 
dieser  wirkenden  Kräfte  in  Betracht  kommen. 

Zu  den  Hilfswissenschaften  der  Ethnologie  gehört  demnach  in 
erster  Linie  die  Anthropologie,  welche  im  engsten  Sinne  genommen  die 
Beschreibung  des  menschlichen  Körpers  ist,  in  einer  etwas  weiteren 
Bedeutung  zur  Kunde  wird  von  den  Lebenserscheinungen  des  mensch- 
lichen Körpers  und  von  den  Bedingungen  dieser  Erscheinungen.  Wenn 
man  schliesslich  die  Anthropologie  auf  einen  noch  weiteren  Kreis  aus- 
dehnt, so  ist  ihr  Ziel  das  Studium  der  sclbstbewussten  Facten  des  gan- 
zen Menschen,  und  indem  sie  nebst  dem  Gegenstande  ihrer  Kunde, 
den  von  ihm  in  der  Kette  der  organischen  Wesen  eingenommenen 
l'latz  bezeichnet,  wirft  sie  auch  die  Frage  nach  seinem  Ursprünge  auf, 
und  begleitet  den  Menschen  in  seiner  Entwicklung  schildernd  von 
seinem  ersten  Erscheinen  bis  an  die  Schwelle  der  geschichtlichen 
Zeiten,  hie  Anthropologie,  welche  sich  so  einerseits  mit  der  ver- 
gleichenden Anatomie  und  der  Entwicklungslehre  berührt,  ander- 
seits aber  mit.  der  Palaeontologie  und  der  Archaeologie,  bedarf  auch 
der  Geographie,  zunächst  der  Anthropogeographie.  welche  die  geogra- 
phisrhe  Verbreitung  unseres  Geschlechtes  untersucht,  und  den  Einfluss 
der  Wohnorte  auf  den  Stammescharakter  des  Menschen  nachzuweisen 
bestrebt  ist.  Sie  bedarf  aber  auch,  mit  Hinblick  auf  die  Fragen  nach 
der  Nahrung  des  Menschen,  der  Beihilfe  der  Biologie,  so  wie  der  Kennt- 
nis der  für  den  Menschen  besonders  wichtigen  Tiere,  IHanzen  und 
Mineralien,  die  sie  aus  der  Naturgeschichte  schöpft.  Die  Tatsachen 


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L.  KATONA 


des  menschlichen  Bewusstseins  analysiert  sie  aber  nur  insoweit,  als  ihr 
Verhältnis  zu  den  körperlichen  Vorbedingungen  geklärt  werden  muss, 
und  nur  bis  zu  jener  Entwicklungsstufe,  wo  die  wesentliche  Verschie- 
denheit des  menschlichen  Bewusstseins  voti  dem  tierischen  sich  in  je 
nen  Erscheinungen  des  gesellschaftlichen  Geisteslebens  kundzugeben 
beginnt,  zu  deren  Zustandebringen  den  einzelnen  Menschen  schon  der 
Umstand  unfähig  macht,  dass  diese  Erscheinungen  für  ihn  als  solchen 
vollkommen  Uberflüssig,  oder  doch  entbehrlich  sind.  Wir  verstehen  dar- 
unter vor  allem  die  Sprache,  und  das  in  der  Sprache  als  in  seinem 
Organ  lebende  und  sich  entwickelnde  begriffliche  Denken,  ferner  die 
durch  Vererbung  zur  zweiten  Natur  werdende  Sitte  (t&os),  dann  die 
Überlieferung  (Tradition),  und  schliesslich  jene  anfangs  mit  der  Ent- 
wickelung  der  Sprache  parallel  laufende  urmenschliche  Weltanschauung, 
welche  wir  mit  dem  Mythos  in  seiner  allerweitesten  Bedeutung  identi- 
ficieren  können.  All  dieses  gehört  aber  schon  zum  Bereiche  der  im 
weitesten  Sinne  genommenen  Ethnologie,  und  bildet  das  ungemein  weite 
Forschungsgebiet  der  Völkerpsychologie. 

Indem  wir  die  Sprache,  die  Überlieferung,  die  Sitte  und  den 
Mythos  erwähnen,  sind  wir  zu  jenen  Äusserungen  des  menschlichen 
Geisteslebens  gekommen,  welche  nur  in  dem  entwickelnden  und  erzie- 
henden Elemente  des  geselligen  Zusammenlebens  denkbar  sind,  und  wir 
haben  mit  ihnen  drei,  in  enger  Ineinandergehörigkeit  befindliche  und 
auf  einander  gegenseitig  wirkende  Bestandteile  des  ethnologischen 
Kenntnismateriales  bezeichnet. 

Sprache,  Mythos  und  Ethos  (Sitte)  sind  jene  Dreieinigkeit,  in 
welche  die  Lebensäusserungen  niederer  und  vorbedingender  Ordnung 
sich  zu  Tatsachen  des  menschlichen  Bewusstseins  sublimieren,  und 
in  der  fortwährenden  Wechselwirkung  ihrer  Elemente,  die  Gcsammt- 
heit  jener  Erscheinungen  zu  Tage  fördern,  deren  Complex  wir  in  ei- 
nem zeitlich  und  räumlich  begränzten  Durchschnittsprofil  mit  dem  zu- 
sammenfassenden Namen  der  „Volksseele"  bezeichnen. 

Aus  dem  erst  in  unserm  Jahrhunderte  durch  Vertiefung  und  Er- 
weiterung der  philologischen  Forschungsgebiete  gewonnenen  Begriffe 
der  Volksseele  können  wir  am  Besten  jenes  Wissenssystem  ableiten, 
welches  im  weitesten  Sinne  genommen  am  zweckmässigsten  unter  dem 
Terminus  der  Ethnologie  zusammengefasst  werden  kann  Wenn  wir 
die  Lehren  derselben  auf  Principien  reducieren,  so  gehören  dieselben, 
auf  das  Volk  als  gesellschaftlichen  Organismus  von  einheitlichem  Cha- 
rakter bezogen,  in  dieselbe  phaenomenologische  Reihe,  deren  Übrige 
Glieder  sind:  in  erster  Reihe  die  Physik,  die  die  allgemeinen  Eigen- 
schaften der  Materie,  so  wie  die  molaren  und  molecularen  Bewegungs- 
erscheinungen derselben  behandelt;  dann  die  Chemie,  welche  sich  schon 
auf  einen  viel  engeren  Kreis  beschränkt  und  die  Materie  weiter  ana- 
lysiert ;  des  weiteren  die  Biologie,  welche  die  allgemeinen  Gesetze  des 
organischen  Lehens  erforscht;  und  schliesslich  die  Psychologie,  die  in 
das  Gewebe  und  Getriebe  des  individuellen  Bewusstseins  einzudringen 
versucht.  Unter  der  letzteren  verstehen  wir  natürlich  jene  Richtungen 


US 


ETHNOGRAPHIE.  ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


derselben,  die  an  keine,  sei  es  spiritualistische,  sei  es  monadische,  sei 
es  atomistische,  aber  stets  substantielle  Vorstellung  der  Seele  anknüp- 
fen, sondern  jene  Erfahrungs-,  Versuchs-,  und  —  sagen  wir  es  unum- 
wunden heraus  —  AVimvissenschaft,   die  mit  dem   Worte  „Seele" 
nichts  anderes  bezeichnet,  als  .die  Summe  der  psychologischen  Erfah- 
rungen, und  psychologische  Gesetze  nichts  anderses  nennt,  als  die  an 
diesen  Erfahrungen  wahrnehmbare  Regelmässigkeit. u  *)  Eine  Psychologie, 
die  auf  so  positiver  Basis  steht,  wie  sie  Wundt  im  Zusammenhange 
mit  den  soeben  citierten  Worten  nachweist,  steht  dem  Begriff  der 
Volksteele  durchaus  nicht  fremd  gegenüber,  während  die  metaphysische 
Richtung  denselben  auf  keine  Weise  in  den  Rahmen  ihrer  Lehren  ein- 
fügen   konnte;    während    Lazarus    und    Steinthal    mit  ihren  von 
Herbart  übernommenen  psychologischen  Begriffen   in  die  offenbarsten 
Widersprüche  geratend,  sich  nur  mit   harter   Mühe    bis    zu  dem 
höchst  unklaren  Programme  der  von  ihnen  erdachten  „Völkerpsycho- 
logie"   durchgearbeitet  haben.  Diese  Widersprüche  nachweisend,  hatte 
Hermann  Paul,  der  consequent   auf  Herbart  schwört,  ein  leichtes 
Spiel,  die  in  dem  Plane  von  Lazarus  und  Steinthal  verborgene  Zu- 
sammenhanglosigkeit  aufzudecken.  (S.  die  Einleitung  zu  dem  Werke 
„Principien  der  Sprachgeschichte").   Auch  das  ist  leicht  begreiflich, 
dass   Paul,    der   unentwegt  festhält  au  dem  atomistischen  Seelen- 
begriffe  seines  Meisters,  mit  demselben  die  Idee  einer  Volksseele 
auf  keine  Weise  in  Einklang  bringen  kann.  Die  Lösung  dieser  Aufgabe 
kann  nur  eine  solche  Auffassung  der  Erscheinungen  des  Seelenlebens 
geben,  welche  die  psychologischen  Erscheinungen  nicht  als  die  Wirke 
samkeit  eines  fertigen  Mechanismus  ansieht,  sondern  als  die  Summ- 
ier unter  der  Wechselwirkung  des  gesellschaftlichen  Zusammenlebens 
entwickelten  und  sich  ununterbrochen  weiter  entwickelnden  Kraftäusse- 
rungen.  Auf  Basis  einer  solchen  Auffassung  ist,  entgegen  den  Bemer- 
kungen Paul's,  der  den  Gegenstand  der  Völkerpsychologie  in  Zweifel 
zieht,  eher  die  Haltbarkeit  der  Vorstellung  einer  isolierten  individuellen 
Seele  problematisch;  besonders  wenn  wir  bedenken,  auf  welch  engen 
Kreis  die  Tätigkeit  derselben  beschränkt  wäre,  so  wie  sie  sich  —  nach 
der  althergebrachten  Einteilung       in  sinnlichen  Wahrnehmungen,  im 
Denken,  in  sensuellen  und  Willenstätigkeiten  äussert,   wenn  wir  auch 
nur  auf  einen  Augenblick  von  dem  entwickelnden  Einflüsse  des  gesell- 
schaftlichen Zusammenlebens  absehen  würden.  Wo  bliebe  dann  die 
Sprache,  die  wir  mit  vollem  Recht  das  Organ  des  begrifflichen  Den- 
kens nennen  können,  —  wo  die  in  der  Sprache  als  in  ihrem  Organe 
lebende  Vorstellungsabstraction,  das  Urteilen  und  Folgern,  —  ohne  das 
Leben  in  der  Gesellschaft,  das  doch  der  Sprach fähigkeit  als  Grund- 
vorraussetzung  dient?  Wo  und  wie  sollte  sich  der  Mythos  bilden,  der 
ja   zum  Teile  eine  wesentliche  Rolle  im  Denkgehalte  spielt,  wobei 
wir  unter  Mythos  sowol  hier,  als  auch  später  die  gesammte  primitive 
Weltanschauung  verstehen  :  jene  Weltanschauung,  die  übrigens,  nach  dem 

'  ♦)  Wundt.  Über  Ziele  und  Wege  der  Völkerpsychologie  (Phüos.  Stadien  IV,  1 7.) 

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L.  KATONA. 


natürlichen  Gange  der  Entwickelung  die  Vorgängerin  jener  wissen- 
schaftlichen Erscheinungserklärung  ist,  die  den  Spuren  ihrer  Bahnbreche- 
rin folgend,  in  letzter  Instanz  ebenso  mythisch  ausklingende  Erklärun- 
gen, wie  ihre  primitive  Schwester  gibt.  Wo  bliebe  der  die  Willensäus- 
serungen regulierende  Ethos,  der  von  Zeit  zu  Zeit  und  Ort  zu  Ort  wech- 
selnde Schnitt  des  moralischen  Gewandes  der  Menschheit,  —  wenn  jene 
gesellschaftlichen  Wechselwirkungen  fehlen  würden?  Kurzum,  wir  müs- 
sen jenes  alte  Sprichwort:  Einer  ist  Keiner  (unus  homo  nullit*  homo) 
als  eine  unbezweifelbare  Wahrheit  anerkennen ;  oder  wir  können  auch 
sagen,  dass  jeder  ausserhalb  des  Verbandes  der  Gesellschaft  stehende 
Mensch  —  in  einem  Sinne,  der  jedes  wesentliche  Merkmal  des  mit  die- 
sem Worte  bezeichneten  Begriffes  in  sich  schliesst  —  nicht  nur  ein 
non-ens,  sondern  gleichzeitig  ein  non  sens  ist. 

Aus  dem  Obigen  ergibt  sich  ganz  klar,  dass  die  Psychologie  — 
und  diese  musste  sich,  wenn  sie  eine  wirklich  exacte  Wissenschaft 
werden  will,  unbedingt  zur  Völkerpsychologie  erweitern,  —  in  demselben 
Verhältnisse  steht  zu  der  Beschreibung  des  Menschen  als  gesellschaft- 
lichen Wesens  (Anthropologie  und  Ethnographie)  und  der  diese  prag- 
matisch ergänzenden  Geschichte  desselben  (Ethnologie),  wie  die  Bio- 
logie zu  der  Beschreibung  der  übrigen  organischen  Wesen  (Zoologie 
und  Botanik)  und  zu  deren  vorläufig  noch  sehr  lückenhaften  Geschichte ; 
oder  in  demselben  Verhältnisse,  wie  die  Physik  und  Chemie  zu  der 
Kosmographie  und  Kosmologie,  und  der  aus  dem  Kreise  jener  heraus- 
getreten selbstständig  gewordenen  Geographie  und  Geologie.  Eine  Psy- 
chologie in  diesem  Sinne  ist  also  berufen,  die  auf  dem  Wege  der  uni- 
versalhistorischen Forschung  aufgeklärten  Tatsachen  der  Entwick- 
lung des  menschlichen  Geistes  in  der  Reihe  der  drei  Kategorien:  Spra- 
che, Mythos,  Ethos  aufzuarbeiten.  In  die  erste  Gruppe  gehören  ausser 
der  Sprache  als  solcher,  also  ausser  dem  rein  linguistischen  Substrate 
an  derselben,  noch  die  Litteratur-  und  Wissenschaftsgeschichte.  Diese 
leitet  auf  ihre  letzten  Principien  zurückgeführt,  zur  Methodik ;  die  erste 
aber  zu  jenem  Teile  der  Aesthetik,  der  auf  Spvachwerke  anwendbar 
ist.  Der  letzteren  wird  übrigens  ausserdem  vonseiten  der  Geschichte 
der  bildenden  Kunst,  welche  aus  dem  Mythos  einen  wesentlichen  Be- 
standteil ihrer  Nahrung  zieht,  reichliches  Material  zugeführt,  während 
der  Mythos  und  die  aus  demselben  sich  krystaUisierende  Religion  die 
Mythologie,  beziehentlich  die  Theologie  als  Prineipienwissenschaft 
supponieren.  Die  Geschichte  der  gesellschaftlichen  Ordnung,  der  Regie- 
rung und  jener  Arbeit,  die  auf  die  Beschaffung  der  materiellen  Lebens- 
bedürfnisse abzielt,  diese  Geschichte,  die  sich  in  ihren  Zweigen  als 
Rechts-,  Staats-  und  Wirtschaftsgeschichte  gliedert,  hilft  die  Principien- 
systeme  der  Rechtsphilosophie,  der  Staatslehre  (Politik)  und  der  Volks- 
wirtschaftslehre aufbauen.  Diese,  so  wie  auch  zum  Teile  schon  der  My- 
thos zusammengenommen  mit  dem  Religionsgehalte,  integrieren  all 
mählig  den  ethischen  Teil  der  Volksseele,  deren  in  Verbindung  mit 
der  intellectuellen  Entwirkelung  analysierte  Gesetzmässigkeit  —  inso- 
weit nämlich  die  wissenschaftliche  Einsicht  die  Spuren  einer  solchen 


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ETHNOGRAPHIE.   ETHNOLOGIE.  FOLKLORE. 


herausfindet,  —  eine  gewisse  Voraussicht  gestattet  und  dem  entspre- 
chend auch  gewisse  Vorkehrungen  im  Interesse  des  socialen  Organis- 
mus anzuraten  geeignet  ist.  Diese  Folgerungen  endlich,  welche  aus  der 
in  Statik  und  Dynamik  sich  teilenden  Mechanik  des  gesellschaftlichen 
Lebens  abstrahierbar  sind,  fasst  die  jüngste  der  Wissenschaften,  die 
Sociologie  in  ihr  System.  Dass  derart  endlich,  nach  mehrtausendjäh- 
rigem Heruratappen,  auch  die  Analyse  der  Erscheinungen  des  gesell- 
schaftlichen Lebens  sich  in  den  Rahmen  der  cxacten  Wissenschaft  ein- 
zufügen verspricht,  ist  das  Hauptverdienst  der  dominierenden  philo- 
sophischen Richtung  unseres  Jahrhundertes  des  hauptsächlich  an  die 
Namen  Comte  und  Spencer  anknüpfenden)  Positivismus. 

Wenn  man  uns  nun  fragt,  wie  wir  uns  auf  Grundlage  des  Obi- 
gen die  Aufgabe  der  Ethnologie  eines  Volkes  denken,  so  möge  als 
Antwort  auf  diese  Frage  der  hier  folgende  Plan  dienen 
A.  Auf  ein  (relativ)  autochthones  Volk  bezogen: 
I.  Geographischer  (eigentl-  chorograt.hischer)  Teil. 

a)  Oro- hydrographische,  klimatologische  u.  geologische  Beschrei- 
bung des  Wohnsitzes. 

b)  Flora  und  Fauna  desselben. 

c)  Kulturgeographie. 

IL  AttthropologiscJier  Teil. 

1.  Reschreibender  Abschnitt: 

a)  Somatolcgische  Anthropologie. 

b)  Demographie. 

2.  Pragmatischer  Abschnitt:  EinHuss  der  unter  I  beschriebenen 
Bedingungen  auf  den  Körperbau,  und  Bedingtheit  der  demographischen 
Daten  durch  die  äusseren  Lebensverhältnisse. 

Hl.  Ethnographischer  Teil : 
1.  Beschr  Abschnitt: 
o)  Wohnung. 

b)  Nahrung. 

c)  Kleidung,  Waffen  und  Schmuck. 

d)  Pflege  des  gesunden  und  kranken  Körpers. 

e)  Lebensunterhalt: 

er)  Jagd  und  Fischerei 
ß)  Viehzucht. 

y)  Feld-  und  Bergbau,  Forstwirtschaft 
S)  Industrie. 
t)  Handel. 

C)  Raub-  und  Kriegszüge. 

f)  Sitten  und  Bräuche: 

ß)  Nach  der  Reihe  der  cyklischen  Erscheinungen  des  Men- 
schenlebens. 

ß)\m  Anschluss  an  die  natürlichen  und  festlichen  Jahreszeiten. 

v)  Sonstige  Bräuche.  (Traditionelles  in  der  Ausübung  poli- 
tischer Rechte  und  Pflichten,  in  der  Rechtspflege  und 
Regierung,  u.  s.  w.) 


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h.  KATONA. 


g)  Volkstümliche  Kunstfertigkeit  mit  Beziehung  und  im  Anschluss 
auf  die  unter  a),  6),  c),  rf),  e)  und  /)  angeführten. 

2.  Pragmatischer  Abschn  :  Einfluss  von  I.  u.  II  auf  III. 

3.  Vergleichender  Abschn. 

IV.  Ethnologischer  Teil  iim  engeren  Sinne  dieses  Wortes). 
1    Beschr.  Abschn  : 

a)  Sprache  und  mündliche  Überlieferung  (also  Folklore  im  oben 
näher  begrenzten  Sinne  dieses  W.) 

f>)  Mythos  (Volksglaube)  und  Religion  (positiver  od  eonfessionel- 
ler  Glaube)  und  die  gegenseitigen  Beziehungen  der  beiden  auf  einander. 

c)  Sitte  und  Brauch  im  engeren  Zusammenhange  mit  dem  Volks- 
und Kirchenglauben;  zu  einem  Teile  schon  weiter  oben  berücksichtigt. 
(S.  III.  1.  f.) 

</)  Geistiger  Niederschlag  der  historischen  Erlebnisse  des  Volkes. 

2.  Pragmatischer  Abschnitt: 

fr)  Wiederspiegelung  der  vorstellungsbildenden  Elemente  sämmt- 
lichcr  unter  I  II.  und  III.  angeführten  Bedingungen  und  Bedingthei- 
ten in  der  Sprache,  der  mündl.  Tradition,  dem  (ilauben,  Meinen  und 
Wähnen,  so  wie  in  den  Sitten  des  Volkes. 

M  Folgerungen  aus  II.  1  ,  III.,  IV.  1.  oj.  ')  und  c\  auf  den  Ur- 
sprung und  die  verwandschaftlichen  Verhältnisse  des  Volkes  (Spceulative 
Ethnogonie)  Zusammenhalten  dieser  Folgerungen  mit  den  historischen 
Daten  und  Ergebnisse  dieser  sich  gegenseitig  ergänzenden  Aufschlüsse 

3.  Vergleichender  Abschnitt. 

V.  Völkerpsycholoytscher  Teil. 

Bedingtheit  dessen,  was  wir  unter  Volksseele  versteht!,  von  den 
unter  I ,  II  und  III  angeführten  Lebensverhältnissen  und  Erscheinun- 
gen Charakteristik  dieser  Volksseele  an  der  Hand  der  unter  IV.  auf- 
gezählten Äusserungen  derselben 

VI.  Sociologischer  Teil. 

Die  von  dem  betreffenden  Volke  auf  der  Stufenleiter  der  gesell- 
schaftlichen Entwickelung  eingenommene  Stelle,  der  absolute  Wert  sei- 
ner gesellschaftlichen  Institutionen  (in  Hinsicht  auf  den  Fortschritt  der 
gesummten  Menschheit»;  der  relative  Wert  derselben  (gemessen  an  dem 
Interesse  der  Erhaltung  des  eigenen  Volkstumesi.  Das  System  der  aus 
diesen  Wertschätzungen  abstrahierbaren  Folgerungen  und  allgemeinen 
Principien  Die  nach  der  wissenschaftlichen  Einsicht  feststellbare  Pro 
gnosis  für  die  Zukunft  des  Volkes,  und  die  daraus  eventuell  abzuleiten- 
den Vorsichtsmassregeln  «gesetzgeberische  Prophylaxis) 

B)  Bei  einem  nicht  nu'ochthonen  Volke  erweitern  sich  die  Punkte 
unter  A)  um  Folgende: 

I.  2.  Im  Falle  der  positiven  Kenntnis  der  Urheimat,  beziehentlich 
der  älteren  Wohnsitze,  ein  (womöglich  der  resp.  Zeit  entsprechendes) 
Bild  derselben;  falls  aber  die  positiven  Daten  dafür  fehlen,  muss  eine 
Beeonstruetion  durch  Folgerungen  aus  dem  jetzigen  Zustande  versucht 
werden. 

260 

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ETHNOGRAPHIE.   ETHNOLOGIE.  KOLKLOHE 


II.  3.  Die  aus  dem  anthropologischen  Bilde  ableitbaren  Folge- 
rungen auf  die  Urheimat,  bez  den  älteren  Wohnsitz 

III.  4.  Folgerungen  hinsichtlich  des  eben  Erwiihnten  aus  den  eth- 
nographischen Daten 

IV.  4.  o)  Positive  gesc  hichtliche  Dat^n  über  die  Urheimat,  bez.  die 
älteren  Wohnsitze,  über  Wanderungen  und  den  Einzug  in  das  jetzige 
Vaterland,  so  wie  über  die  Besitznahme  desselben 

b)  a)  Die  Belehrung,  die  man  aus  dem  unter  IV.  1.  Erwähnten 
(Sprache,  Mythos,  Ethos.)  hinsichtlich  der  Urheimat  bez  der  alteren 
Wohnsitze  schöpfen  kann. 

ti)  Der  Einfluss  der  älteren  Wohnsitze  und  Berührungen  auf  das 
unter  II.  1.,  III.  1.  und  IV.  1.  Aufgezählte. 

c)  Positive  geschichtliche  und  palaeethnologiscbe  Daten  über  die 
früheren  Besitzer  des  gegenwärtigen  Wohnortes,  der  Einfluss  dersel- 
ben auf  die  nach  ihnen  gekommenen  Volksschichten,  in  anthropologi- 
scher (II.  1  ),  ethnographischer  (III  1  )  und  ethnologischer  (IV  1.) 
Hinsicht. 

V.  Die  nachweisbaren  Erinnerungen  an  die  älteren  Wohnsitze, 
früheren  Wanderungen  und  Berührungen  in  den  gestaltenden  Elementen 
der  Volksseele. 

Innerhalb  dieses  Planes  kann  der  von  uns  soeben  zu  seiner  eng- 
sten Bedeutung  umgrenzte  Folklore,  als  ein  in  die  Kategorie  der  Spra- 
che einzureihender  Bestandteil  der  Volksseele,  folgendermassen  ge- 
gliedert werden 

I.  Angaben,  die  aus  dem  Wortschatze  geschöpft  werden  können, 
und  zwar  solche,  die 

a)  den  Vorstellungsgehalt  der  Volksseele  aufklären, 

b)  ihr  eigentümliches  Vorgehen  bei  der  Begrittsabstraction  be- 
leuchten, und  zwar:  1)  In  Bezug  auf  die  materielle  Welt  und  die  mo- 
ralische Lebensordnung. 

2)  In  Bezug  auf  die  hinter  der  materiellen  Welt  verborgenen 
personifizierten  Kräfte,  und  in  Bezug  auf  die,  das  moralische  Betragen 
regulierende  transeendentale  Auflassung. 

II  Sprichwörter  und  stereotype  Redensarten,  entsprechend  der 
Einteilung  unter  Punkt  I. 

III.  Die  mündlichen  Überlieferungen,  erzählenden  Inhaltes,  d  h. 
der  epische  Teil  der  Volkslitteratur  u.  z. 

1 )  Märchen :  a)  sogenannte  Feenmärchen  lim  engeren  Sinne  des 
Wortes), 

b)  Tiermärchen ; 

c)  launige  und  übermütige  Erzählungen,  Anekdoten. 

2)  Sagen:  a)  an  einen  Ort  geknüpfte. 

b)  von  den  Gestalten  des  Volksglaubens  handelnde, 

c)  anknüpfend  an  die  Gestalten  der  positiven  Religion, 

d)  erklärende,  od  aetiologische  Sagen  (Legenden  und 

Erzählungen). 

3)  Epische  Gelänge  (  Heldengedichte,  Romanzen,  Balladen  u.  s.  w.| 


261 


L.  KATONA. 


IV.  Der  lyrische  Teil  der.  mündlichen  Volksüberlieferung,  u.  z. 

1)  Lieder,  Tanzlieder  und  Tanzsprüche; 

2)  Wiegenreime  und  Kinderverschen  (insoweit  dieselben  Bruch- 
stücke oder  Kern  von  1  sind). 

V.  '  Die  satirischen,  didaktischen  und  gemischten  Elemente  der 
mündlichen  Volksüberliefenuig.  u.  z. 

1 )  Spottverse,  Spott-  und  Neckreime. 

2)  Gereimte  Sprüche,  die  sich  an  Festtagsgebräuche  knüpfen 
(z.  Ii.  Hochzeitssprüdie  u  s.  w  ) 

8)  Gedenkverslein,  Spielreime  und  Lieder,  Auszähleverse. 
4)  Rätsel. 

VI.  Der  dramatische  Teil  der  mündlichen  Volksüberlieferung  : 

1)  Mysterien  und  Verwandtes  (geistliches  Volksdrama). 

2)  Weltliche  Volksdramen. 

3)  Volksunterhaltungen  und  Spiele  dramatischer  Form 

Es  ist  selbstverständlich,  dass  der  grösste  Teil  des  hier  Aufgezählten 
sich  von  den  anderen  Teilen  des  Studiums  der  Volksseele  kaum  trennen 
lässt,  und  in  fortwährender  Beziehung  steht  einerseits  zum  Mythos,  ander- 
seits zu  dem  Volkahrauch  und  zu  den  Erscheinungen  des  Volkxlbens 
überhaupt.  Nichtsdestoweniger  ist  eine  Prüfung  derselben  nach  ver- 
schiedenen Gruppen  und  in  einem  engeren  Zusammenhang»  innerhalb 
dieser  Gruppe1  nicht  blos  wünschenswert,  sondern  geradezu  unerliiss- 
lich;  vorerst  mit  Hinblick  auf  die  Metho  le,  welche  bezüglich  der  hierher- 
gehörigen Elemente  und  deren  Natur  entsprechend  überwiegend  litterar- 
h isto r/scA,  oder  sagen  wir:  philoloyUch  ist;  in  zweiter  L'nie  aber  weil, 
wie  schon  erwähnt,  die  Gegenstände  des  Folklorr  in  der  directen  oder 
indirecten  Berührung  der  Völker  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zum  heu- 
tigen Tage  fortwährend  wandern,  und  somit  auch  Gegenstände  einer 
der  wichtigsten  Hilfswissenschaften  der  Ethnologie  sind,  nämlich  der 
im  Übrigen  auch  selbständig  existenzberechtigten  vergleichenden  Lit- 
leraturforschung. 


Bihliofjraphie.  Topinuni,  1/ Anthropologie,  4.  Aull.  P.iris,  1HH4.  ./.  Iinnke, 
Der  Mensch.  Stuttgart,  1887.  —  Waitz,  Anthropologie  <ler  Naturvölker,  Leipzig 
1859  »»4.  4  B. ;  der  ö.  u.  6.  von  Gerland  1870—71.  H'tstian,  Der  Mensch  in  der 
Geschichte.  Leipzig  18GÜ.  Oers.  Das  Beständige  in  den  Menschenrassen.  .  .  . 
Berlin  1868.  Oers.  Ethnologische  Forschungen,  Jona  1871.  />«•#•»•.  Geographische 
u.  ethnologische  Bilder,  das.  1873.  Fr.  M  HUr,  Allgemeine  Ethnogruphio,  2  Aufl. 
Wien.  1879.  TescM,  Völkerkunde,  •">.  Aufl.  Leipz.  1881.  liat~,l,  Völkerkunde, 
Stuttgart  1887.  Tutor,  Researchos  into  tho  early  history  of  mankind  and  the  de- 
velopment  of  civilization.  2.  Aull.  London  187U.  Ihrs.  Primitive  culture :  resear- 
ches  into  the  developruent  of  mythology,  philosophy,  religion.  language.  .tri, 
and  custom.  2.  Aufl.  London  1H73.  Her*.  Anthropoiogy.  Introduction  to  the  study 
of  man  and  civilization,  London  IKtfl.  Hoychot,  Der  Ursprung  der  Nationen. 
Leipz.  1874.  Haation,  Allgemeine  Gruud/.üge  der  Ethnologie.  Berlin  1884.  Vir- 
choii-BiUtian-H'.irtm  tnn,  Zeitschrift  fiir  Ethnologie,  Berlin  seit  1869.  —  H  txtian, 
Beitrage  zur  vergleichenden  Psychologie,  Berlin  1868,  L'unrux-Steinthnl,  Zeitschr. 
für  Völkerpsychologie  und  Sprachwissenschaft,  Berlin  u.   Loipz.  seit  1859.  S. 

362 


by  CoOgt 


DIE  ALTEN  FOLKLORISTEN. 


besonders  1.  B.  1—73.  Vgl.  Herrn.  Paul,  Principien  der  Sprachgeschichte,  2. 
Autl.  Halle  188P,  Einleitung.  Ferner:  H'.  Hundt,  Über  Ziele  und  Wege  der 
Völkerpsychologie  (Philos.  Studien  IV,  1t— 27.)  Bastian,  Der  Volkorgodanke  im 
Aufbau  einer  Wissenschaft  vom  Menschen,  1881.  —  A.  Lany,  La  Mythologie. 
Trad.  par  L.  Parnientier.  Avce  une  preface  par  Ch.  Michel.  Paris  1886.  Bastian, 
Das  Religiöse  in  ethnolog.  Auffassung,  Jena  1871.  A.  Lanu.  Custom  and  Myth. 
London  1884.  Drrs.  Myth',  Ritual  and  Religion,  London  i887.  —  F.  Liebrecht. 
Zur  Volkskunde,  Heilbronn  1879.  Chamber«  Encyclopnedia :  »Folklore"  (Thoraas 
Davidson).  Pui/maii/re,  Folk-lore,  Paris  1885.  P.  Sibillot,  Le  Folk-lore  (Revue 
d'Anthropologio  XV,  290—302,  Paris  188G).  Gustar  Meyer,  Essays  und  Studien 
zur  Sprachgeschichte  und  Volkskunde.  Berlin  1885.  („Folklore"  145—162.) 
L.  Kulotui,  Zur  Litteratur  und  Charakteristik  des  magyarischen  Folklore:  I. 
Allgemeine  Char.  des  Folklore.  (Zeitschr.  f.  vgl.  Littoraturgesch.  u.  Renaißsance- 
Litteratur,  Neue  Folge  Band  I,  Heft  i.  Berlin  1887.)  Folk  Lore  Journal  Vol.  11: 
Folk-Lore  Terminology.  Id.  by  Alfr.  Kult  Vol.  Iii:  The  Science  of  Folk-Lore 
by  Charlotte  S.  But  ne.  Id.  by  G  L.  Gor.ime  Id.  by  IC  Sidney  Hnrtland.  Id.  by 
A.  Machado  y  Alrarez.  Vol.  IV:  Classification  of  Folk-Lore  by  Charlotte  S  Bunte. 
Principles  of  the  Classification  of  Folk-Lore  by  J  S.  Stuart  Glennie.  Folklore 
as  the  Cumplemeut  of  Culture-Loro  in  the  Study  of  History  by  J.  S  Stuart 
Glennie  The  Scienco  of  Folk-Lore,  with  Table*  of  Spirit  Basis  of  Brlief  and 
Custom  by  Captain  <'  T,  mjdc.  The  Journal  oi  Amerian  Folk-Lore.  Vol  I,  p. 
79:  Notes  and  Queries  (on  the  term  „folk-lore").  Boston  and  New- York  1888. 
—  Herbert  Spencer,  The  Classification  of  the  seionecs,  3.  Aufl.  London  1871. 
Hers.  Principles  of  Sociology,  London.  (D.  Übers.  Stuttgart  1877.)  Dets.  Ein- 
leitung in  das  Studium  der  Sociologie,  Leipz.  1875.  Gumjdotritz,  Grundriss  der 
Sociologie,  Wien  1885.  —  A  Hemnann,  Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn 
1887-92. ' 


Die  alten  Folkloristen. 

Von  Ch.  G.  Leland. 

Es  kommt  oft  vor,  dass  ein  Folklore-Sammler,  wenn  er  sich  unter 
Hauern,  Zigcun  rn  oder  dergleichen  befindet,  wo  allerlei  Märchen, 
Aberglauben,  oder  traditionelle  Materialien  im  reichsten  Überflusse  vor- 
handen sind,  nicht  weiss,  wie  er  anfangen  soll  etwas  abzuschreiben. 
Ich  möchte  andeuten,  dass  in  solchen  Fallen  manche  nützliche  Winke 
in  gewissen  alten  Büchern  zu  finden  sind.  Wie  der  englische  Dichter 
Chaucer  sagt:  „aus  alten  Feldern  schaßt  man  alle  Jahre  neues  Korn." 
So  zum  Beispiel  habe  ich  erfahren,  dass  wenn  man  einen  Zigeuner 
fragt:  „Wie  heisst  —  —  in  deiner  Sprache?*  der  Mann  sich  des 
Wortes  nicht  erinnern  kann.  Aber  wenn  wir  z  B.  ein  Wörterbuch  der 
hindostanischen  oder  gujeratischen  Sprache  vornehmen  und  die  Wör 
ter  nach  einander  vorlesen,  wird  er  bald  sagen :  „Ja,  Herr,  ich  kenne 
jenes  Wort'  —  und  wenn  er  es  nicht  genau  kennt,  wird  es  ihm  ein- 
fallen, dass  er  ein  ähnliches  kennt. 

Nehmen  wir  z  B.  so  ein  Buch,  wie  der  „Glücks  Topf,  welcher 
in  118  beschriebenen  abergläubischen  Zetteln  besteht,  von  M.  Johan- 
nes l'raetorius.  1609."  Dann  nehmen  wir  die  einzelnen  Capitel  vor 
und  fragen  z.  B.  „Hast  du  gehört  von  Reichtum  durch  Hahnrei- 
schaft V  Von  Kobold-Glück?  Von  Maurer-  und  Hunde-Glück?  Von 
Reichtum  durch  Finden  ?  Von  Stillschweigen  beim  Schatzgraben  ?u  u.  s.  w. 

258 


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CH.  O.  LELAKD 


So  kann  man  in  allen  Werken  von  Praetorius  z.  B.  sein  Anthro- 
podemus  Plutonicus.  1666.  sein  IHocksberge  Bericlxtung.  etc.  hunderte 
von  dergleichen  Beispielen  finden. 

Nicht  weniger  nützlich  ist  der  „Tractatus  de  Fascinatione*  von 
Johann  Christian  Fromann.  Nürnberg  1675.  In  diesem  Buche  findet 
man  1060  Seiten,  und  gewiss  auf  jeder  Seite  einen  Aberglauben,  der  dem 
Folkloristen  nützlich  ist.  Fromann  gibt  viele  interessante  Zauber-  oder 
Besprechungs-Formeln  der  Bauern,  doch  immer  unvollständig,  z.  B. 
Ad  dolorem  dentium  hanc, 

„Gott  uud  das  heilig  Klüt 

Sey  iür  meine  Zahne  gut! 

\v(  ich  Zähne  hoer  klagen, 

Will  ich  einem  von  Ualgenblat  sagen,  etc. 

Das  sey  dir  eine  wahre  ßuss  im  Nahmen"  etc. 

net  quae  al  a  ohnervanda  praeeipiuntur.  Sed  ea  nos  supprt'mimus." 
So  bei  Praetorius  und  vielen  anderen  alten  Schriftstellern.  Die  guten 
ehrlichen  Leute  scheinen  Angst  zu  haben,  dass  sündige  Leute  die  ver- 
dammten Zauber-Formeln  benützen  werden  Es  ist  zu  wünschen,  dass 
soweit  möglich,  die  Folkloristen  von  heute  diese  Formeln  vervollständigen . 
Denn  wie  Karl  Blind  bewiesen  hat,  manche  von  diesen  Formeln  sind 
uralt.  Es  existieren  noch  heute  in  Nord-Italien  hunderte  dergleichen, 
welche  ursprünglich  lateinisch  waren,  und  sogar  etruskisch. 

Noch  reicher  ist  der  Curiosus  Amuletorum  Scrutator,  von  Julius 
Ueiehelt,  Frankfurt  161)2,  ein  Buch  von  688  grossen  Seiten,  wo  man 
auf  jeder  Seite  mehrere  Aberglauben  findet.  Mit  solchen  Handbüchern 
kann  man  schnelle  Fortschritte  machen  Es  ist  nicht  lange  her,  seit  ich 
hier  in  Florenz  anfieng,  zu  fragen  von  r Hexen"  und  alten  Leuten,  ob 
sie  etwas  wüssten  von  Zaubermitteln  gegen  Krankheiten.  Es  gieng  sehr 
lamgsam.  Da  nahm  ich  die  hundert  Recepte  von  Marcellus  Burdiglensis 
vom  vierten  Jahrhundert,  und  fand,  dass  fünfzig  von  diesen  unter  den 
Leuten  noch  bekannt  sind 

Hier  in  Italien  sind  auch  die  christlichen  Zauber-Formeln,  welche 
an  Gott,  die  Dreieinigkeit  und  die  Heiligen  gerichtet  sind,  vielleicht 
alle  ursprünglich  heidnisch  gewesen  So  zum  Beispiel  will  man  glück- 
liche Träume  habun,  so  wendet  man  sich  an  Santo  Simeone,  der  früher 
gewiss  Somnone  und  Soranus  war  Wer  erkennt  nicht  in  Santa  Anna 
oder  Lu  San'Na.  die  Kinder  gibt,  die  Lucina? 

Ich  habe  dies  geschrieben,  weil  ich  merke,  dass  sehr  viele  talent- 
volle und  tüchtige  Sammler,  hauptsächlich  in  England  und  America, 
diese  alten  Quellen  nicht  besonders  in  Acht  zu  nehmen  scheinen.  Nach 
ihrer  Art  und  Weise  waren  Männer  wie  Heinrich  Fromann,  Grosius  und 
Praetorius  sehr  eifrige  Folkloristen,  und  sie  verdienen,  dass  man  ihre 
Bücher  benützt,  um  Neues  zu  sammeln. 

Florenz,  2   März  181)2. 


264 

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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOOTTLEN 


Kosmogonisehe  Sagen  der  Wogulen. 

Aus  dem  Volkskunde  aufgezeichnet  von  Dr.  liernhard  Munkäcxi 

VI 

Das  Lied  von  der  Erschaffung  der  Erde  und  des  Himmels. 

1.  Die  Erde  und  der  Himmel,  —  sie  formen  sich, 
sie  werden  erschaffen, 

Nach  XuV-äters  kleinsten  Sohnes  zum  Pfeilfahnekleben  gebrauchten 
silbernen  Leimkessels  Grösse 
5.  wird  erschaffen  der  Ober-Himmel  {Numi-  7W»i),  unser  Vater. 
Nach  XuV-äter*  kleinster  Tochter 
silbernen  Spindelring»  Grösse 
wird  erschallen  [die  Krustige-Erde,  uusere  Mutter.] 

* 

Krustige-Erde,  unsere  Mutter 
10.  füssigeischaffenen  nissigen  Kahn 

hinaufsendet  [in  den  Himmel,  lässt  sagen:] 
„Erschaffen  sind  wir  also  erschallen; 
[aber]  ohne  von  Speisen  sich  nährenden  Menschen 
kann  ich  nicht  leben    (zu  sitzen  reicht  meine  Kraft  nicht  aus.)" 

* 

15.   Dieser  fiissigerschaffene  lässige  Kulm 
gelangt  oben  an,  [sagt  dies  :J 
„Krustige-Erde.  unsere  Mutter 
ohne  von  Speisen  sich  nährenden  Menschen 
kann  nicht  leben." 

* 

IXumi-Ttirdm  Vater  antwortet :| 
20.   „Du,  wenn  du  bald  hinabgelangst. 

mit  lebendiger  Schlangengerte, 

drei  Mal  geschehend, 

peitsche  die  Mutter,  Krustige-Erde ! 

Auf  zwei  Klaftern  des  weitklafternden*)  Menschen 
25.   wird  sich  ausbreiten  (entfalten)  das  Erdchen: 

ihr  von  Speisen  sich  nährender  Mensch  wird  von  dort  erschaffen 

\\  erden, 

Äamt'-Frau,  die  Mutter  wird  von  da  erschallen  werden, 

aus  einem  Mutterleibe  wird  sie  sieben  Sprossen  gebären  (schütten)." 

* 

Jahre  zählend,  sieben  Jahre  hindurch, 
HO.  Jahre  zählend,  drei  Jahre  dindurch 
schaukelt  die  Jungen  der  Wind. 
Obengehenden  geflügelten  Kahn 

♦)  Mit  ausgespannten  Armen. 


255 


DR    BERNHARD  MUNKAC8I 


[Krustige-Erde  Mutter  mit  der  Botschaft)  hinaufsendet: 
..Den  von  Speisen  sich  nährenden  Menschen 
35.  haben  wir  also  ersehaffen ; 
aber  jetzt  einen  essbaren, 

seinen  Herzzipfel  [füllenden]  schmackhaften  Bissen 
woher  wird  er  nehmen?" 

Der  Mann  (d.  h.  Numi-Türem),  nachdem  er  lange  Zeit  gesessen, 

[also]  spricht: 
40.   rBald  an  des  unten  sich  ausbreitenden  (sitzenden) 

dichten  Rottannwaldes  Gelände 

werde  ich  die  sieben  kalbige  Rentierkuh  herablassen, 

das  Kuhkalb  und  das  Stierkalb  werde  ich  [dorthin]  herablassen, 

das  gescheckte  Rentierkalb  mit  seiner  Mutter 
45.  auf  die  dort  sich  ausbreitende  stierzungenbreite  Moorfläche 

werde  ich  herablassen 

Ihr  von  Speiden  sich  nährender  Mensch 

auf  seinen  Herzzipfel  den  schmackhaften  Bissen 

von  da  sich  verschaffen  möge!" 

* 

50    Der  Aeimi-Frau  Mutter  unserer, 
Sieben  Söhne  eines  Mutterleibes,  — 
die  Männer  wachsen. 

Nach  des  unten  gehenden  füssigen  Tieres 
Herzen  sie  streben, 
55.  nach  des  oben  fliegenden  geflügelten  Tieres 
Herzen  sie  jagen. 
Unten  gehendes  füssiges  Tier 
blieb  nicht, 

oben  gehendes  geflügeltes  Tier 
60.  blieb  nicht. 

Krustige-Erde,  unsere  Mutter 
mit  Schwingen  erschaffenen  beschwingten  Boten 
hinauf  [in  den  Himmel]  wieder  sendet. 
Mumi-Tärem  mein  Vater  lange  Zeit  sitzend, 

65    später  [dies]  spricht: 

„Wenn  irgend  welche  Männer  entstanden  sind: 
auf  dieser  von  Männern  betretenen  Männer-Gegend 
was  machen  sie? 

Auf  dieser  von  Weibern  betretenen  Weiber-Gegend 

70.  was  machen  sie?  — 

Wenn  irgend  welche  Männer  entstanden  sind : 
in  männererzeugender  Männer-Gegend 
hügligen  Wandel-Wald, 
in  weibererzeugender  Weiber-Gegend 

2&Ö 


- 


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KOSMOGONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


75.  hügligen  Wandel- Wald, 

dahin  mögen  sie  gehen  zu  suchen  (das  Wild)!a 

* 

Die  Männer  hören  dies  Wort, 

halsriemige  viele  Felleisen 

sie  verfertigen; 
80.  mit  gutem  Glückvertrauen 

auf  den  Weg  sie  sich  machen. 

Lange  gehen  sie,  kurze  Zeit  gehen  sie, 

sie  setzen  sich  nieder. 

Der  beiden  jüngsten  Männer 
85.  jähzornigen  Wesens  wegen 

der  Seidensehne  zitternder  Ton  erscholl. 

Der  älteste  Mann  blickt  nach  rückwärts, 

spricht:  „He,  Männer,  was  macht  ihr?! 

der  grimmlosen  Erde  Grimm  ihr  macht!" 
90.  Sie  gehen  weiter. 

Lange  oder  kurze  Zeit  gehen  sie: 

die  beiden  jüngsten  Männer 

ein  dort  liegendes  Baumwurzelstück 

von  hier  beschiessen:  [der  Pfeil]  dringt  durch  dasselbe, 
95.  von  da  sie  beschiessen:  [der  PfeilJ  dringt  durch  dasselbe. 

Der  älteste  Mann  wieder  spricht: 

„Was  macht  ihr?! 

der  grimmlosen  Erde  Grimm  ihr  macht!" 

Die  Männer  gehen  weiter;  da  einmal 
100.  in  ein  spärlich  bewaldetes  Wassergebiet 
sie  gelangen  (gehen) 
in  ein  bewaldetes  Landgebiet 
sie  gelangen  (erscheinen). 

Sie  gehen  binab  zu  des  Lous-Gebietes  Flussteich ; 

105.  eisenbrüstige  sieben  Taucherenten 

schlagen  dort  mit  ihren  Hügeln  [auf  dem  Wasser], 
eisenbrüstige  sieben  Taucherhühner 
seh  lagen  dort  mit  ihren  Flügeln  [auf  dem  Wasser]. 
Sie  tauchen  unter; 

110.  bis  ein  eisiger  Fisch  im  Kessel  [kocht1,  so  lange  Zeit 
verweilen  sie  unten  [und  dann]  tauchen  sie  empor. 
Bis  ein  eisiger  Fisch  im  Kessel  [kocht],  so  lange  Zeit 
schlagen  sie  oben  [auf  dem  WasserJ  mit  ihren  Flägeln.  — 
Sie  (die  Männer)  zwischen  bergendem  Gras  schleichend  nähern  sich 

ihnen. 

115.  Der  älteste  Mann  spricht: 

„Bis  ich  meinen  Bogen  nicht  herablasse, 
bis  ich  meinen  Pfeil  nicht  loslasse, 

S67  it 


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DB.   BERNHARD  MÜNKAC8I 


kein  Mensch  sei  [der  seinen  Pfeil  abschiesse]  !u 

Der  älteste  Mann  auf  die  Mitte  (den  Bog)  seines  Bogens 
120.  seinen  dreikantigen,  silbernen  Angelpfeil  legt. 

Den  Bogen  spannt  er.  —  Bis  ein  eisiger  Fisch  im  Kessel  [kocht], 

richtet  er  den  Bogen. 

Der  beiden  jüngsten  Männer 

jähzornigen  Wesens  wegen 
125.  der  Seidensehne  zitternder  Ton  erscholl. 

Die  eisenbrüstigen  sieben  Wasserhühner 

von  des  silbernen  Angelpfeiles  Spitze 

werden  nur  gestreift  — 

Dir  älteste  Mann  spricht: 
130.  „Was  macht  ihr?! 

auf  die  seuchenlose  Erde  habt  ihr  Seuche  gelassen, 

auf  die  krankheitslose  Erde  habt  ihr  Krankheit  gelassen  !* 

Wasserreich  mündende  sieben  Flüsse 

die  blutigen  sieben  Wasserhühner 
135.  entlang  eilen. 

* 

Die  Männer  gehen  weiter. 

Lange  oder  kurze  Zeit  sie  gehen, 

in  ihre  «/tfx-tomew-benachbarte  Burg 

sie  zurückkehren,  sie  gelangen  heim. 
140.  Kamt'-Frau,  ihre  Mutter 

einen  für  eine  Stadt  selbst  nicht  sich  erschöpfenden  grossen  Kessel 

hinstellt  [zum  HirsenbierkochenJ. 

Drei  Nächte,  drei  Tage  hindurch 

zecht  das  Volk. 
145.  Dem  ältesten  Manne 

berauschtes  Menschen  Rausch 

nicht  konnte  kommen 

betrunkenes  Menschen  Trunkenheit 

nicht  konnte  kommen. 
150.  Zu  Teich-Fürsten  Tochter, 

seiner  Gattin  heim  er  geht,  tritt  zu  ihr  ein, 

spricht:  „Betrunkenes  Menschen  Trunkenheit 

konnte  [mir]  nicht  kommen; 

höre  Frau,  geh  nur  hinaus, 
155.  an  der  Sonne  gedörrte  drei  giftige  Blätterschwämme 

bring  herein!"  —  Sie  antwortet: 

„In  deiner  Verrücktheit  vielleicht  deines  Vaters  Blut 

begehrtest  du  zu  trinken, 

in  deiner  Verrücktheit  vielleicht  verwandtes  Blut 
1 60.  begehrtest  du  zu  trinken?!" 

Jener  spricht:  „Mich,  den  mit  zwei  Gürteln  umgürteten  Mann, 
bis  ich  nicht  in  Zorn  kam,  warum  hast  gereizt?! 

366 


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KOSMOOONISCHE  SAGEN  DER  WOGULEN. 


Wenn  ich  in  meiner  Verrücktheit  meines  Vaters  Blut 
begehrt  habe  zu  trinken,  frage  ich  dich?! 
1 65.  Dich  frage  ich  nicht. 

Jetzt  an  der  Sonne  gedörrte  drei  giftige  Blätterschwämme 
Frau,  bring  herein!" 

[Die  Frau  die  Blätterschwämme]  vor  ihn  hinwirft; 
in  seinen  Mund  mit  dem  Zwischenraum  von  zehn  Bärenzähnen  [tuend] 
1 70.  kaut  er  dieselben, 

und  berauschten  Mannes  Rausch  kommt  [ihm.] 

* 

Die  rottannhölzerne  grosse  Türe 
bricht  jemand  ein. 

n  He,  Onkel,  des  berauschten  Menschen  Rausch 
I  75.  auf  später  lass! 

Von  nordischer  Gegend  her,  von  da  hervorflog 
rotsteissiger  Amseln  [Schaar]; 

die  zur  Zeit  deines  wachsenden  Mannes- Wachstums  (d.  h.  Kinderzeit) 
von  dir  aufgestellten 
180.  silberköpfigen  sieben  Säulen 
hat  sie  ganz  bedeckt.*  — 
.Mit  des  berauschten  Mannes  Rausch 
habe  ich  dazu  keine  Kraft ; 

meines  Vaters  zwei  lieben  Sprossen  (meinen  zwei  Brüdern)  Kunde 

hievon  bringet!" 

* 

185.  Die  rottannhölzerne  grosse  Türe 
wieder  man  öffnet, 

»He,  Onkel,  des  berauschten  Mannes  Rausch 
lass*  auf  später! 

Die  zur  Zeit  deines  wachsenden  Mannes-Wachstums 
1 90.  von  dir  aufgestellten 

silberköpfigen  sieben  Säulen 

hat  rotsteissiger  Amseln  [Schaar] 

ganz  bedeckt,  ganz  im  Kreise  umringt.' 

* 

Der  Mann  spricht :  «Meinen  zum  Kampf  bestimmten, 
1 95.  mit  Kinnstück  versehenen,  feinem  Haare  undurchdringlichen  [klein- 
ringigen]  Panzer 

bringt  her!* 

Seine  Rede  hat  er  noch  nicht  geendigt, 
und  [den  Panzer]  brachte  man  ihm 

Seinen  Rentierhaaren  undurchdringlichen,  feinen  Haaren  undurch- 
dringlichen 

200.  mit  Kinnstück  versehenen  Panzer  zieht  er  an  (giesst  er  sich  an). 
Den  einen  Stiefel 

in  des  töchterreichen  Hauses  Mitte,  drinnen  zieht  er  an, 

2*9  lft» 

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DR    BERNHARD  MÜNKACBI 


den  anderen  Stiefel 

in  des  söhnereichen  Dorfes  Räume,  draussen  zieht  er  an. 
205.  Sein  kleinspitziges  Stahlschwert 

reiset  er  mit  sich. 

Auf  sein  Ross  schwingt  er  sich ; 

dem  abgezogenen  Heere 

eilt  verfolgend  der  Mann  nach. 
210.  An  den  Rand  dichten  Gelsenschwarmes 

gerfit  der  Mann. 

Sein  Ross  [wie  einen]  dort  liegenden  modrigen  Baumstrunk 

hin  stösst  er; 

dies  abgezogene  Heer 
215.  untergehendem  Monde  gleich 

taucht  er  unter  sich, 

aufgehendem  Monde  gleich 

lässt  er  vor  sich  aufgehen. 

Über  das  aufgehende  Heer  (als  Haupt) 
220.  stellt  sich  der  Mann. 

Über  das  aufsteigende  Heer 

gerät  der  Mann. 

Wohin  er  sich  wendet:  dürres  Gras  wie  er  zerknittert, 
so  zerknittert  er  sie; 
225.  wohin  er  sich  wendet:  [in  den  Reihen  der  Feinde]  eine  Gasse 

hauend  schreitet  er  vor. 

Einmal  an  seinem  rechten  Bein 
etwas  sich  hinschleppt. 
Als  er  hinblickt : 

so  ist  es  der  Teich-Fürsten-Mann,  sein  Schwiegervater, 

230.  der  ist  es,  der  sich  an  sein  rechtes  Rein 
hingeklammert  hat. 

„Schwiegersohn,  lebendiges  Menschen  Gut 
ist  alles  dein:  nur  deine  Wut  (Taumel)  auf  das  erstandene  Heer 
besänftige!  —  Blick'  hinab, 
235.  in  Männer  Blut  bis  ans  Knie 
watest  du,  Mann, 
bis  zur  Männerhüften  Höhe 
schwimmst  du,  Mann. 

Deine  Wut  über  das  sich  erhobene  Heer  besänftige, 
240.  totes  Menschen  Gut  ist  alles  dein." 

Er  besänftigte  ihn;  dem  Teich-Fürsten,  seinem  Schwiegervater 

folgte  er. 

Er  gieng  zurück,  stiess  ansein  Ross; 

[dies]  erhob  sich,  er  bestieg  es,  und  gieng  heim. 

In  seine  Burg  zu  Jäx-tumen  gelangte  er  heim. 

* 

860 


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KOSMOGONISCHK  SA« EN  DER  WOGULEN. 


245.  Kami'Fr&Uy  seine  Mutter  geht  draussen  herum. 

„Söhnchen,  als  ich  dich  gebar, 

gleich  zwei  soeben  sich  rötenden  Espenblättern 

waren  deine  beiden  Wangen: 

jetzt  aber  wie  sich  häutende  Birkenrinde 
250.  wie  wurdest  du  so  bleich?" 

„Aber  Mutter,  woher  weisst  du  es, 

dass  ich  bis  ans  Knie 

in  Männerblut  watete?" 

* 

Er  kommt  heim,  tritt  ins  Haus,  spricht  [soj: 
255.  „Auf  eine  Woche  des  Monats 

in  die  sieben  Dickichte  des  bereiften  Waldes 
lasset  mich! 

Bei  Menschen  habe  ich  einen  mir  gleichen  Helden 
nicht  gefunden." 

260.  Seinen  für  Rentierhaare  undurchdringlichen,  für  feine  Haare  un- 
durchdringlichen, 

mit  Kinnstiick  versehenen  Panzer  zieht  er  an : 

sein  dem  Menschen  furchtbares,  harzbrand färbiges  (schwarzbraunes) 

Bärenhaar,  daraus  entsteht  es. 

Sein  kleinspitziges  Stahlschwert 
265.  in  vier  Stücke  bricht  er: 

in  seinen  Mund  mit  dem  Zwischenraum  von  zehn  Bärenzähnen 

steckt  er  es,  zerkaut  es: 

seine  dem  Menschen  furchtbaren,  den  Tieren  furchtbaren 
rötlichen  vier  Bärenaugzähne  daraus  entstehen. 
270.  Seinen  schwarzeisernen  Pfeil(?)köcher 
zertrümmert  er, 

in  seinen  Mund  mit  dem  Zwischenraum  von  zehn  Bfirenzähnen  (tuend) 
zerkaut  er  ihn : 

seine  dem  Menschen  furchtbaren  harzbrandfärbigen  (schwarzbraunen) 

275.  zehn  Krallen  daraus  entstehen. 

* 

Als  er  in  des  bereiften  Waldes  Dickicht 
gieng,  spricht  er  [so]: 

.Falschen  Eides  halber  man  mich  nicht  citiere  (herschleppe), 
wahren  Eides  halber  man  mich  citiere! 
280.  Wenn  man  falschen  Eides  halber  mich  citiert: 

[den  Schwörenden]  wie  eine  Mütze  reisse  ich  in  Fetzen, 
wie  einen  Handschuh  reisse  ich  in  Fetzen." 


261 


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DEUT8CHE  WIEGENLIEDER  AUS  DOBSINA. 


Deutsohe  Wiegenlieder  aus  Dobsina*) 

OberuDgarn,  Gömörer  Comitat. 

L 

Schlof,  Sasel,  schlof! 

Dai  Vöter  hitt  di  Schöf, 

Dai  Motter  es  a  präva  Diern, 

Di  muss  en  Bloch»)  di  Kiapel'j  schraiern. 

U. 

Schlof,  Süsel,  schlof! 

En  Goaten  Wft»)  a  Schöf, 

As  hot  zwa  beisza1)  Fissel 

Mandelkeaner,  Nessel,4) 

A  Holbchen  Bain6)  und  Zucker  drain, 

Dos  bit1)  Süsels  Papchen  sein 

III. 

Schlof,  Suael,  long, 
Der  Tod  setzt  af  der  Stong,*) 
Ear  hot  an  beiszen  Kittel  ön, 
Ear  bell9)  unser  Süsel  hon. 

IV 

Haja,  bubaja! 

Übers  Joar  draia, 

Übers  Joar  noch  a  Poar, 

Geht  di  Big10)  hear  und  doar.u) 

V. 

Haja,  bubaja! 
Geh  heg1*)  von  der  Thir, 
Mai  Mön  es  schond  komroan, 
Er  schläft  schond  pai  mir. 

Aufgezeichnet  von  Samuel  Klein.**) 


*)  Die  Bewohner  dieser  alteu  deutschen  Bergstadt,  in  deren  Weichbild  «ich 
die  unvergleichliche  wundervolle  Eishöhle  befindet,  sprechen  einen  eigent am) icheti  Dia- 
lekt, den  besonders  das  b  für  gemeindeutsches  w  charakterisiert. 

«I  Walach  beiBst  der  gewöhnlich  slovakisebe  Schuferknecht  (Auch^bei  den 
Siebenburger  Sachsen :  Bloch.)Woldchy  nennen  sich  die  gr.  orientalischen  Rutbenen  in 
der  Bukovina.  Die  Dobsinaer  nennen  die  Slovaken  „binduseba  Lait"  als  Reminis- 
cenz  uraller  Berührung  mit  den  Wenden. 

»)  Bundschuh  slav.  krpei.  »)  läuft.  *,  weisze  •)  Haselnüsse  •)  Wein.  ')  wird. 

•)  Die  Stange  hängt  gewöhnlich  ,  überm  Kachelofen  von  'den  Tragebalken 
beiab  und  ist  zum  Aufhtingm  von  Gespinst,  Kleidern  udgl.  bestimmt. 

•)  will.        Wiege     •»,  her  u.  hin.    »»)  weg. 

*•)  Prof.  Klein  in  Dobsina  ist  ein  eifriger  Sammler  auf  dem  Gebiete  Dob- 
sebauer  Volkttums,  und  selbst  ein  berufener  Dichter  im  lokalen  Dialekte,  mit  gros- 
sem Geschicke  besonders  die  Grubensagen  jener  Gegend  bearbeitend. 

362 


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ADOLF  HANDMANN. 


Der  todte  Reiterbursche.*) 

Magyarische  Volksromanze. 

Schmucken  Reiter  warfen 
Wilde  Mordgesellen 
Seines  Gelds  und  Pferdes  halber 
In  den  Strom,  den  schnellen. 

Nicht  doch  litt's  die  Welle, 
Warf  ans  Land  ihn  schnelle; 
Kam  ein  Schifferknecht  und  breitet1 
Ihn  aufs  Kahngestelle 

Kommt  die  Mutter  gangen, 

Ruft  ihn,  ruft  voll  Bangen: 

„Sohn,  mein  Sohn  1  steh'  auf,  komm  deiner 

Mutter  Herz  umfangen. tf 

„„Kann  mich  nicht  erheben, 
Hab'  kein  Fünkcheu  Leben: 
Eisstarr  mir  die  schwarzen  Locken 
An  dem  Nacken  kleben.8" 

Kommt  der  Vater  gangen, 

Ruft  ihn,  ruft  voll  Bangen : 

„Sohn,  mein  Sohn!  steh'  auf,  komm  deines 

Vaters  Hals  umfangen." 

„„Kann  mich  nicht  erheben, 
Hab*  kein  FUnkchen  Leben : 
Eisstarr  mir  die  Sporenstiefel 
An  den  Füssen  kleben."" 

Kommt  sein  Täubchen  gangen, 

Ruft  voll  Glutverlangen: 

.Lieb,  mein  Lieb!  steh'  auf,  komm  deines 

Rösleins  Herz  umfangen.' 

„„Will  mich  gleich  erheben, 
Röslein,  fühl'  noch  Leben: 
Liebe,  treue,  hat  mir  neue 
Lebenskraft  gegeben!*" 

Adolf  Handmann. 
*)  Aua  der  Bakonygegend.  Vgl.  Ethnol.  Mitt.  I.  Sp.  48—49. 


SPLITTER  UND  SPÄNE. 


Splitter  und  Späne. 

Ethnographische  Ausstellung.  Bei  Gelegenheit  der  Nationalausstellung  1895. 
wird  in  Budapest  auch  eine  ethnographische  Ausstellung  in  grösseren  Masstabc 
veranstaltet,  deren  Objecto  hoffentlich  in  einem  Landesmuzeum  für  Volkskunde 
dauernd  beisamen  bleiben  und  nicht  verzettelt  werden,  wie  die  ethnographischen 
Gegenstände  früherer  Ausstellungen. 

Der  Bdrtfaer  Roland.  In  der  archäologischen  Sammlung  der  Zipser  Stadt 
Bärtfa  (Bartfeld)  befindet  sich  eine  geharnischte  Figur,  mit  Panzer  und  Helm,  ein 
entblösstes  Schwert  in  der  Hand;  am  Helme  ist  ein  Loch  sichtbar.  Keine  Chronik 
der  Stadt  weiss  etwas  über  dieses  Museumstück  zu  berichten,  doch  haben  sich  aus 
späterervZeit"8agen  erhalten,  welche  Bezug  auf  diese  offenbare  Rolands-Säule  haben 
Roman,  ein  groser  Räuber  soll  vom  Könige  amnestiert  die  Stadt  erbaut  haben.  Der 
damals  in  Gebrauch  gekommenen  Feuerwaffen  spottend,  zog  Roman  seine  Eisenrüstung 
an,  und  Hess  die  Feuerrohre  auf  sich  richten.  Eine  Kugel,  die  den  Helm  durchlö- 
cherte, strafte  diese  Verwegenheit  mit  dem  Tode.  —  Die  Bärtfaer  werdeu  von  ihren 
Nachbarn  in  Szeben  und  Eperjes  Rimini  gespottet.  Rimanow  ist  der  Name  eines 
jener  Spiessgesellen  Axamiths,  welche  Bärtfa  zur  Zeit  Giskras  brandschatzten.  AU 
in  den  Wirren  und  Drangsalen  der  Thronfolge-Kriege  die  Bärtfaer  von  den  Hussiten 
viel  zu  leiden  hatten,  tauchte  vielleicht  das  Andenken  des  ursprünglichen  Roland  in 
Vergessenheit,  und  der  Giskraische  Roman  trat  an  die  Stelle  desselben.  Auf  diese 
Weise  Messe  Bich  die  Sage  des  „Roman*  und  der  .Spottnamen  „Rimini"  der  Bartfelder 
erklären.  (Vgl.  Ethnographia,  1892,  1.  Heft  )  Mitgeteilt  von  Dr.  Albert  Szildgyi. 

Der  Mund  als  Portemonnaie.  Zur  Mitteilung  auf  S.  104.  Die  Somali-Kinder 
in  Aden  springen  scharenweise  ins  Meer,  um  ein  Penny-stück  herauszuholen.  Der  es 
erhascht,  weist  es  triumphierend  auf  und  steckt  es  dann  in  seine  natürliche  Börse : 
den  Mund.  (Statt  Conzeubach  ist  Gonzenbach  zu  lesen.) 

Von  der  Türken  Zauber  ey  gegen  die  flüchtigen  Schiaren.  Sie  haben  eine  Art 
der  Zaubcrey.  dadurch  sie  die  fliehenden  Schlaven  wider  ihren  Willen  zurücke 
bringen.  Sie  schreiben  des  Schlaven  Nahmen  auff  ein  Z»ttelchen,  und  h engen  da« 
auff  in  seiner  Wohnung:  darnach  fahren  sie  heraus  mit  greulichen  Worten  und 
Flüchen  auff  seinen  Kopff:  Worauff  es  geschieht  durch  Wirkung  des  Satans,  dasz 
der  flüchtige  Schlave  nicht  anders  vermeynet,  als  ob  ihm  ein  Löwe  oder  Drache 
entgegen  komme,  oder  ob  die  Wellen  und  Ströme  des  Meeres  sich  sehr  erheben, 
oder  ob  es  gantz  finster  werde;  wofür  er  dermassen  erschrickt,  dasz  er  durch  den 
Schrick  zurück  getrieben,  wieder  zu  seinem  Herren  kompt. 

Joban  Sommers  Wasser  und  Landreise.  Gethan  nach  der  Levante  (1641  42.) 
—  Aus  dem  Niederländischen.  Amsterdam,  1664,  S  96.  — 


Druckfehler-Berichtigung. 

Ethnologische  Mitteil.  a.  Ung.  II.  Jahrg.  1891.  I — V.  Heft. 

Seite  100,  4.  Zeile  von  unten,  statt  :  „dass  sio  krank,  die  arme" 

zu  lesen:  „dass  sie  kränk'  die  Armen.u 
„    101,  23.  Zeile  von  oben,  statt:  „Lass'  mich  fert'gen" 

zu  lesen:  „Lass'  euch  fert'gen." 
„      i,    34.  Zeilo  von  oben,  statt :  „Dammflut  spüle  dir  weg" 

zu  lesen:  „Dammflut  spül7  von  dannen." 
VI— I  UI.  Heft 

Seite  182.  Zeile  19.  statt  Volkversammlung  1.  Vollversammlung. 
192.     „     11.  statt  an  das  1.  an  den. 
„     192.     „     32.  statt  SeheUucht  I.  Schelsucht 

192.  „  38.  lies:  . Texte  durch  gütige  Vermittluung  der  Frau  Reich-Neu- 
haus in  Pancsova.  (ibersetzt  von  A.  H 


264 


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Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn. 

Mit  dieser  Lb-fexuag  schüesst  der  IL  Bd.  Ich  werde  mich  bestreben,  auch 
Tom  ersten  Band  (1387—89)  das  abschliessende  vierte  Heft  (in  4°)  in  Balde  her- 
auszugeben Bezüglich  der  Weiterführung  dieser  Zeitschrift  kann  ich  gegenwärtig 
keine  Zusage  machen.  Meine  Kräfte  sind  erschöpft  Das  gänzliche  Fehlschlagen  eines 
gemeinnützigen  socialen  Unternehmens  hat  mich  schwer  geschadig:.  Die  einziee 
materielle  Unterstützung,  die  meiuer  Zeitschrift  zugesagt  worden,  (einmalige)"  :JOO  fl., 
welchen  Betrat  die  Gesellschaft:  für  die  Völkerkunde  Ungarns  auf  Grund  der  Statu- 
ten in  Otters  wiederholten  rechtskraftigen  Beschlüssen  an  Subvention  für  die  Kthno- 
lojrischen  Mitteilungen  hIs  Anzeiger  der  Gesellschaft  vot  ert  hatte,  ist  unter  den 
nichtigsten  Vorwiinden  strittig  gemacht  worden.  Dio  Kveoruaütiit  eint-s  Arrangements 
mit  dieser  Gesellschaft  erscheint  also  für  die  Zukunft  ausgeschlossen,  nbwol  im  Falle 
den  Weitererseheinons  dieser  Zeitschrift  selbstverständlich  die  Tätigkeit  des  genann- 
ten Vereines  auch  fürderhin  in  erster  Reihe  Berücksichtigung  rinden  wird. 

Doch  ist  Aussicht  vorbanden,  dass  das  Zusammentn  tf'en  einiger  n  cht  unbe- 
rechtigt erhoffter  günstiger  Umstände  das  Forterscheinen  dieser  Zeitsehnlt  ermögli- 
chen wird.  Sie  "ird  in  diesem  Kalle  zweimal  monatlich  je  einen  Bogen  stark  aasge- 
geben, jährlich  2  fl  kosten  und  die  Zigeunerkunde  besonders  berücksichtigen. 

Budapest,  20.  Dezember,  1S92.  Der  Herausgeber. 

Publicationen  zur  Völkerkunde  Ungarns  u.  b.  w.  Ethnologische  Mitteilun- 
gen aus  Ungarn,  1.  Bd.  A  Hefte.  4"  80  Bogen  Preis  4  fl.  Ii.  Bd.  lo  Hefte  H°,  17'/, 
Bogen,  2  fl.  Cornea  Ge'za  Kuun,  Rclationum  Hnngaroium  cum  Oriente  genti- 
busque  orientalis  originis  bistoria  antiqnissin  ».  Bde,  ;>«•  Bogen,  fl  A.  Herr- 
mann, Beiträge  zur  Vergleichung  der  Volkspoesie,  Mit  Musiknoten.  1  11.  --  H,  v. 
Wlislockii  Zauber- u.  Besprechuogsformeln  der  Zigoune  ,  ?>i)  kr.  Über  d-n  Zaube  mit 
Körperteilen  bei  den  transsilvanischen  Zigeunern,  30  kr.  Dr.  Fr.  S.  Kraust,  Das 
Burgfräulcin  von  Pressburg.  Hr.  t*.  Schulenburg.  Die  Frau  bei  den  Südslaven. 
J.  t\  Asboth,  l>as  Lied  von  Gusinje.  50  kr.  -  Krauss,  Asboth,  Thalloczy,  Küd- 
slavipches,  i<>  kr  — Zu  beziehen  direkt  vom  Herausgeber,  Anton  Herrmann,  Budapest^ 
I.  Aitila-uUza,  47.  oder  von  der  Buchdr uckerei- Actiengesellschaft  „Közinüveljdcs"  in 
Kolozsvdr. 

Inhalt  der  „Ethnographia*  1892  III.  Jahrgang  l.  Heft.  Januar.  Theodor 
Lehoczky,  Deutsche  Colonion  im  Bereger  Comitat.  —  Dr.  Albert  Szilagyi,  Her 
Bärtfaer  Roland.  —  Samuel  Kurz,  Hochzeit  der  HienzMi  —  Dr.  Heinrich  v. 
Wlislocki,  Siebenbürgis  h-shchsischo  Kinderspiele.  —  Ludwig  Barö'i,  Deutsche  Volks-' 
bailaden  am  Südungarn  —  Dr  Äron  Kiss,  Deutsche  Kinderspiele  aus  Siebenbür- 
gen. —  Julius  Kirczäk's  Brief.  —  Sforzina.  Fiumaner  ttalieniscbes  Volkslied.  — 
Inländische  und  ausl.  Litteratur.  —  In-  u.  ausländische  Zeitschrüton.  —  Fragen  und 
Antworten. — Aus  Zeitungen       Vermischte  Mitteilungen 

II— HI.  Heft,  Februar,  März  Dr.  H.  Wlisloeki,  Orakelticre  im  Kalotaszeger 
Volksglauben.  —  Josef  Mar  ton,  Pflanzennamen  in  der  Volkssprache.  —  Dr.  Samuel 
Veres,  Alte  Volksarzneikundo  —  Josef  Nagy,  Volkstümliche:»  v  tn  Hogyhat.  — 
Dr.  Johan  S.  Koväcs,  Volksbrauch  in  der  Repczegegend.  —  Ludwig  Kalmanv,  Ma- 
gyarische Sindflutsagen.  —  Valentin  Bellosics,  Beitrüge  zur  magyarischen  Volks« 
pot-sie.  Wendische  Volkslieder.  —  Kristot  Szongott,  Siehenbürgiaeh  armenische  Volks- 
märchen. —  Paul  Kiraly,  Becs.  —  Dr.  Johan  Janko,  Unter  den  Wotjaken.  —  A.  IL 
Slovakische  ethnographische  Ausstellung.  -  Wolfgang  Farkas,  Beiträge  aus  Gerichts- 
akten zum  Aberglauben  im  Altöld.  —  Dr.  A.  Kiss,  Besprechung.  —  Vereinsange- 
legenbeiten.  —  In- und  ausländische  Litteratur  -  Io-u  auslrindi «che  Zeitschriften.  - 
Verschiedene  Mitteilungen.  —  Programm  des  am  27.  März  1892  von  Julius  Käldy  . 
veranstalteten  historischen  Konzertes,  mit  den  Texten  alter  magyarischer  Volkslieder 
aus  dem  17-18.  Jahrhundert. 

IV--V.  Heft.  April-Mai.  Alexander  Körösi  und  Ludwig  Czink,  Beiträge  zur 
Ethnographie  Frames.  -  Vereinsawgelegenheiten.  -  In- u.  ausländische  Litteratur  — 
In-  u.  ausländische  Zeitschriften. 

VI.  Heft.  Juni.  Aufruf  an  die  Anhänger  und  Freunde  der  Volkskunde.  -  Otto 
Herman,  Die  Fischerei  als  UrbeBchäftigung  und  ihr  Verhältnis  zur  Ethnographie.  - 
Dr.  Aurel  Török,  Die  Anthropologie  in  der  Ethnographie.  —  Bela  Vikär.  läger- 
traditionen  der  Finnen.  —  Engen  Binder,  Bemerkungen  zum  Aufsatz  „Übei  den 
Einfluss  der  Gest»  Romanorum  auf  die  ungarische  Volksdichtung."  —  IV.  General- 
versammlung der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns.  —  In-  u  ausländische 
Litteratur.  —  In-  u.  ausländische  Zeitschriften.  —  Vermochte  Mitteilungen. 


ngen. 

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\ 


Inhalt  der  Ethnologischen  Mitteilungen  au»  Ungarn,  zugleich  Anzeiger 
der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns.  II.  Band.  IX— X.  Heft 

(Sellins».) 

Deutsche  Volkspoesie  in  Ungarn 

A.  Norduntfarn,  Hor-egor  Comitat,  1— 16, vonTheodorLehoczky  S.  103. 


B.  V  o  1  k  s  b  a  1 1  a  d  e  n  aus  S  ü  d  u  n  g  a  r  n,  voa  Ludwig  Baröti 

1.  Der  Schmicdgesell  •  

2.  Das  Lied  vom  Ringe  I99- 

3.  Der  todto  Freier  201. 

4.  Dio  Kindesmörderin  .201. 

5.  Bitter  St.  Georg   203. 

C.  Aus  Dresztoväcz,  Südungarn,  von  A.  Schwanfelder. 

I.  Zahlenliod   204. 

II.  Scherzlieder  1—3    205. 

III.  Strolchpoosie  1—8   205 

D.  Aus  Pancsova,  Süduntfarn,  von  Frau  Maja  Hoffmann-Wiganri 

I.  Lieder  1—3    207. 

II.  Hochzeitsprüehe  2<>9. 

III.  Kindorreimo  1—5  J10. 

Hochzeitsprüche  der  Hienzen,  vpn  Samuel  Kurz  211. 

Siebenbürgische  Kinderspiele 

I.  Sächsisch  1— (5,  von  H.  v.  Wlialocki  213. 

II.  Deutsch  1— f>,  von  Dr.  Aron  v.  Kies  2  6 

Armenische  Volksmärchen  ans  Siebenbürgen,  im  Urtext  mit  Übersetzung 

von  Kristof  Szongott 

1.  Mutter,  Sohn  uud  Drache  218. 

Bnha  Jaudocha  Dokia,  von  Dr.  R.  Fr.  Kaindl   222. 

Italienische  Sprüche  n.  Lieder  ans  Finme,  von  Ludwig  Czink  u.  Alexander 

Korösi 

I.  Sprichwörter  u  Redensarten  1 — 204    226. 

II.  Trinksprüche  1—6    232. 

III.  Rätsel  1—4    232. 

IV.  Volkslieder  l-~26   232. 

V.  Kinderlioder,  Reime  u.  Spiele  1 — 33    237. 

Sveta  Nedeljica,  von  Dr.  Friedrich  S.  Krauss  ,   242. 

Ethnographie,  Ethnologie,  Folklore,  (Schluss)  von  L.  Katona   ....  244. 

Die  alten  Folkloristen,  von  Ch  G.  Loland   258. 

Kosmogonische  Sagen  der  Wogulen,  von  Dr.  Bernhard  Munkäcsi 

VI.  Das  Lied  von  dor  Erschaffung  der  Erde  und  des 

Himmels   255. 

Deutsche  Wiegenlieder  ans  Dobsina,  1—5,  von  Samuol  Kloin  ....  262. 
Der  todte  Reiterbursche.  Magyarische  Volksballade,  übers,  von  Adolf 

Handrnann  •  263 

Splitter  u.  Späne. 


(Ethnographische  Ausstellung — Der  Birtfaer Roland, v. Dr. Alb.  Szi- 
lagyi.  —Von  der  Türken  Zauberey.  -  Der  Mund  als  Portemonnaie )   264  - 
Druckfehler. 
Auf  dem  Umschlage : 

Gosellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns.  —  Mitteilung  des  Heraus 
gebers.  —  Publikationen  zur  Völkerkunde  Ungarns.  —  Inhalt  der  „Eth- 
nographia"  III.  1—6. 


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III.  BAND. 


1893.  JUNI. 


1-2  HEFT. 


Ethnologische  Mitteilungen 


aus  Ungarn. 


Zeitschrift  fQr  die  Völkerkunde  Ungarns 

und 

der  damit  In  ethnographischen  BeilehungeD  stehenden  Länder. 


JUnter  dam  Protectorate  und  der  Mitwirkung 
Seiner  kaia.  und  königl.  Hoheit  dea  Herrn  Sraheraoga  Joaef 

redigiert  und  herausgegeben  von 

Prof.  Dr.  Anton  Herrmann. 


Monatlich  1—2  Hefte,  2—4  Bogen.  Preis  jährlich  8  Kronen  o.  8  Mark ; 
für  Mitglieder  irgend  eines  Vereins  für  Volkskunde  6  Kronen  oder 
6  Mark.  Wird  auch  im  Tausch  gegen  Publicationen  zur  Volkskunde 
abgegeben.  —  Nur  direct  vorn  Herausgeber  zu  beziehen 


HftdaotJon  und  Administration  : 
ludapeat,  I„  Szont«GyÜrgy  utoza  2. 

Expedition :  I.,  Sa«nt  Gy0rgy-u«c2a  5.  i 


Budapest,  1893. 

BuohdrucUerei.  Mezcl  AntHl. 


-~  »i. 


■ 


An  die  g.  Mitglieder  der  „Gypsy  Lore  Society." 

Nachdem  das  Journal  unserer  Gesellschaft  nach  dreijährigem 
Wirken  vor  einem  Jahre  eingehen  musste,  ist  die  Zigeunerkunde 
wieder  ohne  eigenes  Organ  geblieben,  und  diese  Lücke  wird  von  den 
Zigeunerforschern  ausserordentlich  lebhaft  empfunden.  Um  diesem 
fühlbaren  Mangel  im  Wesentlichen  abzuhelfen,  geruhte  der  erlauchte 
und  höchstverdiente  Förderer  und  Pfleger  der  Zigeunerkunde,  Seine 
kaiserl.  und  königl.  Hoheit,  Herr  Erzherzog  Josef  der  von  Anton 
Herrtnann  gegründeten  Fachzeitschrift  „Ethnologische  Mitteilungen 
aus  Ungarn,"  wßlche  Jahre  hindurch  der  Wissenschaft  von  den 
Zigeunern  eine  hervorhebende  Beachtung  angedeihen  Hess,  aber 
bisher  der  Ungunst  der  Verhältnisse  wegen  nicht  crwünschter- 
maassen  erstarken  konnte,  die  materiellen  und  moralischen  Bedin- 
gungen des  erspriesslichen  Gedeihens  endgiltig  zu  sichern.  Die  ge- 
nannte Zeitschrift  erscheint  unter  dem  Protectorate  und  der  Mit- 
wirkung Sr.  Hoheit  auch  ferner  unter  der  Redaction  von  Anton 
Hemnann,  dem  der  Zigeunerforscher  H,  r.  Wlhlncki  als  ständiger 
interner  Hauptmitarbeiter  zur  Seite  steht,  vom  Juni  1.  Jahres  an  in 
Budapest  regelmässig  in  halbmonatlichen  Heften.  Die  „Ethnolo- 
gischen Mitteilungen"  wollen  den  Gypsy-Lore  von  nun  an  in  noch 
hervorragenderer  Weise  pflegen  und  sich  zum  Organ  internationaler 
Zigeunerkunde  gestalten,  wofür  die  Namen  der  erwähnten  drei  Forscher 
die  sicherste  Bürgschaft  bieten. 

Wir  Unterfertigte  ersuchen  alle  Mitglieder  der  »Gypsy  Lore 
Society",  die  genannte  Zeitschrift  bestellen  und  ihr  je  häufiger  Ar- 
beiten aus  dem  Gebiete  der  Ciganologie  zuwenden  zu  wollen.  Die 
Mitglieder  unserer  Gesellschaft  können  diese  ausserordentlich  reich- 
haltige Zeitschrift  zum  ausnehmend  billigen  Preise  von  3  Ü.  ö.  W. 
(6  Kronen,  6  Mark,  5  Sh,  7  Frcs)  jedoch  nur  direct  vom  Heraus- 
geber Anton  Hertmann  (Budapest,  I.  Szent-György-utcza  2.)  beziehen. 

• 

David  MacRitchie  Charles  G.  Le.land 

Hon.  Secret&r.  Prä«,  der  G/psy  Lore  SocW'tv. 


Bureau  der  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns. 

» 

Vorstand:  Grai  G6za  Kuun.  Voratandstellvertveter:  A.  Hwrmann  um! 
B.  Munkacsi.  Secretär:  B.  Vikar  (Budapest,  1.,  Gellertutoza,  Villa  VikÄr. 
früher  Reichard).  Schriftführer :  G.  Nagy.  C'asafar:  ~JI.  Papp.  Bibliothekar : 
J.  Jankö.  Kedactuure  de»  Vereinsorgnns :  A.  Herruiann  und  J.  .Tankö. 


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Ethnologische  Mitteilungen 

ans  Ungarn. 

Zeitschrift  für  die  Völkerkunde  Ungarns 

und  der  damit  In  ethnographischen  Beziehungen  stehenden  Länder. 

(Zugleich   Organ    für    allgemeine  Zigeunerkunde.) 

Unter  dem  Protectorate  und  der  Mitwirkung 
Seiner  kais.  und  königl.  Hoheit  des  Herrn  Erzherzogs  Josef 

redigiert  und  herausgegeben  von 

Prof.  Dr.  Anton  Herrmann. 


III.    BAND  189M-H4.   1-12.    M  K  FT. 
Kcdaction  nnd  Ailuiinistrittion  : 

Budapest,  I.,  Szent-György-utcza  2 


BUDAPEST,  1894. 

BUCHOKUC^RKKI   K.  BORUTH, 


Dem  Herrn 

Franz  Pulszky 

iMivetor  i\t!H  ungarisc.lien  National museums  u.  s.  w. 

in  Budapest 

weiht  diesen  Band  zu  .seinem 


LXXX.  Creburtatage 

/;.  September  1S94 


in  innig-dankbarer  Verehrung 


der  HerauxtjflMW. 


by  Googl 


Inhalt  des  III.  Bandes. 

Saite 

Barüti  L.,  Beiträge  zur  Geschichte  des  Vampyiismus  in  Südungarn   .  .  219 

Bünker  J.  R.,  Heanzische  Sprichwörter   287 

Fuchs  K.,  Eine  alte  Beschwörungsformel   240 

Jlerrmunn  A.,  Als  Vorwort   1 

—  -  Aua  dem  Dobsinaer  Volksglauben   106 

 Kartenspielerglauben  aus  Ungarn   154 

 Kroatische  Volkslieder  aus  Cirkvenica   252 

Jannsen  H.,  Estnische  Volksmärchen:  Die  bunten  Kühe.  —  Des  Teufels 

Haus.  —  Die  Fahrt  des  Herrn  von  Torgel  97,  200 

Kdlmdny  L.,  Nachlese  zu  den  kosmogonischen  Spuren  in  der  magyari- 
schen Volksüberlieferung   78 

 Kinderschrecker  und  Kinderräuber  in  der  magyarischen  Volks- 
überlieferung  171,  188,  213 

Kolumban  L.,  Magyarischer  Aberglauben  aus  Lozsad   296 

Kraus»  Fr.  S.,  König  Mathias  und  Peter  Gereb.  Ein  bulgarisches  Gus- 
larenlied aus  Bosnien                                   46,  71,  129,  197,  234,  276 

 Das  grosse  Sammelwerk  für  bulgarischen  Folklore   147,  205,  247.  294 

Mdiyds  L.,  Aus  dem  Volksglauben  der  Schwaben  von  Solymar,  Szent-Ivin 

und  Hidegküt                                                                     162,  244 

Munkdcsi  Ii.,  Ueber  die  heidnische  Religion  der  Wogulen  .  .  .  61.  124.  191 

Pdpai  K.,  Eine  Heldensage  der  Süd-Ostjaken   82 

 Der  Holzbau  der  Palovzen  (9  Illustrationen)  141.  283 

 Der  Typus  der  Ugrier                                                         257.  261 

Strands  A.t  Bulgarisches  Georgslied   167 

—  —  Zur  Volksmedizin  der  Bulgaren   223 

Szongott  Kr.,  Märchen  der  Siebenbürger  Armenier  (Die  Kuh.  —  Das  Beil)  88 

Sztankö  B.,  bammeln  ungarischer  Volksweisen   99 

Tör  k  A.,  Der  palaeolithische  Fund  aus  Miskolcz  und  die  Frage  des  di- 

lu vischen  Menschen  in  Ungaru  (6  Illustrationen)  8.  91,  117 

Versinyi  G.,  Deutsche  Kinderreime  aus  der  Gegend  von  Kömiuczbänya  101 

 Deutsche  Volkslieder   255 

Wlislocki  H.,  Neue  Beiträge  zur  Volkskunde  der  Siebenbürger  Sachsen.  IS 
Parallelen  und  Bemerkungen  von  IL  Carsten*,  O  Fchclt,  Frau  .7  r.  Findest. 

A.  Treiehrl,  Dr.  M.  Itößrr   29:: 

Splitter  und  Späne:    Besprechungsformeln  aus  dem  XVI.  Jahrhundert, 

A.  H.   —   Kerbholz  aus  Lemnek,  A.  H.   —  Das  graue  Mandl,  A. 

Schicanfelder   ICH 


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Seite 


Ungarische  Nationalausstellung,  H.  v.  WIMocki.  —  Die  Gesellschaft 
für  die  V  ölkerkunde  Ungarns.  —  Kröten  und  Schlangensteine.  — 

Zum  Fingerabschneiden  der  Witwe   179 

Zipser  Beschwörungsformeln,  &  Weber.  —  Die  Wunder-  und  Heil- 
kraft des  Frosches  in  der  Zip«,  S.  Wrber   297 

Litteratur:  Bastian  A.,  Ideale  Welten  (H.  t.  Wlislocki)   66 

Bartels  M.,  Die  Medicin  der  Naturvölker  (H.  v.  Wlislocki)   ....  212 

Erdely  ;   179 

Krzherzog  Josef,  Zigeunergrammatik   178 

E'hnographia  <   178 

Jankö  J.,  Torda,  Amnyosszek,  Toroczkö  {//.  v.  Wl.)   177 

Kalmany  L.,  Vilagunk  alakulasai  (A.  H.)   60 

Kraus.  Fr.  A.,  Böhmische  Korallen  (II.  v.  Wl.)   17« 

Leland  Ch.  G.,  Etruscan  Roman  Remains  (L.  Kalona)   58 

Szinnyey  J.,  Magyar  tajszötär  (A.  H.)   69 

8zoi:go't  Kr.,  Szamosujvar  (//.  f.  Wl.)   177 

Ungarisches  Convcrsationslexikon   178 

Westermarck  Kd.,  Geschichte  der  menschlichen  Ehe  (//.  v.  Wlitlocki)  256 

Anzeigen  und  Bibliographie  auf  dem  Umschlage  eines  jeden  Heftes. 

Zur  Zigeunerkunde. 

Erzherzog  J»*  f,  Mitteilung' n  über  die  in  Alcsüth  angesiedelten  Zelt- 
zigeuner   3 

Herrmann  A.,   I '« -Kiiiiu-nt <•  zur  Geschichte  der  Zigeuner  (I.  Opinio.  De 

don)iciliHfi<vi  .  <  r,  Uegulatione  Zingarorum).  .  .  55,  114,  168,  210,  221 

—  —  Zigeuners»-,  r,  ii.         über  Erzherzog  Josef: 

I.  Curko  ti  t  den  grossen  Zähnen   112 

11.  Der  NYl-.-'fcönig   165 

III.  Obristei  .losef   1^6 

IV.  Dan  umlaiittsne  Land   204 

V.  Wie  Joset  König  wurde   254 

—  —  Kerbhölzer  der  Wanderzigeuner  (4  Illustrationen)   157 

—  —  Volkslieder  bosnisch-türkischer  Wanderzigeuner  I. — XII.    .   .  106,  209 

—  —  Kolonisierung  der  Zigeuner  in  Ungarn   179 

Wlislocki  IL  v  ,  Das  Vehuigericht  der  bosnischen  und  bulgarischen  Zi- 
geuner   178 

 Seelenloskauf  bei  den  mohammedanischen  Zigeunern  der  Balkanländer  194 

Zidinski  Vlmlhlnr  h'orntl  Kitter  row,  Die  Abstammung  der  polnischen  Zi- 

geunet-  nach  ihrer  Tradition   250 

Die  Reconsf irmeHing  der  „Gypsy  Lore  Society'*   10»> 

An  die  Mitglie.vi-  {\vr  „Gypsy  Lore  Society"  (Umschlag  von  Heft  1-8) 


i 

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Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn. 

UNTER  DEM  PROTECTORATE  UND  DER  MITWIRKUNG 

S>r.  Unis»,  n.  königl.  Horieit  «les  Herrn  Erzherzogs  Jos»ef 
REDIGIKRT  U.  HERAUSGEGEBEN  VON  J^.NTOM  J^ERRMANN. 

III.  Band.  Budapest,  1893.  Juni.  1—2.  Heft. 


Als  Vorwort. 

Durch  unverhält massige  Opfer  erschöpft,  durch  viele  Misslich- 
jfi  entmutigt,  war  ich  schon  im  Begriff,  diese  vor  seclis  Jahren 
«.  findete,  von  den  Fachkreisen  des  Auslandes  einstimmig  gewürdigte, 
N&ulande  kaum  beachtete  Zeitschrift  eingehen  zu  lassen, 
jf    Der  erhabene,  hochherzige  Förderer  alles  Edlen  und  Schönen 
Vaterlande,  selbst    einer   der  gediegensten  Forscher  auf  dem 
'•biete   heimischen   Volkstums,  Seine  kaiserl.  und  königl.  Hoheit, 
i;v  durchlauchtigste  Herr  Erzherzog  Josef,  in  gerechter  Würdigung 
!er  hohen  Aufgaben  der  «Ethnologischen  Mitteilungen  aus  Ungarn", 
sollte  es  nicht  zulassen,  dass  ein  so  bedeutsames  Unternehmen  zu 
wirken  aufhöre.  Mit  fürstlicher  Munihcenz  geruhte  Seine  Hoheit,  die 
materiellen  und  moralischen  Bedingungen  des  Gedeihens  und  Auf- 
schwunges dieser  Zeitschrift  allergnädigst  zu  sichern.  Die  Wissen- 
sehaft ist  Seiner  Hoheit  hiefür  zu  tiefstem  Danke  verpflichtet 

Die  „Ethnologischen  Mitteilungen  aus  Ungarn"  erseheinen  nun 
unter  dem  Protectorat  und  der  Mitwirkung  Seiner  kaiserl.  und 
königl.  Hoheit  und  unter  der  Kedaction  des  Gefertigten.  Der  be- 
kannte Volksforscher  Dr.  Heinrich  von  Wlislocki  wird  als  ständiger 
interner  Mitarbeiter  fürderhin  seine  volle  Kraft  für  die  Zeitschrift 
einsetzen.  Unser  als  Mitredacteur  hochverdienter  Mitstreiter  Prof. 
Dr.  Ludirig  Katowi  wird  uns  auch  ferner  als  Hauptmitarbeiter  im 
folkloristischen  Fache  unterstützen,  während  das  bislang  unberück- 
sichtigt gebliebene  Gebiet  der  Anthropologie  in  Prof.  Dr.  Aurel  v. 
Török,  (lern  gelehrten  Director  des  anthropologischen  Museums  zu 
Budapest,  einen  würdigen,  in  Ungarn  gegenwärtig  einzigen  Vertreter 
gefunden  hat.  Ausser  diesen  werden  uns  fast  alle  namhaften 
heimischen  Fachgenossen  und  auch  einige  hervorragende  Forscher 
des  Auslandes  zur  Seite  stehen. 

Wir  dürfen  es  wol  als  einen  Fortschritt  in  der  Entwickelung 
unserer  Zeitschrift  bezeichnen,  dass  wir  ihren  Kreis  sowol  in  Bezug 
auf  die  zu  behandelnden  Disciplinen,  als  auch  hinsichtlich  des 
Forschungsgebietes  erweitern,  ohne  dabei  die  uns  ursprünglich 
gesteckten  Ziele  im  Wesentlichen  zu  überschreiten.  Wir  werden 
neben  Ethnologie,  Ethnographie  und  Folklore,  auch  die  verwandten 
Zweige:  die  Anthropologie,  Fraehistorie  und  Demographie  in  den 
Bereich  unserer  Mitteilungen  ziehen.  Wir  haben  auch  bislang  das 
Volkstum  der  südöstlichen  Nachbarländer  Ungarns  und  der  ural- 
altaischen  Verwandten  der  Magyaren  berücksichtigt.  Dies  werden 

Ethnol.  Mitteil  k.  i;nKRrn  III.  1 


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2 


wir  in  Zukunft  in  erhöhtem  Maasse  tun.  Zufolge  seiner  geographischen 
und  ethnographischen  Verhältnisse  ist  Ungarn  in  erster  Reihe  berufen, 
zwischen  Orient  und  Oecident  zu  vermitteln,  besonders  in  Bezug 
auf  die  Kunde  des  Volkstums,  das  eben  hier  die  instruetivsten 
Berührungen  und  Wechselwirkungen  zeigt.  Die  Ergebnisse  der  eth- 
nischen Untersuchungen  auf  ural-altaischem  Gebiete  den  westlichen 
Forschern  zu  erschliessen.  erscheint  auch  als  eine  Aufgabe  ungarischer 
Wissenschaft.  Wir  werden  besonders  H.  Vdmberys  und  W.  Kunos* 
türkiseh-tartarische.  sowie  B.  Munkdcxi*.  K.  Pdpnin  und  Ii.  Vikar* 
finnisch-ugrische  Studien  veröffentlichen.  Die  orientalischen  Beziehun- 
gen werden  in  Gr.  G.  Kuun  und  J.  Gohiziher  ihre  Vertretung  finden. 

Für  das  Gebiet  südslavischer  Volksforschung  wird  auch  in 
Zukunft  Dr.  £>'.  Kraus*  unser  Fachreferent  sein.  Von  andern 
Hauptmitarbeitern  nennen  wir  hier  noch  L.  Kdlmdn,  für  magyarische 
Volksüberlieferung;  J.  Janku,  für  das  Magyarentum  Siebenbürgens; 
A.  M.  Marienescu,  für  rumänischen  Folklore;  L.  Patrubdn.  für  die  Kunde 
der  ungarischen  Armenier:  Bischof  P.  Firczäk,  für  die  Ruthenen; 
S.  Czambel,  für  die  Slovaken ;  L.  Rtthy  für  ungarische  Ethnologie. 

Das  ausgezeichnete  Organ  der  Gypsy-Lore-Society  ist  nach 
kurzem,  doch  höchst  erspriesslichem  und  anregendem  Wirken  einge- 
gangen. In  Ungarn  aber  hat  mit  Hinsieht  auf  die  Regelung  der  Zigeuner- 
angelegenheit.  die  Zigeunerkunde  eine  hohe  aktuelle  praktische  Be- 
deutung erlangt.  Ungarn  ist  das  klassische  Land  des  Ziegeunertums. 
das  hier  von  hervorragenden  Forschern,  an  deren  Spitze  unser 
erlauchter  Proteetor,  Herr  Erzherzog  Josef  steht,  eingehend  studiert 
wird.  Wir  halten  daher  unsere  Zeitschrift  für  berufen,  auch  als 
Organ  der  allgemeinen  Zigeunerkunde  zu  wirken.  Wir  können 
uns  hiebei  auf  die  Mitwirkung  sämmtlicher  heimischer  und  der  her- 
vorragendsten ausländischen  Fachgenossen  stützen ;  auch  die  Vor- 
stehung der  internationalen  Gesellschaft  für  Zigeunerkunde  hat  sich 
in  diesem  Sinn  erklärt,  wie  aus  dem  betreffenden  Ersuchen  zu  ersehen. 

Unser  weites  Arbeitsfeld,  unsere  zahlreichen  Mitarbeiter  und 
unser  eigenes  Material  sichern  unserer  Zeitschrift  die  reichste 
Fülle  ganz  originaler,  vollständig  neuer  Mitteilungen.  Doch  wollen 
wir  uns  durchaus  nicht  ausschliessend  auf  solche  beschränken. 
Wir  erachten  es  im  Gegenteil  für  eine  ganz  specielle  und  besonder.^ 
dankenswerte  Aufgabe  unserer  Zeitschrift,  von  den  unahnbar  reichen 
ethnischen  Schätzen,  die  in  magyarischer  Sprache  und  in  minder  be- 
kannten Idiomen  heimischer  und  benachbarter  Völkerschaften  fast 
ohne  jeglichen  Nutzen  für  die  allgemeine  Fachwissenschaft  aufge- 
speichert liegen,  das  Wichtigste  in  Uebersetzungen  und  Auszügen 
allen  Mitforschern  zugänglich  zu  machen.  In  erster  Reihe  werden 
wir  auch  fortan  die  Wirksamkeit  der,  zu  erspriesslichem  Gedeihen 
sich  eben  aufschwingenden  Gesellschaft  für  die  Völkerkunde  Ungarns 
berücksichtigen.  —  Im  übrigen  erlaube  ich  mir  auf  das  Programm  im 
allerersten  Heft  (1887)  dieser  Zeitschrift  hinzuweisen. 

Und  nun  in  LielV  und  Treu  ans  Werk! 

Budapest,  am  1.  Juni  1893.  Anton  Herrmann. 


1 

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Mitteilungen  über  die  in  Alcsüth  angesiedelten  Zelt- 
Zigeuner. 

—  Von  Erzherznj  Jone  f.  — 

Als  einige  Komitate  jenseits  der  Donau  den  wandernden  Zelt- 
Zigeunern  das  Halten  von  Pferden  untersagt  hatten,  und  ihnen,  wo 
sie  immer  betroffen  wurden,  Wagen  und  Pferde  confiscierten,  ohne 
früher  für  ihren  anderweitigen  l7nterhalt  Sorge  getragen  zu  haben, 
war  es  nur  natürlich,  dass  sie  zu  mir  kamen,  wol  wissend,  dass  sie 
bei  mir  stets  Aufnahme  linden. 

Alle  Familien  kannten  mich.  Sie  hatten  schon  so  manche  rauhe 
Winterzeit,  die  sie  auf  ihren  Wanderungen  überraschte,  auf  meinen 
Meierhöfen  zugebracht  und  dort  Unterstand  und  Verköstigung  gefunden. 
Sobald  aber  das  Schneegestöber  vorüber,  waren  auch  sie  verschwunden. 
Nun  aber  waren  sie  gezwungen  zu  bleiben. 

Ihre  Wanderungen  erstreckten  sich  diesseits  der  Donau  bis  ins 
Turöczer  und  Heveser  Komitat  und  jenseits  der  Donau  bis  Kroatien. 
Slavonien  und  selbst  bis  Fiume.  Amtlich  waren  sie  in  die  Ortschaften 
der  Komitate  Pest,  Esztergom,  Fejervär,  Komarom  und  Veszprem 
eingeschrieben  und  besassen  Regierungspässe  für  ganz  Europa  auf 
1—3  .Jahre. 

Ihr  erlaubter  Erwerb  bestand  bei  den  Männern  in  Pferdehandel, 
Schmiede-  und  Kesselllickerarbeiten;  die  Frauen  übten  hauptsächlich 
Wahrsagerei  und  erwarben  sieh  hiedurch  selbst  in  höheren  Kreisen, 
wo  man  solchen  Aberglauben  kaum  suchen  würde,  ein  erkleckliches 
Geld.  Geduldeter  Erwerb  war  das  Betteln  und  nicht  erlaubter  hie  und 
da  das  Stehlen.  Ich  muss  aber  hiebei  bemerken,  dass  sie  bei  mir 
weder  im  Hause,  das  ihnen  stets  offen  stand,  noch  in  der  Wirtschaft 
je  etwas  entwendeten. 

Wenn  sie  durch  die  (legend  von  Alcsüth  zogen  und  in  der  Nähe 
des  Schlosses  lagerten,  suchten  sie  mich  stets  sogleich  auf,  und  wenn 
ich  im  Garten  nicht  zu  finden  war,  setzten  sie  sich  auf  die  Stufen 
vor  meiner  ebenerdigen  Wohnung  nieder  und  harrten  da  meiner 
Rückkunft. 

Ihre  Kleidung  bestand  stets  aus  sehr  mangelhaften  zerrissenen 
Stücken;  die  Kinder  entbehrten  meistens  auch  dieser.  Der  ihnen  eigen- 
tümliche Rauchgeruch  war  nicht  zu  verkennen.  Typisch  schwarz  mit 
dunkler  Hautfarbe  ist  ungefähr  nur  ein  Dritteil.  die  andern  zeigen 
Schattierungen  bis  ins  Hellblonde  mit  weisser  Haut,  doch  hatten  alle 
sehr  krauses,  struppiges  Haar.  Sowol  unter  den  Männern,  als  auch 
unter  den  Frauen  gibt  es  nur  sehr  wenige,  die  wirklich  schön  genannt 
werden  können. 


Ausser  der  Horn-Sprache  im  rumänischen  Zeltzigeuner-DnuVk' 
sprachen  die  Erwachsenen  alle  ungarisch  mit  zigeunerischem  Aeeent. 
die  meisten  slovakisch,  einige  kroatisch  und  eine  junge  Frau,  »he  uw 
andern  Stämmen  in  Böhmen  und  Deutschland  gewandert  war.  s[»ra<\ 
nehen  dem  zigeunerischen  ungarisch,  slovakisch,  böhmisch  und  deutsdi. 

Sie  lebten  in  Zelten  und  hatten  eine  besondere  Abscheu  v.i 
andern  Wohnungen,  seihst  im  strengsten  Winter. 

Aufs  Brotbacken  verstanden  sie  sich  durchaus  nicht  und  lernt«  :, 
es  auch  bei  mir  nicht.  Ihre  hokhdVi  bereiteten  sie  aus  feinem  Me" 
zu  hartem  Teig  geknetet  und  in  heisser  Asche  gebacken  sehr  gut.  IN- 
liebste  Nahrung  war  ihnen  das  Fleisch,  und  sie  scheuten  selbst  \n 
altem  Aasfleisch  nicht  zurück,  das  womöglich  mit  Essig  gekokt 
wurde.  Als  die  Koloihe  schon  mehrere  Monate  bei  mir  ansässig  war 
stand  eine  Kuh  an  Antrax  um,  wurde  tief  verscharrt  und  —  da  wir  mv-en 
Leute  kannten  —  dabei  drei  Tage  und  Nächte  lang  Wache  gehalten.  I;i 
der  vierten  Nacht,  als  die  Wache  eingezogen  war,  gruben  sie  die  Köl- 
aus und  hielten  frohe  Mahlzeit.  Ein  Knabe  wurde  hiebei  von  eint" 
Fliege  gestochen  und  erkrankte  an  Nase  und  Hals  an  Antrax,  wnni-- 
jedoch  auf  der  Budapester  Klinik  operiert  und  genas  vollkommen. 

Der  Heiltrieb  ist  überhaupt  bei  allen  Verwundungen  sehr  rasdt. 
was  bei  den  häufigen,  oft  der  geringsten  Kleinigkeiten  wegen  entstan- 
denen blutigen  Schlägereien  leicht  beobachtet  werden  kann.  Fh> 
Rauferei  entstand  einst  zwischen  zwei  neben  einander  schmieden- 
den Männern,  weil  des  einen  Feuer  besser  brannte  und  sein  Blase 
balg  kräftiger  funetionierte.  Da  ich  eben  in  der  Nähe  war,  eilte  i<  . 
auf  den  Lärm  herbei  und  machte  Ordnung.  Der  eine  Mann  hatte  w. 
einem  dicken  Baumaste  am  obern  Hinterhaupte  eine  Sehlagwuml- 
erhalten,  dass  der  Knochen  blosgelegt  war.  Ich  legte  einen  antibio- 
tischen Verband  an  und  nach  48  Stunden  war  die  Heilung  vollkommen 
Zu  meinem  Arzte  hatten  sie  kein  Vertrauen,  aber  meine  antiseptisch*5:! 
Mittel  (dieselben,  wie  jene  des  Arztes)  erkannten  sie  als  gut  au  un<: 
besonders  die  .galbano  dran*  (gelbe  Wurzel),  das  Jodoformpulv»  r 
hatte  ihr  volles  Vertrauen. 

Ihre  ausserordentliche  Findigkeit  im  Gelderpressen  legten  sie  b»'i 
mir  glänzend  an  den  Tag.  als  ich  das  Betteln  verboten  hatte  mnl 
ihnen  prinzipiell  kein  Geld  gab,  welches  nicht  durch  Arbeit  erworben 
war.  In  diesen  Arbeitslohn  wurde  auch  die  Kost  eingerechnet,  tto 
sie  mit  baarem  Gelde  absolut  nicht  umzugehen  wissen.  Bald  verlang- 
ten sie  ein  Kleidungsstück,  welches  dann  verkauft  wurde,  bald  baten 
sie  nach  Budapest  ins  Bad  gehen  zu  dürfen,  um  sich  schröpfen 
lassen.  Einige  giengen  hin,  andere  verwendeten  das  Badegeld  aü 
Branntwein. 

Intelligenz  und  rasche  Auffassung  kann  ihnen  durchaus  nidit 
abgesprochen  werden.  Diese  zu  beobachten  hatte  ich  Gelegenheit  audi 
in  meiner  kurze  Zeit  bestandenen  Zigeunerschule,  welche  von  alle* 
Kindern  beiden  Geschlechtes  von  f>  -15  Jahren  besucht  wurde.  l*e* 
röm.  kath.  Kaplan  Andreas  Häcz,  der  in  kurzer  Zeit  ziemlich  geläufig 
zigeunerisch  sprechen  gelernt  hat.  leitete  den  l-ntcrricht  mit  gn*sei.. 


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Erfolg.  Besonders  Gesang  und  Deklamieren  gieng  recht  gut;  selbst 
lange  Gedichte  und  Ansprachen  waren  in  kürzester  Zeit  auswendig 
gelernt.  Hierin  ragte  besonders  Kolompär  Bangö.  ein  10  jähriger 
Knabe  hervor.  Dieser  hatte  einmal  als  Vorhut  seiner  Familie  den 
Weg  von  Miskolcz  nach  Alcsüth  allein  zurückgelegt. 

Das  Arbeiten  konnte  bei  den  Erwachsenen  nur  mit  vielen  Schwie- 
rigkeiten eingeführt  werden.  Das  Ausnehmen  der  Rüben.  Düngerauf- 
laden und  Steineaulsammeln,  wobei  gross  und  klein  beider  Geschlech- 
ter mitwirkten,  gieng  ziemlich  gut  von  statten.  Erdarbeiten  hingegen 
giengen  einige  Tage  mit  grosser  Mühe  und  mit  viel  Klagen  über  Kreuz- 
weh. Einmal  wollten  sie  im  Akkord,  bald  wieder  im  Taglohn  arbeiten. 
Bei  der  Schmiedearbeit  bewährte  sich  auch  hier  ihre  tradizionelle 
und  bezeichnende  Fertigkeit  in  der  Metallbehandlung.  Je  drei  Mann 
erhielten  einen  Amboss.  einen  Blasebalg  und  die  übrigen  nötigen 
W  erkzeuge.  Aus  alten  Werkzeugen  erzeugten  sie  vorzügliche  Hohrer ; 
aus  allerhand  altem  Eisen  machten  sie  Ketten.  Spangen,  Hacken, 
Nägel  und  dgl.  für  die  ganze  Wirtschaft 

Nun  aber  kam  die  militärische  Nachstellung  dazwischen,  da 
man  jetzt  wusste,  wo  sie  sich  befanden.  Sie  verharrten  aber  bei  ihrer 
vorgefassten  Meinung,  wonach  sie  laut  alten  Privilegien  vom  Militär- 
dienst von  jeher  frei  gewesen  ;  es  giengen  die  meisten  Familien  ohne 
meine  Zustimmung  durch,  und  trotz  der  Verbote  des  Komitates 
kauften  sie  sich  in  Szekesfehervär  Wagen  und  Pferde  und  wanderten 
Iiis  Miskolcz.  Ihr  Wojwode,  der.  weil  er  sie  von  Arbeit  und  Schul- 
besuch abhalten  wollte,  schon  früher  entlassen  worden  und  in  Sze- 
kesfehervär interniert  war,  sehloss  sich  ihnen  an  und  führte  sie  wei- 
ter. Er  war  18  Jahre  alt;  seine  Frau,  eine  24  jährige  Schönheit, 
geistig  gut  begabt,  führte  tatsächlich  das  Kommando.  Die  Truppe 
ward  aber  dieser  Fürsorge  bald  überdrüssig  und  kehrte  nach  1—2 
Monaten  wieder  zu  mir  zurück.  Ich  liess  sie  nun  alle  der  Nachstel- 
lungskommission vorführen,  sie  wurden  aber  sämmtlich  als  untauglich 
entlassen,  was  ich  ungefähr  voraussehen  konnte,  da  allen  die  vor- 
geschriebenen Maasse  fehlten. 

Als  nun  wieder  das  Verlangen  des  Radebesuches  auftauchte, 
und  ich  dies  der  in  Rudapest  damals  aufgetretenen  Kolera  halber 
abschlug,  wurde  mir  erklärt,  dass  Zeltzigeuner  (eerhüri)  koleraimmun 
seien,  und  wurde  dies  mit  folgender  Erzählung  bekräftigt:  _Als  die 
Zigeuner  vor  langer  Zeit  ihre  Frheimat  in  den  hohen  Bergen  ver- 
lassen hatten,  um  in  die  weite  Welt  zu  wandern,  herrschte  in  der 
grossen  Ebene  die  böse  l'rme  der  Kolera.  welche  jeden  Menschen 
umbrachte,  dem  sie  nahe  kam.  Da  flüchteten  die  Zigeuner  au!  ihren 
schnellen  Pferden  und  setzten  über  einen  grossen  Fluss  (Ganges?); 
die  böse  l'rme,  die  kein  Pferd  hatte  und  zu  Fuss  lief,  konnte  im 
grossen  Wasser  nicht  weit  kommen  und  musste  umkehren,  ohne  einen 
Zigeuner  zu  tödten.  Seither  naht  die  Kolera  nie  mehr  den  Zigeunern, 
denn  sie  befürchtet,  dass  sie  wieder  in  den  grossen  Fluss  gelockt 
werde." 

Die  ansässigen  Zigeuner  wurden  im  Jahre   1S72— 73.  wie  ich 


erfahren,  von  der  Koleia  sehr  stark  hergenommen,  die  Zeltzigeuner 
dagegen  im  allgemeinen  nicht,  vielleicht  weil  sie  zufolge  ihrer  Lebens- 
weise stark  abgehärtet  sind,  mit  der  übrigen  Bevölkerung  wenig  in 
Berührung  kommen  und  ausserhalb  der  Ortschaften  in  gesunder, 
frischer  Luft  lagern.  Wer  nicht  fähig  ist  die  grössten  Strapatzen  zu 
ertragen,  stirbt  schon  als  Kind. 

Krankheiten  kamen  während  ihres  einjährigen  Aufenthaltes  bei 
mir  kaum  vor.  Eine  Frau,  welche  bei  schwerer  Entbindung  innerliche 
Beschädigungen  erlitten  hatte,  genas  in  einigen  Wochen  ohne  beson- 
dere Pflege.  Ein  einjähriger  Knabe  erkrankte  an  Pneumia,  wurde  aber 
in  einigen  Tagen  gesund.  Als  sie  die  für  sie  erbauten  Hütten  bezogen 
hatten,  bekamen  sie  fast  alle  die  damals  herrschende  Intluenza,  aber 
in  milderer  Form :  als  ich  sie  sogleich  wieder  mit  Zelten  beschenkte, 
war  das  Uebel  wie  angeschnitten. 

Während  die  ansässigen  Zigeuner  meistens  eine  sehr  dunkle 
Hautfarbe  besitzen  und  blonde  unter  ihnen  sehr  selten  vorkommen, 
sind  die  Zeltzigeuuer  meistens  viel  lichter  und  genug  häufig  blond. 
Abgesehen  von  der  Bassenmisehung.  die  gewiss  bei  beiden  hie  und 
da  vorkommt,  könnte  dieser  Umstand  vielleicht  mit  ein  Beleg  für  die 
LJeberlieferung  der  Zeltzigeuner  sein,  wonach  sie  aus  einer  höhein 
Kaste  stammen,  die  nie  arbeitete;  denn  auch  in  Indien  sind  die 
höheren  Kasten  von  hellerer  Farbe  und  arbeiten  nicht.  Dies  stimmt 
auch  zur  Aussage  des  von  mir  hochgeehrten  Gelehrten  und  Zigeu- 
nerkenners Ch.  G.  Lela ml.. 

Während  ihres  Aufenthaltes  bei  mir  hatte  ich  Gelegenheit,  manche 
jener  Erscheinungen  des  Volksglaubens  zu  beobachten,  die  Dr.  Hein- 
rich r.  Wlialocki  so  eingehend  und  interessant  schildert.  Einige  von 
ihm  nicht  erwähnte,  sowie  einige  Varianten  der  seinigou  lasse  ich 
hier  folgen. 

Vor  dem  Wiesel  (Hermelin)  fürchten  sie  sich  ^ehr,  besonders 
wenn  es  sich  vor  ihnen  bäumt  und  pfaucht:  sie  meinen,  das  Blasen 
dieses  Tieres  verursache  Krankheiten  aller  Art  und  Unglück  in  den 
Unternehmungen;  auch  sein  Xame :  phurdini  stammt  von  phunld  = 
blasen.  Das  Ziesel,  Erdzeisel  (peketiHca,  aus  dem  serbischen  lelcunir«) 
dagegen  ist  eine  beliebte  Speise  und  sein  Fang  eine  Specialität  un- 
serer Zigeuner. 

Als  die  für  meine  Kolonie  erbauten  Erdhütten  bezogen  wurden, 
wollte  niemand  ins  letzte  Haus  einziehen,  da  alle  fest  und  steif  be- 
haupteten, es  giengen  darin  nachts  die  bösen  Geister,  die  UuvinuA 
um  ;  auf  ihr  Bitten  wurde  dies  Haus  zur  Schmiedewerkstätte  her- 
gerichtet. Dies  geschah  auf  der  Puszta  Dobos ;  noch  ärger  gieng's  in 
Göböljäräs  zu. 

Dort  wurden  in  einem  ehemaligen  Ziegelschlag,  wo  vor  40 
Jahren  noch  ansässige  Zigeuner  arbeiteten,  an  der  Lehne  eines 
Hügels,  am  Bande  eines  schönen  Waldes,  nahe  einem  Bache  die 
früher  bestandenen  Wohnungen  neu  erbaut.  Die  erste  Beschwerde 
war,  dass  ein  ehemaliger  Keller,  jetzt  eine  Lehmgrube,  von  einem 
Phuvui  bewohnt  sei,    der   ihnen   keine    Buhe   lasse.  Ich  liess  diese 


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Grube  zuschütten.  Nun  waren  es  die  Frösche  und  Schlangen,  die 
aus  dem  Bache  hervorsteigend  die  (legend  unsicher  machten,  hinter 
denen  jedoch  die  Xivn+i  steckten.  Umsonst  wies  ich  auf  die  sie  be- 
schützenden Khesal'i  am  Berge  ober  dem  Walde ;  endlich  musste  ich 
ihnen  doch  erlauben,  in  Zelten  nächst  dem  Wirtschaftsgebäude  zu 
wohnen. 

Obwol  alle  römisch-katholisch  getauft,  und  dieser  Konfession 
angehörig,  glauben  sie  absolut  nicht  an  die  kristliche  Religion.  Zum 
Gelderwerb  tragen  sie  zu  Weihnachten  mit  Beleuchtung  und  Ge- 
klingel Krippenspiele  und  Bethlehemgesänge*  vor.  was  sie  der  Bevöl- 
kerung abgelauscht  hatten.  Wol  lernten  sie  in  Alcsüth  auch  heilige 
Lieder  und  besuchten  Sonn-  und  Feiertag  die  Kirche,  aber  in  ihre 
Seele  war  der  (Haube  nicht  gedrungen,  dieses  könnte  nur  die  plan- 
mässige  Erziehung  der  jungen  Generazion  bewirken. 

Hochzeiten  waren  nur  zwei  aus  Kigennutz,  doch  mehrere  nach 
Zigeunerritus.  Dabei  gab's  Musik  und  Tanz,  Essen  und  Trinken  von 
Früh  bis  Abends.  Nachmittag  gegen  drei  Uhr  wird  dem  Brautpaar 
in  Wasser  aufgeweichtes  Brot  mit  Salz  durch  der»  Wojwoden  in  den 
Mund  gestopft:  andern  Tags,  wenn  das  junge  Paar  erwacht,  wird  der 
jungen  Frau  das  Kopftuch  durch  die  beiderseitigen  Eltern  aufgebun- 
den. Dies  tragen  nur  Frauen  und  gefallene  Mädchen. 

Die  Taufscheine  behufs  Feststellung  ihres  Alters  konnte  ich  nur 
für  einige  erhalten,  da  viele  den  Ort  ihrer  Geburt  nicht  wussten, 
und  den  eventuell  nächst  gelegenen  ihrer  Taufe  noch  weniger.  Die 
meisten  wissen  nur,  dass  sie  ,«/>re  %droineste"  —  auf  dem  Wege  das 
Licht  der  Welt  erblickt  haben. 

Neugeborne  Kinder,  für  die  auch  sonst  tunlichst  vermögende 
Paten  gesucht  werden,  wurden  auch  bei  18°  Kälte  möglichst  bald  zu 
mir,  ihrem  Oberhaupte  gebracht,  nebst  der  Vorstellung  wol  auch 
um  irgend  ein  Geschenk  zu  erhalten.  Ich  wurde  und  werde  auch 
vor  der  Ansiedlung  und  nach  der  teilweisen  Aufhebung  derselben, 
trotz  aller  meiner  Proteste,  stets  <tmaro  kraj  betitelt,  da  sie  den 
Titel  ^Vajdir  oder  ^MujuUr  zu  gering  fanden. 

So  wenig  meine  Zigeuner  als  Wanderer  sonst  auf  Äusserlich- 
keiteu  hielten,  so  eitel  wurden  sie  als  Ansiedler.  Die  Männer  wollten 
nunmehr  nur  feine  kurze  gestickte  Hemden,  breite  Gatyen  und  ver- 
schnürte blaue  Tuchkleider  mit  grossen  silbernen  Knöpfen,  sowie 
Pelzmützen  tragen.  Die  Frauen  und  Mädchen  brauchten  feinen  Chifon 
zur  Wäsche,  bunt  gestickte  rote  Perkai-  und  gelbe  Seidenröcke, 
buntseidene  Kopf-  und  Brusttücher,  mit  buntem  Leder  verzierte  enge 
Knöpfschuhe,  in  denen  sie  ihre  Füsse  meist  wund  giengen.  Manche 
kauften  sogar  Handschuhe  und  Begenschirrne.  Silberne  und  goldene 
Hinge,  Ohrgehänge.  Halsketten  aus  Münzen  und  Muscheln  waren 
ihnen  schon  last  unentbehrlich,  wanderten  aber  oft  in  Versatz.  Im 
geselligen  Benehmen  entstand  ein   komisches  Gemisch  von  Wildheit 

■'■  V-l.  Ktbnographia.  II.  125. 


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und  feinen  Manieren,  welch  letztere  jedoch  einige  junge  Mädchen 
sieh  wahrhaft  bewunderungswürdig  schnell  aneigneten. 

Die  noch  zurückgebliebenen  Männer  arbeiten  jetzt  als  Herr- 
schaftskutscher ganz  gut  und  schicken  sich  in  das  Loos  der  fixen 
Bezahlung  und  Deputate. 

Jenen  aber,  die  auf  Wunsch  der  Komitatsbehörde  entfernt  wur- 
den, erwirkte,  ich  ihr  altes  Recht.  Pferd  und  Wagen  zu  halten,  und 
bin  daher  ihrer  künftigen  häufigen  Besuche  bei  mir  gewiss. 

Der  palaeolithische  Fund  aus  Miskolcz  und  die  Frage 
des  diluvischen  Menschen  in  Ungarn. 

Von  Prof.  Dr.   Aurel  r.  Tirök;  Direktor  des  anthropologischen   Museums  zu 

Budapest. 

(Mit  (>  Fi  ff  u  mi.) 

Es  ist  gewiss  ein  interressanter  Zufall,  dass  der  erste  Nachweis 
von  palaeolithischen  Steinäxten  (Chelles-srher  Typus)  in  Ungarn 
gerade  in  diejenige  Phase  der  praehistorischen  Forschung  fällt,  wo 
sich  ein  tiefeingreifender  Umschwung  in  den  Anschauungen  über 
das  Alter  der  Menschheit  vollzieht. 

Ich  sehe  mich  daher  veranlasst,  die  Gelegenheit  zu  ergreifen, 
um  bei  der  Besprechung  di.eser  für  Ungarns  Palaeethnographie  wich- 
tigen Entdeckung,  die  wir  dem  durch  sein  über  die  ungarische 
Fischerei  („A  magyar  haläszat  könyve'"  l.  II.  k.  Budapest  1887)  ge- 
schriebenes Prachtwerk  verdienstvollen  Gelehrten  Otto  Ikrmnn  ver- 
danken, der  dieselbe  am  Anfang  dieses  Jahres  in  ungarischer  Sprache 
unter  dem  Titel:  »A  miskolczi  palaeolith  lelet"  („Der  Miskolczer 
palaeolithische  Fund")  in  der  Zeitschrift:  „Archaeologiai  ßrtesitö" 
(XIII.  Bd.  No.  1.  Budapest  1893.  S.  1—25)  veröffentlichte,  auch  die 
Frage  des  diluvischen  Menschen  in  Ungarn  näher  zu  beleuchten  ;  und 
zwar  umsomehr,  als  ich  den  Schlussfolgerungen  O.  Hermwa,  y.w 
welchen  er  auf  Grundlage  dieses  Fundes  in  Bezug  auf  den  Beweis 
der  Kxistenz  des  diluvischen  Menschen  in  Ungarn  kommt,  nicht  bei- 
pflichten kann. 

Ks  ist  eine  der  Analogieen  zwischen  den  Krscheinungen  der 
physischen  und  psychischen  Welt,  dass  wenn  gewisse  Hindernisse  in 
der  Richtung  der  wirkenden  Kräfte  sich  entgegenstellen,  hier  wie 
dort  ein  gewaltsamer  Durchbruch  erfolgt,  wobei  wie  bei  den  strö 
menden  Gewässern  die  normalen  Ufer  weit  überflutet  werden,  um 
dann  schliesslich  doch  wieder  zum  regelmässigen  Kurs  zurückzu- 
kehren. 

Die  Hindernisse,  die  sich  einer  stetigen  und  ruhigen  Strömung 
der  geistigen  Aufklärung  entgegenstellen,  bilden  unsere  vorgefassten 
Meinungen,  unsere  angeerbten  und  deshalb  liebgewonnenen  Tradi- 
tionen in  der  Auffassung  von  wissenschaftlichen  Problemen,  dem  zu 
Folge  von  Zeit  zu  Zeit  grössere  Ucbertlutungen  im  Gebiet  der  gei- 


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stigen  Strömung  eintreten  müssen.  Welch  lange  Zeit  und  wie  viele 
fehlgeschlagene  Versuche  kostete  es,  his  endlich  die  auf  die  alten 
Traditionen  sich  stützende  Auffassung  von  der  Stabilität  der  „Kassen" 
durch  Darwins  „Origin  of  the  species"  überwunden  werden  konnte! 
Kaum  hatte  aber  die  darwinische  Lehre  obsiegt,  als  sich  schon 
Speeulationen  regten,  die  den  wissenschaftlichen  Tatsachen  weit  vor- 
auseilend, die  biologische  Forschung  mit  einer  solchen  Menge  von 
Hypothesen  überfluteten,  dass  eine  Katarhsis  der  Ansichten  sich  wie 
eine  natürliche  Notwendigkeit  herausstellte.  Und  heute  nach  beiden 
Richtungen  hin  eines  Besseren  belehrt,  betrachten  wir  einerseits  die 
alten  Traditionen  ebenso  nüchtern,  wie  wir  dies  andererseits  in  Be- 
zug auf  die  voreiligen  neuen  Hypothesen  über  die  nächste  Abstam- 
mung (Phylogcnie)  des  Menschen  tun.  Kben  die  neueren  und  genau- 
eren Kenntnisse  der  Anthropoiden  mussten  uns  von  den  kühnen 
Hypothesen  bekehren  und  unser  Denken  wieder  in  die  ruhige  Strö- 
mung zwischen  die  engeren  Grenzen  der  wissenschaftlichen  Tat- 
sachen zurückbringen,  bei  welcher  wir  ganz  leidenschaftslos  der 
Dinge  harren,  die  da  kommen  sollen.  —  l'nd  so  sehen  wir  uns  ge- 
nötigt, das  den  Hypothesen  nach  als  bereits  aufgefunden  vermeinte 
„fehlende  Glied"  (missing  link)  in  der  Kette  der  Organismen-Reihe 
auch  noch  fernerhin  zu  suchen,  wie  ehedem.  Die  Hindernisse  muss- 
ten mit  einem  Aufwand  von  grösserer  Energie  des  stets  strömungs- 
hedürftigeu  Geistes  durchbrochen  werden ;  hierauf  folgte  die  Ucber- 
flutung  der  Hypothesen,  um  dann  wieder  in  die  normale  ruhige 
Strömung  des  streng  wissenschaftlichen  Denkens  einzulenken.  Das- 
selbe Schauspiel  bietet  uns  die  bisherige  Geschichte  des  Problems 
des  Alters  der  Menschheit.  Musste  nicht  Boucher  de  Perthes  lange 
Jahre  hindurch  gegen  die  traditionelle  Auffassung  des  biblischen 
Alters  der  Menschheit  kämpfen,  bis  es  ihm  endlich  gelingen  konnte, 
mit  der  Idee  eines  prähistorischen  Alters  der  Menschheit  durchzu- 
dringen? l'nd  namentlich  waren  es  seine  eigenen  Landsleute,  die 
französischen  Gelehrten,  von  deren  Seite  er  den  hartnäckigsten  Wider- 
stand erfahren  musste;  kaum  hatten  aber  fremdländische  Forscher 
sich  den  Ideen  von  Boucher  d?  J'erthes  angeschlossen,  so  waren  es 
wieder  seine  Landsleute,  die  zu  den  begeistertesten  Proselyten  der 
neuen  Lehre  geworden,  sich  nicht  mehr  mit  dem  diluvialen  Aller 
begnügten,  sondern  sogar  auch  noch  die  tertiäre  Zeit  für  die  Mensch- 
heit in  Anspruch  nahmen. 

Der  Process  der  geistigen  Retorsion  musste  auch  hier  eintreten; 
und  dieser  Process  vollzieht  sich  jetzt  vor  unseren  Augen,  da  wir 
in  Folge  der  ganz  neuen  genialen  Auslegung  der  praehistorischen 
Fiunie  durch  den  allverehrten  Nestor  der  Wissenschaft  Justus  Steen- 
Htrujj  in  Kopenhagen,  sowie  durch  den  penthallischen  Heros  der  Wis- 
senschaft Rudolf  l'irchntr  in  Berlin,  genötigt  sind  auch  die  Frage  des 
diluvischen  Menschen  mit  ganz  anderen  Augen  zu  betrachten,  als  wir 
dies  bisher  gewohnt  waren.  Es  mussten  auch  hier  die  ungestümen 
hypothetischen  Speeulationen  über  die  vermeintlichen  Beweise  der 
praehistorischen  Funde,  einer  ruhigeren  und  nüchterneren  Aulfassung 


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den  Platz  räumen,  so  dass  wir  schon  jetzt  genötigt  sind  zu  erklären  : 
dass  auf  Grundlage  der  bisherigen  Tatsachen  der  Mensch  mit  dem 
Mammut  nicht  zusammenleben  konnte  und  dass  das  Alter  der  Mensch- 
heit nicht  Uber  die  sog.  Bentierzeit  hinaus  sicher  verfolgt  werden 
kann. 

Die  grosse  Tragweite  dieses  Umschwunges  in  den  Anschauun- 
gen des  praehistorischen  Problems  wird  man  sofort  einsehen  müssen, 
wenn  ich  hervorhebe,  dass  man  bisher  der  Meinung  war:  dass  in 
der  ersten  Epoche  der  palaeolithischen  Zeitperiode,  nämlich  in  der 
Chelles-schen  Epoche  der  Mensch  in  Europa  sowol  noch  das  Mammut 
wie  auch  Hippopotamus,  Uhinoceros  Merkii  und  den  Elephas  antiouus 
unter  den  lebenden  Tieren  antraf  (s.  G.  d.  MortilleVs:  „Lp  prehis- 
torique  antiquite  de  I  homme"  Paris  1883.  S.  131). 

Ich  musste  diese  Bemerkungen  meinem  Referate  über  den 
Miskolczer  palaeolithischen  Fund  eben  deshalb  vorausschicken,  da 
dieser  Fund  nach  dem  Typus  der  Bearbeitung  der  Steinäxte  der 
Chelles-schen  Epoche  zugehörig  erscheint :  somit  dieser  Fund  nach  der 
älteren  Auffassung  schon  an  und  für  sich  als  sicherer  Beweis  der  Exis- 
tenz des  diluvischen  Menschen  in  Ungarn  gelten  könnte,  wie  auch  in  der 
Tat  Otto  Herman  mittels  dieses  Fundes  den  diluvischen  Menschen  in 
Ungarn  für  schon  erwiesen  erklärt.  Dass  dem  aber  nicht  so  ist,  soll  im 
Folgenden  des  Näheren  auseinandergesetzt  und  gemeinverständlich 
erklärt  werden. 

Zunächst  wollen  wir  uns  mit  den  Daten  der  Auffindung  der  Mis- 
kolczer palaeolithischen  (zugeschlagenen)  Steinäxte  naher  vertraut 
machen. 

Wie  Otto  Herman  berichtet,  hatte  er  das  Glück  in  den  letzten 
Tagen  des  vorigen  Jahres  (26.  Dez.  181)2)  von  Herrn  Johann  Bdrsony 
Rechtsanwalt  in  Miskolcz  ein  Steingerät  zu  bekommen,  welches  mit 
zwei  anderen  solchen  Geräten  bei  der  Fundamentierung  des  Hauses  des 
eben  genannten  Rechtsanwaltes  von  den  Bauleuten  etwa  3  M.  tief  in 
der  gelblichen  Lehmschichte  des  Erdbodens  aufgefunden  wurde.  Der 
Hausbesitzer,  ein  Amateur  von  Altertümern  erkannte  sofort  den  Wert 
dieser  Steingerätc.  Das  eine  behielt  er  für  sich,  das  zweite  verehrte  er 
dem  Gerichtssenats-Präsidenten  in  Debreczen  Herrn  Wolfgang  Szelf. 
ebenfalls  einem  Altertumsfreund,  dem  wir  einerseits  mehrere  sehr  inter- 
essante Forschungen,  sowie  Geschenke  für  das  Budapester  anthropo- 
logische Museum  verdanken  und  das  dritte  -  das  schönste  Exemplar  — 
erhielt  eben  O.  Herman. 

Wir  entnehmen  aus  dem  Berichte,  dass  die  hier  in  Rede  stehenden 
drei  Steingeräte  —  nach  der  Ueberzeugung  0.  Hermans  ganz  zweifel- 
los unterhalb  der  alluvialen  Erdschichte  lagen  ;  hingegen  dass  nach  dem 
Ausspruche  des  Landes-Hauptgeologen  Herrn  v.  Rath  (der  die  geo- 
logische Aufnahme  von  Miskolcz  ausführte),  die  betreffende  Lehm- 
schichte „nur  irahrtcheinlich  eine  diluviale  ist." 

Wenn  also  nach  der  Aussage  des  für  diesen  Fall  einzig  compe- 
tenten  Fachmannes,  das  geologische  Alter  der  Lehmschichte,  worin 
sich  die  palaeolithischen  Steinäxte  befanden,  nicht  ganz  sicher  zu  ent- 


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n 


scheiden  war :  .so  musste  hierdurch  auch  das  diluviale  Alter  dieser 
Steinäxte  ebenfalls  fraglich  werden. 

Da  die  Frage  einmal  aufgeworfen  ist,  so  müssen  wir  dieselbe 
wegen  ihrer  grossen  Wichtigkeit  hier  noch  weiter  analysieren. 

Wir  fragen:  dass  auch  im  Falle  als  die  betreffende  gelbliche 
Lehmsehiehte  ausser  allem  Zweifel  eine  diluviale  Schichte  wäre,  könnte 
man  dies  für  den  Beweis  des  diluvialen  Alters  der  nach  dem  Chelles- 
schen  Typus  zugeschlagenen  Steinäxte  schon  als  vollkommen  genü- 
gend erachten?  Mit  nichten.  Nicht  in  der  etwaigen  Sicherheit  der  Be- 
stimmung des  geologischen  Zeitalters  der  Schichten,  sondern  einzig  und 
allein  in  der  Sicherheit  des  Nachweises:  dass  die  betreffenden  Artefacte 
oder  menschlichen  Knochen  in  einem  jungfräulichen,  unberührten  Zustande 
der  Schichte  sich  befinden,  d.  h.  dass  die  Entstehung  der  betreffenden 
Erdschichte  mit  den  eingeschlossenen  Artefacten  oder  Knochen  in  dieselbe 
Zeit  fällt  —  liegt  das  einzig  entscheidende  Moment  des  ganzen  Problems. 

Da  dieses  Moment  bisher  zumeist  nicht  genügend  gewürdigt 
wurde,  denn  eben  wegen  Vernachlässigung  desselben  hat  man  nur 
zu  oft  praehistorische  Funde  für  viel  älter  gehalten,  als  sie  es  wirklich 
sind,  (wie  dies  weiter  unten  noch  an  für  die  Prähistorie  bisher  klas- 
sisch geltenden  Funden  näher  demonstriert  werden  soll),  so  will  ich 
hierüber  auf  (irundlage  meiner  eigenen  Erfahrungen  eingehender  ver- 
handeln. 

Ich  stelle  an  die  Spitze  meiner  Erörterungen  die  Tatsache,  dass 
die  nähere  Entscheidung  dessen :  ob  die  praehistorischen  Objekte  mit 
der  betreffenden  Erdschichte  gleichalterig  sind  oder  nicht,  in  allen 
Fällen  höchst  schwierig,  in  vielen  aber  geradezu  unmöglich  ist. 

Finden  wir  nämlich  die  Objekte  in  der  betreffenden  Eriteehiehte 
derart  eingeschlossen,  dass  sie  mit  dieser  eine  Breccie  bilden  und  wo 
wir  —  mit  dem  freien  Auge  und  mittelst  des  Tastgefühles  —  weder 
in  Bezug  auf  die  Farbe,  noch  in  Bezug  auf  die  Konsistenz.  Gefüge, 
mineralische  Zusammensetzung,  irgend  einen  Unterschied  bemerken 
können  und  wo  wir  auch  sonst  keine  Unordnung  in  der  Lagerung 
der  Schichte  beobachten  können,  so  venneinen  wir  hierin  schon  einen 
sicheren  Beweis  dessen  aufgefunden  zu  haben:  dass  hier  eine  nach- 
trägliche Störung  der  betreffenden  Erdschichte  auszuschliessen  sei, 
d.  Ii.  dass  die  Objekte  mit  der  Erdschichte  gleichalterig  sind.  Dass 
dem  nicht  so  ist.  fand  ich  bei  meinen  Ausgrabungen  am  Dolmenfelde 
in  Boknia  (Algirien).  In  einigen  dieser  Dolmen  fand  ich  die  tiefer 
begrabenen  Knochen  und  Beilagen  (roh  gebrannte  Urnen,  Bronzringe) 
sowie  bereits  ausgestorbene  Schnecken  (von  Delix  aspersa  Bokniaca) 
mit  der  Erdschichte  eine  feste  Breccie  bildend,  so  dass  die  nachherige 
Ausschälung  der  Knochen  und  Objekte  nur  teilweise  gelang;  ich  habe 
die  Skelete  deshalb  in  grossen  Erdklumpen  herausbefördert  und  einen 
Teil  der  Ausgrabung  auf  diese  Weise  »en  hloc"  aufbewahrt.  Da  in 
den  oberen  Schichten  der  Breccie  die  Schalen  von  recenten  Schnecken 
(Delix  pomatia)  vorkamen,  so  interessierte  es  mich  zu  erfahren:  ob 
nicht  etwa  ein  Unterschied  der  oberflächlicheren  und  tieferen  Schichten 
der  Dolmenerde  zu  bemerken  <ei.  was  ich  nicht  auffinden  konnte. 


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12 


■ 


Ich  habe  diese  Erde  auch  von  den  Geologen  besichtigen  lassen,  auch 
diese  konnten  keinen  Unterschied  zwischen  den  tieferen  und  oberfläch- 
licheren Schichten  bemerken  ;  somit  boten  diese  Klumpen  eine  dem 
Augenscheine  nach  ganz  gleichinässigc  Erdschichtc  dar.  wiewol  darin 
Objekte  von  verschiedener  Zeit  enthalten  waren.  Was  das  Zeitalter 
der  Dolmen-Skelete  anbelangt,  so  kann  man  hierauf  bezüglich  Fol- 
gendes anführen.  Climttjtollion  („Lettre*  sur  l'Egypte  et  la  Nubie  etc." 
p.  248)  fand  an  den  ägyptischen  Monumenten  unter  der  XVII.  und 
XVIII.  Dynastie  den  Typus  der  sog.  Tnmhu  oder  Tamnhu  abgebildet, 
von  welchen  der  berühmte  altägyptische  Geschichtsschreiber  Maneth  > 
(ein  Priester  von  Heliopolis  unter  Ptolemeus  Philadelphus)  aussagt, 
dass  sie  von  Nordafrika  Egypten  mit  einem  Heere  überzogen.  Der 
Zeitpunkt  dieses  Einfalles  der  Tamahu  fällt  nach  den  Berechnungen 
zwischen  1591  —  2135  v.  Chr.  Nach  den  einschlägigen  Daten  der 
aegyptologischen.  praehistorischen  und  anthropologischen  Forschungen 
schreiben  die  Gelehrten  das  Dolmenfeld  von  Roknia  den  Tamahu-s  zu. 

Aber  auch  bei  viel  recenteren  Gräbern  und  Tumuli  „aus  den 
eisten  Jahrhunderten  unseres  .lahrtausend  (bei  Alpär  und  Orkeny  in 
Ungarn)  fand  ich  die  Kidschichte  um  die  Skelete  herum  vollkommen 
kompakt  und  gleichmässig  im  Gefüge,  sowie  ganz  gleichmässig  ge- 
färbt; so  dass  die  Stelle  der  Aulwühiung  in  Folge  des  stattgehabten 
Begräbnisses  dem  freien  Augenscheine  mich  nicht  im  mindesten  zu 
erkennen  war  und  eine  Unterscheidung  der  aufgewühlten  Partie  von 
den  nicht  aufgewühlten  Partieen  der  Krdschichte  (zwischen  den  Grä- 
bern) einfach  unmöglich  war.  Hingegen  fand  ich  bei  400 — 500  jährigen 
Gräbern  (bei  Duna-Földvär.  in  Pankota)  immer  mehr  weniger  deutliche 
Spuren  "der  Aufwühlung  der  Erde  und  zwar  zumeist  durch  eine  ver- 
schiedene Färbung  und  verschiedene  Konsistenz  der  Leichenerde :  die 
sich  entweder  schon  von  der  Kulturschichte  angefangen,  oder  gleich 
unterhalb  derselben  teils  kontinuierlich,  teils  mit  Unterbrechungen 
bis  zum  Skelet  verfolgen  liessen  :  es  kam  auch  das  vor.  dass  der 
Farbenunterschied  erst  unmittelbar  rings  um  die  Knochen  in  der  Erd- 
schichte  aufzufinden  war.  so  dass  die  oberhalb  liegende  Schichte  mit 
den  übrigen  —  zwischen  den  Gräbern  liegenden  —  Schichten  nicht 
mir  eine  vollkommen  ungestörte  Kontinuität  bildete,  sondern  auch 
ganz  gleichmässig  gefärbt  war. 

Ich  habe  diese  sehr  lehrreichen  Fälle  von  Fundorten  aus  ver- 
hältnissmässig  viel  recenterer  Zeit  deshalb  hier  angeführt,  damit  die 
Fachgenossen  künftighin  dieser  speziellen  Frage  eine  viel  grössere 
Aufmerksamkeit  schenken  mögen  ;  denn  es  ist  einleuchtend,  dass  die 
Entscheidung  einer  Intaktheit  der  Erdschichten  für  einen  jeden  ein- 
zelnen  Fall  eine  ganz  spezielle  Frage  bildet,  weshalb  man  immer  die 
speziellen  Terrainverhältnisse,  die  geologische,  physikalische  und 
chemische  Beschaffenheit  der  betreuenden  Lokalität  in  Erwägung  brin- 
gen muss.  Aber  eben  deshalb  muss  auch  das  einleuchtend  sein,  dass 
man  für  derartige  Lokalitäten  keine  bestimmten  Zeitgrenzen  angeben 
kann,  wo  die  Möglichkeit  eines  Nachweises  der  Intaktheit  der  Erd- 
schichte aufhört.  Ich  habe  bei  meinen  speziellen   Fällen  eben  diese 


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Tafel  zu:  Der  palaeolithische  Fund  aus  Miskolcz  und  die  Frage 

des  diluvialen  Menschen  in  Ungarn. 

Die  drei  Silexflxt*  ran  Miskolcz  und  drei  französische  Chflles'sch*  Silexä.rtc. 


a  h  c 

St.  Acheul  St.  Acheul  Brive 

Mas.  St.  Qeraiain  Mui.  St.  Gennain  Coli.  Haii«n»t 
Nr.  7001.                           Nr.  15U82.  ft  Brive 


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14 


Beobachtungen  gemacht,  die  ich  anführte,  und  andere  werden  wieder 
andere  Beobachtungen  machen.  Betreffs  des  Zeitpunktes  kann  somit 
im  Allgemeinen  nur  das  behauptet  werden :  dass  „ceteris  paribus"  die 
Schwierigkeit  der  Entscheidung  einer  Intaktheit  der  Lokalität  umso  grös- 
ser wird,  um  je  ältere  Zeitepochen  es  sich  handelt,  wie  ich  hierfür 
weiter  unten  bei  Besprechung  der  vermeintlichen  diluvialen  Menschen- 
schädel, einen  höchst  instruktiven,  man  könnte  sagen,  einen  klassi- 
schen Fall  anführen  werde.  Xach  meinem  Dafürhalten  wird  es  also 
fürderhin  nötig  sein,  die  Erdschichten  der  praehistorischen  Funde  ganz 
systematisch  einer  physikalischen,  chemischen  und  sogar  auch  mikrosko- 
pischen Analyse  zu  unterziehen,  denn  zur  sicheren  Entscheidung  der  hier 
in  Rede  stehenden  Frage  reicht  in  vielen  Fällen  auch  das  geübteste  Auge 
eines  Geologen  nicht  aus. 

Wenn  schon  in  solchen  Fällen,  wo  man  selbst  die  Ausgrabungen 
macht,  so  grosse  Schwierigkeiten  obwalten,  wie  könnte  man  den 
Nachweis  der  Intaktheit  der  Erdschichte  erbringen  wollen,  wo  die 
Ausgrabung  der  Funde  durch  unkundige  Mände  geschah,  und  wo  es 
überhaupt  erst  dann  möglich  ist,  sich  mit  dieser  Frage  zu  beschäfti- 
gen, wenn  die  betreffenden  Partieen  der  Krdschichte  schon  ausgehoben 
wurden?  Auch  bei  der  Ausgrabung  des  Miskolczer  Fundes  waren 
keine  Sachverständigen  Kugegen,  weshalb  der  von  O.  Hermnn  behufs 
der  Beweisführung  erwähnten  Aussage  des  Hausbesitzers,  dass  er  den 
Bau  auf  dem  bisher  ungestörten  Teil  seines  Grundstückes  aufführen 
Hess,  auch  nicht  der  mindeste  Wert  beigemessen  werden  kann : 
da  es  sich  hier  nicht  um  die  Intaktheit  der  zur  Baustelle  verwende- 
ten Partie  als  solcher,  sondern  um  die  Intaktheit  jener  eng  begrenz- 
ten Lokalität  handelt,  wo  die  drei  Äxte  aufgefunden  wurden.  Es 
ist  ja  doch  einzusehen,  dass  an  einer  engern  begrenzten  Stelle 
die  Erdschichte  aufgewühlt  werden  konnte,  ohne  dass  die  Umge- 
bung in  ihrem  ursprünglichen  Zustande  gestört  wurde.  Ich  will 
aber  damit  nicht  behaupten,  als  wären  die  fraglichen  drei  Äxte  ein- 
gegraben worden  ;  sie  konnten  einfach  in  eine  damalige  Vertiefung. 
Riss,  Loch  der  Erdoberfläche  zufällig  hineingefallen  sein,  welche 
Öffnung  oder  Vertiefung  des  Niveau  mit  der  Zeit  auch  ohne  Zutun 
des  Menschen  wieder  ausgefüllt  wurde  — -  ohne  irgend  eine  Spur  dieser 
Ausfüllung  zurück  zu  lassen.  Wie  wir  auch  hier  sehen  können,  gibt 
es  der  Möglichkeiten  und  folglich  der  Schwierigkeiten  so  viele,  dass 
„a  posteriori"  eine  jede  Beweisführung  höchst  problematisch"  blei- 
ben muss. 

Aus  allen  diesen  hier  erwähnten  Momenten  geht  ganz  unwiderleg- 
lich hervor,  dass  das  diluviale  Alter  der  drei  Steinäxte  gar  nicht  erwiesen 
wurde  und  auch  nicht  mehr  erwiesen  werden  kann:  da  wenn  auch  die 
betreffende  Lehmschichte  ganz  bestimmt  eine  diluviale  wäre  —  was  aber 
der  hierfür  einzig  competente  Fachmann  nicht  behauptet  hat,  indem  er 
dieselbe  nur  wahrscheinlich  für  eine  diluviale  erklärte,  betreffs  des  einzig 
entscheidenden  Momentes,  nämlich  der  wirklichen  Intaktheit  der  betreffen- 
den Lokalität  jeder  Beweis  fehlt;  denn  dass  die  primitive  Zubereitung  der 
Steinäxte  an  und  für  sich  noch  keinen  sicheren  Bend*  für  das  diluviale 


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Zeitalter  derselben  liefern  kann  —  ist  für  jeden  in  der  prähistorischen 
Forschung  bewanderten  Menschen  einfach  klar. 

Nun  wollen  wir  sehen,  wie  die  Steinäxte  selbst  beschaffen  sind. 
Wir  entnehmen  der  Beschreibung  folgende  Daten.  Das  Material,  aus 
welchem  diese  Steinäxte  mittels  Zuschlagens  verfertigt  wurden,  besteht, 
wie  0.  Her  man  sich  ausdrückt,  aus  „Feuerstein1"  (Silex),  eine  spezielle 
Determination  dieses  Silex  gibt  der  Autor  nicht.  Er  erwähnt  zwar,  dass 
es  kein  „Klint"  sei  und  dass  solche  Silexe  auch  in  Ungarn  vorkommen. 

Die  eine  Steinaxt  (im  Besitze  des  Herrn  Otto  Her  man  in  Buda- 
pest, wollen  wir  sie  fürderhin  N°  1  nennen,  s.  Fig.  A.  auf  der  Tafel), 
weist  sozusagen  ein  klassisches  Exemplar  des  Chelles-schen  Typus 
auf.  Sie  zeigt  die  typische  Mandelform,  von  aulTalend  schönen  Con- 
touren,  mit  den  deutlich  conchoid  ausgeprägten  Schlagmarken  auf 
beiden  Seiten  und  den  Retouchen  an  den  zugeschärften  Kanten ;  von 
Polierung  ist  an  ihr  keine  Spur  zu  sehen.  Diese  Steinaxt  gehört  zu 
•  jenen  Formen  der  Chelles'sehen  Industrieperiode,  welche  sich  durch 
eine  längliche  Form  auszeichnen.  Die  Länge  beträgt  nämlich  =  23'8 
cm.,  die  Breite  =  110  cm.,  die  Dicke  =  23  cm.  Die  Dicke  der  Axt 
nimmt  von  der  Mitte  gegen  die  Seitenkanten  allmälig,  gegen  das  zuge- 
spitzte Ende  stärker  ab.  An  diesem  Ende  ist  beiderseits  —  an  dem 
breiteren  Ende  der  Mandelform  nur  auf  einer  Seite  —  eine  eisenhäl- 
tige  Kruste  des  Gesteins  zu  bemerken.  Die  Färbung  ist  dunkel,  horn- 
schwarz mit  rötlichen  Einsprengungen.  Eine  Patina  ist  an  ihr  nicht 
nachzuweisen,  ihr  Lustre  ist  von  gleichmässigem  Seidenglanz.  Eine 
durch  den  Gebrauch  entstandene  Abwetzung  sowie  eine  Reibung  von 
Gerollen  ist  an  ihr  nicht  vorhanden;  dieselbe  ist  mit  Ausnahme 
einer  bei  der  Ausgrabung  erfolgten  kleinen  Scharte  an  dem  spitzigen 
Ende  vollkommen  unverletzt. 

Die  zweite  Axt  (No.  2,  im  Besitze  des  Herrn  W.  Szell  in  Deb- 
reczen.  s.  Fig.  B.  auf  der  Tafel)  weist  dieselbe  Zubereitung  durch 
Zuschlagen  auf,  auch  an  ihr  ist  keine  Spur  einer  Polierung  zu  ent- 
decken, auch  die  Färbung  ist  dieselbe.  Ihre  Form  ist  noch  immer 
eine  Mandelfor,  maber  von  grösserer  Breite  im  Verhältnis  zur  Länge. 
Diese  beträgt  nämlich  =  19*5  cm.,  die  Breite  =  11*1  cm.  und  die 
Dicke  —  2*3  cm.  Auch  diese  Axt  ist  ringsum  mit  zugeschärften 
Kanten  versehen,  die  beiden  Enden  aber  abgestutzt  und  zwar  an 
dem  einen  mehr  als  am  anderen.  Die  beiderseitigen  Contouren  ver- 
laufen in  schiefer  Krümmung,  in  Folge  davon  auch  die  Längsaxe  der 
Axt  eine  schief  verlaufende  ist.  Auch  an  ihr  ist  keine  Patina  zu  ent- 
decken, ihr  Lustre  ist  ein  gleichmässiger  aber  weniger  glänzend  als 
bei  der  vorigen.  Eine  Abwetzung  oder  Reibung  ist  auch  an  ihr  nicht 
vorhanden,  die  Axt  ist  vollkommen  unverletzt. 

Die  dritte  Axt  (Nro  3,  im  Besitze  des  Herrn  Bärsony  in  M^s- 
kolcz,  s.  Fig.  C  auf  der  Tafel)  hat  eine  dreieckige  Form,  ihr  Gestein 
ist  lignitartig  schichtig,  von  gelblich  hellgrauer  Färbung.  Ihre  Länge  = 
U'O  cm.,  Breite  an  der  Basis  =  8'0  cm.,  Dicke  =  30  cm.,  diese 
letztere  bleibt  im  Grossen  und  Ganzen  überall  dieselbe.  Die  eine 
.Seite  ist  flach,  an  welcher  die  Spuren  einer  schwach  eisenhaltigen 


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Kruste  zu  bemerken  sind,  welche  Kruste  auf  der  anderen  Seite  eine 
beträchtliche  ist.  Dass  diese  Kruste  eine  originäre  ist,  beweist  ihre  " 
stellenweise  Abschürfung  in  Folge  des  Gebrauches;  eine  Reibung 
von  Gerollen  ist  auch  an  ihr  nicht  zu  entdecken.  Eine  Patina  besitzt 
auch  sie  nicht,  der  Lustre  ist  an  den  Schlagmarken  von  Fettglanz. 
Auch  diese  Axt  ist  unverletzt.  Nach  der  Ansicht  des  Autors  hat  der 
praehistorische  Mensch  dieses  schon  ursprünglich  dreieckige  Stück 
nur  im  Groben  ausgearbeitet  Da  die  zwei  ersteren  Äxte  keine  Spur 
des  Gebrauches  aufweisen,  so  gibt  der  Autor  jener  Vermutung 
Ausdruck,  dass  diese  Äxte  ,loc<>'  verfertigt  werden  konnten;  eine 
nähere  Aufklärung  erwartet  Autor  übrigens  von  der  Entscheidung: 
ob  die  landläufige  Benennung  ,Tüzköves"  (d.  h.  der  Feuerstein-häl- 
tige), mit  welcher  ein  Teil  des  angrenzenden  Herges  Avas  bezeichnet 
wird,  wirklich  daher  rührt,  dass  hier  Feuerstein  vorkommt  V  Ks  muss 
hierzu  ergänzungshalber  erwähnt  werden,  dass  das  berühmte  Hegy- 
alja  (Tokajer  Weingebirge)  zu  Miskolcz  nahe  liegt,  in  welchem  der 
Feuerstein  wirklich  vorgefunden  wird.  Zum  Schluss  vergleicht  der 
Autor  die  zwei  typisch  geformten  Äxte  mit  ähnlichen  aus  England 
und  Mähren,  welchen  gegenüber  er  die  namhafte  Grösse  der  Mis- 
kolczer  Äxte  hervorhebt  (denn  während  die  Länge  der  englischen  — 
in  Evans'  Werk:  The  ancient  impiements  etc.  London  1872  abge- 
bildeten —  Äxte  zwischen  180 — 208  mm.  schwankt,  beträgt  die 
Länge  der  Miskolczer  Axt  No.  1  =  288  mm.  und  No.  2  =  195  mm.) 

Ks  sei  nun  erlaubt,  an  die  hier  erwähnten  Daten  des  Autors 
folgende  ergänzende  Hemerkungen  anzuknüpfen : 

1.  Was  den  Typus  der  Form  und  der  Ausarbeitung  der  Mis- 
kolczer Äxte  anbelangt,  so  müssen  wir  nach  den  Photograplneen 
(die  der  Autor  in  Fig.  4,  5,  o,  7  seiner  Beschreibung  a.  a.  0.  mit- 
teilt) die  Axt  No.  1.  ihrer  schönen  Form  nach  als  ein  Kabinetstück 
der  palaeolithischen  Steinindustrie  erklären,  das  auch  unter  den  bis- 
her bekannten  fremdländischen  Exemplaren  einen  vornehmeren  Rang 
beanspruchen  kann.  Verhältnismässig  entspricht  sie  am  meisten  jener 
Saint-Acheuler  Silexaxt,  die  sich  im  Musee  de  St.-Germain  unter 
No.  7001  befindet,  von  welcher  Herr  G.  de  Mortillet  hervorhebt :  „instru- 
ment  chelleen,en  silex,parfaitementamygdaloide"(„  Musee  prehistorique." 
Paris  1881.  PI.  VI.  No.  29,  siehe  die  Fig.  «  der  Tafel.) 

(Behufs  einer  Vergleichung  der  drei  Miskolczer  Silexäxte  mit 
den  St.-Acheuler  Silexäxten  habe  ich  dieselben  auf  der  beistehenden 
Tafel  in  V*  der  Naturgrösse  photographisch  copiert.  Die  Bezeich- 
nung: A  =■  die  Miskolczer  Steinaxt  No.  1,  B  =  die  Miskolczer 
Steinaxt  No.  2,  C  =  die  Miskolczer  Steinaxt  No.  3,  a  =  St.-Acheuler 
Silexaxt  No.  7001  Musee  de  St. -Germain,  h  =  St.-Acheuler  Silexaxt 
No>  15232  Musee  de  St.-Germain,  c  =  Briveer  Silexaxt,  Sammlung 
des  Herrn  Massenat  in  Brive). 

Die  zweite  Miskolczer  Axt  (s.  Fig  B)  würde  nach  der  Analogie 
mit  der  St.-Acheuler  Axt  (s.  Fig.  b  der  Tafel)  einem  sog.  „eoup  de 
poing*,  hingegen  die  Miskolczer  Axt  (s.  Fig.  C  der  Tafel)  einem 
.triangulaire  en  silex"  entsprechen.  Ich  brauche  hier  wol  nicht  näher 


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es  auseinandersetzen,  dass  es  sich  zwischen  den  Miskolczer  und 
den  französischen  Steinäxten  nur  um  eine  allgemeine  und  nur  auf 
die  Configuration  sich  beschränkende  Ähnlichkeit  handelt.  Denn  was 
die  specielle  Technik  des  Zuschlagens  (die  Charaktere  der  Schlag- 
marken und  der  Retouchen)  anbelangt,  so  ist  hier  ein  auffallender 
Unterschied  zu  verzeichnen.  Die  praehistorischen  Menschen  von  Mis- 
kolcz  haben  ihre  Äxte  nur  im  Groben  ausgearbeitet,  so  dass  die 
Miskolczer  Äxte  (No.  1  und  2)  nur  der  Mandelform  wegen  dem 
Chelles-schen  Typus  anzureihen  sind.  Es  wäre  gewiss  sehr  erwünscht, 
dass  die  Miskolczer  Axte  überhaupt  fachgemäss  studiert  werden f  damit 
wir  Näheres  über  den  Unterschied  der  praehistorischen  Industrie  in 
Ungarn  und  in  Frankreich  erfahren  können.  Da  ich  die  Miskolczer 
Äxte  selbst  nicht  sah,  so  kann  ich  hierüber  keine  weitern  Betrach- 
tungen anstellen  —  es  wird  vorläufig  genügen,  wenn  ich  auf  die 
noch  unerforschten  Momente  des  Miskolczer  Fundes  hiermit  hinge- 
wiesen habe. 

2.  Was  die  (Konfiguration  der  liier  miteinander  verglichenen  sechs 
Steinäxte  abgelangt,  will  ich  Folgendes  hervorheben.  Da  es  sich  hier 
um  das  Verhältnis  zwischen  der  Längen-  und  Breitenaxc  handelt,  so 
will  ich  dieses  Verhältnis  dieser  beiden  Axen  von  den  6  Steinäxten  in 
der  Formel  eines  sog.  Index  mitteilen  (  nr°^,*c  1<V  =  Längen-Breiten- 
index).*  In  der  folgenden  Tabelle  stelle  ich  die  Wertgrössen  dieses  Index 
nach  meinen  an  den  Original-Figuren  der  Autoren  gemachten  Messun- 
gen zusammen. 

Längen-Breitenindex. 

I.  A.,  Bei  der  Miskolczer  Axt  No.  1  =  ,,:,*,lli0  =  4S  Ü8. 
,  <*.,  bei  der  St.-Acheuler  No.  7001  =  9,  0  *  m  =  48*99. 

Differenz  der  Breite  =     113— 916   =  214  mm. 

„    Länge   =     225-187    =  48'0  - 
des  Index    =  4S99-48  0S  =  Ulli  - 

II.  B.  Bei  der  Miskolczer  Axt  No.  2  =  n\*  ,ü°  =  5625. 

.  b.,  bei  der  St.-Acheuler  No.  15232  =  *\*JW  =62  98. 

|  Differenz  der  Breite   =    117—81      =  36*0  mm. 
{       „        „    Länge   =    208-128-6  =  794  „ 
I       „      des  Index    =  629S-56'25  =  673  m 

III.  C.  Bei  der  Miskolczer  Axt  No.  3  =        !°°  =  73  59. 

1  lo  r> 

„  c,  bei  der  Brive-er  =  1,6  *  100  =  8169. 

|  Differenz  der  Breite   =     1 16—85      =  31  mm. 
;       ,        „   Länge   =     142— 1155  =  265  . 
I       ,      des  Index     =  8169-73  59  =  810  B 
(Fortsetzung  folgt.) 

*  Bei  der  Beschreibung  derlei  praehistorischer  Artefacte  bediene  ich 
mich  der  in  der  Kraniometrie  üblichen  Indices,  die  eine  genauere  Ver- 
gleichung  der  Form  erleichtern.  Es  wäre  wünschenswert,  wenn  die  Prähi- 
storiker  sich  diese  Methode  aneignen  würden. 

Bthno].  Mitteil.  a.  I  n^arn.  ILI.  2 


:8 


Neue  Beiträge  zur  Volkskunde  der  Siebenbürger  Sachsen. 

—  Von  Dr.  Heinrich  r.  Wlislocki.  — 

Auf  dem  von  unseren  einheimischen  Forschern  woldurehpflüg- 
ten  Fehle  der  siebenbürgiseh-sächsisehen  Volkskunde  liegen  noch 
innner  zahlreiche  Bausteinchen  von  grösserem  und  geringerem  Werte 
verstreut  umher,  die  ruhloser  Sammler  bedürfen,  um  der  Wissenschaft 
gerettet  und  vor  dem  gänzlichen  l'ntergange  bewahrt  zu  werden.  Wir 
dürfen  kein  einziges  solcher  Steinchen  bei  Seite  schieben,  es  auf 
unseren  Wanderfahrten  am  Wege  liegen  lassen ;  wir  müssen  es  auf- 
heben und  in  die  Schatzkammer  der  Volkskunde  niederlegen,  damit 
wir  den  im  Entstehen  begriffenen  Bau  einer  Geschichte  des  mensch- 
lichen Geistes  fördern  helfen.  Auf  meinen  jahrelangen  Wanderfahrten 
durch  mein  wunderdurehrauschtes  Heimatland,  Siebenbürgen,  .  habe 
ich  auch  vom  Felde  der  siebenbürgisch-sächsischen  Volkskunde  so 
manche  Körnlein  eingeheimst,  die  ich  hier  niederlegen  will.  Für  den 
Dombau  unserer  Wissenschaft  werden  auch  diese  zerstreuten,  nun 
aber  wenigstens  in  losen  Zusammenhang  mit  einander  gebrachten 
Körnlein  wol  das  Ihrige  beitragen.  Vor  allem  sind  es  die  Heil-  und 
Zaubermittel,  die  unsere  Aufmerksamkeit  in  so  mancher  Richtung  in 
Anspruch  nehmen  —  besonders  nachdem  dieselben  noch  nirgends  im 
Druck  erschienen  sind ;  dieselben  stammen  zum  grössten  Teil  aus 
der  handschriftlichen  Sammlung  des  Andrea«  Jioth,  meines  Gross- 
vaters mütterlicherseits,  zum  geringen  Teil  aber  aus  meinen  eigenen 
Sammlungen. 

Die  Behandlung  der  Krankheiten  von  Mensch  und  Tier  durch 
Kultmittel  fristet  auch  bei  den  Siebenbürger  Sachsen  nur  an  beson- 
ders gehegten  Plätzen  eine  üppige  Existenz,  eine  üppigere  wol,  als 
man  dies  aus  den  bislang  veröffentlichten  Berichten  der  einheimischen 
Volksforscher  erschliessen  könnte.  Vor  den  Augen  der  Lehrer  und 
Geistlichen  ziehen  sich  diese  volkstümlichen  Niederschläge  ebenso  scheu 
zurück,  wie  bei  jedem  anderen  Volke. 

Die  Art,  wie  diese  Segen  und  Heilkräfte  bei  den  Siebenbürger 
Sachsen  -fortgepflanzt  werden,  ist  verschieden",  schreibt  der  verdienst- 
volle Siebenbürger  Gelehrte  Frinl.  Willi.  Srhusfer  (Siebenb.-sächs. 
Volkslieder  S.  481),  ^sie  sind  Geheimnis  und  dürfen  nicht  ohne 
weiteres  mitgeteilt  werden.  Entweder  der  Jutirr'  oder  ,ßeszer  (Büsser) 
oder  .Kundige'  murmelt  seine  Worte  leise  für  sich  hin,  wer  sie  ver- 
steht und  behält,  ist  glücklich,  er  mag  sie  mit  gleichem  Erfolg  gebrau- 
chen, ohne  Nachteil  für  den  eisten  Besitzer:  oder  der  Kundige  teilt 
sie  zwar  ohne  weiters  mit,  aber  nur  einem  Jüngern,  weil  sie  sonst 
für  ihn  selbst  die  Wirkung  verlieren  würden :  oder  endlich  die  Formel 
muss  dem,  der  sie  erwerben  will,   .von  einem  alten  Weibe  zur  //«- 


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19 


fon  Hand  eingeimpft  und  nachher  behutsam  gebraucht  werden/  In 
welcher  Weise  die  Einimpfung  geschieht,  habe  ich  nicht  ermitteln 
können.* 

Betreffs  dieser  Einimpfung  habe  ich  zwei  Berichte  erhalten.  Die 
Kellinger  Magd  Marie  Klusch  diente  im  J.  1884  in  meiner  Familie. 
Ihre  Mutter  war  in  der  Umgegend  zwar  als  „Hexe*"  gefürchtet,  aber 
nichtsdestoweniger  als  Heilkünstlerin  für  das  Fieber  berühmt.  Als 
sie  einmal  schwerkrank  wurde,  impfte  sie  —  nach  Aussage  ihrer 
Tochter  ---  die  Kunst:  das  Fieber  zu  „büssen"  (besen),  derselben  auf 
folgende  Weise  ein:  Die  Mutter  ritzte  sich  mit  einer  neuen,  nie 
gebrauchten  Nadel  die  linke  ^rust  und  liess  einige  Tropfen  ihres 
Blutes  auf  eine  Hostie  rinnen,  welche  sie  dann  in  die  linke  Handfläche 
ihrer  Tochter  legte,  indem  sie  dabei  durch  die  Hostie  hindurch  mit 
der  Xadel  in  die  Hand  der  Magd  stach,  wobei  sie  sprach: 

..Im  Xamen  des  Vaters,  des  Sohnes  und  des  hl.  Geistes!  Was 
mir  gegeben  haben  die  drei  Wenken,  das  geb'  ich  dir,  mein  Blut 
mit  deinem  Blut,  damit  dir  Herr  Satan  auf  dem  Hoprichberg  nie 
schade!"  Die  Tochter  verschluckte  nun  die  Hostie,  worauf  ihr  die 
Mutter  Mittel  gegen  das  Fieber  verkündete.  Die  Wenken  oder  Wäjnken, 
welche  die  Mutter  in  der  obigen  Formel  erwähnt,  sind  dem  dortigen  Volks- 
glauben gemäss,  „kleine  schwarz?  Frauen,  die  gar  klug  sind.1*  In  anderen 
Gegenden  werden  sie  neben  Wenken  auch  noch  „misse  Frauen"  genannt 
und  in  Heilsprüchen  angerufen  (s.  Schuster  a.  a.  0.  S.  489  fT.)  Ihr 
Wohnort  ist  der  „dunkle4*  oder  ..grüne"  Wald.  Sie  sind  also  Baum- 
geister, die  vorzugsweise  ausserhalb  der  Bäume  als  eigentliche  Krank- 
heitsgeister auftreten.  Auch  als  Schicksalsspinnerinnen  und  Schicksals- 
bestiinmerinnen  mögen  sie  ursprünglich  im  Volksglauben  der  Sieben- 
bürger Sachsen  eine  Holle  gespielt  haben.  Darüber  habe  ich  mich  an 
mehreren  Stellen  meines  demnächst  erscheinenden  Werkes :  rVolks- 
glaube  u.  Volksbrauch  der  Siebenb.  Sachsen**  (Berlin,  Felber)  aus- 
gesprochen. Auch  in  einer  Besprechungsformel  bei  Schuster  (a.  a.  0. 
S.  4(.)0)  kommt  der  oben  erwähnte  Hoprichberg  in  der  Form  von 
..Huiprichberg**  vor.  Ob  dieser  Berg  nicht  etwa  die  Bedeutung  eines 
Hexenversammlungsortes,  eines  Teufelsberges  hat?  Im  Magyarischen 
hat  der  Teufel  (ördög)  auch  den  Beinamen  hopeiher  (s.  lpolyi,  Magyar 
Mythologia  =  Magyarische  Mythol.  bei  „ördög").  Bezüglich  dieser  oben 
erwähnten  Wenken  teile  ich  hier  eine  interessante  Formel  aus  der 
Handschrift  meines  Grossvaters,  Andreas  Jioth  mit,  der  in  ein  Heft 
Lieder,  Hausmittel  und  Besprechungsformeln  während  seiner  Wander- 
schaft in  Siebenbürgen  (zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts  eingeschrieben 
hatte.)  Es  heisst  nämlich  hei  ihm:  Man  schreibe  mit  dem  Blute  des 
Fieberkranken  dies  ..Gebetchen**  auf  ein  Blatt  Papier: 

Drei  weisse  Wenken  giengeu  durchs  Lan«l. 
Begegnet  ihnen  der  Heiliand: 
„Ihr  Wenken,  wohin  wollt  ihr  gehn?u 
„Wir  wollen  zum  N.  N.  gehn, 
Wir  wollen  sein  Herz  schütteln. 
Wir  wollen  sein  Gedärm  rütteln, 

2* 


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Wir  wollen  sein  Blut  lecken. 

Wir  wollen  seine  Glieder  strecken."  — 

„Weisse  Wenken,  das  dürft  ihr  nicht  tun, 

Ihr  sollt  hier  im  Brunnen  ruhn, 

Bis  ich  schreib'  ein  neues  Evangelium  u 

Diesen  Zettel  reisst  der  Fieberkranke  in  drei  Teile  und  wirft 
dieselben  vor  Sonnenaufgang  einzeln  in  einen  Brunnen  mit  den  Worten  : 

(Jeht  in  den  schwarzen  Wald, 
Da  springen  drei  Brunnen  kalt, 
Der  ein  ist  der  mW, 
Der  ändert  der  »mW,  a 
Der  dritt  der  phri!  ^ 
Da  sollt  ihr  drei  Wenken  ruhen ! 

Hei  Schuber  (a.  a.  0.  S.  302)  findet  sieh  eine  ähnliche  Formel 
gegen  das  Fieber  vor,  in  der  aber  nur  zwei  Hrunnen  genannt  wer- 
den, horujif  und  Werth,  wobei  Schuster  (S.  489)  an  den  germanischen 
„Mimirsbrunn"  denkt.  Wie  die  Namen  dieser  Hrunnen  ursprünglich 
gelautet  haben  mögen,  das  wird  wohl  für  immer  unentschieden  blei- 
ben. Ich  erwähne  hier  nur  noch,  dass  pisri  vielleicht  auf  ~pisen~ 
zurückgeführt  werden  könnte,  weil  nach  Roth'*  Angabe  der  Fieber- 
kranke auch  in  den  Hrunnen  uriniert  und  neun  Tage  hindurch  jedes 
Mal  vor  Sonnenaufgang  Wasser  aus  demselben  Hrunnen  trinkt.  Wie 
den  germanischen  Schicksulsbestimmerinnen,  so  werden  auch  den 
siebcnbürgisch-sächsischen  Wenken,  Hrunnen  oder  wenigstens  die 
Nähe  derselben  zum  Aufenthaltsorte  angewiesen,  obwol  diese  Wesen 
im  Volksglauben  beinahe  ganz  und  gar  zu  Krankheitsgeistern  herab- 
gesunken sind. 

Hoch  keinen  wir  zur  Einimpfung  der  Heilkraft  zurück. 

Meiner  seligen  Mutter  berichtete  man  1887  von  einer  Frau  M. 
in  Mühlbach,  welHie  im  Hufe  stand,  die  .Kunst  gegen  das  „schlagende 
Feuer"  (Blitz)  von  ihrer  Mutter  ererbt  zu  haben,  hie  Tochter  tnusste 
sich,  als  die  Mutter  ihr  baldiges  Lebensende  voraussah,  in  der  Set. 
Laurentiusnacht  (10.  August)  ganz  entkleidet  im  Freien  rücklings 
niederlegen,  worauf  die  Mutter  mit  glühenden  Kohlen  rings  um  sie 
einen  Kreis  zog.  Lorenzi-Kohlen  bewahren  beim  bayerischen  Volk  vor 
Feuersbrunst  (s.  M.  Horfler  in  d.  „Zcitschr.  d.  Vor.  f.  Volksk."  L  S. 
300).  Dann  schritt  die  Alte  drei  Mal  über  ihre  Tochter  hinweg  und 
träufelte  ihr  drei  Tropfen  ihres  Hintes  in  die  linke  Handfläche.  Wenn 
nun  bei  schlagendem  Feuer,  oder  bei  einer  Feuersbrunst  überhaupt 
ein  Kleidungsstück,  selbst  nur  ein  Kleiderlappen  der  Frau  M.  rings  um 
die  Feuerstätte  getragen  wird,  oder  sie  selbst  und  zwar  nackt,  die 
Hrandstätte  umkreist,  so  muss  das  Feuer  sogleich  gelöscht  und  ge- 
dämpft werden  können.  Auch  bei  der  rumänischen  Landbevölkerung 
Siebenbürgens  herrscht  der  Glaube,  dass  es  gewisse  Personen  gibt, 
die  nicht  verbrennen  können,  und  wenn  man  von  solchen  Leuten  einen 
Kleiderlappen  in  die  Hrandstätte  wirft,  so  erlischt  das  Feuer  sofort. 

Aber  nicht  nur  einzelne  Eingeweihte,  Männer  und  Weiber,  diu 
mit  Eifersucht  und  gläubischem  Sinn  ihre  Kunst  und  ihr  Wissen 


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21 


hüten,  wenden  Segen  und  Heilmittel  an,  sondern  fast  jeder  sieben- 
bürgisch-sächsische  Bauer  und  jede  Häuerin  kennt  mehrere  solcher 
Formeln  und  Mittel;  der  eine  für  dies,  der  andere  für  jenes  Leid  und 
Uebel ;  ist  aber  in  irgend  einem  Falle  die  Gefahr  gross,  da  muss  der 
Büsser  oder  die  Büsserin  helfen,  von  denen  es  fasst  in  jedem  sächsi- 
sischen  Dorfe  zwei,  drei  gibt.  Der  eine  kann  von  diesem  Leiden 
befreien,  jener  jene  Arten  von  Krankheiten  bannen ;  dieser  kann  gegen 
Böses  und  Ueldes  in  der  Zukunft  feien,  oder  das  wankende  Glück 
befestigen,  jener  hingegen  von  gegenwärtigem  Leid  und  Uebel,  von 
gegenwärtiger  Krankheit  befreien.  Unlängst  brac  hten  die  Tagesblätter 
die  Nachricht,  dass  in  Tartlau  (neben  Kronstadt)  ein  sächsischer 
.Wunderdoktor",  Job.  Teutsch  genannt,  wohne  und  nun  habe  die 
Bewohnerschaft  dieses  Ortes  und  der  Umgebung  eine  Bittschrift  an 
die  Behörde  eingereicht,  man  möge  ämthch  gestatten,  dass  dieser 
„Wunderdoktor"  frei  und  öffentlich  die  ärztliche  Praxis  ausübe  (s. 
die  Zeitung  „Brassö"  Nr.  36  vom  28.  März  1893,  S.  143). 

Dass  auch  bei  den  Zauber-  und  Besprechungsformeln  der  Sie- 
benbürger Sachsen  die  verschiedensten  Quellen,  wie  Beligion,  Zau- 
berei und  frühere  Perioden  der  Medizin,  zusammenfliessen,  braucht 
nicht  noch  besonders  erwähnt  zu  werden.  Heil-  und  Zauberkundc 
gehört,  ja,  wie  dies  unser  Altmeister  K.  Weinhold  sagt,  einem  nie- 
deren Vorstellungs-  und  Glaubenskreise  an,  der  weder  kristlich  noch 
heidnisch  ist,  sondern  eine  Wucherbildung.  Im  germanischen  Heiden- 
tum gab  es  einen  Aberglauben  und  ein  Zauberwesen,  abgesondert 
und  feindlich  gegen  die  eigentliche  Volksreligion  und  den  anerkann- 
ten Gottesdienst.  So  ist  es  überall  gewesen  und  so  ist  es  noch  heute. 
Aberglaube  ist  an  keine  Nation  und  keine  bestimmte  Beligion  gebun- 
den, sondern  ein  allgemein  Menschliches.  Wie  viel  uralte  Kiemente 
so  manche  Heilformeln  des  siebenbürgisch-sächsischen  Volkes  ent- 
halten, wird  eine  kleine  Auswahl  aus  meiner  Sammlung  und  der 
Handschrift  meines  Grossvaters  bezeugen.  Gegen  Augensfaur  teilt  z. 
B.  diese  Handschrift  folgendes  Mittel  mit:  Man  lege  neun  Tage  hin- 
durch täglich  einmal  wanne  Tierleber  auf  das  kranke  Auge  und 
spreche  heim  Auflegen  derselben  : 

Ihtdrla,  die  heilige  Frau, 

Ward  blind  geboren, 

Ward  blind  aut'erzoeen; 

Sie  sass  im  wilden  Wald  allein 

Und  weinte  auf  marmelnem  Stein, 

Kam  einher  der  schimrze  Mann. 

Schlug  sie  ins  Aue  mit  grünem  Ast  : 

Jesus  Christ,  der  uu  gekreuzigt  bist, 

Mach'  rot,  was  rot  ist;  grün,  was  grün  ist; 

Mach'  weiss,  was  weiss  ist;  nimm  das 

Schwarze  weg,  im  Namen  Gottes.  Amen  ! 

Wer  unter  Dndela  (Tutela?)  zu  verstehen  ist,  oder  besser  ge- 
sagt :  ursprünglich  verstanden  worden  sei,  mag  und  kann  ich  nicht 
entscheiden.  In  Schuster'^  Sammlung  (a.  a.  0.  S.  311  u.  491)  kommt 
eine  halbwegs  ähnliche  Besprechungsfonuel  gegen  Flecken  im  Auge 


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22 

vor,  wobei  eine  „Duidelglr  erwähnt  wird,  deren  Bedeutung  der 
Herausgeber  nicht  erklären  kann.  Ich  glaube  hinter  beiden,  selbst- 
verständlich ganz  und  gar  verwischten  Namen,  mag  wohl  ein  Wald- 
geist, beziehungsweise  ein  Krankheitsdämon  stecken.  Hiefür  spricht 
teilweise  die  Erwähnung  des  „wilden  Waldes*  und  des  „schwarzen 
Mannes."  Letzterer  ist  entschieden  ein  Waldgeist,  wie  solche  Geister 
im  Volksglauben  der  Siebenbürger  Sachsen  noch  immer  verhältnissig 
zahlreich  vorhanden  sind,  wenn  auch  dieselben  weniger  zum  eigent- 
lichen Zwerg-  oder  Albengeschlecht  zu  gehören  scheinen  (s.  mein 
erwähntes  Werk  S.  21  IT.)  In  der  Hermannstädter  Gegend  erzählt 
man,  dass  der  schwarze  Mann  den  Leuten  im  Walde  beim  Holz- 
fällen anfangs  geholfen  habe :  dann  aber  seien  die  Leute  ihm  gegen- 
über undankbar  gewesen,  und  er  sei  nun  in  die  Erde  verschwunden, 
woher  man  oft  sein  Bellen  vernehme.  Eine  Bäuerin  aus  der  ( )rt- 
schaft  Neppendorf  erzählte  mir,  dass  die  kleinen  Kinder  deshalb  so 
oft  zu  Boden  fallen  und  Beulen  davontragen,  weil  sie  den  schwarzen 
Mann  in  der  Erde  bellen  hören.  Fällt  ein  Kind  zu  Boden,  so  besänf- 
tigt man  es  dadurch,  dass  man  dem  Erdboden  Schläge  versetzt  und 
ruft:  „Na,  wart'  nur,  du  böser  schwarzer  Mann  !*  Und  gegen  Beulen, 
die  man  durch  einen  Schlag  auf  einen  Knochen  davongetragen  hat, 
nehme  man  ein  Messer  und  drücke  mit  demselben  kreuzweise  die 
Beule,  wobei  man  die  Worte  zu  sprechen  hat:  -Beule,  eile:  Eil'  in 
den  Grund;  Fress'  dich  der  Hund;  Fress"  dich  der  schwarze  Mann, 
Damit  er  nicht  mehr  bellen  kann!" 

Ich  glaube,  dass  dieser  schwarze  Mann  und  das  Hulzmantchen 
(Holzmandel),  von  dem  Müller  (Siebenb.  Sagen  ;  2.  Aufl.  S.  VA)  be- 
richtet, ursprünglich  ein  und  dasselbe  Wesen,  und  zwar  ein  Wald- 
geist gewesen  ist.  Wo  jetzt  das  Dorf  Holzmengen,  sächsieh  Hulz- 
mängden,  steht,  wohnte  ein  kleines  Männchen,  welches  auf  jeden 
Wochenmarkt  eine  Fuhre  Holz  nach  Hermannstadt  brachte.  Niemand 
kannte  den  eigentlichen  Namen  dieses  Männchens.  Man  nannte  es 
das  Holzmandel.  Bald  siedelten  sich  in  seiner  waldreichen  (legend 
Leute  an,  die  man  alle  Holzmandel  nannte,  weil  sie  Holzhandel 
trieben.  Das  Holzmandel  aber  verschwand  und  ward  nicht  mehr  ge- 
sehen. Sein  Name  ward  auf  das  Dorf  übertragen  .  .  .  Dies  der 
kurze  Inhalt  der  Sage  bei  Müller.  Der  Schluss  von  einer  Variante 
dieser  Sage,  die  mir  Herr  Ad.  Adh>ß'  mitteilte,  ist  für  die  verglei- 
chende Sagenkunde  von  Bedeutung.  Es  heisst  nämlich,  dass  das 
Holzmandel  nicht  gleich  nach  der  Ansiedelung  der  Leute  in  seinem 
Waldrevier  verschwand,  sondern  im  Gegenteil  den  Leuten  hilfreich 
beistand,  ihnen  guten  Bat  erteilte,  ja  selbst  das  Baumfällen  für  sie 
ganz  allein  verrichtete.  Aber  die  Leute  bewiesen  sich  ihm  gegenüber 
undankbar,  spotteten  ihn  wegen  seiner  winzigen  Gestalt  und  Hiis»- 
lichkeit.  Einmal  waren  < lie  Leute  mit  dem  Holzmandel  draussen  im 
Walde  und  bliesen  sich  in  die  Hände,  um  sie  zu  erwärmen,  denn 
es  war  ein  bitterkalter  Wintermorgen.  Da  fragte  das  Holzmandel : 
„Warum  bläst  ihr?"  Die  Leute  versetzten:  „Um  uns  die  Hände  zu 
erwärmen  !u  Zu  Mittag  kochten  sie  eine   Suppe,   und   während  *ie 


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2:; 


assen,  bliesen  sie  in  den  Lötfei.  Da  fragte  das  Holzmandel:  „Warum 
bläst  ihr  in  den  Löffel  ?a  Die  Leute  antworteten:  „Damit  wir  die 
heisse  Suppe  abkühlen!"  Da  ärgerte  sich  das  Holzmandel  und  rief: 
„Mit  solchen  Betrügern  will  ich  nichts  mehr  zu  schaffen  haben.  Ihr 
bläst  einmal,  damit  es  wann  werde:  dann  bläst  ihr,  damit  es  kalt 
werde:  ihr  wollt  mich  nur  betrügen!"  l  ud  das  Holzmandel  ver- 
schwand und  ward  nicht  mehr  gesehen.  Ihm  zu  Khren  nannten  die 
Leute  ihr  Dorf  Hülzmängen,  aber  er  kehrte  nicht  mehr  zu  ihnen 
zurück.  .  .  . 

Vor  allem  müssen  wir  bemerken,  dass  diese  Sage,  mir  von 
Adlelf  viermal  erzählt,  auch  den  Schluss  einmal  enthält:  „Das  Holz- 
mandel verschwand  in  die  Krde  und  kam  nicht  mehr  zum  Vorschein. 
Bisweilen,  wenn  viele  Leute  im  Walde  Holz  fällen,  hört  man  es 
unter  der  Erde  schreien  und  poltern  ..."  Wie  sich  nun  immer  die 
Sache  um  die  Identität  des  schwarzen  Mannes,  der  „unter  der  Krde 
bellt,"  und  des  Holzmandels  verhält,  so  viel  ist  aus  den  oben  mit- 
geteilten Formeln  und  obiger  Sage  ersichtlich,  dass  wir  es  hier  im 
schlechtesten  Falle  mit  verwandten  Gestalten  zu  tun  haben.  Was 
aber  die  letzthin  mitgeteilte  Sage  anbelangt,  so  findet  sich  dieselbe 
als  Sage  oder  Märchen  ausser  bei  den  Kalotaszeger  Magyaren,1  auch 
bei  Aesop,  bei  Avianus  (Satyrus  et  Viator),  bei  Krasmus,  bei  La 
Fontaine,  ferner  in  alten  toskanischeu  Versen,  im  Dittainondo  von 
Fazio  degli  Uberti,  im  Verliebten  Roland,  in  den  Dreizehn  Nächten 
Straparolas  u.  s.  w.2 

Dieser  schwarze  Mann  scheint  auch  unter  dem  Namen  „Alter" 
in  den  Besprechungsformeln  vorzukommen,  (legen  das  Grhi-rch 
(=  Katarrh  oder  Brustbeklemmung  bei  Kindern)  -  führt  Roth  u.  a. 
folgendes  Mittel  an :  Man  lege  dem  kranken  Kinde  einen  in  Lamm- 
talg eingetauchten  Lappen  allabendlich  auf  die  Brust.  In  der  Frühe 
reisse  man  jedesmal  ein  winzig  kleines  Stückchen  vom  Lappen  herab 
und  werfe  es  in  die  Hühnersfeige,  wobei  man  zu  sprechen  hat : 

Es  waren  drei  weisse  Frauen. 
Die  giengen  morgens  im  Taue 
l'nd  hatten  ein  Liebesgespriich : 
Kam  da  der  Alte  mit  dem  Gebrech 
Und  macht«  sie  stumm. 
O  Alter,  Alter,  o  kumm. 
Nimm  meines  Kindes  Gebrech. 
Im  Namen  Gottes  usw. 

In  Heltau  habe  ich  folgendes  Mittel  gegen  das  (iebrech  aufge- 
zeichnet: Hat  das  Kind    das  (iebrech,  so  reibe    mau  ihm  die  Brust 

')  Wahrscheinlich  wurde  es  liier  aus  den  Sagenschatz  der  Sachsen 
herübergenommen,  die  auch  in  dieser  Gegend  einst  gewohnt  haben.  S.  mein 
Werk:  „Aus  dem  Volksleben  der  Magyaren"  S.  17  if. 

J)  S.  (iinnnini.  L'Uorao  Selvaggio  < '  Lucca.  ISMO,  Giustij  und  Mar.  Mmgh- 
ini  in  der  rZtschr.  d.  \  er.  t.  Volkskunde"  I.  S.  10:;. 

»)  S.  das  treffliche  Werk  von  llaltrkh-  Hr«ljr.  Zur  Volkskunde  der 
Siebenb.  Sachsen  S.  'J'i-4. 


J4 


häufig  mit  Talg  ein  und  forme  am  dritten  Tage  der  Einreibung  aus 
einem  Teil  desselben  Talges  eine  menschliche  Figur  und  binde  die- 
selbe an  den  Hals  eines  Hahnes.  Dem  davoneilenden  Hahne  rufe 
man  einige  Mal  nach  : 

Alter  Mann,  alter  Mann, 

Meines  Kindes  Gebrech  mitnahm. 

„Der  Kokesch  (Hahn)  soll  die  Krankheit  zum  Alten  in  deu 
Husch  tragen,"  gab  mir  die  Uäuerin  Hellwig  die  Erklärung.  Bei  allen 
bislang  bekannten  Formeln  gegen  das  Gebrech  (s.  Haltrich-  Wolff  S. 
264;  Schuster  S.  493)  spielen  die  Hühner  eine  Holle.  Hühner  sollen 
das  Uebel  wegführen.  Schuster  (S.  493)  meint  diesbezüglich :  „Hühner 
waren  Woden  und  Hei,  vielleicht  auch  anderen  Gottheiten  heilig.  In 
Märchen  und  Kinderspielen  hat  sich  Woden  selbst  in  Gestalt  eines 
Hahnes  erhalten."  Ohne  mich  in  diesbezügliche  Erörterungen  einzu- 
lassen, bemerke  ich  nur,  dass  der  Hahn  bekanntermaassen  nächst 
Hund  und  Katze  für  einen  Verscheucher  feindlich  gesinnter  Wesen 
gilt.  «In  der  Symbolik  des  Rechtes  sind  Hund  und  Hahn  verbunden," 
s&gt Laistner  (Das  Rätsel  der  Sphinx  H,  85).  „gerade  wie  in  der  zoro- 
astrischen  Religion  Hund  und  Hahn  zusammen  genannt  werden  als 
Streiter  wider  lurische  Wesen. u  Der  Alp  entweicht  beim  Hahnen- 
schrei, elbische  Wesen  fliehen  vor  ihm ;  dies  bestätigen  uns  Märchen 
und  Sagen,  die  in  Latetner's  Werk  nachgelesen  werden  können.  Wir 
haben  es  also  auch  bei  diesen  siebenbürgisch-sächsischen  Formeln 
gegen  das  Gebrech  mit  elbischen  Wesen,  Waldgeistern,  Kraukheits- 
geistern  zu  tun.  welche  von  den  Hühnern  vertrieben  werden  sollen. 
Bezüglich  des  Hundes  und  Hahnes  als  elbverscheuchende  Wesen 
erwähne  ich  nur  noch  Folgendes  aus  dem  Volksglauben  der  Sieben- 
bürger Sachsen:  Die  Darre  oder  das  Hundsalter  (d.  h.  wenn  das 
Kind  nicht  wachsen  will)  schreibt  die  erwähnte  Handschrift  h'oth'* 
dem  I  nistande  zu,  dass  dem  Kinde  Katzenhaare  in  den  Magen  kom- 
men;1) das  Gebrech  aber  bekommt  das  Kind,  wenn  es  Hundehaare 
schluckt.  «Ks  bellt  und  keucht,  wie  ain  Hundlein"  (lioth.)  Bezüglich 
des  Ausdrucks  „Hundsalter*  erwähne  ich  hier  nebenbei  den  ma- 
gyarischen Volksglauben,  demzufolge  jeder  junge  Hund  auffällig  ab- 
magern muss,  und  erst  dann  gedeiht  und  wächst.  Diese  Krankheit 
nennt  man  magyarisch:  Zsigora.  Wir  sehen  also  aus  diesen 
flüchtigen  Andeutungen,  wie  der  uralte  Glaube  bei  den  einzelnen 
Völkern  verblasst,  hei  einem  früher,  beim  anderen  später  zu  blosen, 
oft  unverständlichen  Rudimenten  herabsinkt. 

F.  S.  Krauts  hat  in  seinem  Werke  „Volksglaube  und  rel. 
Brauch  der  Südslaven"  bezüglich  dieses  Volkes  gar  trefflich  nach- 
gewiesen, dass  die  Krankheitsgeister  Waldgeister  sind.  Für  die  Rich- 
tigkeit dieses,  sozusagen  allgemein  giltigen  Satzes,  haben  wir  eben 
auch  aus  dem  Volksglauben  der  Siebenbürger  Sachsen  einige  Belege 
herangezogen.    Dass   diese   Geister  als  im    Baume   lebend  gedacht 

')  Vgl.  Toppen,  Abergl.  aus  Masuren  S.  b± 


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25 


wurden,  dafür  spricht  folgendes  Mittel  gegen  Anschwellung  der  Hals- 
drüsen, das  ich  in  Mühlbach  erfahren:  Man  stehle  ein  Stückchen 
Speck,  binde  es  mit  einem  Fusslappen  über  Nacht  um  den  Hals 
und  hänge  den  Verband  am  nächsten  Tag  an  einen  Baum  und 
spreche :  „Baum,  du  hast  viele  Knoten,  nimm  mir  weg  auch  meine 
Knoten" ;  oder  man  spreche  beim  Abnehmen  dieses  Verbandes,  den 
man  ins  Feuer  zu  werfen  hat,  die  Formel :  „Oer  Knotenmann  hatte 
sieben  Söhne,  das  Knotenweib  hatte  sieben  Töchter;  sie  heirateten 
sich,  lebten  miteinander,  vertrugen  sich  nicht.  Sie  schieden  von  ein- 
ander und  verschwanden,  wie  deF  Speck  im  Feuer.  So  mögen  im 
Namen  Gottes  dem  N.  NT.  die  Knoten  am  Halse  verschwinden,  damit 
er  beim  heiligen  Abendmahl  rein  den  Leib  und  das  Blut  unseres 
Herrn  gemessen  kann.  Amen!"  Der  Knotenmann  und  seine  Sippe 
weisen  als  personifizierte  Knoten  am  Baume  geradezu  auf  Baum- 
oder Waldgeister  als  Krankheitsgeister  hin. 

Aber  nicht  nur  als  krankheitspendende  Wesen  treten  diese 
Wald-,  beziehungsweise  Krankheitsgeister  in  den  Formeln  der  Sieben- 
bürger Sachsen  auf,  sondern  auch  als  heilspendend,  übelabwendend 
erscheinen  sie.  Eine  Verquickung  beider  Eigenschaften  enthält  das 
Verfahren  gegen  Blutungen  der  Beermutter  (Gebärmutter)  oder  all- 
zustarke menses,  das  ich  in  Urwegen  aufgezeichnet  habe:  Man 
wasche  den  leidenden  Teil  mit  Bosenwasser,  dem  pulverisierte 
Eichenrinde  beigemengt  ist :  während  man  das  gebrauchte  Wasser 
an  einen  Bauin  giesst,  spricht  man  die  Formel: 

Beermutter  sass  auf  marmeiuem  Stein, 
Kam  ein  alter  Mann  zu  ihr  herein. 
,,Beermutter,  wohin  willst  du  gehn?" 
Ich  will  zur  N.  N.  gehn, 
Ich  will  ihr  Blut  sehn, 
Ich  will  ihr  Herz  verzehren, 
Ich  will  ihr  Leben  nehmen. 
,.Beermutter,  dag  sollst  du  nicht,  tun, 
Du  sollst  im  marmelnem  Stein  ruhn. 
Die  Waldfrau  soll  dich  fressen, 
Als  wäret  du  nie  gewesen! 
Im  Namen  Gottes  usw.u 

Hier  tritt  nun  der  alte  Mann  nicht  als  Schädiger  auf;  im  Ge- 
genteil, ein  anderer  Waldgeist,  die  Waldfrau,  „frisst"  das  Uebel. 
Dass  diese  Waldgeister  auch  im  Besitze  von  Heilmitteln  sind,  ergibt 
sich  aus  einer  Sage,  welche  erzählt,  dass  einst  zwei  Waldmaide  ge- 
fangen und  ins  Dorf  gebracht  wurden.  Zuerst  entfloh  die  eine,  später 
die  andere.  Die  zuerst  entfliehende  rief  der  noch  zurückbleibenden 
zu:  «Lea,  Lea,  alles  sage,  nur  wozu  der  Dillsame  und  der  vier- 
blättrige Klee  ist,  das  sage  nicht!"  Beide  Kräuter  haben  im  Volks- 
glauben der  Siebenbürger  Sachsen  eine  zauberabwehrende  und  zau- 
bererstickende  Kraft.1) 

M  Vgl.  Auf.  Hemnanm  Aufsatz:  „Ueber  den  Höhencult  der  siebenb. 
Völker"  im  diesjährigen  Bande  der  ungarischen  Zeitschrift  für  Touristik 
und  Volkskunde  von  Siebenbürgen:  „Erdely"  s.  27. 


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2»5 


Als  helfende  Wesen  treten  uns  auch  die  drei  weissen  Frauen 
in  einer  inedierten  Formel  aus  Ratsch  entgegen.  Gegen  Ausschläge 
am  Leibe  wird  ein  Baumstamm  so  entzwei  gespalten,  dass  das  eine 
Ende  desselben  noch  lose  zusammenhängt;  durch  die  also  entstan- 
dene Spalte  muss  sich  der  Kranke  hindurchzwängen.  Nach  dem  Hin- 
durchzwängen  sagt  man  ihm  die  Formel  vor: 

Heüige  drei  Frauen 
Sollen  die  Wunden  schauen, 
Sollen  bei  mir  weilen, 
Bis  die  Wunden  heilen. 

Sollen  die  Wunden  im  wilden  Wald  verstecken. 

Damit  sie  dort  verrecken. 

Im  Namen  Gottes  usw.  Amen  ! 

In  einer  Formel  (hei  Roth)  zum  Blutstillen  tritt  nur  die  dritte 
der  drei  (sündigen)  Frauen  als  Helferin  auf.  Es  heisst: 

Ks  waren  drei  sündige  Frauen. 

Die  giengen  Blut  zu  schauen : 

Die  eine  sagt:  es  soll  gehn. 

Die  andre  sagt:  es  soll  stehn. 

Die  dritte  sagt:  Blut  steh  still, 

Das  ist  Gottes  Will1, 

Blut  mit  Blut.  Bein  mit  Bein, 

Halt'  fest  wie  Stein ; 

Sollt  nicht  bluten,  sollt  nicht  schwären, 

Bis  Mutter  Gottes  wird  ein  Kind  gebären. 

Dann  soll  man  die  Wunde  mit  der  Schürze  einer  feilen  Dirne 
verbinden. 

Ganz  in  derselben  Weise  wie  die  Waldgeister,  d.  h.  teils  übel- 
spendend,  teils  übelbenehmend,  treten  auch  die  Wassergeister  in  den 
Formeln  der  Siebenbürger  Sachsen  auf.  So  heisst  es  in  einem  Mittel 
zum  Blutstillen  bei  Roth  also:  Man  schreibe  mit  dem  Blute  die  Buch- 
staben I  N  B  1  auf  ein  Stückchen  Holz  und  werfe  dies  in  den  Brun- 
nen, wobei  man  spricht : 

Drei  Brunnent'rauen 

Wollen  Blut  schauen. 

Sie  sprechen  :  Blut  steh*  stille. 

Das  ist  Gottes  Wille! 

Aus  diesetn  Holz  war  das  Kreuz. 

Daran  .Jesus  hieng.  Amen! 

Gegen  die  Epilepsie,  welche  Roth  die  „schedelnde  Gottesstrat*" 
(schüttelnde  Gottesstrafe)  nennt,  teilt  er  das  folgende  .Mittel  mit:  Man 
gebe  dem  Kranken  jeden  Tag  vor  Sonnenaufgang  pulverisierte  Mäuse- 
gedärme ein  und  spreche  jedesmal  die  Worte:  „Drei  Brunnenfrauen 
wollen  dich  Mäuschen  fangen ;  kriech*  zu  einem  Loch  hinein,  zum 
andern  hinaus  und  nimm  die  sehedelnde  Gottesstraf  mit  dir:  trag  sie 
in  einen  Baum,  dort  soll  sie  wachsen  und  grünen,  sich  schütteln  und 
verdorren !" 


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27 


Gegen  die  Gelbsucht  wird  in  eine  ausgehöhlte  Gelbmöhre  uri- 
niert und  dann  dieselbe  in  den  Rauchfang  aufgehängt.  Als  ich  1886 
an  der  Gelbsucht  litt,  sprach  eine  „Büsserin"  aus  Ratsch  beim  Auf- 
hängen der  Gelbmöhre  in  den  Rauchfang  folgende  Formel:  „Drei 
gelbe  Frauen  nahmen  ihre  gelben  Aexte;  sie  nahmen  sie  in  ihre 
gelben  Hände;  sie  legten  sie  auf  ihre  gelben  Schultern;  sie  giengen 
auf  drei  gelben  Wegen;  sie  kamen  in  drei  gelbe  Wälder;  sie  hackten 
drei  gelbe  Bäume:  siegiengen  auf  drei  gelben  Wogen  und  kamen  zum 
gelben  Hofe;  aus  dem  gelben  Hofe  kamen  sie  in  die  gelbe  Stube; 
sie  kamen  zum  gelben  N.  N. ;  sie  schlugen  mit  den  drei  gelben  Bäumen 
die  gelbe  Gelbsucht  tot;  sie  schlugen  sie  im  Namen  Gottes  also  tot." 
Nun  warf  die  Frau  drei  Holzstücke  unversehens  über  mein  Haupt 
hinweg.  Erschrickt  dabei  der  Patient,  so  heisst  es:  die  Gelbsucht  fliehe 
aus  dem  Leibe.  Die  Gelbmöhre  ward  am  dritten  Tage  in  einen  Brun- 
nen geworfen,  damit  „die  Brunnenfrau  sie  fresse." 

Hat  man  eine  Eiterbeule  am  Fusse,  so  stelle  man  sich  —  berich- 
tete man  mir  in  Mühlbach  —  so  in  ein  fliessendes  Wasser,  dass  der 
wehe  Fuss  im  Wasser,  der  gesunde  aber  am  Ufer  sich  befinde,  und 
spreche  nun  die  Formel:  „Unser  Herr  Jesus  gieng  über  die  Brück", 
da  kam  der  böse  Ohm  und  biss  ihn  in  den  Fuss.  Böser  Ohm,  geh' 
in  den  Fluss;  Jesus,  mein  Herr,  heil'  meinen  Fuss!"  In  Girelsau  erfuhr 
ich,  dass  es  gut  sei,  eiternde  Geschwüre  (z.  B.  am  Finger)  in  einem 
Pferdeschädel  zu  baden  und  diesen  dann  der  „Bachfrau"  in  ein 
fliessendes  Wasser  zu  werfen.  Wären  wir  zu  gewagten  Deuteleien 
geneigt,  so  könnten  wir  dies  Verfahren  mit  dem  Glauben  mancher 
Völker  (z.  B.  unserer  Zigeuner)  an  pferdefüssige  Wassergeister  in 
einigen  Zusammenhang  bringen.  Interessant,  obwol  auf  Waldgeister 
Bezug  nehmend,  ist  das  Mittel,  welches  Roth  gegen  eiternde  Geschwüre 
(=  Ohm)  mitteilt:  Man  nehme  eine  Trompete,  halte  sie  über  das  Geschwür 
und  lasse  in  das  Instrument  hineinblasen.  Der  Leidende  spreche  unter- 
dessen: „Heiliger  Blasius,  du  frommer  Knecht,  tu  mir  Recht,  erhör" 
mein  Gebet,  treib'  in  den  Wald  meinen  Ohm!"  Ist  der  Leidende  eine 
Mannsperson,  so  blase  ein  Weib  in  die  Trompete  und  umgekehrt. 
Nach  dem  Hersagen  des  Spruches  aber  blase  die  betreffende  Person 
(nicht  die  leidende),  mit  der  Trompete  gegen  einen  Wald  gekehrt, 
einige  Stösse. 

Mit  der  Heilkraft  des  Wassers  hängt  auch  das  Verfahren  zusam- 
men, welches  Roth  gegen  „böse"  (=  wehe)  Augen  mitteilt :  Man  wasche 
das  kranke  Auge  am  Ostermorgen  mit  dem  Wasser,  das  man  aus 
zwei  sieh  kreuzenden  Gräben  schöpft.  Wäjirend  des  Schöpfens  spricht 
man:  „Der  heilige  Tobias  ist  blind  geworden  und  er  bat  Gott,  dass 
er  ihn  sehend  mache;  und  Gott  machte  ihn  sehend.  Da  bat  der  Heilige 
zu  Gott:  „Gib  mir  die  Kraft,  böse  Augen  zu  heilen,  Blindheit  zu  bre- 
chen!" Und  Gott  sprach:  „Wer  böse  Augen  hat,  der  blicke  auf  eine 
Schwalbe  und  spreche  deinen  Namen  aus!"  Wer  an  Augenweh 
leidet,  heisst  es  ferner,  der  rufe  beim  Anblick  der  ersten  Schwalbe 
im  Lenze  den  Namen  „Tobias"  oder  „Thomas"  aus  und  wische  sich 


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2« 

dabei  das  Auge  mit  einem  Kleidungsstück,  das  einer  Tobias  oder 
Thomas  genannten  Person  gehört1 

Die  Brunnenfrau  spielt  auch  eine  Rolle  im  Verfahren  bei  Herz- 
klopfen und  Herzkrämpfen,  welche  man  erhält,  wenn  man  mit  aus- 
gespreizten Armen  in  der  ofTenen  Tür  steht.  „Trist  (du)  auf  Judengrab 
oder  ungetauftes  Kindlein  sein  Grab,  bekomst  Hcrzgramp",  schreibt 
Roth  und  empfiehlt  als  Mittel  dagegen  folgendes  Verfahren:  Man  lege 
sich  der  Länge  nach  rücklings  auf  den  Hasen,  lasse  die  Körperlänge 
und  Breite  am  Hasen  bezeichnen  und  dann  denselben  fingerdick,  wo 
möglich  in  einem  Stück,  mit  dem  Spaten  abgraben.  Diesen  von  seiner 
Stelle  gehobenen  Rasen  werfe  man  vor  Sonnenaufgang  in  einen  Bach 
und  spreche:  „ Brunnenfrau,  Brunneufrau,  nimm  mir  das  Wasser  vom 
Herzen;  ich  gebe  dir,  was  mir  unter  dem  Herzen  lag."  Es  scheint 
also  auch  bei  den  Siebenbürger  Sachsen,  wie  bei  den  Magyaren,  be- 
züglich der  Herzkrärnpfe  und  auch  des  Schluchzens  der  Glaube  zu 
herrschen,  dass  diese  dann  entstehen,  wenn  ein  Tropfen  Wasser  oder 
Blut  sich  aufs  Herz  lässt  und  dort  hängen  bleibt.  Im  Burzenland, 
weiss  ich,  glauben  die  sächsischen  Bäuerinnen,  dass  eine  Schwan- 
gere Blut  nicht  sehen  darf,  sonst  bekommt  sie  Herz-  und  Magen- 
krämpfe. Was  den  oben  erwähnten  Wassertropfen  anbelangt,  so  wäre 
damit  zu  vergleichen  der  deutsche  Glaube:  „Geht  man  zwischen  den 
abgesetzten  Eimern  einer  Tracht  Wasser  hindurch,  so  bekommt  die 
Trägerin  oder  der  Träger  des  Wassers  den  Hartspann  =  Herzspan- 
nung" (Fri<chbier,  Hexenspruch  u.  Zauberbann,  S.  66). 

Spuren  von  Opfern,  dargebracht  den  Wassergeistern,  um  sie 
günstig  zu  stimmen,  finden'  wir  auch  bei  den  Siebenbürger  Sachsen. 
..De  irscht  Hangt  wirft  em  än  de  Bach*"  (die  ersten  Hunde  wirft  man 
in  den  Bach),  sagt  ein  allgemein  verbreitetes  Sprichwort  der  Sieben- 
bürger Sachsen.  Man  glaubt,  dass  eben  die  ersten  Jungen  einer  Hün- 
din rasend  werden.  Eine  Sage  aus  Kelling  berichtet,  dass  man  zu 
Zeiten,  wann  viele  Hunde  wütend  wurden,  ein  kleines  weisses,  zottiges 
Hündchen  dem  Buch  entsteigen  sah,  das  alle  anderen  Hunde  biss. 
Schlug  man  nach  ihm.  so  war  es  auf  der  Stelle  verschwunden  und 
wurde  oft  schon  in  demselben  Augenblick  im  nächsten  Dorfe  gesehen. 
Das  Hündchen  ist  hier  also  gleichsam  der  ausgeschickte  Rächer  der 
Wassergeister.  Indirect  spricht  hiefür  ein  wichtiges  Heilverfahren  bei 
Hundswut.  welches  Roth  mitteilt  und  das  nebenbei  auch  auf  den 
siebenbürgisch-sächsischen  Namen  eines  Wassergeistes  einiges  Licht 
wirft.  Vorerst  aber,  der  Vollständigkeit  halber,  ein  anderes  Verfahren. 
Gegen  den  Biss  des  tollen  Hundes  soll  man  Mensch  oder  Vieh,  be- 
richtet Roth,  neun  Tage  hindurch  spanische  Fliegen  (Canthariden) 
eingeben  und  zwar  am  ersten  eine,  am  zweiten  zwei,  am  dritten  drei 
usw.  Diese  spanischen  Fliegen  wickele  man  jedesmal  in  einen  Zettel 
und  verschlinge  sie  sammt  dem  Papier.  Auf  diese  Zettel  schreibe 
man:  „Heiliger  Kristof,  hilf  meiner  Not!  Pater,  fili,  spiritus!*.  .  . 

')  Teber  die  Macht  des  Namens  vgl.  Kr.  Xyrop,  Navnets  Magt;  Separat- 
abzug aus  ,.Mindre  Af  handlinger" :  Kopenhagen  18H7. 


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•2J» 


Auch  heutigen  Tages  ist  diese  Formel  den  Besprechen!  in  der  Her- 
mannstädter Gegend  bekannt ;  nur  geben  sie  den  von  einem  tollen 
Hunde  Gebissenen  die  Canthariden  mit  gedörrtem  Wieselfleisch  ein. 
Und  dies  teilt  auch  Roth  im  zweiten,  für  uns  bedeutsameren  Verfah- 
ren mit.  Gedörrtes  Wieselfleisch,  pulverisierte  Canthariden  und  Hanf- 
samenblüten werden  zu  gleichen  Teilen  zu  einem  Brei  gekocht,  dem 
Gebissenen  dreimal  täglich  neun  Tage  hindurch  eingegeben.  Sobald 
der  Kranke  urinieren  will,  muss  er  dies  in  fliessendem  Wasser  vor- 
nehmen und  im  Bache  stehend,  die  Worte  sagen:  ,Gräsnaku,  nimm 
meine  Hund ;  geb'  sie  dir  zurück,  mach'  mich  gesund.  Im  Namen 
Gottes  usw.  Amen!"  ...  Es  herrscht  auch  bei  den  Siebenbürger 
Sachsen  bezüglich  der  Hundswut  die  in  meinem  Heimatlande,  Sieben- 
bürgen, unter  allen  Völkerschaften  verbreitete  Ansicht,  dass  der  Ge- 
bissene unter  der  Zunge  winzig  kleine  Hunde  bekomme  und  sobald 
diese  die  Augen  aufsperren,  er  sterben  müsse:  man  kann  diese  Hünd- 
chen aber  mit  dem  Urin  abtreiben,  Roth  schreibt  auch  am  Schluss 
der  mitgeteilten  Heilmittel:  „Dann  gehnd  die  Hündchen  mit  dem 
Bisch  weg  ..." 

her  in  oben  mitgeteilter  Formel  erwähnte  Grtimnht  ist  eine 
vielumstrittene  Gestalt  der  siebenbürgisch-sächsischen  Volkskunde 
gewesen.  Das  Volk  selbst  kann  über  diese  Gestalt  keine  genügende 
Auskunft  mehr  geben.  Jlränzäinjdich  Gräsnaku!*"  (grünzähniger  Gr.) 
ist  eine  beliebte  Schelte.  Ich  habe  mich  hierüber  in  meinem  eingangs 
erwähnten,  im  Druck  befindlichen  Werke  ausgesprochen  (S.  IM  ff.) 
und  erwähne  hier  nur  kurz,  dass  das  Wort  eine  Zusammensetzung 
aus  yrds  oder  yrasz  (grass,  finster)  und  n<ikn  ist,  worin  -  wie  schon 
Schuster  erklärt  —  der  Begriff  des  Wassergeistes  stecken  muss.  Zu 
naku  vgl.  das  detitsche:  nikel,  nix  usw.  Dies  Wort  kommt  aber  auch 
in  der  Form  Grasznikd  vor.  Td  yränzünijtlich  G  raszniekrt !  war  eben 
das  Lieblingsschimpfwort  meines  seligen  Grossvaters,  mit  dem  er  mich 
zu  beehren  pflegte.  Im  Gräsnaku,  Grasnikel,  Grassnaku  usw.  steckt 
entschieden  also  der  Begrilf  eines  Wassergeistes,  der  auch  im  fol- 
genden Beim  aus  meiner  Kinderzeit  eine  verkappte  Bolle  spielt: 


Grassnaku.  Grassnaku, 
Hu,  hu,  hu! 

Ali  «ler  Büch  platscli.  platsch! 

An  den  Orsch  niech  matsch,  matsch! 


Gr.  Gr.. 
Hu,  hu,  hu! 

Im  Bache  platsche,  plätschere! 
In  den  mich  küsse! 


* 

Mit  diesem  Beim  neckten  "wir  die  Lumpensammler,  die  in  den 
damals  noch  unbedeckten  Kanälen  von  Kronstadt  ihrem  Geschäfte 
oblagen. 

Welche  Bolle  Baum  und  Wald  in  den  Heilmitteln  und  Heil- 
sprüchen der  Siebenbürger  Sachsen  spielen,  zeigen  z.  B.  die  fol- 
genden Verfahren : 

Geyen  Hmlmanschirelluny,  Syphilis  („schlechte  Krankheit,  Fran- 
zosen44 genannt)  gebraucht  man  innerlich  Steinöl,  äusserlich  Queck- 
silbereinreibungen. Roth'*  Becept  besteht  im  Folgenden :  Der  Kranke 
lege  sich  auf  eine  Totenbahre  (Totenbrett)  und  lasse  sich  mit  Pferdc- 


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mist . 1 )  drm  Oel  beigemengt  ist,  den  Körper  einreiben.  Dies  nehmt' 
er  an  einem  Freitag  vor;  enthalte  sich  aller  Speisen  und  Ge- 
tränke,  und  trinke  nur  Terpentinöl.  Vor  Sonnenaufgang  lege  er  sich 
auf  die  Mahre  und  erhebe  sich  davon  erst  nach  Sonnenuntergang : 
dabei  spreche  er  das  „Gebetehen"  :  .Der  hl.  Lazarus  lag  am  Kreuz 
weg,  kam  da  eine  schwarze  Frau  und  spie  ihn  an;  ward  da  wundi; 
sein  Leib:  kam  da  eine  weisse  Frau  und  kiisste  ihn;  ward  da  glatt 
sein  Leib.  Heiliger  Lazarus  bete  für  mich,  damit  mich  die  weis*»' 
Fiau  küsse  und  mein  wundiger  Leib  glatt  werde;  im  Namen  Gottes. 
de>  Sohnes  und  hl.  Geistes  also  geschehe  es!  Amen!"  Drei  Freilagr 
hindurch  hat  der  Kranke  diese  Kur  vorzunehmen,  deren  zireiter  Tai 
»in  für  die  Volkskunde  bedeutsames  Heilverfahren  bildet,  das  mit  der 
Macht  des  Xamens  zusammenhängt  (vgl.  Kristoffer  Xurop,  Xavneb 
Magt.  Seperatabdr.  aus  ..Mindre  Afhandlinger"  herausg.  v.  d.  ph. 
bist.  Ges.  in  Kopenhagen  1887).  Der  Kranke  muss  nämlich  an  einem 
jeden  der  drei  Sonntage  während  des  Kirchengeläutes  auf  seinr 
l'ntcrhose  mit  seinem  eigenen  Rlute  seinen  Namen  schreiben  (.ist 
dies  a in  teilTlisch  Krankhait"  bemerkt  hiebei  Roth)  und  diese  lrnter- 
hose  an  einen  Raum  hängen  und  sie  daselbst  für  immer  zurü«'k 
lassen  (s :  It.  Andrer,  Kthn.  Raralellen  und  Vergleiche  S.  58  üt»er 
Lappenhäume :  und  Syrop  Dania  1,  2  IT.):  seinen  Namen  aber  dar* 
er  während  dieser  ganzen  Kurzeit  nicht  anderweitig  schreiben. 

Eine  Formel  gegen  die  linse  oder  den  Rotlauf  aus  der  Her 
mann<tädter  Gegend  lautet : 

Ks  sitzen  drei  Jungfern  auf  einem  Marmelstein. 

Die  eine  heisset  „Weisse",  die  andere  „Grüne",  die  dritt1  „Röselein  ~ 

Sie  gierigen  über  die  grüne  Brück", 

I)ie  Rose  blieb  bei  N.  N.  zurück. 

Nun  weinen  die  anderen  beiden 

Und  klagen  in  ihrem  Leiden. 

Komm  Kose,  ich  führ'  dich  zu  ihnen  zurück! 

hn  Namen  Gottes  usw 

Heim  Hersagen  «lieser  Formel  verneigt  man  sich  vor  einem 
Rosenstrauch,  nachdem  man  vorher  den  leidenden  Körperteil  mit 
einem  Fuchsschwanz  einige  Mal  abgerieben  und  einige  Fuchshaare 
an  den  Strauch  gebunden  hat. 

Oder  man  soll  dem  Kranken  eine  getrocknete  Fuchszuuge  ai: 
einem  roten  Hände  um  den  Ha^  hängen  (vgl.  die  Ztsehr.  .Am 
l'i(juell*  1.  S.  34)  und  spreche  dabei.  Heute  rot.  morgen  tot.  »lies 
i-t  Gottes  heilig  Gebot,  für  mich,  für  dich,  für  uns  alle,  und  auch 
für  dich.  Ro»e.  Ris  morgen  sei  du  tot!  sonst  dörre  ich  dich,  mahle 
ich  dich,  backe  ich  dich  und  gebe  ich  dich  den  Hunden  zu  fressen.* 
Nach  drei  Tagen  gebe  man  diese  Fuchszunge  einem  Hunde  zu 
fressen  (Roth). 

S.  mein  Werk:  „Aus  dem  innern  Leben  der  Zigeuner44  (Berlin.  1&1 
Feiher)  S.  25;  und  mein  Werk:  ..Aus   dem  Volksleben  der  Magyaren"  Mün 
ehen,  lSi«  .  Huttier;  8. 


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Oder  man  haucht  die  Rose  des  Leidenden  kreuzweise  an  und 
spricht  dabei  die  Formel : 

Die  Rose  und  die  Weide(n), 
Sie  kämpfen  und  streiten ; 
Die  Weide  gewann. 
Und  die  Rose  verschwand! 

(vgl.  Frhrhhier  S.  83;  Prahn  u.  a.  0.  S.  193.)  Nachfolgende  For- 
mel scheint  mir  unter  magyarischem  Kiufluss  entstanden  oder  gar 
aus  dem  Magyarischen  entlehnt  zu  sein,  weil  eben  von  den 
Magyaren  die  Rose  „Szent  Antal  tüze"  =  Feuer  des  heiligen  An- 
tonius genannt  wird  : 

Reiliger  Antonius  in  deinem  brennenden  Kleid. 

Helte  du  mir  in  meinem  Leid  ! 

Bei  Christi  heiligen  fünf  Wunden 

Iass'  mich  von  deiner  Krankheit  gesunden! 

Im  Namen  usw. 

mit  diesen  Worten  bestreut  man  allabendlich  die  kranke  Stelle  mit 
feinem  Mehl.  In  der  Kronstädter  Gegend  legt  man  dies  Mehl  in  ein 
Säckchen  und  gibt  dasselbe  über  Nacht  auf  den  leidenden  Körper- 
teil :  am  nächsten  Tage  aber  bindet  man  heimlich  das  Säckchen  an 
einen  solchen  Wagen,  der  um  Holz  in  den  Wald  fährt,  damit  er 
„die  Krankheit  in  den  Wald  nehme."  Der  „Wald"  wird  auch  in  einer 
anderen  Formel  aus  Zeiden  erwähnt:  „Ich  gieng  durch  einen  roten 
Wald.  Und  in  dem  roten  Wald  fand  ieh  eine  rote  Kirche. 
Und  in  der  roten  Kirche  stand  ein  roter  Altar.  I  nd  auf  dem  ro- 
ten Altar  lag  ein  rotes  Brot.  Neben  dem  roten  Brot  lag  ein  rotes 
Messer.  Nimm  das  rote  Messer  und  schneide  das  rote  Brot.  Im 
Namen  Gottes.  Nun  ist  der  Rotlauf  tot."  Iliebei  berührt  der  Kranke 
mit  einem  neuen  Messer  die  leidende  Körperstelle  und  sticht  dann 
das  Messer  einige  Mal  in  den  Erdboden,  gleichsam  als  wollte  er 
sein  Leid  der  Knie  übergeben."  (vgl.  die  Ztschr.  „Am  Urquell"  1.  S. 
154:  ..Ztschr.  d.  Ver.  f.  Volkskunde",  I.  S.  207). 

(injtn  die  tichöl,  weisse  Blasen  am  Munde.  Wenn  Kinder  die 
School  bekommen,  führt  sie  die  Mutter  entweder  drei  Morgen  oder 
morgens,  mittags  und  abends  um  einen  Holunderstrauch  dreimal 
herum  und  spricht  dreimal  : 

Holunderstrauch,  du  elender  Hund, 
Mein  Kind  hat  die  School  am  Mund: 
Nimmst  du  sie  ihm  his  morgen  nicht  weg. 
So  verreck'!  Im  Namen  etc. 

(aus  Zeiden:  vgl.  Haltrich-WolJ) '  S.  2ti7.  Was  den  Ausdruck  »//(/«/an- 
belangt, wäre  die  im  Böhmerwald  gebräuchliche  Benennung  Srhäl  =  Drü- 
sengeschwulst damit  verwandt ;  s.  „Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Volksk.M.  S.  205, 
Die  Formeln  gegen  Zahnschmerzen  hängen  auch  mit  dem  „Baum" 
zusammen.  Hoth  führt  folgende  Formel  an;  ..Herr  Petrus  sass  auf 
einem  Stein  und  hielt  sich  die  Backe  in  der  Hand.  Kam  da  Maria 
und  fragte  ihn:  „Petrus,  was  tuet  dir  weh?"  —  „0  Mutter  Gottes, 


:-i2 


der  Wurm  grabt  in  meinem  Zahn  !**  —  Sprach  da  Maria  lieb  : 
„Wurm,  ich  beschwöre  dich  bei  Gott  Vater,  Gott  Sohn,  Gott  heiligen 
Geist,  du  sollst  von  hinnen  weichen  und  dem  Petrus  und  dem  X.  N. 
im  Zahne  nicht  graben!  Dies  ist  mein  Wille!  Amen!*"  (vgl.  Zingerle 
a.  a.  0.  S.  175).  Dabei  soll  man  —  fügt  Roth  hinzu  —  „ain  neu 
Nagel  in  ain  Baum  schlagen,  hilft  sicher."  —  Der  Vollständigkeit 
halber  mögen  hier  noch  einige  Heilverfahren  bei  Zahnschmerz 
stehen : 

Um  von  anhaltenden  Zahnschmerzen  für  immer  frei  zu  wer- 
den, beisse  man  während  des  Geläutes  in  den  Strang  der  Kirchen- 
glocken und  spreche: 

Die  frei  (?)  Messen  siud  gesungen, 

Die  Glocken  haben  geklungen, 

Das  Evangelium  ist  gelesen, 

Der  Wurm  in  meinen  Zähnen  soll  verwesen. 

(Roth;  vgl.  Schuster  S.  301,  Nr.  153;  Frischbier  S.  101.)  —  Hei 
Neumond  spreche  man,  den  Zahn  anpackend :  „Tu  ich  dich  Mond 
wieder  ansehn,  Soll  mein  Zahnweh  vergehn!"  d.  h.  bis  ich  morgen 
dich  wiedersehe,  soll  mein  Zahnschmerz  vergangen  sein.  —  Man 
bohre  ein  Loch  in  einen  Haum,  stelle  sich  hin.  kaue  mit  dem  wehen 
Zahn  ein  Brotstück,  die  Hälfte  schlucke  man.  die  andere  Hälfte 
aber  speie  man  ins  Bohrloch  und  spreche  :  „Baum,  ich  gebe  dir  die 
Hälfte  von  dem,  was  ich  habe;  nimm  mir  ab  den  ganzen  Schmerz 
und  führe  ihn  zur  Knie  nieder!"  (Aus  Agnethlen.) 

Einen  grossen  Teil  der  Krankheiten  schreibt  auch  der  sieben- 
bürgiseh-sächsischc  Volksglauben  den  Würmern  zu.  Man  gibt  den 
Kindern  gegen  die  Würmer  eine  Abendmahlhostie  zu  essen  und 
spricht  dabei  : 

•lerusalem,  du  heilige  Stadt. 
Darinnen  Jesus  gekreuzigt  ward: 
Er  vergoss  für  uns  sein  heilig  Blut, 
Das  ist  auch  für  Würmer  gut  ! 

(Roth  ;  vgl.  Prahn  a.  a.  0.  S.  195.)  In  Grossan  spricht  man  den 
Segen:  „Hieb  lag  auf  dem  Mist,  kam  da  Jesus  Christ.  Hiob  sprach: 
Gott  hat  mich  vergessen,  die  bösen  Würmer  wollen  mich  fressen  ! 
Jesus  sprach  :  Sie  seien  alle  tot,  ob  schwarz,  ob  weiss,  ob  rot.  Im 
Namen  Gottes,  Amen!"  Oder  man  vergräbt  den  Auswurf  der  betref- 
fenden Person  oder  des  Tieres  unter  einen  Holunderstrauch  und 
spricht  dabei: 

X.  X.  hat  ein  grosses  Kreuz, 

Würmer  fressen  ihm  Blut  und  Schweis»! 

O,  du  lieber  Jesus  Christ, 

Der  du  im  Himmel  bist! 

Hast  dem  Lazarus  geholfen  im  Leid, 

Sei  dem  N.  N.  zur  Hilfe  bereit! 

(aus  Neppendorf.)  —  In  meiner  Kinderzeit  band  man  in  Kronstadt 
dem  Kinde  gegen  die  Würmer  über  Nacht  ein  Stückchen  Speck  auf 


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den  Kürzel,  um  die  Würmer  hervorzuloeken.  Am  näehsten  Tage 
warf  man  den  Speck  in  ein  Gestrüpp  und  sprach  dabei  die  Worte: 
„Würmer  weiss  oder  rot,  Seid  bis  Abend  tot !  Im  Namen  Gottes . 
usw!"  In  Kronstadt  wohnte  damals  in  unserer  Nachbarschaft  eine 
gewisse  Elisabeth  Heiner,  die  für  eine  grosse  ..Büsserhr  gegen  die 
Würmer  galt,  so  dass  selbst  die  angesehensten  Familien  der  Stadt 
ihre  Kinder  zu  ihr  hinführten,  wenn  dieselben  der  Meinung  der 
Kitern  gemäss  an  Würmern  litten.  Selbst  Krämpfe  aller  Art  werden 
den  Würmern  zugeschrieben. 

(Segen  Krämpfe  ritze  man  sieh  mit  einer  neuen  Nadel  ein 
Kreuz  auf  die  Brust  und  rufe:  „Du  verfluchter  Teufelsirurm,  geh' 
heim,  deine  Mutter  liegt  im  Sterben"  (Mühlbach  ;  vgl.  Frischbier  S. 
73.)  Roth  schreibt:  „Hat  dain  Vieh  oder  Mensch  di  Gräm  f.  so  tu 
auf  ein  Zedel  schreiben:  Hoinines  ä  jument  Sul  av  bis  Domine 
quaemad  modum  multiplizicasti  miseri  cordiam  Deus  .  .  .  Die  Zedel  . 
gib  ein  zu  essen  .  .  ."  1 

Auch  der  Firrich,  Fiäricht,  bisweilen  auch  Firdgel  {Feuerigel) 
genannt,  ist  ein  Wurm,  der  im  Leibe  Hitze  und  die  Kolik  verur- 
sacht. Bei  diesem  Lehel  soll  man  Knie  mit  Kssig  wärmen,  und  die- 
selbe dann  und  in  einem  Säekchen  dein  Kranken  auf  den  Bauch  legen. 
Nach  seiner  Heilung  hat  der  Kranke  dies  Säckehen  in  den  Erd- 
boden einzugraben  und  die  Formel  zu  sprechen : 

Fierich,  tierich  #eh"  in  die  Erd' 

Zu  einem  Donnerstein  werd: 

Beim  Teufel  seh'  das  Sonnenlicht, 

Wenn  seine  Grossmutter  -lieh  t'risst.  diothj 

Nach  dem  Urteil  des  sächsischen  Volkes  fährt  bei  jedem  einschla- 
genden und  nicht  zündenden  Blitz  ein  sog.  Doiinerstein  dermassen 
tief  in  die  Erde,  dass  er  erst  im  neunten  .Jahre  nach  dem  Einschla- 
gen wieder  auf  der  Erde  zum  Vorschein  kommt.  „In  den  Augendes 
gewöhnlichen  Mannes  sind  die  Donnersteine  nicht  Erzeugnisse  von 
Menschenhand,  sie  sind  ihm  Boten  des  Himmels,  l  ud  darum  kön- 
nen sie  nicht  in  der  Erde  Sehoss  bleiben ;  als  Boten  des  Lichts 
rücken  sie,  nach  oben  strebend,  jedes  Jahr  eine  gewisse  Strecke 
aufwärts"  {Haltrich-Woljf  S.  2(55)).   Eine  Formel  aus  Grossau  lautet: 

Alte  Frau  —  alte  Katz', 
Trink  dies  («laschen  Schnaps! 
Barmutter,  lassr  dein  Gekratz! 

(vgl.  Ammann  a.  a.  0.  S.  206).  Oder  es  streichelt  Jemand  des  Lei- 
denden Unterleib  und  spricht  dabei : 

1  Ist,  wie  ich  soeben  bemerke,  eine  Entstellung  der  Psalmenworte  85. 
7 — 8:  homines  et  jumenta  salvabis  Domine:  quemadmodum  multiplicasti 
misericordiam  tuam,  Deus  .  .  .  S.  K.  Köhler  in  F.  S.  Kraus*'  Ztschr.  „Am 
Ur-Quell"  II.  S.  27. 

Ethnol.  Mittoil.  «.  Ungarn  III.  3 

t 

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84 


Wehmutter,  Bermutter. 
Du  willst  Blut  lecken. 
Das  Herz  abstossen. 
Die  Glieder  recken. 
Die  Haut  strecken! 
Darfst  es  nicht  tun. 
Du  musst  ruhn 
Im  Namen  Gottes  usw. 

(aus  Kronstadt:  vgl.  Frischhier  S.  70.  Nr.  2). 

Kommt  bei  einer  Wöchnerin  die  Nachgeburt  nicht  zum  Vor- 
schein, so  heisst  es.  „die  Würmer  lassen  sie  nicht  heraus,"  und 
man  räuchert  die  Krau  mit  einem  Stückchen  Hasenfell.  Oder  man 
reibt  den  Wöchnerin  den  Leib  mit  Olivenöl  und  spricht  dabei  die 
Formel  : 

Bürmutter,  du  bist  leer, 
Bärmutter  geh'  von  her  (hier), 
Geh'  in  den  schwarzen  Berg, 
Geh'  in  den  weissen  Berg. 
Geh'  in  den  kalten  Berg. 
Geh'  in  den  heimsen  Borg. 
Bärmutter,  geh'  von  her! 

In  Keps  ist  es  Hrauch.  dass  man  eine  solche  Wöchnerin  auf  die 
kahle  Krde  legt,  mit  einem  Messer  über  ihren  Unterleib  das  Zeichen 
des  Kreuzes  macht  und  dann  obige  Formel  hersagend,  das  Messer 
drei  Mal  in  den  Erdboden  sticht  und  zwar  ein  Mal  vor  der  Tür- 
schwelle, das  zweite  Mal  vor  dem  Tore  und  das  dritte  Mal  aal 
einem  Kreuzwege.  Hei  der  Heimkehr,  spreche  man  vor  dem  Hause 
die  Worte:  „Donner  und  Hlitz  sollen  euch  Würmer,  im  Wald 
trocknen,  dörren  und  mahlen  !  Im  Xatnen  Gottes  usw.44  In  manchen 
(legenden  des  Sachsenlandes  steckt  man  noch  vor  der  Geburt  den» 
Weibe  einen  Stengel  vom  Donnerkraut  (Hauswurz,  sempervivum  tec- 
torum)  ins  Lager,  damit  die  „Härmutter  nicht  von  Würmern  leide.4* 
Cieffen  Ohrenschmerz  stecke  man  ein  Blatt  vom  Donnerkraut 
(Hauswurz,  sempervivum  tectorum)  ins  Ohr  und  spreche: 

Christus  fuhr  über  das  Meer, 
Da  kam  der  Sturm  daher. 
Dich  Kraut,  steckte  er  ins  Ohr 
Und  war  unversehrt ! 
Im  Namen  usw. 

Der  Ohrenschmerz  entsteht  auch  durch  einen  Wurm,  der  in  diesem 
Körperteil  „wühlt." 

Gegen  Kopfschmerz  uriniere  man  in  einen  IMerdeschüdel  (His- 
trizer  liegend).  In  Sächsisch-Kegen  und  Tekendorf  spricht  man  da- 
bei die  Worte : 

Würmer,  aus  meinem  Hirn. 

Hier  sollt  ihr  tanzen  und  spielen. 

Hier  sollt  ihr  krepieren. 

80  will  es  mein  Herr.  .Jesus  Clni-t!  Amen. 


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Oder  man  lasse  sich  den  Kopf  mit  Essig  einreiben  und  die  Formel 
sprechen :  „Jesus  sass  an  marmernem  Stein,  Er  war  traurig  und 
allein.  Kam  da  Maria  gegangen,  hielt  ihren  Sohn  umfangen.  „Ich 
will  dich  umgreifen,  ich  will  dein  Weh  abschleifen,  ich  will  dir 
büssen,  ich  will  dich  bessern,  ich  will  dein  Weh  zerschmettern! 
Vater,  im  Himmel  erhöre  mich!"  (Roth,  vgl.  Schuster  S.  308). 

Interessant  ist  die  Formel,  welche  Roth  gegen  Schlanyenbis* 
mitteilt,  weil  darin  der  Leind  (Lindwurm)  vorkommt.  Sie  lautet: 
„Der  Leind  kam  und  hiss  in  die  Haut;  durch  die  Haut  ins  Fleisch; 
durch  das  Fleisch  ins  Blut ;  durch  das  Blut  in  die  Lunge ;  durch 
die  Lunge  ins  Herz;  durch  das  Herz  in  die  Lunge;  durch  die  Lunge 
ins  Blut ;  durch  das  Blut  ins  Fleisch :  durch  das  Fleisch  in  die 
Haut :  durch  die  Haut  in  sich  selbst  und  also  verreckte  er,  der  N. 
N.  ward  heil  durch  Christi  Gnade  !  Amen  !"  (vgl.  „Am  Urquell"  II, 
S.  75).  —  Eine  Formel  aus  Klein-Kopiseh  lautet: 

Die  Schlange  sticht. 

Christus  spricht; 

Christus  hat  dies  gesprochen : 

„Diese  Schlange  hat  nicht  giftig  gestochen!-' 

(vgl.  Frischbier  S.  88.) 

Welche  bedeutsame  Bolle  auch  im  Heilverfahren  der  Sieben- 
bürger Sachsen  menschliche  Körperteile  (Nägel,  Haare,  Blut  usw.) 
spielen,  können  wir  aus  Folgendem  .ersehen  : 

Geyen  starken  Nasenhluten  schreibe  man  auf  einen  Baum  die 
Buchstaben:  u  P  u  L  u  (Roth;  vgl.  die  Ztschr.  „Am  Ur-QuelT  II. 
S.  177).  Allgemein  bekannt  ist  das  Mittel,  dass  man  starkes  Nasen- 
bluten durch  festes  Umwickeln  des  linken  kleinen  Fingers  mit  einem 
Zwirnfaden  stillen  kann.  —  Oder  man  grabe  ein  Loch  in  die  Erde, 
lasse  einige  Tropfen  Blut  aus  der  Nase  hineinrinnen,  und  das  Loch 
dann  zuscharrend  spreche  man:  „Dir  geh'  ich  Erde,  mein  Leiden!** 

Geyen  den  Schlayßuss  w  ird  der  vom  Schlage  Getroffene  auf  die 
Erde  hingelegt  und  die  Besprecherin  giesst  aus  der  Höhe  je  einen 
Wasserstrahl  auf  sein  Haupt,  seinen  Bücken,  seine  Beine  und  Arme 
und  spricht  dabei  jedesmal: 

Der  Schlag  und  der  Mord. 
Die  gingen  an  einen  dunklen  Ort: 
Der  Schlag  und  iler  Mord  fiel  nieder, 
Jesus  kommt  und  hilft  uns  wieder. 

(Aus  Grosspold;  vgl.  Frischbier  S.  87).  Ein  anderes  Mittel  besteht 
aus  folgendem  Verfahren  :  Man  schreibe  mit  dem  Blute  des  Kranken 
auf  einen  Zettel:  „O  crux  admirabilis,"  auf  den  anderen :  „evacuatio 
corporis,"  auf  den  dritten  „restauratio  vigoris"  (vgl.  Ostr.  r.  Zinyerle 
a.  a.  O.  S.  175);  diese  drei  Zettel  lege  man  auf  den  gelähmten 
Körperteil  des  Kranken  und  schlage  mit  einem  „groben  Linn